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2026-07-28

10 Jahre WACKEN-Abstinenz


Nachdem ich seit 1993 zwar nicht immer am Start war, insgesamt aber doch eine Menge Ausgaben mitgenommen habe, war 2016 mein letztes Wacken Open Air - und wird es wohl auch bleiben.

Dabei war mir eigentlich schon seit Jahren klar, dass ich 2026 Jubiläum feiern und wieder hin wollte. Das Ticket war besorgt, das dazugehörige T-Shirt aufgrund des ultrapeinlichen Ü60-Slogans "Party On!" sofort ungetragen verscherbelt. Dass das Billing eher schwach aussah, störte mich nicht. Denn ich gehörte ja in meinen letzten Besucherjahren immer zu den Verteidigern des Festivals; wer sich ein bisschen vorbereitet und sich nicht nur auf das ewig zirkulierende Hauptbühnenprogramm konzentrierte, der konnte von Mittwoch bis Samstag doch locker drei Dutzend coole Konzerte erleben und eine tolle Zeit haben!

,Das war trotz der seitdem weiter explodierten Kommerzialisierung nach dem Verkauf des Festivals an einen internationalen Investor auch weiterhin meine Einstellung. Dann habe ich mich neulich aber endlich daran gemacht, mir im Clashfinder meine Running Order zusammenzustellen und merkte schnell, dass der vom Roadburn Festival gewohnte Workflow, zunächst einmal alles zumindest interessante zu markieren, irgendwie nicht funktionierte - einfach weil zu wenige Gruppen interessant genug waren, um sie herauszustellen.

Ich habe also stattdessen den Rotstift genommen und markiert, was ich auf keinen Fall aus der Nähe erleben wollte, und siehe da: Flugs färbte sich beinahe übers gesamte Wochenende die Wackinger Stage blutig, aber auch jede Menge Bands auf den Hauptbühnen. Sabaton, Powerwolf, Hämatom, Visions of Atlantis sind da nur die Spitze des Scheißbergs. Kommt heute eigentlich keine  kommerziell größere Metalband ohne schlimmen Verkleidungsgimmick aus?

Natürlich repräsentiert das stets mit reichlich Verspätung auf den Zeitgeist reagierende Booking von Wacken nicht die Metalszene als Ganzes, aber das Festival definiert halt schon, was Außenstehende als Metal verstehen. Und dieses Bild ist zum großen Teil einfach zum Schämen flach, inhaltslos und kitschig. In Zeiten, die so viel künstlerische Reflektion, Aufschrei und politische Positionierung wie wohl nie zuvor erfordern, zeigt sich Metal hier in erster Linie als sauftauglich eskapistisches Kasperletheater im Nostalgienebel.


Klar, ich will gar nicht so tun, als ob nicht sowohl große wie kleinere Künstler auf der Running Order stehen, die ich gerne gesehen hätte. Auch wenn das Auftauchen von Sepultura, für die ich extra schon 2024 viel Geld bezahlt hatte, um die angeblich allerletzte Gelegenheit, sie live zu sehen zu ergreifen, schon beinahe eine Frechheit darstellt. Außerdem clashen sie tatsächlich direkt mit Alcest.

Castle Rat und The Gathering? Klar! Die anderen nennenswerten Hauptacts hat man schon gesehen. Und werden Savatage und Judas Priest ausgerechnet hier und jetzt noch die Shows ihres Lebens spielen, die den teils stundenlangen Leerlauf im Programm ausgleichen?
Triptykon ist unter den vielen Wiederholungstätern wohl noch der schlimmste Verlust. Aber ernsthaft, 2023 bin ich ja auch nicht wegen Voivod (die gerade das Headbangers Open Air abgerissen haben) hingefahren und habe es überlebt.

Man muss sich auch fragen, wie lange dieses Modell überhaupt noch in der Form bestehen kann. Werden die Heavy Metal- und Hardrock-Klassiker, bei denen jetzt schon Greise auf der Bühne stehen, durch Tributebands und Avatare ersetzt? Es kommen in der Richtung ja kaum Gruppen nach, die Kulissen dieser Größenordung rechtfertigen.

Ich könnte jetzt noch die Nu Metal-Scheußlichkeiten anführen, die inzwischen auch zum nostalgischen Dad Rock geworden sind, aber der Grund, warum ich mein Ticket loswerden musste, liegt tatsächlich dort, wo ich bislang immer Hoffnung hatte, nämlich auf den kleinen Bühnen.

Ein kuratiertes Programm ist besser als ein demokratisch gewähltes, und nichts zeigt dies besser als die Gewinner der internationalen Metal Battles, von denen ich mir erheblich mehr versprochen hatte. Aber die Highlights scheinen diesmal wirklich rar zu sein, stattdessen gibt's haufenweise uninspirierten Groove Metal, seelenloses Metalcoregeriffe und Möchtegern-Jinjer-Abklatsche... Leute, das Original ist live schon enttäuschend!


Nun gibt es natürlich noch dutzende weitere Shows auf den Nebenbühnen, auf denen der Veranstalter die Chance hätte, noch ein paar wirklich gute Metalbands aller Subgenres zu unterstützen. Doch stattdessen werden diese Bühnen mit viel zu vielen Witzgruppen, Coverbands und Mittelaltermarktfantasyquatsch zugemüllt. Dabei gibt es so viele, so großartige Metalbands da draußen, die mit einem Fingerschnippen bereitstehen würden. Was da zugunsten vom bierseeligen primitivsten gemeinsamen Nenner an Potential verschenkt wird, geht auf keine Wackenkuhhaut mehr.

