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2017-02-04

CYNIC - Uroboric Forms - The Complete Demo Recordings

Mir blutet ja immer noch Herz darüber, dass ausgerechnet die so tiefenentspannten Proggötter Cynic sich 2015 in - heutzutage sagt man wohl us-präsidential - unwürdiger Weise unter den Augen des (a)sozialen Webs auseinanderzicken mussten.

Noch dazu hat im Dezember auch noch mit Exivious, der holländischen Metal/Jazzfusion-Instrumentalband, die zur Hälfte aus zeitweiligen Cynic-Mitgliedern bestand, das wichtigste Trostpflaster für den Verlust, seinen Dienst eingestellt.

Und nun beginnt, um das Messer in der Wunde nochmals schmerzhaft zu drehen, also mit "Uroboric Forms" die posthume kommerzielle Ausschlachtung der Band?




CYNIC - Uroboric Forms (golden LP + 7" + CD) (2017)

Nein, ich kann entwarnen! Zum einen war die Band aus Florida ja niemals der Reichtum generierende Massenmagnet, zum anderen liegt hier eine Veröffentlichung vor, die sofort als mit viel Liebe erstellt erkennbar ist - und zudem auch musikalisch eine relevante Ergänzung in der für ihre überschaubare Größe ja ohnehin schon sehr abwechslungsreiche Cynic-Sammlung darstellt.

"Uroboric Forms" beleuchtet die Anfänge der Gruppe und versammelt auf einer LP alle vier von 1988 bis 1991 aufgenommenen Demo-Tapes. Dazu gibt es noch eine 7"-Single und alle insgesamt fünfzehn Tracks beider Platten auf CD.

Eine Demo-Sammlung? Ja, ich höre das Naserümpfen laut und deutlich. Ich bin normalerweise auch nicht der Komplettist, der unbedingt wissen muss, wie seine Lieblingsbands als Teenager zum Sound ihres Debütalbums gefunden haben.

Cynic allerdings waren ja nicht gerade die typische Garagenschülerband. Die Wunderkindergruppe um Gitarrist Paul Masvidal und Drummer Sean Reinert zählte niemand geringeren als Kelly Shaefer von Atheist, sowie Death-Legende Chuck Schuldiner zu ihren Mentoren. Nachdem Masvidal mehrmals als Livegitarrist von Death eingesprungen war, spielten er und Reinert als Zwanzigjährige 1991 als Vollzeit-Death-Mitglieder den Klassiker "Human" mit ein. Auch für Paul Speckmanns Master war Masvidal zu der Zeit tätig.

Das 1993 wie ein Ufo in der damaligen Metalwelt gelandete - und bis heute immer noch genauso beeindruckende und unerreichte - Debüt "Focus" kam also nicht aus dem Nichts.

"Uroboric Forms" rollt die musikalische Vorgeschichte rückwärts auf, beginnt also mit den beiden neuesten Demos von 1991 und 1990.
Beide enthalten je drei Songs und wurden bereits von Scott Burns im Morrisound Studio produziert. Auch die Bandbesetzung entsprach schon fast dem "Focus"-Lineup mit Masvidal, Reinert und Jason Gobel. Nur statt Sean Malone war noch der spätere Atheist- und Pestilence-Bassist Tony Choy dabei.
Das letzte Demo enthielt mit "The Eagle Nature" und "Uroboric Forms" sogar schon zwei "Focus"-Songs in früheren, noch deutlich anders klingenden Versionen. Musikalisch sind die Stücke noch reiner Death-Metal der technisch und kompositorisch anspruchsvolleren Art mit fabelhaften geshreddeten Gitarrensoli, stilistisch sehr nahe an dem, was die beiden gerade parallel in Death spielten.
Es fehlten noch die Gitarrensynthesizer und die Stimmenvielfalt mit Tony Teegardens Growling, dem Geflüster und Paul Masvidals unverkennbaren New-Age-Vocoder-Vocals.
Stattdessen übernahm Masvidal noch selbst den sehr an Shaefer, Schuldiner oder gerade auf dem 1990er Demo auch an den Frontmann von  Cerebral Fix erinnernden Gurgelgesang.

