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2017-01-28

BATTLE OF MICE - All Your Sympathy's Gone

Nach dem Erfolg des großartigen gemeinsamen Albums "Mariner" von  Cult Of Luna und Julie Christmas dürften der Bekanntheitsgrad sowie das Interesse am bisherigen Schaffen der am ersten Weihnachtstag geborenen Sängerin sicherlich spürbar gestiegen sein.

Da passt es natürlich gut, das Gesamtwerk ihrer "Mariner" stilistisch wohl nächsten Band Battle Of Mice auf Vinyl wiederzuveröffentlichen. Konkret bedeutet dies eine Doppel-LP, von der drei Seiten dem bisher nur auf CD erhältlichen 2006er Album "A Day Of Nights" und eine Seite den beiden Songs von der Split-EP mit Jesu gehören.



BATTLE OF MICE - All Your Sympathy's Gone - The Complete Recordings (2LP) (2016)

Never mix music with relationships!

Sinngemäß ist das eine Weisheit, die wohl jeder Musiker kennt. Das Klischee der Männerfreundschaft, die über ein Groupie zerbricht. Oder diese wichtigtuerische Alte vom Frontmann bei Spinal Tap, remember? Natürlich wissen wir aber auch alle, dass das Quatsch ist. Denn es gibt schließlich genügend Gruppen, in denen Liebende oder gar Ehepaare musizieren, ohne dass es zur Katastrophe kommt.
Die neulich von mir besprochenen "Columbia Years" von Betty Davis sind z.B. ein fantastisches Beispiel dafür, wie sich die Energie und Dynamik einer frischen Beziehung (Betty und Miles Davis) sogar direkt auf die Musik übertragen können.

"A Day Of Nights" von Battle Of Mice war allerdings das genaue Gegenteil.

Die kurzlebige Band war so eine Art Post Metal Supergroup, gegründet von Made Out Of Babies-Sängerin Julie Christmas und dem jetzigen A Storm Of Light-Frontmann Josh Graham, der damals bei den instrumentalen Postmetallern Red Sparowes spielte, sowie als Projektionskünstler (nicht musizierendes) Mitglied von Neurosis war.
Die beiden waren - obwohl sie sich schon bei ihrer ersten Begegnung überhaupt nicht ausstehen konnten - in einer intensiven, objektiv betrachtet wohl ziemlich bekloppten On/Off-Beziehung, die für keinen der beiden gesund gewesen sein sein kann. Und "A Day Of Nights" machte die Abgründe zwischen ihnen auch noch zum Thema.

Und so wurde das Album dann auch zu einem offenen Kampf. Mühsam zusammengehalten von Produzent, Multiinstrumentalist und Drummer Joel Hamilton lieferten sich die schweren bösartigen Riffs von Graham eine Schlacht gegen das Organ von Christmas.
Es war ein Fernduell, denn da sie ihre Gegenwart längst nicht mehr ertragen konnten, nahmen sie ihre Parts getrennt voneinander auf.

Das Ergebnis ist monumental verstörend, ein zäher Seelenauffresser auf ähnlichem Level wie Neurosis' "Through Silver In Blood".
Julie Christmas ist als Sängerin ja immer eine Advokatin des extremen Irrsinns mit Substanz gewesen, doch dieses Werk sticht speziell heraus und dürfte sehr wahrscheinlich immer ihr düsterstes bleiben. Wie sie hier zwischenmenschliche Stricke zu giftigen Metaphern spinnt und säuselnd, spuckend, schreiend ihren Frust und Schmerz nach außen kehrt, überschreitet viele Grenzen, vor denen andere Künstler bei wesensverwandten Trennungsalben zurückschrecken.

Im Finale aus den beiden größten Stücken "At The Base Of The Giant's Throat" und "Cave Of Spleen" kann man schließlich regelrecht sehen, wie sie vorm Mikrophon zusammenfällt, während ihre Stimme sich überschlagt und bricht.
Und das Sample im Outro von "Giant's Throat" ist geradezu beängstigend. Man hört Julie Christmas hier als Anruferin aus der Perspektive des Notrufs. Eine Performance, die mich in ihrer brutalen Eindringlichkeit schon fast an Björks emotionale Selbstzerfleischung als Schauspielerin in "Dancer In The Dark" erinnert.

"A Day Of Nights" ist starker Tobak, sehr heftiges Zeug. Musikalisch natürlich auch ein Magengrubenfüller, bleibt das Album aber immer hörbar und ist auch aus heutiger Sicht sowohl in seinen reduzierten als auch in seinen schräg brutalen Passagen nach wie vor kreativ, packend und relevant. Ein Genreklassiker.

Bei all dieser Rosenkriegshölle ist übrigens, um es nicht ganz zu unterschlagen, durchaus auch Platz für ein paar Lichtblicke mit echter Schönheit. Sie sind zwar in der Minderheit und unter der Oberfläche bitter wie der Rest, doch ein Track wie "Wrapped In Pain" zeigt, dass Battle Of Mice auch zu ergreifenden Piano-Balladen fähig waren.


Der Sound war vor zehn Jahren etwas schade. Einerseits würde eine perfekt ausbalancierte Hochglanzproduktion natürlich gar nicht zum Inhalt passen. Anderseits wünscht man sich manchmal schon etwas weniger Low-Fi und mehr Wumms, gerade wenn man das aktuelle "Mariner" zum Vergleich nimmt.
Das neue Mastering der Vinyl-Ausgabe bügelt die Schwächen gut aus und kommt eine ganze Nummer fetter und in sich stimmiger daher, ohne jedoch das Grundgefühl zu verraten. Da meine Digitalversion vom Originalalbum stammt, habe ich beide Versionen nun häufiger gehört und werte die Anschaffung der Doppel-LP daher in jedem Fall auch für alte Fans als Gewinn.


Was ich mir gar nicht erklären kann, ist wie es nach dem Entstehungsprozess von "A Day Of Nights" überhaupt noch mehr Studioaufnahmen geben konnte.

"The Bishop" und "Yellow And Black" waren mir schon bekannt, da ich die ursprüngliche Veröffentlichung bereits besitze. Für den sich diesmal weniger einbringenden Joel Hamilton kam ein neuer Drummer, und gerade im wilderen Schlagzeugspiel findet sich hier ein hörbarer Unterschied zu den Albumtracks. Generell sind die beiden Stücke wohl auch objektiv gesehen die anspruchsvollsten Kompositionen hier. Auch die Produktion kann mehr als die des Albums. An Intensität fallen die Songs aber gegenüber dem vorangegangenen groben Liebesexorzismus natürlich trotzdem irgendwie ab.

Ich liebe diese Tracks - gerade "Yellow And Black" ist eine gigantische Post-Metal-Dampfwalze. Als Gegenpol zu Justin Broadricks exzellenten Jesu-Geschleiche auf der gemeinsamen Split-12" sind sie allerdings noch eine Ecke besser aufgehoben als hier.

Schaden tun sie aber natürlich nicht. Die vierte LP-Seite ist ja sowieso da.


Es bleibt nur meine uneingeschränkte Empfehlung!

Und wer Sammler ist und nicht genug bekommen kann, dem lege ich ebenso ans Herz, sich mal nach der Red Sparowes / Made Out Of Babies / Battle Of Mice-Triple-Split-EP aus drei 7-Zöllern "Triad" umzuschauen. Auch ein sehr schönes Teil!


Highlights: Yellow And Black, Cave Of Spleen, At The Base Of The Giant's Throat, Bones In The Water, Wrapped In Plain 

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