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2017-09-27

ZOLA JESUS - Okovi

Zola Jesus schwirrt schon länger auf meiner endlos langen Liste von Künstlern, mit denen ich mich irgendwann mal näher beschäftigen sollte, herum. Und das nicht nur, weil ich nach bestimmt schon über fünfzehn Jahren endlich, ohne die alphabetische Reihenfolge zu verbiegen, etwas anderes als den italienischen Dream Theater-Klon Zen am Ende meines CD-Regals stehen haben wollte.

Als mich das Internet neulich irgendwie auf die Bandcamp-Seite der Sängerin schubste, habe ich mich aber sofort so sehr in ihr neues Album verliebt, dass ich sie nicht länger aus meiner Sammlung ausschließen konnte.


ZOLA JESUS - Okovi (CD) (2017)

Die meisten Vergleiche, die mir zu Zola Jesus als Sängerin und zur Musik auf "Okovi" einfallen, sind wohl ziemlich offensichtlich.

Stimmlich hat sie große Ähnlichkeit mit Florence Welch, nur ein wenig tiefer. Dazu setzt sie sich natürlich auch durch ihren Akzent (US-Amerikanerin, doch ich bilde mir ein, dass sie zumindest beim Singen ebenso ihre europäisch-russischen Familienwurzeln ein bisschen kultiviert) von der Engländerin ab.

Außerdem ist gar nicht mal so selten - und gar nicht mal so übel, wie mancher erschrockene Leser jetzt denken mag - eine Spur Rihanna mit drin, z.B. in "Wiseblood".

Trotzdem ist vor allem die Ähnlichkeit zu Welch nicht nur in ihrer Phrasierung unbestreitbar. Auch Jesus' Songwriting hat insbesondere in den hymnischeren und tanzbaren Passagen des Albums starke Züge von Florence + The Machines "Ceremonials".

Sollte ich "Okovi" in einem Satz zusammenfassen müssen, dann würde ich sagen, dass es eine Kreuzung aus "Ceremonials" mit den Björk-Alben "Vulnicura" und "Homogenic" unter der Beigabe der Düsternis von Chelsea Wolfes "Pain Is Beauty" ist.

Der Bezug zu Björk ist ebenfalls unmöglich zu überhören, denn die Instrumentierung mit Streichern über Elektronik ist den genannten Alben schon sehr ähnlich. Auch was den emotionalen Einsatz angeht, braucht sich Zola Jesus nicht vor der isländischen Ikone zu verstecken.

"Okovi" ist insgesamt ein eher introspektives Werk, welches sich jedoch nie im Ambient-Mäandern verliert oder vor dem Zuhörer verschließt und noch dazu immer im richtigen Moment den katharsischen Ausgleich im Pop sucht. Zola Jesus meistert den Spagat zwischen künstlerischer Tiefe und Zugänglichkeit über die ganze Albumlänge.

Das einzige, was mich bisher ein bisschen stört, ist dass mir die Songs teilweise zu abrupt enden. Aber das ist schon wieder das bemüht gesuchte Haar in der Suppe, damit ich hier nicht als vollkommen unkritischer Abnicker dastehe.

Im Ernst: Vom Tränenbad "Witness" bis zum unwiderstehlichen Umpffumpffumpff von "Veka" ist dies trotz der genannten Ähnlichkeiten eine insgesamt sehr eigene, so anspruchsvolle wie ergreifende Sammlung elektrogothischen Art Pops, die in Ohr und Seele geht.

Wunderbar.




Highlights: Witness, Soak, Veka, Remains

2017-09-25

MOTORPSYCHO - The Tower

So aktiv wie Spidergawd sind, war es wohl kein großes Wunder, dass sich nach Motorpsycho-Bassist Bent Sæther auch Kenneth Kapstad irgendwann gegen die Doppelbeschäftigung bei den beiden norwegischen Bands entscheiden musste.

