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2016-08-28

AGUSA - Katarsis

Wenn eine Band, die vor gerade mal zwei Jahren ihr Debütalbum veröffentlicht hat, mit einer Live-Scheibe um die Ecke kommt, ist eine gesunde Portion Skepsis sicherlich verständlich. Da muss die Band ja schon einen herausragenden Bünenruf haben (z.B. Blues Pills), es sich um bisher unveröffentlichtes Material handeln oder die Veröffentlichung einen ganz besonderen Konzertansatz verfolgen (Myrkur). Oder?

Hören wir mal, was bei den folkigen schwedischen Instrumental-Retroproggern Agusa der Fall ist!




AGUSA - Katarsis (purple vinyl) (2016)

Zunächst weiß ich ja aus der Erfahrung des Roadburn Festivals 2015, dass Agusa eine ausgezeichnete Liveband sind, und dass, obwohl sie an jenem Abend gar nicht komplett auf der Bühne standen.

Wie Motiv und Typographie des wieder einmal sehr gelungenen Coverartworks schon dezent andeuten, wurde "Katarsis" in Athen aufgenommen.
Der Mitschnitt aus einem Clubkonzert besteht nur aus zwei Songs, welche es zusammen allerdings auf immerhin knapp zweiunddreißeig Minuten Spielzeit bringen. Nach dem ähnlich strukturierten zweiten Album "Två" ist dies für Fans der Gruppe keine Überraschung.

"Två live" ist diese Aufnahme allerdings nicht. Stattdessen handelt es sich um sozusagen geupdatete Versionen von Songs des Debütalbums "Högtid".
Das beim Roadburn verhinderte Bandmitglied, Jenny Puertas an der Querflöte, war nämlich noch gar nicht fest im Line-Up, welches damals nur aus Gitarre, Bass, Drums und natürlich der den Sound stark prägenden, fröhlich krautrockig herumschwurbelnden Orgel bestand.

Nun enthalten die alten Stücke also ein Instrument mehr. Doch das ist nicht der einzige Unterschied.
Der Albumopener "Uti Vår Hage" schlug in der Studioversion bei elf Minuten an, nun sind es über siebzehn.
Noch dramatischer ist die Steigerung bei "
Kärlek Från Agusa"; bisher nur ein dreiminütiger Bonustrack auf der CD- und Downloadversion des Albums, hat er sich hier sogar mehr als vervierfacht und ist nun satte vierzehn Minuten  lang.

Agusa live in Tilburg
Und jeder neue Part, jeder Jam, ist sein Geld wert! Man kann und sollte herausheben, was für ein großartig geschmackvoller Gitarrist Mikael Ödesjö ist, doch bei Agusa ist es vor allem das Gesamtbild, welches zählt. Diese Musik - ganz klar psychedelischer 70s-Progrock, doch nie vom Hirn, sondern stets vom Herz bestimmt -  ist einfach magisch.

Augen zu, träumen und glücklich sein!


Zu haben ist "Katarsis" auf Vinyl oder in zwei limitierten Farbvarianten. Über die Pressung meiner transparenten lila Scheibe kann ich dabei nicht meckern. Ein würdiger Träger für die übrigens klanglich exzellente Liveaufnahme.

Eine CD-Version kommt demnächst auch noch, sowie eine komplette "Agusa"-Box, welche LP und CD, die beiden Studioalben als LP, ein Poster, sowie eine Slipmat enthält. Ich bin ja nicht so der Fan solcher Zusammenstellungen (oder einfach nicht reich genug dafür), aber wäre ich bei Agusa nicht schon vinylmäßig bedient, dann könnte ich über diese Anschaffung sogar nachdenken.


Highlights: Kärlek Från Agusa, Uti Vår Hage

2016-08-25

MYRKUR - Mausoleum

Nur vor etwas mehr als einem Monat habe ich mir das letztjährigige Debütalbum von Myrkur zugelegt. Kurz darauf hat mich Amalie Bruun mit ihrer Band auf dem Wacken Open Air überzeugt.

Und nun erschien auch noch eine neue EP (12"/45rpm), um den Begeisterungs-Hattrick perfekt zu machen.



MYRKUR - Mausoleum (12" EP) (2016)

Schon das Cover, welches die Sängerin mit fünf Mitgliedern des Norwegischen Mädchenchors zeigt, legt die Vermutung nahe, dass Black Metal auf diesem Tonträger wohl eher eine untergeordnete Rolle spielt. Und tatsächlich dokumentiert "Mausoleum" ein Akustik-Konzert, welches allein von Gesang, Klavier (gespielt von Bruun selbst) und Gitarre (Håvard Jørgensen / Ex-Ulver) getragen wird.

Das aus neun Stücken bestehende Programm schöpft hauptsächlich aus der ja nicht allzu umfangreichen Diskographie, findet aber auch noch Platz für ein Cover der Bathory-Ballade "Song To Hall Up High".
Was in den aus dem Studio bekannten Versionen der Songs zumeist eine Mischung aus tosendem schwarzen Metall mit Elementen aus Folk und Kammermusik ist, wurde hier noch weiter auf seinen wunderschönen Kern reduziert.

Ebenso wichtig wie die Musiker, im Grunde sogar der eigentliche Star der Veröffentlichung, ist das titelgebende Emanuel-Vigeland-Mausoleum, ein Raum mit einer gigantischen Akustik, die es kaum erlaubt, normal zu sprechen. Dementsprechend muss das kleine ausgewählte Publikum auch sehr diszipliniert (und schnupfenfrei) gewesen sein. Erst ganz am Ende ergießt sich ein ohrenbetäubender Applaus und unterstreicht noch einmal die Feinsinnigkeit der zuvor genossenen Musik, in der jedes minimale Saitenquietschen ganz prominent zu vernehmen war.

In diesem Zusammenhang muss ich als Hobbyfotograf auch unbedingt betonen, wie sehr ich das Cover schätze! Es ist technisch und kompositorisch alles andere als perfekt. Da "stören" Bewegungsunschärfen und wird das Gesicht eines Mädchens von Mikrofonen und Schatten verdeckt. Hätte man nicht ein fehlerfreies Bild auswählen können?

Nun, ich bezweifle ja, dass es eine große Bilderauswahl gibt und würde mich nicht einmal wundern wenn dieses (aus dem originalen Querformat geschnittene und gespiegelte) Foto sogar das einzig existierende wäre, welches Bruun gemeinsam mit ihrem Chor zeigt. Denn welcher Fotograf würde es bei diesem hypersensiblen Raumklang riskieren, mit seinen Arbeitsgeräuschen evtl. den Konzertmitschnitt zu versauen?

Deswegen mein allergrößter Respekt, unter den Umständen überhaupt etwas covertaugliches produziert zu haben! (Es sei denn, es wurde während einer Probe aufgenommen und meine These liegt damit vollkommen daneben, haha.)

Mein abschließendes Urteil zur Musik - und in dieser speziell zum überragenden Gesang - kann nur heißen: absolut magisch!

