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2026-08-02

MONOVOTH - To Live In the Breath of Worship

Diesmal nicht wie die ersten beiden Alben auf Kassette (also kein Futter für meine spezielle Rubrik hier), aber immerhin nach Monaten überhaupt endlich auf physischem Tonträger zu haben, macht das neueste Werk von Monovoth genau dort weiter, wo "Pleroma Mortem Est" aufhörte - die Zeichen stehen also auf exzellenten Funeral Doom!


MONOVOTH - To Live In the Breath of Worship (CD) (2026)

Obwohl offiziell nach wie vor als Soloprojekt des argentinischen Multiinstrumentalisten Lucas Wyssbrod geführt, sind Monovoth auf "To Live In The Breath Of Worship" faktisch zumindest ein Duo, hat Drummer Martin Visconti doch einen kongenialen Anteil am Gelingen dieses Albums. Desweiteren reichen diverse Gastgitarristen einander die Axt, während auf zwei der vornehmlich instrumentalen sechs Tracks auch die düsteren Organe der Gastsänger Andrew Notsch bzw. Martin Passaro zu hören sind.

Bewährter Dreh- und Angelpunkt von Wyssbrods Musik bleibt zerschmetternde Todtraurigkeit, ausgedrückt im Wechselspiel großartiger Riffs so schwer wie zwei Meter frischer Erde über deinem Sarg und Leadgitarrenmeldodien von elementarer sakraler Schönheit.

Wie schon auf dem Vorgängeralbum werden die Grenzen des Subgenres Funeral Doom zwar ausgelotet, aber niemals wirklich verlassen, selbst wenn sich schwarzmetallische Tonfolgen einschleichen, wenn das Schlagzeug in "To Drown In The Tears Of God" antizyklisch schnell prügelt (ein perfektionierter Trick seit dem selbstbetitelten Debüt) oder man im Finale von "Beg & Burn" mit einem nietenbesetzten Stiefel schon die Schwelle zur reinen New Wave of British Heavy Metal überschritten hat.

Ich möchte schreiben, dass dieses Album mich uneingeschränkt in dunkles Verzücken versetzt, muss allerdings ehrlich gesagt zugeben, dass man die letzten zehn Minuten, die statt Doom Metal nur noch dröhnende Dark-Ambient-Klangkulisse sind, nicht unbedingt in jedem Durchlauf mitnehmen muss.

Bis dahin jedoch - und das ist immerhin eine absolut ausreichende  Dreiviertelstunde - herrschen Monovoth mit unentrinnbarer Begräbnisallherrlichkeit, die "To Live In The Breath Of Worship" zu einem meiner liebsten Metalalben des laufenden Jahres macht.  






Schwerter, Sax und Zauberei mit CAZAYOUX, CHRIS BISSETTE, JUSTIN K BROADRICK, LILI REFRAIN, SEX MAGICK WIZARDS und mehr


Ach komm, jetzt seid mal nicht zu streng! Es ist echt schwer, vier so unterschiedliche Veröffentlichungen in einer einigermaßen sinnvollen Überschrift zusammenzufassen. ;)

Hier also wieder einmal ein Sammelrezension von Zeug, welches entweder nur in diesem Internet existiert, oder von dem ich die physische Tonträgervariante einfach (noch) nicht besitze:




CAZAYOUX - Alpha Centauri (2026)

Gibt es in Deutschland noch irgendeine Supermarktkette, bei der man Polarknäcke bekommen kann? Als Freund kohlenhydratarmer Brote habe ich mich echt an das Zeug gewöhnt - und nun ist das Zeug überall aus den Regalen verschwunden, weil es anscheinend kein Großhändler mehr aus Schweden importiert. Ich hasse so etwas.

Der texanische Drummer Forrest Cazayoux ist mit seinem dritten Album leider zu Polarvinyl geworden. Die letzten beiden Alben wurden von mehreren Labels (u.a. Worst Bassist Records in Deutschland) vertrieben, so dass man sich daran gewöhnt hat, dass Cazayoux-Alben zum fairen Preis in Europa zu bekommen sind. Klar, man kann "Alpha Centauri" natürlich - genauso wie man das knäckeähnliche Backwerk im Schwedenshop importieren kann - direkt aus Übersee einkaufen. Das kostet allerding knusprige fünfzig Euro Versand. Und dann kommen wahrscheinlich noch Zoll und Servicegebühren obendrauf. Nee, in dem Fall muss der Download dann doch leider ausreichen.

Schade, denn abgesehen von ein paar nervigen Effekten auf dem Gesang des Titelsongs (der überwiegende Rest des Albums ist zum Ausgleich instrumental), haben Cazayoux und sein bis zu zehnköpfiges Big-Band-Ensemble hier wieder eine kurzweilige Wundertüte aus Latin Jazz, Fusion, Funk, Samba und hastenichtgesehen rausgehauen, in der sich keiner der Beteiligten an Gitarre, Percussions, Balafon, Saxophon, Trompete, Hammond usw. als Hauptdarsteller über dem Rest des Ensembles ins Rampenlicht drängelt. Mit ihren elektrifizierenden Grooves und sommersonnigen Vibes macht diese Musik einfach beste Laune auf hohem Niveau.





SEX MAGICK WIZARDS - Suola Ja Noaidi (release: Sept. 4th 2026)

Wir bleiben in der weiten Welt der Jazz Fusion, bewegen uns aber weiter in Richtung experimentellen Rocks, was anscheinend Norden ist, und in die Zukunft - denn das kommende Album der norwegischen Sex Magick Wizards erscheint tatsächlich erst Anfang September.

Das Quartett vermischt krachenden Psychedelic bis Noise Rock mit Avantgarde-Improvisationen in einer ähnlichen Intensität, wie man sie von The Verge und Kanaan, den anderen Bands von Drummonster Ingvald André Vassbø, kennt.

Das herausstechendste Merkmal ihrer lauten und abenteuerlustigen Musik, die manchmal wirkt, als seien die Ideen eines Jörg Schneider-Projekts zu "richtigen" Songs weiterverarbeitet worden, scheint mir allerdings der unter allen Bandmitgliedern aufgeteilte Gesang zu sein, der neben Narration und exzentrischem Punkgeschrei auch mit intensiver Insbrunst vorgetragenen Joik umfasst. Dieser folkloristische Einfluss ist tatsächlich kein Wunder, handelt es sich bei "Suola Ja Noaidi" doch um ein Konzeptwerk über die Geschichte der von Norwegen bis Russland heimischen Sámi.

Musikalisch bringt jener aus Banausensicht oft grob zwischen Kehlkopfgesang und Jodeln verortbare Gesang eine Note von rekontextualisiertem Spiritual Jazz der Marke "The Creator Has A Masterplan" (Pharoah Sanders) hinein und unterstreicht deutlich die Eigenständigkeit der Sex Magick Wizards. Wildes Zeug!






MÖRK BORG Heresy Supreme Original Soundtrack (2026)


Ok, Leute. Ich habe es hier bisher bescheiden im Hintergrund gehalten, aber natürlich ist diese Seite auch ein Gaming-Blog! Muss ja, oder?

Ernsthaft weiß ich überhaupt nicht mehr, wie viele Jahrzehnte es her ist, dass ich irgendetwas gezockt (sagt man das noch?) habe. Mein letztes Spiel könnte Final Fantasy VII gewesen sein - und zwar das Original, und nicht das Remake (oder Remake des Remakes, falls es das schon gibt). Dass sich der Soundtrack zu einem Action Adventure in meine Musiksammlung verirrt, kann also nicht daran liegen, dass ich das Game auf Steam entdeckt habe. Auf jener Seite bin ich jüngst zum ersten Mal in meinem Leben gewesen.

Nein, ich bin natürlich über eine der beteiligten Musikerinnen hierauf aufmerksam geworden. Die großartige Lili Refrain hat eine Soundtrack-EP mit den drei Stücken, die sie zu dem Projekt beigesteuert hat, veröffentlicht. Im Vergleich zu ihrer ebenfalls erst dieses Jahr rausgebrachten "Nagalite"-EP sind diese sehr viel gitarrenlastiger und verbinden ihren msytisch magischen Dead Can Dance-Gesang mit ihren Metalwurzeln. Sehr geiles Zeug, nach etwas über zehn Minuten aber leider auch schon sehr schnell wieder vorbei.