Der Trommelkrake ging allerdings in die andere Richtung, so dass Motorpsycho nach zehn Jahren mal wieder ohne Schlagzeuger dastanden. Während Sæther und Hans Magnus Ryan nun erst einmal überlegen mussten, in welcher Form es mit ihrer Band weitergehen sollte - die Drums mal wieder selbst einzuspielen und mit wechselden Gastmusikern zu arbeiten, stand z.B. im Raum - hat sich unter den Fans wohl kaum jemand ernsthaft  Sorgen gemacht, dass die Band in eine kreative Krise eintauchen könnte.

Spätestens als Tomas Järmyr als Ersatz verkündet wurde, waren dann wohl alle Sorgen beiseite gewischt. Nein, ich kenne sein Schaffen nicht wirklich, doch schon die vage Erinnerung an Youtube-Videos seiner Bands Zu und Yodok III reichte aus, um zu wissen, dass die hohe Latte an Können, Spielwitz und Irrsinn, die Kapstadt aufgelegt hat, wohl locker Bestand haben würde.

Oder etwa nicht?




MOTORPSYCHO - The Tower (golden vinyl 2LP) (2017)

Bereits ungehört ist "The Tower" als Statement zu erkennen. Bei Motorpsycho wird geklotzt, nicht gekleckert, also ist das erste Werk in der neuen Besetzung gleich ein Doppelalbum.

Ok, Doppelalben haben sie schon einige auf dem Buckel, darunter in den letzten Jahren u.a. titanische Werke wie "En Konsert For Folk Flest" oder das Konzeptalbum "The Death Defying Unicorn". Keines jedoch hat so ein gewaltiges Coverartwork. Nicht nur ist das finstere Covergemälde von Håkon Gullvåg - eine alptraumhafte Interpretation des Turmes zu Babel mit offensichtlichem Hieronymus-Bosch-Einschlag - eine Abkehr von den oft ja eher seltsamen Quatschcovern der Band. Es ist auch viermal so groß, da man es erst zum Poster aufgeklappt in ganzer Pracht betrachten kann. Und auch wenn dies für das Handling als LP-Hülle etwas unorthodox erscheint, muss ich doch zugeben, dass das Motiv dieses Format tatsächlich rechtfertigt.

Nein, in so einem Kunstwerk kann eigentlich kein musikalischer Stinker verpackt sein. Dagegen muss es ein physikalisches Gesetz geben.

Vor dem Auflegen schauen wir uns noch die Rückseite an. Diese enthält Credits und Texte. Eine CD liegt diesmal leider nicht bei, aber immerhin ein Downloadcode. (Den bekommt man allerdings nur, wenn man direkt bei Stickman Records bestellt!)

Das goldene Vinyl dieser limitierten Erstauflage sieht schick aus und klingt auch ordentlich.





Und nun also zur Musik: Sind Motorpsycho eine komplett neue Band?

Nein, natürlich nicht. Das Schlagzeugspiel von Järmyr ist etwas konkreter und härter als das seines Vorgängers, und er bringt außerdem noch mehr zusätzliche Perkussion und auch Gesang ein.

Dies alles schlägt sich gewiss nieder. So passt sich die Band an und dreht einigen Stücken den Fuzz deutlich rauf. Es wird leicht zugänglicht auf den Punkt gestonerrockt und die Songs sind gesanglich alle mit den drei großen Hs (Hooks, Harmonien und Hitpotential) ausgestattet.

Daneben gibt es aber nach vor noch reichlich Leises und Verspieltes.
So sind die mit ca. dreieinhalb Minuten mit Abstand kürzesten Lieder "Stardust" und "Maypole" beide von leichtem Hippiegeist getragener Folk, das eine Stück noch eher balladesk, das andere von lateinamerikanischer Rhythmik beschwingt.

Darüber hinaus ist ebenso das King Crimson worshipping nahezu allgegenwärtig. Mindestens drei der zehn Tracks muss man wohl mit dem überstrapazierten Begriff Prog-Epos belegen.

Mal bewegen Motorpsycho sich in jenen klanglich eher im normal von Motorpsycho gewohnten Rahmen wie in dem von treibenden Riffs und Licks befeuerten und zum Ende explosiv eskalierenden Albumabschluss "Ship Of Fools", mal steigen sie in bester Psych-Rock-Manier aus dem Pilztripgewaber auf ("Intrepid Explorer").

