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2026-10-04

KING WOMAN und C✩CKSTAR: THE SEX MESSIAH live im Betty, Hamburg (02. Oktober 2026)

Diese Tour kam schon seltsam aus dem Nichts. Kein neues Album in Sicht, aber trotzdem haben King Woman einfach mal fünf Jahre "Celestial Blues" gefeiert. Ok, Moment... da war doch was. Ja, als das Ding rauskam, war der Livebetrieb ja großflächig ausgesetzt. Hier wurde also nur ein überfälliges Gastspiel nachgeholt - und der Besucherzuspruch im Betty zeigte, dass viele Fans sehnsüchtig darauf gewartet hatten.

Für mich wartete aber erst einmal das Hindernis des digitalen Einlasses. Da ich die Handyabhängigkeit in diesem Moment nicht mag, drucke ich mir Konzerttickets nach Möglichkeit immer aus. Diese Möglichkeit gab es aber diesmal nicht. Und schon stehst Du da mit geöffneter ticketmaster-Seite, aber dein QR-Code wird nicht akzeptiert. Du lädst dir also die scheiß App herunter, und der Download dauert länger als irgendetwas zuvor in deinem Leben. Und als du sie endlich installiert hast, entstehen Zivilisationen und vergehen wieder, während du versuchst, dich in der App einzuloggen. Zum Glück war ich nicht alleine mit Einlassproblemen und es stellte sich heraus, dass die Veranstaltung auf Veranstalterseite noch nicht komplett ins System eingepflegt war. Es klappte dann also doch und ich konnte die App gleich wieder löschen.

Ob das Einloggen jemals geklappt hätte? Das werde ich wohl genauso wenig erfahren wie ich jemals den Instagram-Kanal des Künstlers wiederfinden werde, der den Abend eröffnete.






C✩CKSTAR: THE SEX MESSIAH
Und mit "der" Künstler habe ich auch schon das Problem, welches mir ein auf Englisch verfasster Text durch die Neutralität der Sprache  erspart hätte. Ich erinnere mich, dass es sich bei Cockstar um das Metal-Projekt eines französischen DJs handelt, aber ob die Geschlechteridentität weiblich ist, oder ob die Designierung Typ ist und es sich um eine provokante Dragnummer handelt - ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hilft der wenig subtile Name nicht dabei, irgendwelche Infos online (wieder) zu finden.

Musikalisch war an diesem mit einer halben Stunde weder zu lang noch zu kurt bemessenen Soloauftritt vieles vorproduziert, (häufig noch geloopte) Gitarre und stark verfremdter Gesang wurden aber live dargeboten. Stilistisch würde ich es Industrial Metal mit EBM-Anflügen bezeichnen, auf jeden Fall ein ähnlich deutlicher Trip in die Neunziger wie die nu-metal-lastige Musikauswahl, die vor der Show vom Band lief. (Ok, Evanescence sind frühe 2000er...) Der verzerrte Gesang ähnelte meistens im Grunde dem Refrain von Ministrys "Scarecrow".

Ich würde mir dafür auf Konserve kein Bein ausreißen, aber als Einstimmung hier war C✩ckstar: The Sex Messiah eine ganz ordentliche, launige Nummer.








KING WOMAN
Sind King Woman die größte Hitmaschine unter den shoegazigen Doombands? Wenn man erlebt, wie viele Kracher die Gruppe um die eigenwillig charismatische Sängerin Kristina Esfandiari mit nur zwei Alben von stinknormaler Spielzeit live zum besten gibt, dann muss man schon ganz klar attestieren, dass die New Yorker auf dem Songwritingniveau von Chelsea Wolfe oder Rebecca Vernon (The Keening, SubRosa) operieren. Und dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob das Debüt "Created In the Image of Suffering" in der Setliste überhaupt berücksichtigt wurde, während von "Celestial Blues" wirklich alle neun Tracks, allerdings nicht in Tonträgerreihenfolge) vertreten waren.

Egal ob "Coil", "Golgotha", "Psychic Wound"... Die Reaktion auf den stark von Grunge und Post Metal beeinflussten Sound der fünfköpfigen Band war von Anfang an frenetisch und insbesondere Esfandiari nahm diese Energie dankbar auf und stärkte die Verbindung noch durch Ausflüge ins Publikum. Im Finale, einer extralangen Version von "Morning Star" und dem Stone Roses-Cover "I Wanna Be Adored" als Zugabe gab es dann gar kein Halten mehr und der ganze Raum überquerte gemeinsam die Brücke zur absoluten Doom-Glückseligkeit. Wow, was bin ich froh, hinter dieser großartigen Gruppe endlich das Live-Häkchen gesetzt zu haben!
Hoffentlich kann man das in nicht allzu ferner Zukunft, gerne dann mit neuem Album im Gepäck, wiederholen.

[Nicht spielzeugfotografisch festgehalten, aber der Fashion Blogger in mir sagt, dass ich es erwähnen soll: Zehensocken? Alter Hut! Zehen-Schuhe? Von gestern! Zehen-High-Heels? Willkommen in der Zukunft! Da kann Mugatus Klavierkrawatte einpacken.]   










2026-10-03

CORONER, SCHIZOPHRENIA und TAR POND live im Knust, Hamburg (30. September 2026)


Ich weiß gar nicht, wie ich dies angemessen einleiten soll. Die Schweizer Technical-Thrash-Metal-Legende Coroner - ich hatte sie zuletzt zwei Mal kurz nach ihrer Live-Wiederauferstehung gesehen, auf dem Roadburn Festival und in Wacken. 2012 war das, also auch schon wieder bereits vierzehn Jahre her!

Die letzte Chance, das Trio (plus Live-Keyboarder) auf einer norddeutschen Clubbühne zu sehen, liegt allerdings länger zurück als sich sogar Bassist/Sänger Ron Broder korrekt erinnern konnte, nämlich satte 33 Jahre!

(Ich glaube, ich habe sie damals nicht gesehen, denn auf so vielen Shows war ich damals als Teenager noch nicht - aber wissen tue ich es tatsächlich nicht. So lange her ist der Scheiß! Gut, dass ich meine Konzertbesuche heute alle hier protokolliere.)

Und nun kamen sie also endlich wieder nach Hamburg, mitten in der Woche, auf die für ein Tourpaket aus drei Bands eigentlich zu kleinen Bühne des Knust. Und sie hatten zwei starke Support-Acts dabei, die beide genauso klangen, wie ihr Bandname versprach...



TAR POND
"Teerteich" - Mir kam der Name von Anfang an bekannt vor, aber zuordnen konnte ich ihn nicht. Wahrscheinlich sind sie über Prophecy Productions, die ihr jünstes Album veröffentlicht haben, schon einmal über den Weg geschlichen.
Tatsächlich gehören Tar Pond mit zur Züricher Metalfamilie des Headliners, gegründet u.a. vom (inzwischen ehemaligen) Coroner-Schlagzeuger Marky Edelmann und niemand geringeren als dem vor der (daraufhin um Jahre verzögerten) Veröffentlichung des Debütalbums verstorbenen Celtic Frost-Bassisten Martin Eric Ain.

Vor der Show von Tar Pond wusste ich all dies nicht. Musikalisch habe ich in ihrem minimalistischen, super langsamen und traurigen Doom-Sound allerdings schon Verwandschaften gehört, erinnerte mich die Zähigkeit und Konsequenz doch an eine Mischung aus Winter und der Frost-Nachfolgeband Triptykon mit einer Spur von Fields Of The Nephilim-Atmosphäre, während ich den gequält melancholischen Gesang irgendwo zwischen Steve von Till und - schon wieder in der Familie - Thomas Gabriel Fischer verortete.

Auch wenn es auf der Bühne noch so eng war, dass der Bassist zwischendurch versehentlich einen Beckenständer umschmiss, fühlte sich der Raum zwischen den Noten und Versen doch gigantisch groß an. Zäh und heavy hatte ich angesichts des Bandnamens ja erwartet. Aber in welcher Ausführung dies geboten wurde, das überraschte mich schon. Was für eine Entdeckung! 








SCHIZOPHRENIA
Die größte Überraschung an Schizophrenia war, dass es sich bei der nach dem Sepultura-Album benannten Band nicht um Brasilianer, sondern um Belgier handelte. Denn nicht nur optisch war die Gruppe in die Achtziger zurückgereist, sondern auch ihr Sound war eine leidenschaftliche Verbeugung vor klassischem südamerikanischem Thrash Metal mit schwarz- bis todesmetallischer Färbung. Wildester Rübeschüttelsound inklusive ruppiger Tempowechsel und sogar Grindattacken.

Eine Thrash-Band, bei der es absolut passte, dass sie ein Cover von Morbid Angels "Maze of Torment" zum Besten gab - was kann man daran nicht mögen? Gekonnte Old School-Dauerattacke mit spürbarem Bock auf die Sache. Geil!








CORONER
Nach der letzten Umbaupause war dann endlich mal ein bisschen Platz auf der Bühne. Musikalisch allerdings wurde es erwartungsgemäß so tight, dass kein Blatt Papier zwischen die göttlichen Grooves, Thrash- und Prog-Metal-Passagen passte, welche Coroner ins dankbare Publikum feuerten.
Die Rhythmussektion aus Drummer Diego Rappachietti und Ron Broders fetten Fingerbassspiel konnte alles, Daniel Stössel brachte an Keyboard und Samples reichlich subtile Atmosphäre ins kompakt brutale Geschehen - und so atemfrisch cleane Gitarrensoli wie von Tommy Vetterli hört man wahrlich nicht alle Tage aus einer Konzert-PA wohlklingen.

Nicht rundum perfekt (denn das ging angesichts der begrenzten Zeit der Performance natürlich nicht), aber schon sehr großartig war die gebotene Songauswahl, die alle Alben einschloss, wobei der Fokus vor allem auf den neuen Werk "Dissonance Theory" lag, "Mental Vortex" mit drei und "No More Color" sowie "Grin" mit jeweils zwei Beiträgen aber auch nichts zu meckern hatten.
Klar, gerade von meinem Liebling, dem letztgenannten "Grin", hätte ich natürlich gerne noch x Stücke mehr haben können, aber es war ja nun einmal alles super. Und wer bereits den Titeltrack und "Serpent Moves" bekommt, kann sich ehrlich gesagt kaum beschweren. Überhaupt fiel mir positiv auf, wie sehr die Fans alle Phasen - egal ob die frühen Alben, die grooveorientierten Neunziger-Stücke oder das ganz frische Material - im gleichen Maße gefeiert haben. Es war auch einfach alles saustark.

Ein bisschen Schade war's schon, aber so eine Show muss auch irgendwann zu Ende gehen, zumal ein großer Anteil des Publikums angesichts des Alters und der langen Abwesenheit der Band ja der Generation Papi darf jetzt wieder unterwegs sein angehörte. Und wenn diese Generation sich an die Existenz von Moshpits erinnert und einem in der ersten Reihe immer wieder massive Exemplare in den Rücken rauschen, dann weiß nach einer Weile auch, wofür man sich vorher die Stärkung im Bunker Döner gegönnt hat.

Das gab ein paar kleine blaue Fleckchen, die ich für diese Spitzenunterhaltung aber gerne in Kauf genommen habe.

Also Coroner: Bitte nicht erst wieder in dreiunddreißig Jahren, wenn Hamburg längst unter Wasser liegt!