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2016-12-24

THE NEAL MORSE BAND - The Similitude Of A Dream

Tief durchatmen!

Hier ist es also, das Konzeptalbum, welches Mike Portnoy in selten großen Tönen sinngemäß als Höhepunkt sowohl in seiner als auch in Neal Morses Karriere bezeichnet hat. Ob man diese Meinung teilt, das war mir schon vor dem ersten Hören klar, ist eigentlich vollkommen irrelevant. Denn selbst wenn es "nur" zum dritt- oder viertbesten Album der beiden reicht, ist das ja Lichtjahre von einem Flop entfernt.

Nachdem mich letztes Jahr das erste nicht als "Neal Morse", sondern wegen der starken kreativen Einbindung aller Musiker als The Neal Morse Band veröffentlichte Album "The Grand Experiment" schon enorm überzeugt hatte, war meine persönliche Erwartungshaltung recht stattlich. Und auch aufgrund der live demonstrierten Form und Bandchemie konnte ich mir kaum vorstellen, ähnlich wie von einer gewissen anderen "Rockoper" dieses Jahres, enttäuscht zu werden.



THE NEAL MORSE BAND - The Similitude Of A Dream (3LP/2CD) (2016)

Ja, ich muss mich hier wohl oder übel der lästigen Unsitte anschließen, das aktuelle Schaffen von Drumlegende Mike Portnoy in Bezug zu seiner Ex-Band Dream Theater zu stellen. Bislang war das ja schon mangels stilistischer Vergleichbarkeit Quatsch, doch wenn im selben Jahr wie das überlange (und überambitionierte) "The Astonishing" ein Progalbum aus dreiundzwanzig Tracks auf zwei CDs (bzw. fünf Schallplattenseiten) mit seiner Beteiligung erscheint, dann kommt man ja kaum drum herum.

Und um es kurz zu machen: Auch wenn man sicherlich Einzeldisziplinen wie bestes Gitarrensolo oder die individuelle Gesangsleistung von James LaBrie finden kann, in den denen Dream Theater mithalten können, so wird John Petruccis "Hunger Games"-Verschnitt von der Neal Morse Band nach allen Regeln der Kunst pulverisiert.

Das fängt schon bei jenem Element an, dass bei Neal Morse stets das umstrittenste ist, nämlich dem Konzept an sich.

Nun ist es nicht so, dass er sich hier bei seiner Story unglaublich weit aus seiner Komfortzone herausgelehnt hätte. Es geht wieder einmal um den Weg christlicher Selbstfindung, dieses Mal basierend auf den ersten Kapiteln von John Bunyans "The Pilgrim's Progress", einer Erbauungsschrift aus dem Jahr 1678.
Eine neue Story geht natürlich anders. Und es gibt folglich ab und zu das G-Wort (allerdings nicht das J-Wort) zu hören. Wer damit Probleme hat, könnte möglicherweise Anlaufschwierigkeiten mit "The Similitude Of A Dream" bekommen. Neal Morse hat diesbezüglich aber durchaus schon schwerere Kost serviert. 

Interessanterweise wissen übrigens auch viele englische Muttersprachler nicht, was eine Similitüde ist, nämlich ein wohl etwas eingerostetes Synonym für Parabel.
Um eine solche handelt es sich beim Ausgangswerk, und aufgrund der daraus resultierenden Bild- und Gleichnishaftigkeit ist das Ganze mit etwas Abstraktionsfähigkeit auch für Atheisten zu verarbeiten. So darf (um nicht zu sagen: sollte) man z.B. Gott selbst durchaus als Allegorie begreifen.
Wie gesagt: Es ist nicht die originellste Geschichte, aber sie wird von einem guten Lyriker angemessen erzählt. Und das ist eben immer noch eine ganze Ecke besser, als wenn man mit einer Story zu viel will und sich dabei verhebt.


Sehr gelungen ist die Verpackung: Die drei LPs (sechste Seite mit Etching) plus zwei CDs stecken in einem sehr ansprechenden Triple-Gatefold.
Das Cover ist zeitlos schön, innen gibt es eine Doppelseite mit Texten und Credits, und wenn man diese aufklappt noch eine wimmelbildliche Genesis-Hommage. Ein wunderbares Package, bei dem keine Wünsche übrig bleiben:




Es gibt übrigens ein paar kleine Unterschiede zwischen den Versionen auf LP, CD oder als reiner Download (also wenn man das Album z.B. ketzerischerweise bei iTunes kauft). Die meisten davon betreffen nur die Übergänge zwischen den Songs, die auf CD fast alle direkt aneinander anschließen, während es auf Schallplatte ja naturgemäß mehr Zwangspausen gibt, denen der Mix angepasst wurde. Zum kuriosen Progsnobwissen gehört allerdings, dass der Fast-schon-Radiohit "City Of Destruction" auf LP und im Download einen kurzen Spoken-word-Teil enthält, der auf der CD fehlt.

Womit ich ja schon mitten in der Musik stecke.

