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2018-10-29

MYTHIC SUNSHIP - Another Shape Of Psychedelic Music

Nach den ersten paar Minuten des ersten Hördurchlaufs war mir schon klar, dass dies ein besonderes Album ist. Und nur wenig später wusste ich ebenso, dass ich wohl kaum in der Lage sein würde, darüber eine für mich zufriedenstellende Rezension zu verfassen. Denn wie soll man für so etwas angemessene Worte finden?

Während ich noch ein wenig über die Antwort auf diese Frage sinniere, hier zunächst einmal ein Blick auf die Band vor der Veröffentlichung dieses Werks:


Mythic Sunship sind eine sehr produktive dänische Gruppe aus dem El Paraiso-Stall. Das Trio hat seit 2016 die drei Alben "Ouroboros", "Land Between Rivers" und "Upheaval" veröffentlicht.

Stilistisch gehört die Gruppe in die engere Verwandschaft der Labelbesitzerband Causa Sui, speziell deren heavierer, fuzzigerer Seite. In Kritiken habe ich häufiger etwas von psychedelischem Doom gelesen, doch auch wenn der Bass schön tief dröhnt, höre ich letzteren eigentlich kaum heraus. Da sind es doch schon eher ausladende Hawkwind-Spacerockjams, die in einen modernere Produktion übertragen werden.
Das hat zwar auch mal starke Ähnlichkeit mit der Black Sabbath-Urbesetzung, wenn jene instrumental so richtig abgegangen ist, aber es deswegen als Doom zu labeln, ist doch ein wenig irreführend.
Unbestritten ist allerdings, dass es sich um eine powervolle, mammutös improvisierende Psychedelicrockgruppe handelt.


Doch jetzt kommt, bereits als zweites Album im Jahr 2018, "Another Shape Of Psychedelic Music":






MYTHIC SUNSHIP - Another Shape Of Psychedelic Music (2LP) (2018)


Beginnen wir mal mit Titel und Coverartwork. Selbstbewusster geht es ja wohl kaum.
Die Wortfolge "Another Shape Of Psychedelic Music" unterscheidet sich zwar genügend von Ornette Colemans 1959er Gamechanger "The Shape Of Jazz To Come", um als nicht dreist geklaut durchzugehen, doch die Konnotation ist natürlich gewollt und nicht zu übersehen.

Jakob Skøtts Cover ist eine sehr direkte grafische Umsetzung des Titels, welches demonstriert, wie innerhalb der Schnittmenge zweier Objekte neue Formen entstehen. Eine beinahe unverschämt simple, aber gerade dadurch absolut brilliante Idee, welche auf der Innenseite der Gatefold-Hülle noch fortgeführt wird.

Nein, dies hier ist kein Albumtitel mit irgendwie dazu passendem Artwork. Es ist ein Statement. Vielleicht das deutlichste, welches mir seit Gnods "Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine" ins Plattenregal gewandert ist.


Die Credits auf dem Backcover zeigen, dass die Band sich von drei auf fünf Mitglieder vergrößert hat: ein zweiter Gitarrist hat sich angeschlossen, und - von Anfang an nicht zu überhören - ein Saxophonist.
Außerdem steuert Causa Suis Jonas Munk, der auch für die makellose Produktion des Doppelalbums verantwortlich ist, in zwei Tracks noch mehr zusätzliche Gitarre bei.


Und nun bin ich an dem Punkt angekommen, wo es echt schwer wird, dem Gebotenen gerecht zu werden. Denn unter den einzelnen Bestandteilen, aus denen sich Mythic Sunships Musik zusammensetzt, ist für sich genommen keines eine komplett neuartige Revolution.

Die Art und Weise, in der alles zusammenkommt allerdings, die ist geradezu magisch. "Another Shape Of Psychedelic Music" fühlt sich sofort an, als würde man es schon seit zwanzig Jahren immer wieder gerne auflegen. Zutiefst vertraut und doch frisch und explosiv. Ein Instant-Jazz/Psychrock-Fusion-Klassiker.


Abgesehen von dem langen göttlichen Free Jazz-Auftakt des Openers ist die Basis der Stücke fast immer harter Psychedelicrock, der je nach Gewichtung auf Bass, unermüdlichen Drums oder Gitarre mit Bands wie Electric Moon, Papir oder - als wäre der Name noch nicht oft genug gefallen, aber auf ihrer "Live In Copenhagen" spielen z.T. ja sogar in sehr ähnlicher Besetzung - Causa Sui klingt.

Der absolute Kicker ist aber das mit den Sechsaitern als darüber solierender Hauptdarsteller abwechselnde Saxophon. Søren Skov hat einen fantastischen warmen Ton, der auch bei wildestem Remmidemmi rings um sich herum noch tiefenentspannt in sich ruhen kann. Wenn er es möchte, heißt das. Er kann auch fantastisch durchdrehen; und wenn dies passiert, dann zählt es auch richtig.