Mein persönlicher Favorit ist gleichzeitig mit fast sechszehn Minuten der längste Track.
"A Pacific Sonata"beginnt ebenfalls ganz ruhig und trumpft gleich mit großartigem Gesang auf. Der Song lässt sich viel Zeit, ehe er in eine fantastische zweite Hälfte übergeht, die wie die direkte Kreuzung aus Jazz Fusion und Post Rock (dieses Klavier!) klingt. Die größte Stärke dieses Übertracks ist vielleicht, dass er sich zwar immer weiter steigert und immer größer klingt, so dass man es sich kaum noch cineastischer vorstellen kann, Motorpsycho dafür aber nicht einmal alle zur Verfügung stehenden Dynamikstufen ausnutzen müssen. Fette Riffs, Bass zum Anschlag, Wall of Sound? Nein, hier wird schon mit anderen Mitteln maximale Intensität erreicht.


Und so sehr ich gerade "A Pacific Sonata" auch liebe, ich würde nicht sagen, dass irgendein anderes Lied schlechter ist. Nein, jedes einzelne Stück ist von vorne bis hinten großartig. Ich habe noch nicht die Spur eines Ausfalls entdeckt.
Sicher, das kann man wohl von mindestens jedem zweiten Album der Band sagen. Aber wie Motorpsycho hier in jedem Stück (mindestens) einen anderen Aspekt ihrer musikalischen Identität in den Mittelpunkt stellen und zu einem kompositorischen Volltreffer verwandeln, ist selbst innerhalb ihrer Vita höchst beeindruckend.

Jeder Song hier wäre ein eigenes Review wert. So viele mögliche Querverweise und Superlative... Auch die Texte verdienten Extratext. Und die Produktion ist sowieso das i-Tüpfelchen.
Aber hey, ich kann dem Ding hier eh nicht gerecht werden.


Was soll ich noch sagen? Motorpsycho treten hier als eine der besten Rockbands des Planeten in Erscheinung, die auch nach nun schon bald dreißig nimmermüden Jahren immer noch locker eine von Seite A bis D mit kreativen Höchstleistungen vollgepresste Ladung Platte in die Welt schleudern können, dass Otto Normalmusiker die Ohren schlackern.

Ich möchte ihm schon beinahe in die Fresse hauen, damit ich wieder mehr andere Musik hören kann, so gut ist "The Tower".

Album des Jahres? Mal sehen... Bei mir werden Motorpsycho nach bisherigem Stand wohl mit Dool und Loss um diesen Titel kämpfen.





Highlights: A Pacific Sonata, * The Tower, Ship Of Fools, A.S.F.E., The Cuckoo



* Ganz ehrlich, ab hier kann man eigentlich alle Songs des Albums in beliebiger Reihenfolge auflisten.



LÄRMHINWEIS!




"Druturum II: This Gloom Is All Ours"

DruturuM plays:



druturum II-I
druturum II-II
druturum II-III




Rock's, Windbergen (Dithmarschen), IV. XI. MMXVII


Veranstaltungsseite auf facebook

druturum.blogspot.com




2017-09-24

#LBS 38|52 - done my shit



Any blue-brown stains which may occur after today's election are not my fault.



EJECT NOISE FIX + DISSMELAND im Jugendtreff Itzehoe (23.09.2017)

Eject Noise Fix

Es ist eine taktische Wahl. Schreibe ich diesen kleinen Konzertbericht jetzt noch vor 18:00 Uhr, weil ich danach vor lauter Ärger über Neu-Nazideutschland keinen Bock mehr habe - oder schreibe ich ihn extra erst nach 18:00 Uhr zu Ende, um mich von der ganzen Scheiße abzulenken?


Wann war ich eigentlich das letzte Mal im Jugendtreff am Holzkamp in Itzehoe gewesen?
Muss auch schon ein paar Jahre her sein. Auf jeden Fall habe ich zu der Zeit noch nicht zu jedem lokalen Konzert etwas geschrieben. Ich glaube, es war irgendwas mit Thrash Metal... oder mit Die Void. Vielleicht war das auch beides zusammen... Ohne dieses Blog ist mein Gedächtnis offenbar ein Sieb.