Musikalisch bietet "The Similitude Of A Dream" alles, was man von einem Prog-Album unter Morse' Regie erwarten kann, also abwechslungsreichen klassischen Progrock in technischer Meisterschaft, aber vor allem bestimmt durch die Freude und Beseeltheit des Vortrags. Große Melodien geben einander die Klinke in die Hand, während sich vor zahlreiche Idolen (u.a. Beatles, Genesis, Kansas, Queen, The Who) verbeugt wird und jederzeit Ausflüge in angrenzende Stile wie z.B. Jazz auf der einen und Metal auf der anderen Seite möglich sind.

Und da es sich um ein Konzeptalbum handelt, steckt es natürlich voller über die gesamte Spielzeit wiederkehrender, variierender Themen und Reprises. Wir haben die kurze balladeske Einführung plus die instrumentale Overtüre, welche zahlreiche Motive vorwegnimmt, Gastspiele von Streichern und Saxophon, den Pink Floyd-Gedächtnis-Gospelchor im Finale der ersten Halbzeit, das eine vollkommen zappaesk überdrehte Instrumentalstück gegen Ende und natürlich nach zahlreichen Songs von durchschnittlich vielleicht viereinhalb Minuten das epische, erhabene Finale.

Das alles kommt einem natürlich bekannt vor, weil es eben das bekannte Morse-Rockoper-Werkzeug ist, welches er schon 2002 auf dem Spock's Beard-Überwerk "Snow" - und danach noch weiter auf seinen "Testimony"-Soloalben - perfektioniert hat. Auch Transatlantics "The Whirlwind" folgte klar erkennbar dieser Konzeptalbenschablone.

Den großen Unterschied zu seinem bisherigen Schaffen machen wie schon auf dem vorigen Album Keyboarder Bill Hubauer und Gitarrenshredmeister Eric Gilette aus. Die gleichwertige kompositorische Einbindung hatte ja schon "The Grand Experiment" das gewisse Etwas, die Frische gegeben, es von anderen (nicht so konzeptionellen) Morse-Alben des Formats epic-3xshortsong-EPIC abzuheben. Dieser Effekt tritt nun auch hier ein.

So wird "The Similitude Of A Dream" zu einem echten Gemeinschaftswerk der Band, auf der sich alle Beteiligten mit großartigen Ideen einbringen. Auch der Leadgesang wurde erneut aufgeteilt. Gilette und Hubauer haben zahlreiche Einsätze und prägen auf einem Album, das trotz seiner Ausmaße keine Schwächen zeigt, einige der Höhepunkte. Vor allem Hubauers "The Ways Of A Fool" setzt ein gewaltiges Ausrufezeichen. Zu den besten Songs würde ich aber auch das energisch mit von Mike Portnoy gesungenen Strophen startende "Draw The Line" zählen.




Man könnte natürlich zu jedem Stück etwas sagen, doch das wäre mir deutlich zu viel Arbeit. Und es wäre letzendlich auch nur eine endlose, sich an zahlreichen tolle Einfälle und beeindruckenden Arrangements aufhängende Lobeshymne.

Ich kann eigentlich nur zwei Dinge finden, die man als Makel interpretieren könnte:
Zum einen die Overtüre. Natürlich ist sie super. Aber! Ist sie wirklich immer nötig? Meiner Meinung nach dürfte Morse dieses anscheinend unvermeidliche Bauteil auch gerne einmal weglassen und direkt in die Geschichte einsteigen.
Und dann ist da der Country-Ausflug "Freedom Song", der als Idee einfach zu offensichtlich recycelt ist, da es ihn sehr ähnlich schon auf "Testimony" gegeben hat. Allerdings vermute ich, dass hier live ein Jam mit Vorstellung der Band und Soloeinlagen bevorstehen könnte, was wiederum gute Unterhaltung verspricht.

Das war's auch schon mit Gemecker. Die Neal Morse Band hat hier einfach mächtig abgeliefert. "The Similitude Of A Dream" ist ein überragendes Album.

Über die Szene hinausstrahlen wird es allerdings leider nicht, dafür ist die Blase des christlichen Prog einfach zu speziell, obwohl hier rein musilkalisch für zahlreiche Rock- und Metalfans mit Hang zum Großformatigen ein köstliches Bufett serviert wird.



Und um abschließend noch einmal zu Mike Portnoys Einschätzung zurückzukommen: nein, ganz richtig liegt er nicht. An Dream Theaters "Scenes From A Memory" oder Transatlantics "Bridge Across Forever" kann dieses Album allein schon aufgrund des zeitlichen Vorsprungs und der damit einhergehenden Sentimentalitäten nicht rütteln. Und auch Spock's Beards "Snow" hat einen Klassiker-Status, an dem man vierzehn Jahre danach nicht einfach so vorbeiziehen kann.

Es wäre allerdings verwegen, zu behaupten, "The Similitude Of A Dream" sei klar schlechter als die genannten Werke. Von daher kann ich nur nochmals bekräftigen, dass es vollkommen irrelevant ist, ob man Portnoys Meinung teilt. Insbesondere da er wirklich nur knapp daneben liegt.

Prädikat: Meisterwerk und Pflichtkauf für Fans.


Und damit habe ich jetzt alle meine 2016 Platten durchrezensiert.
Halleluhjah und Frohe Weihnachten!


Highlights: The Ways Of A Fool, Sloth, City Of Destruction, Draw The Line, The Man In The Iron Cage, The Mask



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