Das irgendwie doch noch kontrollierte Durchdrehen ist sowie die Kernkompetenz von Mythic Sunship.

"Another Shape" wird niemals zum komplett formlosen Krach und überschreitet auch nicht die Grenze zu sperrig herausfordernder Advantgarde. Doch was innerhalb dieses Rahmens an aus allen Rohren feuerndem Exzess möglich ist, das wird auch vollkommen ausgelotet. Es passiert wahnsinnig viel, nicht nur in der Entwicklung der Stücke und über die Gesamtlänge der Platte, sondern tatsächlich passiert auch wahnsinnig viel auf einmal in so ziemlich jedem Augenblick.

Mythic Sunship betreiben hier ungehemmte Reizüberflutung, die einen nicht ermattet, sondern ganz im Gegenteil berauscht und süchtig macht. Man will immer mehr mehr mehr. Und die Band setzt unfassbarerweise wirklich immer noch einen drauf und liefert mehr mehr mehr.


Der einzige Kompromiss, den das Album eingeht, ist, dass der finale Track auf LP nur in fünfeinhalbminütiger Teaserversion zu hören ist. Nachvollziehbar, müsste man doch eine dritte Schallplatte anbrechen. Im beiliegenden Download bzw. der CD-Version ist "Elevation" jedoch in seiner ganzen, mehr als doppelt so langen Pracht zu genießen.


Es ist keine große hellseherische Kunst, aber ich sage trotzdem: "Another Shape Of Psychedelic Music" wird in den Kennerkreisen der Zukunft als legendär gehandelt werden!


Allerhöchstwahrscheinlich das Psych-Album des Jahres.

Da kommt für mich bisher nur ein ganz anders klingendes Ding aus Japan in die Nähe. Doch das Review folgt demnächst.






Highlights: Resolution, Out There, Backyard Ritual




2018-10-27

HEIDENLÄRM Festival • 26. Oktober 2018, Rosengasse Heide (mit CAMEL DRIVER, BURNPILOT, BISMUT, LOST MOON)

Burnpilot


So viele Konzerte in letzter Zeit. Da bringe ich doch mal formal etwas Abwechslung hier rein, indem ich mal eine "richtige" Kamera mitnehme und dafür mit Worten spare.

Exakt ein Jahr nach dem letzten Pink Tank Festival in Heide fand gestern in der Rosengasse das aus Gründen anders benannte, aber inhaltlich noch genauso aufgestellte Heidenlärm Festival statt.

Mit dabei wie letztes Jahr die Psychbluesrock'n'roller Lost Moon, die beiden für mich live neuen Bands Bismut und Burn Pilot, sowie die letztes Mal ausgefallenen Camel Driver.

Ohne kurzfristigen Ersatz verhindert waren leider die Franzosen Libido Fuzz, die ich nach ihrem polizeilich vorzeitig beendeten Aufritt 2016 schon sehr gerne noch einmal gesehen hätte.



Lost Moon:

 
 
 
 
 


Die Italiener machten mit neuem Bassisten den Opener und läuteten den Abend flott und launig ein. Die Band des Billings, für die ich mir ein Bein ausreiße, werden sie wohl nie werden, doch schlecht sind sie anderseits auch ganz und gar nicht. Sympathische Typen, denen man gerne zuschaut.




Bismut:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Mit den Niederländern Bismut begann nun das Triptykon des (überwiegend) instrumentalen Uptempo-Abrisses. Heavy groovender Stonerpsychmetalfuzzrockdingens zum Dauerrübeschütteln, bei dem es mir vor allem der gesundrunde Basston angetan hat. Fetzt!

Die Nacht lief von jetzt an in unaufahltsamen Partymaschinenmodus.




Burnpilot:


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auf Burnpilot war ich so nicht vorbereitet. Ich kenne ein kleines bisschen Studiomaterial und hatte vor einiger Zeit ein ähnlich kleines bisschen Livevideos gesehen. Dass es abgehen würde war klar, jedoch nicht auf welche Weise.
Die Band hat eine längere Bühnenpause genutzt, um ihren Sound umzumodeln. U.a. bedient der Bassist einen tieffrequenten Analogsynthesizer und es gibt jede Menge lange durchhaltenes Umpffumpffumpff und Duracell-Getrommel vom ab und zu auch singenden Drummer, über das die Gitarre wie besessen soliert und variiert. Der dreispaltige größte Musikspickzettel, den ich je auf einer Bühne gesehen habe, war da durchaus berechtigt.

Erinnerte mich z.T. stark an Oneida. Der ultimative hypnotische Psych-Barfußtanz-Exzess!




Camel Driver:


 
 
 
 
 

 
 
 
 


Allmählich droht der Audioinformationsüberschuss.

Und nun zum Abschluss Camel Driver mit ihrem progmetallische und orientalische Haken schlagenden Ostseewüstenrock, haha. Aber natürlich der Hammer!