Unter dem Motto "Noise aus der Nachbarschaft" spielten dort gestern jedenfalls Eject Noise Fix und Dissmeland auf. Und da die dritte Band Powerpissed kurzfristig absagen musste, taten sich die Mitglieder der verbliebenen Gruppen spontan zum an ihren weißen Mützen erkennbaren bluBoys zusammen.


bluBoys

Das bluBoys-Set war (bis auf den recycelten Song einer ehemaligen gemeinsamen Band von anno dazumal) komplett improvisiert, und das Publikum war auch aufgerufen, gerne ein Instrument in die Hand zu nehmen. Die große Stunde geltungsbedürftiger Gitarristen, sollte man meinen. Aber nein, nicht die beiden Sechsaiter, sondern nur Bass und Schlagzeug wechselten zwischendurch ihre Bedienung.

Das Ergebnis war eine gar nicht üble Melange aus Krach, Punk, ein bisschen Psychedelik und verwandtem schrägschönen Scheiß. Gute Chemie insgesamt, das war fein verrücktes Jamtainment.



Dissmeland

Beim ersten Song von Dissmeland (oder auch DML) dachte ich zuerst noch, das wäre mir vielleicht zu Punk nach Zahlen. Doch schnell zeigte sich, das die Hamburger jede Menge gute Ideen in ihre Songs gepackt haben, die das Zeug auch für mich nicht genresozialisierten Zuschauer interessant machten.
Auch wenn Noise wichtiges Thema war, fanden gerade die leiseren Töne fanden viel Zuspruch im Publikum. Und zum Finale gab's sogar ein mittelbombastisches Postrock-Build-Up.

Mid-set-special-move: Einfach mal Drummer und Gitarrist für zwei Stücke gegeneinander eintauschen. Warum auch nicht?


Eject Noise Fix


Jupp, Herr Prox, Sie haben ja recht. Das war Astra sei Dank im Vergleich zum Lauschbar-Auftritt im Februar schon alles ein bisschen hektisch und fahrig.

Allerdings muss man dem hyperaktiven Riffbingo-Instrumentalduo Eject Noise Fix lassen, dass ihre irrwitzigen Stücke auch in grobmotorischerer Ausführung immer noch gut knallen und den Kopf zerkneten.
Stinkt die Musik nach Fisch, freut sich der Seehund, wie wir in Norddeutschland sagen.


Sauberer Abend!

bluBoys:









Dissmeland:








Eject Noise Fix:









 

2017-09-15

DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND - What Makes You Pray

It's that time of the year again. In einem Monat, Mitte Oktober, beweisen Der Blutharsch And The Infinite Church Of The Leading Hand mal wieder, dass sie nicht nur live spielen und unverlangt nackige Backstageeinblicke auf facebook posten können. Dann erscheint auf allen gängigen Formaten (LP, Knäckebrot, Toast, ihr wisst schon) das neueste Studioalbum der österreichischen Finsterpsychedeliker.


DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND - What Makes You Pray (2017)

Das Album wird eröffnet mit dem zwölfminütigen Stück "Shine", einer geduldigen Meditation, in der allerhand Keyboardklänge und andere Geräusche über einem hypnotisch ranzenden Bassriff schweben, was insgesamt eine Stimmung ergibt, wie man sie ähnlich bei entrückten Doomern wie Bong oder Zaum erleben kann. Und nebenbei übermittelt der Opener auch gleich in seinen ersten Sekunden die frohe Kunde, dass der gelungene Sound von "Sucht & Ordnung" kein Ausrutscher war, sondern dass die Zeiten dumpfer Unterproduktion bei DBATICOTLH wohl tatsächlich dauerhaft vorbei sind.

Die restlichen acht Songs und Zwischenspiele sind alle deutlich kürzer, und mit dieser kompakten Struktur schließt "What Makes You Pray" insgesamt weniger an die langen Jams von "Sucht & Ordnung" und den "Wolvennest Sessions", sondern vielmehr an das von (relativ betrachtet) konventionellerem Songwriting geprägte Album "Joyride" von 2015 an.

