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2026-10-31

ANGINE DE POITRINE und GROS MENÉ live in der Großen Freiheit 36, Hamburg (28. Oktober 2026)


Ok Leute, es wird Zeit, endlich über Mittwoch abend zu reden! Nein, ich wurde nicht von Außerirdischen entführt - hatte allerdings sehr wohl eine unheimlich unterhaltsame Begegnung der dreieckigen Art.

Von Anfang an unterschied sich das Konzert in der Großen Freihet 36 von den meisten Shows, die ich sonst so besuche. Ich bin es jedenfalls nicht gewohnt, vierzig Minuten vor Einlass anzukommen und mich in eine Schlange einreihen zu müssen, die jede Hoffnung auf einen Platz direkt vor der Bühne bereits zunichte macht, während der Kopf dieser Schlange von in schwarzweißbunt polka-gepunktet kostümierten Fans gebildet wurde, von denen zum Glück niemand auf die Idee gekommen war, sich als Bandmitglied von Angine de Poitrine zu verkleiden - was hinsichtlich der Sichtversperrung für alle Besucher hinter ihnen schon ziemlich asozial gewesen wäre.

Auch ansonsten setzte sich das Publikum anders zusammen als bei anderen ähnlich experimentellen Gruppen. Der ans Absurde grenzende Internethype um das frankokanadisch-extraterrestrische Duo hatte nicht nur zur Hochverlegung des Konzerts vom Molotow hierher geführt und die Bude inklusive oberer Ränge noch komplett ausverkauft, sondern auch eine bunte Mischung an Fans angelockt, in der regelmäßige Konzertgänger einen eher kleinen Anteil ausmachten.
Allein in meinem Umfeld gab es neben den kompletten Angine-Karnevalisten Leute, die eine YouTube-Sensation ins wahre Leben überschwappen sehen wollten, aus der Rente zurückgekehrte Veteranen, deren goldene Erinnerungen zu Pink Floyd-Konzerten anno 1977 zurückreichten, sowie jüngere Semester, die sich sonst eher bei in noch größeren Locations stattfindender kontemporärer Popmusik aufhalten. Da fühlte ich mich in meinem Voivod-Shirt (passend, da aus derselben Region wie die Aliens dieses Abends) ja schon beinahe als Exot.

Keine Frage: Der Hype ist real. Wie gerechtfertigt er ist, beantworten wir aber später, denn zunächst einmal trat ja eine Vorgruppe auf...






GROS MENÉ
Ich hatte vorher nicht gewusst, dass es einen Support geben würde, und ganz ehrlich gesagt hatte ein Teil von mir in den Stunden vorher tatsächlich gehofft, dass gleich der Headliner loslegen würde. Es war nämlich so, dass das zeitgleich die MS Stubnitz besuchende Kilimanjaro Darkjazz Ensemble wegen einer Autopanne später anfangen sollte - und was für ein legendärer Powermove wäre es gewesen, zwei Shows am selben Abend zu besuchen und einen der fiesesten Konzertclashs des Jahres zu besiegen! Naja, aus der vagen Hoffnung wurde nichts. Zumindest bleibt mir als immenser Trost immer noch, das Ensemble bereits voriges Jahr "Live In Berlin" gesehen zu haben.

Aber hey! Gros Mené waren nebenbei auch ein durchaus geiler Opener. Deutlich dienstälter als der Headliner stammt das Powertrio aus derselben Region wie Angine de Poitrine, kommt allerdings vermutlich eher nicht so oft in ausverkauften Shows in ganz Europa herum. Und so hatte die französischsprachige Band sichtlich Bock, in ihrer halben Stunde Spielzeit alles zu geben. Schade war eigentlich nur, dass sich nach dieser mit der Wucht und Dreckigkeit von Noise Rock dargebrachten Heavy Blues-Abreibung die Umbaupause unnötig ewig in die Länge zog, so dass der Effekt der Show wieder ein wenig verpuffte. Die Band selbst hat aus dieser sicherlich nicht ganz einfachen Opener-Position aber alles herausgeholt.








ANGINE DE POITRINE
Als wäre das simple Bühnenbild - die beiden Bandmitglieder jeweils auf einem Podest vor einem schwarzweiß gepunkteter Hintergrund - nicht ohnehin jedem bekannt, fand der Bühnenumbau hinter einem Vorhang statt. Doch natürlich ließ dieser dramatische Trick das Publikum bei Beginn der Show von Khn (doppelhalsiger Gitarrenbass und Loops) und Klek (Schlagzeug) nur noch mehr ausrasten.