Besonders auf Schallplatte ist diese EP ein düsterschöner Traum, ein perfektes Livezeugnis von transzendenter, mythisch entrückender Qualität, wie es sie jenseits von Dead can Dance nur selten zu hören gibt.

Wie gesagt: perfekt.






Highlights: Onde Børn, Dybt I Skoven, Den Lille Piges Død



2016-08-24

KAYO DOT live auf der MS Stubnitz, Hamburg (23.08.2016)

Kayo Dot

Tja, Herr Driver, da haben Sie doch mächtig mit meiner Erwartungshaltung gefickt!

Mit dem synthielastigen Album "Plastic House On Base Of Sky" im Gepäck, sowie der kürzlichen Interviewaussage, mit Metal aktuell eher nichts am Hut zu haben, war ich ja doch eher auf klarere Töne eingestellt.
Doch da Kayo Dot in den vergangenen Tagen Doom- und Krachfestivals, u.a. mit Neurosis gespielt hatten, haben die drei Herren ihr Programm an Bord der MS Stubnitz einfach mal nach Tageslaune modifiziert.

So waren die rhythmisch anspruchsvollen neuen Stücke zwar durchaus mit am Start, entwickelten aber durch den ungleich stärkeren Fokus auf Bass und Gitarre eine ganz andere Dynamik als im Studio.
Dem letzten, mir aus Tilburg und dem Hafenklang bekannten Programm, welches ja auch dank des diesmal nicht mitgereisten Saxophons von einer entrückt schwebenden Jazzstimmung durchzogen war, kam der Abend noch am nächsten, als Kayo Dot den Epos "The Mortality Of Doves" von "Coffins On Io" zelebrierten.

Ansonsten gab sich die Band insgesamt aber sperriger, fragmentarischer und schwieriger zugänglich, indem sie ihren Fluss in Doom/Noise-Zwischenspiele abstürzen ließ oder auch mal den Blasthammer auspackte. Generell ist dies bei John Zorn-Schüler Toby Driver ja nichts neues, sondern eher back to the roots, aber die Form, in der es ausbrach, war schon unerwartet.

Was die Performance leider etwas schwächte war die Trio-Besetzung. Es ist nachvollziehbar, dass der Chef neben Bass (oder wahlweise auch Gitarre) auch noch die Keyboards übernommen hat, da die Band für so eine Tour ja offensichtlich immer am Rande der Obdachlosigkeit operiert und so ein Flugticket gespart werden konnte. Und es ist auch beeindruckend, diese Musik überhaupt zu dritt darbieten zu können. Aber dies bedeutete auch, dass Driver oft mit der Koordination seiner Instrumente und Einstellungen zu tun hatte, was etwas auf Kosten der sonst gewohnten Souveränität ging. Anderseits war die Show dafür noch etwa waghalsiger und abseitiger...

Man merkt es wahrscheinlich: Ich kann mich gar nicht so recht zu einem finalen Urteil hinreißen lassen. Eine das Publikum mühelos mitreißende magische Klangmesse wie der Auftritt in Het Patronaat auf dem Roadburn war dies nicht. Dazu mangelte es vielleicht auch einfach an Zuhörern, auch wenn die Situation nicht ganz so dramatisch wie letztes Mal im März bei Toby Drivers Auftritt als Solokünstler war.

Eine das Musikverständnis herausfordernde, sehr interessante und das Gehirn massierende Erfahrung war es durchaus.

Und die MS Stubnitz ist als Location ja sowieso etwas ganz spezielles.

Dies gilt im übrigen auch für ihre Lage. Mal eben vor dem Konzert zu Fuß in der Nachbarschaft einen Burger zu essen, entpuppte sich als mal locker eine satte Stunde schluckende Aufgabenstellung. Immerhin kam jener Burger aber auch mit extra Salat und Kartoffelspalten - und schmeckte super.

Es ist also nicht alles hässliche Designerscheiße in der Hafen City.










2016-08-22

KAYO DOT - Plastic House On Base Of Sky

Dienstag (also morgen) ist ja schon Konzert auf der MS Stubitz, also schalte ich mal den Rezensions-Turbo ein, um vorher noch ein paar Worte zum neuen Album von Kayo Dot loszuwerden.



KAYO DOT - Plastic House On Base Of Sky (LP) (2016)

Zum Schaffen des advantgardistischen new yorker Multiinstrumentalisten und Kayo Dot-Masterminds Toby Driver etwas zu schreiben, ist dummerweise eine eher undankbare Aufgabe für einen aus der Hüfte gefeuerten Schnellschuss. Zu wenig mit irgend etwas anderem vergleichbar ist seine Musik, und das, obwohl doch jede Veröffentlichung sich klar von der vorigen unterscheidet. Da stößt man bald auf das Magma-Dilemma, alles was man davon in Worte fassen kann, bereits in früheren Texten formuliert zu haben.
Zum Glück kamen Kayo Dot und Driver in diesem Blog bisher nur live vor, und dies hier ist meine erste Albumkritik. Ein paar Sätze sollten mir also noch einfallen.

Grundsätzlich greift "Plastic House On Base Of Sky" durchaus einige Tendenzen des Vorgängers "Coffins On Io" auf und spinnt diese noch konsequenter fort. Darauf, dass es einen gewissen Bezug gibt, könnte schon der Titel deuten: Ist Io doch ein Mond Jupiters und Phobos (wozu sich der aktuelle Albumtitel abkürzen lässt) ein langfristig auf seinen eigenen Absturz hin kreisender Mond des Mars.

(Vergleiche auch die beiden diese Angstmetapher nutzenden Alben "Phobos" von Voivod oder "The Monolith Of Phobos" von The Claypool Lennon Delirium! Wegen dieser Titelverwanschaft habe ich letztes Album nebenbei auch als kleinen Insider-Gag für mich selbst gemeinsam mit Kayo Dot bestellt. Leider verspätete sich das "Plastic House" aber auf Vinyl etwas, so dass die beiden nicht zusammen angekommen sind.)

Erneut hat Toby Driver - mit Unterstützung von Drummer Keith Abrams und einem ganzen Heer von weiteren Musikern an Streichern, Bläsern, Percussion, Saiten- und Tasteninstrumenten - ein Album geschaffen, welches sämtliches Gebrüll ausspart und irgendeinen Metal-Einfluss nur mit einem Höchstmaß an Fantasie an ganz wenigen Punkten einbildbar lässt.

Nein, die Klangästhetik deutet erneut in die achtziger Jahre, wofür vor allem die nach Zombi riechenden Keyboardsounds und der Gesang verantwortlich sind. Stimmlich verzichtet Driver auf lange Falsettpassagen und tendiert eher zur Berlin-Phase David Bowies, Brendan Perry (Dead Can Dance) oder teilweise auch zu Dave Gahan (Depeche Mode).

Das Charisma jener Referenzen - oder auch des ähnlichen Vorbildern huldigenden Martin Byrialsen von Liserstille - erreicht er dabei zwar nicht ganz, doch es ist eine sehr solide Darbietung, die sich harmonisch in die extrem anspruchsvolle Musik einbettet und den Zugang zu dieser dabei sogar etwas erleichtert.
Doch ich mache mir nichts vor: Jener Zugang dürfte den allermeisten Musikhörern wohl ewig verschlossen bleiben und kann selbst dann noch eine Herausforderung sein, wenn man mit der Abgefahrenheit von Gruppen wie den norwegischen Hirnverknotern Virus keine Probleme hat.


Kayo Dot auf dem Roadburn Festival 2015
Toby Driver mäandert gerne scheinbar ziellos und endlos umher, was Alben wie "Blue Lambency Downward" oder auch "Coffins" (das mich im Vergleich zu den Livedarbietungen in Tilburg und Hamburg vor allem durch den zu dumpfen Vinylklang tatsächlich ein bisschen enttäuschte) zu Herausforderungen macht, denen ich mich nicht immer mit gleichem Erfolg stellen kann.

Deswegen hat mich auch erstaunt, wie leicht es mir nun fällt, in "Plastic House On Base Of Sky" einzutauchen, obwohl dieses Album bis auf den reduzierten Abschluss "Brittle Urchin" durchgehend so klingt, als würden jeweils zwei verschiedene Instrumentals gleichzeitig abgespielt. Es ist so, als lägen zwei halbtransparente Partituren schräg übereinander; jedem Melodieansatz scheint ein Konterpunkt gegenüberzustehen, in jeden Rhythmus spreizt eine zweite Rhythmussektion hinein. Doch so breakbeatig verstolpert dies auch zunächst erscheinen mag - gerade die starke rhythmische Komponente, welche Driver mit seinem wellenförmigen Musikverständnis in der Vergangenheit auch mal vernachlässigt hat, gibt einem Halt in diesem vielschichtigen Gewabere aus Synthwave, Gothic, Klassik und was immer sonst in dieser Suppe vermengt ist.

Und so schaffen Kayo Dot hier das scheinbar Unmögliche, nämlich ein Album, welches beides ist:

Zum einen in seiner Konzeption vollkommen verkopft, aufgebaut wie eine vierdimensionale Zwiebel in detailüberladenen Schichten, die zu entschlüsseln einem vollkommen das Gehirn verknoten kann.

Zum anderen ein ganz entspannt betrachtbares Stimmungsbild, in welchem man sich schwerelos verlieren kann, und das nebenbei auch einen ganz exzellenten Soundtrack für die Nachtfahrt auf der Autobahn abgibt.


Moment... Vielleicht mache ich gerade den Fehler, den man bei Toby Drivers Musik idealerweise immer vermeiden sollte: Ich denke viel zu viel darüber nach.



Denn vielleicht...

ist "Plastic House On Base Of Sky" im Grunde...

einfach nur sehr guter Jazz.




Highlights: Rings Of Earth, All The Pain In The Wide World




2016-08-20

THE NEAL MORSE BAND - Alive Again

"The Grand Experiment", das letzte Album von Neal Morse - bzw. das erste unter dem Banner The Neal Morse Band war für mich das Prog-Großereignis des letzten Jahres, und auch das dazugehörige Konzert in der Hamburger Markthalle war einfach sensationell.

Klar, dass ich zur nun erschienen DVD (plus Audio-CDs) der Tour nicht nein sagen konnte.



THE NEAL MORSE BAND - Alive Again (2CD+DVD) (2016)

Zunächst einmal wunderte mich die gewöhnliche Plastikhülle, die statt eines Booklets nur ein doppelseitig bedrucktes Coverblatt enthält. Nicht der gewohnte InsideOut-Standard. Und tatsächlich ist das Ding diesmal nur über das US-Label der Band, Radiant Records erschienen.

Aber es zählt ja der Inhalt, nämlich die Audio- und Videoaufzeichnung des Konzerts in Boerderij am 06. März 2015.

Bild, Ton, Kamera, Schnitt usw. sind nirgends zu beanstanden, so dass man sich ganz ohne Einschränkungen an Musik und Performance der Supermusiker erfreuen kann.

Ich bin jetzt mal faul und verweise für den Inhalt des Sets auf meinen Bericht aus Hamburg, in dem ich einigermaßen detailliert darauf eingegangen bin.

Jenes Konzert fand ja eine eine Woche später statt als das hier mitgeschnittene, so dass sich noch ein paar Kleinigkeiten geändert haben (so flutschte z.B. der große Instrumententauschirrsinn im hier vierunddreißig Minuten mächtigen "Alive Again" in Hamburg noch besser, während Randy George in Holland nicht John Deacon zitiert hat und Neal Morse wie jeden Abend einen anderen Akustik-Solosong gespielt hat), aber im Großen und Ganzen kann man meine Ausführungen schon auf die Show in Holland übertragen.

The Neal Morse Band live in Hamburg

Wer mit der christlich-religiösen Seite von Morse, die in "There Is Nothing That God Can't Change" und dem Zugaben-Medley stark in den Vordergrund tritt, seine Probleme hat, der muss vielleicht mal skippen. Kennt man ja. Bei über zwei Stunden Showlänge bleibt aber auch für ihn noch genügend Spitzenmaterial der Herren Morse, Portnoy, George, Gilette und Hubauer übrig.

Da dem Meister abseits der Bühne bekanntlich eine Kamera an die Hand gewachsen ist, gibt es auf der DVD natürlich auch noch eine selbst gefilmte Tourdoku, welche die Nordamerika-, sowie Europatour plus einzelne spätere Festivals beinhaltet, so dass man anhand des sympathischen Backstageeinblicks genau nachvollziehen kann, wer sich diesmal wann todkrank auf die Bühne geschleppt hat.

Alles in allem eine gewohnt starke Live-Veröffentlichung, mit der man sich ganz prima die Zeit bis zum nächsten Studioalbum vertreiben kann, welches ja schon längst aufgenommen ist und in nicht allzu ferner Zukunft kommen soll.

Progtastisch!


Highlights: Alive Again, The Creation, Waterfall, Leviathan, The Call 

BLUES PILLS - Lady In Gold

Team True oder Team Sellout?

Und welches Team steht jetzt eigentlich genau für welchen Standpunkt?

Egal, wenn eine Band auf Platz 1 in die deutschen Charts einsteigt, dann hat man sich als Fan derbe fanatisch zu positionieren und Grabenkämpfe auszutragen. Basta!

Ich persönlich mag das neue Album der Blues Pills und finde, dass die Band diesen Erfolg verdient. Und dass sie sich dafür vom immer kommerzverdächtigen Label Nuclear Blast Records hat verbiegen lassen, halte ich für ausgemachten Schwachsinn. Aber darauf komme ich später zurück...



BLUES PILLS - Lady In Gold (CD+DVD) (2016)

Zunächst einmal gilt es, sich zu entscheiden, welche der vielen Versionen des Albums man sich überhaupt zulegen möchte. Wenn es eine Sache gibt, die mir an Nuclear Blast tatsächlich mächtig auf den Zeiger geht, dann dass Vinyl-Neuveröffentlichungen von Zugpferden grundsätzlich in allen Farben des Regenbogens erscheinen, von denen eine weniger mit dem restlichen Artwork zu tun hat als die nächste. Von daher hat sich das Label hier sicherlich über das knallbunte Cover gefreut, welches in diesem Fall wirklich jede noch so absurde Farbvariante tatsächlich irgendwie rechtfertigt.

Allerdings hat das Album ja auch einen Titel. Und dieser ließ für mich eigentlich nur die Version in gold übrig. Oder wegen des runden Motivs die Picture Disc, welche in einer preislich sogar noch fairen Box mit CD, DVD, Plattenbürste und anderen Bonuszeug enthalten ist. Dummerweise traue ich Picture Discs klanglich nicht. Wäre in der Box eine goldene LP und das Cover als Slipmat, dann hätte ich wohl zugeschlagen.

Die goldene Platte alleine habe ich dann aber auch versetzt, zumal sich NB ja nach wie vor inklusiven Digitalversionen verweigert und ich ab und zu auch mal ein Album auf Silberscheibe für Fahrten im Firmenwagen brauche. Also wurde es die CD mit Bonus-DVD.

Auf der DVD sind wieder einmal die Blues Pills live mit ihrem Prä-"Lady In Gold"-Repertoire zu sehen. Das speziell für die "live in Berlin"-Aufzeichnung gegebene Konzert gehört sicherlich zum bisher am besten abgefilmten Material, welches es von der Gruppe gibt. Schon deshalb kann sich dieses Extra sehen lassen. Und hören ja sowieso!



Nun aber zum neuen Studiowerk:

Don't judge an album by its singles!

Bei Veröffentlichung des Titelsongs war ich ja zunächst auch eher skeptisch. Denn wie ich neulich schon im Review zur RockHard-Beigabe "Golden Treasures" schrieb, ist das mit Honky-Tonk-Klavier eingeleitete Lied zwar ein Ohrwurm, ich war mir aber nicht sicher, ob ein guter oder ein böser. Nur solche Lieder und das Album wäre nichts  für mich.

Die rockigeren Stücke "Little Boy Preacher" und "Elements And Things" stimmten mich dann allerdings zuversichtlicher, und das gar nicht mal, weil sie dem gewohnten Sound näher kommen, sondern sie klar machten, dass einerseits das stilistische Spektrum auf "Lady In Gold" erfreulich breit sein würde, dass anderseits aber auch ein paar neue, wohl das gesamte Album durchziehende Mittel benutzt wurden, die mir sehr gut gefielen:

Zum einen sind jede Menge Orgel und Mellotron zu hören, die seit diesem Sommer auch - im Wechsel mit einer zweiten Gitarre - live dabei sind. Es ist also wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich offiziell zum Quintett vergrößert.

Blues Pills live in Kiel
Zum anderen sind da die authentisch aus der großen Motown-Zeit gepflückten Soul-Chöre.
Für einige aus dem Metal kommende Fans ist dieses Element wohl schwierig, da sie einen Bezug zu "ihrer" Musik brauchen und jenseits davon musikhistorisch eher desinteressiert sind. Bisher ließen sich die Blues Pills ja wie so viele Retrorock-Gruppen als Proto-Metal einordnen, also Musik, die sich irgendwann dann auch zu Metal weiterentwickelt hat. Das können diese Chöre natürlich nicht bieten.

Noch "schlimmer" wurde es dann mit dem letzten vor dem Album enthüllten Stück "I Felt A Change", einer ganz ohne Gitarre, Bass und Schlagzeug auskommenden Soul-Ballade, welche die Sängerin vollkommen in den Fokus stellt und für entsetzte Aufschreie der Marke "Adele wäre stolz!" (ja, warum denn auch nicht?) und den Verdacht von Ausverkauf und Pop-Anbiederung sorgte.

Nun ist es aber ziemlich billig, einfach abwertend als Pop abzuwatschen, was man wegen musikalischer Scheuklappen nicht einordnen kann. Zumal Elin Larsson ja schon immer klar gesagt hat, dass ihr wichtigsten Gesangsvorbild Aretha Franklin ist. Und nun hört man dies eben noch deutlicher.
Außerdem sollte sich jeder, der das Stück für einen Liebes-Schmalzsong hält, den sehr persönlichen Text noch einmal genau durchlesen! Nein, das Thema, um welches es hier sehr wahrscheinlich geht, gehört niemals zu der Sorte, zu der irgendeine Plattenfirma eine Band aus Profitgier zwingen würde.



Überhaupt ist ja die komplette Vorstellung, dass Nuclear Blast die Band "verdorben" hat, ausgemachter Blödsinn.
Alle Trademarks, welche die Gruppe bisher auszeichneten, liegen nach wie vor im Trend. Die Blues Pills haben sich live dermaßen den Arsch abgespielt und Staub aufgewirbelt, dass an einen kommerziellen Flop niemals zu glauben gewesen wäre, selbst wenn die Gruppe ihr Debüt komplett kopiert hätte. D.h. für das Label wäre es überhaupt kein Problem, wenn man sich eins zu eins am bewährten Klang festgeklammert hätte.

Aber es gibt anscheinend tatsächlich Leute, die an ein konspiratives Meeting glauben, in denen der Nuclear Blast-Chef der Band zugeredet hat, unbedingt noch mehr schwarze Soulmusik der 60er und 70er Jahre in ihren Sound zu integrieren, weil der typische NB-Kunde ja sooo ein Riesenfan von Otis Redding und dessen Erben ist. Aber sicher!

Nein, diese Idee hatten Bassist Zack Anderson und seine Mitstreiter schon selbst. Und es war eine ausgesprochen gute Idee!

Denn diese Verheiratung des energischen Blues Pills-Rocks mit ebenso glaubhaft annektierten Soul- und Gospeltraditionen sind es, die den besonderen Charakter von "Lady In Gold" ausmacht und die Sammlung von zehn ansonsten sehr unterschiedlichen Songs zusammenhält.
Obwohl alle Stücke auch in ihrer Länge singletauglich sind, ist dies eindeutig ein Album-Album, also ein Werk, welches größer ist als die Summe seiner Teile. Das liegt an der perfekten Anordnung der Songs, welche dem Ding eine sehr kurzweilige Spannungskurve verleiht. Jedes Lied kommt zu seiner Zeit genau richtig.

Allein der Verlauf vom vierten Track "I Felt A Change" über die allmähliche Steigerung in "Gone So Long" bis "Bad Talkers", das die beinahe komplett entfesselte zweite Hälfte des Albums einläutet, ist einfach gold wert.

Dass die Gitarre manchmal eine etwas weniger prominente Rolle einnimmt, da der Gesangsanteil der Stücke gestiegen ist und sie sich Räume mit den Tasteninstrumenten teilen muss, ist eine Begleiterscheinung, die ich gut verkraften kann.  
Live bleiben uns die längeren Freakouts der früheren Songs schließlich erhalten. Und auch die neuen Stücke bieten durchaus Ansatzpunkte für Jams, die Dorian Sorriaux gewiss nicht dauerhaft ungenutzt lassen wird. Dass zudem alles, was er auf dem Album zeigt, wieder von ganz großem Ausnahmetalent zeugt, muss ich eigentlich nicht mehr erwähnen.


Die Blues Pills sind dem Hype und der damit einhergehenden gigantischen Erwartungshaltung insgesamt erfreulich gelassen begegnet. "Lady In Gold" ist niemals verkrampft oder überambitioniert, sondern einfach ein kleines (etwa vierzig Minuten) aber sehr feines Album voller frischer Ideen und hervorragendem Futter für die nächsten Livesets geworden.

Und was anderes wollte doch niemand, oder?


Highlights: Bad Talkers, Won't Go Back, I Felt A Change, Burned Out, Elements And Things

2016-08-19

KAMASI WASHINGTON live im Gruenspan, Hamburg (17.08.2016)


Selbstverständlich war Mittwochabend in Hamburg astreinstes Open-Air-Wetter!

Das war mir eigentlich schon klar, seit das Konzert von Kamasi Washington letzte Woche vom Stadtpark ins Grünspan verlegt wurde. Aber was soll man machen? Der Hype um den Saxophonisten reichte mit etwa siebenhundert Tickets im Vorverkauf dann doch nur, um nochmals den Club zu füllen, in dem er zuletzt im November aufgetreten war. Für die Freiluftbühne braucht es wohl noch mindestens tausend Besucher mehr, um eine ähnliche Publikumsdichte zu erreichen.

November ist natürlich erst neun Monate her, und so war "ist ja diesmal draußen" für mich durchaus ein wichtiges Argument gewesen, mir wieder eine Karte zu besorgen. Bereut habe ich es - der Spoiler sei erlaubt - im Nachhinein aber keineswegs. Das einzig wirklich Lästige vor Ort war, dass sich durch die Verlegungssituation eine Kombination aus sehr frühem Einlass und dann aber doch lieber etwas späterem Konzertbeginn ergeben hatte. Da ich pünktlich gekommen war, wartete ich dort also beinahe zwei Stunden, bis es losging.


Aber wie es dann losging! Fast augenblicklich steigerte sich die Band in die erste (und nicht letzte) ekstatische Kakophonie, ehe mit dem hier fast operettenhaften Gesang Patrice Quinns langsam von unten aufgebaut wurde. Kein Zweifel, eine Wiederholung des November-Konzerts würde dies nicht werden.
Die instrumentale Besetzung mit zwei Drummern, Kontrabass, Keyboards, Posaune und natürlich Bandleader Washington hatte sich nicht geändert, das Dazustoßen von Kamasis Vater Rickey Washington an Querflöte und Sopransaxophon vor der Ode an seine Großmutter war ein schönes kleines Deja Vú, geschah diesmal allerdings schon viel früher im Set. Ein paar weitere Songs vom Mammut-Debüt "The Epic" standen ebenso erneut auf dem Programm wie ein Duell der beiden Drummer.

Das waren aber auch schon die Gemeinsamkeiten, von denen einige ohnehin nur auf dem Papier Wiederholungen sind. Denn die Stücke führen ohnehin solch ein starkes improvisatorisches Eigenleben, dass niemand vor oder auf der Bühne ahnen kann was kommt. Da werden Grooves und Tempi neuinterpretiert und die Stücke brechen in vollkommen neue Richtungen auf, um schließlich doch wieder zu ihrem Hauptthema zurückzufinden.

Vor allem aber war es im Vergleich zum letzten Mal noch sehr viel funkier, was mit dem Song "Spaceship" von Keyboarder Brandon Coleman auch direkt als Anspruch formuliert wurde. Sein Umhänge-Moog war fortan immer ganz vorne mit dabei, wenn es darum ging, dem traditionellen Maximalisten-Jazz der "The Epic"-Kompositionen einen hart elektronischen Prince-Touch zu verpassen.

Dass sich Monsterbassist Miles Mosley einer breiten Palette von Effekten bedient, um die Musik ebenfalls über den Jazz hinaus in andere Genres zu pushen, ist soweit bekannt. Die Bläser haben in dieser Beziehung inzwischen allerdings ebenso ein Stück aufgeholt. So setzte Kamasi Washington selbst mehrmals ein Delay ein, während Ryan Porter mit Hilfe eines Wahwah-Pedals auf der Posaune solierte.

Im "Spaceship" übernahmen zudem Coleman und Mosley den Leadgesang, so dass es auch in diesem Bereich neben Patrice Quinn ein paar neue Farben zu hören gab. 

Leise Momente und feine Gefühle... gab es definitiv weniger als im November. Doch dafür stand auf der anderen Seite jede Menge Funk-Spaß, lärmendes Gewusel und natürlich diese sich immer weiter und wilder steigernden Saxophonsoli, bei denen man sich wunderte, dass das geschundene, heiser kreischquietschknarzende Instrument sie überhaupt heil überstand.

Wahrscheinlich war das für Teile der Jazzpolizei schon alles wieder zu laut und unbeherrscht.
Aber fuck the police, was kümmert mich das? Kamasi Washington und seine funkylicious Westcoast-Gang sind einfach der Hammer!

Im Saal dementsprechend Applaus und Begeisterung bis an die Decke, von mir die maximale Anzahl Sternchen in meinem nicht vorhandenen Showbenotungssystem.








2016-08-17

VIRUS - Memento Collider

Und nun nicht zum ersten Mal ein Review aus der Kategorie total bekloppter  Scheiß aus Norwegen. Irgendwas stimmt da oben doch mit dem Wasser nicht!

Während die irgendwann letztes Jahr vorbestellten Neupressungen des Backkatalogs von Virus anscheinend immer noch in der Warteschlage der Schallplattenbäckerei stehen, habe ich mit nicht ganz so langer Verspätung immerhin kürzlich das neue Studiowerk der Herren Crzal, Plenum und Einz in meine gierigen Finger bekommen.



VIRUS - Memento Collider (LP) (2016)

Das Album enthält sechs Stücke mit einer durchschnittlichen Länge von ca. siebeneinhalb Minuten. Und das war es hier dann auch schon mit den leicht zu beschreibenden Fakten.

Dass Carl-Michael Eide früher ein profilierter Black Metal-Drummer gewesen ist, bevor er nach einem Sturz von einem mehrstöckigen Gebäude die Bewegungsfähigkeit seiner Füße verlor und auf Gitarre und Gesang umstieg, ist zwar Standardinformation bei Virus-Reviews, hilft zum musikalischen Verständnis allerdings nur insofern, dass gerade die Geschichte der norwegischen BM-Szene natürlich reich an Protagonisten ist, die sich irgendwann vom extremen Metal weg der Advantgarde zugewandt haben.

Nein, Metal ist das hier im Grunde ohnehin nicht. Dafür verweigert sich Czral schon zu konsequent der durchaus naheliegenden Versuchung, entsprechende Riffs zu spielen.

Und da "Advantgarde" ein ziemlich dehnbares Füllwort ist, nennen wir das Ganze mal progressiven Psychedelic Rock - und sind damit auch nicht viel weiter.

Zum Glück gibt mein diesjähriger Rezensionsverlauf mit dem Debüt von The Claypool Lennon Delirium eine ganz taugliche Referenz her. Die Drumgrooves und das sehr geschäftige Bassspiel von deren flotteren Kompositionen sind nämlich durchaus mit dem verwandt, was die Rhythmussektion von Virus auf "Memento Collider" vom Stapel lässt.


Virus live 2015
Auch dass die Gitarre das Geschehen streckenweise nur mit Nuancen verfeinert und ansonsten dem Tieftöner als Leadinstrument den Vortritt lässt, passt in diesen Vergleich. Dem Gegenüber steht allerdings der Rest des Albums, welcher vom absolut eigenständigen Stil Czrals dominiert wird.
Die sehr laid back gespielten, nie sonderlich stark verzerrten Licks ziehen ihre Spannung vor allem aus ihrem grenzwertigen Harmonieverständnis und einer Performance, die es schafft, gleichzeitig anspruchsvoll geplant und doch spontan improvisiert zu wirken.

Es ist ein bisschen so, als würde Captain Beefheart den Klang von Voivods "Nothingface" imitieren. Passend dazu steuert übrigens eben deren Dan Mongrain ein kurzes Solo zu "Gravity Seeker" bei, welches anderswo einigermaßen außerirdisch wäre, hier allerdings zum "normalsten" Gitarrenmoment des ganzen Albums wird.

Der Gesang ist ein für sich alleine wahrscheinlich eher wenig beeindruckendes Gecroone mit einer guten Portion Pathos, die aber perfekt zur Schrägheit der Musik passt, die ich mir mitunter auch ganz gut als Soundtrack zum surrealistischsten Spaghetti-Western aller Zeiten vorstellen könnte.

Wer das Feeling der progressivsten Ansätze von Hexvessel mag und so etwas gerne noch viel schräger und abgefahrener hätte, der ist mit "Memento Collider" vielleicht richtig beraten.

Letztendlich gibt es aber nur äußerst wenige Bands, deren Musik so vollkommen eigenständig klingt wie die von Virus. Deswegen sind alle Empfehlungen der Marke "klingt so ähnlich wie" Makulatur.
Der eine wird wohl ganz unabhängig von sonstigen Hörgewohnheiten an der exzentrischen Disharmonie, die hier gepflegt wird scheitern, der andere diese gar nicht wahrnehmen, da ihn die mitreißende Tanzbarkeit der Stücke sofort packt.

Ich für meinen Teil finde die Gruppe an sich sowieso sensationell und freue mich, wie sie ihren sehr spezifischen Sound hier noch weiter vorangebracht hat.
Und irgendwann kapiere ich ja vielleicht auch, was zum Teufel da in den ersten anderthalb Minuten von "Dripping Into Orbit" passiert. Das hat mich schon geflasht und bis weit über das Konzert hinaus verfolgt, als sie den Song letztes Jahr live vorgestellt haben.



Highlights: Phantom Oil Slicks, Afield, Dripping Into Orbit (ach... eigentlich sind die alle gleich geil)



2016-08-15

WACKEN 2016, Teil 4 : Y'all Motherfuckers need Lucifer!

Tag 3, Samstag, 06. August 2016


Triptykon auf der Black Stage

Es wird ja zum letzten Festivaltag hin nicht einfacher, seinen Arsch aus den Federn, unter die Dusche und schließlich ins Auto zu bewegen. Und da wir in den vorigen Tagen immer früher als erwartet auf dem Open-Air-Gelände angekommen waren und es heute ja für mich "erst" um Viertel vor zwei losging, ließ ich es etwas entspannter angehen. Irgendwie muss sich bei mir an diesem Morgen zudem die Vorstellung im Hirn eingenistet haben, dass es zwischen 12:00 und 13:00 Uhr noch eine weitere volle Stunde geben müsse. Drölf?

Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich in Schenefeld dann auch noch ein paar kleine Besorgungen im Supermarkt machte und es an der Kasse ein bisschen dauerte, fiel mir auf, dass ja komischerweise eigentlich doch gar nicht mehr so furchtbar viel Zeit war, bis das Set von Myrkur, deren Album "M" bei mir gerade hoch und runter läuft, beginnen würde.

Von da an drückte ich dann doch ein wenig auf die Tube... nur um auf der Strecke nach Wacken schließlich von einem Konvoi von vier gemütlich tuckernden Oldtimertreckern mit langer Autoschlange hinten dran ausgebremst zu werden. Der Fußmarsch von unserem Dorfparkplatz zum Gelände und dort durch Menschenmengen, Pfützen und Schlamm wurde so eilig, dass wir uns sogar für eine Weile aus den Augen verloren. Zwischenzeitlich hatte ich schon Bammel, dass die Band ja auch live total beschissen sein könnte und ich dann die unnötige Hektik vor meinen beiden Mitwackenden rechtfertigen müsste.

Als wir den Bullhead City Circus erreichten, ging es auf der Headbanger Stage auch schon los.

Myrkur

Myrkur

Es gibt ja scheinbar momentan im Metal kaum eine Person, über die so viel Fremdscham auslösender, szenepolizeilicher und vor allem einfach derbe frauenfeindlicher Bullshit ausgegossen wird wie die dänische Musikerin Amalie Bruun, die es als Popsängerin wagte, zunächst anonym ein Black Metal-Projekt aus der Taufe zu heben.

Und damit habe ich zu jenem Quatsch eigentlich auch schon zu viel gesagt, denn was ihr Alter Ego Myrkur live präsentiert ist locker über den verbalen Dünnschiss jedes Internettrolls erhaben.

Ganz klar lebt Myrkurs Kreuzung aus mystisch soundtrackhafter Choralmusik und Black Metal, die einen - um mal ganz schlimme Klischeebilder zu verwenden - zwischen Lothlorien und dem dornigen Unterholz eines norwegischen Waldes bei Nachtfrost hin und her schubst, in ganz großem Maße vom Gesang.

Bruuns Stimme schwebte feengleich betörend unter dem Zeltdach und nutzte dabei die sonst meistens eher schwierige Akustik des Raumes optimal in ihrem Sinne. Was auch galt, wenn sie von bezaubernd auf dämonisch furienhaft umschaltete.
Da das Songmaterial ohnehin stimmt, waren Myrkur für mich unbestritten eines der Festivalhighlights.


Year Of The Goat

Year Of The Goat

Year Of The Goat, die sofort im Anschluss auf der W.E.T. Stage auftraten, waren nun eine jener den Siebziger-Sound von Blue Öyster Cult in die Jetzt-Zeit transportierenden Gruppen, wie ich sie im Zusammenhang mit dem Auftritt eben jener Legenden in meinem Donnerstagsbericht erwähnt habe. Okkulter, melodischer Gitarrenrock, Orgel und Mellotron natürlich auch ganz vintage.

Die Band machte ihr Ding richtig gut. Ein bisschen dunkler hätte ich mir die Musik zwar im Schnitt schon gewünscht, aber dafür war der powervolle Gesang hervorragend, und als die Gruppe Songs von ihrer ersten EP auspackte, kamen noch Drei-Gitarren-Harmonien zum Niederknien hinzu.

Ich hätte den Auftritt ja gerne noch komplett gesehen, aber leider gab es nun - ansonsten dieses Jahr selten - eine kritische Überschneidung in meinem Zeitplan, denn nebenan standen ein paar ganz alte Weggefährten auf der Wackinger Stage, mit denen mein Bruder und ich schon bis ins vorige Millenium zurück auf der einen oder anderen norddeutschen Bühne gestanden haben.


 
Forgotten North

Zweiundzwanzig Jahre, sprach Sänger Børje Lokisson, der erst seit kurzem so heißt, aber neben Drummer Petter Thoresson schon von Beginn an dabei ist, haben Forgotten North darauf hingearbeitet, hier auftreten zu dürfen. Ich hätte an seiner Stelle ja schon erwähnt, ob brutto oder netto, denn ein Großteil dieser Jahre waren natürlich Kreativpause und Besetzungswechsel.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich ja mit dieser ganzen Umstellung auf das jetzige... naja... eben für die Wackinger-Bühne geeignete dithmarscher Liverollenspieler-Image nicht viel anfangen. Musikalisch ist das schon gut gemacht, und der Maiden-Sing-along-Teil im letzten Stück war auch gelungen, aber die Band hatte schon Inkarnationen, die meiner Musikwelt näher waren.

Aber da sie dieser Stil ja nun bei bestem Sonnenschein auf die Wacken-Bühne gebracht hat, gönne ich SaschaPeterRoman und Co. den Spaß natürlich gerne.

Aber wehe, ihr holt auch noch einen Dudelsack dazu, dann bin weg!

 
blumige Aussicht

klebriger Holy Ground


Was zum rundum sommerlichen Wetter jetzt noch fehlte, war ein trockener Sitzplatz, um entspannt Energie für den Rest des Tages zu tanken. Wir fanden ihn zwar in nicht im neuen trojanischen Jägermeister-Hirsch, der übrigens weitaus weniger sichthinderlich positioniert war als frühere Hochsitze oder Hütten, aber auch auf jener Seite des Geländes in einer tabakgesponsorten Erholungszone.

Schön die Beine im Trockenen ausstrecken und in die Sonne blinzeln, während Metal Church ihr Set auf der True Stage begannen. Fast hätte ich sogar ein richtiges Nickerchen gemacht. Life is good.

Metal Church

Ein paar Songs von Metal Church habe ich mir dann auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt dann auch mit freiem Blick auf die Bühne gegönnt. Riffbetonter Heavy Metal, schon ewig dabei und dementsprechend ultrasouverän.
Mucke, über die man nicht viel schreiben, die man aber so auch kaum besser spielen kann.

Vor allem der nach Jahrzehnten zurückgekehrte Sänger Mike Howe hat echt mal ein amtliches Heldenorgan. Sehr guter METAAAL!


The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

Den frühen Abend leiteten auf der Beer Garden Stage die wahnsinnigen Hillbilly-Knastis The Goddamn Gallows ein. Musikalisch irgendwo zwischen Blue Grass, Punk und grobem Metal zu verorten, bewegten sich die u.a. mit Kontrabass, Mandoline und Banjo antretenden Amis inhaltlich zwischen den Polen "Y'all Motherfuckers Need Jesus" und "In League With Satan".

Machten die Songs alleine schon Laune, war aber vor allem die Show des Akkordeon- und Waschbrettspielers der absolute Kicker, um sich hier eine knappe Stunde lang köstlich zu bepissen. Kein Moment, in dem der auf zurückgebliebene Asterix-Figur machende Mann nicht irgendwelche bekloppten Faxen anstellte, von denen jene, plötzlich über die Absperrung zu springen, einem Fan ein Gummiseil um den Bauch zu binden und damit gleich eine ganze Gruppe zum Schlammcatchen zu zwingen, nur die dreckigste war.

Man könnte einen ganzen Bericht nur über diesen Bekloppten schreiben, aber ich will ja niemanden spoilern. Für die letzten Songs wurde er zwar aus Sicherheitsgründen hinters Schlagzeug verbannt, aber dafür stellte sich dann der eigentliche Schlagzeuger als superheiserschreihalsigster Psycho am Mikro heraus. Total irres Entertainment!




Wir machten noch einen Umweg über das Wackinger Village, um den einen Fressstand zu finden, wo das "Fast" in Fast Food für "fast zehn Minuten" steht, ehe das Festival vor den Hauptbühnen allmählich seinem Tageshöhepunkt entgegensteuerte.

Aber vorher gab es ja noch Titten. Und fliegende Penisse.


Steel Panther

Steel Panther

"How many people have seen Steel Panther before? I got some really good news: We have the same show we had for you last time!
How many people have never seen us before? We have a brand new show for you!"


Mit dieser Ansage fasste Michael Starr das Dilemma der Band ganz gut zusammen. Es ist das Phänomen des Witzes, der einem zum zweiten Mal erzählt wird.
Steel Panther sind und bleiben zwar die ultimative spinal tapsche Aufbereitung der Achtziger-Hair-Metal-Welle, aber vieles kannte man halt schon wegen der wetterbedingt wohl auch tittenreicheren Wacken-Show vor zwei Jahren.

Nichtsdestotrotz ist vor allem das ständige penetrante Flirten mit jeder Kamera, die den Spandexhelden vor die Fresse gerät, ein Running Gag, der auch nach wie vor super funktioniert.

Wenn man sich schon mit zehntausenden Metalfans auf Pimmelwitzniveau amüsieren will, ist Steel Panther ganz klar die richtige Wahl. Allerdings sollte das Wacken Open Air nun doch ein paar Jahre mehr verstreichen lassen, ehe man Starr, Satchel, Stix und Sexy Lexxi Foxx das nächste Mal einlädt.


Triptykon

Triptykon

Auch wenn es um 21:00 Uhr technisch noch hell war, hatte auf der Black Stage nun die dunkelste Stunde geschlagen.

Thomas Gabriel Fischer packte mit Triptykon gleich eine superfiese Version des Celtic Frost-Klassikers "Procreation Of The Wicked" aus, der mit "Dethronded Emperor" und "The Usurper" unmittelbar zwei weitere Stücke der Legende folgten.

Sechs von zehn Stücken stammten ursprünglich von Celtic Frost, und doch war dies eindeutig eine Triptykon-Show, das versicherten schon die Persönlichkeiten der weiteren Musiker auf der Bühne, allen voran der fabelhaft ultratief schlabbernde Bass von Vanja Slajh. Zudem sieht das Verhältnis in absoluter Spielzeit natürlich anders aus, wenn man bedenkt, dass die beiden Stücke "Goetia" und "The Prolonging" zusammen schon über eine halbe Stunde schlucken. Solche Monster hat es auf dieser Bühne seit dem letzten Gastspiel von Triptykon 2011 nicht gegeben.

Das letzte Album "Melana Chasmata" war mit zwei Liedern vertreten, allerdings anders als auf dem Roadburn Festival 2014 nicht mit dem brutalen "Tree Of Suffocating" oder "Black Snow", was in Wacken  eigentlich als die sicherere Variante erscheinen müsste.
Nein, stattdessen gab es die getragen depressiven Stücke "Aurorae" und "Boleskin House", letztes sogar wie im Studio mit Gastsängerin Simone Vollenweider, die außerdem noch "Obscured" unterstützte, womit die Band endlich einmal eine auf den Alben seit Celtic Frost-Zeiten etablierte Seite von sich präsentierte, die es bisher noch nicht auf die Bühne geschafft hatte.

Somit hatten nun auch alle drei Auftritte, die ich bisher von der Band gesehen habe, einen sehr eigenen Charakter. Auch wenn sich Herr Warrior unter geschlossenem Dach und nicht zwischen Steel Panther und Twisted Sister wohler fühlt - diese schwarze Messe war eindeutig (und wieder einmal) der Höhepunkt des Festivals.

Und an die Bühnendeko mit den drei H.R. Giger-Covern kam nebenbei atmosphörisch auch niemand heran.



Was denn nun? Elf oder Viertel nach elf? Da es zwischen dem grafischen und dem tabellarischen Zeitplan, die ich mir ausgedruckt hatte, eine Diskrepanz gab, verzichtete ich darauf, noch ein paar Songs von Twisted Sister zu sehen, sondern sicherte mir lieber frühzeitig einen guten Platz vor der Wackinger Stage. Und elf war es dann auch!
 

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

Dass das Klischee "die laufen da alle in schwarz rum" den gängigen Look in Wacken nur unzureichend beschreibt, hatten am Vortag ja schon Overthrust demonstriert.

Bei King Dude und seiner Band war es noch extremer. Eindeutig von Kopf bis Fuß komplett in schwarz gekleidet - und trotzdem haben wohl keine anderen Künstler so wenig nach Wacken Open Air ausgesehen.

Optisch eher Dark Wave und musikalisch auch nur am Rande mit Metal in Berührung, passte der düstere und reduzierte Neofolk-Rocksound aber gerade um diese Nachtzeit ganz hervorragend auf den Platz. Und so eine "geile Stimme!" ("I didn't understand that. What did he say?") wie das charismatische Organ des Dude hatte hier auch noch niemand gehört.

Hauptsächlich mit "Songs Of Flesh & Blood" gefüllt war ja eigentlich klar, dass dieser Auftritt ein Fest werden würde. Doch wie sehr sich die Performance von seiner großartigen Solo-Show unterschied, die ich vergangenes Jahr in Holland gesehen hatte, überraschte mich schon ein bisschen. Auf jeden Fall ist es in beiden Formen höchst lohnenswert, dem Botschafter Luzifers zu lauschen.

Ganz neue Stücke vom kommenden Album "Sex" gab es auch zu hören. Sehr lieblich und einfühlsam, dieses "Sex Dungeon (U.S.A.)".

King Dude schreibt übrigens exakt so lange Songs wie Twisted Sister. Denn fast immer, wenn der König Pause machte, hatte ein paar hundert Meter weiter unten auch Dee Snider etwas zu erzählen. Das wirkte schon fast wie abgesprochen. 



An dieser Stelle hätte ich im Nachhinein eigentlich auch schon sehr gut Feierabend machen können. Aber es standen ja noch zu herausfordernd später (bzw. schon wieder früher) Uhrzeit die female fronted german Thrasher Cripper auf meinem Zettel. Bis dahin waren es allerdings noch über zwei Stunden.

Von daher war dies also eine gute Gelegenheit, zum zweiten Mal das American Spirit-Armband zu nutzen und von einigermaßen bequemer Warte aus dem Set von Arch Enemy eine Chance zu geben.


Arch Enemy

Der Erschöpfungsschub wurde dann nur leider doch größer als erwartet und Arch Enemy...
Ach, ich würde sie ja gerne gut finden, schon weil Alissa White-Gluz durchaus eine super Sängerin und Bühnenerscheinung ist, aber ich verstehe einfach nach wie vor nicht, was das Ganze soll.
Vielleicht ist da für Death Metal (ist das doch irgendwie noch, oder?) einfach zu viel unnötiger Schnickschnack drumherum. Mich ließ es jedenfalls kalt.

Nein, wie waren schon zu kaputt, um es noch ernsthaft bis Cripper auszuhalten, also machten wir uns auf den mühseligen Weg zum Auto. Dabei stellte ich zunächst einmal fest, dass dieser Slot vielleicht doch noch eine gute Gelegenheit gewesen wäre, ein einziges Mal die Party Stage zu besuchen, denn auch wenn Metalcore ja eher ein Schimpfwort ist, schien mir das, was ich von Parkway Drive im Vorbeigehen mitbekam doch noch wesentlich besser zu fetzten als Arch Enemy. Aber was soll's, man kann nicht alles haben.


Durch die viertägige Kombination von kurzen Hosen und Gummistiefeln hatte sich auf meinen Waden inzwischen durch das immer mal ganz leichte Scheuern des Randes ein kleiner wunder Ring gebildet, der nun gerade bei jedem Schritt bergauf schmerzte, als würde mir ein kleiner Kobold mit einer Mini-Peitsche hinterher laufen.
Ja, so ein Wacken Open Air, das man das ganze Wochende über lässig in bequemen Schuhen abreißen kann, wäre eigentlich auch mal wieder dran!

Ob es nächstes Jahr allerdings überhaupt für mich dazu kommen kann, steht noch gar nicht fest. Die Preiserhöhung auf zweihundertzwanzig Euro pro Ticket ist bei mir nämlich jenseits der Schmerzgrenze. Da können die Begründungen auch noch so nachvollziehbar sein. Die Diskussion darüber würde hier jedoch den Rahmen sprengen.
Da versuche ich doch lieber, kurzfristiger an eine günstigere Karte zu kommen. Aber den Neupreis zahle ich definitiv nicht.
Bandwünsche für nächstes Jahr lasse ich deswegen an dieser Stelle auch weg. Am besten bleibt das Booking so unkreativ die die ersten Ankündigungen, dann fällt es mir leichter, mein Wacken-Budget vielleicht mal in ein anderes Event zu stecken.



Stattdessen meine diesjährigen Höhepunkte, sortiert nach Bühne:

True Metal Stage: Iron Maiden
Black Stage: Triptykon, Ministry
Party Stage: -
W:E:T-Stage: The Vintage Caravan
Headbanger Stage: Myrkur (knapp gegen Orphaned Land und Alcest)
Beer Garden Stage: The Goddamn Gallows
Wackinger Stage: King Dude
Wasteland Stage: Overthrust

+ Sonderwertung Wacken Metal Battle: Auðn




Preiset Jesus, preiset Luzifer, preiset den Moshpit und das Saxophon!

Amen.