Stilistisch fahren Der Blhsdaoifuhsdfhsfdhkjlkjh dabei ein breites Programm auf, dessen größte Konstante die zumeist sehr repetive Rhythmussektion ist. Darüber haben die Stücke mal einen instrumentalen Schwerpunkt, mal die Hauptgewichtung auf Marthynnas für mich immer noch nicht hundertprozentig einsortierbaren Gesang, der den ohnehin großteils recht düsteren Stücken einen noch enigmatischeren und z.T. auch strengeren Anstrich verleiht.

Ob organischer oder eher roboterhaft, fast immer sind auch ein unterschwelliges cineastisches Element und eine gewisse Coolness zugegen. Insgesamt passen die dunklen, neueren White Hills-Sachen ganz gut als Referenz für das, was uns Albin Julius und Co. hier ins Gehirn telekinesen.

Die am meisten als andersartig herausragenden Tracks sind das Ambient-"Interludio", das Postrock-zum-mit-ausgebreiteten-Armen-im-Regen-Stehen-Zwischenspiel "Right" und mein persönlicher Favorit "El Veaso". Es gibt Dinge, mit denen kriegst Du mich musikalisch so ziemlich immer rum, eine ordentliche Prise morriconeskes Spaghettiwesterntum gehört ganz gewiss dazu und macht dieses Stück für mich zu einem der lässigsten Ohrwürmer des Jahres.

Der Rausschmeißer "Time" ist eine bewusst etwas schräge und unbequem stolpernde Industrial-Ballade, so dass man "What Makes You Pray" mit einem Anflug von Erleichterung verlässt. Danach folgt allerdings noch ein hidden track. Vor diesem empfehle ich allerdings dringend, die Lautstärke ein paar Stufen höher zu drehen, damit man auch alle Details mitbekommt.

Fazit / Prädikat: ziemlich geil.

Fans von Der Blopwequihldjkösdsdkaä werden gewiss nicht enttäuscht, und auch wer Der Bliasdizfgbwefhsdjhllkjhfl noch nicht kennt, aber meint, für Dark Psychedelic Rock mit Doom-, Industrial-, Ambient- und Drone-Einsprengseln empfänglich zu sein, könnte hier eine neue Lieblingsband entdecken.


Highlights: El Veaso, Shine, What Makes You Pray



2017-09-11

ROCK SPEKTAKEL am Rathausmarkt Hamburg • 09. September 2017 (mit BLUES PILLS, THE VINTAGE CARAVAN, HORISONT u.a.)

Blues Pills


Dreißig Jahre Rock Spektakel direkt vor dem Hamburger Rathaus, und ich bin noch nie dort gewesen. Bei Betrachtung der Historie gibt es aber trotz freien Eintritts auch nur wenige Jahrgänge, für die ich im Nachhinein den Arsch hoch bekommen hätte. Das meiste war doch scheinbar eher radiofreundlicher oder hamburgerschuliger Kram, mit dem ich wenig anfangen kann, nur mit hier und dort ein paar einzelnen Ausnahmebands, allen voran Partytruppen (z.B. 2015 Hayseed Dixie) und natürlich 2011 ausgerechnet The whatthefucking Dillinger Escape Plan.

Dieses Jahr protzte der Freitagabend allerdings gleich mit drei Bands, die ich wirklich gerne sehen wollte. Der Wetterbericht prognostizierte auch, dass das elende Pisswetter des Tages bis dahin abgezogen sein sollte, also nichts wie hin!

Parkplatzsuche ist immer eine unbekannte Größe, genau wie (un-)mittelbare Verkehrsauswirkungen anderer Veranstaltungen (im Stadtpark spielte ja z.B. noch eine weitere Retro-Band vor achtzigtausend Fans, die bereit waren, sich auch bei Regengefahr das letzte Hemd ausziehen zu lassen). Deswegen und weil man ja eh nichts besseres vorhatte, waren wir schon ziemlich zeitig vor Ort und bekamen noch letzte Ausläufer des Nachmittags- und Frühabendprogramms mit.




An die erste Band nach meiner Ankunft kann ich mich nicht erinnern.

Ja, es waren irgendeine Form von bluesigem Rock, aber das war ja heute eh das Tagesthema, welches alle Gruppen irgendwie variierten. Die späteren Bands waren aber zu stark und mein Eindruck zu kurz, von daher kann ich nur mit den Achseln zucken und spare mir jetzt auch, den Namen der Gruppe, über die ich nichts sagen kann, nachzuschauen.


The Wake Woods


Als ich von einem Spaziergang zu meinem Auto zurückkehrte - eine angesichts des überraschend guten Wetters überflüssige Jacke und Mütze wollten weggebracht werden -, spielten bereits The Wake Woods.

Das musikalische Hauptthema des Tages nannte ich ja bereits. Bei der deutschen Band kam noch ein Schuss Indierock dazu. Das war alles handwerklich ordentlich gemacht, so dass man eigentlich nichts wirklich schlechtes über das Quartett sagen kann. So richtig notwendig ist die Gruppe allerdings auch nicht. Ich hatte bisweilen den Eindruck, dass es einen leichten Widerspruch zwischen dem Willen zur Coolheit und einem Songwriting, welches es möglichst vielen Hörern recht machen will, gab. Sprich: ein bisschen mehr anecken und wehtun darf Rockmusik schon gerne.

Die Hauptattraktion war zu diesem Zeitpunkt noch das Publikum. Und damit meine ich nicht die vom Shopping kommenden Gelegenheitskucker, die mit ihren Edelmarkenpapiertaschen vor der Bühne vorbeischauten, sondern vielmehr den offensichtlichen Tagesausflug des Rock-Seniorenheims, der mit weit ausladender Tanzbärigkeit den dort noch reichlich vorhandenen Platz beanspruchte und mit auf normalen Konzerten selten gesehenen Mom- und Dad-Moves für Erheiterung sorgte.

Und nicht, dass ich missverstanden werde: Ich fand's cool. Aber halt auch echt lustig.


Horisont

Zur Abenddämmerung um Viertel vor acht ging das Spektakel dann aber richtig los.

Die Schweden Horisont sind eine Band, der ich zwar schon eine Weile sozialmedial folge, allerdings ohne ein Album von ihnen zu besitzen oder sie schon einmal live gesehen zu haben. Immerhin wusste ich genug, um mich hierher locken zu lassen - und um ihren Bandnamen besser aussprechen zu können als der Ansager des Abends. Einfach so tun, als wäre das ein deutsches Wort, dann klappt das schon!

Optisch bewegen sich Horisont in ihren engjeansigen Oberlippenbärtigkeit ja schon nahe an der Grenze zur Comedy (oder zumindest zu einer emmy-verdächtigen 70er-Jahre-HBO-Serie), doch musikalisch ist ihr Zeitreisehardrock schwer angreifbar. Insbesondere wenn Powersirengesang, analoge Keyboards, Früh-Heavy-Metal-Gitarrenharmonien und ausladene Soli den Geist der epischsten Schattierung von Deep Purple heraufbeschwörten, war diese Show einfach nur mächtig hochenergetischer Rock at its finest.

Hätte ich je ernsthafte Bedenken gehabt, mir nicht doch noch spontan das Siebenhundertneunundneunzig-Euro-Luxusticket für die Rolling Stones besorgt zu haben (war das inklusive Pauschalurlaub und einer Flasche von der Band benutzten Whirlpoolwassers?) - spätestens jetzt wären sie verflogen gewesen.

Tolle Band!


The Vintage Caravan



Die Isländer The Vintage Caravan sah ich nun bereits zum vierten Mal und dies war wohl der erste Auftritt bei dem sie für mich ein bisschen weniger zündeten als bei vorigen Shows (Wacken 2016 und als Support von Avatarium 2015).

Die Betonung liegt auf "ein bisschen", denn der ranzbassig groovende Sound von ÓscarAlexanderStefán wusste durchaus ein Feuerwerk bis zur Binnenalster zu entzünden. Die größten Finishing Moves des Powertrios sind wohl neben ihrer Bewegungsfreude das fließende Hinübergleiten von Cream-auf-Steroiden-Riffs in entspannt angespacete Gitarrentrips, sowie eloquent nachdenkliche Ansagen ("Are you feeling muscular?").

