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2013-12-26

Stephan Ohlsen - Das vergessene Interview



Mensch, da ist mir doch gerade wieder etwas eingefallen!

Ein paar meiner facebook-Freunde mögen sich vielleicht dunkel erinnern, dass ich mich vor etwa zehn Monaten mal gefreut hatte, dass jemand ein Interview für eine Kolumne über Amateurfotografen in einer digitalen Sonntagszeitung mit mir führen wollte.

Und das war nicht nur Fantasie, nein, dieses Interview hat es tatsächlich gegeben. Obwohl... nein, eigentlich hat es nicht wirklich stattgefunden. Ob es überhaupt jemals erschienen ist, weiß ich auch nicht... Der letzte Stand war, dass es wegen Papstschlagzeilen verschoben wurde, ich vermute mal, ins Nirvana. Ich habe jedenfalls kein Update mehr erhalten.

Immerhin habe ich aber mal einen kleinen Einblick bekommen, wie solche Artikel funktionieren:
Es wurde ein Termin vereinbart, an dem wir dann ein ziemlich langes, freies Telefongespräch führten. Dieses war besonders von meiner Seite aus sicherlich sehr unstrukturiert und auf keinen Fall im Wortlaut abdruckbar. Aber das war ja auch nicht der Sinn der Übung...

Wenig später bekam ich dann eine Mail mit einem sowohl auf Informationen aus dem Gespräch als auch allgemeiner Lomo-Folklore basierendem, komplett erfundenem Interview. Sachen wie "aus der Hüfte geschossen" würde ich kaum sagen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist also alles frei erfunden. Den allerletztem Satz, den habe ich - soweit ich mich erinnere - tatsächlich genau so gesagt.

Ich durfte den ganzen Text dann noch einmal so korrigieren, dass ich am Ende zwar immer noch das Gefühl hatte, einen Papageien auf meine Antworten trainiert zu haben. Aber zumindest stimme ich inhaltlich so einigermaßen mit meinem erfundenen Interview-Ego überein.

Nichtsdestotrotz ist das "Interview" ja vielleicht trotzdem auch ein wenig interessant. Wegen meiner hemmungslosen Ausplauderei hier belasse ich mein Gegenüber mal anonym, auch wenn mir klar ist, dass diese Form von Artikeln vermutlich ganz weit verbreitete Praxis ist. Wahrscheinlich muss es im Umgang mit Interviews nicht gewohnten Menschen sogar in dieser oder ähnlicher Form laufen, um lesbar zu sein. Allerdings wird dem Interviewten in dem Prozess trotz Korrektur doch vieles künstlich in den Mund gelegt.


Die dazugehörige Bilderauswahl spare ich mir allerdings. Ich weiß ja ohnehin nicht, welche davon es in die Endauswahl geschafft haben - oder hätten?


In Ihrem Internet-Blog finden sich mindestens so viele Einträge zur Musik wie zur Fotografie. Spiegelt sich diese Musikleidenschaft - sie umfasst die melancholischen Balladen einer Tori Amos ebenso wie Thrash-Metal härtester Gangart - auf irgendeine Weise in der Fotografie?

Schwer zu sagen. Inhaltlich sehe ich da keine direkten Bezüge, in der Herangehensweise gibt es aber durchaus Parallelen: Sowohl als Musiker - ich spiele Schlagzeug und singe in einer Undergroundband - als auch in der Fotografie liebe ich ein großzügiges Maß an stilistischer Heterogenität und kultiviertem Chaos und versuche, aus limitierten Möglichkeiten das beste herauszuholen. Maximal ein Probeabend pro Woche ist nicht viel, wenn man gerne Mammutsongs schreibt, weshalb ich gerne überspitzt behaupte, dass wir Prog-Rocker gefangen in den Fähigkeiten von Punks sind.
Und wenn ich als Fotograf mit antikem Gerät oder Spielzeugkameras hantiere, bei denen ich nur wenig bis gar nichts einstellen kann, dann bringe ich mich im Grunde künstlichin eine ähnliche Situation technisch begrenzter Möglichkeiten. Die Ergebnisse sind auf beiden Gebieten selten formal perfekt, müssen es aber auch nicht sein. Im Gegenteil, Kreativität entwickelt sich oft erst aus dem Mangel, aus einem gewissen Unvermögen. In einer Zeit, in der technisch perfekte Fotos allgegenwärtig sind, gewinnen absonderlich komponierte Aufnahmen mit nicht perfekt sitzender Schärfe und verschobenen Farben an Charme, an Unverwechselbarkeit und, gerade weil sie nicht makellos sind, auch an Menschlichkeit.

Zum Eindruck des Unperfekten, des "aus der Hüfte Geschossenen", trägt maßgeblich Ihre Fotoausrüstung bei. Sie arbeiten vorwiegend mit analogen Kameras der schlichteren Bauart: Neben diversen "Lomos" haben Sie in Ihrer umfangreichen Sammlung auch einige Mittelformatkameras osteuropäischer Herkunft, etwa die Kiev 88, eine technisch ziemlich unzuverlässige Hasselblad-Kopie. Was reizt Sie an diesem Low-Tech-Equipment?
 
Ja, die Kiev kostet immerhin ein paar Hunderter und ist damit beinahe schon mein wertvollstes Stück. Sie lädt unerfahrene Benutzer förmlich zur Fehlbedienung ein, etwa, wenn man den Auslöser betätigt, bevor man den Film weitertransportiert hat. Das quittiert sie schlimmstenfalls mit totaler Arbeitsverweigerung! Solche Kameras sind keine Präzisionsinstrumente, die ihren Dienst wie ein Uhrwerk verrichten. Dafür bietet die Kiev mir allerdings auch Objektive, von deren Qualität man in der Preisklasse sonst nur träumen kann. Und auch jede meiner wirklich billigen Kameras erzeugt einen anderen, ganz eigenen Bildlook. Wenn man geschickt mit den Bockigkeiten und Limits dieser Diven umzugehen versteht, wird man mit phantastischen, atmosphärisch dichten Aufnahmen belohnt. Obwohl ich schon seit etlichen Jahren mit diesen Kameras umgehe, gibt es immer wieder Fotos, die mich total überraschen. Eine Hochleistungskamera produziert deutlich berechenbarere, jederzeit reproduzierbare Ergebnisse. Für Profifotografen ist das vielleicht eine wichtige Arbeitsvoraussetzung - für mich ist es eher uninteressant.

Sie fotografieren auf Film - um ihre Arbeiten dann doch im Wesentlichen im Internet zu präsentieren. Wozu der Umweg über das Analoge? Sie könnten doch ebenso gut eine möglichst trashige Digitalkamera verwenden...

Nein, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Zum einen machen schlechte Digitalkameras tatsächlich nur schlechte Bilder. Und dieses "Schlecht" ist etwas ganz anderes als die Unvollkommenheit meiner analogen Aufnahmen. Als ich um 2004 angefangen habe, mich wirklich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen, hatte ich eine digitale Kompaktkamera. Die ganze Technik war damals noch nicht ansatzweise ausgereift, die Bilder wirkten grob und künstlich. Ein Bild hingegen, das ich mit einer Filmkamera geschossen habe, hat allein deshalb schon eine gewisse Lebendigkeit, weil es das Ergebnis chemischer Prozesse ist, die nie hundertprozentig identisch ablaufen - erst recht, wenn man, wie ich es gelegentlich tue, Filmmaterial verwendet, das sein Haltbarkeitsdatum um Jahre oder sogar Jahrzehnte überschritten hat.
Ein anderer Unterschied zwischen analog und digital: Mit einem Film beschäftige ich mich wesentlich intensiver als mit den Datein aus meiner Digitalkamera. Während mir Digitalfotos sofort zur Verfügung stehen, muss ich das Filmmaterial erst einscannen und am Rechner von Staub und Kratzern befreien. Dieser Zeitaufwand führt zwangsläufig dazu, dass ich mich viel eingehender mit jedem einzelnen Bild beschäftige, ein tiefergehendes Verhältnis zu ihm entwickle. Diese Langsamkeit schätze ich sehr, sie bewahrt vor inflationärem Bilderkonsum.

Noch ein Unterschied: Während eine großzügig dimensionierte Speicherkarte ein paar Tausend Bilder fasst, hat ein Film maximal 36 Aufnahmen - und ist, die Enwicklungskosten eingerechnet, vergleichstweise teuer. Ist das nicht ein gewisses Hemmnis für unbedarftes Drauflosfotografieren?

Ich nutze hin und wieder z.B. das Format 6 mal 12 cm, was mir auf einem Mittelformatfilm nur sechs Aufnahmen erlaubt. Da muss ich dann schon aufpassen, das ich nicht vor jeder Aufnahme nachrechne, was die mich jetzt kosten wird. Kleinliche wirtschaftliche Erwägungen sind Gift bei einer Sache, die man erfolgreich nur mit Leidenschaft und Risikobereitschaft betreiben kann. Ich versuche einfach, nicht daran zu denken, wie viel Geld ich verschieße. Meistens gelingt mir das ganz gut.

Apropos "verschießen": Wie viel Ausschuss produzieren Sie?

Eigentlich nicht allzu viel. Im Mittelformat, wo ich stets ein wenig mehr Sorgfalt auf die Komposition verwende, lasse ich sicher 70 bis 80 Prozent der Aufnahmen durchgehen. Bei Kleinbildfilmen verschieße ich da schon ein wenig mehr, weil ich zumeist wesentlich spontaner und zwangloser arbeite.

Spielt digitale Bidlbearbeitung in Ihrem Workflow eine Rolle?

Kaum. Die Arbeit am Rechner beschränkt sich im Wesentlichen auf rein handwerkliche Dinge: das Scannen von Dias und Negativen, notwendige Retuschearbeiten, gelegentlich eine leichte Anpassung von Helligkeit und Kontrast, hin und wieder eine Schwarz-Weiß-Umwandlung. Von modischen Gepflogenheiten wie Retro-Farblooks oder künstlichem Filmkorn, die Fotos nachträglich auf analog trimmen sollen, halte ich nichts. Ich verlasse mich ganz auf die Bildwirkung, die durch Kamera, Film und chemischen Prozess zustande kommt. In dieser Hinsicht bin ich Purist.

Viele Fotografen spezialisieren sich mit zunehmender Erfahrung auf bestimmte Genres. Sie sind diesbezüglich breit aufgestellt, man hat beinahe das Gefühl, Sie basteln an einer Art Alltagschronik - und lichten ab, was immer Ihnen vor die Linse kommt...

Das klingt zwar ein bisschen wahllos, aber in gewisser Hinsicht ist das tatsächlich so. Es gibt ja viele Fotografen, die auf bestimmte Motive aus sind, unbedingt mal New York bei Nacht oder spektakuläre exotische Landschaften ablichten wollen. Klar, ab und zu würde mich das auch reizen. Aber ich habe weder die Zeit noch die Mittel, um um die Welt zu jetten. Für mich besteht die Herausforderung allerdings eher darin, auch ohne "Eyecatcher" spannende Bilder zu machen. Ich lebe auf dem platten Land und da tobt naturgemäß nicht das pralle Leben. Und trotzdem gibt es in meiner unmittelbaren Umgebung viele Motive, die ich für würdig erachte, festgehalten zu werden. Das kann so etwas unbedeutendes sein wie ein kleines Waldstück, die Leitpfosten einer Landstraße oder notfalls auch mein eigener Schatten im Gestrüpp.
Nicht das Motiv ist ausschlaggebend, sondern die Art, wie man es sieht und fotografiert. Lustig ist übrigens, dass der Hersteller meiner heiß geliebten Lomo-Kameras seine Produkte immer unglaublich cool und urban, quasi als hippes Lifestyle-Accessiore für trendbewusste Großstadtcowboys, vermarktet. Da muss bei mir als Dorfkind mit Überhang an ländlichen Motiven offensichtlich irgendetwas schief gelaufen sein.

Wie stehen Sie eigentlich zur immer beliebter werdenden Smartphone-Fotografie?

Klar, so eine Immer-Dabei-Kamera ist schon praktisch, aber mein Ding ist das nicht. Als ich mir damals mein Handy zugelegt habe war der Verkäufer total perplex, dass ich ein möglichst simples Gerät ohne Kamera wollte. Ich habe diese Dinger einfach nie zu einem elementaren Teil meines Alltags gemacht, schon weil ich im Funkloch wohne und für jede SMS zur Netzsuche nach draußen laufen muss. Da geht nichts über den guten, alten Festnetzanschluss. Wenn ich meine Handy doch mal benutze, dann meistens, um auf die Uhr zu gucken.

Amen.

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