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Posts mit dem Label Youn Sun Nah werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
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2026-03-20

YOUN SUN NAH live in der Laeiszhalle, Hamburg (17. März 2026) / YOUN SUN NAH - Lost Pieces


Nach der Wiederholung von Jo Quail und Corecass vergangene Woche war Dienstag schon wieder eine Déjà Vu-Veranstaltung angesagt:

Youn Sun Nah im Kleinen Saal der Laeiszhalle; das hatte ich doch gerade erst vor zwei Jahren an meinem Geburtstag erlebt! Die beiden Auftritte der koreanischen Jazzsängerin unterschieden sich allerdings - zum Glück aber nicht qualitativ - erheblich voneinander.

Obwohl ich mein Ticket diesmal Monate später bestellt hatte, war für mich als Solo-Konzertgänger immer noch eine Lücke in der ersten Reihe freigehalten worden, von wo aus schon der kürzeste Blick auf die Bühne genügte, um die komplett andere instrumentale Aufstellung zu registrieren. Letztes Mal war ja nur Bojan Z. am Flügel und Rhodes Piano mit von der Partie gewesen, diese Tour wurde nun jedoch als Quartett mit Drums, Kontrabass und elektrischer Gitarre bestritten.

Auch die Songauswahl war eine andere. Wo 2024 das Coveralbum "Elles" vorgestellt wurde, lag der Schwerpunkt nun auf dem eigenen Material des aktuellen Albums "Lost Pieces".

Begründet auf einzelnen Alben ihrer Diskographie lehnen Teile der Jazzpolizei Youn Sun Nah ja als zu poppig ab. Sagen sie zumindest. Vielleicht mögen die Wächter der elitären Reinheit an ihr aber in Wirklichkeit nicht, dass sie zwar furchtlos experimentelle, anspruchsvolle und stilistisch weltumspannende musikalische Ideen verarbeitet, sie jedoch dermaßen zugänglich verpackt, dass kaum einem Hörer eine Hürde aufgestellt wird. Egal, wie die Grenzen zwischen nah- und fernöstlichen, Latin- oder Blues-Einflüssen in ihren Songs verschwimmen, egal ob es mal metrisch oder gesanglich etwas verrückter wird - man muss sich die Musik nicht erarbeiten.

Zum großen Teil liegt dies natürlich an der Sängerin selbst, die mit sympathischer Ausstrahlung und unglaublich präziser Stimmkontrolle bei zugleich maximaler spielerischer Freude von einem kreativen Höhepunkt zum nächsten gleitet. Ebenso virtuos und eigenwillig knapp neben der kontemporären Jazz-Norm bewegten sich auch ihre Musiker, die in beinahe jedem Stücken von sich zeigten, egal ob es der zwischen Besen, Sticks, Mallets und Händen wechselnde Schlagzeuger war, der zupfende und streichende Bassist oder der mit seinem Spiel am weitesten ins Rockmusikalische vorstoßende Gitarrist.

In dem großteils sehr intimen Set, welches klanglich so brilliant präsentiert wurde, dass die "Arbeits-" und Nebengeräusche sowohl der Stimme als auch der Instrumente genauso wichtig wie ihre eigentliche Performance erschienen, gab es kaum ein Stück, das man nicht hervorheben könnte.
Besonders in Erinnung blieben mir allerdings das rhythmisch interessante "I Run. I Stay", Sun Nah's Solonummer, bei der sie sich auf der Minidrehorgel (für die es sicherlich eine mir nicht geläufige korrekte Bezeichnung gibt) selbst begleitete, ein langes wildes Duett zwischen Stimme und Schlagzeug, sowie die mit sehr viel Gänsehaut-Gitarren-Ambient-Atmosphäre vorgetragene Version des koreanischen Volksliedes "Arirang" als Zugabe.

Eine außerirdisch grandiose Sängerin mit fantastischer Band sorgten für neunzig rundum glückliche Minuten. Ein wunderbares Konzert.





Wenn wir schon hier versammelt sind, frühstücken wir doch auch gleich schnell das obligatorische Mitbringsel aus dem Merchpalast (in der Laeiszhalle ist ja alles etwas gehobener) ab:



YOUN SUN NAH - Lost Pieces (CD) (2026)

Dass mir die elf Stücke auf "Lost Pieces" grundsätzlich gefallen, dürften weiter oben ja schon zwischen den Zeilen erkennbar gewesen sein, ebenso welche externen Einflüsse Youn Sun Nah in ihre Jazzkompositionen webt. Die intime Atmosphäre, der unbereinigte und doch glasklare Klang der Instrumente, die originellen, eigene Identität stiftenden Details... vieles in der Studioversion bewegt sich nahe an der Magie der Livedarbietung.

