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2026-11-08

ORA COGAN - Hard Hearted Woman

Ok, wenn mir das Review des neuen Kanaan-Albums zwei Wochen nach dem Konzert, von dem ich es mitgenommen hatte, schon überfällig vorkam, was ist dann mit der guten Ora Cogan? Ihr aktuelles Werk ist nämlich bereits Anfang September über den Merchtisch in meine Hände gewandert. Dann erledigen wir das besser mal schnell, oder?


ORA COGAN - Hard Hearted Woman (CD) (2026)

Singer/Songwriter, Alternative, Americana, Psychedelischer Pop, das sind die Eckpfeiler, die Ora Cogans nach wie vor beschreiben. Wie schon auf dem Konzert bemerkt, wurde der Countryanteil auf dem neuen Werk allerdings etwas zurückgefahren. Es gibt nicht mehr ganz so viel Folkgefiedel auf der Geige und dafür sowohl in den Synthies als auch rhythmisch mehr subtile Krautrockbezüge.

Breanna Barbara live in Hamburg 2026
Grundsätzlich bleibt der sehnsuchtsvolle Amerikana-Ton allerdings ganz klar erhalten. Die Musik auf "Hard Hearted Woman" ist eine kurzweiliger Soundtrack für die sternenklare Nacht am Lagerfeuer des Western-Trecks, an der Raststätte am Highway und den Blick über die illuminierte City-Skyline.
Eine Mischung aus intimem Songwriting, Pop-Appeal und bezaubernd entrückender, in Reverb getränkter Weltflucht. 

Stimmlich wie stilistisch sind die parallelen zu Angel Olsen unverkennbar, und auch Freunde des glamourösen Garagenrocks von Breanna Barbara sind bei der Kanadierin sicherlich gut aufgehoben.

Ein kleines kostbares, einfach schönes Album.






HORSE LORDS und LOS SARA FONTAN live an Bord der MS Stubnitz, Hamburg (07. November 2026)


Zehn Tage nach Angine de Poirine in der brechend vollen Großen Freiheit 36 ging es gestern zum nächsten Konzert. Und wie von den kosmischen Mächten Zufall und Zeitgeist bestimmt, erwartete mich auf der gut besuchten MS Stubnitz erneut metrisch wie rhythmisch komplexe, mikrotale tanzbare Experimentalmusik. Als würde das jetzt jeder machen!

Zunächst einmal erwartete uns vor den amerikanischen Horse Lords noch ein Duo aus Spanien, welches man kaum als "normaler" bezeichnen konnte...






LOS SARA FONTAN
Die einfachste Antwort darauf, was Sara Fontan (Synths, Geige, Effekte und wasweißich) und Edi Pou (Drums, Elektronik, allerhand Geklöter und hastenichtgesehen) aka Los Sara Fontan machen, ist: Bekloppte instrumentale Avantgarde mit viel Spaß dabei.

Aber ein bisschen aussagekräftiger möchte ich ja schon beschreiben, was sich auf der Bühne abgespielt hat. Puh... Gar nicht so leicht.

Also: Dis Fig Noise meets Neubauten, Tanzclub küsst Abrissbirne. Komplexe Rhythmen von elektronischen Breakbeats zu analogen Megagrooves. Fette Bassloops und hypnotischer Melodiefragmente. Cowbells und Metallplatten. Spannung und Befreiung. Spill Gold auf Ecstasy. Unberechenbare Wechsel, ungeheuer gut. Kategorie: Muss man erleben statt es sich erklären zu lassen. Apokalyptische Gehirnparty. Geil.








HORSE LORDS
Und dann kamen die Math-Rocker Horse Lords. Für die kürzeste Zusammenfassung ihrer Show müsste ich dem Hype geschuldet wieder die Polkadotaliens von neulich ins Spiel bringen. Optisch waren die Baltimorer unspektakulärer unterwegs. Der Gitarrist und der Saxophist/Perkussionist sahen immerhin aus wie zwei DNA-Hälften, die man zu einem Ned Flanders zusammenschmelzen könnte. Musikalisch allerdings war diese Show im Grunde Angine de Poitrine für Fortgeschrittene.

Ich sollte mich aber auch an Kukangendai in einer größeren Besetzung erinnert fühlen.

Die Saiteninstrumente wurden - schon am speziellen Griffbrett erkennbar - jenseits der westlichen Tonleiter mikrotonal gespielt und kreisten zusammen mit Saxophon tonal und metrisch in Zirkeln umeinander, wobei repetitiv-hypnotische Effekte sowohl über Delay, Loops als auch einfach die Spielweise (gerade beim Fingerpicking auf der Gitarre) erzeugt wurden.

Mal kantig, mal tanzbar, aber immer zerebral herausfordernd steuerten beide Drummer (einer am herkömmlichen Kit, der andere viel für lateinamerikanische und elektronische Akzente zuständig) einen Überfluss an Rhythmus zum genreübergreifenden rechenkundlichen Rock-Spektakel bei, in dem jederzeit Spuren von Jazz Fusion, Orient oder Bluegrass auftauchen konnten.

Es war mit Sicherheit eine der spielerisch spektakulärsten Shows, die ich dieses Jahr gesehen habe - und dass man in den nahezu perfekten Sound, der das Schiff erfüllte, regelrecht hineintauchen konnte, machte es noch einmal besser. Fantastisch!







2026-11-01

KANAAN - Kanaan / Spirits


Nach dem Konzertbericht aus dem Hafenklang fühlt es sich tatsächlich schon ein wenig überfällig an, ein paar Worte über den selbstbetitelten neuen Tonträger zu verlieren, den Kanaan dort vorgestellt haben. Also, nicht lang schnacken, here we go:






KANAAN - Kanaan (Limited Tour Edition Yellow vinyl LP) (2026)

Zunächst einmal wow! "Kanaan" ist inklusive einer Live-Veröffentlichung und ihrer Kooperation mit Ævestaden (aber ohne die "International Space Station Vol.1"-Compilation und das 2024er Überwerk "Cloud Sculptors" mit erweitertem Line-Up als Full Earth) bereits das zehnte Album des norwegischen Powertrios seit 2018.

Wie man es im Grunde erwartet, sobald eine Band sich mitten in der Diskographie entscheidet, auf einen Albumtitel zu verzichten, ist "Kanaan" eine Zusammenfassung - oder besser Konzentration - von beinahe allem, was Kanaan  in der vergangenen noch nicht einmal abgeschlossenen Dekade so getrieben hat. Das in der tourexklusiven Version gelbe Vinyl beherbergt vier Instrumentalstücke sehr unterschiedlicher Länge:

Der Opener "P1800" hat ganz klar Weckfunktion und geht in nicht einmal drei Minuten rund um ein Uptempo-Jimi-Hendrix-Riff mit viel Gitarrengeschredde voll auf die Zwölf.

Kanaan live im Hafenklang, Hamburg
Der "Silver Cloud Blues" erreicht dann mit knapp sieben Minuten was bei Kanaan als normale durchschnittliche Songlänge betrachten kann (siehe z.b. die beiden Alben "Earthbound" und "Downpour"). Stilistisch erklärt sich der Titel im Grunde schon selbst: Überraschung, es ist ein Heavy Blues!
Stabiler, gut fuzzender Bass über ein wild shuffelndes Schlagzeug, mit dem Ingvald Andre Vassbø einmal mehr unterstreicht, was ihn für seine vergangene Anstellung bei Motorpsycho hat, und natürlich auch hier wieder Gitarrist Ask Vatn Strøm mit jeder Menge Gehexe in geschmackvollem 70er-Ton.

Der selbstverständlich vorne wie hinten identische Dreizehneinhalbminüter "Ouroboros" schließt die A-Seite dann episch ab, sich langsam inklusive Mellotron und fusion-artigen Sehnsuchtsgitarrenmelodien zu einer mächtigen Stoner Doom-Black Sabbath-Huldigung steigernd.

Die B-Seite gehört dann einundzwanzig Minuten lang ganz allein "The Wonderer". Ein mächtig dynamischer pychedelischer Prog-Rocker in vier Teilen, in dem Kanaan ihr komplettes Spektrum an Gefühls- und Härtegraden ausspielen und ihre Lust am in perfekter Bandchemie zelebrierten Jam voll ausleben. Mellotron und spacige Modularsynthies als i-Tüpfelchen lassen diesen Koloss dann entgültig in den interstellaren Raum gleiten. Kann man bereits nach dem ersten Hören bedenkenlos in die Hall of Fame der besten Songs des Trios schieben.

Ja, mehr Kanaan als auf "Kanaan" geht wirklich kaum... 





Ein wenig mehr geht aber trotzdem noch, dann nämlich, wenn man zu den einhundert glücklichen Fans gehört, die das Album im Bundle mit einer Bonus-EP ergattern konnten...





KANAAN - Spirits (10") (2026)

Eine White-Label-10", das Cover in grünlich oder bläulich bedruckt, handnummeriert in einer Auflage von hundert Stück - und schon vor dem zweiten Konzert der Europatour ausverkauft!

