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2023-12-04

Sulatronischer Farbrausch mit CITRUS CITRUS, DIM ELECTRICS, SUN DIAL und ZONE SIX


Herr Bassana hat mit seinem Label in den letzten Monaten ein paar verdammt hochwertige Alben in die Psychwelt entlassen - und ich habe es verpennt? Nein, das nicht. Aber man kommt ja zu nichts, weswegen ich mal wieder ein bisschen spät dran bin.

Dafür gibt es jetzt ein ganzes blumenbouqetbuntes Quartett an Platten zu besprechen. Alle vier sind auf CD und/oder recyceltem Vinyl auf sulatron.com zu haben.
Hören wir uns davon doch zunächst einmal das neue Werk von Herrn Schmidts langjähriger Kapelle Zone Six an, in der er selbst für Bass und Synthesizer verantwortlich ist:




ZONE SIX - Full Mental Jacket (2023)

Alter, was geht denn hier ab? "Slingshot" rast und rifft los wie ein Dark Rock-Song der Marke Dool, nur mit exzessiven Space-Synthies statt Gesang. Und auch der Breakdown zu einem langen entspannteren Teil lässt die unerwartete Ähnlichkeit zumindest im Gitarrenspiel nicht verschwinden. Dazu kommt allerdings ein fortschreitend immer orientalischer klingender Krautklang und vor allem ein exzellentes, sehr doomjazziges Saxophon! Von seinem Mittelpunkt an baut der zwanzigminütige Track dann Schicht für Schicht immer weiter und weiter auf, ehe wieder als furioses Rockmonster zum Endspurt ansetzt.

Der exakt zehnminütige Titeltrack rollt dann noch etwas düsterer aus der Tiefe kommend und könnte in seiner breitwandigen repetitiven Macht leicht als Stück okkulter Heavy Psych-Riesenwüchsler wie Wolvennest durchgehen.
Der die Gesamtspielzeit von vierzig Minuten schließlich auffüllende "Chrono Trigger" führt zwar wieder mehr schwebende Elemente zum luftigen Abheben ein, doch es ist auch hier eine ziemlich dunkle Wolkenschicht am Horizont, durch die wir hindurchgleiten müssen.

So dringlich und intensiv wie auf dieser im März 2022 aufgenommen und später mit Overdubs komplettierten Platte haben wir Zone Six wohl noch nie erlebt. Respekt!






CITRUS CITRUS - Albedo Massimo (2023)

Eine etwas typischere Labelveröffentlichung im Sinne des psychedelischen Reinheitsgebotes mag das Debüt der Italiener Citrus Citrus sein, welches wirklich schwer mit irgendwelchen anderen Begriffen als einfach Psychedelic Rock zu bezeichnen ist. Hier und da lässt sich ein Einfluss durch Italoschlager oder - vermutlich realistischer - Library Music herstellen. Und in "Red Stone Seeds" lässt die Akustikgitarre uns das Mittelmeer besuchen, während "Fetonte" zunächst mit atmosphärischen Spaghettiwetsernvibes eingeleitet wird, es sich stürmischeren Klängen der Marke Karkara zuwendet. Orientalismen und gelegentlicher Gesang in mittlerer Tonlage oder Falsett sind auch am Start.

Ok, ein bisschen mehr als nur Psychedelic Rock fällt mir dann doch ein. Kein Wunder, denn dieses Album ist verdammt stark.

Das Coverartwork ist vielleicht nicht das geilste dieses flotten Vierers, doch musikalisch könnten sich Citrus Citrus hier durchaus als mein Favorit etablieren. Der Sound ist jung, frisch, hungrig und dynamisch, die Songs für Genreverhältnisse kurz und jeder in eine etwas andere Richtung unterwegs. "Albedo Massima" gibt mir ein hochfliegendes Wohlgefühl gleich mehrerer fernöstlicher Lieblingskrautgruppen. Großartig!






