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2019-10-19

ALBATRE und GURA, live an Bord der MS Stubnitz, Hamburg (17.10.2019)

Gura

Sorry Hamburg, aber in China wäre das nicht passiert: Gut zehn Monate ist es her, dass ich zuletzt zu einem Konzert auf der MS Stubnitz gefahren bin und der hässliche Häuserblockneubau am Kirchenpauerkai ist immer noch nicht soweit, dass es dort mal eine neue richtige Straße, evtl. inklusive Parkmöglichkeit gibt. Aber was soll's, ein längerer Fußweg hat noch niemandem geschadet.

Auf sich genommen haben ihn am Donnerstag Abend dennoch nicht viele. Es mag ja an meinen stilistischen Präferenzen liegen, aber so wirklich glaube ich nicht mehr daran, dass ich mal ein richtig gut gefülltes Konzert an Bord des im Nirvana parkenden Schiffes erleben werde.

Was natürlich schade ist, so auch diesmal, mit gleich zwei Gruppen, die extreme Musik mit Bass, Drums und Saxophon auf den Frachtraum losließen.


Gura

Den Anfang machten Gura aus Belgien. Ursprünglich ein experimentelles Doom-Duo hat die Band sich irgendwann um einen irren John Zorn-Jünger erweitert, der das von einem derben, an Year Of The Cobra erinnernden Bass dominierte, mal brutal schleppende, mal rumpelig rhythmisch verknotete Geschehen wahlweise um ein durch diverse Tretminen geschicktes Saxophon oder eine punkig panische Gesang- und Gebrabbelperformance ergänzte.

Ganz schön sicker Shit. Das zum Teil sehr unkonventionell bediente Saxophon wurde vom äußerst sexy knarzenden Bass manchmal zwar etwas zu sehr verdrängt, doch alles in allem gab's hier für mich echt nichts zu meckern.



Albatre


Nach der Umbaupause allerdings zog das Niveau doch noch merklich an.

Unter einer nur aus stroboskopartig wirkender Videoprojektion bestehender Lightshow, die durchaus wirkungsvoll war, wenn auch zum Knipsen mit meiner Spielzeugkamera eher ungünstig, spielten Albatre exklusiv Stücke ihres aktuellen Albums "The Fall Of The Damned".

Der originelle, dichte Sound und insbesondere die unglaubliche Präzision des deutsch-portugiesischen Instrumental-Trios wussten zu beeindrucken. Alter, was für eine Maschine ist allein dieser Drummer!

In meinem Albumreview schrieb ich (sinngemäß übersetzt), dass man diese Musik als technischen Post Metal, dargeboten mit den Mitteln moderner Jazz Fusion betrachten kann. Live überwiegt für mich eher der Eindruck, es mit atemlosen Math Rock zu tun zu haben. Fans von The Hirsch Effekt dürften hier auf jeden Fall Spaß haben. Wie auch immer, Albatre sind eine genussvoll schräg ins Hirn grätschende, avantgardistische Groove- und Krachmaschine, für die ich letztendlich keinen komplett adäquaten musikalischen Vergleich finden kann.

Wer die Chance hat, diese Gruppe live zu erleben - in Thüringen und Bayern ist dies heute und morgen Abend noch der Fall -, der sollte sie nutzen.

Ein toller Konzertabend mit rundum geiler Musik und netten Gesprächen drumherum. Ich würde nur gerne mal wieder zu dem Normalzustand zurück, bei der nächtlichen Heimfahrt nicht noch mindestens eine zusätzliche sperrungs- oder doofheitsbedingte Bonusrunde durch Hamburg zu drehen. Darin bin ich letzter Zeit nämlich ziemlich weltmeisterlich, haha.



Gura:

 



Albatre:





2019-10-12

ORANSSI PAZUZU - Live At Roadburn

Oranssi Pazuzu sind Prog und Psych. Oranssi Pazuzu sind repetiv, tribal, hypnotisch. Oranssi Pazuzu sind kolossaler Black Metal, sind eine überwältigende Wall of Sound aus der Hölle.

Orannsi Pazuzu ist zehn Meter hoch. Mindestens.

Oranssi Pazuzu sind live eine beinahe singuläre Großmacht, nur zu vergleichen mit ihren ebenfalls finnischen Freunden Dark Buddha Rising, mit denen zusammen sie unter dem Banner Waste Of Space Orchestra auch eines der besten Studioalben 2019 herausgebracht haben.

