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2016-07-04

AYREON - The Theater Equation

2004 brachte Arjen Lucassen mit "The Human Equation" sein für mich nach wie vor größtes Ayreon-Album heraus.

Auf keinem anderen Werk finden alle Bestandteile, die Ayreon ausmachen, so perfekt zusammen wie auf diesem Doppelalbum; die Mischung aus Metal, Progrock und Folkelementen, zahlreiche Gastsänger in unterschiedlichen Rollen, alles eingebettet in anspruchsvolle und doch äußerst ohrwurmige Songs.
Und da Lucassen (anders als Kollege Tobias Sammet mit seinen furchtbaren Avantasia) über einen guten Geschmack und ein ausgezeichnetetes Gespür für das richtige Maß an Naivität, Tiefgang, Härte und Kitsch verfügt, ist "The Human Equation" für mich nicht weniger als das beste Rock-Opera-Album aller Zeiten.

Im September 2015 wurde die Geschichte um einen Mann im Koma, der im Krankenbett mit seinen Emotionen ringt, während sich an seiner Seite seine Frau und sein bester Freund die Schuld für seinen Autounfall geben (um die Story mal sehr grob anzudeuten), für vier Aufführungen in einem Rotterdamer Theater zum Leben erweckt.

Ich war ja durchaus versucht, dem Geschehen live beizuwohnen, allein Zeit und Geld...

Zu meinem Glück wurde das Ganze aber am letzten Tag aufgezeichnet und ist nun in verschiedenen Versionen für zu Hause erhältlich. Ich habe mich für das Digipack mit DVD und zwei Audio-CDs entschieden.

   

AYREON - The Theater Equation (2CD+DVD) (2016)

Wie von InsideOut gewohnt ist die Aufmachung des von Meister Lucassen selbst signierten (da vorbestellten) Digipacks über jeden Zweifel erhaben.

Kommen wir also gleich zum Inhalt: Genau wie das Album ist die Bühnenumsetzung in zwei Akte aufgeteilt, welche beide jeweils zehn Tage der Handlung abdecken.

Die Bühne besteht aus drei Ebenen, von denen die unteren beiden Unterbewusstsein und die Erinnerungen an Schauplätze seines Lebens (Kindheit, Arbeitsplatz, Autowrack) des Protagonisten repräsentieren, während sich oben die reale Welt mit dem Krankenbett befindet. Hier agieren auch die Band und der bis zu neunzehnköpfige Chor, der die zehn Hauptsänger(innen) unterstützt.

Die Band ist selbstverständlich mit absoluten Könnern besetzt und sehr gut aufeinander eingespielt, umfasst sie neben der unvermeidlichen Powerdrumming-Präzisionsmaschine Ed Warby doch auch noch zahlreiche weitere Musiker aus dem Ayreon-Umfeld, die u.a. zuletzt zusammen am Album des Lucassen/van Giersbergen-Projekts The Gentle Storm bzw. dessen gelungener Liveumsetzung (z.B. auf dem Wacken Open Air) mitgewirkt haben.

Dies gilt auch für den nicht auf der Bühne stehenden musikalischen Direktor des Unterfangens Joost van den Broek, welcher auf "The Diary" das Klavier beigesteuert hatte.
Auch Arjen Lucassen, welcher sich in der Livesituation bekanntermaßen weniger wohl fühlt als im Studio, begnügt sich abgesehen von einem Cameo am Ende mit der Rolle hinter den Kulissen.

Die Originalsänger von "The Human Equation" stehen allerdings fast alle auf der Bühne und liefern allesamt eine fantastische Performance ab. James LaBrie ist als Protagonist Dreh- und Angelpunkt des gesamten Geschehens, und es tut mir für ihn tatsächlich etwas weh, dass er dieses Jahr so oft für die im Vergleich bei aller teurer Showtechnik doch eher blutleere "The Astonishing"-Show von Dream Theater raus muss, nachdem er Teil dieser wesentlich spannenderen Konzeptalbums-Aufführung war.

Die weiteren original besetzten Rollen sind die Ehefrau (Marcela Bovio, auch live bei The Gentle Storm dabei), Eric Clayton als Verstand, Heather Findlay als Liebe, Devon Graves als Qual, Magnus Ekwall als Stolz und Irene Jansen (Verwechslungsgefahr mit ihrer Schwester Floor Jansen von Nightwish nicht ausgeschlossen) als Leidenschaft.

Nur drei Charaktere wurden neu besetzt:

Arjen Lucassen delegiert seine eigene Gesangsrolle als bester Freund an Jermain van der Bogt (aka Wudstik), mit dem er schon auf "01011001" zusammengearbeitet hatte. Das in Holland als Hansdampf in allen musikalischen Gassen zwischen Hip Hop und Progrock tätige Sangeswunder stellt das Original ganz klar in den Schatten. Und das ist keineswegs despektierlich gegenüber Lucassen gemeint. Insbesondere die Duette mit Marcela Bovio sind reines Gold.

Devin Townsends Rolle als Zorn hat deutlich mehr Einsätze als in der Studioversion und fusioniert außerdem mit dem Vater. Gesungen wird sie von Mike Mills, der auf dem letzten Ayreon-Album "The Theory Of Everything" bereits einen anderen Vater verkörperte.
Mills' Auftritt ist der wahnwitzigste und wohl auch spaßigste Teil der gesamten Show, vollkommen irre, der Typ.

Die dritte und ungewöhnlichste Neubesetzung betrifft die ursprünglich von Opeth-Mastermind Mikael Åkerfeldt verkörperte Furcht, welche von Anneke van Giersbergen naturgemäß ganz neu interpretiert wird. Von allen Änderungen mag dies für viele Fans wohl die gewöhnungsbedürftigste sein. Ich hatte damit allerdings keine Probleme, schon weil Anneke van Giersbergen für mich ja grundsätzlich eine Bereicherung für jede musikalische Darbietung darstellt.

Åkerfeldts gelegentliche Grunts sind trotzdem nach wie vor vertreten und scheinen aus den Reihen des Chores zu stammen.

Eindeutig erkennbar ist dies leider nicht, womit ich beim größten Kritikpunkt dieser Veröffentlichung bin: Die Bildauswahl und Kameraführung wird dem Niveau der Aufführung leider nicht gerecht, sondern erweist sich leider als sowohl von der Handlung, dem Bühnengeschehen, als auch den Lichtverhältnissen überfordert. Fernsehausstrahlungstauglich ist dieses Bild leider nicht - dabei hätte das Konzert es so sehr verdient.
Arjen Lucassen selbst gibt auf facebook ganz offen zu, dass ihn die Leistung des Filmteams alles andere als begeistert hat und es eine ziemliche Qual war, aus dem Material etwas brauchbares herauszuholen.
Das hat er letztendlich auch ganz gut hinbekommen, denn es ist am Ende auch nicht so, dass einem der Genuss der DVD verdorben wird. Es fehlen aber einfach Schwenks, Close-Ups und dramatisch sinnvollen Schnitte, sowie die höhere Bildqualität, nach denen die Show schreit.

Der Ton allerdings (Stereo oder 5.1) ist zum Glück einwandfrei. Und für alle, die mit dem Album nicht vertraut sind gibt es sehr hilfreiche Untertitel - sogar in verschiedenen Sprachen -, mit deren Hilfe stets ganz genau nachvollziehbar ist, wer da gerade was singt.


Doch zurück zum Wesentlichen:

Obwohl die Band mit Zwei-Gitarren-Rockbesetzung, mehreren Keyboards, Geige, Cello, Flöte und Holzbläsern schon recht breit aufgestellt ist, kann sie natürlich nicht alle Nuancen des Albums hundertprozentig reproduzieren.  Die Energie der Liveaufführung gleicht dies jedoch locker aus, so dass es tatsächlich kein Detail gibt, welches ich ernsthaft vermisse.

Anderseits gibt es einige zusätzliche Arrangements. So wird z.B. "Day Four: Mystery" durch einen langen A Capella-Teil des Chors erweitert. Zwischen den Songs tauchen einige Reprises auf, welche die Handlung noch etwas verdichten und entweder ebenfalls vom Chor getragen werden ("Reprise Pain 2")  oder Bruchstücke vorangegangener Songs mit veränderten Sängern und/oder Texten wieder aufgreifen.

Sowohl hier als auch für einige angepasste Textzeilen in den regulären Songs tauchen auch ein paar auf dem Album nicht enthaltene Nebenrollen auf, welche sich aus dem Chor rekrutieren: der Arzt, die Krankenschwester und die Mutter.

All diese kleinen Anpassungen sind sinnvoll und auf jeden Fall eine Bereicherung für die Umsetzung.

Es wird zwar durchaus geschauspielert (sogar inklusive einiger neuer gesprochener Sätze), doch natürlich ist "The Theater Equation" definitiv kein Theaterstück, sondern ganz klar eine Rock-Oper mit Betonung auf Rock bzw. Metal. Und natürlich den gleichwertig eingebetteten Musical-Elementen. Es tut jedoch niemand hier so, als wolle man sich um einen Tony Award bewerben. Nein, alle Konzentration ist darauf gerichtet, ein meisterhaftes Konzeptalbum angemessen auf die Bühne zu bringen.

Und das gelingt beeindruckend. Genau wie das zugrunde liegende Album findet "The Theater Equation" immer das richtige Gleichgewicht zwischen all seinen Bestandteilen. Vor allem aber reiht sich ohne Durchhänger ein Höhepunkt an den nächsten. Ja, ich bin hochoffiziell neidisch auf alle Fans, die diese Show live erleben durften.

Trotz der filmischen Mängel ist dies bisher für mich die Liveaufzeichnung des Jahres.
Da ich aber generell Musik-DVDs nicht allzu häufig einschiebe, sind die Audio-CDs hier aus meiner Sicht ohnehin das Hauptmedium.

Und ähnlich wie bei "Operation Mindcrime" oder "Scenes From A Memory" habe ich auch hier das Gefühl, dass sich die Liveversion in meiner Rotation langfristig sogar gegen das Studiowerk durchsetzen könnte.

Fabelhaft!




Anspieltipps: Von vorne und ganz! Ist schließlich "The Human f***ing Equation"!


2013-11-08

DREAM THEATER - Live at Luna Park (6 Disc Deluxe Edition)

Etwas merkwürdiges Timing ist es schon, wenn einen Monat nach dem neuesten Album das Livevideo zur Tour zum zwei Jahre vorher erschienen Vorgängeralbum herauskommt.
Aber es ist halt wie es ist, ungeplante Verzögerungen bei Livealben sind ja nichts neues in der Musikwelt...

Hier ist es also, das multimediale Zeugnis der "Dramatic Tour Of Events":




DREAM THEATER - Live At Luna Park (Blu Ray/2DVD/3CD Deluxe Edition) (2013)

"Live at Luna Park" wurde gegen Ende einer langen Welttournee an zwei Abenden in Buenos Aires aufgezeichnet. Es ist das Material eines kompletten Konzertes zu sehen, sowie sechs der nur an einem der beiden Abenden gespielte Songs als Bonustracks. Da die Band während dieser Tour ja zum größten Teil bei jedem Auftritt die selben Lieder gespielt hat, ist diese Blu Ray mit 26 von insgesamt knapp 40 auf der Tour gespielten Stücken schon sehr repräsentativ.

Ich persönlich vermisse eigentlich nur "The Count Of Tuscany". Überhaupt hat es auch nach diesem Video noch kein Song von "Black Clouds & Silver Linings" auf eine offizielle Liveaufnahme geschafft, was wohl auch noch etwas damit zu tun hat, dass es sich dabei um das letzte Album mit Mike Portnoy handelt...

Dennoch ist die Setlist gelungen, und gerade zu diesem Zeitpunkt ist die Band natürlich phänomenal aufeinander abgestimmt. Das Zusammenspiel ist fantastisch, und die Bandchemie ganz offensichtlich ebenso.
Besonders hervorheben möchte in dieser Supermusikertruppe James LaBrie, dessen Gesang anscheinend einfach immer besser wird.
Und natürlich hat Drummer Mike Mangini sein Solo, bei dem er u.a. mal wieder zeigt, welches unfassbare Wirbeltempo  mit einer einzigen Hand möglich ist. Und allein sein monströses Kit ist eigentlich schon für sich eine Show. Auf der Fläche kann man in einem Club auch locker eine komplette Band unterbringen.

Das einzige, was mich an der Performance ein wenig stört, ist, dass mit John Petrucci nur ein Backgroundsänger vorhanden ist, so dass ein paar Gesänge als Konserve hinzugesteuert werden. Bei einigen Gruppen finde ich das ja normal, aber bei einer Band, die dermaßen davon lebt, eben alles tatsächlich live spielen zu können wie Dream Theater, da ist es irgendwie schon ein bisschen seltsam.

Die Filmaufnahmen sind tadellos. Die am Drumkit fest installierten Kameras fallen qualitativ zwar ein wenig gegeüber dem Rest ab, aber es wird ja auch seinen Grund haben, dass das nur ganz kleine Kästchen sind. Von daher geschenkt.
Der Sound ist im Großen und Ganzen ok, aber mit ein paar Abzügen in der B-Note. So ist die Gitarre gegenüber den Keyboards ziemlich dominant, das Publikum könnte während der Songs etwas lauter sein und ab und zu in ruhigen Passagen klingt das Gesangsmikro etwas hohl. Aber das ist halt live und nichts, was mir den Genuss verderben würde. Live halt.

Neben dem Konzert und den erwähnten Bonustracks gibt es noch ein bisschen Backstage-Dokumentation, den vor dem Konzert abgespielten Zeichentrick-Introfilm und exklusiv auf Blu Ray den Song "Outcry" mit freier Kamerawahl, wobei schön deutlich wird, was jeder Kameramann so für Fahrten zu absolvieren hat.


Wie heutzutage bei solchen Veröffentlichungen normal, gibt es von "Live at Luna Park" eine Fantastilliarde verschieden Versionen.

Ich habe mir das großformatige Fotobuch mit einer Blu Ray, 2 DVDs und 3 CDs besorgt, in erster Linie wegen der Audioaufnahmen, die man einfach häufiger nutzen kann als ein Video. Wie bei vielen solcher Packages im Filmbereich finde ich die DVDs eigentlich überflüssig, aber sie waren nunmal mit dabei.
Nachdem ich diese Edition vorbestellt hatte, kam zwar auch noch eine Variante nur mit Blu Ray und CDs heraus, die war jedoch teurer als diese, also habe ich's natürlich dabei belassen.


Das Fotobuch ist an sich eine schicke Sache, auch wenn ich nicht der Typ bin, der noch hysterisch ausflippt, wenn er Live- und Backstagefotos (plus einiger Grafiken der Bühnenshow und anderem Zeug) seiner Rockhelden sieht. Aber das Cover ist als Blickfänger schon nicht übel.

Schade nur, dass der Zustand nicht so ganz 1a ist. Die Halterungen für die Discs hinterlassen nämlich Abdrücke durch fast das gesamte Buch, der Postversand hat ein paar Ecken eingeknickt, und vor allem hat man es für den deutschen Markt wieder einmal geschafft, das Produkt zwar schön einzuschweißen, aber den kack FSK-Aufkleber trotzdem direkt aufs Cover zu kleben, von dem er selbstverständlich nicht rückstandsfrei entfernbar ist.

Das alles ist zum Glück nicht so schlimm, dass es einen sofort anspringt, somit für mich im Toleranzbereich und noch kein Reklamationsgrund - zumal das Buch für mich ja auch nicht der Kaufgrund war. Schade ist es trotzdem, da dies alles Dinge sind, die mit etwas Nachdenken und einen Millimeter mehr Mühe beim Verpacken zu vermeiden gewesen wären.

Aber was am Ende zählt, ist ja der Inhalt. Und der ist - wie man so sagt - leider geil.

Ein tolles Livevideo, welches mich in meinem Entschluss, mir Dream Theater nächstes Jahr nicht anzuschauen (nicht nochmal in dieser blöden Sporthalle in Hannover!) durchaus ein bisschen ins Wanken bringt.



Anspieltipps: Lost Not Forgotten, Metropolis Pt. 1, Outcry, The Silent Man, Drum Solo, The Spirit Carries On

2013-10-11

DREAM THEATER - Dream Theater

Klar, nach 4 x Mike Portnoy (The Winery Dogs Album und live, Neal Morse und PSMS) sowie der aktuellen Soloscheibe von James LaBrie muss in meinem Rezensionsreigen jetzt natürlich der selbstbetitelte Kreativauswurf von James' Haupt- und Mikes Ex-Band folgen:



DREAM THEATER - Dream Theater (Deluxe Edition) (2013)

Nein, die Herren Petrucci, Rudess, Myung, Mangini und LaBrie haben es mir diesmal nicht leicht gemacht.

Zunächst einmal ist da der Verzicht auf einen Albumtitel, der angesichts der wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit anhaltenden "Where is MP?"-Heulerei natürlich auch als psychologisches Muskelspiel gesehen werden muss: Jetzt, nach elf Studioalben machen wir ohne den Ex unser ultimatives Album, welches keine weitere Erklärung braucht.
Das finde ich schon ballsy und nachvollziehbar, aber die dadurch generierte Erwartungshaltung kann bei einem derart mächtigen Backkatalog zunächst einmal nur enttäuscht werden.
So geschah es dann auch bei den beiden vorab veröffentlichten Stücken "The Enemy Inside" (geil, aber sooo geil wie erhofft?) und "Along For The Ride" (ach, schon wieder so eine Petrucci-Ballade).

Dazu ein Cover, das mich in der Vorschau irgendwie an eine Anzeige für Autos höherer Preisklasse erinnerte.

Als ich das Ding dann allerdings real in den Fingern hielt, wirkte das Artwork zum Glück u.a. durch den Prägedruck doch wie ein edles, minimalistisches Albumcover. Im All mit der Erde im Hintergrund befinden wir uns quasi eine Stufe höher als auf dem Titelbild des Vorgängeralbums "A Dramatic Turn Of Events". Ob diese Beobachtung wohl auf die Musik übertragbar ist?
So reduziert das Cover, so detailreich präsentiert sich das Innenartwork, welches in einigen Bildern sehr deutlich das Kino-Motiv behandelt, welchem der Bandname ja bekanntlich zugrunde liegt. Optisch gewinnt die Selbstbetitelung des Albums so schon sehr an Sinn. Wie sieht es hier musikalisch aus?


Bevor ich diese Fragen für mich beantworten konnte, hat es ein paar zunächst skeptische Durchläufe gebraucht, um mich auf "Dream Theater" überhaupt erstmal zu orientieren.
Inzwischen - soviel sei schon verraten - gefällt mir das gesamte Werk von vorne bis hinten. Und es wächst und wächst weiter bei jedem Hören.

Tatsächlich knüpft die Scheibe so ziemlich in jeder Beziehung an den Vorgänger an, setzt aber durchaus noch einige Sahnetupfer obendrauf.
So ist der stilistische Mix ähnlich ausgewogen angelegt, fühlt sich aber noch etwas flüssiger an. Die Emphase liegt dabei auf den Melodien, auf John Petruccis Leadgitarre, Jordan Ruddess' Klavier- und Orchestersounds, James LaBries Stimme.
Die Frickelei wird dabei nicht vernachlässigt, ordnet sich aber stets dem Song unter. Auf den Alben von "Six Degrees Of Inner Turbulence" bis "Black Clouds & Silver Linings" gab es ja  doch immer wieder diese aneinandergerifften Achterbahn-Angeberpassagen in den Longtracks, die mir bei aller Bewunderung oft ein wenig beliebig und unwesentlich für den Song vorkamen.
Hier dienen sie hingegen meistens als Grundlage für Soli und fügen sich perfekt in die Stücke ein.

Ebenfalls perfekt in den Gesamtsound eingefügt hat sich erneut Mike Mangini. Für manche Hörer vielleicht zu perfekt, da sich viele technische Feinheiten und Hexereien seines Spiels erst nach mehrmaligem Hören eröffnen und man sich zunächst fragt, wo der große Wahnsinn, der uns beim ersten Album, an dem er auch mitkomponiert hat, in Interviews versprochen wurde, denn bleibt.
Portnoys Stil (zumindest bei Dream Theater) war ja immer sehr dominant, hat die Band aber auch oft ein wenig in ein Korsett geschnürt.

Mangini hingegen drängt sich dem Hörer trotz Vorsprung in Technik und Tempo weniger auf, weil er dabei einfach noch mehr mit dem restlichen Instrumentarium verschmilzt. Die Rhythmussektion aus Drums und Bass ist in dieser Phase der Bandgeschichte so gleichberechtigt wie nie zuvor. John Myung ist auf "Dream Theater" wieder hervorragend produziert und hat zahlreiche Spotlights. Keine "Metropolis"-Soli, aber viel rhythmisches und röhrendes Powerplay mit überraschend mächtigem Wumms, welches einige der auffälligsten Momente des Albums markiert.


"Dream Theater" beginnt gleich sehr bombastisch und breitwandig mit der instrumentalen "False Awakening Suite", welche es trotz drei Teilen tatsächlich nur auf unter drei Minuten Spielzeit bringt. Sie ist allerdings auch nicht nur als Albumauftakt, sondern ebenso als Aufmarschmusik für zukünftige Touren konzipiert. Und acht Minuten Konserve, bevor die Band endlich auf die Bühne kommt, würde natürlich schon an Fan-Quälerei grenzen.

Die nachfolgenden sieben Tracks sind ebenfalls allesamt mit 4:45 bis 6:52 Minuten für DT-Verhältnisse relativ kurz gehalten, und es steht ihnen ausgesprochen gut, da so wirklich keine Längen auftreten.
Mit dem vierten Stück "Enigma Machine" ist ein weiteres Instrumentalstück vertreten. Schön, dass diese alte Tradition wieder aufgegriffen wurde, denn diese Maschine hört sich sehr frisch an und gefällt mir außerordentlich gut.
Nach drei weiteren sehr epischen, sich zu immer höhrer Klasse steigernden Stücken folgt die von mir eingangs leicht gescholtene Ballade "Along For The Ride", die ich im Zusammenhang nun schätzen gelernt habe. Außerdem ist das von der Soundauswahl mutig herausstechende Keyboardsolo ein ganz wunderbarer Farbtupfer.

Der größte Auftritt von Jordan Rudess folgt allerdings erst im letzten Song, der über zwanzigminütigen "Illumination Theory". Mittendrin schrumpft dieser Progmetalkracher nämlich plötzlich zusammen und erhebt sich minutenlang als lupenreiner, ergreifender Filmscore aus Keyboards und Streicherensemble. Also wirklich original als säße man gerade in einem Blockbuster! Und was danach erst passiert, wenn die ganze Band zurückkehr, vor allem der Gesang... wow!
Der Song endet ungewöhnlich mit einer sehr langen Pause, nach der ein klaviergetragenes Thema einsetzt, welches auch gut auf das diesjährige Solowerk von Steven Wilson gepasst hätte.
Auf den meisten anderen Tonträgern hätte ich dies wohl als "Hidden Track" gewertet, doch hier gehört es für mich als Abspann und Einrahmung des Albums unbedingt dazu.


Eine beeindruckende Demonstration von allem was Dream Theater songwriterisch und technisch draufhaben ist vorbei und man kann nur mit den Klischeeworten "ganz großes Kino" schließen.
Es ist allerdings keine hintersinnfreie Actionschlacht, sondern muss sich vom Hörer evtl. schon ein wenig erarbeitet werden. Und das lohnt sich!


Die Deluxe Edition enthält das ganze Album noch einmal auf DVD im 5.1-Surround-Mix, falls Stereo einen mal langweilen sollte. Auch sehr schön!

Und weitere Extras...  hrrmmppff....  ich möchte mich ja nicht noch einmal so über Online-Bonuscontent echauffieren, wie es im Review zum letzten Studioalbum von Iron Maiden getan habe.
Wer weiß, welche große Rolle das Handy (Smartphone? Was ist das?) in meinem Leben spielt, der mag vielleicht ahnen, wie brutal gleichgültig meine Schulter zuckt, wenn ich genötigt werde, in einem CD-Booklet folgendes zu lesen: "Scan the Code with Your SmartPhone and Register to Unlock Exclusive Bonus Content."

Ach nö, mir reicht die Musik.



Anspieltipps: Illumination Theory, Enigma Machine, Surrender To Reason, The Enemy Inside

2013-08-21

JAMES LABRIE - Impermanent Resonance

Bald kommt die neue Dream Theater, da ist es doch an der Zeit vorher zum Aufwärmen noch ein paar Scheiben  aus dem DT-Dunstkreis durchzureviewen.

Den Anfang macht Frontmann James LaBrie, der Ende Juli mal wieder ein ganz schönes Brett Musik auf die Welt losgelassen hat:


JAMES LABRIE - Impermanent Resonance (Limited Edition) (2013)

Beim Soloprojekt eines Sängers ist der Vergleich mit dem Hauptbrötchengeber natürlich unvermeidlich.

Dabei präsentiert sich hier mit weitgehender personeller Konstanz über nun drei Alben und dem festen Songwriting-Duo Matt Guillory / James LaBrie eigentlich eher eine "richtige" Band. Auch die Tatsache, dass sowohl der Keyboarder als auch der mit seinen Death Metal-Grunts das Album sogar eröffnende Drummer Peter Wildoer gesanglich sehr prominent vertreten sind, bestärken den Eindruck, dass es hier nicht darum geht einen Solo-Star zu präsentieren. Auch wenn man sagen muss, dass Herr LaBrie sein gesangliches Potential hier noch etwas mehr nutzt als bei Dream Theater, zumindest durchschnittlich betrachtet.

Aber da sind wir auch schon beim Vergleich: JL ist eine Ecke härter als DT, gleichzeitig aber auch hooklastiger und teilweise sogar poppiger. Das instrumentale Niveau ist natürlich ebenfalls sehr hoch, es gibt allerdings keine epischen Frickelausflüge, sondern knackig direkte Vier-Minuten-Stücke.
Der Gesangsmeldodien wirken ein bisschen frischer als oft bei DT, wo Stimme und Texte im Kompostionsprozess wahrscheinlich erst später eine Rolle spielen.

Ich kann - ohne den Standpunkt zwangsweise teilen zu müssen - schon durchaus nachvollziehen, warum viele Metalfans James LaBrie mittlerweile seiner Hauptband vorziehen.
Der stilistische Unterschied ist  aber eigentlich groß genug, um den direkten Vergleich müßig zu machen.

Die vielzitierte Formel "Göteborg Metal trifft Prog" passt im Großen und Ganzen schon ziemlich gut.
Eigentlich gehören jene Bands, die auf ähnliche Weise modernen Hochglanzrefrainpopmetal mit Death/Thrash-Wurzeln spielen, ja nicht zu meinen Favoriten. Ich wundere mich da eher, dass die Leute darauf sooo abfahren.

Ob der Sänger den Unterschied macht? Nein, nicht nur. Auch die Arrangements sind einwandfrei und das Keyboardkitsch-o-Meter schlägt nicht oft und nie zu stark aus.

Ein paar schwächere Momente kommen über die zwölf (Special edition: vierzehn) Songs zwar schon vor und die ganz großen Momente für die Ewigkeit, von denen fast jedes Dream Theater mindestens einen bereithält, gibt es auch nicht zu hören. Insgesamt ist "Impermanent Resonance" dennoch ein straightforward abrockendes und doch detailverliebtes, Laune machendes Werk, welches sich gleich mit vielen Würmern in meinem Ohr festgesetzt hat.

Gutes Album!

Anspieltipps: I Will Not Break, Agony, Letting Go, Back On The Ground

2012-02-07

DREAM THEATER live in der AWD Hall, Hannover (05.02.2012)

Lange nichts mehr geschrieben hier, dabei wollte ich doch noch meine Tonträger des Vorjahres abschließen. Kommt aber auch bald. Bestimmt! ;)

Als aktuellen Anlass für einen Eintrag gibt's aber nun das vorgestrige Konzert von Dream Theater in Hannover.

Zum Glück braucht man über Konzerte der Progmetal-Giganten ja nicht viel schreiben. Man erwartet, dass auf allerhöchstem Niveau abgeliefert wird, und das passiert dann auch.
Da kann man dann auch nur auf hohem Niveau meckern. Zum Beispiel darüber, dass der Preis wie immer ganz schön happig war, und darüber, dass es in Hamburg doch auch ganz schön - und nicht so weit zu fahren - gewesen wäre.
Die Vorband Periphery war stilistisch mit ihrem modernen Vier-Gitarren-Brüll/Sing/Hüpf/Riff-Progmetal etwas deplaziert, machte ihre Sache aber eigentlich schon ganz gut. Eine Gruppe größeren Kalibers hätte sicherlich auch länger gespielt und den Dream Theater-Auftritt nach hinten verschoben.

Aber zurück zum Meckern: Es wurde gerade mal "nur" zwei Stunden gespielt und es gab weder Songs von "Falling Into Infinity", noch von "Octavarium", "A Change Of Seasons" oder "Black Clouds & Silver Linings" zu hören!

Anderseits war die Songauswahl natürlich trotzdem super, wobei der Schwerpunkt natürlich ganz deutlich auf dem aktuellen Album "A Dramatic Turn Of Events" lag, von dem deutlich über die Hälfte live dargeboten wurde. Und Stücke wie "Breaking All Illusions", der Opener "Bridges In The Sky", "Outcry" oder das "Pull Me Under"-Surrogat "On The Backs Of Angels" haben nicht die geringste Mühe, sich neben den Klassikern zu behaupten.
Letztendlich genießen die New Yorker ja ohnehin die Lage, aus einem riesigen Repertoire schöpfen zu können, in dem jeder Fan seine ganz eigenen Lieblinge hat, ohne dass es die großen kommerziellen Single-Hits gibt, die auf Gedeih und Verderb gespielt werden müssen.

Unverzichtbar ist momentan wohl nur das Drumsolo, mit dem sich "der Neue" Mike Mangini den Fans vorstellte. Der Mann ist wirklich der Dschinn, als der er im Zeichentrickfilm am Anfang der Show vorgestellt wurde... Überhaupt muss ich sagen, dass mir die Lightshow und das Stagedesign mit den drei Lichtwürfeln, auf die Nahaufnahmen der Musiker und diverse Filme und Effekte projeziert wurden, sehr gut gefallen haben.

Den guten Mike Portnoy habe ich musikalisch nicht vermisst, dafür ist sein Nachfolger einfach zu gut. Einzig beim Gesang fehlt es manchmal an einer dritten Live-Stimme neben James LaBrie und John Petrucci.

Wie immer ist das aber Detailkritik, die den fabelhaften Gesamtauftritt der Band nicht schmälern soll. Dream Theater sind einfach eine eigene Liga, die einen stundenlang  mit offenem Mund dastehen und freudig staunen lässt. Und wenn's mal ganz gefühlvoll wie im Gitarrensolo der Hymne "The Spirit Carries On" wurde, gesellte sich auch noch eine Gänsehaut dazu...  Wenn man die nicht ohnehin schon hatte, weil man den Pullover in der Garderobe abgegeben und sich trotz der eisigen Außentemperaturen nur im T-Shirt in die Halle begeben hatte. Gruß an Sönke an dieser Stelle! ;-)

Dream Theater im Sommer wäre überhaupt auch mal nicht schlecht. Wacken anyone?

Setlist:
  • Bridges In The Sky
  • 6:00
  • Build Me Up, Break Me Down
  • Surrounded
  • The Dark Eternal Night
  • Drum Solo
  • A Fortune In Lies
  • Outcry
  • Wait For Sleep
  • Far From Heaven
  • On The Backs Of Angels
  • War Inside My Head
  • The Test That Stumped Them All
  • The Spirit Carries On
  • Breaking All Illusions
  • As I Am

2011-09-15

DREAM THEATER - A Dramatic Turn Of Events

Nach der Rückkehrscheibe von Morbid Angel bespreche ich hier nun ein weiteres gespannt erwartetes Album, auf dem ein vorher für viele Fans als unersetzlich geltender Schlagzeuger nicht mehr mit von der Partie ist.

Hier handelt es sich jedoch im Gegensatz zu den Death-Metallern nicht um eine gesundheitsbedingte Langzeitpause, sondern um einen freiwilligen (und dann zu spät doch wieder bereuten) Ausstieg, da dem Rest der Band nicht nach einer mehrjährigen Kreativ-/Midlife-Crisis-Pause war.

Ich habe ja dummerweise in meinem letzten Transatlatic-Review angedroht, an dieser Stelle noch meinen Senf zu dem ganzen Portnoy/Dream Theater-Hickhack zu geben, aber eigentlich möchte ich doch lieber über die neue Musik schreiben. Also möglichst über die Musik von beiden Seiten...

Was die Musik angeht, war ich nämlich schon unmittelbar nach der Überraschung über die Trennung guter Hoffnung. Denn zum einen sollte Mike Portnoy ja nun mehr Luft für neue Glanztaten mit Transatlantic haben (aber mal sehen, der Mann macht ja momentan neben dem Testosterone...äh sorry... Adrenaline Mob jeden Monat eine neue Projektbaustelle auf), und zum anderen war einer meiner Kritikpunkte am letzten Album "Black Clouds & Silver Linings" ja, dass darauf teilweise etwas zu viel Mike Portnoy stattfand. Stattdessen hätte ich mir eher mehr kreative Anteile von Sänger James LaBrie und einen auch im Mix prominenteren Bass von John Myung gewünscht.

Dafür war der Weg ja nun frei. Und da so eine Zäsur erfahrungsgemäß idealerweise zu einem neuem Wir-Gefühl führt, standen die Chancen für das frischeste Dream Theater-Werk seit vielen Jahren eigentlich sehr gut.

Und ich muss zu meiner Freude feststellen, dass diese Chancen in jeder Beziehung genutzt wurden!


DREAM THEATER - A Dramatic Turn Of Events (2011)

Um das Fazit gleich vorweg zu nehmen: So richtig scheiße ist an diesem Album eigentlich nur, dass man in der Zeit, in der es läuft, nicht auch die zeitgleich erschienene Scheibe von Arch / Matheos (Review demnächst!) hören kann.

Ansonsten haben wir es hier mit einem großartigen Dream Theater-Album ohne Ausfälle zu tun, welches den goldenen Mittelweg zwischen der Progrock- ("Falling Into Infinity", "Octavarium") und der Metal-Seite ("Train Of Thought", "Systematic Chaos") der Band auf so ausbalancierte und fließende Weise findet, dass es sich in seiner Perfektion direkt neben den ganz großen All-Time-Klassikern "Scenes From A Memory" (1999) und "Images And Words" (1992) einreiht. Und auch unter jenen, die mit all diesen Albumtiteln noch nichts anfangen können, dürften die New Yorker sicher wieder neue Hörer gewinnen.

Die Mannschaft in der Einzelkritik:
  • James LaBrie hat mich in der Vergangenheit zwar auf keinem Studioalbum enttäuscht, dennoch merkt man ihm deutlich an, dass er nach langer Zeit endlich mal wieder hundertprozentig so singen durfte, wie er es für richtig hält, ohne sich dabei der Laune der Woche eines Bandchefs unterzuordnen. Und ob bei den zahlreichen großen Hooks, den gefühlvollen Stücken wie "Far From Heaven" oder den seltenen, aber dafür umso effektiveren aggressiven Momenten ("Build me Up, Break me Down") - das Ergebnis ist brilliant. Für viele Portnoy-Kritiker sicherlich auch wichtig: LaBrie singt alleine!

  • John Petrucci gibt sich sehr songdienlich und hat sich beim Drahtsaitenakt zwischen Vorsprung durch Technik und dem Spiel mit Seele ganz deutlich zu letzterem bekannt. Nach vielen großenteils rifforientierten Werken spielt er hier sein Gespür für Melodien und Harmonien mal wieder auf kompletter Albumlänge (= 77 Minuten) voll aus. Und was für ein Solo in "Breaking All Illusions"!

  • Jordan Ruddess zeigt sich freier und vielfältiger denn je. Die Zeiten, in denen er im Unisonospiel mit der Gitarre oftmals etwas unterging, sind definitiv vorbei. Auf "A Dramatic Turn Of Events" spielt er durchgehend eine prominente, aber stets songdienliche Rolle. Neben vielen mehr als zuvor an Kevin Moore erinnernden Flächensounds ist es vor allem das sehr geschmackvolle Piano, welches sich sowohl passagenweise in den epischeren Songs als auch tragend in den Balladen wie ein roter Faden durch das Album zieht und es in meinen Ohren sogar zusammenhält.
    Daneben bleibt er aber der Klanghexer, der mit Trip-Hop-Beats, blockbusterreifen Düsterchorsounds oder auch mal einem verspielten Analogsolo ("Beneath The Surface") immer wieder für überraschende Farbtupfer sorgt.
     
  • John Myung - ist zu hören! Wirklich! Auf dem kompletten Album! Und wie aus Dankbarkeit darüber, im Mix nicht wie so oft in schlechtester Metallica-Tradition von Drums und Gitarre untergebuttert zu werden, bringt sich der Ausnahmebassist nach sehr langer Zeit auch wieder songwriterisch stärker ein. Zum Glück, denn Myung-Songs haben unter Fans nicht umsonst einen ganz besonderen Nimbus.

  • Mike Mangini - der neue Mike. Mit seinem enthusiastischen und sympathischen Auftreten beim Superdrummercasting, welches als DVD-Doku "The Spirit Carries On" der CD beiliegt, aber auch schon vorher im Internet veröffentlicht wurde, konnte der ehemalige Extreme- / Steve Vai- / Annihilator- / und auch James LaBrie-Drummer nicht nur die Band, sondern auch mich als Fan voll überzeugen. Der Mann ist einfach ein Tier hinter dem Kit! Ich kann's gar nicht erwarten, ihn mir auf der Tour nächstes Jahr live anzusehen.

    Auf dem Album fällt er beim ersten Durchlauf gar nicht besonders auf, oder besser gesagt: Es fällt nicht im geringsten negativ auf, dass Mike Portnoy fehlt!
    Ein paar stilistische Unterschiede sind beim genaueren Hinhören aber schon auszumachen. So scheint Mangini sowohl in den straighteren als auch in den total abgefahrenen Frickeltherapieparts noch um Nuancen dichter am restlichen Instrumentarium dran zu sitzen, was zum Teil sicher an seinem extrem notenbewussten Beckenspiel liegen mag. Und ich wage sogar zu behaupten, dass er inspirierter klingt als sein bei aller Genialität doch oft voraussehbarer Vorgänger. Kurzum: Einen besseren Nachfolger hätte es für diese großen Fußstapfen wohl nicht geben können. Ausnahmedrummer ersetzt Ausnahmedrummer.

    Wenn man bedenkt, dass die Band diesmal ganz bewusst zu viert komponiert hat, Mike Mangini also im Songwriting noch gar nicht beteiligt gewesen ist, kann man jetzt schon gespannt sein, was er beim nächsten Album als vollwertiges Mitglied beizusteuern hat.

Doch zunächst einmal heißt es, sich am aktuellen Album die Ohren wund zu hören. An einem der ohrwurmhaltigsten und spielfreudigsten Alben der Dream Theater-Geschichte, bei dem auch endlich mein Ruf nach weniger Gefrickel um des Gefrickels Willens gehört wurde. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass auf vollkommen vom anderen Musikstern kommende Angeberkapriolen verzichtet wurde! Nur werden diese nicht mehr so austauschbar heruntergerifft wie teilweise auf den letzten Werken, sondern fügen sich allesamt wieder richtig schön ins große Ganze ein. Als kurze Formel könnte man sagen: Weniger Beliebigkeit, mehr Verstand. Weniger Routine, mehr Spielspaß.

Ebenso wie das Gefrickel bei Dream Theater manchmal leicht überdosiert ist der Kitsch. Auf diesem Album finden sie aber immer das richtige Maß, bzw. auch wenn es mal etwas kitschiger als nötig wird, gehören sie halt zu den wenigen Bands, die das dürfen, weil sie's können. Es gibt ja gerade im Metal viele Gruppen, die dadurch unhörbar werden...

Die Texte sind ok, es gab schon bessere, gab schon schlechtere. Mann sollte nur nicht in Interviews fragen, was sie bedeuten, das ist leider z.T. etwas ernüchternd. Aber zum Glück ist man als Nichtmuttersprachler in der Hinsicht ja nicht so sensibel.

Auf die Songs im Einzelnen möchte ich hier gar nicht weiter eingehen. Die sind nämlich alle klasse und könnten eigentlich jeder für sich als Anspieltipp genannt werden.

Nein, ich belasse es jetzt mal dabei, noch eine Lanze für das vielgescholtene Albumcover zu brechen; ich fand es in seiner in bester Prog-Tradition leicht naiven Verkopftheit von Anfang an geil! Und im Zusammenhang mit der aufwendigen restlichen Gestaltung, in der u.a. sich der Einradfahrer noch anderen Situationen stellt, muss ich sagen, dass "A Dramatic Turn Of Events" zusammen mit dem Vorgängeralbum und "Octavarium" auch optisch zu den Highlights der Band zu zählen ist.


Ganz ganz großes Kino mit Potential zum Album des Jahres!


Anspieltipps: Lost Not Forgotten, Breaking All Illusions, Bridges In The Sky, On The Backs Of Angels

2010-12-28

Tonträger 2010, Teil 6 : Die Großen Acht (THE BIG 4, HEAVEN & HELL)

Nach Teil 2 mit Transatlantic und Neal Morse ist dies nun die zweite Paarung in meinen Tonträgern 2010, die aus Konzertmitschnitten besteht. Und nach Teil 4 (Lis Er Stille) auch der zweite, der ein Weihnachtsgeschenk beinhaltet. :)

Beide Aufnahmen besitze ich als DVD, es gibt sie aber auch auf CD bzw. als DVD/CD-Box.

METALLICA, SLAYER, MEGADETH, ANTHRAX - Live From Sofia, Bulgaria (2010)

"Die großen Vier" des 80er-Jahre-Thrash Metal zum ersten Mal überhaupt zusammen auf einer Bühne. Da haben die Macher der Sonisphere-Festivals dieses Jahr schon mächtig auf den Putz gehauen. Keine andere Metal-Tour hat dieses Jahr wohl so sehr den Blätterwald und Internetdschungel beherrscht wie diese. Das Attribut "legendär", so überstrapaziert es einem auch oft vorkommen mag - hier trifft es unzweifelhaft zu.

Insgesamt bekommt man über fünf Stunden Musik auf die Ohren, zum größten Teil absolute Szene-Klassiker. Wer auch nur auf eine Band oder einen Teil des Schaffens aller Gruppen steht, kann hier schon gar nichts verkehrt machen. Dass diese Festivaltour zu den Karrierehöhepunkten aller Bands gehört, ist allen vier Auftritten anzumerken.

Die positivste Überraschung für mich persönlich sind Megadeth, da ich mit Dave Mustaine und Co. vorher eigentlich nie so richtig warm geworden bin. Aber mit diesem Auftritt haben sie sich direkt auf meine Wacken-Wunschliste katapultiert.

Anthrax sind zwar ebenfalls klasse, können da jedoch nicht ganz ranreichen. In diesem Jahrzehnt hat die Band abseits der Bühne ja vor allem durch ihr oberpeinliches Sänger-Vor-und-zurück-Getausche auf sich aufmerksam gemacht. Und tatsächlich ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass - mal allen 80er-Jahre-Kult beiseite - John Bush doch eine Spur mehr als Joey Belladonna drauf hat.
Der Anthrax-Auftritt enthält mit "Got The Time", "Antisocial" und dem als Tribute an Ronnie James Dio in "Indians" eingebauten "Heaven And Hell" übrigens drei der insgesamt vier Coversongs dieser Doppel-DVD.
Und auch an dem vierten Cover zu fortgeschrittener Stunde waren Anthrax beteiligt...

Slayer und Metallica bieten genau die Weltklasse, die man von ihnen erwartet, letztere natürlich ihrem kommerziellen Status gemäß über eine doppelt so lange Spielzeit wie die anderen Bands. Großartige Auftritte.

Als erste Zugabe beim Headliner gibt's dann noch den Moment fürs Familienalbum bzw. DVD-Backcover, als Musiker aller Bands zusammen Diamond Heads "Am I Evil?" zocken.

Bonusmaterial ist eine Backstagedokumentation, in der es zumindest gefühlt hauptsächlich ums Proben von "Am I Evil?" geht. Ansonsten fällt mir als Highlight eigentlich nur das unfassbare Kerry-King-Rückentattoo eines Fans ein.

Bemerkenswert finde ich den FSK-Aufkleber auf der Hülle.
In England sind beide DVDs wegen "strong language" ab 15 Jahren zu haben, für uns Nicht-Muttersprachler sind sie mit "FSK 0" eingestuft. Dennoch wurde vorne "FSK 12" draufgepappt. Ich suche immer noch nach dem schlimmen, nicht kindgerechten Detail im Booklet

Anspieltipps: zu viele potentielle, da kann ich mich nicht entscheiden ;)



Nun zu einer Band, die man ebenfalls als "The Big 4" bezeichnen könnte. Nicht umsonst stehen die Namen der Musiker - Tony Iommi, Geezer Butler, Vinny Appice und Ronnie James Dio - prominent direkt auf dem DVD-Cover:


HEAVEN & HELL - Neon Nights / Live At Wacken (2010)

Die "Night To Remember" auf dem Wacken Open Air 2009, war - das hat man schon live vor Ort gespürt - eine ganz besondere.

Viele Besucher ahnten gewiss, dass dies ihre letzte Gelegenheit sein könnte, diese vier Metal-Urväter in dieser Konstellation zusammen auf der Bühne zu sehen. Tatsächlich sollte es der letzte Konzertmitschnitt von Ronnie James Dio werden, bevor er an Magenkrebs erkrankte und diesem im Mai 2010 erlag.

Neben der Dokumentation eines hervorragenden Auftritts, der durch eine extralange Version des Black Sabbath-Übersongs "Heaven And Hell" (natürlich) gekrönt wird, ist "Neon Nights" also auch das finale Vermächtnis Dios. Und welcher Rahmen wäre dafür würdiger gewesen?

Der einzige kleine Makel, den ich an der DVD ausmachen kann, ist, dass ich an einigen Stellen gerne mehr vom mitsingenden Publikum hören würde. Ansonsten wurde das Konzert natürlich hervorragend aufgezeichnet. Und mehr braucht es auch nicht.
 Metal-Journalist Malcolm Dome schreibt im Booklet so einfach wie treffend: "It's a cliché, but it happends to be true in this case: we will never see their like again."

R.I.P., Ronnie!

Anspieltipps: Heaven And Hell, Children Of The Sea

2009-12-27

DREAM THEATER - Black Clouds & Silver Linings

- CD review -



DREAM THEATER - Black Clouds & Silver Linings (2009)

Mal abgesehen von der dazu passenden gelungenen Covergestaltung im "Awake"-Stil ist der Titel des neuesten Dream Theater-Albums doch etwas ungeschickt gewählt.
Auf deutsch übersetzt bedeutet "Black Clouds & Silver Linings" nämlich so viel wie "wechselhaftes Wetter". Wenn man das auf die Musik bezieht... ;)

Ok, eines ernsthaft gleich vorweg: wirkliche Graupel- oder Nieselwettersongs gibt's hier natürlich nicht zu hören. Dennoch komme ich nicht umhin, ein wenig Kritik auf hohem Niveau anzubringen, denn tatsächlich gibt's hier doch ein paar kleine Baustellen, an denen es vielleicht noch besser sein könnte, wenn Dream Theater ihren Veröffentlichungsrhythmus etwas verlangsamen und dafür noch mehr Mühe in die einzelnen Alben stecken würden.

Kaum zu beanstanden ist der viertelstündige mit Black-Metal-Elementen und sogar einem Blastbeat aufwartende Opener "A Nightmare To Remember", in dem John Petrucci das Kindheitstrauma eines schweren Autounfalls aufarbeitet. Ein bisschen weniger für den Song eher unerhebliche Instrumentalkapriolen hätten allerdings nicht geschadet. Aber auch so noch sehr stark.

"A Rite Of Passage" kommt etwas ausgewogener daher und ist ein echter DT-Metal-Kracher mit starker Hookline. Kann man problemlos zwischen den Klassikern der frühen Alben hören.

"Wither" hingegen hätte nicht sein müssen. Eine typische, leicht kitschige Petrucci-Ballade, wie es sie schon mehrmals gegeben hat, ohne wesentliche Neuerungen oder ein wirklich hängenbleibendes Gitarrensolo. Kann man hören, doch so richtig weiß ich nicht, was der Song soll. Am ehesten geht er noch als Ruhe vor dem Sturm durch, welcher danach mit "The Shattered Fortress" losbricht.

Als einzelner Track ist dieses Stück teilweise etwas wirr, handelt es sich hier doch um den mit vielen Zitaten geschmückten letzten Teil von Mike Portnoys gr0ßem autobiographischen Konzeptwerk über die zwölf Stufen des Alkoholentzugs, welcher auf "Six Degrees Of Inner Turbulence" begann und dann auf den nächsten vier Alben fortgeführt wurde.
Gut möglich, dass das ganze Ding irgendwann mal live gespielt und aufgezeichnet wird. Ich habe mir's schon einige Male als Playlist angehört. Mein Gesamteindruck: Es ergibt sich ein in sich schon sehr stimmiges über 55-minütiges Konzeptwerk, welches aber insgesamt durch den hohen Geriffe-Anteil und das vielleicht doch nicht ganz so ergiebige Thema etwas repetiv und eindimensional daherkommt. Dementsprechend gefällt mir der vierte Teil, das atmosphärische "Repentance" vom "Systematic Chaos"-Album als größte Abwechslung auch am besten.

Vom "Albumfinale im Album" zurück zum eigentlichen Album.
In "The Best Of Times" erinnert sich Mike Portnoy 13 Minuten lang sehr offen an seinen verstorbenen Vater. Für mich ist es in dieser Form schon fast eine Nummer zu privat und zu viel, ich weiß nicht, ob ich es wirklich so genau wissen möchte. Anderseits gibt es am Ende eines der großartigsten Gitarrensoli der Dream-Theater-Geschichte zu hören, was den Song im Zweifel eindeutig rettet.

Und selbst wenn alle bisher rezensierten Stücke Mist wären, die CD wäre dennoch jeden Cent wert, denn es folgt ja noch das knapp 20minütige "The Count Of Tuscany".
Und dieser Graf hat es in sich - Dream Theater at its absolutely best! Bei dem Song stimmt einfach alles. Dabei halten die Supermusiker ihre Finger zum Teil bemerkenswert still. Der pinkfloydeske Instrumetalpart in der Mitte und das abschließende Finale sind einfach ganz groß. Besser geht's nicht. Klassiker!

Dazu gibt es (in der Version die ich besitze) noch zwei Bonusdiscs.
Eine davon habe ich noch niemals gehört und werde sie vermutlich auch zukünftig niemals einlegen, denn sie enthält das komplette Album als Instrumentalmix. Wer zum Henker braucht so etwas denn? Ein Zugeständnis an die die James-LaBrie-Hasser-Fraktion? Was für ein Quatsch. Sein Gesang ist auf dem gesamten Album tadellos, davon möchte ich nichts missen.
Mike Portnoy hingegen hätte an einigen Stellen doch lieber die Klappe halten können...

An den meisten Stellen ist aber auch der Gesang des Schlagzeugers nicht zu beanstanden. Besonders gilt dies für die von ihm alleine eingesungen Backgroundgesänge des Queen-Medleys auf der anderen Bonusdisc, welche ausschließlich Coversongs enthält.
Trotzdem wären diese mit Beteilung des eigentlichen Sängers sicherlich noch besser geworden. Dafür beeindruckt LaBrie besonders mit seinem exzentrischen Leadgesang in "Lily Of The Valley". Sehr schön!
Die Coverversionen beinhalten neben Queen auch noch Stücke u.a. von Rainbow, King Crimson und Iron Maiden. Erwartungsgemäß setzen DT eher auf ihr äußerst solides Spiel (einen Song wie "Large Tongues In Aspic, Pt. 2" covert man natürlich in erster Linie, weil man's kann) als auf wirklich neue Interpretationen. Aber damit fahren sie gut. Mir gefällt die Bonusscheibe sehr, ich finde an ihr sogar weniger zu nörgeln als am eigentlichen Album.

Doch wie eingangs gesagt: alle Kritik bewegt sich hier wie immer bei Dream Theater auf sehr hohem Niveau. "Black Clouds & Silver Linings" ist zwar nicht mein persönliches Album des Jahres geworden wie seinerzeit "Scenes From A Memory", enthält aber ein paar echte Klassiker und mit "The Count Of Tuscany" sogar ein Klangmonument für die Ewigkeit.

Hmm... was will man eigentlich mehr? ;)