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2015-12-07

SUNN O))) - Kannon

Wenn es eine Band gibt, zu deren Knecht ich im Laufe dieses Jahres geworden bin, dann ist es wohl das jenseits von Zeit und Raum dronedoomende Duo Sunn O))).

Sei es auf den Albenklassikern von "ØØ Void" über "Black One" bis "Monoliths & Dimensions" oder im überwältigenden Liveerlebnis - was Sunn O))) anfassen, deutet in seiner geradezu ritualistisch verlangsamten Konsequenz weit über das Regelbuch "gewöhnlicher", sich selbst als extrem verstehender Musik hinaus.

Nachdem die letzten Alben Kooperationen mit anderen Künstlern waren, erschien nun nach sechs Jahren die erste Veröffentlichung seit "Monoliths" die wieder nur Sunn O))) im Titel trägt.





SUNN O))) - Kannon (blue opaque vinyl + flexidisc) (2015)

Was die Spielzeit angeht, schließt "Kannon" allerdings eher an das Anfang 2014 zusammen mit Ulver rausgebrachte "Terrestrials" an, d.h. das ebenfalls aus drei Tracks bestehende Album bringt es nur auf knapp über eine halbe Stunde Spielzeit.

Oben drauf kommt allerdings noch, wenn man schnell zugeschlagen hat oder sich nun von Wiederverkäufern ausziehen lassen möchte, ein sechsminütiger Bonustrack auf Flexidisc.

Mit dem blauen Vinyl und vor allem dem faszininierend plastischen Foto dieser seltsamen Skulptur auf dem dicken Gatefold-Cover macht "Kannon" so als Gesamtpaket schon gut was her.


"Terrestrials" ist hier nicht nur in seiner relativen Kürze, sondern ebenso musikalisch zumindest insofern eine Referenz, als dass auch das neue Album deutlich lichter und zugänglicher ist als die regulären Werke der Band.

Den personellen Kern bilden neben Stephen O'Malley und Greg Anderson an Gitarre und Bass erneut Mayhem-Extremkehlkopf Attila Csihar, dessen schnarrendes, zischendes, gurgelndes, tiefsprechendes Organ diesmal auf allen Tracks vertreten ist.
Daneben sind noch ein paar weitere Gastmusiker u.a. an Gitarre, Moog und Oszillator dabei, es ist im Vergleich zum vollkommen ausladenden "Monoliths & Dimensions" allerdings eher eine reduzierte Sparbesetzung. Also keine Bläser, Streicher, Harfen, Chöre,  Soprane...

Auch musikalisch findet folgerichtig eine Art von Reduktion statt, welche die inhaltliche Verdichtung auf das zugrundeliegende Konzept wiederspiegelt.

Dieses Konzept ist paradoxerweise auf einer kompletten Gatefoldseite in einer Ausführlichkeit dargelegt, dass man fast länger braucht, den Text zu lesen und zu verarbeiten, als die Musik zu hören. Allerdings sind die Erläuterungen durchaus schlüssig und addieren einen interessanten intellektuellen Kontext zum Hörgenuss.

Es wäre redundante Spoilerei, die kompletten Ausführungen wiedergeben zu wollen, die sich u.a. mit der kulturellen Bewertung von Femininität und Maskulinität, der Musik als Katalysator zwischen Leben und Tod und der Frage, wie wir durch Mitgefühl neuerschaffen werden bzw. wie Mitgefühl selbst reproduziert wird, befasst.   

Ja, Mitgefühl als zentrales Thema eines Metal-Albums! Auch wenn es sich hier natürlich um den äußersten advantgardistisch dröhnenden Rand des Genres handelt, erscheint dies zunächst als starker Tobak.

"Kannon" ist japanisch und nur einer von vielen Namen der u.a. ebenso im chinesischen und indischen Raum bekannten Göttin des Mitgefühls. Das Album bildet in drei Akten das Echo ihrer wechselhaften Erscheinung ab.

Diese Akte werden alle von mantramäßig von Anfang bis Ende durchexzerierten, für Sunn O)))-Verhältnisse durchaus ziemlich flott auf- und absteigenden Tonfolgen bestimmt, zu denen man sich teilweise schon glatt ein Schlagzeug vorstellen könnte. Dieses kommt abgesehen von einer gelegentlichen Konzerttrommel natürlich nicht. Wäre es da, würde es gerade "Kannon 1" mit seinem stark beschwörerischen Charakter und vielen ätherisch schwebenden Sounds sicherlich in die Richtung von Bong rücken.
Gesanglich - oder wie auch immer man es nennen soll - ist dieser erste Track der am schwersten fassbare, unverständlichste und unheimlichste. Wir nehmen den Laut des Leidens war, was an sich schon eine Erweiterung des Aktes des Mitgefühls an sich ist.

Der zweite Track beschreibt das Wirken Kannons und klingt sehr erhaben und aufbauend. Im Klangkosmos des sunn o)))schen Tiefgitarrengedröhns ist "Kannon 2" wohl der gegensätzlichste Entwurf zu den maximal finsteren Klängen des "Black One"-Albums.
Die größte Überraschung ist allerdings der von Csihar in dieser Umgebung sicherlich nicht erwartete Klargesang. Die klassische Erscheinung der Gruppe als kultige Kapuzenmänner findet hier in einem mönchsartigem Kanon ihre Entsprechung.
Die phonetische Ähnlichkeit und inhaltliche Widersprüchlichkeit zwischen "Kannon" und englisch "canon" werden selbstverständlich auch im Begleittext angesprochen, inklusive einer Fußnote zur Frühgeschichte des japanischen Kameraherstellers Canon. Wenn man schon thematisch rundumschlägt, dann aber auch richtig!

Auch in "Kannon 3" steckt viel befreiendes, loslassendes. Der erneut sehr rituell klingende Gesang tönt nun noch kraftvoller und geht in Dämonen freisetzende Black-Metal-Urklänge über.
Zur Erhabenheit des Stückes tragen auch einige helle, sehr an die neueren Earth erinnernden Gitarrenklänge bei. Die Urväter der drum-befreiten Doom-Reduktion schimmern überhaupt auf dem gesamten Albumsehr stark durch.
Auch wenn sich das Ende dieses Aktes - und somit des Albums - durch Rückkopplungen lange ankündigt, kommt es irgendwie doch plötzlich und lässt einen mit einer gewissen Leere zurück.



Diese Leere können Kritiker der Platte natürlich als Das war's schon? Viel zu kurz! interpretieren. Subjektiv habe ich allerdings den Eindruck, dass das Album an dieser Stelle alles gesagt hat, was es sagen möchte, und von daher auch nicht künstlich weiter in die Länge gezogen werden sollte.

Moooment, sagt der aufmerksame Leser hier, da war doch noch die Bonus-Flexidisc!
Das stimmt. Allerdings ist "Aokigahara // Jukai" doch eher ein für sich alleine stehendes Ding außerhalb des Albumkonzeptes und wurde dementsprechend ja nicht im regulären Kontext, sondern nur als limitiertes Extra veröffentlicht.
Allein dem Medium geschuldet, ist der Track mit sechs Minuten eher kurz, dürfte allerdings für manche Fans, die mit der generellen Ausrichtung des Albums Probleme haben - und davon gibt es anscheinend schon einige - als Trost dienen, zeigen sich Sunn O))) inklusive Csihar hier doch von einer eher wilden, krachorientierten Seite. Das sind die Sunn O))), bei denen jedem unvorbereiteten Hörer die Frage "Was ist das für ein kranker Scheiß?" in den Augen geschrieben steht.

Was wiederum nicht bedeutet, dass Neulinge von "Kannon" nicht vor die klassische Prüfung gestellt werden, den perkussionslosen Doom/Drone Metal an sich erstmal als Musik zu akzeptieren.
Doch diese Hürde ist sicherlich leichter zu nehmen als in der Vergangenheit.

Auch wenn sich im Moment vielleicht noch die Geister an dem im Vergleich zu früheren Langspielkolossen sehr handlichen und musikalisch leicht nachvollziehbaren "Kannon" scheiden, dürfte die Gnadengottheit sich auf lange Sicht vielleicht als die geeigneteste Einstiegsdroge zur dauerhaften Sunn O)))-Abhängigkeit erweisen.

Und falls es sich vielleicht so lesen könnte, als würde "Kannon" sich nur mit Kenntnis des Konzeptes entfalten, stimmt dies nicht. Ich habe das Album jedenfalls am vergangenen Wochenende sehr oft und intensiv gehört und dabei immer mehr schätzen gelernt, ehe ich mich überhaupt nach dem mindestens vierten oder fünften Durchlauf mit den Hintergründen beschäftigt habe.

Will sagen: das ist einfach geile Mucke! Jetzt höre ich es bereits zum x-ten Mal und es wird immer noch größer und besser... Sunn O))) eben. Großartig!

Der Knecht hat gesprochen.


Anspieltipps: Kannon 3, Kannon 2, Kannon 1, Aokigahara // Jukai

  

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