DIM ELECTRICS - Dim Electrics (2023)

Ja, sieht ein cooles trippiges Farbrauschcover aus!

Hört man sie z.B. während einer nächtlichen Autobahnfahrt direkt hintereinander, ist es zunächst gar nicht so offensichtlich, dass man nach Citrus Citrus nun schon beim nächsten Album gelandet ist.

Das österreichische Projekt Dim Electrics erweist sich dann allerdings doch als deutlich kosmischer, elektronischer und roboterhafter aufgestellt.
Das kann dann klingen als hätten A/lpace ihr Zimmer aufgeräumt oder als hätte man White Hills in ein Kraftwerk eingesperrt. Oder ich nenne einfach ganz konkret die Band, an die mich dieses Debüt tatsächlich am allermeisten erinnert. Dummerweise hockt diese Referenz in einem ganz knapp unerreichbaren Winkel meines Gehirns und weigert sich gerade beharrlich rauszukommen, obwohl ich genau weiß, dass sie da ist. Tja, dann muss es halt ohne gehen.

Hauptattraktion des Albums ist nach vier durchschnittlich siebenminütigen Stücken die mehr als doppelt so lange "Dream Reaction", eine elektronische Weltraumnebelfahrt über klassischem Neu!-Hallogallo-Beat. Die zielgruppenorientierte Marktanalyseabteilung von Sulatron Records sollte dies ganz klar als erfolgreiche Arbeit verbuchen.






SUN DIAL - Messages From The Mothership (2023)

Und zum Abschluss wird es nun noch einmal sehr viel gitarrenorientierter. Psych Rock mit deutlicher Betonung auf Rock, der hier und da in proggige Bereiche vordringt oder andeutet, dass man auch Metal spielen könnte, wenn man wollte. Könnte also im Grunde aus diversen Phasen der Diskographie von Motorpsycho herausgepickt worden sein. Was natürlich ganz und gar nichts schlechtes ist! Nur der Gesang quetscht sich - wie vorhin übrigens auch schon bei Dim Electrics - hier häufiger durch den Vocoder (oder artverwandete Effekte) hindurch.

Souveränes Zeug erfahrener Veteranen. Ich würde mir von den Engländern vielleicht noch ein oder zwei gewagter ausscherende Überraschungen innerhalb der neun Tracks des Albums wünschen. Muss aber nicht zwingend sein, also nö, ernsthaft meckern möchte ich hier nicht. Vor allem nicht, nachdem ich mich zum super spacigen Epilog "Demagnetized" wie der Faden einer kosmischen Garnrolle so schön tiefenentspannt in die interstellare Leere abgespult habe.








2022-07-23

Jetzt aber schnellschnellschnell! (feat. KEMPER NORTON, MIIRA, R.E.E.L. und ZONE SIX)



Auf meiner Review-To-Do-Liste ist in den letzten Wochen und Monaten einiges länger als geplant liegengeblieben. Irgendwie will ich das aber doch eines Tages abarbeiten, deswegen hier und heute eine kleine Sammlung von Veröffentlichungen, die (bisher) in digitaler Form ihren Weg zu mir gefunden haben:


KEMPER NORTON - Estrenyon (2022)

Präsentiert von Zona Watusa, dem gleichen Label, welches uns Blood Quartets "Root 7" bescherte, allerdings auf Kassette bereits ausverkauft, entführt uns Kemper Norton in die esoterische Welt der UFO-Sichtungen. Die nach Orten und Jahren angeblicher Besuche betitelten sieben Tracks sind stimmungsvoll minimalistische Collagen aus Feldaufnahmen, Ambient und Drone, die halt irgendwie zum Thema passen. Dazu könnte ich jetzt ehrlich gesagt auch gar keinen großartig längeren Text schreiben. Es ist ein bisschen bedrohlich, eher allerdings entspannend - und insgesamt ziemlich cool.






R.E.E.L. - Musick for Psychedelic Duelling Volume 2: Two Duels and No Submissions (2022)

Zona Watusa, die zweite. Zwei Kassettenseiten (ein paar Exemplare sind aktuell sogar noch vorhanden), zwei Longtracks, die aber eigentlich doch viele kleine Stücke sind. Allesamt Soundtracks zu imaginären Filmszenen. Horror, Sci-Fi, Phantasmagorika. Komisches psychedelisches Zeug in der Tat. Drogentrippige Geräuschkulissen. Fiepen, Zirpen, Klappern, Dräuen, Dröhnen, Schlagen. Atmosphärische Wellen und funky knarzender Synthwave.  Narration und Imagination. So Zeug halt. Oft sperrig, seltsam, aber interessant. Dann aber auch an unerwarteter Stelle sehr eingängig. Muss man nicht verstehen, sondern sich einfach nur wie Alex aus "Clockwork Orange" in Therapie entspannt berieseln lassen! Alles andere ergibt sich dann schon.





MIIRA - Wellness (2022)

Wir bleiben chaotisch, irgendwie, allerdings auf ganz andere Weise. Das Nürnberger Duo Miira spielt nur mit Gitarre und Drums ausgestattet erstaunlich vielfältigen, improvisationsbasierten Noise/Post/Drone-Rock. Roh, krachend, primitiv hier, atmosphärisch texturiert dort, und jederzeit bereit, überraschend vom einen zum anderen umzuschwenken. Swans, Big|Brave, NYOS, Wrekmeister Harmonies sind Namen, die mir dazu einfallen. Letztendlich spiegelt sich hier aber vor allem die spezielle Chemie zwischen zwei Musikern wieder. Das hat trotz allem epischen Monumentalismus, der hier zwischenzeitlich entsteht, etwas sehr wonnegefühliges an sich. Wie eine Wärmflasche für die Ohren.
Für mehr Gedanken, die ich mir bereits zum Album machte, verweise ich wieder einmal gerne auf meine andere Rezensionsspielwiese: I ALREADY WROTE AN ENGLISH REVIEW OF THIS ALBUM HERE FOR VEILOFSOUND.COM! 





ZONE SIX - Beautiful (2022)

Schon so lange ist es her, dass Herr Bassana mir freundlich die digitale Promo dieser zum fünfundzwanzigsten Bandjubiläum erschienen, limitierten grünen 10"-EP herüberschob, dass ich den Infotext dazu längst schon verschludert habe. Zum Glück gibt es ja dieses Internet. Die trockenen Fakten zu "Beautiful" sind, dass es sich um damals nicht veröffentlichte Aufnahmen einer kurzlebigen Besetzung inklusive der australischen Sängerin Jody Barry handelt, die erst zehn Jahre später, im Jahre 2007 auf einer Compilation zu hören waren. Hier sind die beiden Stücke, die sich zu einer Gesamtspielzeit von dreiundzwanzig Minuten addieren, nun also wieder, und es ist sicher nicht nur für eingefleischte Sulatronauten eine Freude, diese Songs wieder hören zu dürfen.
"Something's Missing" lässt tatsächlich nichts vermissen und klingt ein wenig wie eine lockerere, jamorientiertere Version von Archive. Ein Ansatz, den der Titelsong mit seinem Trip Hop-Groove und Dub-Hall sogar noch weiter treibt.
Insgesamt klingen die im Laufe der Jahre ja ohnehin einigen Wandlungen unterworfenen Zone Six hier mal ganz anders. Vielleicht ist dies ihre "poppigste" Inkarnation. Es ist auf jeden Fall sehr eingängig und hypnotisch.







2021-10-09

Sula-Trio mit ELECTRIC MOON meets TALEA JACTA, SULA BASSANA und ZONE SIX


Dave Schmidt aka Sula Bassana haut gut raus dieses Jahr. Aber da ich hier ja ohnehin zunehmend auf Sammelreviews setze, passt das natürlich. Da höre ich doch gleich in drei anstehende bzw. gerade erfolgte Veröffentlichungen gleichzeitig rein!

Hmm...  komischer Klangmus. Also doch hintereinander. Aber schnell, bevor das limitierte Zeug schon wieder ausverkauft ist!





ZONE SIX - Psychedelic Scripture (2004/2021)

Das älteste Album hier (auf dem Dave für Bass, Percussions und Flöte verantwortlich ist) ist die erste Doppel-LP-Pressung eines ursprünglich 2004 auf CD erschienenen, live improvisierten Werkes. Plus zwei Bonustracks von 1998, welche die Spielzeit von ca. 50 Minuten noch einmal um über zwanzig Minuten verlängern.
So space ambient waberig und blubbernd wie auf "Psychdelic Scripture" habe ich Zone Six selten gehört. Die Synthies sind hier Hauptdarsteller und das macht sehr viel Spaß. Wenn wir in Genre-Archetypen sprechen, dann steckt hier von der Stimmung her sicherlich eine Menge "Echoes"-Mittelteil drin. Im Grunde könnte ich mir das auch ohne große Rhythmik und Gitarrenbeteilung reinziehen. Ist aber natürlich beides auch dabei. Insbesondere "The Pipe Dream" entwickelt dabei geradezu einen funky Drive.
Die Bonustracks betonen dann noch mehr das "Rock" in Psychedelic Rock. Das dies andere Aufnahmen aus einer ganz anderen zeit sind, merkt man sofort, aber hey, ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die groß meckern, wenn auf einen halbstündigen Jazzklassiker noch Extras ganz anderer Bandbesetzungen gepackt werden, um die Rille vollzubekommen. Mehr gute Musik ist mehr gute Musik. Trippy! (Was auch sonst?)







SULA BASSANA - Loop Station Drones (2021) 

Basierend auf einer einfachen Grundidee und in mehreren, sogar in ihrer Entstehung auf Bandcamp nachverfolgbaren Sessions alleine zu Hause aufgenommen, sind die "Loop Station Drones" sozusagen das hässliche Schwesterlein (rein optisch, weil jemand wohl gerade keinen Bock auf Covergestaltung hatte, haha) der großartigen "CV Sessions".
Statt CV-Kabel-Modulation bilden auf den sieben Tracks dieses Albums nun Effektschleifen die Basis. Teilweise unterstützt von analogen Elektrokonservenbeats, improvisiert Sula mit Gitarre und alten Synthies sich hier bis auf wenige Overdubs live bis zur vollkommenen Entrückung wieder durch eine erstaunlich vielfältiges und doch stets unverkennbar seine Handschrift tragendes Klangmultiversum. Vom zum Roadburn Redux veröffentlichten Opener "Roadburn Haze" über die epochale "Karawane der Unsterblichen" bis zum "One Way" durch das "Stargate" manövrierten "Dopeshuttle" fällt kein Abschnitt dieser Reise ab. Dafür schlüpft man doch gerne in den Krautonautenanzug. Vor allem ist die Produktion der Sula Bassana-Soloalben ja mittlerweile auf einem überaus fetten Grundniveau angekommen - ein sehr voller, abgerundeter Hörgenuss.
LSD gibt es als CD getarnt bei Sulatron Records. Die Vinylversion erscheint voraussichtlich nächstes Jahr auf Pancromatic Records.







ELECTRIC MOON meets TALEA JACTA - Sabotar(2021)

Auch dieses Album wurde bereits zum Roadburn Redux angeteast. Es handelt sich um die Liveaufnahme einer im September 2019 gespielten, gemeinsamen Show von Electric Moon mit dem portugiesischen Duo aus Gitarre und Percussions Talea Jacta im leider zwischenzeitlich der Pandemie zum Opfer gefallenen "Sabotage"-Club in Lissabon.
Portioniert in drei Tracks stehen hier die Zeichen ganz und gar auf ungehemmtem Freakout. Mit viel wilder Trommelei, aber auch folkloristischen Einsprengseln und Arabismen gewürzt, brennt das Mondwürfelquintett ein Psych-Rock-Feuerwerk ab, welches die vierzig Minuten Spielzeit wie zwanzig vergehen lässt. Ganz ähnlich wie bei Electric Moons Kooperation mit Papir bleibt am Ende die Frage was, schon vorbei? und unbedingter Bock auf mehr davon.
Dass dieses Album direkt aus den Stereokanälen des Livemischpults gezogen wurde und nicht weiter gemixt werden konnte, hat ihm auf jeden Fall nicht geschadet. Die Energie dieses Zusammentreffens  wurde eingefangen, und das ist jenseits von allen Gedankenspielen, was wo vielleicht noch etwas optimiert werden könnte, was hier zählt.
Ganz starkes Teil! "Sabotar" erscheint am 19. November.






2019-12-26

ZONE SIX - Kozmik Koon

Kleiner Koonflikt. Ich bin gerade so schreibfaul, bzw. habe noch so viele andere Dinge vor. Anderseits will ich hier aber auch mal wieder ein paar Rezensionen abfrühstücken. Und dieses Ding ist so scheiße gut!


ZONE SIX - Kozmik Koon (2019)

Ja, fuck, Alter. Ich sag mal so... Wenn jetzt jemand bei mir ankäme und mich nach diesen Elektromondhippies auf Sulatron Records frug, die dort alle in drölf Konstellationen in verschiedenen Bands und Projekten unterwegs sind, und von mir wissen wollte, mit welchem Album aus diesem ganzen Gedöns ich starten sollten, dann würde ich momentan dieses Teil hier ganz klar an erster Stelle nennen.

Also knapp vor Sula Bassanas "The Ape Regards His Tail", dem letzten "richtigen" Studioalbum von Electric Moon, sowie ihren auch dieses Jahr erschienenen Live-"Hugodelia".

Ok, die Auswahl ist mittelgigantisch. Aber diese Dinger sind halt so richtig richtig gut.

Und Zone Six (diesmal mit Rainer Gitarre am Neef, Gesang Bass am Lulu Komet und Zeugs, sowie Herrn Schmidt am Schlagzeug und allem, was ihm so an Tasten- und Saiteninstrumenten vor die Füße gefallen ist) pflanzen ihren kozmischen Arsch ganz bequem mit auf dieses psychedelische Edelsofa.

Das Verhältnis aus Improvisationsgeist und gekonnt komponierten Arrangements scheint mir hier sehr fließend. Die Produktion lässt keine Wünsche übrig.

Tja, was soll ich noch sagen. Erste-Klasse-Aushängekraut. Besonders der Titeltrack und der einem verstorbenem Freund gewidmete "Song For Richie" haben es mir sehr angetan.

Und dass die zweite Hälfte des Albumtitels bei den Angelsachsen leider eine sehr ungünstige Konnotation hat, das hätte ich tatsächlich auch nicht gewusst. Mit c geschrieben steht dies nämlich nicht nur wie hier beabsichtigt für "Waschbär", sondern ist auch das britische Pendant zum N-Wort. Bisschen dumm gelaufen. Anderseits: Soll man sich von den Rassisten und anderen Idioten alle Worte klauen lassen?

Naja, gut gelaufen sind auf jeden Fall die bisherigen Verkäufe des Albums. Wer noch eine Schallplatte abernten möchte, der sollte sich jetzt wohl beeilen. 






2017-11-24

ZONE SIX - Zone Six

Jeder Rezensionstext ist mit mindestens einer Entscheidung verbunden, in welchem Umfang man den Erklär-Bär gibt, und was man als bekannt voraussetzt bzw. als nicht so relevant erachtet.

Und bei der Band Zone Six bin ich angesichts der komplexen Besetzungsgeschichte und der Einordnung innerhalb von Sulatron Records geneigt, so zu tun, als wüsste eh jeder bescheid. Denn auf den ersten Blick sieht das ähnlich kompliziert aus wie das Coverartwork dieser Wiederveröffentlichung ihres Debüts von 1997.


ZONE SIX - Zone Six (1997/2017)

Doch, ein wenig Erklärung muss sein. Zone Six sind eine frei jammende Psychedelic Rock-Band, deren Diskographie dementsprechend hauptsächlich aus Livealben besteht. Die Verbindungen bzw. personellen Überschneidungen mit Electric Moon sind unmöglich zu übersehen. Das war allerdings nicht immer der Fall war, existieren  Zone Six doch schon gute zwölf Jahre länger.

Die einzige durchgehende Konstante in den verschiedenen Phasen der Gruppe ist die Beteiligung von Dave Schmidt aka Sula Bassana, allerdings in verschiedenen Funktionen. Anfangs war er für den Bass zuständig, bis er diesen an seine Herzensdame Komet Lulu abgegeben und sich fortan wechselnd um Schlagzeug, Gitarre und Keyboards gekümmert hat.
Der nächste zentrale Postenwechsel, der die Band heute auch musikalisch am meisten prägt und von Electric Moon, die aktuell tatsächlich sonst identisch besetzt sind, unterscheidet, ist der Einstieg von Rainer Neeff an der Gitarre.

1997 war dies alles Zukunftsmusik. Man (= damals das Trio aus Schmidt, Hans-Peter Ringholz und Claus Bühler) hatte sich im August spontan aufgrund eines Konzertangebots im September gegründet und innerhalb einer Nacht einen Haufen Jams aufgenommen. Schmidt hat die Dinger dann noch mit ein paar Overdubs und Interludien gepimpt. Zusammengefasst zu zwei ausufernden Longtracks erschien das Ding dann in winziger Kassettenauflage, die direkt auf dem Konzert verkauft wurde.

Eine weiter überarbeitete Version dieser Sessions mit Gesang wurde im folgenden Jahr zum Debütalbum von Zone Six.

Die hier besprochene Wiederveröffentlichung (erhältlich auf CD oder grünem Vinyl) entspricht allerdings der ursprünglichen Version und stellt diese somit erstmals einer breiteren Hörerschaft vor.


Yep, im Gegensatz zu meinem letzten Sulatron-Review (Strobe "Bunker Sessions") habe ich diesmal das Infoblatt vorm Schreiben sowas von gelesen, haha.


Nun also zur Musik selbst. Überrascht hat mich der relativ große Dub/Reggae-Anteil dieser Improvisationen, dem auch der Raumhall der Aufnahmen am meisten zuspielt.
Daneben gibt es natürlich noch viel mit straighten Rockrhythmen unterlegten, krautigen Spacerock. Hier eine Spur spiritueller Indien, dort etwas cooler Western, verrührt in kosmischem Geblubber.

Von Passagen, die nach proggigem Jazz-Fusion-Zirkus klingen bis hin zu grobmotorischeren Stellen, in denen die Drums so richtig billig nach Low-Fi-Proberaummitschnitt klingen oder Rückkopplungen, denen man anhört, dass sie gerade nicht ganz so gelingen, wie der Instrumentalist es gerne hätte, sind hier neben den stilistischen Verschiebungen objektiv betrachtet auch einige qualitative Brüche zu erkennen. Vom nach einer stimmigen Dramaturgie suchenden, songwriterischen Standpunkt aus, ergibt das Ganze sicherlich auch nicht so viel Sinn, wie vieles, was die Gruppe später mit größerer Erfahrung veröffentlicht hat.

Aber gerade diese spontane Unvollkommenheit, die doch so riesiges Potential in sich birgt, macht auch den zentralen Reiz von "Zone Six" aus.

Das Album ist also sowohl ein interessantes Zeitdokument für jeden Six/Moon/Bassana-Fan und darüber hinaus mit Sicherheit bedenkenlos konsumierbares Ohrenfutter für die meisten Psych Spontis.

Prädikat: hat Atmosphäre und Momentum, macht Laune, mag ich.


Highlight: side B: 24:37