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2026-03-01

WAR - Venividiwar

Das nenne ich doch mal eine nette Überraschung zum Wochenende! Zunächst bekam ich eine Zustellbenachrichtigung, die ich trotz aktuell einigermaßen übersichtlicher Lage, was offene Lieferungen an mich angeht,  nicht so recht zuordnen konnte. Der Absender kam mir bekannt vor; woher wollte mir mein schlechtes Namensgedächtnis aber nicht verraten. Also ließ ich die Post einfach mal auf mich zukommen.

Es stellte sich zu meiner Freude dann als das bereits im Oktober erschienene, aber von mir komplett verpennte Debütalbum der mir seit November 2023 vom Pink Tank Festival in Kiel bekannten Leipziger War heraus. Nach der tollen Split mit Deibel nun also ein in Eigenregie veröffentlichter Tonträger der Doomgazer ganz für sich alleine.


WAR - Venividiwar (transparent yellow vinyl LP) (2025)

Stilistisch bleibt das Trio sich treu. Und warum auch nicht, umfasst die bewährte eigenständige Stilmischung doch bereits ein spannendes Klangspektrum mit hohem Wiedererkennungswert.

Man nehme den Gitarrensound von Yob, einen noch garstigeren, manchmal fast schon primitivemanschen Sludge-Bass und spiele variablen Doom Metal, der dem mal derben, zwischendurch aber auch mal atmosphärisch zurückhaltendem Grundsound neben gelegentlichem Hardcoregeshoute vor allem überzeugende Harmoniegesänge gegenüberstellt.

Insgesamt erinnert dies an diverse Phasen des japanischen Chamäleons Boris, vor allem aber den ähnlich von Shoegaze und Grunge inspirierten Doom von King Woman, hier nur eben in der andersgeschlechtlich und kollektiv gefronteten Knecht Mann-Variante mit stärkerem Stoner-Einschlag.

Geiler Sound, acht super Tracks, was will man mehr? Texte sind in einem stabil kartonierten Sheet dabei, das transparente gelbmarmorierte Vinyl sieht richtig gut aus...

Nur das Cover, welches mir an sich zugegebenermaßen gefällt, hat ohne Namensnennung des Künstlers diesen gewissen unschönen Beigeschmack, eventuell mit einer artifiziellen Kreativitätsdiebstahlmaschine gepromptet worden zu sein. Wäre schon schön, wenn ich mich hier irrte. Denn dieser sowohl gefühlsstarker als auch mächtig reinknarzender Scheiß hat schon eine visuelle Präsentation mit menschlicher Seele verdient. 







LUCY KRUGER & THE LOST BOYS - Pale Bloom

After Kabasse, Martin Stürtzer, Ponte Del Diavolo and Work Money Death here's yet another great album that has been released on my birthday this year. I got it directly from Lucy Kruger & The Lost Boys' merch table after their electric show on the MS Stubnitz last Wednesday.

And oh boy, it looks like I might have a whole discography to catch up on now!


LUCY KRUGER & THE LOST BOYS - Pale Bloom (transparent vinyl LP) (2026)

The most prominent impression about "Pale Bloom" - even before any thoughts about the album's genre arise - is that it's a collection of eleven evocative pieces of intriguing poetry put into captivating songs. And even in passages when the music intentionally sounds less inviting than during most of the running time, the singer's voice always draws you into the narrative with its warm tone, its captivating diction and presence. And while the music doesn't step back into a subsidiary role at all, it's always purposefully arranged to hand the stage over to Kruger's charismatic performance.

She reminds me of other singers, but mostly just in certain moments and details. Whenever she ends a word going from a deep to a slighty squeaky tone, it throws me to Milla Jovovich's only music album "The Divine Comedy" from 1994. The sonic surroundings are too Post Punk for Angel Olsen, not Pop enough for Lana Del Rey, not Post Metal enough for A.A. Williams - and of course Blixa Bargeld has a completely different voice, even though some almost spoken verses like in "Ambient Heat" have a certain recitative  Einstürzende Neubauten quality to them. That feeling however may be subconsciously amplified by the fact that the South-African artist's band is based in Berlin.

Lucy Kruger & The Lost Boys live 2026
And overall Lucy Kruger & The Lost Boys' mixture of  Psychedelic Folk, experimental Art Pop, Post this and that Ambient and Noise Rock indeed - and definitely in a good way - just feels very Berlinese. Which is an English word I surely just officially used for the very first time in my life.

They're not going for a similar amount of heaviness and distortion, but for me personally in terms of drive, artistic strength and clarity as well as mesmerizing vibes and emotional depth "Pale Bloom" very much fills the blank which the indefinite hiatus of  Esben And The Witch after the release of "Hold Sacred" left.

All in all - be it live or recorded - Lucy Kruger & The Lost Boys deliver a perfectly crafted both raw and delicate, yet without a doubt addictively beautiful experience.
The packaging of the record is nice and extra transparent, not only with see-through vinyl, yet also a lyric sheet printed on tracing paper. Nice!






2026-02-27

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS und JUNOKILL live auf der MS Stubnitz, Hamburg (25. Februar 2026)


Vielleicht sollte ich Konzertberichte grundsätzlich ohne vorangestellten Verkehrsbericht beginnen. Ich habe nämlich so ein bisschen das Gefühl I've jinxed it, wie der Angelsachse sagen würde.

Zehn Tage vor dieser Show hatte ich ja auf dem Weg zu Wyatt E. einen denkwürdigen Beinahe-Zusammenstoß in einer Einbahnstraße in Itzehoe. Diesmal - wieder mit Destination MS Stubnitz - war der Trottel in Hamburg unterwegs und leider erfolgreicher. Und dummerweise war der Trottel diesmal auch noch ich selbst. Ich werde die Details meines Idiotentums jetzt nicht detailliert ausbreiten, aber ich sage mal so: Auch wenn ich nach dem Rumms noch easy rechtzeitig an Bord ankam, kann ich leichten Schock mit Blechschaden vor Besuch einer Musikveranstaltung nicht empfehlen. Macht es echt schwieriger, in die Show reinzukommen, wenn einem immer wieder ärgerlich stressige Gedanken dazwischenschießen und einen aus dem Film reißen. (⭐🟊🟊🟊🟊 1/5 Sterne)

Und ich hatte gedacht, mit den drei Stunden Wartezimmer für fünf Minuten Kontrolltermin beim Augenarzt am Vorabend war der Tiefpunkt der Woche erreicht gewesen...
Eines war an diesem langfristig teurem Tag auf jeden Fall klar: Aus meiner Sicht mussten die Künstler besonders dringend überzeugend abliefern, um eine Chance zu haben, die persönliche Erinnerung an diese Mittwochnacht noch zu drehen.





JUNOKILL
Junokill gingen diese Aufgabe schon sehr bemüht an, konnten das zufällige fiese Hineingrätschen meines mich selbst beschimpfenden Hirns alle paar Minuten allerdings noch nicht abstellen. Das kann ich den sympathischen Hamburgerinnen aber natürlich nicht vorhalten.

Da meine Hausaufgaben bezüglich des Supportacts nur sehr sparsam gewesen waren - und sich in meiner Erinnerung vielleicht auch noch mit etwas anderem vermischt hatten -, hatte ich tatsächlich nicht einmal eine Band, sondern eher ein deutlich elektronisch geprägteres Soloprojekt der Sängerin/Gitarristin/Keyboarderin erwartet. Stattdessen spielte jedoch ein komplettes Trio, zum erstes Mal in der aktuellen Besetzung, was man an ein paar Stellen auch noch in kleinen Unsicherheiten im Zusammenspiel hören konnten, die sie im Laufe der aktuell noch andauernden Tour sicherlich noch ausbügeln werden.

Die Qualität der Musik im Ganzen überstand diese kleinen Schnitzer aber leicht. Astro Punk lautet  die eigene Bezeichnung der Musikerinnen für ihren Stil, was inkorrekt ist, wenn man es als Mischung als Space Rock und Punk zu wörtlich nimmt, anderseits aber sehr gut passt, wenn man es als Bandbreite begreift, die Alternative Rock, Dream Pop, durchaus auch etwas Post Punk und Post Rock einschließt. Vor allem aber taugten die Songs einfach, ganz unabhängig davon, welche Schublade man für sie aufzog.

Eine sehr feine Einstimmung!








LUCY KRUGER & THE LOST BOYS

Die südafrikanische Wahlberlinerin Lucy Kruger hat sich schrittweise an mich herangeschlichen. Zuerst begegnete sie mir während der Vorbereitung aufs Roadburn Festival 2024, wo ihre Show leider nicht in meinen Zeitplan passte. Dann hier Gast auf einem Song vom letzten Spill Gold-Album, dort Backing Vocals auf der letzten Swans... und nun auf der Stubnitz mit einem an meinem Geburtstag erschienenen neuen Longplayer im Gepäck - da konnte ich nicht nein sagen. Zum Glück! Wenn wir den beschissenen Teil des Abends mal ausklammern natürlich - was während der nächsten ca. achtzig Minuten (?) dann tatsächlich doch unerwartet grandios funktionierte.

Lucy Kruger & The Lost Boys sind eine tatsächlich ohne Jungs-Überschuss geschlechtergemischte, insgesamt fünfköpfige Formation aus Drums, Bass, Violine und Gitarre plus die oftmals ebenfalls Gitarre spielende Sängerin. Musikalisch könnte man viele Stichworte von weiter oben bei Junokill wiederholen, käme allerdings klanglich auf ein deutlich anderes Ergebnis. Zudem würde ich hier auch deutlich mehr Einflüsse aus Folk, Ambient und psychedelischem Noise Rock verorten. Vor allem aber machten Erfahrung, Zusammenspiel und die Ausstrahlung der Frontfrau den entscheidenden, den Abend noch auf ein ganz anderes Level hebenden Unterschied.

Gesichert durch eine tighte Rhythmussektion mit einem sehr geschmackvoll kreativen Drummer ließ die Band musikalisch schon einmal gar nichts anbrennen. Und Lucy Kruger hat einfach das gewisse it, diese nicht erlernbare Attitüde und Energie, die gleichzeitig rebellisch herausfordernd, hypnotisierend und verletzlich sein kann. Und die sich vor allem auch immer authentisch anfühlt.

Das Set, welches das komplette "Pale Bloom"-Album und weitere Stücke inklusive dem Hit "Auditorium" enthielt, wusste zu fesseln, den Kopf mit Katharsis zu fluten - und verging absolut wie im Fluge. Ich kann diese Show nur unzulänglich beschreiben, aber verlorener Junge, was für eine großartige Band!

Auch wenn mir aus Gründen gerade nicht so nach shoppen war, wurde nachher zumindest das frische Vinyl am Merch eingesackt.

Das entgültige Urteil über die Erinnering an diesen Tag steht natürlich noch aus, aber egal, um wieviel Geld es bei meinem Crash letztendlich geht: Zu diesem Konzert zu fahren bleibt im Rückblick immer noch die richtige Entscheidung! (Was ich nebenbei auch positiv herausheben möchte, dass ich mit einigen meiner Harinezumi-Spielzeugkamerafotos vom Abend auch überdurchschnittlich zufrieden bin.)