Das alles hat auf beiden Demos bereits ein Niveau, welches locker einer Albumveröffentlichung würdig gewesen wäre.
Wahrscheinlich wäre die Geschichte ganz anders verlaufen, wenn der damalige Entwicklungsstand schon internationale Beachtung bekommen hätte. "Focus" war ja schließlich schon so out there und seiner Zeit voraus, dass es die Szene letztendlich überforderte, was in Folge schließlich zur Auflösung der Band führte. Vielleicht wäre das mit einem erfolgreichen, noch weitaus mehr im Death Metal verwurzelten Album davor so nicht passiert. Naja, was soll's... Hätte, wäre, würde.

Sicher ist, dass diese beiden Demos auch heute noch eine Ladung uneingeschränkt geiler Death Metal sind.


Auf der B-Seite wird es dann schon hörbar rumpeliger. Das heißt, es bleibt insgesamt schon erstaunlich gutes Zeug, welches aber noch längst nicht so professionell aufgenommen wurde. "Reflections Of A Dying World" von 1989, das einzige Tape mit Titel, zeigt Cynic noch stark von ruppigem Thrash Metal beeinflusst. Masvidals Growlingansätze sind mitunter noch niedlich, und auch da wo der Gesang in Ordnung ist, klingt er oft noch eher nach Hardcore als nach Metal, so dass man sich, gerade wenn zu viel Text untergebracht werden muss, plötzlich eher bei D.R.I. oder Tankard zu "The Morning After"-Zeiten wähnt als bei Atheist und Co.
Insgesamt noch nicht albumreif sind die vier Songs aber doch schon ordentliches Headbangerfutter voller bemerkenswerter Details. Mit den späteren Cynic haben in diesem Geknüppel nur wenige Leads oder auch das Bassspiel von Marc van Erp Ähnlichkeit.

Für das erste Demo von 1989 gilt ähnliches. Noch ohne Jason Gobel, nur mit Masvidal an der Gitarre und dem unter dem bereits hohen Restniveau bleibenden Sänger Jack Kelly ist auf der Eigenproduktion noch wenig eigener Stil rauszuhören. Spaß macht das aber auch schon alles.


Mit insgesamt dreizehn Stücken von zweieinhalb bis fünf Minuten Länge ist die Schallplatte schon ziemlich vollgepackt. Trotz ohrenscheinlich gelungenem Vinylmastering muss man die Lautstärke schon gut hochschrauben. Bei anderen Alben wäre die Musikmenge wahrscheinlich auf zwei Platten verteilt worden, doch da aus dem Rohmaterial ohnehin niemals ein audiophiles Premiumklangerlebnis gehext werden kann, ist es auf einem Tonträger gut aufgehoben.


Die zusätzliche Single "Audition" fällt eher in die Kategorie musikalisch nicht essentieller Sammlerstücke. Sie enthält, wie der Titel schon sagt, ein Audition-Tape mit den beiden späteren "Focus"-Liedern und dem irgendwo zwischen Masvidal und Teegarden liegenden (und objektiv betrachtet natürlich zu laut gemischten) Gesang von Brian Deneffe


Optisch ist die Single mit eigenem Cover eine schöne Beigabe zum ohnehin gelungenen Gesamtpaket:


Das seine volle Pracht hochkant aufgeklappte Gatefold-Cover erinnerte mich sofort an "Mundus Numen" von den deutschen Black Metallern Essenz, und tatsächlich war hier mit Manuel Tinnemans auch derselbe Künstler am Werk. Es repräsentiert sowohl im Motiv als auch den begleitenden Symbolen die vier Phasen der musikalischen Evolution, die hier dokumentiert wurden.

Ein großformatiges Booklet enthält alle Songtexte, die Original-Cover der Tapes (mit altem Bandlogo), sowie einen Liner-Notes-Text, der u.a. auf die Bedeutung von Hurricane Andrew für die Bandgeschichte eingeht.

Aus dem restlichen Design herausstechend dient die Innenseite des Gatefolds als historische Foto- und Flyerpinnwand der Zeit. 






Insgesamt eine traumhafte Aufmachung, welche kaum Wünsche offen lässt. Höchstens eine Papphülle mit Cover für die CD vielleicht noch.

Das ultimative Einstiegswerk ist diese Demo-Compilation sicher nicht, es sei denn, man kann generell von der Death-Metal-Welle der späten Achtiger bis frühen Neunziger nicht genug bekommen. Für Cynic-Fans führt aber kaum ein Weg an der Anschaffung vorbei. Zu interessant und zu gut sind diese Aufnahmen.

Fazit: Wunderbar!

Highlights: Pleading For Preservation, Cruel Gentility, Denaturilizing Leaders, Once Misguided



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