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2017-09-25

MOTORPSYCHO - The Tower

So aktiv wie Spidergawd sind, war es wohl kein großes Wunder, dass sich nach Motorpsycho-Bassist Bent Sæther auch Kenneth Kapstad irgendwann gegen die Doppelbeschäftigung bei den beiden norwegischen Bands entscheiden musste.

Der Trommelkrake ging allerdings in die andere Richtung, so dass Motorpsycho nach zehn Jahren mal wieder ohne Schlagzeuger dastanden. Während Sæther und Hans Magnus Ryan nun erst einmal überlegen mussten, in welcher Form es mit ihrer Band weitergehen sollte - die Drums mal wieder selbst einzuspielen und mit wechselden Gastmusikern zu arbeiten, stand z.B. im Raum - hat sich unter den Fans wohl kaum jemand ernsthaft  Sorgen gemacht, dass die Band in eine kreative Krise eintauchen könnte.

Spätestens als Tomas Järmyr als Ersatz verkündet wurde, waren dann wohl alle Sorgen beiseite gewischt. Nein, ich kenne sein Schaffen nicht wirklich, doch schon die vage Erinnerung an Youtube-Videos seiner Bands Zu und Yodok III reichte aus, um zu wissen, dass die hohe Latte an Können, Spielwitz und Irrsinn, die Kapstadt aufgelegt hat, wohl locker Bestand haben würde.

Oder etwa nicht?




MOTORPSYCHO - The Tower (golden vinyl 2LP) (2017)

Bereits ungehört ist "The Tower" als Statement zu erkennen. Bei Motorpsycho wird geklotzt, nicht gekleckert, also ist das erste Werk in der neuen Besetzung gleich ein Doppelalbum.

Ok, Doppelalben haben sie schon einige auf dem Buckel, darunter in den letzten Jahren u.a. titanische Werke wie "En Konsert For Folk Flest" oder das Konzeptalbum "The Death Defying Unicorn". Keines jedoch hat so ein gewaltiges Coverartwork. Nicht nur ist das finstere Covergemälde von Håkon Gullvåg - eine alptraumhafte Interpretation des Turmes zu Babel mit offensichtlichem Hieronymus-Bosch-Einschlag - eine Abkehr von den oft ja eher seltsamen Quatschcovern der Band. Es ist auch viermal so groß, da man es erst zum Poster aufgeklappt in ganzer Pracht betrachten kann. Und auch wenn dies für das Handling als LP-Hülle etwas unorthodox erscheint, muss ich doch zugeben, dass das Motiv dieses Format tatsächlich rechtfertigt.

Nein, in so einem Kunstwerk kann eigentlich kein musikalischer Stinker verpackt sein. Dagegen muss es ein physikalisches Gesetz geben.

Vor dem Auflegen schauen wir uns noch die Rückseite an. Diese enthält Credits und Texte. Eine CD liegt diesmal leider nicht bei, aber immerhin ein Downloadcode. (Den bekommt man allerdings nur, wenn man direkt bei Stickman Records bestellt!)

Das goldene Vinyl dieser limitierten Erstauflage sieht schick aus und klingt auch ordentlich.





Und nun also zur Musik: Sind Motorpsycho eine komplett neue Band?

Nein, natürlich nicht. Das Schlagzeugspiel von Järmyr ist etwas konkreter und härter als das seines Vorgängers, und er bringt außerdem noch mehr zusätzliche Perkussion und auch Gesang ein.

Dies alles schlägt sich gewiss nieder. So passt sich die Band an und dreht einigen Stücken den Fuzz deutlich rauf. Es wird leicht zugänglicht auf den Punkt gestonerrockt und die Songs sind gesanglich alle mit den drei großen Hs (Hooks, Harmonien und Hitpotential) ausgestattet.

Daneben gibt es aber nach vor noch reichlich Leises und Verspieltes.
So sind die mit ca. dreieinhalb Minuten mit Abstand kürzesten Lieder "Stardust" und "Maypole" beide von leichtem Hippiegeist getragener Folk, das eine Stück noch eher balladesk, das andere von lateinamerikanischer Rhythmik beschwingt.

Darüber hinaus ist ebenso das King Crimson worshipping nahezu allgegenwärtig. Mindestens drei der zehn Tracks muss man wohl mit dem überstrapazierten Begriff Prog-Epos belegen.

Mal bewegen Motorpsycho sich in jenen klanglich eher im normal von Motorpsycho gewohnten Rahmen wie in dem von treibenden Riffs und Licks befeuerten und zum Ende explosiv eskalierenden Albumabschluss "Ship Of Fools", mal steigen sie in bester Psych-Rock-Manier aus dem Pilztripgewaber auf ("Intrepid Explorer").

Mein persönlicher Favorit ist gleichzeitig mit fast sechszehn Minuten der längste Track.
"A Pacific Sonata"beginnt ebenfalls ganz ruhig und trumpft gleich mit großartigem Gesang auf. Der Song lässt sich viel Zeit, ehe er in eine fantastische zweite Hälfte übergeht, die wie die direkte Kreuzung aus Jazz Fusion und Post Rock (dieses Klavier!) klingt. Die größte Stärke dieses Übertracks ist vielleicht, dass er sich zwar immer weiter steigert und immer größer klingt, so dass man es sich kaum noch cineastischer vorstellen kann, Motorpsycho dafür aber nicht einmal alle zur Verfügung stehenden Dynamikstufen ausnutzen müssen. Fette Riffs, Bass zum Anschlag, Wall of Sound? Nein, hier wird schon mit anderen Mitteln maximale Intensität erreicht.


Und so sehr ich gerade "A Pacific Sonata" auch liebe, ich würde nicht sagen, dass irgendein anderes Lied schlechter ist. Nein, jedes einzelne Stück ist von vorne bis hinten großartig. Ich habe noch nicht die Spur eines Ausfalls entdeckt.
Sicher, das kann man wohl von mindestens jedem zweiten Album der Band sagen. Aber wie Motorpsycho hier in jedem Stück (mindestens) einen anderen Aspekt ihrer musikalischen Identität in den Mittelpunkt stellen und zu einem kompositorischen Volltreffer verwandeln, ist selbst innerhalb ihrer Vita höchst beeindruckend.

Jeder Song hier wäre ein eigenes Review wert. So viele mögliche Querverweise und Superlative... Auch die Texte verdienten Extratext. Und die Produktion ist sowieso das i-Tüpfelchen.
Aber hey, ich kann dem Ding hier eh nicht gerecht werden.


Was soll ich noch sagen? Motorpsycho treten hier als eine der besten Rockbands des Planeten in Erscheinung, die auch nach nun schon bald dreißig nimmermüden Jahren immer noch locker eine von Seite A bis D mit kreativen Höchstleistungen vollgepresste Ladung Platte in die Welt schleudern können, dass Otto Normalmusiker die Ohren schlackern.

Ich möchte ihm schon beinahe in die Fresse hauen, damit ich wieder mehr andere Musik hören kann, so gut ist "The Tower".

Album des Jahres? Mal sehen... Bei mir werden Motorpsycho nach bisherigem Stand wohl mit Dool und Loss um diesen Titel kämpfen.





Highlights: A Pacific Sonata, * The Tower, Ship Of Fools, A.S.F.E., The Cuckoo



* Ganz ehrlich, ab hier kann man eigentlich alle Songs des Albums in beliebiger Reihenfolge auflisten.



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