Der Hauptunterschied ist der größere, texturenreichere Sound mit mehr Youn Sun Nah in Harmonie mit sich selbst und einer Vielzahl zusätzlicher Instrumente von Klavier, Orgel, Keyboard über E-Bass zu Streichern, Bläsern und Marimba sowie Vibrafon.
Das macht die Musik - wie schon bei früheren Alben - im Vergleich zur Liveshow zu einem sicherlich etwas glatteren, poppigeren Erlebnis. Allerdings noch längst nicht wirlich zu Pop - und schlechter definitiv auch nicht.

Nein, tatsächlich übertrifft dieses kleine, feine, wunderschöne Werk meine Erwartungen sogar ganz entspannt. 2026 ist - ich sagte es anderswo schon - anscheinend ein wirklich gutes Jahr für den Jazz-Anteil meiner Musiksammlung.
 





2024-02-14

YOUN SUN NAH mit BOJAN Z. live in der Laeiszhalle, Hamburg (13. Februar 2024)

Es war mein drittes Konzert in der altehrwürdigen Laeiszhalle, allerdings das erste im Kleinen Saal, der mich vom holzvertäfelten Ambiente her etwas an den "Kleinen" Saal der Elbphilharmonie  erinnerte. Meine persönliche Perpektive ähnelte auf jeden Fall der vom Erland Cooper / Henrik Lindstrand-Konzert im November, da ich auch hier wieder sehr früh im Vorverkauf zugeschlagen und mir einen Sitzplatz in der Mitte der ersten Reihe gesichert hatte.

Heute erwartete mich allerdings kein beinahe rein instrumentaler Abend, sondern eine Sängerin, die schon lange auf meiner Wunschliste stand, auch wenn ich die letzten paar, mir teilweise etwas zu glattgebügelten Alben nicht mehr so nahe verfolgt hatte.

Die Südkoreanerin Youn Sun Nah trat zunächst ein Kalimba spielend alleine ans Mikrofon und begann den Auftritt mit einer sanften Version vom vor allem durch Nina Simone bekannten Hit "Feeling Good", in dessen Verlauf sie aber bald vom serbischen Pianisten Bojan Zulfikarpašić begleitet wurde, der sich übrigens offziell zum Glück - und sicherlich nicht grundlos - gerne einfach Bojan Z. abkürzt.

Als zweites wurde es dann textlich auf seltene Weise emotional und explizit intim, da ihre Interpretation von Björks "Cocoon" auf der Setliste stand. Tatsächlich wurde das komplette neue Album "Elles" gespielt, welches ganz anderen Künstlerinnen aus unterschiedlichsten Musikrichtungen gewidmet ist. Für das Duo hieß dies, dass es sich zwischen französischem Chanson, verrückter Jazz-Hexerei, Jefferson Airplanes "White Rabbit" und dem Spritual "Sometimes I Feel Like A Motherless Child" vielfältig kreativ austoben konnte.

Bojan Z. glänzte mal am Rhodes Piano, mal am Flügel, loopte und effekte auch mal, spielte auf dem Klavier Schlagzeug oder schlug direkt auf die Saiten. Fast alle Stücke enthielten außerdem Solo-Passagen, in denen sich der unkonventionelle Tastenmann reichlich Szenenapplaus abholen konnte. Keine Frage, der Mann hätte hier schon alleine eine denkwürdige Performance feiern können.

Die Sängerin jedoch hob den Auftritt auf vollkommen außerirdisches Level. Youn Sun Nah betrat die Bühne mit einem mitreißend freundlichen Charisma, welches reine unverfälschte Freude am Gesang ausstrahlte - und unterstrich diese Attitüde mit unfassbaren Fähigkeiten.
Egal, ob sie im Flüsterton mit geschlossenem Mund und mir rätselhafter Technik eine ewig lange Note hielt, ob sie zusammen mit Z. in wahnsinnig schnellen Scats abenteurliche Tonsprungakrobatik vollführte, in stets beeindruckender Kontrolle rauere oder grandiosere Stimmfarben malte oder vom Croonen zur Oper wechselte - dieser Ausnahmemusikerin bei ihrer persönlichen Grenzverschiebung des Begriffs Jazz zuzuschauen, war eine magische Erfahrung.

Alle Highlights kann man nach dieser Show eigentlich gar nicht aufzählen. Klar, "Killing Me Softly With His Song", ganz minimalsitisch nur mit Handdrehleier, durch die man den Song als Lochkarte durchlaufen sah, bleibt natürlich auch visuell sehr deutlich hängen.
Ganz anders, aber ebenso unterhaltsam war ihr dreckiger, mit zugedrückter Nase rausgepresster Mummenschanz als Tom Waits am Ende der mit Standing Ovations abgefeierten Zugabe.

Ich könnte noch weiter schwärmen, aber ich glaube meine Begeisterung für Youn Sun Nah ist deutlich genug geworden. Keine Frage: Ich hatte mir hier und heute mit dem Ticket selbst ein exzellentes Geburtstagsgeschenk gemacht!
Und nach dem Konzert hat die Künstlerin sich dann auch noch überraschend als Konditorin betätigt und mir eine kleine Torte spendiert: 

Hach!







2017-06-18

YOUN SUN NAH - She Moves On

Es muss ja nicht immer saxophonzerfetzender, fressepolierender Heavy Jazz sein. Deswegen heute mal ein Review von der sowohl stilistisch als auch kommerziell ganz anderen Seite des Genres.




YOUN SUN NAH - She Moves On (LP) (2017)

Gut vier Jahre nach "Lento" ist die koreanische Vocal-Jazz-Künstlerin Youn Sun Nah mit einem neuen Album zurück, und wie der Titel schon andeutet, geht sie hier neue Wege, lässt etwas hinter sich. Um präzise zu sein: Sie hat sich von ihrer langjährigen Band rund um Akustikgitarrist Ulf Wakenius und Perkussionist Xavier Desandre-Navarre getrennt. Auch das "Lento" prägende Akkordion ist auf "She Moves On" nicht mehr zu hören.

Um ehrlich zu sein, war ich nach dem Teaser zum Album zunächst noch etwas skeptisch, da die neue in New York versammelte Gruppe aus Pianist Jamie Saft, Brad Jones (Kontrabass), Marc Ribot (Gitarren) und Marc Ribot (Drums) zunächst einmal konventioneller erscheint.

Tatsächlich ist der Sound des Albums auch weniger experimentell und easier zu listen geraten, was sich zum Glück aber nicht als Manko erweist. Dafür ist die Performance aller Beteiligten einfach viel zu gut und variabel.

Vieles bleibt aber auch wie von den vorigen Alben gewohnt. Selbstredend gehört Youn Sun Nahs präzise artikulierende und perfekt kontrollierte Stimme als Dreh- und Angelpunkt der gesamten Kiste dazu. Auch die Titelzusammenstellung bietet wieder ein ähnliches Gemisch aus ein paar Eigenkompositionen der Sängerin und ihrer Partner, Jazzklassikern, Traditionals, sowie nicht immer jazzpolizeilich abgesegneten Covern aus verschiedenen populärmusikalischen Genres.

Wo in der Vergangenheit schon Countryhits, Metallica und die Nine Inch Nails uminterpretiert wurden, sind nun u.a. Joni Mitchell, Lou Reed und Paul Simon (Titelsong) an der Reihe.
Die Band dient meistens dem Gesang und spielt sich nur selten in den Vordergrund. Dabei erweist sie sich als äußerst flexibel und findet sowohl für den seit 1940 millionenfach gecoverten Standard "Fools Rush In", als auch für das im freejazzrockigen Freak-Out endende "Drifting" von Jimi Hendrix den richtigen Ton.

"She Moves On" ist ein entspannender und doch spannender, abwechslungsreicher Hörgenuss, was vor allem wieder für die in exzellenter Qualität gefertigte Schallplatte gilt (mit fünfzehn Euro übrigens erstaunlich günstig für eine Neuveröffentlichung), die sich in meiner Sammlung wie schon das vorletzte Youn Sun Nah-Werk "Same Girl" erneut in die Spitze der Presswerksmeisterleistungen einreiht.