Dass ich sie diesmal nicht ganz so stark wie gewohnt fand, könnte zum einen daran liegen, dass die Band gerade aus dem Studio gekommen war und noch nicht ganz hundertprozentig in den Livemodus umgeschaltet hatte. Irgendwie schienen sie mir nicht ganz so tief drinnen in ihrem Ding wie gewohnt. Zum anderen war gerade im Vergleich zu Horisont und den folgenden Blues Pills zu erkennen, dass die Band zwar saugut live performt, aber im Songwriting immer noch Luft nach oben hat. Dies bestätigten auch zwei brandneue Stücke, die dem Repertoire nichts wesentlich neues hinzufügten.

Heißt: live gebe ich mir The Vintage Caravan gerne immer wieder, aber eine komplette Diskographie brauche ich wohl so schnell nicht im Plattenschrank.



Blues Pills


Auch die Headliner des Abends sah ich nun zum vierten Mal. Die erste Show (und gleichzeitig ihr letzter Tourstopp in Hamburg) fand 2014 im Uebel & Gefährlich statt, ebenfalls zusammen mit The Vintage Caravan übrigens. Da die Band sich 2018 nach Jahren des Dauertourens wohl außerhalb Schwedens rar machen wird, schloss sich mit diesem letzten Auftritt der Blues Pills in Deutschland für längere Zeit also so ein bisschen ein Kreis.

Dass die Blues Pills kamen, sahen und begeisterten war natürlich keine Überraschung. Auch die Setlist war bekannt, war sie doch nur eine etwas kürzere Variante des Programms, welches ich Anfang Juli in Kiel gesehen hatte. Und so könnte ich im Grunde auch fast alles, was ich zu jenem Konzert geschrieben habe hier wiederholen.

Macht ja auch nichts. Alleine die jedes Mal etwas anderen Jamlaunen Dorian Sorriaux' und das stets strahlende Sahnehüpfhäubchen Elin Larsson machen Blues Pills zu einer Gruppe, die man sich ganz problemlos immer wieder anschauen kann. Einfach eine nahezu perfekte Heirat aus Talent, Gespür, Momentum und Bandchemie.

Meckern geht hier nur auf mikroskopischer Detailebene. So sind die Eigenkompositionen der Band für mich stark genug, dass statt "Elements And Things" und "Somebody To Love" auch ein Coversong pro Set ausreichen würde.

Für alles andere kann die Band nichts:

Vielleicht bilde ich es mir ein, aber die Lautstärke wurde um diese Uhrzeit wohl etwas runtergeschraubt, was ein wenig den Wumms rausnahm, aber natürlich mitten in der Stadt nachvollziehbar ist.

Und dann war da natürlich noch die eine Sache, die mich den ganzen Abend genervt hat, nämlich dass ich beim Knipsen ständig die selbe Securityfresse am Bühnenrand im Bild hatte, haha. Da musste ich echt vieles beschneiden.

Nein, im Ernst: Eigentlich ist die einzig gültige Kritik, dass um Mitternacht Schicht sein musste, denn dass ein Blues Pills-Konzert zu lang sein könnte, das liegt nach wie vor noch jenseits meiner Vorstellungskraft.



Insgesamt war dieser Rock Spektakel-Abend rundum gelungen: Bandauswahl, Kulisse - und dann auch noch alles für lau. Was will man mehr?

Horisont haben mich am meisten umgehauen und vielleicht auch innerhalb ihrer Möglichkeiten am meisten aus der Gelegenheit gemacht. Den Tagessieg haben für mich dennoch knapp die Blues Pills errungen, schon weil ich mit ihrem Material am vertrautesten bin.


Zukünftig werde ich mich jedenfalls auf dem Laufenden halten, was das Spektakel angeht. Sollte zum einunddreißigsten Jahrgang erneut ein derart starkes Paket aufgefahren werden, schaue ich gerne wieder vorbei!



Horisont:















The Vintage Caravan:













Blues Pills: