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2024-12-14

music 2024 : TOP 7 live albums


2024 added a good amount of great live releases to my collection. I could have easily saved myself several hard decisions, if I just made this a list of my favorite dozen of them. Kikagaku Moyo, Temple Fang, Li Jianhong, Martina Verhoeven could have all been included. But then there would still be more, so let's just except that this is what it is - the holy, unshakable, final selection of my...




TOP 7 LIVE ALBUMS 2024:


  1. No, Swans aren't getting significantly quieter or more compact yet! In a transformed guise of sound, which unites a newly found clarity with a still almost unfathomable heaviness, characterized by basses, lap steel guitars and Michael Gira playing on acoustic strings "Live Rope" presents the Noise titans as utterly glorious as I remember them from their last show in Hamburg. The first double track "Rope/The Beggar" alone clocks in at over seventy-eight minutes. And that's only one half of this unbelievable album. Admittedly it's not the first time that I smell the possible peak of all their qualities coming together, but come on: Can the rush of incomprehensible bliss get any greater?



  2. Not enough musical hypersomnia yet? Here's another fifty minutes mighty piece (in three movements) by the two adventurous Dutch duos Solar Temple and Dead Neanderthals, recorded live at Roadburn 2022. Hypnotically repetitive, yet rich and colourful in detail this "light-flooded cathartic flight beyond the constraints of time" unveils a "skyscraping wall made of Psychedelic Sludge, clerical chants, Post Metal and Blackgaze".




  3. However ginormous the two above may feel; if you want me to guess which album here I will probably listen to the most in the long run, my bet is definitely on Tori in the thirty-fifth year of her career. "Pandora's Aquarium", "Spring Haze", "Lady In Blue", "Mother Revolution"... Not only does she serve an irresistable selection of sixteen hits and hidden gems on this two and a half hour strong double album, but she also does it in fantastic, extravagantly long piano/bass/drums trio versions.




  4. If we're talking historic relevance the winner of this list has to be the first complete official release of Alice Coltrane's legendary Carnegie Hall performance in 1971. In its first half she looks into the future, playing harp on pieces inspired by Indian spirituality. The second half with her on piano honours the legacy of her late husband John Coltrane. It's absolutely magical, and if there had been enough microphones to actually record all instruments on stage properly, I might have ranked this even higher.




  5. From the immortal Spiritual Jazz pioneer of the past to the exciting present of Avantgarde Free Jazz: Zaäar expressively improve a timeless stream of mystical tribalistic trance, including santur, zurna, zither, flutes, electronic sounds, throat singing and animal noises. All this is captured inside the unique atmosphere of a natural cave. "What a hammering meditation! What a monstrosity of freedom! What a wildfire of inspiration!" And everywhere Alice Turiyasangitananda's presence can still be felt like a tangible resonance. A magical trip into Neptunian Jazzimalism!





  6. No, we're not done yet! There's even more Coltrane worship ahead! Obviously, since "Afro Blue" is a Jazz standard made hugely popular by John's quartet. Here we can experience it in a stunning twenty minutes version by the trio of Mats Gustafsson (sax), Sten Sandell (piano) and Raymond Strid (drums), recorded live in Stockholm in 1998. And beyond that Gush give us fifty more minutes of sensational improvisations between abstract minimalism and hymnic Spiritual Jazz grandeur. The great production makes you feel like you're witnessing this mastery an arm's length away from the first row.  





  7. Six albums in (three of them released this year!) the live series of Krautrock legends Can just keeps giving. From a not too revered period of the band, this almost unadvertised show in the quintet line-up with Traffic bassist Rosko Dee and Holger Czukay operating wave sounds and samples instead, proves to be a true revelation. Incredibly funky, complex and rich these improvisations showcase a band of musicians knowing each other inside out - and then also adds that certain unexplainable magical it of the right constellation of space and time on top.





favorite MUSIC 2024 - all my lists:

TOP 24 albums   |   TOP 7 live albums   |   TOP 5 reissues






2024-11-23

CAN - Live in Keele 1977

Und da geht sie schon wieder weiter, die Liveserie aus dem Hause des letzten verbliebenen Can-Mitglieds Irmin Schmidt, der nun bereits sechs, zumeist in guter Bootlegqualität aufgenommene Shows der Krautrocklegende erstmals offiziell und mit der Studiotechnik von heute aufbereitet veröffentlicht hat.

Gerade erst spielten Can erstmals in dieser Serie als Quintet mit Traffic-Bassist Rosko Dee "Live in Aston 1977", da bekommen wir diese Besetzung mit Ex-Basser Holger Czukay an Wellenempfänger und speziellen Sounds noch einmal in der Keele University bei Newcastle zu hören. 


CAN - Live in Keele 1977 (2LP / side D edged) (2024)

Um es gleich vorweg zu nehmen: von Czukay ist hier im Mix meistens - zumindest bewusst - nicht viel zu hören, wenn er nicht gerade Sprach- oder Tribal-Gesangs-Samples beisteuert. Trotzdem bietet der Klang dieser Aufnahme, die gleich von null auf hundert fett, funky und komplex loslegt, keinen Grund zur Beschwerde.

Klar, die Orgel könnte hier mal druckvoller, der Raumklang dort etwas kompakter sein, doch dies sind wirklich immer nur vernachlässigenswerte Details, die das Hörvergnügen nicht einmal ansatzweise einschränken. Die fünf - wieder einmal eine unfassbar eingespielte, instinktiv aufeinander reagierende Band präsentierenden - Improvisationen bieten wirklich in keiner Beziehung Angriffsfläche.* Da muss man schon Jams per se hassen, selbst wenn diese von Weltklassepionieren in Topform stammen. Oder man ist als Can-Fan vielleicht pathologisch auf die Phase mit Damo Suzuki am Mikro fixiert. Das gibt es ja durchaus auch, hörte ich.

"Live in Keele 1977" beweist auch erneut, dass sich zu diese Reihe nicht nach den meistgefragtesten Konzerten richtet, zumal dieser Auftritt in keiner wirklich berühmten Location stattfand, kaum promotet wurde und außerhalb des Kreises der Anwesenden keinen Kultstatus in der Fangemeinde inne hat, zumal auch die - von den Liveshows ja immer komplett seperaten Studioalben dieser Phase nicht das höchste Ansehen genießen.

Doch diese fünfundsiebzigminütige Show hat das gewisse magische Etwas, welches in der Luft liegt, während sich die Band in einen kreativen Rausch spielt, der kaum inspirierter sein könnte. Die von Klassik über Jazz bis bis Funk angetriebene Psychedelikmaschine läuft wie geschmiert, kein Schlag von Ausnahmedrummer Jaki Liebezeit geht daneben und Michael Karoli krönt die zehn bis fünfundzwanzig Minuten langen, aber dennoch kurzweilige Stücke mit einer endlosen Kaskade geschmackvoll umgesetzter Gitarrenideen. Vor allem die Leads, z.B. in "Fünf" sind absolut chefskiss-würdig.

Kurzum: diese Aufnahmen lassen einen wünschen, man hätte damals (in meinem Geburtsjahr) dabei sein können - und dankbar sein, dass es dieses Album nun gibt.

Das Layout der Serie bleibt natürlich wie gehabt, wobei mir das Cover mit den fliegenden Boxen hier besonders gut gefällt. Da es sich hier um zwei LPs handelt, hätte ich eher ein Gatefold erwartet, doch dafür gehen die Liner Notes im Beiblatt hier tatsächlich auf die konkreten Umstände dieses Konzerts ein, was ja nicht bei allen Teilen der Serie der Fall ist.
Das Vinyl ist klassisch schwarz, aber doch ein bisschen besonders, da nur drei Seiten gebraucht werden, was den Weg für ein hübsches (natürlich schwer fotografierbares) Etching auf Seite D freimacht. 


* Ok, eine Sache nervt an dieser Aufnahme schon: Was für ein komischer, den Applaus abschneidender Schluss ist das ganz am Ende bitte? Wurde hier so früh auf Stopp gedrückt oder hat jemand im Publikum etwas furchtbar schweinisches gerufen, das gecuttet werden musste?






2024-07-04

CAN - Live In Aston 1977

Gerade erst gab es in der Live-Reihe von Can mit "Live In Paris 1973" das erste Album mit Sänger Damo Suzuki auf die Ohren, da geht es schon wieder zurück in die rein instrumentale Zukunft, und zwar weiter denn je zuvor in mein Geburtsjahr 1977.


CAN - Live In Aston 1977 (LP) (2024)

Trotzdem ist die diesmal in Aston (Birmingham) aufgenommene Band auch hier wieder ein Quintett. Als neues Mitglied ist Traffic-Bassist Rosko Dee zu hören, während Holger Czukay, der die Gruppe später im Jahr verlassen sollte, vom Viersaiter komplett auf "Waveform Radio and spec. Sounds" umgestiegen ist, was im auch hier wieder mit viel funky Jazz Fusion aufgeladenen (don't call it) Krautrockkosmos als Einfluss sowohl von Kraftwerk als auch Herbie Hancock interpretiert werden kann.