Der komplette Soundtrack ist mit 21 Tracks wesentlich umfangreicher. Er beginnt und endet mit den Stücken von Lili Refrain, die auch im Gesamtzusammenhang Highlights bleiben. Doch zwischen "Heresy Supreme" und "Seventh Psalm" bekommen wir noch je einen Track der der Doom Metal-Band Bong Coffin, des Black-Metal-Soloprojekts Eldur und der Noiserocker Cani Dei Portici - und massenhaft Kompositionen von Chris Bisette, die von fett röttelnden Basslinien und Gitarrenriffs dominiert sein, düster herumdoomen oder den Gothic-Charme des Diablo-Dorfs (ja, das Spiel kenne ich auch noch) heraufbeschwören können. Dabei wechselt die Ästhetik auch stark zwischen direktem Liveband-Sound und der Tradition klassischer Computerspiele.

Was ich natürlich nicht weiß, ist wie genau all diese Musik im Spiel eingesetzt wird. Da es von den meisten Titeln die Varianten "A" und "B" gibt, unter denen sich jedoch sehr unterschiedliche Stimmungen verbergen, gehe ich mal davon aus, dass dies die Hintergrundmusik verschiedener Levelabschnitte ist, die zum Hack'n'Slay (oder was immer so tut) in Endloseschleife gespielt wird. Es gibt hier dementsprechend auch kaum vollende Songs, sondern eher Aneinanderreihungen geiler Parts, die irgendwann schnell ausfaden. Das bedeutet für den anderthalb Stunden langen Sountrack als Ganzes, dass man sich kaum gezielt hinsetzen wird, nur um sich auf diese Musik zu konzentrieren. Dann entstehen nämlich durchaus hier und da Längen.

Ist man aber beschäftigt, braucht einen Soundtrack nebenbei - und einem ist nach düsterer Atmosphäre und derben Metalriffs, dann funktioniert dieser Scheiß ganz hervorragend.





JUSTIN BROADRICK - Solo Guitar, 1997 (2026)

Auch der letzte Release in diesem Reigen hat Soundtrack-Charakter, allerdings auf ganz andere Weise. Was wir in diesen vierzig, bis auf wenige Ausnahmen nur bis ein oder zwei Minuten kurzen Tracks erleben, ist wahrscheinlich einfach ein natürlicher Teil von Justin Broadricks (Godflesh, Jesu, Final) Songwritingprozess. Eine fragmentarische Sammlung von Gitarrenideen, von denen ich mich nicht wundern würde, wenn die eine oder andere es irgendwo in fertige Songs seiner zahlreichen Projekte geschafft hätten.

Der Verdacht der Resteverwertung liegt hier nahe, doch tatsächlich bilden diese extrem reduzierten Aufnahmen aus dem Jahr 1997 erstaunlich gut als vollwertiges, experimentelles Ambient-Album mit Shoegaze-Einschlag. Wer Alben wie Emma Ruth Rundle's "Electric Guitar One" mag oder einfach ein Fan von Broadricks enorm produktivem Schaffen ist, der macht auch hier nichts verkehrt.






2026-07-28

10 Jahre WACKEN-Abstinenz


Nachdem ich seit 1993 zwar nicht immer am Start war, insgesamt aber doch eine Menge Ausgaben mitgenommen habe, war 2016 mein letztes Wacken Open Air - und wird es wohl auch bleiben.

Dabei war mir eigentlich schon seit Jahren klar, dass ich 2026 Jubiläum feiern und wieder hin wollte. Das Ticket war besorgt, das dazugehörige T-Shirt aufgrund des ultrapeinlichen Ü60-Slogans "Party On!" sofort ungetragen verscherbelt. Dass das Billing eher schwach aussah, störte mich nicht. Denn ich gehörte ja in meinen letzten Besucherjahren immer zu den Verteidigern des Festivals; wer sich ein bisschen vorbereitet und sich nicht nur auf das ewig zirkulierende Hauptbühnenprogramm konzentrierte, der konnte von Mittwoch bis Samstag doch locker drei Dutzend coole Konzerte erleben und eine tolle Zeit haben!

,Das war trotz der seitdem weiter explodierten Kommerzialisierung nach dem Verkauf des Festivals an einen internationalen Investor auch weiterhin meine Einstellung. Dann habe ich mich neulich aber endlich daran gemacht, mir im Clashfinder meine Running Order zusammenzustellen und merkte schnell, dass der vom Roadburn Festival gewohnte Workflow, zunächst einmal alles zumindest interessante zu markieren, irgendwie nicht funktionierte - einfach weil zu wenige Gruppen interessant genug waren, um sie herauszustellen.

Ich habe also stattdessen den Rotstift genommen und markiert, was ich auf keinen Fall aus der Nähe erleben wollte, und siehe da: Flugs färbte sich beinahe übers gesamte Wochenende die Wackinger Stage blutig, aber auch jede Menge Bands auf den Hauptbühnen. Sabaton, Powerwolf, Hämatom, Visions of Atlantis sind da nur die Spitze des Scheißbergs. Kommt heute eigentlich keine  kommerziell größere Metalband ohne schlimmen Verkleidungsgimmick aus?

Natürlich repräsentiert das stets mit reichlich Verspätung auf den Zeitgeist reagierende Booking von Wacken nicht die Metalszene als Ganzes, aber das Festival definiert halt schon, was Außenstehende als Metal verstehen. Und dieses Bild ist zum großen Teil einfach zum Schämen flach, inhaltslos und kitschig. In Zeiten, die so viel künstlerische Reflektion, Aufschrei und politische Positionierung wie wohl nie zuvor erfordern, zeigt sich Metal hier in erster Linie als sauftauglich eskapistisches Kasperletheater im Nostalgienebel.


Klar, ich will gar nicht so tun, als ob nicht sowohl große wie kleinere Künstler auf der Running Order stehen, die ich gerne gesehen hätte. Auch wenn das Auftauchen von Sepultura, für die ich extra schon 2024 viel Geld bezahlt hatte, um die angeblich allerletzte Gelegenheit, sie live zu sehen zu ergreifen, schon beinahe eine Frechheit darstellt. Außerdem clashen sie tatsächlich direkt mit Alcest.

Castle Rat und The Gathering? Klar! Die anderen nennenswerten Hauptacts hat man schon gesehen. Und werden Savatage und Judas Priest ausgerechnet hier und jetzt noch die Shows ihres Lebens spielen, die den teils stundenlangen Leerlauf im Programm ausgleichen?
Triptykon ist unter den vielen Wiederholungstätern wohl noch der schlimmste Verlust. Aber ernsthaft, 2023 bin ich ja auch nicht wegen Voivod (die gerade das Headbangers Open Air abgerissen haben) hingefahren und habe es überlebt.

Man muss sich auch fragen, wie lange dieses Modell überhaupt noch in der Form bestehen kann. Werden die Heavy Metal- und Hardrock-Klassiker, bei denen jetzt schon Greise auf der Bühne stehen, durch Tributebands und Avatare ersetzt? Es kommen in der Richtung ja kaum Gruppen nach, die Kulissen dieser Größenordung rechtfertigen.

Ich könnte jetzt noch die Nu Metal-Scheußlichkeiten anführen, die inzwischen auch zum nostalgischen Dad Rock geworden sind, aber der Grund, warum ich mein Ticket loswerden musste, liegt tatsächlich dort, wo ich bislang immer Hoffnung hatte, nämlich auf den kleinen Bühnen.

Ein kuratiertes Programm ist besser als ein demokratisch gewähltes, und nichts zeigt dies besser als die Gewinner der internationalen Metal Battles, von denen ich mir erheblich mehr versprochen hatte. Aber die Highlights scheinen diesmal wirklich rar zu sein, stattdessen gibt's haufenweise uninspirierten Groove Metal, seelenloses Metalcoregeriffe und Möchtegern-Jinjer-Abklatsche... Leute, das Original ist live schon enttäuschend!


Nun gibt es natürlich noch dutzende weitere Shows auf den Nebenbühnen, auf denen der Veranstalter die Chance hätte, noch ein paar wirklich gute Metalbands aller Subgenres zu unterstützen. Doch stattdessen werden diese Bühnen mit viel zu vielen Witzgruppen, Coverbands und Mittelaltermarktfantasyquatsch zugemüllt. Dabei gibt es so viele, so großartige Metalbands da draußen, die mit einem Fingerschnippen bereitstehen würden. Was da zugunsten vom bierseeligen primitivsten gemeinsamen Nenner an Potential verschenkt wird, geht auf keine Wackenkuhhaut mehr.

Ganz ehrlich: Vor ein paar Wochen hätte ich mir nicht vorstellen können, hier so zu ranten. Aber wenn man beim Recherchieren für seine Running Order ständig die Musik nach wenigen Sekunden anhalten und "Warum macht ihr so eine Scheißmusik?" brüllen muss, dann macht das schon etwas mit einem, haha.
Auf jeden Fall war das dann auch der Punkt der mir klar gemacht hat, dass mein Ticket in anderen Händen besser aufgehoben ist und das Geld dafür sich auf meinem Konto wohler fühlt als in den überteuerten Fressbuden des Holy Ground.

Fazit: Ich wollte ja, aber nein, wenn ich's nicht einmal aushalte, mir mein Programm für alle Tage zu Ende zu planen, dann war's das jetzt besser wirklich mit uns, liebes Wacken Open Air!

Thanks for the memories und allen Fans von *brrr* Crematory, P.O.D. und den Wacken Firefighters viel Spaß in den kommenden Tagen!







2026-07-27

HEADBANGERS OPEN AIR 2026 • Samstag, 25. Juli • mit AGENT STEEL, AMBUSH, BENGAL TIGERS, FATAL EMBRACE, LÖANSHARK, SARACEN und VOIVOD


Ja tatsächlich! Ich war am Wochenende zum allerersten Mal für einen Tag auf dem Headbangers Open Air! Wer mich auch nur ein bisschen kennt, der weiß natürlich, welcher Name auf dem Billing dies zu verantworten hat. Und trotzdem ist es angesichts der Tatsache, wie nahe dieses familiäre Metal-Fest liegt, schon etwas erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis ich einmal meinen Arsch dorthin bewegt habe.

Klar, als ich noch Wacken-Gänger war, da war noch ein Wochenende Festival vorher einfach zu viel. Und ich bin natürlich nie der größte Heavy-Metal-Traditionalist gewesen, wie er hier vor allem bedient wird. Es gab durchaus schon mal Bands, die mich gereizt hätten, aber dann doch nicht ausreichten, um z.B. gegen Autopsy auf dem zeitgleich stattfindenden Stonehenge Festival in den Niederlanden anzustinken.

Nun aber war es endlich soweit, und das perfekte Draußen-Wetter bestätigte mich, dass ich mir den richtigen Tag ausgesucht hatte. Mit der Bühne als festen, für einen großen Teil des Publikums überdachten Aufbau neben einem Wohnhaus, ist das Headbangers tatsächlich nach wie vor eine "Gartenparty", als solche allerdings durchaus schon sehr viele Nummern größer als z.B. die Gartenparty in Holzbunge, auf der ich Anfang des Monats gewesen bin. Mit überschaubarem Gelände, kurzen Wegen, aber doch so vielen Menschen, dass man den einen oder anderen Bekannten nur in einziges Mal am Tag oder vielleicht sogar nicht treffen kann, hat es im Grunde die perfekte Größe.

Bemängeln kann man vielleicht nur die Ausschilderung. Oder habe ich von Wrist aus nach Brande-Hörnerkirchen kommend einen orangen Pfeil übersehen? Wie auch immer, ich kam trotz kurzer Desorientierung rechtzeitig kurz vor Mittag in der Funklochwalachei an, wo das Programm bereits um Punkt zwölf Uhr startete:




LÖANSHARK
Ganz unabhängig von der tatsächlichen Qualität der Bands ist eine Sache auf dem HOA klar: Es werden gnadenlos alle Klischees abgearbeitet, die Heavy Metal zu bieten hat. Die erste Band des Tages begann den Reigen dann nicht nur mit Metal-Ümlaut im Namen, sondern auch mit Ansagen, die aufgrund des Akzents der Spanier kaum ein Mensch im Publikum komplett verstand. Check. Aber egal - Metal!

Löansharks Metal war schnell, traditionell, nicht originell genug, dass ich mich ohne Hilfe jetzt noch detailliert erinnern könnte - aber anderseits makellos gemacht. Will sagen: Das Trio blies mich zwar nicht komplett um, machte seine Sache aber sehr gut und bot somit einen launigen Einstieg in den Tag.








FATAL EMBRACE
Bei den Deutschen Fatal Embrace ging es dann eine ganze Ecke derber zu. Die Zeichen standen auf Speed und gesanglich oft mit angelripperscher Rotzigkeit dargebrachten, räudigen Thrash Metal zwischen teutonischer Thrashtradition und Slayer-Reminiszenzen.

Auch hier war jedes Riff wieder irgendwie bekannt, aber leider geil. Auch dank jahrzehntelanger Erfahrung bot die fünfköpfige Gruppe ein fettes Brett zum freudigen Rübeschütteln.







In den Umbaupausen war immer genügend Zeit, um für kurze Snack- und Getränkeaufnahme zum Auto zurückzukehren. Nach Fatal Embrace machte ich allerding eine etwas längere verspätete  Mittagspause inklusive Nickerchen. Auf den Auftritt von Slander verzichtete ich damit komplett - die einzige der acht Bands des Tages, die ich mir gar nicht angeschaut habe.

Weiter ging es für mich also mit einer 1979 gegründeten Truppe aus Down Under:


BENGAL TIGERS
Ich hätte das Gründungsjahr wahrscheinlich nicht einmal verraten müssen. Die Beschreibung der Bengal Tigers als Band, die laut Encyclopedia Metallum die Themen Frauen, Sex und Metal behandelt und offensichtlich aus der Zeit stammt, als Tiger-Ikonographie noch cool war, hätte vermutlich ausgereicht.

Bei einer Veranstaltung, die dafür bekannt ist, seit Urzeiten aktive - oder reaktivierte - Künstler zu beherbergen (die natürlich obskur genug sein müssen, dass man ihnen abnehmen kann, es nicht des Geldes wegen zu machen, sondern weil sie noch Bock darauf haben), stellt sich natürlich häufiger die Frage nach der Vereinbarkeit von Rock'n'Roll und der Würde des Alters. Wie lange kann man das Bühnenoutfit von damals tragen? Ich will aber kein Ageist sein und gönne Sänger Gordon Heald den Spaß an seinem Barbaren-Cosplay meets SM-Keller-Sonnenbrillenlook. Nur von Kindergärten und Schulen sollte er sich in dem Aufzug besser weit entfernt halten.

Aber jetzt mal zum Wichtigsten: Musikalisch war der etwas sleazige Heavy Metal der Australier nämlich sehr tight und powervoll. Nichts was ich unbedingt zu Hause hören müsste, aber live durchaus eine mehr als ordentliche Bank.








SARACEN
Mit den Briten Saracen folgte ein sogar noch älteres Geschütz, hatten sich die NWoBHMler doch ursprünglich bereits 1985 nach zwei Alben aufgelöst, ehe sie zu Beginn des neuen Jahrtausends zurückkehrten. Die Garderobenfrage wurde hier ganz anders gelöst. Mit dem normalsten Alltagslook des Tages wurde die Aufmerksamkeit ganz auf die Performance und die Qualität des gespielten Materials gelenkt. Und in beiden Belangen mussten Saracen sich nicht verstecken.

Vor allem Sänger Steve Bettney demonstrierte eine beeindruckende stimmliche Form. Da hat jemand sein Organ über die Jahre richtig behandelt! Musikalisch merkte man schnell, dass die Keyboards im Songwriting der Band eine große Rolle spielen - was mir ausdrücklich gefiel, erweiterte es den im Vergleich zu manchen Zeitgenossen eh schon etwas zeitloseren Frühachtziger-Heavy-Metal-Sound doch um Elemente, die mich im besten Sinne an Queensrÿche oder Europe denken ließen. Sehr gut.








AMBUSH
Der frühe Abend begann dann mit einer schwedischen Band, die zwar vor dreizehn Jahren gegründet ein paar Generationen jünger war, die Klischees rund um Speed und Heavy Metal dafür aber umso gründlicher zelebrierte. Von V-Gitarren-Heldentum und choreographiertem Posing, von hymnischen Harmoniegesängen und stratosphärigen Judas Priest-Falsettschreien hauten Ambush alles mit ungemeiner Spielfreude nach vorne raus.

Das Resultat war Fistraising-Metalfest des Energielevels RAM bis Riot City, welches vom Publikum enthusiastisch aufgenommen wurde. Man konnte zweifellos merken, dass die Schweden zum aktuellen heißen Scheiß der Szene gehören. Für mich persönlich war's der größte pure Heavy-Metal-Abriss seit Amethyst letztes Jahr in Berlin. Klares Highlight soweit!








AGENT STEEL
Zur besten Sendezeit wurde es dann leider traurig. Ich gebe ja zu, dass ich null Expertise beanspruche, was die meisten Künstler auf diesem Festival angeht, aber um zu erkennen, dass das, was bei Agent Steel auf der Bühne geschah, weit unter dem Anspruch der (erstmals) 1984 gegründeten Band liegen musste, bedurfte es keiner Vorkenntnisse. Und inwiefern es sich bei der hier auftretenden Band überhaupt um die "richtigen" Agent Steel handelte, traue ich mich angesichts der an Drama, Besetzungskarussell und Namensrechtsstreitigkeiten reichen Bandgeschichte gar nicht zu spekulieren. Keine Zeit, zu kompliziert. Es war auf jeden Fall Sänger und Urmitglied John Cyriis dabei, zumindest mehr oder weniger. Und damit haben wir das Problem dieser Show auch gleich verortet.

Der Mann war durch Verzögerungen bei der Anreise so spät auf dem Gelände angekommen, dass die Autogrammstunde der Band auf nach der Show verschoben werden musste. Gerüchte gingen um, dass Agent Steel gar nicht auftreten würden, doch die Veranstalter machten vor dem Auftritt in aller Deutlichkeit klar, dass dies nicht stimmte. Die Behauptung, dass uns eine tolle Show erwartete, war allerdings unfreiwillig gelogen.

Der eh schon gestresste Sänger hatte nämlich sein eigenes Funkmikrofon inkl. Effekten dabei - und es funktionierte überhaupt nicht. Was man von seiner extrem hohen Stimme hörte, klang wie aus dem Telefon und schob massenhaft Feedback vor sich her. Ein Ersatzmikro musste über denselben Kanal laufen und brachte auch keine Besserung. Cyriis kam damit überhaupt nicht klar und war anscheinend auch nicht gewillt, wo wie alle Künstler vor ihm mikrofoniert zu werden. Es gab lange Diskussionen zwischen den Songs, zwischenzeitlich stellte er den Gesangsbetrieb komplett ein und ihm musste von innerhalb und außerhalb der Bühne gut zugeredet werden... Um weitere Rückkopplungen zu vermeiden verichtete der Rest der Band freiwillig darauf, Backgroundgesänge beizusteuern, was die Sache auch nicht besser machte. Es kam kein Fluss auf, die Show kreiste nur um ein Problem und den unsouveränen Umgang damit.

Dabei hätten Agent Steel es mit ihren richtig geilen Speed/Thrash-Stücken zweifelsohne in der Hand gehabt, eine hervorragende Metal-Feierstunde abzuliefern. Stattdessen war dieser Auftritt ein Debakel, welches mir in seinen langen kommunikationslosen Pausen reichlich Zeit ließ, einen "Stongehenge"-Ohrwurm zu entwickeln. Im Gegensatz zu Spinal Tap war hier allerdings nichts zum Lachen. Wäre ich nicht auf einen guten Platz in der ersten Reihe beim nachfolgenden Headliner aus gewesen, dann hätte ich mir dieses unwürdige Trauerspiel niemals bis zum Ende angeschaut.








VOIVOD
Es war nun an der kanadischen Sci-Fi-Thrash-Legende Voivod, das Stimmungsruder wieder herumzureißen. Und wer nicht nur die Verlässlichkeit der Band kennt, sondern außerdem schon den ganzen Tag lang die unglaublich hohe Merchpräsenz im Publikum nicht nur auf Metalkutten, sondern auch in T-Shirts und Kopfbedeckungen beobachtet hatte, der wusste, dass sie diese Chance niemals verspielen würden.

Dabei sind sie auf dieser Sommertour selbst unter ungewöhnlichen Umständen unterwegs, ist Sänger Snake doch aus familiären Gründen verhindert. Doch statt ihre Festivalauftritte abzusagen, sind Chewy, Rocky und Away auf seinen Vorschlag hin nun mit dem würdigsten Ersatz unterwegs, nämlich Eric Forrest, Sänger/Bassist der Trio-Besetzung in den späten Neunzigern, der das Material der Alben "Negatron" und "Phobos" auch weiterhin mit seiner Band E-Force pflegt (gesehen und begeistert gewesen im Jahr 2018 im Bambi Galore).

Die Setlist wurde entsprechend angepasst. So musste zwar auf neueres Material von "Synchro Anarchy" oder "Post Society" verzichtet werden, doch dafür begann die Show gleich mit seinem Stück "Rise" und enthielt später auch "Nanoman". Insgesamt war die Songauswahl mit zwölf Tracks von zehn verschiedenen Alben ein erstaunlich umfassender Best-Of-Rundumschlag, der auch gut die verschiedenen Typen von Liedern in Voivods Repertoire repräsentierte. Zwischen krieg- und schmerzvoller Brutalität, monolithisch hirnfickender Sperrigkeit und unwiderstehlichen Sing-along-Hits geht so eine Show einfach irre schnell rum.

Und ganz egal ob "The Unknown Knows", "Nuclear War", "Fix My Heart" (so großartig, dass das Ding in letzten Jahren seine Wiederauferstehung gefeiert hat!) oder das neueste Stück "Obselete Beings" von "The Wake" gezockt wurden - es war alles gleich fantastisch und wurde ohne Ausnahme maximal abgefeiert. Und beim unverzichtbaren Pink Floyd-Cover to end all Pink Floyd covers "Astronomy Domine" hab ich direkt mal Gänsehaut bekommen.

Davon, dass es sich bei der Besetzung um eine Notlösung handelte, zeugte im Grunde nur das Pad, auf dem E-Force die Texte zur Unterstützung dabei hatte. Seine Performance - wie erwartet stimmlich anders als Snake, aber hier und da sogar irgendwie besser, war super. Auch ohne Bass wusste er etwas mit sich anzufangen.

Dazu schien Dan Mongrain an Gitarre und Mikro auch noch umso motivierter zu sein. Die Band gab mal wieder alles und man spürte, dass Voivod auch jenseits der regulären aktuellen Besetzung eine Familie sind. So schade es auch war, Snake nicht dabei zu haben, so ungebrochen war die Chemie auf der Bühne.

Abgesehen von Agent Steel war ich ja den ganzen Tag lang gut unterhalten gewesen, aber Hand aufs Herz und bei allem Respekt für Ambush, Saracen und Co.: Voivod operierten hier einfach in einer ganz anderen galaktischen Liga. Nach dem viel zu frühen Ende ihres Auftritts hatte ich nicht nur einen neuen aktuellen Spitzenreiter auf meiner Liste der besten Festivalshows des Jahres, sondern auch den Eindruck, einem speziellen Moment in der Geschichte der Band beigewohnt zu haben.

Merci, Voivod! Fuckyeah, dankeschön Headbangers Open Air!