Der einzige Wermutstropfen an der Schallplatte ist, dass das mit knapp neun Minuten ausladendste Stück des Album auf ihr keinen Platz mehr gefunden hat. So gibt es das künstlerische i-Tüpfelchen, den über Fender Rhodes-Piano schwebenden Fairport Convention-Song "A Sailor's Life" nur auf der CD bzw. im beiliegenden Download zu hören.


Bei der hier gegeben Fülle an Coverversionen muss man zwar relativieren, dass bei Betrachtung der einzelnen Songs das Original in den meisten Fällen unerreicht bleibt, doch als Gesamtbild ist und bleibt es beeindruckend, wie Youn Sun Nah es mit ihrer unnachahmlichen Stimme schafft, ein Kaleidoskop verschiedener Inspirationen stimmig zu vereinen.

Wunderbar!

Highlights: Drifting, A Sailor's Life, She Moves On, Traveller


2013-03-25

YOUN SUN NAH - Lento

Schnauze auf den billigen Plätzen!
Hier spricht der Jazzperte!

Ich weiß quasi alles über Jazz, schließlich habe ich mich schon ab und zu bei Konzerten im Fernsehen festgekuckt. Außerdem mag ich das extreme Advantgardezeugs von John Zorn, wie z.B. Naked City oder PainKiller - und aus dem Fusionbereich den Jazzrock von Colosseum und Mahavishnu Orchestra - und die krautigeren Niagara und Passport - und den Jazz-Metal von Exivious. Und Helge Schneider sowieso.

Und dann habe ich ja auch noch diese großartige La Discotheque Ideale-Box mit 25 Album-Klassikern von Künstlern wie Sarah Vaughan, Art Tatum, Jaco Pistorius und  Herbie Hancock, in der ich immer noch viele Schätze entdecke, bei der mich allerdings auch ein wenig ernüchtert hat, wie ewig lange diese Musik im 4/4-Takt festhing, ehe Befreier wie Dave Brubeck zur Tat schritten...

Soweit der Überblick. Wie ihr Ahnungslosen seht, bin ich also Fachmann durch und durch.

Ich rieche, schmecke und atme Jazz.

Kein Wunder also, dass ich neulich im Jazzperten-Fachblatt Spiegel Online auf den Stream des neuen Albums einer in Paris lebenden Koreanerin gestoßen bin, welches mir so gut gefiel, dass ich umgehend in mein Jazzman-Kostüm geschlüpft bin und mit dem Jazzmobil das nächste amazon-Lager zerstört, alle Sklaven befreit und mir ein Exemplar erplündert habe.



YOUN SUN NAH - Lento (2013)

Besengewische, walking Kontrabass, Klavier *klimperklimper*, Trompete *trööt*... Davon ist Youn Sun Nah Welten entfernt.

Ehrlich gesagt kann man bei einigen Tracks auf "Lento" sogar die berechtigte Frage stellen, ob es sich hier überhaupt um Jazz handelt. Zumal hier z.B. auch koreanische Folklore ("Arirang") oder ein Cover der Johnny Cash-Version des Nine Inch Nails-Songs "Hurt" zu hören sind.

Beim Scat von "Momento Magico" hingegen ist die Frage überflüssig. Und für mich persönlich ist sie - egal, wie man sie beantworten möchte -  einfach insgesamt nicht von Belang. Gut ist einfach gut.

Fakt ist, dass es sich bei Youn Sun Nah um eine hervorragend ausgebildete, extrem vielseitige und ausdrucksstarke Sängerin handelt, die nicht nur bei sehr ruhigen, spartisch instrumentierten Stücken glänzt, sondern auch in ihren überraschend energischen aber niemals geknödelten Ausbrüchen stets die volle Kontrolle über ihre Stimmbänder behält.

Bis auf wenige Ausnahmen wie "Lament" oder das böse "Ghost Riders In The Sky" ist "Lento" überwiegend ein eher ruhiges, aber deswegen nicht weniger spannendes Album, welches auf jeden Fall auch außerhalb elitärer Jazzpolizeizirkel seine Hörer verdient hat. Wer mit offenen Ohren durch die Welt geht, sollte auch ohne entsprechende Sozialisation mal mindestens eines davon riskieren.

Mich packt Youn Sun Nah hier beispielsweise weit mehr als das etwas zu verkonzeptionalisierte verkopfte letzte Album von Björk.

Aber wie gesagt - ich bin ja auch Jazzperte durch und durch.


Anspieltipps: Ghost Riders In The Sky, Momento Magico, Lament