Ganz ehrlich: Vor ein paar Wochen hätte ich mir nicht vorstellen können, hier so zu ranten. Aber wenn man beim Recherchieren für seine Running Order ständig die Musik nach wenigen Sekunden anhalten und "Warum macht ihr so eine Scheißmusik?" brüllen muss, dann macht das schon etwas mit einem, haha.
Auf jeden Fall war das dann auch der Punkt der mir klar gemacht hat, dass mein Ticket in anderen Händen besser aufgehoben ist und das Geld dafür sich auf meinem Konto wohler fühlt als in den überteuerten Fressbuden des Holy Ground.

Fazit: Ich wollte ja, aber nein, wenn ich's nicht einmal aushalte, mir mein Programm für alle Tage zu Ende zu planen, dann war's das jetzt besser wirklich mit uns, liebes Wacken Open Air!

Thanks for the memories und allen Fans von *brrr* Crematory, P.O.D. und den Wacken Firefighters viel Spaß in den kommenden Tagen!







2016-08-15

WACKEN 2016, Teil 4 : Y'all Motherfuckers need Lucifer!

Tag 3, Samstag, 06. August 2016


Triptykon auf der Black Stage

Es wird ja zum letzten Festivaltag hin nicht einfacher, seinen Arsch aus den Federn, unter die Dusche und schließlich ins Auto zu bewegen. Und da wir in den vorigen Tagen immer früher als erwartet auf dem Open-Air-Gelände angekommen waren und es heute ja für mich "erst" um Viertel vor zwei losging, ließ ich es etwas entspannter angehen. Irgendwie muss sich bei mir an diesem Morgen zudem die Vorstellung im Hirn eingenistet haben, dass es zwischen 12:00 und 13:00 Uhr noch eine weitere volle Stunde geben müsse. Drölf?

Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich in Schenefeld dann auch noch ein paar kleine Besorgungen im Supermarkt machte und es an der Kasse ein bisschen dauerte, fiel mir auf, dass ja komischerweise eigentlich doch gar nicht mehr so furchtbar viel Zeit war, bis das Set von Myrkur, deren Album "M" bei mir gerade hoch und runter läuft, beginnen würde.

Von da an drückte ich dann doch ein wenig auf die Tube... nur um auf der Strecke nach Wacken schließlich von einem Konvoi von vier gemütlich tuckernden Oldtimertreckern mit langer Autoschlange hinten dran ausgebremst zu werden. Der Fußmarsch von unserem Dorfparkplatz zum Gelände und dort durch Menschenmengen, Pfützen und Schlamm wurde so eilig, dass wir uns sogar für eine Weile aus den Augen verloren. Zwischenzeitlich hatte ich schon Bammel, dass die Band ja auch live total beschissen sein könnte und ich dann die unnötige Hektik vor meinen beiden Mitwackenden rechtfertigen müsste.

Als wir den Bullhead City Circus erreichten, ging es auf der Headbanger Stage auch schon los.

Myrkur

Myrkur

Es gibt ja scheinbar momentan im Metal kaum eine Person, über die so viel Fremdscham auslösender, szenepolizeilicher und vor allem einfach derbe frauenfeindlicher Bullshit ausgegossen wird wie die dänische Musikerin Amalie Bruun, die es als Popsängerin wagte, zunächst anonym ein Black Metal-Projekt aus der Taufe zu heben.

Und damit habe ich zu jenem Quatsch eigentlich auch schon zu viel gesagt, denn was ihr Alter Ego Myrkur live präsentiert ist locker über den verbalen Dünnschiss jedes Internettrolls erhaben.

Ganz klar lebt Myrkurs Kreuzung aus mystisch soundtrackhafter Choralmusik und Black Metal, die einen - um mal ganz schlimme Klischeebilder zu verwenden - zwischen Lothlorien und dem dornigen Unterholz eines norwegischen Waldes bei Nachtfrost hin und her schubst, in ganz großem Maße vom Gesang.

Bruuns Stimme schwebte feengleich betörend unter dem Zeltdach und nutzte dabei die sonst meistens eher schwierige Akustik des Raumes optimal in ihrem Sinne. Was auch galt, wenn sie von bezaubernd auf dämonisch furienhaft umschaltete.
Da das Songmaterial ohnehin stimmt, waren Myrkur für mich unbestritten eines der Festivalhighlights.


Year Of The Goat

Year Of The Goat

Year Of The Goat, die sofort im Anschluss auf der W.E.T. Stage auftraten, waren nun eine jener den Siebziger-Sound von Blue Öyster Cult in die Jetzt-Zeit transportierenden Gruppen, wie ich sie im Zusammenhang mit dem Auftritt eben jener Legenden in meinem Donnerstagsbericht erwähnt habe. Okkulter, melodischer Gitarrenrock, Orgel und Mellotron natürlich auch ganz vintage.

Die Band machte ihr Ding richtig gut. Ein bisschen dunkler hätte ich mir die Musik zwar im Schnitt schon gewünscht, aber dafür war der powervolle Gesang hervorragend, und als die Gruppe Songs von ihrer ersten EP auspackte, kamen noch Drei-Gitarren-Harmonien zum Niederknien hinzu.