Mein Glück, dass ich nicht bis nach der Show mit dem Einkauf gewartet habe. Denn "Spirits" knüpft nahtlos an die exzellente Qualität des Albums an, auch wenn die Produktion vielleicht ein Mü weniger druckvoll ist. Da die beiden Longtracks dieser Scheibe auch etwas mehr in der frei improvisierteren Tradition der "Odense Sessions" (2020) oder der beiden "Diversions"-Alben steht, steht der erdige, etwas weniger produtzierte Sound der Musik aber auch sehr gut.

"Plateau" bewegt sich dabei etwas mehr in krautrockend spaciger Richtung, während im Titeltrack der EP wild um ein sowohl bei Acid Mothers Temple als auch The Heads gut aufgehobenes Riff soliert, gelärmt und rhythmisch durchgedreht wird.

Beide Stücke sind super und hätten vielleicht auch mit auf ein verlängertes Doppelalbum gepasst. Aber da sie stilistisch vielleicht nicht ganz so sehr unverkennbar Kanaan sind, verstehe ich die Entscheidung, sie ausgesondert auf dieses zukünftige Sammlerstück zu packen, durchaus.

Aber ich bin ja auch Nummer 53 der hundert glücklichen Besitzer. Hätte ich das Ding nicht bekommen, wäre ich zugegebenermaßen wahrscheinlich anderer Meinung. 






2026-10-31

ANGINE DE POITRINE und GROS MENÉ live in der Großen Freiheit 36, Hamburg (28. Oktober 2026)


Ok Leute, es wird Zeit, endlich über Mittwoch abend zu reden! Nein, ich wurde nicht von Außerirdischen entführt - hatte allerdings sehr wohl eine unheimlich unterhaltsame Begegnung der dreieckigen Art.

Von Anfang an unterschied sich das Konzert in der Großen Freihet 36 von den meisten Shows, die ich sonst so besuche. Ich bin es jedenfalls nicht gewohnt, vierzig Minuten vor Einlass anzukommen und mich in eine Schlange einreihen zu müssen, die jede Hoffnung auf einen Platz direkt vor der Bühne bereits zunichte macht, während der Kopf dieser Schlange von in schwarzweißbunt polka-gepunktet kostümierten Fans gebildet wurde, von denen zum Glück niemand auf die Idee gekommen war, sich als Bandmitglied von Angine de Poitrine zu verkleiden - was hinsichtlich der Sichtversperrung für alle Besucher hinter ihnen schon ziemlich asozial gewesen wäre.

Auch ansonsten setzte sich das Publikum anders zusammen als bei anderen ähnlich experimentellen Gruppen. Der ans Absurde grenzende Internethype um das frankokanadisch-extraterrestrische Duo hatte nicht nur zur Hochverlegung des Konzerts vom Molotow hierher geführt und die Bude inklusive oberer Ränge noch komplett ausverkauft, sondern auch eine bunte Mischung an Fans angelockt, in der regelmäßige Konzertgänger einen eher kleinen Anteil ausmachten.
Allein in meinem Umfeld gab es neben den kompletten Angine-Karnevalisten Leute, die eine YouTube-Sensation ins wahre Leben überschwappen sehen wollten, aus der Rente zurückgekehrte Veteranen, deren goldene Erinnerungen zu Pink Floyd-Konzerten anno 1977 zurückreichten, sowie jüngere Semester, die sich sonst eher bei in noch größeren Locations stattfindender kontemporärer Popmusik aufhalten. Da fühlte ich mich in meinem Voivod-Shirt (passend, da aus derselben Region wie die Aliens dieses Abends) ja schon beinahe als Exot.

Keine Frage: Der Hype ist real. Wie gerechtfertigt er ist, beantworten wir aber später, denn zunächst einmal trat ja eine Vorgruppe auf...






GROS MENÉ
Ich hatte vorher nicht gewusst, dass es einen Support geben würde, und ganz ehrlich gesagt hatte ein Teil von mir in den Stunden vorher tatsächlich gehofft, dass gleich der Headliner loslegen würde. Es war nämlich so, dass das zeitgleich die MS Stubnitz besuchende Kilimanjaro Darkjazz Ensemble wegen einer Autopanne später anfangen sollte - und was für ein legendärer Powermove wäre es gewesen, zwei Shows am selben Abend zu besuchen und einen der fiesesten Konzertclashs des Jahres zu besiegen! Naja, aus der vagen Hoffnung wurde nichts. Zumindest bleibt mir als immenser Trost immer noch, das Ensemble bereits voriges Jahr "Live In Berlin" gesehen zu haben.

Aber hey! Gros Mené waren nebenbei auch ein durchaus geiler Opener. Deutlich dienstälter als der Headliner stammt das Powertrio aus derselben Region wie Angine de Poitrine, kommt allerdings vermutlich eher nicht so oft in ausverkauften Shows in ganz Europa herum. Und so hatte die französischsprachige Band sichtlich Bock, in ihrer halben Stunde Spielzeit alles zu geben. Schade war eigentlich nur, dass sich nach dieser mit der Wucht und Dreckigkeit von Noise Rock dargebrachten Heavy Blues-Abreibung die Umbaupause unnötig ewig in die Länge zog, so dass der Effekt der Show wieder ein wenig verpuffte. Die Band selbst hat aus dieser sicherlich nicht ganz einfachen Opener-Position aber alles herausgeholt.








ANGINE DE POITRINE
Als wäre das simple Bühnenbild - die beiden Bandmitglieder jeweils auf einem Podest vor einem schwarzweiß gepunkteter Hintergrund - nicht ohnehin jedem bekannt, fand der Bühnenumbau hinter einem Vorhang statt. Doch natürlich ließ dieser dramatische Trick das Publikum bei Beginn der Show von Khn (doppelhalsiger Gitarrenbass und Loops) und Klek (Schlagzeug) nur noch mehr ausrasten.

Anders als beim für den viralen Hype hauptverantwortlichen Video ihrer KEXP-Session war das Drumkit nicht mehr von einem dämmenden Tuch bedeckt, sondern war in seiner freien - selbstverständlich wie alles andere auch gepunkteten Pracht - zu sehen und zu hören.
Das Set der niedlich bizarren Aliens bestand ausschließlich aus den überwiegen instrumentalen Stücken ihrer ersten beiden Alben, wenn Gesang stattfand, dann natürlich ebenso extrem verfremdet wie die Laute, welche das Duo in den Songpausen neben Pantomime und rund ums Dreieck kreisenden Kulthandlungen zur Kommunikation mit dem Publikum nutzten.

Jenes war die komplette Performance über allerbestens gelaunt, sang Ohrwurmmelodien mit und drehte bei Hits wie "Sherpa" oder "Fabienk" schonmal so sehr auf, dass es schon einiger Anstrengung bedurfte, um sich in der dritten Reihe am Platz und auf den Beinen zu halten. Es war also eine gewaltige Party.

Zurecht? Jupp! Ich war ja durchaus bis zu einem gewissen Grad Skepiker, zumindest in dem Punkt, dass mir klar ist, dass die Identität von Angine de Poitrine nicht aus dem Nichts kommt.

Verkleidete Außerirdischenbands sind nicht neu. Gwar anyone?

Nonchalant aus dem Handgelenk geschüttelter metrischer Mindfuck? Gibt es natürlich schon lange und noch viel ausgeprägter. Da verweise ich doch gerne auf mein junges Tonträger-Review von Kukangendai.
 
Mikrotonale Musik ist in weiten Teilen der asiatischen Tradition der Normalfall und taucht auch in zahlreichen moderneren Formen auf, ob in den experimentellen Kamatscheklängen von Saba Alizadeh, der Ost und West überbrückenden Jazz Fusion von Jaubi und Yazz Ahmed, bei psychedelischen Rockbands, die wie Mohama Saz oder diverse türkische Bands Saz statt Gitarre oder wie King Gizzard & The Lizard Wizard Gitarren mit extra angepassten Fretboards spielen - was Angine de Poitrine ebenfalls tun. 

Und Musik, die großenteils auf Loops basiert - das können z.B. Jo Quail oder Lili Refrain sogar noch besser.

Und doch ist die Art, in der Khn und Klek diese Elemente zusammensetzen einfach sehr eigen und effektiv. Vor allem aber ist ihr mikrotonaler Mathrock-meets-Primus-Sound einfach erstaunlich mitreißend. Eine derart schräge, nerdige, experimentelle Musik trotz aller polyrhythmischen Verrücktheiten dermaßen ohrwurm- und partytauglich zu gestalten, ist ganz und gar keine Selbstverständlichkeit.

Und hier liegt auch die Antwort auf die Frage, ob der Hype verdient ist:
Ja, so etwas von!

Klar, die Kostüme spielen keine unwesentliche Rolle für den Erfolg und hier und da sehen wir ein paar kleine Showtricks, aber funktionieren tun Angine de Poitrine letztendlich nur aufgrund der absolut im Mittelpunkt stehenden, exzellenten Musik und ihrer super präzisen Ausführung. Wäre diese Basis nicht so stark, dann wäre die Welle schon längst abgeebbt.

Ich wünsche dem Duo jedenfalls, dass es den kommendes Jahr wohl noch intensiver werden Boom aus Welttourneen und riesigen Bühnen psychisch und kreativ gesund übersteht. Denn das was wir in der Großen Freiheit erleben durften, das war großes, originelles, exzellentes Entertainment.