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2019-09-28

CHELSEA WOLFE - Birth Of Violence

Immer gewaltigere Wände aus Elekronik, Drone und Sludge/Doom Metal-Riffs hatte die Königin des zeitgenössischen Gothic zuletzt um sich herum aufgetürmt.

Die ursprüngliche, düsterfolkloristische Chelsea Wolfe jedoch, die uns nur mit akustischer Gitarre und enigmatischer Stimme bezauberte, war niemals ganz weg, erhob immer mal wieder in einzelnen Tracks oder 2016 auf der großartigen "Hypnos / Flame"-EP ihr Haupt.

Mit "Birth Of Violence" beansprucht sie nun jedoch wieder ein ganzes Album für sich.





CHELSEA WOLFE - Birth Of Violence (red consuming grey vinyl) (2019)


Nur Künstler plus Sessel plus ein Mikro - ähnlich wie beim späten Johnny Cash - ist das hier aber ganz und gar nicht. Und eine komplette "Rückkehr zu den Wurzeln" kann es auch nicht sein, nimmt Chelsea Wolfe doch nicht nur ihre neuen kreativen Erfahrungen mit auf die Reise, sondern auch ihre wichtigsten Mitstreiter der vergangenen Jahre.

So beweist Drummerin Jess Gowrie nach "Hiss Spun", dass ihre perfekte Synergie mit Chelsea auch in leiseren Tönen Bestand hat. Auf vier Tracks ist Ezra Buchla, dessen Viola schon auf "Abyss" die Seele der Sängerin gespiegelt hat, zu Gast.
Alles andere, was außer Wolfes Akustikgitarre noch bleibt, also Bass, Klavier, Synthesizer, Leadgitarre und atmosphärisches Wasauchimmer, wurde von Ben Chisholm eingespielt.

Abgesehen von Momenten, welche Chelsea Wolfe beinahe alleine bestreitet ("When Anger Turns To Honey") oder dem wenig überraschend rockigsten Stück "Deranged For Rock'n'Roll", dominiert auf "Birth Of Violence" dabei der bildliche Eindruck eines sanften, tiefen Gewässers, in welches die Sängerin einsam bis auf ihr Instrument hineingleitet, um sich sicher tragen zu lassen.
Es ist ein dunkler, aber auch ein sehr warmer, komfortabler Klang, von dem man sich gerne aufnehmen lässt.

Auch wenn sie ihre mystische Seite nicht vernachlässigt, wovon am meisten die magische "Erde" in der Mitte des Albums zeugt, kommt Chelseas Gesang analog zur enorm gewachsenen Selbstsicherheit ihrer Liveauftritte mit im Vergleich zu früherem Akustikmaterial wenig Effekten aus, was letztendlich die Vielfältigkeit ihrer Stimme noch mehr herausstellt.

Hilfreich ist diese trockenere Gesangsproduktion vor allem auch immer, wenn ihr Doomfolk auch inhaltlich ganz klar auf Country-Pfade gerät. (Der Titel des Openeres "The Mother Road" steht auch für die Route 66, und "Highway" ist ganz unverschlüsselte Nachts-nach-der-Show-unterwegs-Romantik, die mich angesichts des bald anstehenden Konzerts der Progmetaller in Hamburg gerade viel mehr als musikalisch gerechtfertigt an Psychotic Waltz' "Haze One" denken lässt.)

Doch Halleffekte hin oder her: Chelseas Gesangsleistung an sich ist hier einfach - selbst für ihre Verhältnisse - ungemein wirkungsvoll.


"Birth Of Violence" ist ein kleineres, kürzeres und im Grunde auch simpleres Album als die letzten drei Werke ab "Pain Is Beauty", doch es bringt mich nicht auf die Idee, dass irgendeine dieser Eigenschaften ein Nachteil sein könnte.

Es ist ein starkes persönliches Werk mit großem Ohrwurmcharakter und ohne Füller - wenn man den ums Studio tosenden Sturm, der im Outro "The Storm" aufgenommen wurde, nicht zählt -, welches erfolgreich die gute Tradition fortsetzt, dass jeder Longplayer von Chelsea Wolfe anders, aber gleich spannend klingt. Wo ich es innerhalb ihrer Diskographie einsortiere, kann ich jetzt noch nicht sagen; die Spitzenposition ist jedoch ausdrücklich nicht ausgeschlossen.


Das Album ist dazu auch sehr ansprechend verpackt. Die Platte selbst gibt es in verschiedenen Farbvarianten, unter denen ich mich für die gut zum Artwork passende Kombination aus rot und grau entschieden habe: 




Schon das matte, raue Pappmaterial der Hülle gefällt mir. Und neben dem Cover (Geht es nur mir so, oder sieht die Künstlerin da tatsächlich nach Kristen Bell in ihrer dunkelsten Rolle aus?), sind auch Fotografie und Layout des restlichen Gatefolds, sowie des beiliegenden großformatigen Textbooklets erstklassig.

B-Noten-Abzüge gibt es nur für die schwere Lesbarkeit einiger Zeilen, sowie den Sprung, den mein Vinyl-Exemplar aufweist. Da dieser die Platte aber erst Sekunden vor Schluss inmitten des erwähnten Gewitters in einer Endlosschleife gefangen nimmt, kann ich ihn leicht tolerieren.

Dafür ist das weiße T-Shirt, welches ich zusammen mir der LP im Bündel erstanden habe, aktuell unangefochten mein Lieblingskleidungsstück.










2019-09-25

MAGMA - Zëss (Le Jour Du Néant)

"Et toi, Kreuhn Köhrmahn,
Maître de toutes vies et de toutes mort
Zeuhl est ton nom"




MAGMA - Zëss (Le Jour Du Néant) (gold vinyl) (2019)


Larger than life waren Magma mit ihrer einzigartig visionären Musik ja schon immer. Eine gewaltige kreative Urkraft von universellem, über die Grenzen üblicher Kategorisierung hinausgehenden Anspruch.
Dass das Werk der vor fünfzig Jahren gegründeten Zeuhl-Band in der Tat auf unserem Planeten und nicht in der fernen Welt Kobaïa entstanden ist, zeigt sich musikalisch neben der zuweilen schon sehr humorvollen Kauzigkeit im Grunde nur dadurch, dass die meisten Alben unter der dann doch noch irgendwie menschlichen Vierzig-Minuten-Marke bleiben.

Abgesehen von dieser zeitlichen Begrenzung ist kosmisches Ausmaß bei Magma aber durchaus just another day at the office. Und nun also noch epochaler?

"Zëss", ein Titel der lautmalerisch nach dem finalen Auspusten der Großen Kerze klingt. "Der Tag des Nichts", die Kulmination und das Vergessen aller Dinge. Das Ende aller Enden. Wusch. Zëss!


Ebenso wie die meisten vor ein paar Jahren auf Jazz Village erschienenen Veröffentlichungen von Magma handelt es sich auch bei "Zëss" um Material, welches in Konzepten bzw. alternativen und unfertigen Live-Versionen schon seit Jahrzehnten existierte.

Und dass es gerade in diesem Fall vierzig Jahre bis zur Vollendung der ursprünglichen Idee gedauert hat, ist verständlicher als bei allen anderen Alben, können sich doch auch Rockbands mit langjährigem internationalen Kultstatus nicht mal eben so leisten, das Prager Symphonieorchester für eine zentral tragende Rolle zu engagieren.


Doch packen wir die Schallplatte doch erst einmal aus!

Dem krönenden Anspruch des Projekts entsprechend kommt die Platte im royalen Gold. Auch die sonstige Gestaltung des Gatefolds mit den Fotos der leeren Aufnahmeräume statt der Musiker ist schön gemacht. Dazu gibt es ein aufklappbares Blatt mit Texten und Liner Notes.




Der einzige Wermutstropfen am Inhalt ist, dass Music On Vinyl keine Downloadcodes beilegt, d.h. ich habe mir meine Digitalkopie wie so oft in diesem Fall selbst gebastelt. Anders als auf der CD-Version ist bei mir der Mammuttrack also nicht in mehrere Häppchen aufgeteilt, was ich im Grunde auch besser finde. Allerdings gibt es zum Seitenwechsel der Platte natürlich ein Aus- und Einfaden. In meiner Kopie habe ich dies zwar mit ein paar Handgriffen geschickt verborgen, aber ich glaube, ich habe dadurch auch ein paar Takte Gesamtspielzeit verloren, ist meine Version doch nun eine ganze Minute zu kurz.[empört erstauntes Emoji hier einsetzen]


Doch nun zur Musik an sich:

Was schon beim Lesen der Credits auffällt, sind die erheblichen Unterschiede des Album-Line-Ups zur aktuellen Livebesetzung der Band. Und damit ist nicht nur das offensichtliche Symphonieorchester gemeint.

So wird auf "Zëss" kein Vibraphon, wohl aber Klavier gespielt. Sänger Hérve Aknin tritt in den Chor zurück und spielt nur eine untergeordnete Rolle, da Christian Vander den Löwenanteil des Leadgesangs, nur gelegentlich geteilt mit seiner Gattin und Chor-Vorsängerin Stella, selbst übernimmt.
Dafür verzichtet er allerdings komplett darauf, Schlagzeug zu spielen und überlässt diese Aufgabe Morgan Ågren von der schwedischen Prog-Gruppe Kaipa.

Seit meinem letzten Magma-Album-Review ist einige Zeit vergangen, in der ich u.a. endlich John Coltrane für mich entdeckt habe. Angesichts der Tatsache, dass Mastermind Christian Vander geradezu von Coltrane besessen ist, bis hin zur Aussage, gar keine andere Musik als die der Saxophonlegende zu hören, hilft mir das durchaus, "Zëss" zu verstehen.

Die Grundidee der gesamten Komposition beruht nämlich auf zwei, fast durch das ganze Stück konsequent durchgehaltenen Klavierakkorden, die mich in ihrer Wirkung doch sehr an "A Love Supreme" erinnern, was durchaus die überlebensgroße Ambition von "Zëss" unterstreicht.

Überhaupt ist die Kernband im Grunde sehr minimalitisch unterwegs. Nach wenigen Minuten langsamer Einleitung preschen Drums und Bass in einem schnellen, nimmermüden 2/4-Galopp voran und bilden gemeinsam mit dem Piano die atemlose, aber stabile und sich nur sehr subtil und geduldig wandelnde Grundlage für ein über zwanzigminütes Crescendo, in dem sich Christian Vander ganz allmählich von einer langen französischen Beschwörung in spoken words zu wilden kobaïanischen Gesangsimprovisationen steigert, während um ihn herum das Orchester und schließlich auch der Chor immer größer und wahnsinniger herumtanzen.

Die Band bleibt das ausdauernde Fundament (ausgenommen die Gitarre, welche in unauffälliger Rolle in erster Linie die vielkehligen schnellen Gesänge unterstreicht), doch die Seele von "Zëss" wird durch Stimmen und das Orchester ausgedrückt.
Dass das Symphonie-Arrangement aus der Feder von Rémi Dumoulin stammt, welcher in der Vergangenheit bereits als Saxophonist mit Magma gespielt hat, erklärt neben der allgemein großen Nähe der Band zu carl-orffscher Klassik wohl, warum die ganze Zusammenarbeitet hier so natürlich und gut - weit über dem Niveau der meisten Rock/Klassik-Projekte - funktioniert.

Und nachdem Streicher, Bläser, Gesang schon mehrere unfassbare Feuerwerke gezündet haben, schwingt der Rhythmus doch noch um und Magma brechen in einen ekstatischen Gospel aus, welcher ein wunderbares Meta-Element enthält, als der kobaïanische Chor statt gewohnten Zeilen wie

"Ün zürr !!
Dëh stöht dëh öóhrdëhn
Ëh ïó ah"

oder

"Ëmëhmöh nëmëhsïn   ëmëhmöh nëmëhsïn
Ëmëhmöh nëmëhsïn   ëmëhmöh ëmëh sïdëhn dö wï"

plötzlich folgendes singt:

"Sanctus sanctus
Ïëzüsz krïstüsz"


...was wohl nur ganz zufällig nach "Jesus Christus" klingt.


Danach folgt ein letztes Aufbäumen und der Absturz in den ins Nichts mündenden Epilog.


"OM"


Atemlosigkeit.

Das Ende.

Über alle Welten und Weltanschauungen hinaus.

Zëss.



Wow.



Sollte dies das letzte Studiowerk von Magma sein, dann ist es wahrhaftig ein Big Bang von einem Abgang.





2019-09-24

Puh. Wenn das so weitergeht, kostet mich dieses scheiß Berliner Drecksfotzen-Urteil noch meinen facebook-Account.

Kommunikation in Zeiten von asocial media, AfD-Schlumpfzazi-Trumpisten und Aluhüten überall ist schwierig. Zurückhaltung angesichts des täglichen Bombardements aus Bullshit wo immer es möglich ist, Kommentare zu hinterlassen, ebenso.

Viel zu viel Menschenfeindlichkeit, Bosheit und Dummheit in all ihren ekligen Ausprägungen bleibt unwidersprochen, weil einfach niemand dieses Pensum bewältigen kann. Und weil es ja auch nichts bringt. Man kann einen Trottel mit einem facebook-Kommentar nicht zum Weisen machen, das weiß ich doch auch. Aber den Rassisten, Faschisten, Hassfratzen aller Art, die anderen Vergewaltigung und Tod wünschen, den virtuellen Raum zu überlassen, als seien sie tatsächlich "das Volk" - das kann es doch auch nicht sein.


Im Rahmen des - wenn diese Welt der Bolsonaros, Trumps und Johnsons noch ein minimales Mindestmaß an Restintelligenz erlaubt - demnächst in höherer Instanz gekippten Urteils zu den Beleidigungen gegenüber Renate Künast wissen wir nun ja zum Glück, was so alles als sachlicher Debattenbeitrag gilt.



Man könnte jetzt natürlich meinen, zumindest für eine Weile mit diesem Urteil eine praktische Diskussionshilfe zur Hand zu haben, doch was in Deutschland nun offiziell üblich und ok ist, das muss sich zu Zuckerberg und Konsorten natürlich erst einmal herumsprechen.

In der Praxis sieht es nämlich nun so aus, dass die netten Scheißtypen, die sich über diese katastrophale Justizkarambolage freuen, dafür auch noch belohnt werden. Einerseits können sie feiern, dass es nun hochoffiziell noch mehr in Ordnung ist, in Deutschland frauenverachtendes Naziarschloch zu sein, wurde das Urteil doch offensichtlich gezielt designt, um diese spezielle Klientel ruhig zu stellen. Because #whatcouldpossiblygowrong ?

Anderseits können diese Schlampen nun wunderbar jeden, der das Urteil ganz offensichtlich kritisch aufgreift, schön bei Mark mimimimelden. Denn ihre armen zarten hasserfüllten Seelen wurden ja so sehr verletzt.


Wie halt letzten Freitag bei mir:







Und nun?


Strafe abgesessen und nichts gelernt?

Kann man so nicht direkt sagen. Bei der nächsten Ansprache an Freunde des Verwaltigens von Politikerinnen habe ich nämlich eine direkte Ansprache ausdrücklich vermieden.

Man musste sich schon bewusst entscheiden, sich als stinkefotzige Hohlbirne angesprochen zu fühlen.


Ich hätte natürlich wissen müssen, das irgendwer dies tun würde. My bad. Als Wiederholungstäter setzt es nun drei Tage Sperre für mich schlimmen Bully.


Also, das Fazit, wenn ihr nicht für mehrere Tage auf euren fotzenbuch-Account verzichten möchtet:
Nazis und ähnlich ausgekugelte Idioten immer schön machen lassen. Bloß nie sarkastisch werden. Immer schön stromlinienförmig durch die Timeline schwimmen. Eventuell das Heben des rechten Arms üben. Das kann für eine sichere Zukunft in Arschlochdeutschland sicher auch nicht schaden.





Aber im Ernst: Auch wenn ich meine Formulierungen wohl für die nächste Zeit ab Freitag Mittag ganz genau auf die Goldwaage legen muss, werde ich prinzipiell sicherlich nicht aufhören, Vollidioten zu widersprechen.

Auch wenn es gerade aktuell, wo z.B. der Roadburn-Vorverkauf beginnt und ich eigentlich jeden Tag mit einem Post Saxophonmusik im #SÄXEMBER poste, schon durchaus lästig ist, nichts posten, liken und kommentieren zu können.





Und zuletzt facebook, Du trottelige Kuh:

Es ist ganz mieser Stil einen erst für drei Tage zu sperren, aber dann nur Sekunden nach der Benachrichtigung eine weitere Mail zu schicken, in der Du darum bettelst, dass ich meinen facebook-Seiten doch bitte mehr posten soll.

Ja was denn nun?





EDIT:

Man sollte im Grunde auch gar nicht mitlesen, wenn man nicht reagieren kann. Das ist dann ja noch ungesünder als ohnehin schon. Man siehe sich nur mal exemplarisch die Kommentare unter diesem Beitrag hier an:




Sorry, aber wer da nicht den dutzenden, zumeist blaubraun rechtsdrehenden Ignoranten mitten in die Fresse kotzen möchte, der ist höchstwahrscheinlich - ihr wisst es schon - eine Stinkefotze.

Einen der übelsten Kommentare dort habe ich jetzt auch mal gemeldet. Sollte dies tatsächlich etwas bewirken - haha -, dann gebe ich mir selbst einen aus. Virtuell zumindest.


UPDATE:

Meine Meldung zeigte selbstverständlich keinen Erfolg. Zu Implizieren, dass Sympathisanten von Greta Thunberg die Sechzehnjährige ja nur durchknattern wollen, ist also ok und entspricht den Gemeinschaftsstandards. Schon schwierig, auszuloten, was geht und was nicht.



ABER IMMERHIN...

...hat die neue Überprüfung meines eigenen Kommentars nun doch zur Aufhebung meiner Sperre geführt. Take this, ihr Dreckschweine!




2019-09-23

KONSTRUKT + KEN VANDERMARK - Kozmik Bazaar

Der Kenner sieht schon am Cover, welches große Ähnlichkeit mit den beiden identisch betitelten Werken "A Philosophy Warping, Little By Little That Way Lies A Quagmire" hat, dass sich hier eine weitere Kooperation der die türkischen experimentellen Freejazzer Konstrukt mit einem anderen Künstler ankündigt.

Diesmal ist es aber nicht der japanische Noiserocker Keiji Haino, sondern Ken Vandermark, wichtiger Player der Jazzszene Chicagos, der mit Tenorsaxophon und Klarinette dazustößt - und zum Glück des Rezensenten kein Faible für ultra-lange, komplizierte Bandwurmsong- und albumtitel hat.




KONSTRUKT + KEN VANDERMARK - Kozmik Bazaar (LP) (2019)


Dieses neue Album, das sei gleich gesagt, ist nicht so radikal abgefahren wie die beiden genannten Vorgänger, d.h. es kommt in handlichen Stücken, die sich zumindest in sich selbst weitgehend auf einen Stil und eine Stimmung konzentrieren.

Aus der Sicht eines "Vanilla" Jazz- oder Rockfans mag das indes nicht allzu viel bedeuten. Denn ein recht weites Feld wird hier im Lauf der relativ kurzen Gesamtspielzeit schon beackert.

Konstrukt sind an sich schon eine Truppe, die gerne mit vielen unterschiedlichen Sounds experimentiert, und so finden hier bereits ohne Vandermark neben der Basis aus Saxophon, Bass und Schlagzeug auch elektronische Percussion, spanische Flöten, afrikanische Lauten und verzerrte Gitarren. Von arabisch rockender Fusion, über sanft atmosphärisch dröhnende Psych-Stücke bis zum aus allen Rohren trötenden Freejazz-Freakout lässt dieser "kosmische Basar", wie ich den Albumtitel jetzt mal ganz mutig ohne Faktencheck übersetze, den Hörer eine Vielzahl von Sinneseindrücken einsammeln. Eben wie wenn man auf einem orientalischen Markt von einem exotischen Duft zum nächsten stolpert.

*pling* Ein Euro in die Kasse für billige Analogien!

Und dadurch, dass wirklich jeder der sechs Tracks eine neue Gasse des "Kozmik Bazaar" erforscht und sich die leichtere mit der avantgardistisch schwereren Kost ganz gut abwechselt, vergeht dieser Marktbesuch auch wie im Fluge. Der erlebnisorientierte Jazztourist in mir wird kurzweilig unterhalten und ist begeistert.

Ja, mir gefällt die natürliche Chemie der fünf Musiker sehr. Konstrukt bleiben als sie selbst erkennbar und klingen doch im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Partnern deutlich anders.

Eine spannende Albenreihe ist es, die Karl Records uns hier präsentiert. Und so gilt hier wie für die beiden Vorgängerwerke das uneingeschränkte Prädikat: Bammm! Großartig!







2019-09-22

LANA DEL REY - Norman Fucking Rockwell!

Puh, schlimm. Also dieses Cover. Schlimm.

Oder?

Nee, Moment. Erst einmal nachkucken, wer denn dieser Norman Rockwell aus dem Albumtitel überhaupt ist!

Ok. Für US-Amerikaner dürfte das wohl Allgemeinbildung sein, war Rockwell dort doch einer der prägendsten Maler des vergangenen Jahrhunderts, der u.a. ein paar politisch relevante Werke geschaffen hat - vor allem jedoch jede Menge die Realität erbarmungslos romantisierenden Alltags- und Arbeiterkitsch, bei dem man schon mal leicht ins Schütteln kommen kann.

Dieses Coverfoto könnte glatt eines seiner Bilder sein. Und das zusammen mit der Comic-Schrift... Ah, now I get it.

Ach, und da im Hintergrund an Land, da brennt es ja lichterloh!

Ok, das Cover ist gut. Ziemlich gut sogar. Und immer noch schlimm.





LANA DEL REY - Norman Fucking Rockwell! (2LP) (2019)


Ich bin für meine Verhältnisse ja früh dran mit diesem Review. Bei den letzten beiden Alben haben mich die ersten Auskopplungen nämlich eher skeptisch gemacht und davon abgehalten, mich sofort auf die LPs zu stürzen. Es waren halt die grenzwertig bemüht poppigsten Stücke, von denen man kein Dutzend haben möchte, die im Zusammenhang des Gesamtwerkes dann allerdings doch funktionierten.

Bei "Norman Fucking Rockwell!" sah die Sache nun allerdings komplett anders aus. Bereits letztes Jahr schraubten die Videos zu "Mariners Apartment Complex" und vor "Venice Bitch" die Erwartungen bereits hoch. Ein Popstar veröffentlicht im Jahr 2018 einen fast zehnminütigen Song, der zu großen Teilen instrumental mit lässigen Analogkeyboards und psychedelischen Gitarren vor sich hin schwebt? Respekt!





Nun muss man zwar auf der Doppel-LP feststellen, dass gerade diese beiden Stücke schon auf Seite A als Track zwei und drei (von vierzehn) verbraten werden, und es ein wenig an einem ähnlich gearteten Gegengewicht im späteren Verlauf fehlt, doch dies bedeutet keineswegs, dass es ansonsten an Qualität mangelt.

Klar, die Alben von Lana Del Rey sind grundsätzlich immer ziemlich lang und könnten problemlos auf zwei, drei Songs verzichten, doch welche das diesmal sein sollten, ist gar nicht so leicht zu entscheiden.

Anders als auf dem Vorgänger "Lust For Life" verzichtet sie hier komplett auf Featuring-Gastspiele, es gibt also z.B. keine unnötigen Rapper, die sich ohne Verluste abstoßen ließen. Stattdessen wurde "Norman Fucking Rockwell!" von einem neben der Sängerin sehr überschaubaren Produzenten- und Musikerkreis auf die Welt gebracht.
Das Resultat ist das in sich stimmigste, am meisten aus einem Guss kommende Album seit "Ultraviolence". Die genial konsequente Produktion von damals kann und darf man natürlich nicht wiederholen, zu meckern finde ich am Sound allerdings auch nichts.

Auch kompositorisch geht Del Rey wieder mehr in diese Zeit zurück. Es dominieren balladeske Töne mit Sixties- und Seventees-Vibes, Piano, akustische Gitarren, Dream Pop, der schon erwähnte Psychedelic Rock. Das ist natürlich schon nach heutigen Poperfordernissen sehr dick produziert, verliert darüber aber nie seine Menschlichkeit.
Ein paar von "Honeymoon" übrig gebliebene Streichersätze dürften mir gerne eine Spur dünner aufgetragen sein. Und auch wenn die modernen elektronischen Beats und Bässe durchgehend funktionieren, gibt es ein paar Stücke, die von einer geschmeidigen Jazz-Rhythmussektion noch mehr profitiert hätte.

Doch dies ist Hätte-der-Hund-nicht-geschissen-Kritik auf hohem Niveau, denn was da tatsächlich zu hören ist, das ist auch alles gut.


Der kurioseste Track, der nicht ganz im Fluss mitschwimmt, ist ganz klar "Doin' Time", eine Coverversion der mir vermutlich zurecht unbekannten Band Sublime.
An sich zum covern viel zu irrelevanter Reggea/Rap/Pop oder wasauchimmer, verleiht die notorische Popkultur-Zitiersüchtige Lana dem Stück ausgerechnet durch ihre Treue zum Original einen sehr charmanten Touch, indem sie die ständig wiederholte Information, dass sich Bradley am Mikro befindet und Ras MG den Song produziert hat, genau wie den Rest des Textes einfach ohne jede Modifikation übernimmt.

Und das Ding passt natürlich auch in ihr CaliforniAmericana-Image.





Man könnte jetzt noch die Highlights der Tracklist durchsezieren oder sich auf die überwiegend elegant und gewitzt gereimten Lyrics stürzen, doch ich möchte es hier mal bei dem Gesamteindruck belassen, dass Lana Del Rey hier ein sehr gereiftes und zielsicheres - und, was ich vielleicht auch noch erwähnen sollte, großartig eingesungenes - Album aufgenommen hat, welches auch für Fans, die nach "Ultraviolence" abgesprungen sind, wieder interessant sein dürfte.

Wenn schon Pop, dann so.






2019-09-21

MAJAK - The Herald

Ok, dann wollen wir mal die neulich zum Deaf Forever-Geburtstag gehisste Meeetaaal!-Fahne eine Runde weiter wehen lassen. Heute wird's hier etwas lokaler mit einer extrem dem Underground-Ethos verpflichteten Band, die seit ich mir auch mal wieder bei Gelegenheit live anschauen sollte, ist das Konzert in der itzehoer Lauschbar doch auch schon zwei Jahre her.

Majak haben seitdem mehrere Besetzungswechsel erlebt, von denen einer sehr tragischer Natur war, hatte sich Drummer Johannes Mohr doch das Leben genommen. So ist das erste volle Album der Band, welches die über drei Jahre gemeinsam geschriebenen Stücke versammelt, natürlich dem ehemaligen Mitstreiter gewidmet. Die Drumtracks auf "The Herald" sind auch alle noch von ihm eingespielt worden.



MAJAK - The Herald (CD) (2019)


Zunächst einmal kann man unmöglich ignorieren, was einem die Post für einen Brief ins Haus trägt, wenn man die CD direkt bei der Band bestellt. Kinder, wenn ihr Mutti und Vati mal so richtig erschrecken wollt...

Im handbeschrifteten, mit Wachs versiegelten Umschlag finden sich neben der CD inklusive signiertem Booklet nicht nur Aufnäher, Anstecker und das ältere "Rebelious Archetype"-Demo mit vier Stücken, sondern auch ein fein mit Blut besprenkelter Dankesbrief. Alles sehr persönlich, was ich schon ziemlich cool finde, auch wenn ich für mich noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden habe, welchen Platz zum Satan ich zu Hause für blutige Dokumente vorgesehen hat.

Auf jeden Fall gibt es nicht den geringsten Zweifel darüber, dass man es hier mit okkultem Undergroundmetal zu tun hat. Dazu passt auch das bewusst auf low-fi gebürstete Layout, welches u.a. super anstrengend zu lesende Lyrics in rot auf dunklem schwarzweiß und eine trashige Bildercollage als Cover beinhaltet.





Insgesamt muss man sagen: Ja, das passt und gehört alles schon so. Auch wenn ich persönlich durch das kleine gestauchte Foto in der Mitte vielleicht ein bisschen befangen bin.

Denn wie man es schon in meinen beiden Fotorückblicken auf das Jahr 2018 (eine Rubrik, die gefühlt jedes Jahr mickriger wird) lesen konnte, habe ich mich letzten Dezember spontan für ein Bandfotoshooting engagieren lassen, nicht ahnend, dass es Blut und bare Brüste bei kaltem Pisswetter mitten in Neumünster beinhalten würde.

Nun fragt mich bitte nicht, wie ich so naiv sein  konnte, haha!

Nun aber zur Musik: Majak bedienen sich überwiegend bei Metalspielarten, die ganz klar old school sind: Achtziger-Jahre-Thrash/Speedmetal, Achtziger-Jahre-Blackmetal. Klassischer Death Metal. Und so weiter. Aber alles mit hardrockender Attitüde so zusammengemischt, dass es einen durchaus eigenen Sound ergibt.
Den wiederum kann man aber auch einfach fucking Heavy Metal nennen.

Die Produktion ist im Schnitt gute Selfmade-Qualität, ist halt roh und geht ordentlich in die Fresse und der Gurgelgrowlgesang von Marcel Mädel brüllt einem auch schön (beinahe) übertrieben ins Ohr. Dadurch dass das Ganze über einen längeren Zeitraum im Proberaum aufgenommen würde, gibt es schon ein paar Schwankungen, allerdings nicht einem Maße, das mich stören könnte.

Ein paar Gebrüllpassagen sind tatsächlich nicht so meins, aber instrumental bereitet "The Herald" mir durchgehend Freude. Dass sich manchmal so richtig geile Ideen und Arrangements mit charmant stumpfen Rumpeleien die Hand geben, werte ich dabei eindeutig als perfekt in die gesamte Ästhetik passendes Plus. Das gehört zu sympathischem Metal halt manchmal dazu. So zeichnet genau dieses Wechselspiel ja z.B. die besten Sachen von Kreator aus.


Fazit:

Metal! Kein Album, dass ich sekundengenau auswendig lernen werde, aber eines, das beim Hören immer gut gehörnte Laune macht.


Majak in aktueller Besetzung




2019-09-18

DEAD NEANDERTHALS - Ghosts

Und hier ist sie wieder, die kleine New Wave of Dutch Heavy Jazz-Band, welche weiterhin hart daran arbeitet, die meistrezensierte Gruppe in diesem Blog zu werden. Nur ein paar Hindernisse sind noch zu nehmen. (Laibach einzukassieren wird ohne exzessive norddeutsche Touraktivitäten allerdings schwierig.)

Diesmal haben Otto Kokke (Saxophon) und André Aquarius (Schlagzeug) - also known as Dead Neanderthals - den Gitarristen Scott Hedrick von der us-amerikanischen Black/Thrash-Band Skeletonwitch zur transatlantischen Fernkooperation eingeladen.




DEAD NEANDERTHALS - Ghosts (teal/black vinyl) (2019)


Das Album "Ghosts" besteht aus den zwei jeweils etwas länger/kürzer als zwanzigminütigen Tracks "Bone Hill" und "Death Bell".

"Bone Hill" basiert - wie so oft bei den Dead Neanderthals - auf einer extrem minimalistischen, repetitiven Idee. Die Drums pumpen gleichförmig, aber unnachgiebig vorwärts, während das Saxophon, für den Unwissenden fast unkenntlich durch Effekte gejagt, einen breiten, jaulenden und dröhnenden Sirenen-Klangteppich bildet. Oft disharmonisch und anfangs dadurch geradezu unangenehm drückend, steigert sich die Orchestrierung ganz allmählich immer weiter und zwingt einen dadurch irgendwann in Trance.

Ob und wie viel Gitarre in dieser dichten Klangbrühe vorhanden ist, kann ich für die ersten drei Viertel des Stückes ehrlich gesagt überhaupt nicht beurteilen. Erst kurz vor der Fünfzehn-Minuten-Marke steigt eine eindeutige Black-Metal-Leadgitarre ein und hebt das Stück plötzlich auf eine höhere und weitere, geradezu bombastische Ebene, welche sich schließlich als Ganzes hinabsenkt und sanft in einem geisterhaften, ebenfalls vom Gast Scott Hedrick eingespielten, Klavier mündet.


Hat dieses Stück schon bereits aus dem Neander-Tal bekannte Elemente genommen und mit einer deutlichen neuen Note versehen, so geht die B-Seite noch viel weiter.
Im Prinzip ist "Death Bell" ganz ähnlich aufgebaut, doch ist nicht nur der Drumbeat lebhafter, groovender und die darüber schwebende Kokke-Klangschicht sehr viel leichter und ätherischer, sondern sie werden auch von Beginn an von cleanen postrockartigen Gitarrenlicks umspielt, was den Dead Neanderthals einen komplett neuen Appeal verleiht, der mit Freejazz sowieso gar nichts mehr zu tun hat, aber auch von Drone, Noise oder experimentellem Metal weit entfernt ist.

Stattdessen klingen die ersten zwei Drittel des Stücks dermaßen nach prä-eskalierenden modernen Swans, es bräuchte tatsächlich nur noch den langsamen, unverkennbaren Sprechgesang Michael Giras, und dies könnte locker als eine verträumte, aber gleichzeitig Spannung aufbauenden Passage  auf "The Glowing Man" durchgehen!

Doch damit erschöpft sich der Schwanenvergleich keinesfalls, denn zum Finale explodiert der Song zu einer gigantischen Wall of Sound, einer ebenfalls absolut der Legende würdigen, allumfassend erhabenen Kakophonie, über der zum ersten Mal auf dem Album eindeutig erhörbar das Sopransaxophon trillert, ehe auch hier das Piano den Schlusspunkt setzt. Gigantisch!

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: "Death Bell" ist möglicherweise eines der besten Swans-Instrumentals, welches Gira und Co. nicht selbst komponiert und veröffentlicht haben.
Ganz klar ist dies einer der ganz genreunabhängig besten Tracks des Jahres.

Wer im allgemeinen weniger an sperrige Advantgarde gewöhnt ist und/oder speziell die Dead Neanderthals bisher kaum bis gar nicht kennt, der findet hier mit der B-Seite sicherlich auch den leichter verständlichen Zugang.


Jetzt bleibt mir vor dem abschließenden Yay! nur noch, darauf hinzuweisen, dass "Ghosts" in stilvoller Aufmachung und mehreren Vinylfarben wie immer übersichtlich limitiert zu haben ist.
Die blaugrün/schwarze Variante, für die ich mich entschieden habe, ist auf jeden Fall sehr schick geraten:
 




Yay!






CRYPTAE - Vestigial

Du musst raus, aber das Kissen ist so schön weich und Du bist noch müde?

Ich hab da was, das helfen könnte. Neunzehn Minuten Schmerz am Morgen haben noch niemandem geschadet, oder?


CRYPTAE - Vestigial (download) (2019)


Wenn ich hier digitale Ein-Longtrack-EPs bespreche ("Vestigial" ist allerdings auch in physischen Formaten erhältlich), dann handelt es sich ja meistens um den neuesten Irrsinn aus dem Hause Dead Neanderthals. Und tatsächlich sollen sich unter den nicht namentlich genannten Mitgliedern der Extrem-Metal-Advantgardisten von Cryptae auch tote prähistorische Europäer befinden, sprich: es ist René Aquarius, der hier brutal die Felle verdrischt.

Die Soundästhetik von Cryptae ist irgendwo zwischen Death Metal, Grindcore und verstimmten Sludge / Post-Metal anzusiedeln. Mit einem Unterton, von dem man nicht weiß, ob er eher Black Metal oder Free Jazz ist. Schrägkrankschön auf jeden Fall. Der Gesang ist Growling vom Typus runtergepitchter Staubsauger. Das Songwriting ist im Grunde schon abwechslungsreich und anspruchsvoll, aber dennoch von kathartisch primitiver Stumpfheit.

Wer Imperial TriumphantPan-Thy-Monium, die finster brutale Seite von Kayo Dot und musikalisch kanalisierte, aber nicht glattgebügelte rohe Gewalt so schätzt wie ich, der kann hiermit große Freude haben. Keine Sorge, die letzte Minute, welche etwas an Zaum erinnert, stellt den Seelenfrieden schon wieder her. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Sick!






2019-09-08

DEAF FOREVER Birthday Bash • 07. September 2019 in der Markthalle, Hamburg (mit SATAN, SULPHUR AEON, METAL INQUISITOR u.a.)

Satan


Das Deaf Forever feierte gestern in der ausverkauften Markthalle  seinen fünften Geburtstag. Dass es soweit gekommen ist, liegt zugegebenermaßen sicherlich nicht an mir. Aber hier und jetzt ist vielleicht nicht so ganz der richtige Ort, um darauf einzugehen, warum mir das Heft irgendwann über war, so dass ich es eigentlich nur noch ein mal pro Jahr kaufe, um mich über die Roadburn-Berichterstattung zu ärgeramüsieren, haha. Also sage ich einfach mal diplomatisch, dass mich persönlich wohl kein Printmagazin mehr an sich binden kann. Oder besser: Ich bin halt nur mit einem kleinen Anteil meines Musikgeschmacks die Zielgruppe.

Das galt auch für dieses Jubiläumsfestival. Fünf Bands, die laut Götz Kühnemund allesamt "Album des Monats"-würdig waren. Ist wohl so, wenn man trueerer Metalhead als ich ist.

Für mich war das Billing eher ein Glücksspiel am Rande meiner Komfortzone, wollte ich doch im Grunde nur Sulphur Aeon wirklich sehen. Die restlichen vier Gruppen liefen spätestens nach etwas YouTube-Recherche unter der Kategorie Overkill-Syndrom, d.h. auf Konserve brauche ich das Zeug kaum bis gar nicht, aber live könnte es eventuell (hoffentlich!) sehr geil werden.


Chapel Of Disease


Den Anfang machten Punkt sechs Uhr abends Chapel Of Disease.

Der Bandname brüllt zwar Death Metal, doch für jenen steht durchgehend nur der Gesang. Die Gruppe baut inzwischen nämlich reichlich Versatzstücke aus Hard Rock und Heavy Metal ein, sowie Parts, die mich ein wenig an Fields Of The Nephilim bzw. Sólstafir denken lassen.

All jene Elemente holen mich auf ihrem aktuellen Album (des Monats) in ihrer Ausführung nicht immer ab, und auch wenn mir die Gruppe live von Beginn an gefiel, dachte ich in der ersten Sethälfte an entsprechenden Stellen meistens, dass mir ein guter Todesmetall-Part jetzt schon noch lieber wäre.
In der zweiten Hälfte kamen dann aber die stärkeren Stücke und fischten die Haare aus der Suppe.

Insgesamt boten Chapel Of Disease also eine sehr gute Heavy Death-Bedienung.



Metal Inquisitor


Metal Inquisitor. Der Name sagt einem ja schon zwei Dinge:

1. Die Band kann nur entweder richtig gut sein - oder allerhöchste Fremdscham auslösend grottenscheiße. Alles andere passt einfach nicht.

2. Stilistisch kann es sich nur um lupenreinsten, klassischen Heavy Metal handeln, den man eigentlich gar nicht beschreiben darf, aus Angst, seiner Lupenreinheit in Worten nicht gerecht zu werden.


Und so war es dann auch, wobei Metal Inquisitor sich zum Glück als sehr geile Liveband herausstellten. Insbesondere das super saubere Sirenenorgan von Sänger El Rojo muss ich hier loben. Doch auch der Rest des zumeist im schnellen Judas Priest-Tempo geschnürten Pakets namens Metal Inquisitor ist zu hundert Prozent darauf optimiert, live zu funktionieren.

Sehr gut!

(Die Band erntete übrigens auch "Priest"-Sprechchöre, die auf einer Ansage vom Headbanger's Open Air beruhten und von den Besuchern nun als Running Gag mitgeschleppt worden war.)


Sulphur Aeon


"Ihr seid mir alle noch ein bisschen zu gut drauf für die nächste Band.", hieß es in der Ansage zu Sulphur Aeon.

Man kann es auch übertreiben, denn die Band spielt ja weder Funeral Doom, noch Sabaton-Cover, sondern auf starkem Songriting basierenden, extrem abgehenden, technisch komplexen und sich exklusiv der lovecraftschen Apokalypse widmenden Düster-Death-Metal.

Ok, jetzt wo ich es sage, sehe ich schon ein, dass das ziemlich böse war und man als Fan auch durchaus ehrfürchtig vor der Allmacht erstarren konnte. Die Musiker selbst lassen auch eher den sinistren Klang für sich sprechen. Ich hätte noch hundert Fotos mehr knipsen können und die hätten wohl fast alle mehr oder weniger gleich ausgesehen. Aber das ist ok. Wer so einen Cthulhunami entfesselt, der braucht auch nicht den Partyinselanimateur zu geben.

Urgefuckingwaltig!



Satan


Und nun hieß es: Endlich mal den Alptraum aller Tod, Musik und Teufel fürchtenden Großeltern erleben! Live auf einem Metalkonzert und die Meute ruft "Sa-tan! Sa-tan! Sa-tan! Sa-tan!" und "Hail Satan!"

Die Beschwörung funktionierte tatsächlich, denn es standen die 1979 (als noch nicht alle einfachen Bandnamen vergeben waren) gegründeten New Wave of British Heavy Metal-Veteranen Satan auf der Bühne. Gesanglich und musikalisch war das alles noch eine Nummer dreckiger, kauziger, schneller als vorher bei Metal Inquisitor. Und es war tatsächlich auch noch eine Ecke geiler.
Ob die spitzen Schreie von Brian Ross, die aberwitzigen Leadgitarrenduelle oder auch jene Stellen, in denen die direkt Blueswurzeln der Musik anklangen, Satan waren satanisch gut.

Auch wenn mir musikalisch Sulphur Aeon nach wie vor immer noch sehr viel mehr sagen; mit dieser Vorstellung waren die Briten für mich eindeutiger Tagessieger. Hip hip hurra Satan!



Deaf Forever Birthday Bunch


Nach der letzten Umbaupause versammelte sich dann zunächst einmal das komplette Deaf Forever-Team auf der Bühne, einer der Initiatoren des Deaf Forever-Forums hielt eine ähm... Rede und schenkte der Redaktion - Achtung, jetzt wird's originell! - Bier.

Ja, Bier.

Und warum muss eigentlich, wenn spontan "Happy Birthday" angestimmt wird, immer gerade der schlimmste Sänger das Mikro in der Hand halten?



Atlantean Kodex


Als letzter Programmpunkt, eine Band, die als "süddeutsche Epic-Metal-Institution" angekündigt war. Beliebtes Ding, gefühlt drei Viertel des Saales trug nun Atlantean Kodex-Merchandise am Leib. Ich hab neulich zum ersten Mal reingehört und war eher vorsichtig skeptisch, aber durchaus aufgeschlossen.

Was soll ich sagen, außer dass die Band bei ihrem Publikum gut abgeräumt hat? Vielleicht hilft es, die Texte zu kennen? Ich persönlich war nämlich müde und ertappte mich schnell dabei, wie ich auf die Gesangsmelodien Schlaflieder dichtete. Das konnte kein gutes Zeichen sein, also verließ ich die Markthalle lieber nach etwa zwei oder drei Songs gepflegter Langeweile vorzeitig, bevor ich zu sehr eingelullt wurde, um noch Auto fahren zu können.


Anders als auf dem Hinweg musste ich auf dem Weg zu meinem Parkplatz nicht durch den Starkregen laufen und vor noch verschlossener Tür warten. Mein Kapuzenshirt war nämlich immer noch durchnässt. Zum Glück habe ich mich nicht erkältet. Das hätte nämlich noch ein paar Abzüge in der B-Note gegeben, für einen Konzertabend, der alles in allem (vier von fünf Shows ein Treffer) sehr gelungen war. 


Und nun versuche ich mal, mich zu erinnern, wann ich zuletzt fünf Drummer mit Doublebass-Metalkit hintereinander gesehen habe. Ist das Jahre oder schon Jahrzehnte her? Hmm...




Chapel Of Disease:





Metal Inquisitor:




Sulphur Aeon:




Satan:




Atlantean Kodex: