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2013-12-21

JANELLE MONÁE - The Electric Lady

"To get lost in your thoughts is a very, very complex thought and the things that you find are surprising."

Ist das jetzt die Anleitung, um die ultimativ interessante Musikkritik zu schreiben? Darüber muss ich wohl noch nachdenken...

Aber ehe ich das tue, freue ich mich erstmal, dass sich die unfassbare Janelle Monáe drei Jahre nach ihrem Meisterwerk "The ArchAndroid" endlich mit einem neuen Album zurückgemeldet hat.


JANELLE MONÁE - The Electric Lady (2013)

Schon das lässig sowohl an Jimi Hendrix als auch an die Discowelle der 70er angelehnte Cover birgt einen Grund zur Freude: Wie schon auf "The ArchAndroid" und davor der "Chase Suite"-EP zeigen uns Kreise an, wo wir uns gerade in Monáes Metropolis-Saga befinden. "The Electric Lady" enthält demnach nicht wie erwartet die abschließende vierte Suite, sondern auch eine fünfte - und es folgen noch zwei weitere. Das heißt wohl, dass uns das Alter Ego der Sängerin, die Androidin Cindy Mayweather, noch mindestens ein Album länger als ursprünglich geplant erhalten bleibt.

Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein, genau wie über das vorliegende zweite Album. Ich persönlich mache mir keine Sorgen, dass die Dame an Kreativitätsmangel leiden könnte. Nein, ganz im Gegenteil, denn auch wenn wie beim Vorgängeralbum die einzelnen Suiten durch Overtüren eingeleitet werden, ist "The Electric Lady" alles andere als ein zweites "The ArchAndroid" geworden. Tatsächlich könnte ich mir nur wenige Stücke wie "Look Into My Eyes" oder "Sally Ride" auf dem Album von 2012 vorstellen.

"The Electric Lady" ist nicht mehr die ganz große Umarmung aller denkbaren im und um den Pop herumschwirrenden Genres, sondern tendiert eher in eine Richtung, was allerdings nicht heißt, dass hier auch nur ein Song einem anderen gleicht.
Ich habe ja schon diverse Reviews gelesen. Manche meinen, Janelle Monáe spielt hier die Evolution der Soulmusik durch, oder Sie erzählt die Geschichte der Emanzipation der schwarzen Frau in der nordamerikanischen Popmusik von den 60ern bis heute, wobei wahlweise auch noch die Roboter-Persona als Sinnbild ihrer Sexualtät interpretierbar ist. Oder auch: Janelle Monáe kreiert eigentlich Progrock-Alben, nur eben mit den Mitteln des R'n'B.
Und irgendwas ist wohl an all diesen Sichtweisen dran.

Tatsächlich scheint jeder Song für eine Spielart der Black Music zu stehen und einen anderen Paten wie z.B. Stevie Wonder oder die Jackson Five zu haben. Vor allem der Geist von Prince durchweht das gesamte Album, welches folgerichtig auch gleich mit einem Duett Monáes mit dem Artist formerly known as the artist formerly known höchstselbst und dessen Gitarre eröffnet wird. Es gibt noch ein paar Gastauftritte weiterer Sänger/innen, von denen man ein paar beim ersten Hören allerdings überhören könnte, einfach weil die Stimme von Janelle Monáe selbst so wandelbar ist, dass mir ihr die Parts von Solange Knowles oder Esperanza Spalding zunächst einmal ebenfalls zurechnet.

Wie gut einem "The Electric Lady" gefällt hängt natürlich zu einem großen Teil davon ab, was man den einzelnen Musikstilen und deren Vermengung miteinander abgewinnen kann.
So bin ich zwar grundsätzlich im gesamten Genre wenig zu Hause, jedoch für gut gemachten "klassischen", angejazzten Soul, Motown-Sound und knackigen Funk schnell zu haben, während ich mich mit dem Destiny's Child-R'n'B der 2000er oder dem mir völlig fremden Slow Jam meine Anlaufschwierigkeiten habe. Aber irgendwie schafft diese Künstlerin es doch, mir das alles im Gesamtzusammenhang zu verkaufen.
Eine besonders harte Nuss, die ich zunächst ab und zu ausgelassen habe, ist ausgerechnet das Finale des letzten Stückes "What An Experience", in dem sich einer der schlimmsten Musikarten der Moderne, des 80er-Jahre-Reggae-Pops bedient wird. Aber selbst das funktioniert für mich inzwischen irgendwie.

Allerdings beinhalten die 19 Tracks der CD noch drei nicht musikalische Zwischenspiele, an denen sich zurecht die Geister scheiden. Manchmal höre ich sie mit, weil sie die Lieder in den Zusammenhang einer pulsierenden Sci-Fi-Metropole setzten und konzeptionell einrahmen - anderseits gibt es für mein Empfinden grundsätzlich nur weniges auf der Welt, was mehr nervt als Radio-DJs... da muss man auch mal skippen können. Für das nächste Album hoffe ich doch lieber wieder auf instrumentale Zwischenspiele.

Android 57821, oder auch Cindy Mayweather, wird immer menschlicher. Der Sound ist wärmer und zugänglicher geworden als auf "The ArchAndroid", das Hit-Potential der Singles gestiegen.

Das überzogen Exzentrische, die künstlerische Distanz der Marke David Bowie, die auf "The ArchAndroid" oft spürbar war, hat abgesehen vom bewusst affektierten "Dance Apocalyptic" den Rückzug angetreten. Doch dafür legen die Stücke an anderer Stelle zu. So rücken die Leadgitarren immer mehr in den Fokus und auch Janelle Monáes Gesang ist anzumerken, dass sie trotz ihres gewaltigen Talents nach wie vor an sich arbeitet. Vor allem die Rap-Passagen in "Q.U.E.E.N.", dem Titelsong und ganz explosiv in "Ghetto Woman" gehören für mich zu den absoluten Highlights eines Albums, dessen erneut retrofuturistischer Ansatz erneut frischer klingt und mehr innovative Klasse hat als 99% dessen, was uns andere Popsängerinnen so um die Ohren nölen.

Noch einmal so überraschend aus dem Nichts die Musikwelt überflügeln wie mit "TheArchandroid" kann die Künstlerin zwar nicht, aber ich würde (bis auf die Zwischenspiele) auch nicht sagen, dass "The Electric Lady" ein schlechteres Album ist. Die Produktion ist sogar unzweifelhaft besser.

Um neue Zuhörer abzuholen, die fernab von Soul, R'n'B und Hip Hop sozialisiert sind, eignet sich der Vorgänger wahrscheinlich besser, doch wenn man eh schon mit Monáes Musik warmgeworden ist, dann sollte auch diese Scheibe bei einem heißlaufen, auch wenn man sonst wie ich auschließlich Jazz und kasachstanischen Dub Step hört.

Im Großen und Ganzen kann ich wieder sagen: Janelle Monáe - wenn schon Pop, dann doch bitte so!


Anspieltipps: Electric Lady, Sally Ride, Q.U.E.E.N., We Were Rock'nRoll, Givin Em What They Love, Ghetto Woman

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