Es ist mal wieder spät geworden in der Dithmarschopole. Doch für ein Festival, das dermaßen auf Spacefuzzsteroiden heißläuft, verzichte ich gerne auf meinen fucking Schlaf.

Heidewitzka!



Aber zu Eject Noise Fix nach Itzehoe schaffe ich es heute nach dieser musikintensiven Woche (drei Konzerte - und Donnerstag hat Druturum sehr ergiebig geprobt) dann doch nicht mehr.




2018-10-26

EMMA RUTH RUNDLE + JAYE JAYLE live im Hafenklang, Hamburg (24.10.2018)

Emma Ruth Rundle


Emma Ruth Rundle und Jaye Jayle touren recht oft zusammen. Kommt ja mal vor, dass zwei Bands sich besonders mögen. Dass es in diesem Fall allerdings etwas mehr ist, wird schnell deutlich, sind Emma und Jayle-Chef Evan Patterson doch nicht nur ein Paar, sondern teilen sich auch gleich mehrere Musiker für ihre Bands.

Und so huscht während des Openers von Jaye Jayle auch schon die Headlinerin auf ihren schon komplett eingerichteten, aber noch unbeleuchteten Platz in der Mitte der Bühne des Hafenklangs, um ein paar Backgroundgesänge beizusteuern und dann wieder in der Backstage zu verschwinden.


Jaye Jayle

Pattersons Gruppe besteht aus ihm an Gitarre, Gesang und einem Synthesizer, der sehr eigenwillige exzentrische Sirenensounds auswirft, dazu Bass, ein sehr minimalistisches Schlagzeug, sowie ein weiterer Multiinstrumentalist an Keyboards, zusätzlichen Drums und Gitarre.

Als Sängertyp würde ich ihn irgendwo zwischen King Dude und Michael Gira verorten, und auch die Musik von Jaye Jayle weist Elemente beider Künstler auf. Es ist Goth Postrock mit viel hypnotischer Repetition, Ambienteinfluss und vielleicht einer kleinen Spur Americana.

Schon in Swans-Manier etwas sperrig und sich schnell eingängigem Songwriting verweigernd, aber eben auch sehr stimmunsvoll. Mir hat's gut gefallen.



Emma Ruth Rundle


Das Drumkit wurde danach umgebaut und vorne verschwanden alle Keyboards von der Bühne. Der Bassist und Patterson als Gitarrist blieben jedoch als Teil von Emma Ruth Rundles Quartett.

Da verwundert es nicht, dass der Grundsound der Bands eine hörbare Verwandschaft hat. Im Grunde wirkte der für einen Mittwoch sehr gut besuchte Abend für mich auch weniger wie die normale Konstellation von Headliner plus Supportband, sondern eher wie eine ganzheitliche Aufführung in zwei Akten.


Emma Ruth Rundle ist eine Künstlerin der großen Gefühle, dass gilt nicht nur für ihren Gesang und die elegischen, oft in höchste Postrockhöhen hinaufsteigenden Gitarren, sondern auch für ihre verletzliche, aber dadurch, dass sie sie eben doch ins Rampenlicht zwingt, starke Bühnenpersona.

Die Performance ihrer Band war tadellos, Stücke wie "Heaven" oder "Marked For Death" vom gleichnamigen Album markierten für mich Highlights. Vom neuen Werk, mit dem ich noch nicht vertraut bin, setzten vor allem der "Light Song" und "You Don't Have To Cry" ("It's the title of the song" betonte Emma, nachdem sie ihn als letztes Stück angekündigt hatte) Ausrufezeichen. 

Doch so gut mir das Konzert gefallen hat, so sehr ich alle beteiligten Musiker schätze, und so sehr es bei Blick auf die Setlist ungerechtfertigt ist, dass es mir vor Ort viel zu kurz vorkam; an die unvergessliche, über sechshundert Münder zum Schweigen bringende Magie ihres Soloauftritts auf dem Roadburn-Auftritts 2017 konnte sie mit Begleitung nur in wenigen Momenten anknüpfen.

Klar, der Sound war voller, es passieren viele andere Dinge, doch wie die Zugabe "Shadows Of My Name" zeigen sollte, zu der sie alleine auf die Bühne zurückkehrte, entfesselt sie solo einfach eine ganz andere Energie.
Kein harmonisches Instrumentalarrangement kann mit der puren, offengelegten Emotionalität ihrer Stimme mithalten. Keine Rhythmussektion ist heavier als das harte Aufstampfen ihrer Absätze, mit dem sie sich  selbst begleitet. Das ist reinste Gänsehaut.


Ja, ich hätte mir durchaus noch einen längeren dritten Akt dieser Art gewünscht.

Doch nach einem so guten Konzert zu meckern ist reiner Luxus, ich weiß.



Jaye Jayle:

 
 
 
 



Emma Ruth Rundle: