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2018-11-15

MOEWN - Ad Astra

Die Maritim-Postrocker Moewn haben sich dieses Jahr ja leider auf den Grund des Ozeans zurückgezogen. Zum Abschied gibt es auf Bandcamp aber noch das nach "Acqua Alta" und der als Split-LP mit Camel Driver veröffentlichten EP "Aestus" ein posthumes Album zu hören.

Auf Wunsch von Fans soll das Ding nun auch in kleiner Vinyl-on-demand-Auflage veröffentlicht werden. Für fünfzehn Euro (plus Versand) kann man sich noch bis Jahresende eines der zweihundert Exemplare (inkl. Download) sichern, welches dann voraussichtlich im März aus dem Presswerk kommen soll.


MOEWN - Ad Astra (download / LP pre-order) (2018)

"Ad Astra" setzt die Entwicklung der Vorgängerwerke fort, d.h. es kommen zwar durch aus noch heavy Riffs vor, doch insgesamt geht die Musik deutlich weg vom grob Brachialen, hin zum elegisch Verträumten.

Wie letztes Jahr live zu sehen hat sich zu Bass, Gitarre und Drums ein Synthie-Spieler als vollwertiges Bandmitglied gesellt. Besonders auffällig in den Vordergrund drängen die Elektroklänge nicht, doch sie addieren stets eine zusätzliche atmosphärische Schicht zum bekannten Moewn-Sound.

Nach wie vor erfinden die seemännisch betitelten Instrumentalsongs der Band den Postrock nicht neu, und man kann auch bemäkeln, dass sich die Grundstimmung aller sechs Tracks schon ziemlich ähnelt. Ein bisschen mehr Mut, die Grenzen des konzeptionellen Rahmens weiter auszuloten bzw. zu dehnen, hätte dem Album sicher nicht geschadet.

Ein Monument für die Ewigkeit haben die hamburger Jungs also nicht abgeliefert. Aber das sollte ja auch nicht ernsthaft die normale Erwartungshaltung an das zweite volle Album einer Undergroundband sein, oder?

Nee, "Ad Astra" ist schon ein sehr gelungenes Postrock-Album und ein stimmiger Abschluss der Moewn-Trilogie. Von daher - und auch weil das erneut tolle Coverartwork den Sprung vom Bildschirm in den großformatigen Druck verdient hat - würde ich mich auf jeden Fall freuen, wenn die nötigen Vinyl-Käufer bis Silvester zusammenkämen. Mein Exemplar ist jedenfalls reserviert.


Also Freunde des Wellengangs, hier geht's lang:

VORBESTELLUNG AUF DIGGERS FACTORY


 

Highlights: Polarlicht, Gezeiten, Sturmtief



2018-11-14

LIQUID VISIONS - Hypnotized

Yeah, das ist nach der letzten Sulatron-Rezi von vor wenigen Minuten doch schon wieder ein ganz anderer Schnack.


LIQUID VISIONS - Hypnotized (2002/2018)

Liquid Visions waren eine von Meister Sula Bassanas vor Electric Moon bespielte Wiese, bei der er allerdings nicht Gitarre, sondern Bass und Tasten bediente.

Ihr 2002er Album "Hypnotized" wurde nun mit neuem Coverartwork erstmals auf LP veröffentlicht.

Die Musik ist durchgehend prima und lässt sich - für mich angesichts zum baldigen Jahresende hin wachsenden Zeitdrucks sehr willkommen - mit wenigen faulen Sätzen blitzrezensieren.

So ca. siebzig Prozent von "Hypnotized" gehen nämlich problemlos als Motorpsycho-Worship durch, wenn jene sich auf einem vom 60er bis 70er Psychedelic Rock inspirierten Trip befinden. Und der Closer "Paralyzed" enthält sogar einen der patentierten Dynamiksprünge, die den Song plötzlich auf ein dampfwalziges Volumen von elfeinhalb pushen.

Die restlichen dreißig Prozent gehören dem epischen "Morning Rain", welches von einer obskuren französischen Band namens Third Twyn gecovert wurde. Naja, und welches eigentlich auch zu mindestens fünfzig Prozent nach Motorpsycho-Worship klingt.

Von daher: Wenn Du auf Pasta stehst, dann magst Du wahrscheinlich auch Nudeln.

Und das ist kein Plagiatsvorwurf, sondern ein lupenreines Kompliment.

Welches vielleicht schon zu spät kommt, denn wer weiß, ob zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch Exemplare zu haben sind. Bei Interesse ist hier wohl Schnellzugriff gefragt.

Astreine Scheibe!


Highlights: Butterflight, State Of Mind, Morning Rain



ASTRAL SON - Wonderful Beyond

Rezensiere ich hier eigentlich nur noch Psychedelic-Alben? Ok, die Handvoll aktueller Promos von Sulatron Records macht sich in meinem digitalen Stapel natürlich bemerkbar.

Nachdem mir die Veröffentlichungen von Ufo Över Lappland und Sherpa gut und besser als gut gefallen haben, wird es nun doch ein bisschen, ähm... anstrengender.


ASTRAL SON - Wonderful Beyond (2018)

Astral Son ist das Soloprojekt eines niederländischen Multiinstrumentalisten namens Leonardo, was bestimmt sein kompletter bürgerlicher Name ist. Wie auch immer, in diesem Satz sind bereits drei Boxen gecheckt, die zusammen mit dem Coverartwork und dem Label schnell zu dem Schluss führen, dass es sich bei diesem Mann um eine Art Mischung aus Arjen Lucassen und Syd Barrett handeln muss.

Und damit haben wir an sich schon eine ganz adequate Beschreibung des Sounds der zwölf Tracks auf diesem Album. Leider allerdings nicht der Qualität.

Der Astral Son ist zweifellos ein guter Musiker und dieses Album enthält auch einige gelungende Ohrwürmer. An sich beackert der auf frühen Pink Floyd basierende Sound auch ein recht breites musikalisches Feld. Und wenn ich in der richtigen Stimmung bin, habe ich auch kein Problem damit, mich von "Wonderful Beyond" nebenbei berieseln zu lassen. Zu einem anderen Zeitpunkt kann mich allerdings der extrem dick aufgetragene hippieske Ton nerven. Und so kann mich je nach eigener Laune einfach nicht entscheiden, ob es sich um Bug oder Feature handelt.

Dass sich das Album leider durch einen mediokren Mittelteil schwächelt, ist hingegen nie zu leugnen.

Die Hälfte der Songs weglassen und in diesen wiederum auf die Hälfte des Gesangs verzichten - dann hätte man eine richtige Spitzen-EP. Oder vielleicht alternativ nur die schwächsten zwei, drei Stücke streichen und die Fuzz Flower Power so übertrieben weit aufdrehen, dass es schon wieder gut ist?
Ich weiß es nicht. Belassen wir's dabei, dass mich dieses Album nur punktuell begeistern kann und insgesamt einfach nicht meine Tasse Tee ist.

Wer sich als peacetrippiger als mich einschätzt, kann sich bei Sulatron (CD) oder Headspin Records (LP) nach "Wonderful Beyond" umschauen.




Highlights: Journey, She, Time And Space



2018-11-08

KIKAGAKU MOYO - Masana Temples

Vor kurzem habe ich hier ein Album mit brilliantem Coverartwork rezensiert, welches irgendwie mit Formen (Mythic Sunship "Another SHAPE Of Psychedelic Music") zu tun hatte und sich musikalisch als eines der wahrscheinlich besten Psych-Alben 2018 herausstellte.

Heute rezensiere ich hier ein Album mit brilliantem Coverartwork, welches irgendwie mit Formen zu tun hat ("Kikagaku Moyo" = "geometrische Muster") und sich musikalisch... ok, wir wollen ja nicht gleich alles spoilern, oder?




KIKAGAKU MOYO - Masana Temples (green vinyl) (2018)


Es führt kein Weg daran vorbei: Bei diesem Album muss man zunächst einmal angesichts der Verpackung ausflippen! Schon vom Zeichenstil und der Farbgebung her fällt mir wirklich nichts ein, was mit dem Artwork, welches Phannapast Taychamaythakool für die Band gezaubert hat, vergleichbar wäre. Dass ich bei einer Platte beinahe die komplette Laufzeit über das Cover in der Hand halte, um Stimmung und Details zu bestaunen, kommt nicht alle Tage vor.

Und ich bin gewiss nicht der einzige, der sich die grünvinylige Version von "Masana Temples" in erster Linie wegen des Gatefold-Covers gegönnt hat. Die normale schwarze Variante enthält zwar ebenso  das Panorama-Motiv, allerdings verteilt auf die zwei Seiten der Innenhülle.




Optisch kann das Album also schon einmal alles.
Der Klang des Tonträgers ist ebenso einwandfrei.

Und musikalisch?

Die einfachste Beschreibung wäre wohl die Feststellung, dass Kikagaku Moyos Musik in jeder Beziehung perfekt zur äußeren Erscheinung des Albums passt.
Es sind Klänge, die einen zu unbekannten, märchenhaften Orten voller buntem Leben entführen. Einzelne Elemente sind vertraut, doch ihre Kombination fühlt sich einzigartig an.

Die Japaner brauen auf "Masana Temples" ein Gemisch aus psychedelischem Krautrock, fernöstlichen und in Form der Sitar sehr prominenten indischen Einflüssen. Doch auch tarantinoeske Coolness und jazzige Gelassenheit finden hier und da ihren Platz.

Die Basis sind meistens ruhige, manchmal geradezu naive Töne, in die auch alle (soweit ich weiß durchgehend japanischen) Gesangspassagen eingebettet sind. Tatsächlich muss ich schon sehr angestrengt nachdenken, um auf Rockbands zu kommen, in denen vergleichbar sanft gesungen wird.

Erstaunlicherweise hindert dies die Musik aber niemals daran, aufregend zu sein. Hier ist zu jedem Moment eine Menge los, ohne dass es zum überproggten Selbstzweck wird. Und wenn die aufgebaute Spannung aufgelöst wird, geschieht dies mit einer genauso virtuosen wie natürlich wirkenden Dynamik.

Kikagaku Moyo live auf dem Roadburn 2018
Im Vergleich zu "Hause In The Tall Grass", dem einen älteren Album, welches ich mir nach den fabelhaften Auftritten von Kikagaku Moyo auf dem Roadburn Festival (einmal regulär alleine, einmal im großen gemeinsamen Jam mit Earthless) zugelegt habe, ist das Songwriting deutlich straffer und fokussierter geworden. Jeder Ton ist bewusst komponiert, die Arrangements sind äußerst präzise und die Band verliert sich trotz des gewaltigen Talents dafür niemals im Jam-Leerlauf.

Nein, "Masana Temples" enthält keine Minute Füller, alles ist tolles Songwriting voller Ohrwürmer, die auch nach Wochen bei jedem Hören besser werden. Und doch hat das Album diese transzendierende Qualität eines spontanen spacigen Jams, bei dem die Sterne perfekt stehen.


Nicht als i-Tüpfelchen, sondern eher schon als logische Konsequenz ist auch die Produktion des Ganzen großartig. Ein so sauberer, aber nicht klinischer Klang, der in jeder Lautstärke, ob im Vorder- oder Hintergrund funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit.

An "Masana Temples" stimmt für mich alles. Selbst die relativ kurze Spielzeit von vierzig Minuten mag mich nicht ernsthaft stören, sondern motiviert mich eher, das Album einfach nochmal zu hören.


Das Fazit kann nur sein, was ich wahrscheinlich ganz am Anfang schon dezent angedeutet habe: Kikagaku Moyo haben hier eines der besten Psychedelic Rock-Alben des Jahres gezaubert.

Ich freue mich jetzt schon, die Band in zweieinhalb Wochen wieder live zu erleben!







Highlights: Gatherings, Dripping Sun, Nana, Orange Peel




2018-11-05

ÜBERJAZZ Festival 2018, Kampnagel, Hamburg (Samstag, 03.11.) mit PHAROAH SANDERS, YAZZ AHMED, THE COMET IS COMING u.a.

The Comet Is Coming


Das Überjazz ließ sich sich viel Zeit mit der Ankündigung, welcher Künstler an welchem der beiden Festivaltage auftreten sollte. Doch als endlich bekannt gegeben wurde, dass Yazz Ahmed und Saxophonlegende Pharoah Sanders am Samstag auf der Running Order standen, war für mich klar, dass dies mein Tag sein würde. Beide Tage waren mir dann inkl. doppelter Hin- und Rückfahrt zu kostspielig, auch wenn ich z.B. Sons Of Kemet vom Freitag noch gerne erlebt hätte.

Es begann zunächst einmal frisch: Für die paar hundert Meter bis zu meinem Parkplatz brauche ich doch keine Jacke anziehen!
Und dann muss man doch noch eine halbe Ewigkeit draußen vor den geschlossenen Toren des Kampnagel Kulturzentrums warten. Brrr.


 

Das Warten vor der Tür sollte sowieso zum wiederkehrenden Thema werden. Es gab von neunzehn Uhr an Konzerte auf vier verschiedenen Bühnen. Und zumindest das K2 und den größten Saal K6 musste man in den Umbaupausen tatsächlich komplett verlassen und im Foyer warten. Das führte in der Pause zwischen Ahmed und Sanders zu dem Phänomen, dass in der ersten Sitzreihe Plätze mit Jacken markiert wurden, vergleichbar mit dem Handtuchkrieg um Poolplätze auf gewissen Ferieninseln.

Doof. Anderseits war es für den Konzertgenuss aber wohl durchaus gewinnbringend, dass der Linecheck in Ruhe ohne Publikum durchgeführt wurde. Denn der Sound war exzellent. Dazu komplettierte das Bühnenbild mit fabelhaften Lichtinstallationen, die ich hier gar nicht erst versuchen will, adequat zu beschreiben, eine nahezu perfekte Produktion. Spektakulär stimmungsvoll, aber doch immer den Musikern die Hauptrolle überlassend.


Jimetta Rose & Carsten Erobique Meyer

Den Beginn machte die für diesen Auftritt exklusive deutsch-amerikanische Paarung der aus Los Angeles stammenden Sängerin Jimetta Rose mit dem Hamburger Jung Carsten "Erobique" Meyer, der u.a. für den Soundtrack der Serie "Der Tatortreiniger" verantwortlich ist, an Klavier und Rhodes Piano. Plus Bassist und Drummer.

Und wenn wir schon beim Fernsehen sind: Ich binge mich aktuell ja durch alle TV- und Netflix-Serien des MCU (=Marvel Cinematic Universe). Neulich erst steckte ich in der mit einem großartigen Soundtrack gesegneten ersten Staffel von "Luke Cage". Deswegen musste ich beim smoothen Rhodes-Spiel auch sofort an den Gangsterboss Cornell "Cottonmouth" Stokes denken, der seine Begabung an diesem Instrument zugunsten seiner kriminellen Karriere zurückstellen musste.

In der Tat war der von Loungejazz und R&B geschwängerte Soul, den das Quartett entspannt in den Raum tanzbarte, genau der Sound, den ich mir vorstelle, wenn Cottonmouth in seinem Club "Harlem's Paradise" selbst zum Jam bitten würde.

Oder auch für Nicht-Netflixer verständlich: Ein von einer fabelhaften Sängerin moderierter, lässig cooler Einsteig in eine lange Musiknacht.


Yazz Ahmed

Während man in den kleineren Räumen auf Clubatmosphäre setzte, fühlten sich die beiden Konzerte im K6 durch Vollbestuhlung und die schiere Größe des Saales anders an. Nicht zuletzt die Lichtshow suggerierte den Eindruck von kosmischer Weite und endlos schwebender Sehnsucht.

Oder beschreibe ich hier bereits einen Teil von Yazz Ahmeds Musik?

Gemeinsam mit einem Drummer (den ich wohl schon aus Prinzip am besten finden muss, da er mein Walnusswurzelholzfinish-Sonor-Delite-Kit spielt, haha), einem Bassisten und Vibraphonspieler interpretierte die Trompeterin und Hornistin die Songs ihres großartigen Albums "La Saboteuse", z.T. in neuen "Remix"-Versionen, bei denen sie auch kräftig an ihren geloopten Tönen elektronisch herum manipulierte.

Diese Stücke mit ihrer komplexen arabischen Rhythmik und teilweise mikrotonalen Melodieführung, ihren traditionell und modernen Einflüssen sind einfach uneingeschränkt großartig. Ein beeindruckendes Konzert, welches in andere Welten entführte.



Die nachfolgende Pause hätte ich Nachhinein betrachtet vielleicht lieber genutzt, um zumindest noch eine Viertelstunde einer der parallelen Shows mitzunehmen. Aber es ist ja wie es ist. Also weiter im Text mit einer der unbestritten größten lebenden Jazzlegenden überhaupt:


Pharoah Sanders Quartet


Pharoah Sanders war mit traditionellem Quartett zu Gast. Flügel, Kontrabass und Drums begleiteten sein Saxophon. Und wie zu erwarten geschah dies auf gewaltigem Niveau.

Viele Stücke präsentierte die Band in den anderthalb Stunden nicht. Allein während der Zeit, in der nur zwei oder drei seiner Mitmusiker spielten, während der Meister selbst im Hintergrund wie eine meditierende Statue seiner Selbst auf den nächsten Einsatz wartete, könnten andere Gruppen wohl ihr komplettes Repertoire verfeuern.
Nun ist es ja nicht ungewöhnlich, dass Bandleader / Solisten effektiv die am wenigsten spielen, doch in Sanders' Fall erzeugte das Warten darauf, ihn endlich wieder selbst zu hören, bei aller Qualität des Gebotenen zugegebenermaßen schon ein paar anstrengende Längen.

Der weißbärtige Mann bewegt sich sehr langsam und in kleinen Schritten. Doch sobald er das Saxophon spielt, scheint er mit dem Instrument verwachsen. Ob die Musik nun bombastisch an- und abschwillt oder im nimmermüden Uptempo wirbelt; sein Spiel ist voller nur durch lebenserfahrene Altersweisheit erklärbarer Gravitas und Melancholie. Was für ein meisterhafter Ton!
Auch seine Stimme ist viel kräftiger, als die Erscheinung vermuten lässt. Texte haben seine sparsamen Gesangsansätze natürlich nicht. Es sind Anrufungen eines Jazzschamanen.

Pharoah Sanders hat die Schwelle überschritten. Auch wenn der Auftritt für mich in seiner Gesamtheit nicht einmal das eindeutige Highlight des Abends war. Dieser Mann ist kein Musiker mehr, sondern ein Magier.



The Comet Is Coming


Was für ein krasser Unterschied, von der virtuosen Introspektive Pharoah Sanders' direkt ins K2 zu treten, wo The Comet Is Coming ihr Set schon begonnen hatten.

Die brachiale Mixtur aus tanz- bis stampfbarem Elektro mit Elementen aus Ambient bis Drone und natürlich Jazz mit mal spacig schwebendem, mal schrill jaulendem oder harte Gitarrenriffs emulierendem Saxophon ist genau die Mucke, die sich in hippen Clubs dystopischer bis postapokalyptischer Sci-Fi-Filme verorten lässt.

Radikaler geiler Scheiß - und ganz klar eine Band, die sich auch ganz klar auf meinem Lieblingsfestival - ihr wisst schon, Roadburn - wohlfühlen würde.
Gar nicht mal musikalisch, aber von der Wirkung im Kontext her, musste ich irgendwie auch an die Gallops eben dort dieses Jahr denken.



Ras_G & The Afrikan Space Program


Dass das "Über" im Festivalnahmen dafür steht, musikalisch über Jazz hinauszugehen, sollte spätestens jetzt eigentlich jeder verstanden haben. Allen anderen gebe ich hiermit Ras_G & The Afrikan Space Program.

Zu diesem Duo kann ich aber ehrlicherweise nicht viel sagen. Da der Hip-Hop-Produzent Ras_G aus dem Umfeld von Flying Lotus stammt, war zwar erst einmal grundsätzlich interessiert - und ich mochte auch die fetten experimentellen Sounds, die er zunächst alleine absonderte -, doch ab dem zweiten Track verlor ich relativ schnell das Interesse. Der zu den Elektrosounds herumlaufende und mehr mit übersteuerter Stimmungsbrüllerei als Rap beschäftigte Rapper, ging mir ziemlich schnell auf den Zeiger.

Musikalisch mochte ich den Sound zwar, aber bei aller Liebe zur persönlichen Horizonterweiterung war mir das als komplette Performance einfach zu wenig. Oder anders ausgedrückt: Zu diesem Ur-Hip-Hop-Ding fehlt mir offenbar noch der Zugang.



Mocky & Friends


Wer ist Mocky? Ich hatte keine Ahnung.

Und die weiteren vierzehn Nasen, die sich unter dem Banner Mocky & Friends auf die Bühne gequetscht haben?

Die komplette Viererbsetzung von Jimetta Rose und Carsten "Erobique" Meyer befand sich darunter. Alle anderen Damen und Herren stammten aus der Hälfte des Festivalprogramms, die ich nicht gesehen hatte. Von daher ging ich sehr ungespoilert in diese Session. Und Junge, was war das für ein Jam!

Über anderthalb Stunden lang wurden fröhlich Instrumente getauscht, darunter neben Bass, Drums, Gitarre, Klavier, Keyboard und Rhodes auch Geige, Saxophon und jede Menge weiter Percussion.
Mit Ausnahme von z.B. einem Zwei-Bassisten-Battle und einem ungewissen Anteil bekannter Songs (vielleicht auch nicht, kann man bei diesen Typen echt schwer unterscheiden) kreisten die meisten Stücke um Gesangsimprovisationen. Und wow, was für eine Auswahl an Stimmen sich da zusammengefunden hatte!

Um mal wieder in die Welt der TV-Analogien zurückzukehren: Es fühlte sich so ein bisschen so an, wie wenn sich die Anwälte und Klienten bei Ally McBeal in der Bar treffen und plötzlich stellt sich heraus, dass jeder als Hobby noch bester Sänger der Welt ist.
Und falls jemand stimmlich nicht auf dem ganz hohen Soul-Niveau mitischen kann, dann macht er es halt anders wett, wie Erobique Meyer mit seinem trocken flachhumorigen "Cheese Beef Kartoffeln"-Song.

Echt irre. Gegen Ende glaubte ich für einen Moment, dass das Pulver verschossen war, da alle Leadvokalisten schon durch waren und das Mikro dankbar ablehnten, um sich nicht noch einmal in den Vordergrund zu drängen. Dann ließ sich aber immerhin die Perkussionistin breitschlagen. Und was war? Natürlich war auch sie sowas von die nochmal etwas bessere beste Sängerin der Welt.

Bekloppt.

Für die letzten beiden Stücke hat man sich dann großenteils hinter auf die Bühne gezogenem Publikum versteckt, ehe der  ganze Spaß um zwanzig vor drei sein fast schon frühmorgentliches Ende fand.


Ins Bett gegangen bin ich nach meiner erstaunlich wachen Fahrt nach Hause jedenfalls nicht mehr. Ich glaube, das wirkt auch jetzt am Montag Abend noch nach. Aber für die Erinnerungen war es das ohne Zweifel wert.

Fazit: Überjazz hat überzeugt. Und wie!





Jimetta Rose & Carsten Erobique Meyer:




Yazz Ahmed:




Pharoah Sanders Quartet:
 




The Comet Is Coming:







Ras_G & The Afrikan Space Program:







Mocky & Friends: