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2021-06-19

CAN - Live In Stuttgart 1975

Eine der sozialmedial meistpräsentierten Platten in irgendwie rauschhaft rockenden oder plattensammelnden Ecken dieses Internets ist dieser Tage ein Livealbum, welches vor über fünfundvierzig Jahren von einem im langärmeligen Mantel schwitzenden Typen mit Mikrofonen im Ärmel gebootlegt wurde.

Klingt komisch, klingt aber sehr gut.


CAN - Live In Stuttgart 1975 (orange vinyl 3LP) (2021)


Ich muss zugeben, dass obwohl ich mir ja sehr viele Gruppen zu Gehör gebe, die stark vom Krautrock der Siebziger Jahre beeinflusst sind, meine Kenntnis der Originale noch sehr viel Erweiterungspotential besitzt. So war mir jetzt auch neu!, dass die immer wieder einzigartigen Konzerte der Pioniere Can zwar als essentieller Teil zum Verständnis der Band als Ganzem zählen, es aber tatsächlich niemals ein offiziell abgesegnetes Livealbum gegeben hat.

Dies soll sich nun mit einer ganzen Albumreihe ändern, welche auf den "heimlich" (wie in: von der Band geduldeten) aufgenommenen Tapes von Andrew Hall basieren.
Man erwartet bei dieser Prämisse natürlich erst einmal vielleicht für ganz tief eingefleischte Fans und Musikhistoriker brauchbares Material, doch was die Wunder der modernen Studiotechnik aus zumindest diesen Aufnahmen aus Stuttgart herausgekitzelt haben, ist mehr als beachtlich und kann es mit jedem großen Live-Klassiker der Rockgeschichte aufnehmen.

Ruhig! Nicht aufregen! Natürlich gibt es viele viele Konzertaufnahmen, die von vornherein professioneller aufgenommen wurden und technisch besser klingen. Doch Sound ist bekanntlich zwar wichtig, aber eben nicht alles. Wenn es nur um Perfektion ginge, wäre Santanas "Lotus" (welches zeitlich nicht allzu weit von Can entfernt liegt) ja niemals eines meiner liebsten Livealben aller Zeiten.

Guter Sound und tolle Aufmachung sind selbstverständlich immer willkommen und bei "Live In Stuttgart 1975" definitiv vorhanden. Das Design des Triple-Gatefolds plus vierseitigem Liner-Notes-Booklet, sowie die Qualität der Pressung lassen bei mir keine Wünsche offen.


Doch am wichtigsten ist nach wie vor die Performance! Und die ist kaum von dieser Welt.
Vor allem aus zeitgenössischer Sicht muss sich der beinahe ununterbrochene neunzigminütige Jam von Michael Karoli (Gitarre), Holger Czukay (Bass), Jaki Liebezeit (Schlagzeug) und Keyboarder Irmin Schmidt, der als einziges noch lebendes Mitglied dieser gesangslosen Besetzung auch für die Kuration der hiermit begonnen Veröffentlichungsreihe verantwortlich ist, angefühlt haben wie die spielerische Antwort auf die Frage Welche Art von Musik spielt ihr eigentlich? - JA.

In fünf Tracks, die einfach nur "Eins", "Zwei", "Drei", "Vier", "Fünf" benannt und auf sechs Schallplattenseiten verteilt wurden (wobei "Drei" elegant ein- und ausfadend ganze drei Seiten einnimmt), üben Can sich im perfekten Gleichgewicht aus Zurückhaltung und Ausrasten. Es wird funky as fuck gegroovt, bis es kein Morgen gibt, es treffen Rock und Blues auf türkisch folkloristische Klänge, avantgardistische Klassikansätze und Jazz-Fusion-Freakouts. Musik, die gleichzeitig außerirdisch und aus dem tiefsten Inneren kommend klingen kann. Improvisatorische Meisterschaft.

Es gibt vielleicht ein paar Passagen, in denen es sich für einige Minuten etwas zieht, doch es gehört zurecht zum Selbstverständnis dieser Veröffentlichung, dass es keine Edits gibt, dass man das komplette Konzert als Gesamterlebnis erfahren kann.

Auf "Live in Stuttgart 1975" taucht man ganz tief und unmittelbar in den Krautrockstrudel hinein und möchte nie mehr die Oberfläche sehen.

Fazit: So essentiell wie eine fast ein halbes Jahrhundert alte Liveaufnahme nur sein kann.




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