Ich hätte den Auftritt ja gerne noch komplett gesehen, aber leider gab es nun - ansonsten dieses Jahr selten - eine kritische Überschneidung in meinem Zeitplan, denn nebenan standen ein paar ganz alte Weggefährten auf der Wackinger Stage, mit denen mein Bruder und ich schon bis ins vorige Millenium zurück auf der einen oder anderen norddeutschen Bühne gestanden haben.


 
Forgotten North

Zweiundzwanzig Jahre, sprach Sänger Børje Lokisson, der erst seit kurzem so heißt, aber neben Drummer Petter Thoresson schon von Beginn an dabei ist, haben Forgotten North darauf hingearbeitet, hier auftreten zu dürfen. Ich hätte an seiner Stelle ja schon erwähnt, ob brutto oder netto, denn ein Großteil dieser Jahre waren natürlich Kreativpause und Besetzungswechsel.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich ja mit dieser ganzen Umstellung auf das jetzige... naja... eben für die Wackinger-Bühne geeignete dithmarscher Liverollenspieler-Image nicht viel anfangen. Musikalisch ist das schon gut gemacht, und der Maiden-Sing-along-Teil im letzten Stück war auch gelungen, aber die Band hatte schon Inkarnationen, die meiner Musikwelt näher waren.

Aber da sie dieser Stil ja nun bei bestem Sonnenschein auf die Wacken-Bühne gebracht hat, gönne ich SaschaPeterRoman und Co. den Spaß natürlich gerne.

Aber wehe, ihr holt auch noch einen Dudelsack dazu, dann bin weg!

 
blumige Aussicht

klebriger Holy Ground


Was zum rundum sommerlichen Wetter jetzt noch fehlte, war ein trockener Sitzplatz, um entspannt Energie für den Rest des Tages zu tanken. Wir fanden ihn zwar in nicht im neuen trojanischen Jägermeister-Hirsch, der übrigens weitaus weniger sichthinderlich positioniert war als frühere Hochsitze oder Hütten, aber auch auf jener Seite des Geländes in einer tabakgesponsorten Erholungszone.

Schön die Beine im Trockenen ausstrecken und in die Sonne blinzeln, während Metal Church ihr Set auf der True Stage begannen. Fast hätte ich sogar ein richtiges Nickerchen gemacht. Life is good.

Metal Church

Ein paar Songs von Metal Church habe ich mir dann auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt dann auch mit freiem Blick auf die Bühne gegönnt. Riffbetonter Heavy Metal, schon ewig dabei und dementsprechend ultrasouverän.
Mucke, über die man nicht viel schreiben, die man aber so auch kaum besser spielen kann.

Vor allem der nach Jahrzehnten zurückgekehrte Sänger Mike Howe hat echt mal ein amtliches Heldenorgan. Sehr guter METAAAL!


The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

Den frühen Abend leiteten auf der Beer Garden Stage die wahnsinnigen Hillbilly-Knastis The Goddamn Gallows ein. Musikalisch irgendwo zwischen Blue Grass, Punk und grobem Metal zu verorten, bewegten sich die u.a. mit Kontrabass, Mandoline und Banjo antretenden Amis inhaltlich zwischen den Polen "Y'all Motherfuckers Need Jesus" und "In League With Satan".

Machten die Songs alleine schon Laune, war aber vor allem die Show des Akkordeon- und Waschbrettspielers der absolute Kicker, um sich hier eine knappe Stunde lang köstlich zu bepissen. Kein Moment, in dem der auf zurückgebliebene Asterix-Figur machende Mann nicht irgendwelche bekloppten Faxen anstellte, von denen jene, plötzlich über die Absperrung zu springen, einem Fan ein Gummiseil um den Bauch zu binden und damit gleich eine ganze Gruppe zum Schlammcatchen zu zwingen, nur die dreckigste war.

Man könnte einen ganzen Bericht nur über diesen Bekloppten schreiben, aber ich will ja niemanden spoilern. Für die letzten Songs wurde er zwar aus Sicherheitsgründen hinters Schlagzeug verbannt, aber dafür stellte sich dann der eigentliche Schlagzeuger als superheiserschreihalsigster Psycho am Mikro heraus. Total irres Entertainment!




Wir machten noch einen Umweg über das Wackinger Village, um den einen Fressstand zu finden, wo das "Fast" in Fast Food für "fast zehn Minuten" steht, ehe das Festival vor den Hauptbühnen allmählich seinem Tageshöhepunkt entgegensteuerte.

Aber vorher gab es ja noch Titten. Und fliegende Penisse.


Steel Panther

Steel Panther

"How many people have seen Steel Panther before? I got some really good news: We have the same show we had for you last time!
How many people have never seen us before? We have a brand new show for you!"


Mit dieser Ansage fasste Michael Starr das Dilemma der Band ganz gut zusammen. Es ist das Phänomen des Witzes, der einem zum zweiten Mal erzählt wird.
Steel Panther sind und bleiben zwar die ultimative spinal tapsche Aufbereitung der Achtziger-Hair-Metal-Welle, aber vieles kannte man halt schon wegen der wetterbedingt wohl auch tittenreicheren Wacken-Show vor zwei Jahren.

Nichtsdestotrotz ist vor allem das ständige penetrante Flirten mit jeder Kamera, die den Spandexhelden vor die Fresse gerät, ein Running Gag, der auch nach wie vor super funktioniert.

Wenn man sich schon mit zehntausenden Metalfans auf Pimmelwitzniveau amüsieren will, ist Steel Panther ganz klar die richtige Wahl. Allerdings sollte das Wacken Open Air nun doch ein paar Jahre mehr verstreichen lassen, ehe man Starr, Satchel, Stix und Sexy Lexxi Foxx das nächste Mal einlädt.


Triptykon

Triptykon

Auch wenn es um 21:00 Uhr technisch noch hell war, hatte auf der Black Stage nun die dunkelste Stunde geschlagen.

Thomas Gabriel Fischer packte mit Triptykon gleich eine superfiese Version des Celtic Frost-Klassikers "Procreation Of The Wicked" aus, der mit "Dethronded Emperor" und "The Usurper" unmittelbar zwei weitere Stücke der Legende folgten.

Sechs von zehn Stücken stammten ursprünglich von Celtic Frost, und doch war dies eindeutig eine Triptykon-Show, das versicherten schon die Persönlichkeiten der weiteren Musiker auf der Bühne, allen voran der fabelhaft ultratief schlabbernde Bass von Vanja Slajh. Zudem sieht das Verhältnis in absoluter Spielzeit natürlich anders aus, wenn man bedenkt, dass die beiden Stücke "Goetia" und "The Prolonging" zusammen schon über eine halbe Stunde schlucken. Solche Monster hat es auf dieser Bühne seit dem letzten Gastspiel von Triptykon 2011 nicht gegeben.

Das letzte Album "Melana Chasmata" war mit zwei Liedern vertreten, allerdings anders als auf dem Roadburn Festival 2014 nicht mit dem brutalen "Tree Of Suffocating" oder "Black Snow", was in Wacken  eigentlich als die sicherere Variante erscheinen müsste.
Nein, stattdessen gab es die getragen depressiven Stücke "Aurorae" und "Boleskin House", letztes sogar wie im Studio mit Gastsängerin Simone Vollenweider, die außerdem noch "Obscured" unterstützte, womit die Band endlich einmal eine auf den Alben seit Celtic Frost-Zeiten etablierte Seite von sich präsentierte, die es bisher noch nicht auf die Bühne geschafft hatte.

Somit hatten nun auch alle drei Auftritte, die ich bisher von der Band gesehen habe, einen sehr eigenen Charakter. Auch wenn sich Herr Warrior unter geschlossenem Dach und nicht zwischen Steel Panther und Twisted Sister wohler fühlt - diese schwarze Messe war eindeutig (und wieder einmal) der Höhepunkt des Festivals.

Und an die Bühnendeko mit den drei H.R. Giger-Covern kam nebenbei atmosphörisch auch niemand heran.



Was denn nun? Elf oder Viertel nach elf? Da es zwischen dem grafischen und dem tabellarischen Zeitplan, die ich mir ausgedruckt hatte, eine Diskrepanz gab, verzichtete ich darauf, noch ein paar Songs von Twisted Sister zu sehen, sondern sicherte mir lieber frühzeitig einen guten Platz vor der Wackinger Stage. Und elf war es dann auch!
 

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

Dass das Klischee "die laufen da alle in schwarz rum" den gängigen Look in Wacken nur unzureichend beschreibt, hatten am Vortag ja schon Overthrust demonstriert.

Bei King Dude und seiner Band war es noch extremer. Eindeutig von Kopf bis Fuß komplett in schwarz gekleidet - und trotzdem haben wohl keine anderen Künstler so wenig nach Wacken Open Air ausgesehen.

Optisch eher Dark Wave und musikalisch auch nur am Rande mit Metal in Berührung, passte der düstere und reduzierte Neofolk-Rocksound aber gerade um diese Nachtzeit ganz hervorragend auf den Platz. Und so eine "geile Stimme!" ("I didn't understand that. What did he say?") wie das charismatische Organ des Dude hatte hier auch noch niemand gehört.

Hauptsächlich mit "Songs Of Flesh & Blood" gefüllt war ja eigentlich klar, dass dieser Auftritt ein Fest werden würde. Doch wie sehr sich die Performance von seiner großartigen Solo-Show unterschied, die ich vergangenes Jahr in Holland gesehen hatte, überraschte mich schon ein bisschen. Auf jeden Fall ist es in beiden Formen höchst lohnenswert, dem Botschafter Luzifers zu lauschen.

Ganz neue Stücke vom kommenden Album "Sex" gab es auch zu hören. Sehr lieblich und einfühlsam, dieses "Sex Dungeon (U.S.A.)".

King Dude schreibt übrigens exakt so lange Songs wie Twisted Sister. Denn fast immer, wenn der König Pause machte, hatte ein paar hundert Meter weiter unten auch Dee Snider etwas zu erzählen. Das wirkte schon fast wie abgesprochen. 



An dieser Stelle hätte ich im Nachhinein eigentlich auch schon sehr gut Feierabend machen können. Aber es standen ja noch zu herausfordernd später (bzw. schon wieder früher) Uhrzeit die female fronted german Thrasher Cripper auf meinem Zettel. Bis dahin waren es allerdings noch über zwei Stunden.

Von daher war dies also eine gute Gelegenheit, zum zweiten Mal das American Spirit-Armband zu nutzen und von einigermaßen bequemer Warte aus dem Set von Arch Enemy eine Chance zu geben.


Arch Enemy

Der Erschöpfungsschub wurde dann nur leider doch größer als erwartet und Arch Enemy...
Ach, ich würde sie ja gerne gut finden, schon weil Alissa White-Gluz durchaus eine super Sängerin und Bühnenerscheinung ist, aber ich verstehe einfach nach wie vor nicht, was das Ganze soll.
Vielleicht ist da für Death Metal (ist das doch irgendwie noch, oder?) einfach zu viel unnötiger Schnickschnack drumherum. Mich ließ es jedenfalls kalt.

Nein, wie waren schon zu kaputt, um es noch ernsthaft bis Cripper auszuhalten, also machten wir uns auf den mühseligen Weg zum Auto. Dabei stellte ich zunächst einmal fest, dass dieser Slot vielleicht doch noch eine gute Gelegenheit gewesen wäre, ein einziges Mal die Party Stage zu besuchen, denn auch wenn Metalcore ja eher ein Schimpfwort ist, schien mir das, was ich von Parkway Drive im Vorbeigehen mitbekam doch noch wesentlich besser zu fetzten als Arch Enemy. Aber was soll's, man kann nicht alles haben.


Durch die viertägige Kombination von kurzen Hosen und Gummistiefeln hatte sich auf meinen Waden inzwischen durch das immer mal ganz leichte Scheuern des Randes ein kleiner wunder Ring gebildet, der nun gerade bei jedem Schritt bergauf schmerzte, als würde mir ein kleiner Kobold mit einer Mini-Peitsche hinterher laufen.
Ja, so ein Wacken Open Air, das man das ganze Wochende über lässig in bequemen Schuhen abreißen kann, wäre eigentlich auch mal wieder dran!

Ob es nächstes Jahr allerdings überhaupt für mich dazu kommen kann, steht noch gar nicht fest. Die Preiserhöhung auf zweihundertzwanzig Euro pro Ticket ist bei mir nämlich jenseits der Schmerzgrenze. Da können die Begründungen auch noch so nachvollziehbar sein. Die Diskussion darüber würde hier jedoch den Rahmen sprengen.
Da versuche ich doch lieber, kurzfristiger an eine günstigere Karte zu kommen. Aber den Neupreis zahle ich definitiv nicht.
Bandwünsche für nächstes Jahr lasse ich deswegen an dieser Stelle auch weg. Am besten bleibt das Booking so unkreativ die die ersten Ankündigungen, dann fällt es mir leichter, mein Wacken-Budget vielleicht mal in ein anderes Event zu stecken.



Stattdessen meine diesjährigen Höhepunkte, sortiert nach Bühne:

True Metal Stage: Iron Maiden
Black Stage: Triptykon, Ministry
Party Stage: -
W:E:T-Stage: The Vintage Caravan
Headbanger Stage: Myrkur (knapp gegen Orphaned Land und Alcest)
Beer Garden Stage: The Goddamn Gallows
Wackinger Stage: King Dude
Wasteland Stage: Overthrust

+ Sonderwertung Wacken Metal Battle: Auðn




Preiset Jesus, preiset Luzifer, preiset den Moshpit und das Saxophon!

Amen.




2016-08-13

WACKEN 2016, Teil 3 : Pinguinmoshpit 69

Tag 2, Freitag, 05. August 2016


Overthrust auf der Wasteland Stage

Um 13:00 Uhr stand - wieder im Zelt des Bullhead City Circus - bereits die erste rot eingekringelte Band auf meiner Running Order.

Da wir aber bereits etwas vor der Zeit eintrafen, hatten wir zunächst einmal die erneute Gelegenheit, den Reiseerzählungen von Henry Rollins zu lauschen. Heute ging es u.a. um den bestialischen Gestank kopulierender Pinguine und wie er um Iggy Pop zu beeindrucken als erster Mensch inmitten einer Pinguinkolonie ein komplettes Stooges-Album gehört hat.

Jeder hat eben andere Lebensziele.


Der Weg Einer Freiheit

Danach betraten Der Weg Einer Freiheit die Headbanger Stage und jeder theoretisch mögliche Zweifel, dass man sich heute vielleicht zu früh auf den Weg nach Wacken gemacht haben könnte, verflog augenblicklich.

Mit diesem erlesenen elegischen Black Metal ließ sich doch sehr gut in den Tag starten. Leider hat die Band sich kürzlich von ihrem Bassisten getrennt, so dass dieser nur auf Konserve mitspielte. Da er so allerdings auch dezenter gemischt wurde, erwies es sich klanglich im akustisch schnell matschenden Zelt wahrscheinlich sogar als Vorteil. Die Show funktionierte auf jeden Fall trotz des Handicaps super und lud mächtig zu weiterer Beschäftigung mit der Gruppe ein.


The Vintage Caravan

The Vintage Caravan

The Vintage Caravan

Wo Isländer spielen, da lass dich vor der Bühne nieder! Das gilt nicht nur für die Black Metal-Szene des kleinen Landes, sondern vor allem auch für den aktuell wohl heißesten Scheiß von der Vulkaninsel, das vor Energie und Spielfreude platzende Powertrio The Vintage Caravan.

Im Vorprogramm der Blues Pills vor knapp zwei Jahren fand ich sie ja schon sehr respektabel, als Support für Avatarium im vergangenen November hatten sie allerdings noch eine mächtige Schippe nachgelegt. Und nun? Nachgelassen haben sie definitiv nicht! Nein, dass ist schon ganz schön dickes und wildes Rock'n'Roll-Brett, was die drei da auffahren. Die Entwicklungskurve dieser viel tourenden Band scheint weiterhin steil nach oben zu gehen.

Und auch wenn ich jetzt eigentlich versöhnlich gestimmt sein sollte, ärgere ich mich doch immer noch ein kleines großes bisschen, dass ich das Überraschungskonzert von The Vintage Caravan beim Roadburn Festival verpasst habe.



Danach ging es nach draußen, und während von der True Metal Stage die japanischen Urgesteine Loudness das Gelände beschallten, suchten wir uns einen Sitzplatz mit Beinbaumelfreiheit im Beer Garden, aus dem uns erst um halb vier der dicke Bembers mit seiner revolutionären, aber doch schnell verbrauchten Comedy-Formel laut=lustig vertrieb, was aber auch ganz gut passte, da drüben auf der Black Stage gerade Entombed A.D. ihr Neunziger-Jahre-Schwedendeath-Konzert begonnen hatten.


Entombed A.D.

Stell dir mal vor, dir fliegt beim Brüllen ein dicker Rotzfaden aus der Nase!

Ja, das ist unschön. Aber es geht noch weiter: Dieser Rotzfaden bleibt quer auf deiner Wange kleben, ohne dass Du es merkst. Und dann haften auch noch einiger deiner Haare daran fest. Aber da Du eh gerade schwitzt, im Adrenalinrausch bist und niemand dir ein Taschentuch reicht, bemerkst Du es nicht. Du bemerkst es eine halbe Stunde lang nicht. Und nicht zu vergessen: Du trittst gerade als Death Metal-Frontmann vor zehntausenden Leuten auf, die sich den Schnodder ebenso in Überlebensgröße auf den Videoleinwänden ansehen wie etliche Metalheads rund um die Welt, die das Konzert im Livestream verfolgen.
Und später widmen schlaumeierige Schreiberlinge deinem Rotz auch noch ganze Textabsätze!

Tja, just another day in the office bei Entombed A.D., der Band not to be confused with Entombed, because they obviously have some kind of queensrÿche-style legal drama going on.

Ich will ja gerne etwas über die Musik schreiben, die durchaus bockt, auch wenn ich nie der riesige Fan der Gruppe war, aber come on! Irgendwer muss bei so einem gigantischen Spektakel doch in der Lage sein, mal eben einen Sänger an den Bühnenrand zu winken und schnell das Gesicht abzuwischen! Für irgendwas muss der hohe Eintrittspreis doch gut sein! Danke, Merkel!



Overthrust
Overthrust

Als nächstes stand ein absolutes Novum für mich auf dem Programm. Zum ersten Mal seit dem Bestehen dieser Bühne (und das ist ja nun auch schon ein paar Jährchen) sollte ich mir gezielt eine Gruppe auf der Wasteland Stage ansehen.

Für Overthrust aus Botswana muss es der absolut unwirkliche Wahnsinn gewesen sein, noch in letzter Minute auf das Billing des Wacken Open Air geraten zu sein.
Dass dies nicht allein kraft ihrer Musik, sondern eher auf dem Anvil-Weg geschehen ist, nämlich mit Hilfe einer gerade hochgelobten Dokumentation über die Metalszene des nördlichen Nachbarlands Südafrikas, spielte hier für den Moment keine Rolle.

Klar, dies war jener rumpelige Death Metal, bei dem jeder Song gleich klingt, wie ihn damals in den Neunziger zahlreiche Gruppen gespielt haben, mit denen man selbst als tiefste Undergroundband die Bühne geteilt hat. Aber die Rumpeligkeit macht ja auch den Charme dieser Musik aus.

Zudem muss einem bewusst sein, dass es in Botswana überhaupt erst seit den Neunzigern eine Metalszene gibt und die Professionalität von daher sicherlich ab und zu hinter internationalem Standard hinterherhinkt. Was ja auch nicht immer schlecht sein muss. Aber wie gesagt - das war hier eh geschenkt.

Tatsächlich war der Auftritt von Overthrust eine von zwei Gelegenheiten an diesem Tag, an denen das beliebte - und schöne, da tatsächlich eben manchmal wahre - Klischee vom global völkerverbindenen Charakter der Metalszene mal ganz ehrlich und direkt spürbar wurde.

Und was man unbedingt noch erwähnen muss: Overthrust sind true as fuck. Oder true as Lemmy, denn so wie auf der Bühne laufen sie auch den Rest des Tages herum.

Die Metaller in Botswana sind oft gleichzeitig noch Cowboys und Biker, und so hat sich dort ein ganz eigentümlicher Ledermantelhöllencowboylook etabliert, was nicht nur beweist, dass man dort wenig hitzeempfindlich ist, sondern speziell diese vier schwarzen Musiker zu dermaßen dunklen Gestalten machte, dass sie selbst in Wacken noch in der Menge auffielen.

Also so ähnlich wie ich in meinem giftgrünen Haken-T-Shirt am Ende dieses Videos über Overthrust auf dem Wacken Open Air, haha.


Merchandising-Stand

Nach diesem Spaß hatte ich mir eigentlich keine absoluten Pflichttermine vorgemerkt. Die einzige Bühne, von der ich dachte dass sich ein Besuch vielleicht lohnen könnte, war die Black Stage, auf die wir also gemütlich zuschlenderten.


Eluveitie

Dieses Pagan Metal-Ding ist ja in seiner Verwandtschaft zum Pseudomittelaltergefiedel ein eher problematisches Genre, welches gerne zum Weglaufen einlädt.

Was Eluveitie aus der Schweiz in ihrer multiinstrumentalen Besetzung inklusive u.a. Drehleier, Flöte und Geige darboten, kann ich allerdings zum Glück nicht abwatschen. In diesem Gemisch aus mal räudigem, mal melodischem Death Metal, Folk und ganz akustischen Stücken zündete zwar nicht alles gleich gut, aber das allermeiste war wahrlich nicht von schlechten Eltern, selbst wenn es stilistisch mal nicht ganz meine Baustelle war.

Dass man sich bei Eluveitie nie ganz sicher sein, was als nächstes kommt, macht wohl den Hauptreiz der Band aus. Da kann man dann auch mal einen Gastauftritt von Liv Kristine am Mikro aushalten.

Also Eluveitie, ihr dürft bleiben, trotz Pagan-Tralala.


more german geht's kaum

*hach*

Is Nu Metal still a thing?

Deez Nutz, die gerade im Zirkuszelt spielten, als ich mal wieder dorthin zurückgekehrt war, klingen ziemlich genau so wie ihr Name verspricht. Aber es war ja zum Glück nach ein paar Minuten vorbei.


Orphaned Land

Bei der nächsten Band war ich vorsichtig skeptisch, da das letzte Studiomaterial, in welches ich reingehört hatte, mir doch sehr überproduziert vorkam.

Hätte ich mich doch mal eher an meine rundum positive Live-Erinnerung vom Wacken 2010 gehalten!

Orphaned Land aus Israel ließen nämlich von der ersten Sekunde an keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihr mit zahlreichen nahöstlichen Folklore-Elementen angereichter, anspruchsvoller Progressive/Melodic Metal hier vollkommen abräumen würde. Wenn schon beim ersten Stück das halbe Zelt durchgehend einen Takt mitklatscht, der nicht 4/4 ist, was soll dann noch passieren?

Es kamen für ein paar Lieder auch noch eine orientalische Sängerin und eine Bauchtänzerin auf die Bühne und nein, das wirkte überhaupt nicht aufgesetzt oder kitschig, sondern passte alles großartig zusammen! Und wo ich schon bei Gesang bin: Was der Frontmann mit seiner Stimme für Melodien spinnt, das sucht in der Metalwelt wohl vergebens seinesgleichen.

Orphaned Land bleiben eine großartige Liveband und wurden vom Publikum absolut begeistert durch ihr Set getragen.

Und natürlich meinte ich auch diese Show, als ich weiter oben von den zwei großen verbindenden Metalmomenten des Tages sprach. Orphaned Land sind ja seit Jahren große Überbrücker zwischen Menschen verschiedener Konfessionen, die nach dem Willen vieler Gruppierungen und Regierungen nichts miteinander zu tun haben sollten.

Und wenn im Publikum Fans mit israelischen und libanesischen Flaggen zusammen feiern, dann ist das einerseits vielleicht "nur" Metal, anderseits aber auch ein bewegendes und wichtiges Fuck You! in Richtung all jener Hetzer, die uns glauben lassen wollen, dass irgendeine Staatsangehörigkeit, Religion oder was auch immer eine Gruppe Menschen besser oder schlechter machen kann als eine andere.

Amen.


Insidious Disease

Insidious Disease

Insidious Disease

Insidious Disease

Nachdem Orphaned Land ihren Siegeszug beendet hatten, lichtete es sich zunächst merklich im Zelt.

Dafür kamen nun die Bekloppten, denn der Moshpit rief.

Den auch hier gepflegten Pit-Trend, auf dem Boden sitzend ein Ruderboot zu bilden, hatte ich an dieser Stelle bereits am Mittwoch beobachten dürfen, ich glaube bei Legacy Of Brutality.

Doch was sonst noch während des kompletten Auftritts von Insidious Disease hinter der dritten Publikumsreihe abging, das war schon ein Fest für den Naturfilmer. Ich persönlich finde so eine Actionzone aus Freaks vor mir ja sowieso unterhaltsamer und angenehmer, als ständig wegen von hinten anrauschenden Crowdsurfern in Alarmbereitschaft sein zu müssen.

Und wenn sich der König der Pitkasper ständig seinen nackten Arsch versohlen lassen muss, während ein Typ im Bananenkostüm um ihm herumläuft, dann weiß man jedenfalls, dass die Stimmung stimmt.

Die Musik war übrigens auch sehr gut. Wieder einmal Oldschool Death Metal, und doch anders als der andere Oldschool Death Metal, den wir bisher auf dem Festival gehört hatten. So präzise und gnadenlos brutal und erfahren hatte in dieser Richtung hier vorher noch keine Band geklungen.

Und vor allem das Mördderorgan am Mikrofon suchte seinesgleichen, gehörte es doch niemand geringerem als dem großen alten Mann des deutschen Oldschool Death Metals, Ex-Morgoth-Grunz- und Brüllmaschine Marc Grewe. 

Seine Ex-Band hatte genau an dieser Stelle letztes Jahr vielleicht die beste Show des Festivals gespielt. Dafür reichte es bei Insidious Disease mangels legendärer Klassiker im Set natürlich nicht. Verstecken muss sich Grewe mit seiner neuen Gruppe aber auch ganz und gar nicht.

Und dies gilt natürlich erst recht für den wunderschönen borderline-debilen Moshpit!


Alcest

Nur Minuten nach diesem Spektakel ging es auf der anderen Bühne wieder mal ganz anders mit Kontrastprogramm weiter.

Im großen Bild meines Festivaltages knüpften Alcest musikalisch dort an, wo etwa acht Stunden zuvor Der Weg Einer Freiheit aufgehört hatten, also mit einer Mischung aus extremem Metal und hier noch viel verträumterer Atmosphäre.

Ihr Label spricht bei der Musik der seit Anfang des Jahrtausends aktiven Franzosen von Blackgaze, also der Kreuzung aus Black Metal und Shoegaze, was inhaltlich schon durchgeht, von vielen Fans aber aufgrund der phonetischen Übereinstimmung mit "Black Gays" eher als Witz verstanden wird.
Nennen wir's doch einfach Post Black Metal!

Ich fühle mich von diesen Genrevorreitern in gleichen Teilen an Jesu, Russian Circles und Botanist erinnert. Schade war nur, dass der Bass ein bisschen zu sehr dröhnte.

Im November sind Alcest auf Co-Headlinertor mit Mono in Deutschland unterwegs. Da bin ich auf jeden Fall dabei!


Nun erst einmal durchatmen.

Wow! Orphaned Land, Insidious Disease, Alcest - was für ein Dreierpack, der absolute Hattrick des Festivals!

Sector


Jetzt hieß es aber dringend, mal wieder für eine Weile einen Sitzplatz zu finden, denn dieses stundenlange Stehen und Gehen bei den nach wie vor anstrengenden Bodenverhältnissen (auch wenn das Wetter heute den ganzen Tag über Spitze gewesen war) ist schon Hardcore.

Im Wacken Village fand sich eine Bank mit Blick auf die Wasteland Stage, auf der gerade die hamburger Industrial-Metaller Sector spielten.

Wenn man sagt, dass ich in diesem Genre seit Mitte der Neunziger jenseits der etablierten Größen nichts Bemerkenswertes mehr getan hat, dann waren Sector wohl ein Indiz für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Inspiriert oder spannend war an der Musik nicht viel bis gar nichts.

Anderseits war sie auch nicht unhörbar - und viel anspruchsvoller darf es nachts auf dieser Bühne wohl gar nicht zugehen, da die Musik in erster Linie sowieso als Begleitung der sie ständig übertönenden, riesigen Flammenwerfershow ringsherum dient.

Schön warm wurde es zumindest.


Ihsahn
Bis auf der Black Stage das Industrial Metal-Original Ministry aufspielte, war es noch etwas hin, so dass Zeit blieb, einen Blick auf die Headbanger Stage zu werfen, wo Emperor-Kopf Ihsahn gerade bewies, dass er jenseits aller Schubladen einfach mal in jedem Song spielt, worauf er gerade Bock hat.

Ist nicht schlecht und einigermaßen visionär, aber so richtig erreichen konnte er meinen Geschmack dabei nicht immer. Vielleicht war es auch meine Tageslaune. Ich würde ihn mir bei Gelegenheit jedenfalls durchaus wieder anschauen.



Als wir uns wieder vor den Hauptbühnen eingefunden hatten, war dort noch ein Wacken-Dauergast der schlimmeren Sorte zu Gange und ich beneidete meinen Bruder ganz ehrlich um seine Unkenntnis, als er Blind Guardian nicht am "Bard's Song" erkannte.
Manche furchtbaren Dinge sollte man vielleicht einfach gar nicht an sich heran lassen.

Danach spielten sie noch zwei Stücke, und mich schüttelt es bei dem Gedanken, dass diese - da ja schließlich als Finale der Setlist platziert - tatsächlich zum besten / beliebstesten zählen sollen, was diese Band je auf die Welt losgelassen haben soll. Ich glaube, das waren sogar die musikalisch schlimmsten Minuten des Festivals. Aber einer muss sich ja darum kümmern, wenn Tobias Sammet nicht da ist.

Ministry

Ministry

Ministry


Klappe zu, Hansi Kürsch, Zeit für das Finale!

(Denn darüber, dass wir Testament von 02:00 bis 03:00 Uhr nicht mehr durchstehen würden, herrschte schon lange Einvernehmen.)

Uncle Al Jourgensen lud zur Bush- und neuerdings natürlich auch Trump-Bashing-Stunde ein.

Während das Wetter in einem Anflug von Verarsche nun doch noch einmal so tat, als bräuchte man eine Regenjacke, begannen Ministry ihr brachial repetives Set mit einer ganzen Reihe neuer Stücke - wobei das Album "Rio Grande Blood" ja auch schon zehn Jahre auf dem Buckel hat - und fuhren damit ganz souverän.

Trotzdem warteten natürlich alle auf die Klassiker der großen Jahre von 1988 bis 1992. Und tatsächlich begannen nach knapp der Hälfte des Sets die großen Land Of Rape And Honey / Terrible Thing / Psalm 69-Festspiele: "Psalm 69", "N.W.O.", "Just One Fix", "The Missing", "Deity", "Thieves", "Stigmata", "So What". Halleluhjah! Praise Jesus!

Auch wenn ich persönlich ja auch noch Lust auf "Filth Pig" oder was von "Twitch" gehabt hätte; mehr Fanservice kann man von einer Band gar nicht verlangen. An geballter Kultsongpower war diese Show am Ende jedenfalls nicht zu schlagen.


Meine absoluten Highlights auf der Black Stage (und auf der Wackinger Stage, auf der Beer Garden Stage und auf der Headbanger Stage!) sollten mich allerdings erst morgen noch erwarten.

Mehr dazu (plus Fazit und Ausblick auf nächstes Jahr) dann in meinem letzten Bericht in den nächsten Tagen, hoffentlich noch vor dem nächsten Clubkonzert am Mittwoch.