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2016-08-11

WACKEN 2016, Teil 2 : I've got a fever! And the only prescription is more saxophone!

Tag 1, Donnerstag, 04. August 2016


Blaas Of Glory auf dem Wacken Center


Wie man es während eines Metalfestivals eben so macht, bekamen zunächst einmal ein paar im Nachbardorf geparkte Pferde Wasser. METAAAAAL!!!

Aber das erwähne ich eigentlich nur, weil ich das Foto dazu mag.

Und eine Stunde gearbeitet hatte ich vorher zu Hause auch noch. Es gibt eben auch Nachteile des Heimschläfertums. Örgs. METAAAAAL!!!


Ja, unser Wacken-Tag ist manchmal leicht untypisch...

Donnerstags ist nach wie vor offiziell der erste Tag des Wacken Open Air. Nachmittags wird das Hauptbühnenareal geöffnet, auf dem aber auch noch nicht alle Bühnen bespielt werden, und abends gibt es die "Night To Remember", diesmal bekanntermaßen mal wieder mit Iron Maiden, die hier den Abschluss ihrer diesjährigen "Book Of Souls"-Welttournee begingen, was zur Feier des Tages auch weltweit live gestreamt wurde.

Doch bis dahin gab es ja noch eine Menge weiterer großer und kleiner Acts zu sehen. Wir begannen den Festivaltag um 12:00 Uhr wieder im Bullhead City Circus, wo sich mit dem letzten Bündel Bands aus dem weltweiten Wacken Metal Battle gut die Zeit vertrieben ließ.


Ritual Day bliesen einen antändigen traditionellen Black Metal ins Publikum, bei dem sich meine Erinnerung einbildet, dass in den Melodien auch minimal die chinesische Herkunft rauszuhören war. Aber ganz ehrlich unter uns: Das kann auch vollkommener Quatsch sein, da die paar Minuten mit dieser Band einfach durch viel zu viele andere musikalische Eindrücke überlagert worden sind. Aber schlecht waren sie auf jeden Fall nicht, so viel weiß ich zumindest noch. Glaube ich.


Pain Is
Pain Is aus Österreich würde ich ebenfalls nicht als schlecht bezeichnen, denn dafür spielten und performten sie einfach zu souverän. Die Mucke wäre normalerweile allerdings nicht meins. Für knapp zwanzig Minuten kann ich mich dann aber auch mal durch modern metalcoriges Hüpf- und Groovezeug unterhalten lassen, zumal es in diesem Fall auch frei von Fremdschämereien war, die ich bei dieser Ausrichtung durchaus manchmal verspüre. Dass die Band am Ende unter die Top 5 des Wettbewerbs gekommen ist, finde ich objektiv betrachtet jedenfalls verständlich.


Tidal Dreams
So ganz kann ich ja nicht mehr nachvollziehen, warum ich Tidal Dreams auf meiner Running Order markiert hatte. Ok, die Band aus Griechenland hat sicherlich den einen oder anderen anständigen Song im Repertoire, und davon habe ich wohl einen auf YouTube erwischt.

Ich muss ihrem leicht progressiv powermetallisch sowie mediterran seemannsfolkloristisch angehauchten Heavy Metal mit superhohem Sirenengesang auch zugestehen, dass er nicht unkreativ ist, wenn auch für mich zu kitschig.

Aber diese fucking Fick-Hose vom Sänger war einfach zu brutal! Es gibt Achtziger-Jahre-Metaltraditionen, die sollte man einfach begraben lassen. Oder sich einfach seine Bühnenklamotte mal im Spiegel anschauen. Aber ich fürchte fast, dem Mann gefällt das sogar.

Als zusätzlicher Schrecken wurde dann für wenige Intro-/Outro-Momente eines Songs auch noch das Instrument ausgepackt, welches in Wacken allmählich echt mal verboten gehört. Zum Glück war der Dudelsack aber fast nur zu sehen und ging im Mix gnadenlos unter.


Zhora

Zhora aus Irland litten leider darunter, dass ihr für Wacken ziemlich untypischer Progressive Sludge-Sound mit sehr tief brummbollerndem Bass aber auch kontrastierenden Clean- und Leadgitarren eine ganze Spur zu undifferenziert aus den Boxen quoll.

So blieb die Show der für mich musikalisch neben den Isländern Auðn vom Vortag nach wie vor interessantesten Gruppe des Battles leider ein bisschen hinter meinen Erwartungen zurück.

Schön gegen den Wackenstrich gebürstet war's aber schon. Auf jeden Fall eine Band zum Im-Auge-Behalten.




Lepergod

Die Argentinier Lepergod boten mit ihrem von Vorbildern wie Behemoth und Morbid Angel inspirierten Schwarz- und Todesmetall dann wieder etwas gewohntere, aber durchaus solide Kost.

Nur der Gastauftritt einer Sängerin erweckte irgendwie den Eindruck, dass hier nur der Freundin eines Bandmitglieds ein Backstage-Eintrittsbändchen zugetrickst werden sollte.
Oder ich bin gerade unfair und es lag vor allem am bei Details und Extras ja auch schon bei den vorigen Gruppen schwächelnden Sound hier auf den Zeltbühnen.


Zombies Ate My Girlfriend
Um 14:00 Uhr trat auf der W:E:T Stage dann die letzte Band des Wettkampfes mit dem klangvollen Namen Zombies Ate My Girlfriend auf.

Fröhlich arschtretender Deathmetal/Knüppelcore wäre die passendste Bezeichnung, die mir jetzt zur Musik der Südafrikaner in den Sinn kommt. Und Junge, die fünf Bekloppten gingen wirklich extrem gut nach vorne ab und hatten das große Zelt voll im Griff.

Geiles Ding und für mich klar ein treppchenwürdiger Auftritt. Und was soll man sagen: Zombies Ate My Girlfriend haben den Wacken Metal Battle tatsächlich gewonnen. Glückwunsch!



Danach ging es hinaus in die Sonne. Oberste Priorität dabei: Auf keinen Fall zu früh aufs Infield latschen, solange dort noch die Cover-Gurkentruppe Skyline die Black Stage musikalisch besudelte. Aus der Ferne des Wacken Center hörten wir noch, wie sie ihren letzten Song spielten, eine absolut von jedem Gespür fürs richtige Timing befreite Version von Rage Against The Machines "Killing In The Name Of".
Es ist ja nicht schlimm, wenn einem das Ding nicht liegt, aber merkt man das nicht bei der Probe, bevor man damit zehntausenden Festivalbesuchern die Ohren bluten lässt?


Vorher hatten wir noch eine Weile im Biergarten verbracht, wo gerade Knasterbart spielten. Dass sich die Band mit dem ersten Lied, welches wir hörten, vom Mittelaltergetröte distanzierte, verschaffte ihr gleich einen Sympathiebonus. Ein paar weitere Texte wie im Familienlied "Mein Stammbaum ist ein Kreis" machten auch Spaß, aber insgesamt ist das Programm von Knasterbart halt die übliche Beer Garden-Trinkerbeschallung. Das gibt es aber auch häufig in schlechterer Ausführung.


Blaas Of Glory

Nach dem vorhin erwähnten RATM-Disaster durch Skyline spielte die holländische Blaskapelle Blaas Of Glory auf dem Vorplatz noch eines ihrer Mini-Sets mit den üblichen Hits von Maiden, Metallica, Motörhead, Scorpions und Europe. Mindestens einmal trifft man sie ja mittlerweile jedes Jahr zufällig, aber es unterhält für die kurze Weile auch nach wie vor.

Nun war es Zeit für sieben Stunden Hauptbühnenprogramm. Zwar gab es im Zelt später noch ein hochkarätiges, von Vader eröffnetes Death- und Black Metal-Angebot, aber wir wollen das Innenfeld lieber nicht verlassen, um nicht zu riskieren, später im Headliner-Zuschauerstrom steckenzubleiben.
Die Entscheidung erwies sich später auch als richtig, wohl allein schon weil - wie Ohrenzeugen sagen - der Sound im Zelt wohl den ganzen Abend lang unterirdisch gewesen sein soll.

Da das Gelände ja noch realitiv frisch war und es lange nicht geregnet hatte, war es heute stellenweise sogar noch möglich, sich ohne große Sauerei auf den Boden zu setzen. Zumindest solange niemand versehentlich sein Bier auf einen verschüttete. Grmpf.

So sah ich mir zunächst einmal vom Boden aus mit Blick auf eine Videowand Saxon an.



Saxon

Ja, Saxon gehören als mittlerweile neunfache Hauptbühnenbeschaller ganz klar zu den Bands, die ich gerne nenne, wenn ich die Abwechslungsarmut in der Headlinerrotation des Festivals kritisiere.

Aber anders als echten Plagen wie die für nächstes Mal tatsächlich schon wieder angedrohten Avantasia sind Saxon ja bei gesunder Dosis eine durchaus anständige Gruppe, so dass ich sie mir ab und zu durchaus gerne anschaue.
Kein Pflichtprogramm für mein Plattenregal, aber ernsthaft zu Meckern gibt es an dem powervollen NWoBHM Metal mit einem sympathischen Biff Byford, der immer noch gut bei Stimme ist, eigentlich nichts.


"I want to know what love iiiiis!"


Foreigner nahmen an diesem Tag so ein bisschen die Position ein, welche Europe 2015 am Mittwoch innehatten: Der Achtziger-Jahre-Schrecken, von dem man eigentlich nie geglaubt hätte, ihn sich tatsächlich mal live anzutun.

So ein irrer Abräumer wie die Schweden, die ja auch ein tolles neues Album in der Tasche hatten, letztes Jahr im Zelt waren Foreigner von meiner Warte aus zwar nicht, aber sie nicht als ein Highlight des W:O:A 2016 zu benennen, wäre schon verlogen. Dazu hat es einfach zu viel Spaß gemacht, die Gassenhauer "Cold As Ice", "Urgent" (urgent urgent), "Juke Box Hero" und vor allem das Schlimmschmalzungetüm "I Want To Know What Love Is" abzufeiern.

Außerdem gefielen mir auch die Arrangements, welche die Zeit, aus der die Songs stammen zwar nicht verleugneten, aber sie doch um den einen oder anderen frischen Anstrich bereicherten.

Der absolute Oberknaller war für mich zweifellos das fette Grinsen von Multiinstrumentalist Tom Gimbel, als er der riesigen Metalmeute ein ausgiebiges Saxophonsolo um die Ohren schulterpolstern durfte. Zu gut!


Whitesnake

Als nächstes waren Whitesnake an der Reihe, deren klassischer Hardrock wieder ein bisschen mehr ins Profil eines Metalfestivals passte, für mich den Kult von Foreigner aber nicht erreichte.

Dazu hätte die Band wohl noch mindestens einen Song von Deep Purples "Stormbringer"-Album spielen müssen, an dem David Coverdale sich ja den Gesang mit Glenn Hughes geteilt hat. Aber man kann eben nicht immer alles haben.

Trotzdem war die Show gut, nur beim Gitarrensolo dachte ich mir im Stillen, dass die meisten Leute am Ende ja eigentlich applaudieren, weil die Band endlich weiterspielt. Muss für mich bei einer Festivalshow nicht unbedingt sein. Als dann auch noch ein Bass-Solo kam, rollte ich zunächst mit den Augen, doch dann kam da mit Loop-Effekten und Schlagzeugunterstützung durchaus ein sehr unterhaltsames Ding bei raus.

Und natürlich kam nachher auch die Königsdisziplin der Überflüssigkeiten, das Drumsolo. Tommy Aldridge ist mir eigenlich schon im normalen Songbetrieb Ereignis und eigentlicher Star der Band genug. Als der Mann dann aber seine Sticks weglegte und das Kit mit bloßen Händen malträtierte, wurde auch dieses Solo großer Rock'n'Roll.

Daumen hoch für Whitesnake!


Iron Maiden

Natürlich wurde es bei Iron Maiden mächtig eng vor der Bühne. Ich hatte mir zum Glück schon während der vorigen Bands einen Platz gesucht, der immerhin schon zentral im Bereich zwischen Stage und Delay-Türmen lag.

Das war einerseits schon cool, hatte aber den Nachteil, dass man sich immer mal nach hinten umsehen musste, ob nicht ein Crowdsurfer angeflogen kam, um einen seine kackdreckigen Stiefel ins Genick zu pfeffern. Dieser Scheiß nervt einfach, vor allem, wenn die eigenen Füße sich ständig im Matsch festsaugen, was nicht gerade dabei hilft, flink zu reagieren.
Mit Schönwetter war nun auch Schluss, also hatte die große Stunde des Wacken-Regencapes geschlagen.

So widrig, dass sie einem Iron Maiden verderben können, müssen die Umstände aber erst einmal werden! Nein, mit dem starken Material von "The Book Of Souls" plus einer etwa gleich großen Menge bewährter Klassiker konnten Dickinson, Harris und Co. eigentlich nur gewinnen.
Dazu noch der Motivationsbonus der letzten Show der Tour plus weltweiter Liveübertragung - da war ganz klar zu merken, dass die Briten mächtig Bock hatten.

Klar, kein Set kommt (zumindest für "7th Son"-Kultisten wie mich) an "Maiden England" heran, aber ich fand das Ganze schon verdammt stark. Auf jeden Fall hat es das Wacken-Gastspiel 2010 ganz klar geschlagen.

Bruce ist zu aller Freude ja wieder fit wie ein Turnschuh, allerdings schwankte sein Gesang doch stark in der Lautstärke, was in der Fernsehübetragung zwar zu bemerken, aber nicht schlimm war. Über die PA schien seine Stimme allerdings häufig ganz zu verschwinden.
Davon abgesehen konnte ich in der Show keine Mankos ausmachen.

Nebenbei hat man auch deutlich gemerkt, dass Maiden ihre eigenen Leute in der Bildregie gehabt haben müssen. So punktgenau immer das wichtigste haben die Bildschirme sonst bei keiner anderen Gruppe gezeigt.


Auch wenn es super war, blieben wir nicht ganz bis zum Schluss, sondern machten uns schon vor der Zugabe Richtung Bullhead City Circus auf, um nicht im Riesengewusel nach Abpfiff steckenzubleiben.

So kamen wir auch früher als geplant dort an, während dort auf der Headbanger Stage gerade die Sleaze Rock-Party tobte.


Michael Monroe
Michael Monroe, Ex-Sänger von Hanoi Rocks machte dort die Glamrock'n'rollpunksau und das war für mich mal wieder eine ganz unerwartete Facette, aber in seiner aus der Zeit gefallenen Wildheit durchaus  charmant. Hätte ich mir auch problemlos komplett anschauen können.

Blue Oyster Cult

Und zu guter letzt: More cowbell!

Ich gebe ja gerne zu, dass Blue Öyster Cult zu jeden Klassikergruppen gehört, von denen ich eher den Sound als spezifische Songs kenne. Gerade in den letzten Jahren trifft man ja auch vermehrt auf Bands, die sich stilistisch direkt an der Quelle bei den protometallischen Rockern bedienen. Von daher wollte ich diese Gelegenheit schon meiner Musikbildung zuliebe nutzen.

Am Anfang war der Sound noch furchtbar, fing sich allerdings nach einer Weile. Ansonsten war das Ganze schon eine coole Nummer. Manche Stücke wirkten mir schon etwas "altbacken" (aber wer hat's erfunden?), doch insgesamt gefiel mir das schon als Tagesausklang. Insbesondere beim Finale mit "Godzilla" und dem unverzichtbaren Oberkultfest "(Don't Fear) The Reaper" kannte das Zelt dann auch kein Halten mehr.

Und wie schön - da steht ja tatsächlich nur für diesen Song hinten ein Typ neben den Drums um die verdammte Cowbell zu rocken. Geil!


So viel einen Hardrock und Classic Heavy Metal hatte ich an einem Wacken-Donnerstag wahrscheinlich noch nie im Programm. Kann man aber auch mal machen.


Demnächst an dieser Stelle dann Teil 3 mit dem Bericht vom Freitag!



2015-09-19

IRON MAIDEN - The Book Of Souls

Und nun das neben Slayer (hab ich allerdings noch nicht) wohl originellste Reviewthema dieses Monats - zumindest was Metal angeht...



IRON MAIDEN - The Book Of Souls (3LP) (2015)

Kommen wir gleich zur Sache: Neunzig Prozent der Fans sind sich ja eh so ziemlich einig, dass "The Book Of Souls" das beste Maiden-Album seit wahlweise "Brave New World" oder "Seventh Son Of A Seventh Son" ist, und ich reihe mich da ganz konformistisch und unrebellisch ein.

Wobei ich ja "The Final Frontier" auch nicht schlecht fand, genau wie überhaupt alle Alben seit "Brave New World".
Allerdings bin ich nicht der exzessivste Maiden-Fan, und irgendwann fällt jedes Album, so sehr ich es auch mag, aus der Rotation raus. Ich muss die Musik einfach nicht oft hören. Die einzige Ausnahme ist das Über-Werk "Seventh Son", welches wirklich immer geht.

Wie sich dies mit "The Book Of Souls" verhalten wird, kann ich jetzt natürlich noch nicht voraussagen. Doch ich habe das Gefühl, dass es sich deutlich länger in meiner Playlist halten dürfte als der auch schon fünf Jahre alte Vorgänger, da der Sound auf "The Final Frontier" auf Dauer doch einfach eine Nummer zu dumpf geraten ist.

Das neue Werk klingt zum Glück klarer. Die seltsam sture Klangphilosophie des Teams Steve Harris / Kevin Shirley, alles möglichst roh und unbehandelt zu lassen, ist zumindest ein wenig aufgeweicht und das ist auch gut so. Denn es ist zwar beeindruckend, dass Bruce Dickinson auch ohne gedoppelte Gesangsspuren und Halleffekte auskommen kann - aber warum soll er das?
Wir glauben es ja. Aber wenn man schon Iron die größte Metalband der Welt Maiden ist, dann darf man auch gerne Alben aufnehmen, die entsprechend groß klingen und auf den Putz hauen.

Und teilweise ist dies auf "The Book Of Souls" auch gelungen. Die Scheibe hat viel von dem gewünschten Live-Feeling, sie klingt sehr transparent, alle Instrumente sind klar herauszuhören und voneinander zu unterscheiden, aber... es mangelt leider gehörig an Wumms. Da das Dauerriffgewitter nicht zu den typischen Stilmerkmalen der Briten gehört, sind es vor allem die Drums, von denen die Power ausgehen sollte. Und denen fehlt einfach der Punch. Da hilft nur, mit dem Volumenregler nachzuhelfen.


Ist dies geschehen, lässt sich die Musik jedoch genießen. Und es ist eine Menge Musik!

"The Book Of Souls" ist das erste Studio-Doppelalbum (=drei Schallplatten) von Iron Maiden.
Es gibt sowohl kürzere Stücke um die fünf Minuten wie z.B. die Single "Speed Of Light" als auch Longtracks im zweistelligen Minutenbereich, darunter mit "Empire Of The Clouds" sogar der längste Track der Bandgeschichte, der nach stolzen 31 Jahren "Rime Of The Ancient Mariner" ablöst.

Wer Prog hört, für den sind dreizehn oder achtzehn Minuten lange Lieder natürlich nicht so eine riesige Sensation. Allerdings ist das Album längst nicht so progressiv, wie vielerorts behauptet wird.
Die Longtracks und insbesondere Bruce Dickinsons Neigung zur Erzählung großer Geschichten deuten zwar in die Richtung, aber tatsächlich sind es in erster Linie einfach epische Stücke mit langen Strophen, die in ihren Instrumentalpassagen mit vielen typischen Maiden-Riffläufen, Harmonien und Soli angereichert sind. Spielerisch ist das natürlich alles über jeden Zweifel erhaben, dafür sorgt ja schon Basslegende Steve Harris alleine, besonders frickelig oder mathematisch herausfordernd jenseits von vier Vierteln ist es allerdings nicht.

Nein, Iron Maiden hauen vor allem bewährte Trademarks raus. Das tun sie allerdings so ziel- und geschmackssicher wie schon sehr lange nicht mehr.
Die Songs sind einfach alle sehr stark, es gibt keinen Stinker. Nur der Whohohoo-Refrain im ansonsten wirklich gelungenen "The Red And The Black" nervt. Und damit erschöpft sich meine musikalische Negativkritik auch schon.

Dass "Shadows Of The Valley" zu Beginn den Anfang von "Wasted Years" recycelt, ist geschenkt und fällt in die Kategorie der liebgewonnenen Traditionen.

Ansonsten wecken natürlich einzelne Details oder die generelle Stimmung mancher Songs Erinnerungen. So hat mich das Keyboard-Intro des Openers "If Eternity Should Fail" gleich in "7th Son"-Zeiten versetzt oder der Titelsong ein wenig den Geist von "Powerslave" heraufbeschworen.
Sich selbst irgendwo regelrecht plagiiert hat die Band aber nicht.

Die Songs sind allesamt aus sich selbst heraus überzeugend, und man könnte - wie es wahrscheinlich auch schon aberhunderte Rezensenten getan haben - noch über jedes der elf Stücke gesondert einen Aufsatz schreiben.

Für die Seiten A bis E spare ich mir das allerdings. Nur den letzten Track, den schon erwähnten neuen Längenrekordhalter "Empire Of The Clouds", muss man einfach hervorheben, schon weil er über weite Strecken von Bruce Dickinson nicht nur am Mikrofon, sondern auch am Klavier geprägt wird. Iron Maiden goes Savatage sozusagen und damit tatsächlich mal was ganz Neues.
Live wird er sicherlich nicht selbst in die Tasten hauen, doch was er hier komponiert hat, ist schon ganz großes Kino. Durch seinen Epos und seine Andersartigkeit hat sich "Empire" bei mir sofort als Herz des Albums etabliert.

Das Herz eines Albums, welches ich mittelfristig wohl selten komplett am Stück hören werde, einfach wegen der schieren Länge, welches einen jedoch überall gut zu unterhalten weiß, egal wo man die Nadel aufsetzt.


Das Frontcover ist schlicht, direkt und schön im klassischen Derek Riggs-Stil, umgesetzt allerdings von Mark Wilkinson. Deutlich besser als so einige Bilder der letzten zwanzig Jahre.
Im Triple-Gatefold und auf den LP-Hüllen wird es detailreicher und es gibt für Eddie-Enthusiasten schon so einiges zu entdecken. Sehr schön!




Fazit: Iron Maiden zeigen sich 2014 (die Aufnahmen liegen ja schon etwas zurück) immer noch ambitioniert und wesentlich frischer, als ich es erwartet hätte. Trotz des unantastbar heiligen Frühschaffens der Band ist "The Book Of Souls" ein echtes Highlight in der Diskographie.

Und man kann tatsächlich ein komplettes Maiden-Review verfassen, ohne auch nur ein einziges Mal einen der drei Gitarristen namentlich zu erwähnen.
 

Anspieltipps: Empire Of The Clouds, The Book Of Souls, If Eternity Should Fail, Shadows Of The Valley

2013-06-23

DEPECHE MAIDEN (live in Hamburg, Juni 2013)

Mensch, was geht so eine Woche schnell rum. Am Montag, dem 17. Juni habe ich erstmals Depeche Mode live gesehen und noch gar nichts dazu geschrieben! Ich war einfach immer abends zu müde oder hatte anderes zu tun, wie z.B. mir am Mittwoch Iron Maiden anzuschauen.

Und weil beide Konzerte ja innerhalb von nur drei Tagen nur einen Steinwurf voneinander entfernt stattfanden - und natürlich weil es prinzipiell bei diesen beiden Gruppen eigentlich verboten hoch zehn ist - lege ich sie in meinem persönlichen Review einfach mal zusammen. ;)


Herzlich Willkommen zum großen Maiden/Mode-Vergleich!

DIE KONTRAHENTEN:

In "Delta Machine"-Rosa Depeche Mode - britische Band, gegründet 1980; Studioalben: 13; verkaufte Tonträger: über 100 Millionen; Stil: Synthie Pop / Synth Rock / New Wave

In "Seventh Son Of A Seventh Son"-Hellblau Iron Maiden - britische Band, gegründet 1975; Studioalben: 15; verkaufte Tonträger: über 90 Millionen; Stil: New Wave of British Heavy Metal

Merke: Die Bezeichnung "neu" ist nicht nur in längerfristig laufender Werbung oder in Straßen- und Ortsteilnamen ("Neue Straße", "Neues Dorf") dämlich, sondern auch in Genrebezeichnungen.
Ansonsten liegen die Bands ziemlich gleichauf. Bei noch genauerer Betrachtung würde einem auch noch auffallen, dass die größten Kultalben beider Gruppen ebenfalls etwa zur gleichen Zeit erschienen sind. Der Battle startet also unter fairen Bedingungen.

TICKETS:

IM: liebloses eventim-Einheitsdesign; mit 70 Ocken ganz schön teuer

DM: tatsächlich mal ein Ticket, auf dem Bandfoto und Logo zu sehen sind; dafür aber auch fast 14 Euro happiger!

Da ich meine Konzertkarten sowieso entsorge, gehe ich nur nach der niedrigeren Zahl hinter "EUR". Klarer Punkt für Maiden!


HAUPTSPONSOR:

DM: ARD

IM: RTL

Zwei Fernsehsender, die mit mit Musikkompetenz etwa so viel zu tun haben wie mit gutem Fernsehen. Naja, solange ich durch deren Geld nicht noch mehr Eintritt zahlen muss, meinetwegen... unentschieden.


LOCATION / PLATZ:

DM:   Imtech Arena, Open Air vor etwa 45.000 Zuschauern. Ich sitze in Block 6A der Osttribüne, Reihe 9, Platz 13, also etwa auf Höhe der Delaytürme. Ohne Bildschirme sind die Musiker kleiner als die Kuppe meines kleinen Fingers.

IM: o2 World, regengeschützt (wofür die Roadies nach dem Konzert sicherlich extrem dankbar waren) vor ca. 12.000 Zuschauern. Stehplatz auf mittlerer Höhe des Innenraums. Ganz nach vorne kommen wir nicht mehr, da der vordere Bereich zum Schutz gegen Überfüllung abgesperrt ist und natürlich niemand seinen durch frühes Erscheinen dort ergatterten Platz wieder hergibt.

Nach Zahlen geht dieser Punkt ganz klar an Depeche Mode.
Ich weiß nicht, ob es nur am Platz lang, aber vom Konzerterleben her waren Iron Maiden doch etwas unmittelbarer, während in der Imtech Arena manchmal eher Eventstimmung herrschte, d.h. statt ständig mitzugehen, reagierte das Publikum eher auf bestimmte Schlüsselereignisse (vor dem zweiten Song ist die Band endlich auf den Bildschirmen zu sehen, die ersten Töne des Klassikers xy werden erkannt...).
In guten Momenten gab es bei  Depeche Mode durch die so viel größere Masse aber wiederum auch mächtigere Gänsehautmomente, von daher bleibt der Punkt bei ihnen.


DURCHSCHNITTSALTER DES PUBLIKUMS:

DM: sehr viele alte Fans, die altes Zeug hören wollen; einige sehr junge Fans = Nachwuchs der alten Fans; von den Teenagern bis Spätzwanzigern klafft aber schon eine Lücke. Als Jahrgang 1977 habe ich das Gefühl, noch klar unter dem Methusalem-Durchschnitt zu liegen.

IM: sehr viele alte Fans, die altes Zeug hören wollen, aber auch reichlich Nachschub. Auch neue Metalfans orientieren sich eben schnell an den Originalen.

Das Publikum von Iron Maiden ist tatsächlich sichtbar jünger, obwohl Depeche Mode ein aktuelles Album im Schlepptau haben, während Maiden die "Maiden England"-Tour von 1988 wiederaufleben lassen (neueste Stücke von 1992). Klarer Punkt für die Eiserne Jungfrau! 


T-SHIRT-PRÄSENZ:

IM: Band-T-Shirts sind ein Metal-Ding und Maiden ist die Metalband. Die Mehrzahl der Fans trägt ein Band-T-Shirt, und die meisten Shirts hat Iron Maiden gestiftet, zumal am Merchandising-Stand auch reichlich neue Hemden über den Tisch gehen.

DM: Nie habe ich mich mit einem Voivod-Shirt einsamer gefühlt. Ich sehe ein einsames Rammstein-Leibchen, ansonsten viele Kleidungsvarianten von Normalo über Schmalzlockengrufti bis zum Engelchenköstum, aber relativ wenige Musikuniformen, und die auch nur von einer einzigen Band...

Objektiv gesehen sind Depeche Mode-T-Shirts vermutlich stilsicherer, aber Eddie ist nunmal Maiden und Maiden sind Metal und Metal sind Bandshirts... also geht dieser Punkt auch ganz sicher an Iron Maiden.



MITBRINGSEL FÜR GEIZHÄLSE:

IM: nüscht

DM: Der Ticketsammler hat schon vorher die schickere Eintrittskarte. Und trinkt er etwas und verzichtet auf Pfand, dann bekommt er auch noch einen "Delta Machine"-Becher.



Punkt für Depeche Mode.



SUPPORT-ACTS:

DM: Vor solch einer Legende aufzutreten ist immer ziemlich undankbar. Auf dem Ticket ist noch nicht einmal ein Support-Act angekündigt. Es kommt dann aber doch ein Elektro-Duo. Name? Weiß ich nicht. Aussehen? Keine Ahnung, auf den Bildschirmen war noch keine Bühnenaction zu sehen. Dadurch, dass die Musik vollelektronisch erzeugt wurde, unterschied es sich eigentlich auch wenig von der Konservenmucke, die vorher über die Anlage lief, und es wirkte eher so, als würde da jemand zu ziemlich simplen, repetiven Elektrosongs Karaoke singen. In den ersten zwei Reihen gingen anscheinend ein paar Fans richtig ab. Beim Rest dürfte wenig bis gar nichts hängengeblieben sein.

IM: Ein eigenes Banner und eigene Bühnendeko machen bei Betreten der Halle unmissverständlich klar, dass Voodoo Six auf der Bühne stehen. Die Briten spielen eine straighte Mischung aus modernem Rock und klassischem Metal und machen damit nichts verkehrt. In anderer Umgebung mag diese Musik wahrscheinlich richtig abräumen, hier wurde sie zwar wohlwollend aufgenommen, aber vor solch einer Legende aufzutreten ist natürlich immer ziemlich undankbar...

Trotzdem ganz klarer Punkt für Voodoo Six.



Nun schauen wir uns aber die Hauptbands des Abends an:

GESANG:

IM: Ich bedaure die Altenpfleger von Bruce Dickinson jetzt schon. Wie soll man einen hyperaktiven Hundertzehnjährigen ins Bett bekommen, der in seinem Rollstuhl ständig mit 200 Sachen den Flur hin und her jagt? Welche Strecke der Mann jetzt mit Mitte fünfzig auf der Bühne abläuft ist schon erstaunlich. Allerdings wäre es durchaus songdienlicher, wenn er mit dem einen oder anderen Spurt ans andere Bühnenende noch bis zur nächsten Instrumentalpassage warten würde. Denn auch wenn seine Stimmleistung im Großen und Ganzen nach wie vor beachtlich ist, bleibt mancher Gesangspart im Dauerlauf doch auf der Strecke.

DM: Auf dem Papier ist Dave Gahan vier Jahre jünger als Bruce Dickinson, doch machen wir uns nichts vor: Wo der Maiden-Sänger abseits der Musik mit sportlicher Aktivität und dem berufsmäßigen  Steuern von Passagierflugzeugen glänzte, hat der vor seiner Musikkarriere als Kleinkrimineller tätige Depeche Mode-Frontmann mit exzessivem Konsum harter Drogen und einem Selbstmordversuch andere Schwerpunkte gesetzt. Angesichts dessen wirkt der Mann erstaunlich fit, doch das Pensum von Dickinson würde er wohl kaum durchhalten. Seine Actionszenen sind von daher noch genauer geplant und seine Bühnenpausen deutlich länger.

Die Entscheidung ist denkbar knapp. Man könnte meinen, Bruce hat als ewig fitter Stimmungsanheizer alle Trümpfe auf seiner Seite. Dennoch gebe ich diesen Punkt an Depeche Mode, weil Dave Gahan einfach mehr Rücksicht auf seine gesangliche Darbietung nimmt.


BACKGROUND-GESANG:

IM: Ab und zu gibt's im Refrain ein bisschen zusätzliches Shouting. Würde auch nicht fehlen, wenn's nicht da wäre, denn das Publikum kennt den Text ja auch.

DM: Martin Gores Harmoniestimme gehört zu den unverkennbaren Markenzeichen der Band. Für einige Titel übernimmt er zudem den Leadgesang, während Gahan sich hinter der Bühne im Sauerstoffzelt wieder aufpumpen lässt. Dass er dabei immer noch so lampenfiebrig nervös wirkt wie  ein kleiner Junge, der bei Michael Schanze im Fernsehen ein Gedicht aufsagen darf, das beschert ihm nur zusätzlichen Sympathien.

Punkt für Depeche Mode.


GITARRE:

DM: Für mich ist Martin Gore ja einer der genialsten Gitarristen überhaupt. Der Kerl hängt sich für jeden Song, in dem er in die Saiten greift, ein anderes Designerteil um, als wäre er spielerisch ein Hecht mindestens der Marke Prince, sieht dann aber aus, als sei ihm das Ding nur versehentlich um den Hals gefallen. Von der Ausstrahlung her also das absolute Gegenteil eines Rockstars. Man könnte eher meinen, da erinnert sich ein Neuling auf dem Instrument gerade mühsam an die ersten paar Griffe, die er gelernt hat.
In Wahrheit ist in seinem Spiel aber jeder Ton gleich wichtig, es ist absolut auf das Wesentliche reduziert und gerade dadurch so effektiv.


IM: Ein großartiger Dave Murray, ein überragender Leadgitarrist Adrian Smith und der als zweitgrößtes Aktionszentrum auf der Bühne sämtliche Posingklischees abspulende Jannick Gers. Da weiß man live natürlich nicht immer, was gerade von wem kommt, aber was soll's? Ein so von Gitarrenharmonien mitgeprägter Metal mit satten drei Klampfen - das ist ein Brett!

Punkt für Iron Maiden, alles andere wäre Blasphemie.


BASS:

DM: Depeche Mode haben einen Bass. Der wird bei "A Pain That I'm Used To" gespielt. Ansonsten werden alle tiefen Töne digital erzeugt.

IM: Bei Iron Maiden dreht sich kompositorisch alles um das herausragende Bassspiel von Steve Harris, dem Mastermind hinter der Band, dem wohl bedeutendstem Bassisten im Heavy Metal überhaupt.

Keine Diskussion, Punkt für Iron Maiden.



KEYBOARD:

IM: Iron Maiden haben einen Keyboarder. Der wird - wie bei Queen in den Achtzigern - hinter der Bühne versteckt, weil Synthesizer kein Rock'n'Roll sind. Nur beim überragenden Epos und Herzstück des Abends "Seventh Son Of A Seventh" wird sein Bühnenteil mal nach oben gepumpt, wo er hinter Orgelpfeifendeko versteckt in die Menge hineinbösen darf.

DM: Bei Depeche Mode dreht sich kompositorisch alles um die Synthesizer, die ureigende Kernkompentenz der Gruppe. Die Stationen von Andrew Fletcher und Livemusiker Peter Gordeno sind fast ständig besetzt, dazu greift auch Martin Gore ab und zu in die Tasten.

Natürlich punkten hier Depeche Mode.


SCHLAGZEUG:

DM: Die Tatsache, dass die Elektropioniere überhaupt einen leibhaftigen Drummer zwischen sich auf der Bühne sitzen haben, ist ja schon aller Ehren wert. Noch dazu ist Christian Eigner wahrhaftig ein Tier hinter den Trommeln und aus dem Livesound gar nicht mehr wegzudenken. Treibend und auf allerhöchstem Niveau virtuos bekommt er während der Show auch viele Spots, in denen er strahlen darf. Beeindruckend.

IM: Der Drummer, den ohne Kameras noch niemand gesehen hätte, so hoch hängen seine Toms. Zusammen mit Steve Harris ist Nicko McBrain Teil einer legendären und einzigartigen Rhythmussektion. Und ebenso wie der Bassist ein absolut stilprägender Musiker.

Die Wahl fällt mir hier am schwersten. Aber käme heute nacht eine Fee zu mir und ich könnte mir aussuchen, mit wessen Fähigkeiten ich morgen früh aufwache, dann würde ich - allen Spezialfähigkeiten des Maiden-Drummers zum trotz - nach langem Zögern wohl doch den Eigner wählen. Ganz knapper Punkt für Depeche Mode.


OPTIK (Personal):

Tendentiell würde ich ja sagen, dass bis auf ein paar Ausnahmen beide Bühnen von hässlichen alten Säcken bevölkert wurden, aber wenn ich den (bei Depeche Mode ungleich größeren) weiblichen Teil des Publikums zu Rate ziehe, in die Gesichter einiger Maiden-Gitarristen schaue und bedenke, dass deren Drummer sogar durch ein riesiges Kit versteckt wird, dann muss sich der Metalfan in mir wohl keine Illusionen machen.

Punkt für Depeche Mode. Zum Glück ist Metalfans das egal.



OPTIK (Bühne):

IM: Vielleicht sind Iron Maiden das größte reisende Kasperletheater der Welt. Die Bühne besteht aus drei Teilen: Vorne agieren die fünf Musiker, eine Ebene höher, den Rest der Bühne in einem Bogen umspannend, agiert Zirkusdirektor Bruce Dickinson, dahinter prägen wechselnde Vorhänge, auf denen sich das Maskottchen Eddie in unterschiedlichsten Variationen die Ehre gibt, das Bühnenbild. Dies alles ist in stehts hochprofessionelles, stimmungsvolles Licht getaucht.
Das Ganze wird gekrönt zum einen mit dem sporadischen Einsatz von Pyrotechnik, zum anderen wie gesagt mit Kasperletheater. Diverse übergroße Eddie-Figuren und der leibhaftige Gehörnte bevölkern die Bühne und sorgen für Belustigung, aber angesichts ihrer Infantilität auch für einen leichten Hauch Fremdscham, da die Band dieses Zeug ja bereits in den Achtzigern eigentlich nicht nötig hatte.
Nur als gegen Ende des Sets, ich glaube es war bei "The Clairvoyant" der riesenhafte Eddie vom "Seventh Son"-Cover seinen tanzenden Mini-Me-Fötus in der Hand hielt, da war genau das richtige Gleichgewicht zwischen eigentlich peinlich, aber anderseits total cool und lustig erreicht.


DM: Auch das Drumherum bei Depeche Mode ist nicht frei von kindischen Momenten, so etwa wenn bei "Goodbye" in einer von Anton Corbijn inszenierten Videosequenz die drei Kernmitglieder der Band den ganzen Song lang Hüte ausprobieren oder wenn "Precious" von einer offensichtlich internetinspirierten Slideshow süßer Hunde begleitet wird. Insgesamt ist das auf den ersten Blick einfache Bühnenbild jedoch erwachsener. Der variable Einsatz der Bildschirmflächen auf und neben der Bühne hat seinen Anteil daran, dass die gesamte Präsentation der Band sich bei jedem Song vollkommen wandelt. Das lässt sich vielleicht weniger gut beschreiben und ist weniger fröhlich-infantil, als bei Iron Maiden, aber letztendlich ist es einfach stimmungsvoller und bedeutet unterm Strich:

Punkt für Depeche Mode.


SOUND:

DM: Am Anfang stimmte die Abstimmung von vorder PA und Delay-Towern vielleicht noch nicht ganz. Zumindest kam es beim ersten Mitklatsch-Teil auf Höhe von Block 6a zu Problemen. Dies fing sich jedoch schnell und ich kann mich nicht weiter beklagen, obwohl es sicherlich akustisch bessere Plätze in der Arena gegeben hat.

IM: Das Schlagzeug von den Gitarren untergebuttert, der Gesang mit viel zu viel Hall, die Bruce Dickinsons Ansagen zum Teil sehr schwer verständlich machten. Nein, der Sound war nicht wirklich gut und wurde es trotz allmählicher Besserung auch zum Ende hin nicht. Sehr schade, für das Geld kann man wirklich mehr verlangen.

Minuspunkt für den Mischer von Iron Maiden.


SET:

Alle erfolgreichen Bands, die ein oder mehrere Jahrzehnt auf dem Buckel haben, stehen irgendwann vor dem Problem, dass ihre Fans irgendwann stur in der Vergangenheit verharren und es eigentlich müßig wird, noch neue Alben zu veröffentlichen und neue Lieder live zu spielen, weil das Publikum ja doch nur die alten Klassiker, mit denen es Erinnerungen an seine eigene Jugend verbindet, hören möchte. Mit dieser Problematik gehen Depeche Mode und Iron Maiden sehr unterschiedlich um.

DM: Depeche Mode wählen den klassischen Weg und spielen zu etwas einem Drittel aktuelle Songs, während der Rest des Sets mit absoluten Pflichtliedern und ein paar Überraschungen aus dem Backkatalog bestritten wird. Im Grunde eine gesunde Mischung, auch wenn es bei aktuellen Songs immer zu einem kleinen Stimmungsabfall kommen muss. Das Problem mit vielen Tracks von "Delta Machine" ist nur, dass ihnen bei aller Qualität einfach ein intimerer Rahmen als ein Stadion entgegenkommen würde. Bestes Beispiel dafür ist wohl "Secret To The End", dessen anspruchsvolle Rhythmik fast das gesamte Stadion (absichtlich unterstelle ich) bis kurz vor Schluss überfordert hat. Auf diese Art Spannung zu erzeugen, klappt in kleinerem Umfeld sicher besser.
Ansonsten haben Depeche Mode aber eigentlich nichts verkehrt gemacht. Dass "Behind The Wheel" nicht gespielt wurde, fand auch ich schade. Dafür gab es aber den antiken (und in seiner Originalversion wirklich fürchterlichen) Hit "Just Can't Get Enough" zu hören. Und "Barrel Of A Gun" hat mich auch positiv überrascht. Leute, die am nächsten Morgen in Radiointerviews über die zu vielen neuen Stücke jammern, wird es immer geben. Auf der übernächsten Tour freuen gerade die sich aber auch, wenn "Heaven" oder "Should be Higher" wieder ausgepackt werden.


IM: Auf den Alben seit "Brave New World" haben Iron Maiden einige der großartigsten Stücke ihrer Karriere verewigt. Und sie erwecken nicht den Anschein, in dieser Hinsicht bald nachlassen zu wollen. Trotzdem haben sich Iron Maiden quasi in zwei Inkarnationen ihrer selbst aufgespalten. Die neuen Maiden stellen auf Tour ausführlich ihr gerade aktuelles Album vor. Die klassischen Maiden jedoch lassen eine Tour später eine Liveshow aus der "guten alten Zeit" (mit ein paar leichten Modifikationen) wiederaufleben. Man weiß also absolut, was man bekommt. Und auch ich musste einfach zu diesem Konzert, weil "Seventh Son Of A Seventh Son" nunmal mein absolutes auf alle Zeiten ewiges Lieblingsalbum der Band ist. Und wow, was wurde ich bedient! Meinetwegen hätte sie aber konsequenterweise wirklich alle (statt fünf von acht) Stücken dieses Klassikers spielen können. Trotzdem: Die Setlist war ein schöner nostalgischer Traum.

Den Umgang mit den ewigen Nörglern, die früher alles besser fanden, haben Iron Maiden also eindeutig besser drauf. Dennoch war ich persönlich mit der Setlist von Depeche Mode ebenfalls ziemlich zufrieden.
Was allerdings bei ihnen noch mehr nervt als bei Maiden ist ihre Gefangenheit in Ritualen, die irgendwann etabliert wurden und nun jedes Mal wieder durchexzerziert werden müssen: Arme schwenken bei "Never Let Me Down Again", Weitersingen der Melodien in Martin Gores Balladen, an dieser Stelle dreht Dave sich um die eigene Achse, die Damen kreischen, dort zieht er das Hemd aus, die Damen kreischen lauter... Das ist manchmal ein bisschen so, wie wenn bei Mario Barth die "Pointe" bejubelt wird. Alle wissen, was kommt, eigentlich ist der Witz schon lange raus, aber durch die schiere Masse derer, die das Spiel mitspielen, wirkt die Selbstbespaßung dann doch irgendwie.
Das klingt nun härter als es ist, dennoch gebe ich den Punkt schon für die Konsequenz ihres Tuns an Iron Maiden.


So, kann ich noch eine Kategorie aus dem Hut zaubern?
Wenn ich nochmal drüber schlafe sicherlich... aber irgendwann muss das hier ja auch mal fertig werden.


Also, Auswertung:

Mischer von Iron Maiden: minus 1 Punkt
Voodoo Six: 1 Punkt
Iron Maiden: 6 Punkte
Depeche Mode: 7 Punkte
 
Tja, ein knapper Sieg. Oder hätte ich mir noch ein paar Kategorien mit Maiden-Vorteil ausdenken sollen, um den mächtigen Metal gewinnen zu lassen?

Glückwunsch an Depeche Mode!


FAZIT:

Zwei sehr geile Konzerte, die jedes für sich ein tolles Erlebnis waren...

... und die miteinander zu vergleichen schon aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Musik absoluter Schwachsinn wäre. 



SETS:


DEPECHE MODE:
  • Welcome To My World
  • Angel
  • Walking in My Shoes
  • Precious
  • Black Celebration
  • Policy Of Truth
  • Should Be Higher
  • Barrel Of A Gun
  • Higher Love
  • But Not Tonight
  • Heaven
  • Soothe My Soul
  • A Pain That I'm Used To
  • A Question Of Time
  • Secret To The End
  • Enjoy The Silence
  • Personal Jesus
  • Goodbye
  • Home
  • Halo
  • Just Can't Get Enough
  • I Feel You
  • Never Let Me Down Again

IRON MAIDEN:
  •  Moonchild
  • Can I Play With Madness
  • The Prisoner
  • 2 Minutes To Midnight
  • Afraid To Shoot Strangers
  • The Trooper
  • The Number Of The Beast
  • Phantom Of The Opera
  • Run To The Hills
  • Wasted Years
  • Seventh Son Of A Seventh Son
  • The Clairvoyant
  • Fear Of The Dark
  • Iron Maiden
  • Aces High
  • The Evil That Men Do
  • Running Free



 

2012-09-30

MAIDEN UNITED - Across The Seventh Sea

Und nun noch schnell zu dem gerade frisch erschienen Zweitwerk einer Tributband, die mich schon auf dem Wacken Open Air 2011 überrascht und begeistert hat:


MAIDEN UNITED - Across The Seventh Sea (2012)

Ein paar niederländische Musiker spielen neben ihren jeweiligen Hauptbands als Projekt semi-akustische Versionen von Iron Maiden-Hits der frühen Alben bis "Seventh Son Of A Seventh Son". Ende Bandbeschreibung.

Aber es ist dann schon spannender, als es klingt, weil es einfach verdammt gut klingt. Denn hier wird nicht nur ohne Verstärker nachgespielt, sondern bei der Übertragung auf Piano und Akustikgitarre auch mit viel Liebe umarrangiert, so dass die Songs ganz neue Stärken entfalten.

Eigentlich braucht es nur zwei Grundvoraussetzungen, um dieses Kleinod zu mögen:

1. Man sollte mit dem Gesang von Threshold-Sänger Damien Wilson klarkommen. Ich erinnere mich, dass ich mich bei seinen ersten Gastauftritten bei Ayreon erst ein wenig an seine Stimme gewöhnen musste.
2. Man sollte irgendwann während der vergangenen drei Jahrzehnte den Namen Iron Maiden gehört haben und einordnen können.

Der Rest sollte bei diesem klasse Album dann eigentlich von alleine flutschen.

Ein bisschen schade ist eigentlich nur, dass anders als beim Debüt "Mind The Acoustic Pieces" - und auch live in Wacken - die Wunderstimme von Anneke van Giersbergen nicht dabei ist. Man kann halt nicht alles haben. Dafür ist das Gast-Cello von einem Apocalyptica-Mitglied eingespielt. Ist ja auch schon was.

Neben der Musik weiß auch die Optik zu punkten. Das Artwork von Cover und Booklet greift nämlich nicht zu penetrant und sehr gekonnt diverse Maiden-Cover auf.
Und wer nicht wie ich banausiger CD-Hörer, sondern Vinyl-Freund ist, der sollte sich auf der Homepage der Band mal diese Special Edition anschauen. Hui!


Anspieltipps: 22 Acacia Avenue, The Evil That Men Do, Children Of The Damned, Infinite Dreams

2010-12-27

Tonträger 2010, Teil 5 : Pappe vs. Plastik (SLAYER, IRON MAIDEN)

Heute komme ich zu zwei Alben, zu denen ich mich musikalisch gar nicht weiter detailliert auslassen möchte, da sie die meisten Fans eh schon längst kennen, und von denen eines eigentlich gar nicht hier hingehört, da es bereits 2009 erschienen ist.

Ich als Spätkäufer war allerdings eine Weile im Irrglauben, es sei erst dieses Jahr rausgekommen, und ich finde, es passt gut an diese Stelle, weil sich die Scheiben beider Bands durch suboptimalen Vorbildcharakter in punkto Hüllengestaltung bzw. Extras auszeichnen, worüber ich mich gerne ein wenig echauffieren möchte. ;)


SLAYER - World Painted Blood (2009)

Ok, was die Verpackung angeht, bin ich ja selbst Schuld. Habe nicht aufgepasst und bin an die Sparvariante geraten. Die spart wenig am Preis, dafür umso mehr an allem anderen. Eine Papphülle, aus der man die CD ziehen kann. Wäre hinten kein Barcode drauf, hätte ich's für eine Promoversion gehalten. Vorne auf dem Cover schön deutlich der in der Vergangenheit auch schonmal kürzere Hinweis "Parental advisory / explicit content / strong language / sexual + violent content" und drinnen zum Glück kein Booklet, indem ich die explizite Lyrik nachlesen könnte. Es gibt ja durchaus Künstler, bei denen Minimalismus zum Konzept gehört, aber bei einem Slayer-Album erwarte ich doch zumindest, dass die Herren Araya, King, Hannemann und Lombardo im (vorhandenen) Booklet namentlich erwähnt werden.

Ja, ich weiß, ich hätte auch eine andere Fassung kaufen können! Aber warum bringt Sony diesen Quatsch überhaupt raus? Soll das etwa die Antwort der Musikindustrie auf rückläufige Tonträgerabsätze sein?

Die Musik ist hingegen gar nicht zu beanstanden, um es in Radiosprache zu sagen: Das Beste der 80er, 90er und von heute! Also, das beste von Slayer natürlich. Slayer sind frisch und slayer wie eh und je, was will man mehr? Sehr geil!


Anspieltipps: World Painted Blood, Public Display Of Dismemberment, Playing With Dolls




IRON MAIDEN - The Final Frontier (2010)

Eigentlich müsste ich diese "Limited Metal Tin Box" ja loben, weil es endlich mal eine Sonderverpackung ist, aus der sich der Tonträger einfach und sicher lösen lässt. Gerade Stahlboxen meide ich eigentlich schon seit Ewigkeiten wie der Teufel das Weihwasser, seit mir damals nämlich Kreators "Cause For Conflight" aufgrund der störrischen Halterung bei der Entnahme zerbrochen ist. Heutzutage sind es vor allem Multi-DVD-Boxen, bei denen mir die Erinnerung an diesen Moment den Angstschweiß auf die Stirn treibt...

Aber bei dieser Maiden-Box geht das ganz fluffig. Einerseits.
Anderseits ist das Ganze natürlich ein Traum aus Alu und Weichplastik, dass man fast fürchtet, "The Final Frontier" sei auf Spielzeuginstrumenten eingeklimpert worden.
Sollte dies tatsächlich die anvisierte Wirkung sein? Für mich ein Fall von guter Idee und unwürdiger Umsetzung. Das Cover an sich ist ok, wenn man's nicht so ernst nimmt... Maiden hatten schon schlimmeres, und gerade den kleinen Space-Invaders-Gedächtnis-Eddie unten links finde ich eigentlich ganz witzig.

Ärgerlich hingegen sind die Extras.

Liebe EMI, liebe andere Plattenfirmen, die ihr uns immer wieder mit diesem Blödsinn verarscht: Kein Mensch braucht euren beschissenen Online-Bonus-Content! Niemand! Punkt.

Wenn ihr Extras habt, die es wirklich wert sind, mit dem Hauptprodukt zusammen veröffentlicht zu werden, dann tut es doch bitte einfach auf dem Tonträger selbst bzw. mit einer Bonus-Disc! Die kosten euch in Herstellung nicht die Welt und der Kunde zahlt dafür auch gerne einen Euro mehr. Und vor allem kann er sie sich auch in fünf Jahren (also wahrscheinlich beim zweiten Betrachten überhaupt) noch einmal anschauen.
Euer Internetkram ist bis dahin doch vermutlich längst den Weg ins Datennirvana angetreten. Das kenne ich doch schon vom Bonus des Herrn-Der-Ringe-Soundtracks.


Diese Seite ist nicht verfügbar.


Das wäre in diesem Fall natürlich kein riesiger Verlust. Die Interviews zum Album hätte man auch einfach so über Youtube etc. veröffentlichen können, Live-Fotos von Iron Maiden sind ja eine ganz originelle Sache, die es vorher noch nie gab, und dieses Raumschiff-Browserspielchen ist an Heavy Metal und Relevanz in Bezug auf die Band ohnehin nicht zu überbieten.

Wenn ihr wirklich nur das zu bieten habt, dann schmeißt es bitte umsonst ins Volk und verkauft uns einen stinknormalen, bonusfreien Tonträger, anstatt uns einen vermeindlichen Mehrwert vorzugaukeln, wo es dauerhaft in Wahrheit nur eine komische, so naja... mittelüberzeugende Frischhalteboxe gibt.


Zum Glück haben sich die sechs Musiker selbst mehr Mühe gegeben und ein echt amtliches Werk abgeliefert.

Manches Intro könnte ein bisschen flotter auf den Punkt kommen, aber ansonsten kann ich nichts beanstanden. Maiden in allen Spielarten von straight rockig bis progressiv verspielt mit allen bekannten Trademarks. Dazu ein beeindruckend trockend produzierter, fast immer solo ohne Backgroundchor singender Bruce Dickinson - fein! Die Platte wächst bei mir immer noch mit jedem Hördurchlauf.

Überraschendster Moment: Im Instrumentalteil von "The Man Who Would Be King" klingen Iron Maiden plötzlich überhaupt nicht wie Iron Maiden. ;)

Anspieltipps: Starblind, When The Wild Wind Blows, Isle Of Avalon, Mother Of Mercy

2010-08-09

Wacken 2010 - Festivalbericht

Vorweggenommenes Fazit: das Wacken Open Air war geil, mit Sicherheit eines der besten aller Zeiten!

Schade nur, dass ich diesmal ohne die charmante Begleitung der letzten beiden Jahre auskommen musste. Aber vielleicht ja nächstes Mal wieder? ;)

Als einzigen organisatorischen Mangel muss ich neben den paar unvermeidbaren doofen Bandüberschneidungen ankreiden, dass die Definitionshoheit darüber, was eine "normale" Kamera ist, bei Ordnern liegt, die davon z.T. so wenig Ahnung haben wie ich meinerseits vom wirkungsvollen Einsatz muskelaufbauender Präparate.

Einerseits bin ich natürlich immer wieder dankbar, wenn mir jemand erklärt, dass meine niedrigpreisige Allerwelts-Consumer-Spiegelreflex Profiausrüstung ist - ich als Amateur weiß davon nämlich nichts ;) -, anderseits bezahle ich ungern hundertdreißig Euro Eintritt, nur um mit schlecht gebrieften Securitynasen debattieren zu müssen oder sogar am Einlass abgewiesen zu werden, so dass ich ewig zu einem alternativen Eingang laufen muss. Und dass dann auch noch am Samstag, nachdem man drei Tage dort unterwegs ist.

Also liebe Verantwortlichen - wenn ihr wirklich solche Angst habt, dass jemand unakkreditiert zu gute Fotos schießt, dann macht doch erstens die Fotogräben noch zwanzig Meter breiter und hängt die Bühnen außerdem mit Vorhängen zu, auf denen große Fotoverbotsschilder drauf sind! Gute Fotos macht nämlich in der Regel nicht die Kamera, sondern der Typ dahinter, und auch mit einem iPhone kann aus der ersten Reihe sicherlich mal ein glücklicher Schuss gelingen.
Davon, das ich in den Vorjahren einige meiner beliebtesten Wackenfotos mit antiken Falt- und Boxkameras gemacht habe, fange ich am besten gar nicht an... ;)

So, genug gemotzt.

Meine bisher fertig aufbereiteten Bilder sind übrigens HIER zu sehen.
Bei einigen Bands wie z.B. Iron Maiden oder Slayer habe ich allerdings gar nicht erst versucht, zu fotografieren, weil das Bühnengeschehen für meine Profikamera zu weit entfernt, die Bühne zu dunkel bzw. das direkte Umfeld zu gefährlich war oder ich einfach gerade keinen Bock hatte. ;)


Ich war von Mittwoch bis Samstag in Wacken, habe allerdings wieder zu Hause gepennt und dementsprechend wenig vom Campingplatz gesehen. Ebenfalls nicht statt fand bei mir die W.E.T.-Stage (nur Mittwoch ein paar Minuten reingekuckt), der Biergarten (kein Mambo Kurt für mich dieses Jahr) und das Bullhead City Wrestling Zelt, in dem u.a. Ölcatchen und Wet-T-Shirt-Wettbewerbe stattfanden, damit gewisse Spiegel-Online-Schreiber auch etwas zu berichten hatten.

Ich pendelte hauptsächlich zwischen den drei Open-Air-Bühnen des Hauptgeländes und dem Wackinger Village hin und her.


Mittwoch:

W:O:A 2010 / bagpipes

Fußball und Highland Games gekuckt.

Musik fast nur von einer mir namentlich nicht bekannten Spielmannstruppe aus dem Wackingerdorf.

Dann recht früh nach Hause, da kein zwingendes Programm anstand und ich keinen Bock auf Regen hatte. Am Movie Field kuckte ich mich dann aber doch noch eine Weile an Anvil! The Story Of Anvil fest, eh ich zum Schluss kam, dass ich den ja auch jederzeit trocken zu Hause auf DVD kucken kann, wenn ich möchte.
Den heftigsten Schauer allerdings hatte es schon nachmittags gegeben, als ich eine Stunde lang für mein Armbändchen und die Full Metal Bag inklusive Plastikregenjacke anstand. ;)


Donnerstag:

Wetter von nun an warm - aber nicht zu heiß - und regenfrei.
Zum Aufwärmen erstmal eine lustige Gauklershow angesehen.

Musikalisch wurde es wahrlich eine Night to Remember:

Alice Cooper besser und mit mehr mir bekannten Songs als erwartet, hat mich gut unterhalten. Die Show ist natürlich Kasperkram, aber ehrlich - welche Metalshow, bei der Kostüme und Requisiten zum Einsatz kommen ist das nicht? Macht ja auch nichts, so lange es unterhält. :)

Mötley Crüe habe ich im Gespräch ja nur so am Rande mitbekommen und die sind auch wirklich nicht mein Ding. Nur der Drummer kam mir bekannt vor - hat der mal in irgendeinem Film mitgespielt? ;) Irgendwie lustig aber auch der Sänger, weil die Stimme überhaupt nicht zum Typen passt. Wirkt total, als wäre der die ganze Zeit hochgeschlumpfpitcht worden.

Iron Maiden
entfesselten das Publikum nicht so sehr wie vor zwei Jahren, da diesmal kein Klassikerset, sondern schwerpunktmäßig Stücke der letzten vier Alben gespielt wurde. Dennoch ist Maiden natürlich Maiden, daran gibt's nichts zu rütteln. Und die Stücke sind ja auch alle klasse. Schade nur, dass die Songs, die ich am liebsten gehört hätte, nämlich "Brighter Than A Thousand Suns" und "For The Greater Good Of God" nicht zum Zuge kamen.

Gojira wären noch ein sehr guter Grund gewesen, mal die W.E.T. Stage zu besuchen. Nur die liefen ja parallel zu Maiden - also nicht. Eindeutig der größte Klops in der Running Order.


Freitag:

Ein Wackentag mit historischer Highlightdichte am späten Abend. Und anstrengend - ich war von ca. 13:00 bis 03:00 Uhr dort, davon die allerwenigste Zeit nicht auf den Beinen. Ganz erholt habe ich mich davon glaube ich immer noch nicht.

Bands:

Orphaned Land
aus Israel kannte ich vorher nur vom kurzen Reinhören. Gefiel mir gut. Der Sänger behauptet, nicht Jesus zu sein. Tatsächlich lief er nicht über Wasser und es gab weder Freibrot noch -wein.

Lange lange hat's gedauert, so viele Jahre und Schicksalsschläge innerhalb der Band... Zu erklären, wie sehr ich mich auf mein drittes Voivod-Konzert nach 1993 und 1997 gefreut habe, würde hier den Rahmen sprengen. Hätte sonst nur der allerletzte Dreck in Wacken gespielt, ich wäre trotzdem wegen Voivod gekommen.
Und wie sehr die Band sich freute, war ihnen den ganzen Gig über hundertprozentig anzusehen und zu hören. Hammer! Wer das verpasst hat, ist doof. Basta.

W:O:A 2010 / voivod

Also liebe Herren Away, Snake, Dan, Blacky (oder im Studio meinetwegen auch Jasonic) - unbedingt neues Material aufnehmen! (wäre das erste ohne Piggy - R.I.P. - an der Gitarre) Und live sowieso weitermachen!

Fröhlich weiter ging's mit The Boss Hoss. Die Cowboys sorgten wie schon letztes Jahr für riesige Partystimmung und waren sich dabei der Ironie auf der "True Metal Stage" spielen zu dürfen durchaus bewusst.

Danach gab's für mich ein bisschen Pause, futtern, ein paar Songs Arch Enemy, Futtern und Feuershow, nebenbei Grave Digger...

... und dann von Viertel nach elf bis drei Uhr morgens drei Hauptacts komplett hintereinander:

SLAAAAAAAYYYEEEER!!!!
Was soll ich noch mehr sagen? Slayer sind einfach die Macht! Schön, dass die "Seasons In The Abyss" gut vertreten war in der Setlist. Ja Mensch, was soll man noch groß sagen...
SLAAAAAAAYYYEEEER eben.

Danach kamen dann Anvil.

Ich habe ja ziemlich viele Ideen, worüber ich mal bloggen könnte, die ich dann doch nicht umsetze. Eine davon wäre ein Doppelreview des Iron-Maiden-Films "Flight 666" und der schon weiter oben erwähnten exzellenten Doku "Anvil! The Story Of Anvil" gewesen, zwei Filme, die gegensätzlicher kaum sein könnten: auf der einen Seite die Metalmillionäre, die im eigenen Jet, gesteuert vom Sänger persönlich von Megakonzert zu Megakonzert fliegen, auf der anderen Seite die Kanadier, welche in den frühen Achtzigern auf dem Weg zum ganz großen Metal-Ruhm waren, dann aber irgendwie auf der Strecke blieben und ihrem Traum, irgendwie an diese Rockstar-Zeiten anzuknüpfen auch unter widrigsten Bedingungen jahrzehntelang nicht aufgeben.

Nachdem man diese Band ja in jenem vielleicht großartigsten aller Rock'n'Roll-Film in ihren absurdesten und bittersten Momenten erlebt und mitgelitten hatte und ich auf dem aktuellen Album "This Is Thirteen" feststellen musste, dass die Musik auf Platte tatsächlich nur bedingt funktioniert und Lips auch kein wirklich großartiger Sänger ist, war es schon sehr befriedigend zu sehen, wie Anvil auf der Hauptbühne von Wacken - mit fetterer Lightshow als Slayer - die Zeit ihres Lebens hatten und rockten wie Sau! Lips machte Faxen, schrie Ansagen in sein Gitarrenpickup und packte den legendären Gitarrensolo-Dildo wieder raus, Robb Reiner spielte eines der wenigen wirklich guten Drumsoli in der Geschichte des Festivals. Metal on Metal! Um es mit Nigel Tufnel zu sagen: Dieser Auftritt ging bis 11!

W:O:A 2010 / anvil


"Sehr gutes Ding - ein dritter Teil 2011 muss aber nicht mehr sein. ;)"

Das sagte ich vor zwei Jahren zum "Cantus Buranus" von Corvus Corax. Nunja, der dritte Teil kam ja jetzt sogar schon ein Jahr früher als von mir prognostiziert. Und was interessiert mich eigentlich mein Gefasel von vorgestern?
Am Rezept (tausend Leute auf der Bühne, mittelalterliche Instrumente + Orchester + Chor + ab und zu Opernsängerin, Bombast, Bombast und nochmal Bombast) hat man nichts geändert. Ein bisschen düsterer war's vielleicht noch. Und einfach schwer beeindruckend.

Eine Stunde später zu Hause war ich gerädert wie vielleicht noch nie nach Wacken - war aber dennoch schon voller Vorfreude auf den...


Samstag:
Deutlich weniger "Pflichttermine" im Programm, also hatte ich es auch nicht ganz so eilig loszufahren.

Dennoch war ich um 15:45 Uhr pünktlich zu Overkill vor Ort. Auch so eine Band, die mich im Studio nicht richtig überzeugt, aber live regelmäßig alle Zweifel wegbläst.
Nach einigen Songs ging ich nach vorne, um von der Seite durch den Graben zurückkehrende Crowdsurfer zu knipsen, was sich ja schon letztes Jahr als ganz unterhaltsamer Zeitvertreib erwiesen hatte.
Das war's auch diesmal wieder - bis zu dem Moment, in dem ich Zeuge der laut Polizeibericht einzigen wirklich schweren Verletzung in Wacken wurde, als ein Fan ausrutschte, mit dem Hinterkopf gegen eine Strebe der Absperrung knallte und regungslos liegenblieb. Ziemlich übel anzuschauen... zum Glück hat er das überlebt.

(Mehr von mir dazu und zum Thema Crowdsurfing hier auf flickr.)

Dadurch, dass ich deswegen etwas früher wieder nach hinten ging, traf ich mal wieder meinen Bruder, den ich zuletzt kurz nach Voivod gesehen hatte, wo er genau wie ich in der ersten Reihe gestanden hatte, der mir stolz erzählte, wie er kurz darauf noch Blacky und Away von Voivod auf dem Gelände getroffen und sich ein Autogramm erstalkt hatte. ;)
Kurz nach dieser Erzählung geschah dann der oben erwähnte Einlasszwischenfall mit der zu professionellen Kamera. Schon faszinierend, wie schnell man in Wacken mitten im Gespräch auseinandergerissen werden kann...

Wieder auf dem Gelände gab ich mir ein wenig gepflegten Präzisionsgrindcore von Lock Up und direkt im Anschluss auf der Wackinger Stage das irishfolkige Kontrastprogramm mit The Keltics.

W:O:A 2010 / the keltics

Das Finale bildeten für mich schließlich die beiden letzten Bands auf der Party Stage, nämlich die Doom-Götter Candlemass und die komplett ihr Klassikeralbum "Wildhoney" zelebrierenden Tiamat. Zwei fantastische Auftritte und ein relativ ruhiger, atmosphärischer Abschluss für ein Metalfestival.

Im ersten Regen nach einem staubtrockenen Tag verließ ich um halb zwei glücklich das 21. Wacken Open Air.
Für eine beste Band kann und will ich mich diesmal gar nicht entscheiden, da war ja gleich eine Handvoll Gruppen, die dieses Prädikat verdient hätten.

Wie ich schon eingangs sagte: mit Sicherheit eines der besten W:O:As aller Zeiten! :)


Bandwünsche für nächstes Jahr:
  • die nach wie vor überfälligen Dream Theater
  • die frisch reunierten Autopsy!
  • die Celtic Frost-Nachfolger Tryptikon
  • und Cynic können auch gerne dem Club der Bands, die alle zwei, drei Jahre kommen beitreten
  • Jesu oder alternativ auch ein weiteres Livereunionskonzert von Godflesh, aber lieber Jesu ;)

2008-08-04

Wacken 2008 - Festivalbericht

Wackööön! Ein paar Tage später, ein paar Beine und Füße kaputter - es wird Zeit für ein paar Worte über das vergangene Open Air, welche über die Information hinausgehen, dass ich Cynic gesehen habe:


Ich habe mir von Cynic auch ein T-Shirt gekauft!

;-)



Ok, ein bisschen mehr war da schon noch.

Zunächst einmal hieß es am Donnerstagnachmittag, meine von weit her angereiste Festivalbegleitung vom itzehoer Bahnhof abzuholen. Auf dem Weg dorthin gab es keine Behinderungen und auch am Bahnhof selbst war bemerkenswert wenig los. Klare Anzeichen dafür, dass man mittlerweile nach Mittwoch schon zu den Nachzüglern zählt.
In Wacken selbst bestand daran dann überhaupt kein Zweifel mehr. Schon Kilometer vorher versuchten Fans noch, überschüssige Karten loszuwerden und hinter dem Ortsschild fand man sich bald in der ersten Verkaufsmeile des Festivals wieder. Die gewohnte erste Zufahrt zu den Campingplätzen war dicht, wir fuhren also weiter nach Gribbohm, durch Gribbohm, aus Gribbohm heraus, nach Holstenniendorf... und landeten dort irgendwo zwischen "Avantasia Avenue" und "Gorgoroth Road" (das Konzept mit den Straßennamen für den Campingplatz hat leider nur begrenzten Nutzen, wenn vor Ort die entsprechenden Schilder fehlen!) auf Platz V.
V steht dabei selbstverständlich nicht für die römische Ziffer 5, sondern für den Buchstaben im Alphabet, der Fußweg zum Festivalgelände wurde also ziemlich lang.
Deswegen und da das Camping nicht gerade bequem wurde, unsere norwegischen Nachbarn ihr Zelt halb über unseres drüber bauten und die generatorbetriebene superlaute Anlage, auf der gefühlte dreißigmal derselbe Manowar-Song gedudelt wurde, anscheinend keinen Power-Off-Schalter hatte, haben wir auch nur die erste Nacht gezeltet und uns für den Rest des Festivals auf die Heimvariante mit echtem Bett und echter Dusche entschieden.
Für Samstag bedeutete das dann Parken auf dem "Kiss & Ride"-Platz in Gribbohm, was von der Strecke her etwa genauso lang ist wie V, sich aber durch den geringeren Grip auf der durchweg asphaltierten Strecke schneller anfühlte. ;)

Nun aber zum wichtigsten, nämlich der Mucke. Für meine Verhältnisse habe ich relativ viele Bands gesehen. Allerdings erst ab Freitag, da wir ja erst Donnerstag abend das Festivalgelände betraten. Während Airborne die Gehörgänge kräftig freipusteten und auf der Party Stage Liv Kristine und Alex Krull, die Marianne und Michael des Metal, schon so weit vor Weihnachten Lametta aufs Publikum regnen ließen, was wohl auch das bemerkenswerteste am Leaves Eyes-Konzert gewesen sein dürfte, akklimatisierte man sich allmählich für den unbestrittenen Headliner des Festivals: Iron Maiden! - Häh, wer? - Iron Maiden!
Ja sie waren wirklich viel zu leise.
Da sieht man endlich zum ersten Mal Maiden live und kann die Band kaum noch hören, sobald die Fans anfangen, mitzusingen - und das nur knapp hinter dem Delay Tower! Bin dann weiter nach vorne gegangen, bis es einigermaßen ging, aber nachvollziehen kann ich's immer noch nicht. Verhält sich die Lautstärke der Band etwas umgekehrt proportional zu ihrer Beliebtheit? Slayer haben in Wacken 2003 ja auch kaum Zimmerlautstärke erreicht...
Abgesehen von diesem Makel war's aber genial. Ein aufwendige Bühnendeko, in der der agile Bruce Dickinson überall mal zu finden war, die obligatorischen Puppentheatereinlagen, ein geiles Oldschool-Set inkl. meiner Wunschlieder "Moonchild", "Rime Of The Ancient Mariner" und "Powerslave"... Hätte nur noch gefehlt, statt dem einzigen doofen Song "Heaven Can Wait" noch mehr von meinem Lieblingsmaidenalbum "Seventh Son Of A Seventh Son" zu spielen (am besten den Titelsong), dann wär's perfekt gewesen. ;)

Mir fehlt ja der Vergleich zum Vorjahr, aber das nach zwei Stunden Eiserne Jungfrauen folgende Gedränge auf dem Weg zum Campingplatz kam mir schon verdammt historisch vor.
Überhaupt, was für Menschenmassen - schon wenn man auf den zahlreichen Video Walls Kamerabilder aus Bühnenperspektive sah... Solche Bilder kannte ich bisher nur von Festivals der Größenordnung Rock am Ring. Faszinierend, aber auch beängstigend.
20.000 Besucher weniger würden dem Festival gewiss nicht schaden.
Erstaunlich, wie viele Bekannte ich dennoch (z.T. sogar mehrmals) zufällig getroffen habe.


Der Freitag begann für mich auf der Partystage mit meinem absoluten Höhepunkt, der Band, die mein mir niemals langweilig gewordenes Metal-Lieblingsalbum der 90er Jahre gezaubert hat und die ich 1994 kurz vor ihrer Auflösung wegen Staus nicht auf dem Dynamo Open Air gesehen hatte. Ich glaube, ich habe ihren Namen schon weiter oben erwähnt... Cynic natürlich!
Die vier Mannen um Paul Masvidal und Drumgott Sean Reinert spielen mit ihrer unvergleichlichen Mixtur aus progressivem Death Metal und Mahavishnu Orchestra natürlich den kompletten Gegenentwurf zum massentauglichen Mitgröhlmetal. Und während Maidens Nicko McBrain am Vortag noch als "the world's worst jazz drummer" vorgestellt worden war, hatten Cynic ihren größten Szenenapplaus ausgerechnet beim total jazzigen Bass-Solo im Instrumentalstück "Textures". Wie schon auf den Videos von der letztjährigen Reunionstour zu sehen, singt Masvidal durchgehend mit esoterisch verfremdeter Vocoderstimme. Die Death-Metal-Growls kamen aus Budgetgründen (eine Person mehr im Tourbus) damals noch vom Band, inzwischen hat der zweite Gitarrist sie übernommen. Sicherlich keine leichte Aufgabe bei einer Musik, die sich ständig oberhalb der normalsterblichen Spielbarkeit bewegt. ;) Allein schon, wie die Band sich manchmal quasi selbst ein- und aus- und sogar crossfaded (Schluss von "Textures") ist der Hammer! Und das alles präsentiert in einer sympathisch wortkargen, fast schüchternen Art, die man nur als absolutes Understatement bezeichnen kann.
Es gab logischerweise hauptsächlich Material von "Focus" zu hören, dazu noch ein paar unveröffentlichte neue Stücke, die Lust aufs kommende Album plus der dazugehörigen Tour im Vorprogramm von Opeth machten. Wer hat sich überhaupt dieses geile Package ausgedacht? :)



Danach hätte für mich meinetwegen auch nur noch Grütze kommen können, was aber zum Glück doch nicht geschah. ;)
Stattdessen kam Regen. Ich schaute mir noch die gar nicht üblen Unearth an, deren Fans im riesigen Circle Pit der Niederschlag scheinbar vollkommen egal war, dann musste ich mich zum Auto aufmachen, um Turnschuhe gegen Gummistiefel, kurze Hose gegen Jeans und meine eigene durchnässte Regenjacke gegen das durchaus zweckmäßige Teil aus der "Full Metal Bag", von der es dieses Jahr tatsächlich genügend gab, einzutauschen.

So ausgestattet sah ich mir neben kurzen Abstechern zur Zeltbühne und der für meinen Geschmack nicht mehr so gut besetzten True Metal Stage noch etwas Soilwork, aber vor allem die gewohnt genialen (und in ihren Ansagen immer wieder lustigen) Opeth und Corvus Corax mit der Welturaufführung ihres "Cantus Buranus II" an.
Der Auftritt der Mittelaltertruppe plus Chor und Orchester war nicht ganz so überwältigend wie 2005, was aber nur daran lag, dass ich dieses Jahr wesentlich weiter von der Bühne entfernt war und man ja schon ungefähr wusste, was einen erwartete.
Und das war vor allem Bombast, Bombast, Bombast. Fachkräfte für leise Töne waren die Spielleute ja eh nie. Das volle Dynamikspektrum, welches ein Orchester bieten könnte, wurde also nicht annähernd genutzt. Nicht schlimm, denn Wacken ist schließlich immer noch ein Metalfestival und anspruchsvoller als bei vielen Rock/Klassik-Kooperationen waren die Arrangements allemal. Ich fand's wieder einmal sehr beeindruckend. Vor allem beim zweiten Lied mit der Opernsängerin passierte musikalisch derartig viel, dass ich eine Gänsehaut bekam, welche dadurch, dass es allmählich kälter wurde, auch so schnell nicht wegging...
Sehr gutes Ding - ein dritter Teil 2011 muss aber nicht mehr sein. ;)


Nach etwas Erholung zu Hause ging mein Musikprogramm am Samstag in der ersten Reihe bei Holy Moses weiter. Zunächst war ich etwas geschockt, dass sie einen Keyboarder dabei hatten, doch es stellte sich schnell heraus, dass der Gastmusiker darauf hauptsächlich amtlichen Krach fabrizierte. ;) Auf Sabina Classen und ihre Jungs kann man sich eben verlassen. Das war mal wieder Thrashgewitter erster Güte. Allerdings finde ich auch, dass die Partystage der Band besser gestanden hätte. An den Gig auf eben jener im Jahr 2005 (zu etwa der gleichen Tageszeit und ebenfalls am Samstag) kam die Stimmung meiner Meinung nach nämlich nicht heran. Spaß gemacht hat's aber trotzdem.

Danach beeindruckten Exodus mit brachialer Mucke und der patriotischsten Hose des Festivals.
Es folgten Obituary, die sich leider lautstärketechnisch kaum gegen Hatebreed durchsetzen konnten und mir auf Dauer auch etwas zu eintönig und unkommunikativ waren, auch wenn's nett war, mal ein Celtic Frost-Cover zu hören.
Die mir bis dato völlig unbekannten As I Lay Dying ließen zünftig den Pit kreisen und waren dann der letzte Hauptbühnenact, den ich mir aus unmittelbarer Nähe angeschaut habe, da ich mittlerweile an beiden großen Zehen eine Blase hatte. Auch meine Aufmerksamkeitspanne war Schwankungen unterworfen, wie das eben so ist, wenn man den ganzen Tag Songs hört, von denen man die wenigsten von Tonträgern her schon kennt. So blieb von der auferstandenen Death-Metal-Legende Carcass leider weniger bei mir hängen als erhofft.

Um 20:00 Uhr war ich dann aber direkt vor der Biergartenbühne wieder da, als es die vierte und letzte Gelegenheit des Festivals gab, den König der Heimorgel, Mambo Kurt, live zu erleben. Spätestens nachdem ich am Vortag noch die letzten paar Songs von ihm mitbekommen hatte, war klar, dass ich mir unbedingt einen ganzen Auftritt von ihm aus der ersten Reihe reinpfeifen musste. ;)
Von Slayer über Kiss und "Sambastruck" bis Scooter, Rage Against The Machine und "Musik ist Trumpf" war alles dabei, was die Welt des Rock und Pops so zu bieten hat. Nur geil, ein absolutes Tageshighlight und nächstes Jahr garantiert wieder auf meiner persönlichen Running Order! Hoffentliche schaffe ich es dann auch endlich mal, mir die W:O:A Firefighters zu geben.


Der musikalische Ausklang des Festivals war für mich der von gewohnt doofdenglischen Ansagen Milles durchzogene Auftritt von Kreator, bei dem ich merkte, dass es von meinen einstigen Thrashhelden Nr.1 mittlerweile scheinbar auch schon jede Menge Klassiker der Post-"Coma Of Souls"-Ära gibt, die mir nicht geläufig sind. Schon ein guter Auftritt, allein ich war zu fußwund und daher bald sitzenderweise so weit weg, dass der Sound nicht mehr störungsfrei bei mir ankam...

Aber was soll's - schon wegen Maiden, Cynic und Mambo Kurt war's eines der besseren, ein geiles Wacken Open Air.

(Ganz nebenbei habe ich übrigens zum ersten Mal in meinem Leben (!) ein Handy benutzt, um SMSen zu verschicken!)


Nach einer Nacht zu Hause und einer weiteren in einem ziemlich kultigen Hostel in Hamburg, einem leckeren Kuchen im Terminal 2 des Hamburger Flughafens sowie einen bitter nötigen Energydrink am Autohof Tornesch überlegte ich mir Montag nachmittags hier auf meinem PC-Sessel, ob ich mir nicht schon das X-Mas-Ticket für nächstes Jahr holen sollte. Das tat ich leider etwas zu lange, denn die Tickets waren tatsächlich nach knapp über 24h schon ausverkauft. Und das, obwohl noch gar keine Band bestätigt ist!
Dann hol ich mir eben die reguläre Karte ohne Extras. Und ich bin einfach mal für Metallica als Headliner. ;) Wenn's eh schon so riesig ist... und die habe ich ja abgesehen von Rock-am-Ring-Übertragungen auf MTV auch schon seit über 15 Jahren nicht mehr live gesehen.


Waaaah, so viel Text! Das ist ja gar nicht mehr mein Blog hier, also Schluss jetzt!

Nur eine Sache noch: Liebe jüngere Wacken-Jünger, glaubt bitte nicht die schwachsinnigen Zahlen, die z.T. auf dem "W:O:A History Card Game" (in der "Full Metal Bag") zu finden sind!
Da behaupten sie doch tatsächlich, dass es in den Jahren 1992/93 jeweils 150 Mobilklos gegeben haben soll!
Hallo? Der Campingplatz bestand damals aus einem Feld (heutiges Festivalgelände) und die Leute hätten sich gefreut, wenn 15 Klos vorhanden gewesen wären. Jeden Scheiß muss man sich ja auch nicht erzählen lassen. ;)


Demnächst gibt's hier noch einen Eintrag mit Fotos! Die sind gerade noch im Labor.

Bis dahin: Wackööön!