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2013-11-03

BELAIR X 6-12 JETSETTER - Das ungewünschte Wunderkind?

Ursprünglich wollte ich meinen Eindruck von dieser Kamera ja schon vor Monaten hier aufschreiben und so zusammen mit der La Sardina / La Sardina Belle Starr und der Diana F+ Tori Amos Edition meinen Lomography-Knipsen-Hattrick komplettieren.
Aber ich dachte mir, ich will vorher lieber noch ein paar Filme mehr mit ihr gefüllt haben... Und warum sich das dann ewig hinzog, wird spätestens mein in etwa zwei Monaten zu erwartender fotografischer Jahresrückblick erklären. ;)

Das Gute an diesem verspäteten Review ist allerdings, dass ich neben der Kamera selbst auch noch das Belairgon 114mm-Objektiv berücksichtigen kann, welches ich mir später dazu gekauft habe.

Also, das ist sie, die vor. ca. einem Jahr auf die Fotografenschaft losgelassene Lomography Belair X 6-12 Jetsetter Edition:



Sieht fein aus, nicht wahr?

Aussehen ist nur leider bekannterweise nicht alles. Schaut man in diverse Foren oder die dieser Kamera gewidmeten flickr-Gruppen, so muss man schnell annehmen, dass es sich bei ihr um den größten kommerziellen Flop der Lomography-Shop-Geschichte handeln muss.

Tatsächlich kann ich sehr gut nachvollziehen, warum dies so ist. Das zentrale Problem der Belair (egal in welcher Edition) ist einfach, dass sie von Anfang an den Bedürfnissen vorbei entwickelt wurde.

Das Kaufargument für über 90 Prozent derjenigen, die es mit ihr probiert haben, ist zweifellos das Format. Eine (dazu noch ziemlich schick aussehende) Balgenkamera für Mittelformat, mit der man wahlweise in den Formaten 6x6, 6x9 und vor allem 6x12 cm fotografieren kann - davon kann man doch schon mal träumen.

Die beiden Eigenschaften Balgenkamera und Panoramaformat erzeugen jedoch - meiner Meinung nach zurecht - gewisse Erwartungen, die einfach derbe enttäuscht wurden.

So habe ich z.B. bei dem happigen Preis durchaus gehofft, dass das Innenleben der Balgenkamera dem jener klassischen Vertreter ihrer Art, die man für maximal 10 Euro hinterhergeschmissen bekommt, zumindest ebenbürtig ist. Das heißt, man nimmt für die Rollenhalterung gefälligst mal vernünftiges Metall statt Plastik, von dem man jedes Mal beim Filmwechsel Angst hat, dass es abbrechen könnte. Habt ihr Entwickler noch nie eine Adox Golf oder diverse Boxkameras von innen gesehen? Die funktionieren auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch und man muss sich nicht ständig mit dem Fat-Roll-Syndrom (die Krankheit aller Lomo-Mittelformatknipsen) herumschlagen.

Noch beschissener und angstschweißtreibender ist es, die Masken für die verschiedenen Formate zu tauschen. Das geht erwiesenermaßen selbst mit Kunststoff besser!

Und als Krönung ganz ganz schwach ist das kleine Plastik-Nübbelchen, welches bei eingefahrener Optik den Balgen im Zaum halten soll. Tatsächlich hatte ich persönlich Glück und das Linsenstück rastete immer sicher ein. Zumindest mit den leichten mitgelieferten Wechselobjektiven. Schließe ich allerdings das Belairgon an, zieht dessen Gewicht den Balgen irgendwann nach draußen. Auch hier hätte man einfach mal schauen können, wie es früher zuverlässig funktioniert hat.

Und damit wäre ich auch schon bei den Objektiven. Mitgeliefert werden eine 58mm- und eine 90mm-Linse, beide - natürlich - aus Plastik. Klar, das ist Lomography, aber beim Panoramaformat kommt vielen Knipsern natürlich bombastische Landschaftsfotografie in den Sinn - wofür diesen Linsen einfach die Tiefenschärfe fehlt.
Wobei ich persönlich den beiden Teilen durchaus etwas abgewinnen kann (sonst hätte ich die Kamera ja wohl auch kaum behalten), aber man muss schon wissen, wie man mit ihnen umzugehen hat, und dass sich mit ihnen statt scharfer Bergpanoramen eben doch eher nähere Motive anbieten.

Ein weiterer Punkt, über den sich wahrscheinlich weniger Leute wirklich ärgern, der aber unnötig den Preis in die Höhe drückt, ist die automatische Belichtungsfunktion, mit der sich der Hersteller besonders rühmt. Denn zunächst einmal bedeutet das zwei Batterien, die man extra braucht. Aber vor allem benötigt die einfach kein Mensch!

Wer als Kameraspielkind an Lomo-Zeug und an antike Kameras gewöhnt ist, der hat für gewöhnlich auch ein einigermaßen geeichtes Belichtungspopometer bzw. einen externen Beli dabei. Aber Automatik an einer Balgenkamera? Hat wirklich jemand darauf gewartet?
Ich kann natürlich auch die Batterien rausnehmen bzw. den Bulbmodus benutzen, aber wir wissen ja, das man damit leicht verwackelt (es sei denn man benutzt ein Stativ). Noch dazu ist der Auslöser relativ grob (Gefahr des leichten Horizont-Verreißens) und hat - warum zum Teufel? - keinen Anschluss für einen Kabelauslöser.


Nach so viel Negativkritik mag man sich fragen, warum ich das Teil überhaupt behalten habe.

Naja, das  Format-Argument und das schicke Aussehen (zumindest der außen mit Metall verarbeiteten  Jetsetter Edition) wiegen eben sehr sehr schwer.
Und vor allem gefielen mir zu viele meiner Bilder einfach zu gut und ich will verdammt nochmal mehr davon machen.

Von den beiden Kit-Objektiven ziehe ich eindeutig das 90mm vor, dessen Winkel mir meistens schon weit genug ist, und mit dem ich persönlich mir etwas flexibler vorkomme.

Seit ich zusätzlich das Belairgon 114mm - eine "echte" schwere russische Glasscherbe von Zenit - besitze, hat sich die Präferenz natürlich noch einmal verschoben. Denn diese Linse taugt wirlich etwas und hebt die Bildqualität sichtlich auf ein deutlich höheres Niveau.

Belair mit Belairgon 114mm
 
Doch auch an diesem eigentlich spitzenmäßigem Extra gibt es wieder eine unnötige Nachlässigkeit auszusetzen.

Zusammen mit den Wechselobjektiven tauscht man nämlich auch den Sucher aus. Die Sucher der Kit-Objektive haben Markierungen für die unterschiedlichen Bildformate. Der Sucher vom überlegen Russenobjektiv hat diese nicht. Hä?


Tja, glaubt mir nach dem vielen Gemecker noch jemand, dass ich die Knipse unterm Strich trotzdem mag?
Ehe sie den Kaufpreis gerechtfertigt hat, muss ich allerdings noch so einige Rollen durchjagen. Aber das kommt schon - wenn die bemängelten Teile durchhalten, heißt das natürlich.

Der Gurt auf dem Foto stammt übrigens von einer Kiev 88, es ist also keiner dabei. Aber die Halterungen dafür sind in Ordnung.


Als Fazit sei gesagt, dass die Belair eine sehr spezielle Kamera ist, bei der es - vor allem wegen der offensichtlich Unzulänglichkeiten und Konzeptionsschwächen - schon zwischen Fotograf und Spielzeug funken sollte. Wer die Möglichkeit hat, sie vor dem Kauf anzutesten, der sollte dies auf jeden Fall tun.


Und nun ein paar Beispiel-Fotos!

Mit dem 58mm- und 90mm-Objektiv aufgenommen:







Belairgon 114mm:






1 Kommentar:

  1. haha... herrlich zu lesen.. aber ich mag deine bilder mit ihr sehr!!

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