Die Aufnahmen zum neuen Livealbum der Gruppe stammen vom Roadburn Festival 2017.




ORANSSI PAZUZU - Live At Roadburn (red vinyl 2LP) (2019)


Und mit dem Jahr hätte ich dann auch schon das einzige Problem aus meiner egozentrischen Sicht eingekreist. Hätten sie nämlich alternativ das Patronaat-Konzert vom Vorjahr rausgebracht, würde es für mich als persönliches Nostalgieobjekt besser funktionieren, da ich bei jener Show vor Ort gewesen bin. Tatsächlich waren Oranssi Pazuzu 2016 so gefragt, dass sich draußen vor der vollen Location die längste und frustrierteste Schlange jener Festivalausgabe gebildet hatte.

Genau deswegen gab es ja auch gleich 2017 die Wiederholung im größeren 013-Saal, die ich persönlich allerdings zugunsten von Gnod vs. Kuro (auch ein Konzert, welches ich super gerne auf Tonträger hätte) sausen gelassen hatte.

Umso schöner, den gigantischen Auftritt jetzt doch noch nachhören zu können!

Allein der Sound des Nicht-ganz-Doppelalbums (Seite D ist leer) ist für eine Liveaufnahme absolut tadellos und lässt einen die komplette Mächtigkeit und Finesse der Show spüren.

Auch die Aufmachung der Platte (hier auf leicht transparentem roten Vinyl; auch in schwarz und lila erhältlich) weiß zu gefallen:





Was soll ich noch groß sagen?

"Live At Roadburn" ist eine hypnoschwarzmetallidelische Allmachtsdemonstration. Dieses Album ist zwanzig Meter groß. Mindestens.


Und psst, nicht weitersagen: Nostalgiewert hat das Ding für mich im Grunde dann doch. Schließlich stimmten bei beiden Konzerten drei der jeweils sechs gespielten Tracks überein, und darunter die längsten Stücke "Vasemann Käden Hierarkia" und "Saturaatio".  






2019-10-08

G.T - How Dare You

Historische Reden als Grundlagen musikalischer Kompositionen sind keine brandneue Idee.

Nachdem am 15. September 1963 vier schwarze Mädchen bei einem Attentat des Ku Klux Klan auf eine Kirche ermordet wurden, ließ sich John Coltrane vom Rhythmus der Trauerrede Martin Luther Kings zu "Alabama" inspirieren.

Als Gerhard Schröder bei einem Wahlkampftermin eine Flasche Bier verlangte, sampelte Stefan Raab daraus den Schenkelklopferhit...  Ok, lassen wir das.



G.T - How Dare You (download) (2019)


Natürlich ist die viral gegangene, zweiminütige Schwedendeathmetal-Version von Greta Thunbergs Wutrede vor den Vereinten Nationen Quatsch.

Aber halt gut gemachter Quatsch von jemanden, der sich offenbar auskennt. Und rein inhaltlich sowie vom popkulturellen Standpunkt betrachtet wahrscheinlich eine der, wenn nicht sogar die relevanteste Veröffentlichungen des Jahres im Genre.

Aus Gründen des todesmetallischen Genießertums muss man das nun über ein Label als Single vertriebene Stück natürlich dennoch nicht zwingend kaufen. Da der Gewinn allerdings komplett als Spende an Greenpeace geht, spricht allerdings auch nicht wirklich etwas dagegen.

Außer man ist so eine Hubraum-statt-Hirn-Knalltüte natürlich... aber ich möchte hier jetzt nicht in einen weiteren Rant verfallen. Die Menschheit ist ein Trottel.






2019-10-06

PSYCHOTIC WALTZ und GHOST SHIP OCTAVIUS live im Knust, Hamburg (03. Oktober 2019)

Psychotic Waltz


Mein Progmetal-Konsum liegt nun schon seit einiger Zeit weit unter dem Höchststand. Ich mag das Genre natürlich immer noch, aber irgendwie war ich ein bisschen übersättigt und bin halt aktuell süchtiger nach einigen anderen musikalischen Ausdrucksformen.

Als jedoch eine Mini-Tour von Psychotic Waltz inklusive Stop in Hamburg angekündigt wurde, war das Ticket ohne großes Überlegen gekauft, denn auch wenn ich dem zwischen 1990 und 1996 (von mir persönlich allerdings erst ein paar Jahre später entdeckten) Studio-Output der Gruppe seit gefühlten Ewigkeiten kein Gehör mehr geschenkt hatte, stand die vielleicht coolste und eigenwilligste der großen Prog-Metal-Bands jener Zeit immer weit oben auf meiner Konzert-Wunschliste.


Eigentlich bin ich ja Streber und komme meistens pünktlich zum Einlass zu Shows, doch die dem 3. Oktober geschuldete, feiertägliche Parksituation erforderte ein paar Extrarunden um den Block. Ich war dann zwar immer noch weit vor dem angekündigten Beginn im Knust, doch dies galt ebenso für die Vorband, die bereits eine Dreiviertelstunde vor "Beginn" auf den Brettern stand, so dass ich den Anfang ihres Auftritts verpasste. 


Ghost Ship Octavius


Wäre ich noch ein paar Minuten später eingetroffen, dann hätte ich wohl nicht einmal erfahren, dass die vierköpfige Vorgruppe an diesem Abend nicht ganz komplett war. Wegen Arbeitsverweigerung der Künstlichen Intelligenz fehlten nämlich die Playbacktracks für Streicher und ähnliches symphonisches Gedöns. Da ich mich vorher allerdings nichts mit Ghost Ship Octavius vertraut gemacht hatte, vermisste ich auch nichts konkret.

Wer weiß, vielleicht hat der ohnehin schon oft bombastische und kurz-vor-kitschige Powerprog Metal sogar davon profitiert, nicht noch dicker auftragen zu können. Mir gefiel die Kombination aus bei allen Eskapaden immer noch geerdeter Musik und gekonntem melodischen Gesang jedenfalls gut, so wie sie war. Nichts, was ich auf Platte bräuchte, aber live immer gerne.

Abgesehen davon, dass ich nicht den Eindruck hatte, dass Make-Up hier zwingend erforderlich war, ist mein größter Kritikpunkt eigentlich, dass mir die stilistische Verwandtschaft zum Headliner manchmal ein bisschen zu eng erschien.


Psychotic Waltz

Wobei das Level, auf dem Psychotic Waltz danach operierten, natürlich eine ganz andere Klasse darstellte. Zumindest in den meisten Belangen.

Ausgerechnet Gesangscharismat Devon Graves war nämlich offensichtlich stimmlich angeschlagen und brauchte eine handvoll Songs, sowie einen Jägermeister-Shot ("After this it will either be better or worse. Or it stays the same."), um sein Organ so richtig zum Laufen zu bringen.
Davor war es in den abenteurlichsten hohen Lagen leider schwer zu ertragen, auch wenn vor allem die beiden duellfrickelnden Gitarren sich noch so große Mühe gaben, zumindest auf instrumentaler Ebene hundertzehn Prozent zu geben.

Es brauchte also ein gewisse Eingewöhnungsphase, um das Set, welches etwa zur Hälfte aus Songs der ersten beiden Alben und zur anderen Hälfte aus Material von "Mosquito", "Bleeding" und auch vielversprechenden Tracks des nächstes Jahr erscheinenden Comebackalbums "The God-Shaped Void" (keine Gewähr!) bestand, vollends zu genießen.

Der auch in sperrigen Passagen vor gutem Songwriting strotzende, exzentrische Watchtower-meets-Hippies-Sound der Band ist live schon ein großartiges Erlebnis.
Ob "Morbid", "Northern Lights" oder "Haze One", schwach können Psychotic Waltz prinzipiell nicht. Doch vor allem ab dem Punkt, an dem die ganz großen Hits in Form des "Into The Everflow"-Titeltracks und der Querflöten-Kultballade "I Remember" einsetzten, befand sich das gut gefüllte Knust im Stratosphären-Schwebeflug. Solche Klasse sieht man nicht alle Tage.

Schade, dass Sänger und Publikum zunächst mühsam den Cringe besiegen mussten, ansonsten wäre die Show nahe an der Perfektion gewesen.

Glücklich waren nach "Nothing" und der Black-Sabbath-Cover-Zugabe "Children Of The Grave" natürlich dennoch alle Anwesenden.


Hoffentlich lässt die nächste Gelegenheit, den psychotischen Walzer zu tanzen, nicht wieder drölfzig Jahre auf sich warten! 



Ghost Ship Octavius:





Psychotic Waltz: