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2015-08-21

VATTNET VISKAR - Settler

"I stood upon the ground with legs of fire
and I leaped into the sky"



VATTNET VISKAR - Settler (LP) (2015)



Ja, Vattnet Viskar sind eine Black Metal-Band!

Und natürlich muss man bei diesem Album über das Cover sprechen.

Wer glaubte, dass die rosa sonnendurchflutete Typo auf Deafheavens "Sunbather" bereits das antizyklischste, lebensbejahendste Artwork darstellte, mit welche man diesem Genre kommen kann, der hat sich angesichts dieser fröhlich schwebenden Dame gründlich geirrt.
Ich habe gelesen, dass manche Fans das Cover albern und unpassend finden, doch dem kann ich mich absolut nicht anschließen. Mit einem Minimum an Recherche - oder auch, indem man sich die restlichen Bilder auf der Plattenhülle anschaut und in Beziehung zu den Songtexten setzt - entpuppt es sich nämlich schnell als absolut passend, ja sogar brilliant.

Angesichts des nuklearen Unglücks in Fukushima habe ich 2011 einen Text verfasst, in dem ich feststellte, dass ich mich in meinem Leben eigentlich nur an drei große Ereignisse des globalen kollektiven Gedächtnisses erinnern kann, und diese sind der Anschlag auf das WTC 2001, der Mauerfall 1989 und Tschernobyl im April 1986.

Doch tatsächlich gab es nur wenige Wochen vorher, kurz vor meinem neunten Geburtstag, noch ein weiteres Ereignis von großer psychologischer Tragweite, verkündete es doch das Ende der ganz großen Träume von der zivilen Raumfahrt, welche damals sehr viel lebendiger waren als heute. Die "Challenger"-Katastrophe wirkt bis heute nach.

Im Mittelpunkt der der Wahrnehmung der Tragödie stand die aus elftausend Kandidaten für den Weltraumflug ausgewählte Lehrerin Christa McAuliffe, deren Schüler beim Start der Raumfähre zugegen waren und sie nur eine Minute später in einem Feuerball aufgehen sahen.

Das Cover von "Settler" ist die Nachstellung eines berühmten Fotos, welches McAuliffe kurz vor dem Unglück auf einem Parabelflug beim buchstäblich unbeschwerten Training in der Schwerelosigkeit zeigt. In diesem Zusammenhang ist es natürlich ein sehr aufgeladenes, dramatisches Foto.
 



Vattnet Viskar schreiben (recht interpretationsoffene) Texte über Fortschritt und Forschungsdrang, das Streben und tragische Scheitern des Menschen. Ikarus, Sisyphos, Prometheus, wenn man so will.
Und diesen konzeptionellen Rahmen bringen sie unmittelbar und einleuchtend mit dem emotionalen Einschlag des "Challenger"-Disasters zusammen, dass man sich nicht mehr über das scheinbar fröhliche Cover wundert, sondern sich vielmehr fragt, warum eigentlich noch niemand vorher dies in der Form getan hat.


Musikalisch setzt die US-Band mit dem schwedischen Namen ("Das Wasser flüstert") voll auf die Mischung aus traditionellem, ranzig produziertem Black Metal und Elementen aus Sludge und hypnotischem Postrock.
Die Dichotomie von Höhenflug und Absturz spiegelt sich also auch im Gegensatz aus Blastbeats und verzweifelten Geschrei auf der dunklen und episch hoffnungsvollen Gitarrenharmonien auf der lichten Seite.

Stilistisch schlagen Vattnet Viskar insgesamt in eine ähnliche Kerbe wie z.B. die doomigeren Bast oder die eingangs erwähnten, noch mehr zum Shoegaze tendierenden Deafheaven, wobei ich persönlich mit jenen allerdings gesangsbedingt nicht warm werde.

"Settler" ist mit knapp vierzig Minuten ein eher handliches Album, benötigt aber auch keine längere Spielzeit, da in den acht Stücken alles gesagt wird, was die Band loswerden will. Und das geht eben auch ohne ein über dreizehnminütiges "Barren Earth" wie auf der ebenfalls empfehlenswerten, selbstbetitelten Debüt-EP.

Falls man die groben Black Metal-Soundmanierismen nicht gewohnt ist, kann es eventuell ein paar Durchläufe brauchen, eh sich einem der ganze epische Charakter dieses Werkes erschließt, doch das bedeutet ja nur, dass das Album beim mehrmaligen Hören noch wächst und ist letztendlich sogar etwas Gutes.

Für mich als eher BM-Ahnungslosen gehören Vattnet Viskar auf jeden Fall u.a. neben Botanist zu jenen Gruppen, die das Genre für mich immer interessanter machen.

Ein rundum gelungenes Album.
 

Anspieltipps: Heirs, Yearn, Glory, Coldwar

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