Die vier Improvisationen zwischen Hypnose, Extase und progressiver Komplixität sind auf jeden Fall brandheiß. Daran ändert auch diesmal der nach modernen Studiostandards etwas dumpfe, für seinen Ursprung als beinahe ein halbes Jahrhundert altes (Oh scheiße, das heißt, dass ich auch... damn...) Bootleg aber ziemlich sensationelle Sound nichts.
Die Licks und Grooves fetzen, die Soli sind lang und geschmackvoll, die oftmals herrlich dominante Orgel wabert sich von Ohr zu Ohr... man kann und sollte diese Musik nicht methodisch sezieren. Can kannten einander musikalisch einfach in- und auswendig und konnten dies in großartige Jams umwandeln. Dass dies eine Band war, die man live sicherlich immer und immer wieder erleben wollte, kann ich auch nach dem fünften Teil dieser Bühnenwerkschau nicht in Frage stellen.

Leider gibt es - anders als auf "Live in Stuttgart 1975" keine über die Performance selbst hinausgehenden weiteren Hintergründe zur Show und ihrer Aufnahme. Klar, nach der langen Zeit kann die Aufnahme natürlich leicht ohne Begleitzettel aufgetaucht sein. Trotzdem wäre es nett gewesen, wenn das Booklet zumindest einen Einblick in diese spezifische Phase und die mit ihr verbundenen Besetzungswechsel gegeben hätte.
Stattdessen gibt es aber nur einen Ohrenzeugenbericht von Sex Pistols-Gründungsmitglied (selbst diese Info musste ich mir ergoogeln) eines Konzerts drei Jahre vorher. Das wirkt ziemlich random und wird meiner Meinung nach auch dem schön stabilen Design dieser Serie nicht gerecht. Da wäre für ein komplett abgerundetes Gesamtpaket noch mehr drin gewesen.

Im Meta-Genre Ausnahmemusiker schütteln sich Ausnahmemusik aus dem Ärmel kann diese LP aber eigentlich alles, von daher ist bei gesunder Priotitätensetzung der Mangel an passenden Liner Notes zu verkraften.








2024-02-24

CAN - Live In Paris 1973

Die offizielle Livealbum-Serie der Legende Can geht in die vierte Runde und taucht nach Stuttgart, Brighton (beide 1975) und Cuxhaven (1976) tiefer in die Vergangenheit und in den retrospektiv vielleicht noch etwas typischeren Sound der Gruppe.


CAN - Live In Paris 1973 (2LP) (2024)

Es ist ein trauriger Zufall, dass die erste nicht rein instrumentale Veröffentlichung aus dieser Serie mit Damo Suzuki am Mikrofon nun zwei Wochen nach dem Ableben des Japaners erscheint. Dass diese Phase der avantgardisten Band erst jetzt Teil dieses Rückblicks ist, wird beim Hören allerdings schnell verständlich. Letztendlich sind dies ja alles aus dem Publikum heraus mitgeschnittene, als gute Bootleg-Qualität klassifizierbare Aufnahmen, die mit moderner Technik optimiert und restauriert wurden. Und ein nicht ganz optimaler Gesangssound ist bei solchem Ausgangsmaterial einfach schwer zu retten.

Suzuki singt während dieser Show, über die den Liner Notes nach anscheinend keine großartigen Details bekannt sind, weniger als ich erwartet hätte - und zumeist relativ unauffällig, da er objektiv schlicht zu leise ist. Wäre er ein "normaler" Sänger gewesen, von dem klar durch den Song führende Strophen und Refrains erwartete, dann hätte man die Aufnahme vermutlich als nicht veröffentlichungsreif abgehakt. Seine oftmals in Fantasiesprache improvisierte Performance zwischen Jazz-Scat und Radiohead vorwegnehmendem Falsettklagen geht allerdings eher als instrumentale Textur durch, die sich nicht zwingend vom Rest abheben muss und so auch (und evtl. sogar besser) in dieser ziemlich tief eingebetteten Präsentation funktioniert.

Ok, ein paar tatsächliche Textpassagen gibt es hier und da auch zu hören. Denn auch wenn die bis zu zwei LP-Seiten Jams nach Vorbild der vorigen Livealben keine Titel tragen, sondern nur in der Form "Paris 73 Eins" nummeriert sind, haben Can doch ein paar Songs von Studioalben eingebettet. Ich schaue jetzt aber nicht nach, welche dies sind, denn ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich diese eh nicht kenne und mich über eben diese (natürlich auch diesmal sofort am einheitlich Design erkennbare) Liveserie an die Band herantaste.

Und vieles, was ich über die drei später aufgenommenen Vorgänger gesagt habe, trifft auch hier zu, vor allem wie unverschämt funky die Gruppe aufspielt und wie nimmermüde kreativ Michael Karolis Gitarre aberwitzige Brücken zwischen hypnotischem Space Rock und moderner Klassik schlägt.
Apropos Hypnose: Am offensichtlich unterschiedlichsten agiert Jaki Liebezeit, der hier bei aller jazzfusionistischen Dynamik oftmals noch offensichtlicher als in späteren Jahren wie eine vorzüglich programmierte halbe Maschine spielt.

Und so bleibt auch mit Damo Suzuki, den ich 2018 einmal gemeinsam mit Minami Deutsch live erleben durfte, das Fazit bestehen:

Can waren überirdisch aufeinander abgestimmt und sie auf der Bühne zu erleben muss eine rauschahfte, magische Erfahrung gewesen sein. Je mehr hörbare Zeugnisse davon René Tinner und das nun einzige noch unter uns weilende Bandmitglied, Keyboarder Irmin Schmidt ans Tageslicht holen können, desto besser!

Auch wenn's klanglich passagenweise mal dumpfer als ideal klingt (der Bass in "Paris 73 Drei" dröhnt z.B. viel zu undifferenziert über den Rest), ist dieses Album natürlich großartig, und es gibt abgesehen vom lieben bösen Geld letztendlich doch kein wirklich überzeugendes Argument, auf eine Zeitreise nach Paris zu verzichten. 





2022-11-29

MUSIC 2022: TOP 7 live albums


And here's round two of 2022's end of the year music rankings! After my TOP 5 reissues I now present and recommend: My seven favorite live albums. I don't think this needs more introduction, or does it?

The next upcoming category will be my TOP 13 live shows. 




TOP 7 LIVE ALBUMS:


  1. In a mixed ranking of best live and studio releases this album would probably still occupy the top position. As videos of this show already suggested since 2018 it has indeed been the monumentally droning, otherworldy culmination of Anna von Hausswolff's "Dead Magic" tour. In a performance that doesn't know one weak moment the mesmerizing duets of the exceptional Swedish artist with her sister Maria are only one among many highlights. Even with the show's finale "Gösta" sadly missing this beautifully packed album is perfect proof that magic is still very much alive.








  2. Dutch heavy space rockers Temple Fang are so all around complete and authentic in their 1970's sound between Purple, Floyd, Hawkwind and Blue Öyster Cult, that you could easily sell them as that band from "Almost Famous" that didn't make it onto the original soundtrack, just because their songs were too damn long. While that is of course bullshit, their epic psychedelic hard rock compositions definitely are not. Were it not for three seated pandemic shows, which luckily were recorded in proper quality, these eighty minutes of timeless greatness possibly would have been lost, since the band changed their set when they introduced a new drummer afterwards. Man, that would have been a shame!  







  3. The larger than life 2021 Roadburn Redux performance of the Belgian Neptunian Maximalism collective, dubbed Supernova Arkestra for this occasion, was screaming in prehistoric tongues and the languages of doom, psychedelic rock, spiritual jazz and drone to be released. The call was heeded and this beautiful digipak CD including the video of the show on DVD came to be. (Later also available on double-vinyl.) It's nearly impossible to summarize  this boundless genre-defying hour of vivid Eastern/Western monumentalism in all its shimmering transcendent glory. And as I am typing this I'm already waiting for another new pre-ordered  live album of Guillaume Cazalet's big band to arrive. Safe to say that Maximalism had a good year.







  4. MARTINA VERHOEVEN QUINTET - Driven - Live At Roadburn 2022

    The only live recording from this year's festival issue in my collection so far - and it is a special one, which [spoiler alert!] is very likely to pop up in another upcoming ranking, too. Powered by Martina Verhoeven on piano, Dirk Serries on guitar, Colin Webster on saxophone, Gonçalo Almeida on upright bass and Onno Govaert on drums a perfect free jazz storm blows directly from the Paradox stage into your face. Fifty minutes of pure excellence!






  5. ACID LUMO - Orange Medicine

    Despite all current problems we're still living in a golden age for music lovers. Who would have made me aware of an album like this thirty years ago? And here I am, a random dude from Germany telling you that my number five pick for live recording of the year are some buddies in a by now disbanded group from Wuhan jamming a mostly chaotic yet incredible atmospheric show with rock instruments, sitar and traditional Chinese lutes, flutes and overtone vocals in Shanghai. Spontaneous ancient mystery. 






  6. DEAD NEANDERTHALS - IXXO

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  7. CAN - Live in Cuxhaven 1976

    The reason why this third installment in the first official series of live albums from the legendary German krautrock group Can can't reach a higher place in this list is pretty obvious, especially when compared to its two predecessors, which both ran over six record sides: With just half an hour in total "Live in Cuxhaven" is just too damn short. And to make it even crueler it ends with the the band announcing to return after a break - which of course doesn't happen. But what little of this completely improvised performance by Michael Karoli, Irmin Schmidt, Holger Czukay and Jaki Liebezeit we get is just so damn funky, inspired and amazing!







2022-10-20

CAN - Live in Cuxhaven 1976

Nach meinem letztjährigen Lieblingslivealbum "Live in Stuttgart 1975" und dem nur unwesentlichen weniger gigantischen "Live in Brighton 1975" geht die Reihe der restaurierten Konzertausgrabungen der Krautrocklegenden Can nun an der Nordseeküste in die nächste Runde.


CAN - Live in Cuxhaven 1976 (curacao blue vinyl LP) (2022)

Um den Elefanten in der Bude gleich anzusprechen: Ja, im Vergleich zu den beiden Vorgängern, die beide mit jeweils drei LPs Umfang protzten, ist "Live in Cuxhaven 1976" mit nur einem gerade mal halbstündig gefüllten Tonträger auffällig dünn geraten. Besonders merkwürdig wirkt dies, wenn die Band am Ende ankündigt eine Pause zu machen und danach weiterzuspielen... was natürlich hier nicht geschieht.
Da die Serie sich bisher damit rühmte, die vollständige improvisierte Pracht dieser Auftritte abzubilden, gehe ich davon aus, dass es triftige qualitative (zu schlecht aufgenommen) oder quantitative (gar nicht aufgenommen) Gründe gegeben haben muss, die zweite Hälfte der Show wegzulassen.
Leider befassen sich die Liner Notes diesmal wenig bis gar nicht spezifisch mit der Performance in Cuxhaven selbst, obwohl ein Quentchen Hintergrundinformation diesbezüglich schon sehr willkommen gewesen wäre.

Woran auch immer die kurze Spielzeit liegen mag - das was uns in dieser halben Stunde geboten wird, ist dafür umso spektakulärer. Der erste Track (wie immer sind die Stücke nur mit "Eins", "Zwei" usw. betitelt) beginnt geradezu abartig funky und dröhnt gleichzeitig diabolisch mit der Orgel, als hielte der "Dark Magus" Miles Davis persönlich die Marionettenfäden in der Hand.
Und tatsächlich stellt sich hier - spätestens sobald Michael Karoli uns auf Leadgitarrenreise nimmt - irgendwie auch ein mit dem Cover korrespondierendes Unterwassergefühl ein. Überhaupt sind Artwork und Design - wenn auch diesmal logischerweise ohne Dreifachhülle sparsamer geraten - wieder hervorragend und setzen die Reihe stimmig fort. Zum Ausgleich dafür, dass es hier nur eine einzige runde Scheibe gibt, überzeugt diese mit hübsch duschgelfrisch blauer Transparenz.

In "Zwei" stellt sich bei stabil bleibender Betriebsamkeit von Drumgenie Jaki Liebezeit eine karibisch jazzige Leichtigkeit in den Gitarrenlicks ein, welche spannend durch gespenstische Keyboards konterkariert wird. Insgesamt zeigt sich die Canmaschine auf dem ganzen Album sehr jazzfusionorientiert, bewahrt dabei aber auch einen subtilen dunklen Unterton.

"Drei" fetzt wieder funkiger, rutscht dann allerdings in einen sehr rockigen Uptempo-Jam und streut nebenbei - in dieser Phase der Band die Ausnahme - auch ein paar Zeilen Post-Damo-Suzuki-Beschwörungsgesang ein.

Zum vorzeitigen Abschluss wird "Vier" etwa bluesiger und langsamer, doch dies ist natürlich nur relativ zu betrachten und hält nicht ewig an.

Dass der ganze Spaß dann auch schon vorbei ist, bleibt auch nach wiederholtem Genuss gewöhnungsbedürftig. Die längste (da ewige) Zwanzig-Minuten-Pause der Musikgeschichte? Sagen wir's mal so: Can konnten live halt nur den Superlativ.





2021-12-11

CAN - Live In Brighton 1975

Die Serie geht weiter! Nach "Live in Stuttgart 1975", welches ich jüngst zu meinem Lieblings-Livealbum des Jahres gekürt habe, folgt nun der zweite offiziell veröffentlichte Rückblick auf die phänomenale Bühnenform der Krautrocker Can.


CAN - Live In Brighton 1975 (gold vinyl 3LP) (2021)

Für vieles hier gilt dasselbe wir für "Stuttgart", das beginnt schon auf den ersten Blick damit, dass das Layout des Dreifach-Vinyl-Gatefolds + Booklet mit Liner Notes beinahe identisch gestaltet ist. Es sind natürlich andere Fotos, Meerestiere statt Schmetterlinge und gold statt orange als einzige bunte Farbe, doch der Wiedererkennungswert wirkt unmittelbar.


Auch "Live In Brighton" beruht wieder auf einer geduldeten Piratenaufnahme aus dem Publikum, was diesmal schon ein wenig hörbarer ist. Der Klang ist für das was es ist zwar immer noch sehr sehr gut, aber wenn man z.B. die Drums alleine hört, wird es schon etwas dumpfer als bei einer professionelleren Produktion. Auch in den Pausen steht man nun eindeutiger mittendrin, kann einzelne Klatscher und Stimmen deutlicher hören. Dennoch - aus solch einer Aufnahme einen Klang herauszukitzeln, der es wert ist, in dieser Form präsentiert zu werden, wäre ohne moderne Studiotechnik sicherlich illusorisch gewesen.

Ansonsten enttäuscht mich die Titelgebung noch ein bisschen. Warum nicht einfach wie vorher die Tracks einfach nur mit der ausgeschriebenen Nummer benennen - nur eben diesmal in englisch statt deutsch? Stattdessen heißt es nun "Brighton 75 Eins", "Brighton 75 Zwei", usw.
Da wurde aus meiner Sicht eine kleine Chance zur stilvollen Verkürzung verpasst.

Genau wie in Stuttgart ist das komplette Konzert auch hier ein nur hier und da lose auf Studiosongs basierender, endloser Improvisationsrausch. Das kreative Zusammenspiel des Quartetts ist erneut komplett von einem anderen Stern. Am ehesten würde ich das magische Niveau mit den Livealben aus Miles Davis' elektrischer Phase vergleichen, nur dass Can, die oft ebenfalls sehr funky grooven, neben der Rockmusik weniger auf Jazz, sondern mehr auf europäischere Einflüsse, sprich advantgardistische Klassik Bezug nehmen.

Auch wenn ich nicht vom Bepreisungsglitch auf amazon.co.uk profitieren konnte, als die Schallplatten versehentlich zum Preis der CD-Version angeboten wurden, wodurch die Vorbestellungen Adele und Taylor Swift in die Schranken verwiesen, könnte ich doch nicht glücklicher sein, diesen von Mute Records veröffentlichten Schatz mein eigen zu nennen. Und ich sage das als Can-Noob ganz unvorbelastet.

Absolut legendär!






2021-11-30

MUSIC 2021: TOP 7 live albums




I think this second part of my view back on 2021 really needs no clarification, except that especially in these times I don't necessarily expect every live album to feature an actual audience, as long as the performance is true.
And yes, I'm publishing this purposefully before the next triple LP of that Can series drops. 😉

So without further ado, here are my personal...

 

TOP 7 LIVE ALBUMS 2021:



  1. A guy with suspiciously long and warm clothing, who popped up at many Can shows and stood still at one place near the mixing desk for the whole duration of the performance. For the genre-bending krautrock band it must have been as obvious that he was hiding a recording device and microphones in his sleeves as it was to Bojack Horseman that Princess Carolyn's love interest Vincent Adultman was in fact three kids in a trenchcoat. But luckily Michael Karoli, Holger Kzukay, Jaki Liebezeit and Irmin Schmidt tolerated him. So now, almost half a century later Andrew Hall's bootleg tapes get treated with modern studio magic and are transformed into official live albums. The first triple-LP of this series sounds fantastic (especially for what it is) and showcases a band in complete unstoppable frenzy of creativity and stellar musicianship. Legendary!







  2. MONO - Beyond The Past • Live in London with the Platinum Anniversary Orchestra

    In December 2019 post rock monumentalists Mono celebrated their twenty-fifth birthday with a show that can only be described as an absolute culmination of their work up to that point. Supported by a ten-piece string orchestra, with a grand piano on stage and welcoming cellist extraordinaire Jo Quail and singer / pianist / also cellist A.A. Williams as guests towards the end of the set and during the encore, the Japanese quartet keeps you in a state of permanent overwhelmed bliss. It may be a cliché: Post rock as a pure more is more of layered yearning melodies and dynamic crescendos, which rise to enormous volumes... But who cares? Mono are just so phenomenal at it!







  3. NEPTUNIAN MAXIMALISIM - Solar Drone Ceremony

    Nine members, including two drummers, synths, "digital soundscape", saxophone and lots of guitar, performing one single fifty minute piece. Recorded at a show before the sessions for last year's giantic debut "Éons" this live record of Neptunian Maximalism isn't dipping its tentacles too deep in free-jazzy waters yet, but rathers focusses on the "drone" in the title, with a very long build-up, Bong doom metal middle part and psychedelic rock finale, all delivered with a grand swans-inspired heaviness and purpose. This "Solar Drone Ceremony" surely is worthy of its amazing cover artwork, which as a standalone statement should already be enough to give you a glimpse of its majestic magnitude.







  4. LAIBACH - We Forge The Future - Live at Reina Sofía

    Not an exact copy, yet rather an impressive spiritual reenactment of the similarily titled infamous 1983 performance, which led to a four year ban of the band in Yugoslavia, this special show was recorded in Spain in 2017. Stylistically closest to (but not the same  as) the 2012 "Underground" from "Laibach Revisited" "We Forge The Future" is yet another in a series of recent throwbacks to the most noisy, industrial side of Laibach. It's a dark and chaotic collage of horrors, powerfully produced, bombastic and feral. As far as I know there's no source to stream or download this album in its original quality, so if you want to get your hands on this God Records, you should better look out for CD or LP copies as long as they are still available for reasonable prices!







  5. OF BLOOD AND MERCURY - The Other Side Of Death - Live In Tilburg

    The only album in my collection so far from an actual live stream of this year's Roadburn Redux is another release which you cannot buy as a download version. Well, theoretically you could, but just look up the price... It's only available as a limited CD, but if you're too late for that you can still watch the video on YouTube, so you're not missing out completely on this performance.
    More than just a little reminiscent of modern ambient synth pop Ulver (who also released an awesome live album this year) with other-worldy angel vocals the Belgian duo Of Blood And Mercury created something beautiful and worthy of a much wider reach with this commissioned piece, made especially for this occasion of playing to a virtual room.







  6. 李劍鴻 LI JIANHONG - 山霧 Mountain Fog

    If you like it just a little more guitar-centric, then the Chinese experimental musician Li Jianhong has you covered with these two longtracks of evocative drone and noise purity, recorded on different stops of his European tour 2018. It's already impressive how vast and fanciful he fills the seventeen minutes of "Did you see the fireball? It just lept beyond the Wanghai", yet even more amazing, to how many places of visceral storytelling his improvised duet with saxophonist Wang Ziheng climbs during the more than a half hour long duration of the title track. Maximalist minimalism!








  7. Recorded on the stage of the empty Slipper Room in their home city New York, "An Evening with Imperial Triumphant" is the second album emerging from a streaming event in this list. Its "Money Jungle" style cover and the whole sleeve design including liner notes and all is an homage to legendary jazz classics. And who if not this dissonant black metal trio (plus guest trumpeter) is allowed to do that in the world of extreme metal? Destructive dystopian chaos and spiritual jazz both dialed up to eleven in a stunning display of unfathomable brutal precision. A session of the masters.











2021-07-17

MIDYEAR TOP 15: my favorite albums of 2021 (so far)

Here we go again! No distinction between live and studio albums etc., only stuff which I already physically own... and a couple might not be in here, just because I haven't listen to them enough yet...

It's just a capture of the moment.



MY TOP 15 ALBUMS OF 2021 (so far):



  1. AD NAUSEAM
    Imperative Interceptible Impulse



  2. SENYAWA
    Alkisah



  3. ÅRABROT
    Norwegian Gothic



  4. SONS OF KEMET
    Black To The Future



  5. LANA DEL REY
    Chemtrails Over The Country Club



  6. 夢遊病者
    Noč Na Krayu Sveta



  7. CAN
    Live In Stuttgart 1975



  8. MOTORPSYCHO
    Kingdom Of Oblivion


    NAOKO SAKATA
  9. Dancing Spirits



  10. OTAY:ONII
    冥冥



  11. BIG|BRAVE
    Vital



  12. WORK MONEY DEATH
    The Space In Which The Uncontrollable Unknown Resides,
    Can Be The Place From Which Creation Arises




  13. 夢東
    台灣謎景



  14. NEPTUNIAN MAXIMALISM
    Solar Drone Ceremony



  15. UNGRAVEN / SLOMATICS
    Split








2021-06-19

CAN - Live In Stuttgart 1975

Eine der sozialmedial meistpräsentierten Platten in irgendwie rauschhaft rockenden oder plattensammelnden Ecken dieses Internets ist dieser Tage ein Livealbum, welches vor über fünfundvierzig Jahren von einem im langärmeligen Mantel schwitzenden Typen mit Mikrofonen im Ärmel gebootlegt wurde.

Klingt komisch, klingt aber sehr gut.


CAN - Live In Stuttgart 1975 (orange vinyl 3LP) (2021)


Ich muss zugeben, dass obwohl ich mir ja sehr viele Gruppen zu Gehör gebe, die stark vom Krautrock der Siebziger Jahre beeinflusst sind, meine Kenntnis der Originale noch sehr viel Erweiterungspotential besitzt. So war mir jetzt auch neu!, dass die immer wieder einzigartigen Konzerte der Pioniere Can zwar als essentieller Teil zum Verständnis der Band als Ganzem zählen, es aber tatsächlich niemals ein offiziell abgesegnetes Livealbum gegeben hat.

Dies soll sich nun mit einer ganzen Albumreihe ändern, welche auf den "heimlich" (wie in: von der Band geduldeten) aufgenommenen Tapes von Andrew Hall basieren.
Man erwartet bei dieser Prämisse natürlich erst einmal vielleicht für ganz tief eingefleischte Fans und Musikhistoriker brauchbares Material, doch was die Wunder der modernen Studiotechnik aus zumindest diesen Aufnahmen aus Stuttgart herausgekitzelt haben, ist mehr als beachtlich und kann es mit jedem großen Live-Klassiker der Rockgeschichte aufnehmen.

Ruhig! Nicht aufregen! Natürlich gibt es viele viele Konzertaufnahmen, die von vornherein professioneller aufgenommen wurden und technisch besser klingen. Doch Sound ist bekanntlich zwar wichtig, aber eben nicht alles. Wenn es nur um Perfektion ginge, wäre Santanas "Lotus" (welches zeitlich nicht allzu weit von Can entfernt liegt) ja niemals eines meiner liebsten Livealben aller Zeiten.

Guter Sound und tolle Aufmachung sind selbstverständlich immer willkommen und bei "Live In Stuttgart 1975" definitiv vorhanden. Das Design des Triple-Gatefolds plus vierseitigem Liner-Notes-Booklet, sowie die Qualität der Pressung lassen bei mir keine Wünsche offen.


Doch am wichtigsten ist nach wie vor die Performance! Und die ist kaum von dieser Welt.
Vor allem aus zeitgenössischer Sicht muss sich der beinahe ununterbrochene neunzigminütige Jam von Michael Karoli (Gitarre), Holger Czukay (Bass), Jaki Liebezeit (Schlagzeug) und Keyboarder Irmin Schmidt, der als einziges noch lebendes Mitglied dieser gesangslosen Besetzung auch für die Kuration der hiermit begonnen Veröffentlichungsreihe verantwortlich ist, angefühlt haben wie die spielerische Antwort auf die Frage Welche Art von Musik spielt ihr eigentlich? - JA.

In fünf Tracks, die einfach nur "Eins", "Zwei", "Drei", "Vier", "Fünf" benannt und auf sechs Schallplattenseiten verteilt wurden (wobei "Drei" elegant ein- und ausfadend ganze drei Seiten einnimmt), üben Can sich im perfekten Gleichgewicht aus Zurückhaltung und Ausrasten. Es wird funky as fuck gegroovt, bis es kein Morgen gibt, es treffen Rock und Blues auf türkisch folkloristische Klänge, avantgardistische Klassikansätze und Jazz-Fusion-Freakouts. Musik, die gleichzeitig außerirdisch und aus dem tiefsten Inneren kommend klingen kann. Improvisatorische Meisterschaft.

Es gibt vielleicht ein paar Passagen, in denen es sich für einige Minuten etwas zieht, doch es gehört zurecht zum Selbstverständnis dieser Veröffentlichung, dass es keine Edits gibt, dass man das komplette Konzert als Gesamterlebnis erfahren kann.

Auf "Live in Stuttgart 1975" taucht man ganz tief und unmittelbar in den Krautrockstrudel hinein und möchte nie mehr die Oberfläche sehen.

Fazit: So essentiell wie eine fast ein halbes Jahrhundert alte Liveaufnahme nur sein kann.