Anders als beim für den viralen Hype hauptverantwortlichen Video ihrer KEXP-Session war das Drumkit nicht mehr von einem dämmenden Tuch bedeckt, sondern war in seiner freien - selbstverständlich wie alles andere auch gepunkteten Pracht - zu sehen und zu hören.
Das Set der niedlich bizarren Aliens bestand ausschließlich aus den überwiegen instrumentalen Stücken ihrer ersten beiden Alben, wenn Gesang stattfand, dann natürlich ebenso extrem verfremdet wie die Laute, welche das Duo in den Songpausen neben Pantomime und rund ums Dreieck kreisenden Kulthandlungen zur Kommunikation mit dem Publikum nutzten.

Jenes war die komplette Performance über allerbestens gelaunt, sang Ohrwurmmelodien mit und drehte bei Hits wie "Sherpa" oder "Fabienk" schonmal so sehr auf, dass es schon einiger Anstrengung bedurfte, um sich in der dritten Reihe am Platz und auf den Beinen zu halten. Es war also eine gewaltige Party.

Zurecht? Jupp! Ich war ja durchaus bis zu einem gewissen Grad Skepiker, zumindest in dem Punkt, dass mir klar ist, dass die Identität von Angine de Poitrine nicht aus dem Nichts kommt.

Verkleidete Außerirdischenbands sind nicht neu. Gwar anyone?

Nonchalant aus dem Handgelenk geschüttelter metrischer Mindfuck? Gibt es natürlich schon lange und noch viel ausgeprägter. Da verweise ich doch gerne auf mein junges Tonträger-Review von Kukangendai.
 
Mikrotonale Musik ist in weiten Teilen der asiatischen Tradition der Normalfall und taucht auch in zahlreichen moderneren Formen auf, ob in den experimentellen Kamatscheklängen von Saba Alizadeh, der Ost und West überbrückenden Jazz Fusion von Jaubi und Yazz Ahmed, bei psychedelischen Rockbands, die wie Mohama Saz oder diverse türkische Bands Saz statt Gitarre oder wie King Gizzard & The Lizard Wizard Gitarren mit extra angepassten Fretboards spielen - was Angine de Poitrine ebenfalls tun. 

Und Musik, die großenteils auf Loops basiert - das können z.B. Jo Quail oder Lili Refrain sogar noch besser.

Und doch ist die Art, in der Khn und Klek diese Elemente zusammensetzen einfach sehr eigen und effektiv. Vor allem aber ist ihr mikrotonaler Mathrock-meets-Primus-Sound einfach erstaunlich mitreißend. Eine derart schräge, nerdige, experimentelle Musik trotz aller polyrhythmischen Verrücktheiten dermaßen ohrwurm- und partytauglich zu gestalten, ist ganz und gar keine Selbstverständlichkeit.

Und hier liegt auch die Antwort auf die Frage, ob der Hype verdient ist:
Ja, so etwas von!

Klar, die Kostüme spielen keine unwesentliche Rolle für den Erfolg und hier und da sehen wir ein paar kleine Showtricks, aber funktionieren tun Angine de Poitrine letztendlich nur aufgrund der absolut im Mittelpunkt stehenden, exzellenten Musik und ihrer super präzisen Ausführung. Wäre diese Basis nicht so stark, dann wäre die Welle schon längst abgeebbt.

Ich wünsche dem Duo jedenfalls, dass es den kommendes Jahr wohl noch intensiver werden Boom aus Welttourneen und riesigen Bühnen psychisch und kreativ gesund übersteht. Denn das was wir in der Großen Freiheit erleben durften, das war großes, originelles, exzellentes Entertainment.  







2026-10-25

SWANS - Newly Sentient Being

This is the pinnacle. You cannot drive this concept any further. They have reached the humanly possible limit.

It seems like releases which feel like the absolute culmination of an artistic idea and career are a specialty of Swans, who pulled that trick off several times with their "big sound" incarnation alone since their reunion in 2010.
But somehow, even after Michael Gira announced putting the band to bed again, there was always some new path to explore, something to add to the physically crushing, already superhumanly monolithic Swans sound.

Over the always morphing and evolving material the tours and studio recordings of this era produced, new textures were added, elements of the earlier 1990's sound returned and with the last live and studio albums ("Live Rope" and "Birthing") everything Swans had ever done seemed to merge in a perfect union of loudness excess and musicality.

And now, here comes "Newly Sentient Being"!


SWANS - Newly Sentient Being (2CD + DVD) (2026)

So is this it? Have Swans reached the pinnacle for real? There'll never be a way to tell, because this over two hours long double album documents the final of their final shows in this constellation, recorded on November 28th 2025 in Berlin.

It features the line-up I've last seen myself in Hamburg in 2023, with Michael Gira mostly performing seated and playing acoustic guitar while commanding the room with his powerfully preaching charismatic voice and shamanist presence, plus the returned Norman Westberg on guitar.
Since every other member is on multi-instrumental duty, the few tracks of up to over forty-five minutes length are filled with a staggering variety of sounds from loops, synths and Mellotron to dulcimer and peacock harp - and also the possibility to dramatically raise the intensity by playing with two lap steel guitars, two basses and/or two drumsets at a time.

The result is so intriguing, hypnotically colossal and singular, that it doesn't even make sense to label it by regular categories like Noise Rock or Post Rock, because this surpasses every box you put it in - and there is no other band doing what Swans does anyway. This kind of larger than life combination of planned songwriting and conducted improvisation (in which for example a track like "The Merge" becomes something completely different from the studio version) with this consequence, dedication and experience? Noone comes close to that, not even remotely.

Ive already established in an earlier review that "Swans live in 2023/2024 is just music at its best." - My mistake to already use the superlative back then, because that literally leaves me out of grammatically correct options to properly classify what's happening on "New Sentient Being".

The double CD comes in a beautiful digipak with the usual minimalist yet distinct layout and brilliant artwork by Gira. Luckily the "Birthing" mistake of hiding the accompanying DVD inconveniently behind a CD tray has not been repeated, so there's no chance that you miss the third disc's existence this time.

The DVD features a video of the show, partly filmed with Super 8 cameras, and featuring some great editing, where the utilization of layers and slow motion, as well as very conscious choices of how and when to film the audience really heightens the already electrifying performance, especially in parts of peak inferno and catharsis or passages of almost spiritual elation.

This video really conveys the psychic and physical demands of a Swans show on the artists as well as the impact on the listeners. The stage of Festsaal Kreuzberg (which I personally connect with fond memories of the final tour of Kikagaku Moyo in 2022) is relatively small, which places the big sound in a quiete intimate setting, leading to an atmosphere you can still feel through the screen. I'm really thankful that this historic performance has been captured in this quality.

After the end credits we see short backstage interviews with the musicians, which don't even try to give us any substantial information, but rather serve to show us the emotional gravity of what the end of this era means to the executors of Michael Gira's vision.
The DVD ends with two - again very deliberatly chosen - audience interviews with a super enthusiastic eleven years old boy, who already reflects that he will always remember this night, and a fan temporarily fleeing the war in Ukraine for this final chance to see Swans.

The only open question is What about "The End of Regretting"? Since the show ends with the towering title track before this final, very Ambient song icluding the creepiest yet coolest introduction of musicians - where has this actually been recorded? My guess is as a warm-up session during soundcheck? However it's a fitting piece to cap of this release and fifteen years long era.

Live album of the year? Obviously.





2026-10-23

空間現代 KUKANGENDAI - '25 Live

The possibly most casually brainmelting polyrhythmically progressive instrumental band of the planet has released a seventy-four minutes long live CD. So if you don't know what I'm talking about and they are not visiting a venue anywhere close to you in the foreseeable future - this might be the best way to start discovering Kukangendai!


空間現代 KUKANGENDAI - '25 Live (CD) (2026)

"'25 Live" has been recorded at a show in their hometown Kyoto in August of 2025, a couple of months before I witnessed the Japanese trio in Hamburg's Hafenklang - and it's just as gloriously offbeat and amazing as I remember it - only for even longer.

There's still hardly a fitting way to describe what Kukangendai are actually doing. They may often rediate relaxed vibes, but even then you can feel that their unique take on Progressive music is rooted in Punk. There's a certain joy in fucking with the listeners brain, as they try to comprehend how three guys can appearantly play two completely different songs at the same time, how they can sound so angular yet funky - and how the result centers so much around atmosphere and songwriting, even though these guys are basically showing off permanently by default.

Kukangendai live in Hamburg 2025
There are dynamic shifts from the precalent coolness to Ambient, slices of controlled aggression or just sheer infectious danceability, even if you're not sure if what feels like four-on-the-floor isn't actually something metrically completely different.

Ultimately I can only repeat what I've written before as a conclusion of my live review:
Kukangendai are such an in the most literal sense radically Progressive and consistently crazy special band that questions about what and why would only give you an unnecessary headaches, so you better simply accept it as the wicked amzing shit it is.

The packaging isn't much - just a simple hardcover sleeve with the disc in aplastic wrapper inside -, but it has a nice artwork giving underground Jazz vibes - and the music is a 10/10 weird the fuck singularity. Pure Avantgarde awesomeness!








2026-10-22

HARINELUMMERLAND : Büsum - Helgoland - Büsum


Hey, it's time for some purely photographic tourist, not music-related content for a change!

I've been on Germany's only deep-sea island Heligoland for two nights in early September. But since it took weeks for my films to be developed, I'm still working on the scans. So here's a bunch of pictures taken with my faithful Digital Harinezumi 2.0: