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Shinrin-Yoku
2026-07-03
MIDYEAR TOP 15: my favorite releases of 2026 (so far)
2026-04-02
GLIMMEN - Quatre
Jedes einzelne Exemplar des Gatefoldcovers ist ein individuelles von Wietlispach aus historischen Zeitunge, Zeitschriften, Büchern persönlich angefertigtes Collagen-Kunstwerk, hier und da mit einander ähnelnden Themen und Motiven und doch absolut eigen.
Selbstverteidigung, Fitness, Medizin, Waffen und jede Menge Clowns stehen (nicht nur) bei meinem Einzelstück im Mittelpunkt, dazu Texte auf Englisch, Französisch und Gujarati... und anders als noch beim ähnlich gestalteten 2023er Werk "DOS" ist die Hülle diesmal auch tatsächlich als solche funktionsfähig. Darüber hinaus ist die ganze Ausführung sauberer geraten - Übung macht den Meister - und mit einer mit aufklappbaren Kunststoffhülle sicher geschützt.
Dazu gibt es ein original historische Postkarte - bei mir mit einem Motiv aus den Rocky Mountains - mit hinten aufgeklebter Tracklist + Credits.
Alles in allem einfach eine wunderbare liebevolle Gestaltung. Ich könnte nicht zufriedener sein.
Und dann ist da natürlich die gewohnt großartige Musik! In einer vielschichtigen Melange aus zart mäandernden bis laut lärmenden Gitarren, Vibrafon, Klavier und elektronischen Elementen, gefühlvollen Bläsern, beinahe wie in einem ekstatischen Ritual herumwirbelnden, aber dabei niemals ziellosen Drums und stabil alles von unten zusammenhaltendem Kontrabass zelebrieren Glimmen die Gleichzeitigkeit von Meditation und Chaos, von tiefer Introspektive und stürmischem Ausdruck. Zwischen Albert Ayler, The Necks und Swans spannt das Septett bewegende Bögen von Spiritual Jazz und freier Improvisation, über Ambient und Drone bis zum Noise Rock.
Knapp vierzig Minuten Spielzeit, unterteilt in sieben Tracks, sind genau die richtige Länge, um sich in einem Rutsch von diesem perfekten dynamischen Rausch hinwegtragen zu lassen.
Auch ohne die äußeren Schauwerte bestätigen Glimmen wieder einmal eindrucksvoll, warum sie neben Roji wohl mein Lieblingsprojekt in der ständig weiter auswuchernden Diskographie Jörg Schneiders sind. Und "Quatre" als Gesamptpaket... hach, was soll ich noch sagen, so ein Ding hilft doch ungemein, die eigene Vinylsucht vor sich selbst zu verteidigen.
2025-05-18
DRAZEK FUSCALDO GLIMMEN, SCHNEIDER | KRISTOF und THE NUDE SPUR
Antwort: Er spielt mit Roji, die inzwischen auch schon wieder ein Album veröffentlicht haben, in Japan. Nee, da kommt man nicht mit. Die Rubrik müsste richtigerweise also heißen: "Was hat Jörg Schneider eigentlich neulich, vor vielen Wochen gemacht?"
Doofe Frage, neue Alben veröffentlicht natürlich. Das läuft bei dem Schlagzeugmonster aus Hückelhofen ähnlich wie mit den Nachwuchs in britischen katholischen Arbeiterfamilien laut Monty Python.
Auf dieser CD, deren Songtitel schlicht die jeweilige Länge von "18:34", "14:12" und "18:01" spoilern, hat sich das Quartett mit Przemyslaw Drazek (Gitarre, Mandoline, Bläser) und dem Bassisten, Perkussionisten und - für das Album wahrscheinlich am prägendsten - Sänger Brent Fuscaldo zusammengetan.
Ich kann irgendwie so gar nicht sicher einordnen, ob mir der Gesang eher von afrikanisch gefärbten Spiritual-Jazz-Stimmen oder osteuropäischer, arabischer, irischer oder wasweißich welcher Folklore inspiriert zu sein scheint. Da mir partout kein augenfaustig passender Vergleich für sein Timbre in den Sinn kommen mag, schwimme ich hier zugegebenermaßem ganz elendlich. Auf jeden Fall ist der Gesang ein ausdrucksstarkes i-Tüpfelchen, das auf nimmermüde wallenden Improvisationswellen segelt.
Über unablässig hyperaktiver Schlagzeugaktivität strahlen in sich ruhende Kontrabassläufe, flächige Ambient-Gitarren, erhabene Bläserklänge und Vibraphon eine spirituelle, meditative Ruhe aus.
"Drazek Fiscaldo Glimmen" ist ein durchaus ereignisreiches und auch mal laut werdendes Album, welches jedoch durchgehend dazu einlädt, sich wie die saftige Fleischeinlage in der warmen Hühnersuppe treiben zu lassen. Zen-Faktor zehn.
Das Artwork von Jason Wietlispach weiß auch sehr zu gefallen!
Das Duo The Nude Spur aus Schneider und Gitarrist Thomas Kranefeld hat sich mal wieder zum gemeinsamen Western-Noiserock-Freejazz-Chaotenjam zusammengefunden - und es glaube niemand, sie würden plötzlich taugen, ein gedimmt beleuchtetes romantisches Dinner zu beschallen!
Nö, es werden natürlich erneut komplett außer Rand und Band - wie von verzogenen Bullykindern, die von hinten mit Gummibändern auf sie schießen, angetrieben - herdenweise ungezähmte Gäule im unkontrollierten Galopp übers Zwerchfell getrieben.
Eine Einordnung nach Spaß, Gestörtheit oder halb gespielten und in der Hektik wieder verworfenen Noten im Vegleich zum selbstbetitelten Debüt und "If They Move Kill'Em" spare ich mir.
Wer's liebt, der liebt es, und wer bisher mit verklebten Synapsen und blutenden Ohren schreiend die Klippe hinuntergesprungen ist, der wird auch gegenüber "The Major Kong Rodeo" den schnellen Luftweg nach unten vorziehen.
Im Prinzip funktioniert das neue Werk dieser beiden Wiederholungstäter ja auch sehr ähnlich. Die zehn auf dem CD-Digipak nicht einmal ausgewiesenen Tracks (online erfährt man, dass es sich jeweils um "Rodeo" mit französischer Nummerierung dahinter handelt) sind allesamt mittel- bis komplett panische Herzrasenbeschleuniger, die allerdings im Vergleich zu The Nude Spur eine größere dynamische Bandbreite abbilden und sich weniger auf einen spezifischen Gitarrensound konzentrieren.
Das Geschehen ist also insgesamt etwas akzentuierter - und muss es auch sein, denn Hölle, über eine Stunde dieser in alle Richtungen ausschlagenden blutdruckerhöhenden Nervenmassage ist - soviel Freude jeder einzelne Track auch macht - einfach eine verdammt respektable Menge, die einfach hier und da auch ein bisschen deutlich herausgestellte Abwechslung benötigt.
Trotzdem bleibt dies natürlich Kost für fortgeschrittene Krachjazz-und-Gepolter-Liebhaber, die sich zu Brötzmanns "Machine Gun" die Fingernägel lackieren und in einer Gerölllawine Babylätzchen stricken können. Würde mich beides zwar mangels Übung in jeden Handwerken auch überfordern, aber dieses Rodeo macht mir trotzdem Spaß.
2023-12-30
GLIMMEN - DOS
Musikalisch ist es vielleicht nicht der logischste nächste Schritt nach Sulphur Aeon. Doch wenn wir schon bei bemerkenswert verpackten Scheiben sind, dann komme ich am neuen Album von Glimmen einfach nicht vorbei. Ist es das handwerklich perfekteste und praktischste Cover? Die annähernde Funktionslosigekit des Gatefolds (keine Hülle im eigenlichen Sinne), sowie deutlich sichtbare Knitterkanten und Verklebungen sagen nö. Durch die stark reflektierende Außenschicht ist es noch dazu sehr schwierig vernünftig zu fotografieren.
Das zählt in diesem Fall allerdings auch gar nicht, sondern ist nur Teil des Charmes, handelt es sich doch bei jedem Exemplar um ein Unikat, eine vierseitige Collage aus original Zeitschriften, Werbekatalogen und Büchern aus dem amerikanischen normanrockwellschem Zeitalter. Dazu jeweils eine historische Flugzeug-Postkarte, auf welche die Credits geklebt wurden.
Ganz klar bestes Cover des Jahres! Oder kann man zu dieser süßen Miezekatze etwa nein sagen?
Wer auf individuell überraschende Vinylkunst steht, der sollte also nun schon einmal mit dem Einkaufsklickfinger zucken! Für alle anderen sage ich natürlich auch gerne ein paar Worte zur auch rein digital erhältlichen Musik:
Glimmen ist ein gemeinsames Projekt von Schneider mit Jason Wietlispach und einer Reihe von weiteren amerikanischen Gastmusikern. Im Vorjahr erschien ihr selbstiteltes Debut auf CD mit einem - bei weitem nicht so aufwendigen, jedoch ebenfalls schönen - handgemachten Cover. Ja, ich finde so etwas einfach immer toll.
Musikalisch bewegt man sich hier im von Schneider an sich häufig bespielten Feld zwischen Ambient, Drone und experimentell frei jazzender Improvisation.
Das nimmermüde hyperaktive Drumming ist somit schon leicht als Markenzeichen erkennbar. Dadurch dass aber auch stets eine nicht komplett spezifizierte Vielzahl an Instrumenten aktiv ist, erweitert sich das Klangspektrum z.B. im Vergleich zu den meisten Duo-Kollaboartionen des Schlagzeugers erheblich. Auch dass die sechs Stücke im Vergleich zu den drei Tracks des Vorgängeralbums kürzer geworden sind hilft dabei, einen noch größeren Abwechslumsreichtum zu etablieren.
Gitarren, Vibraphon, Saxophon, Kontrabass, zusätzliche Perkussion und elektronische Klänge mischen sich auf "DOS" zu einer lebensgefährlich riskanten Abfahrt durch atmosphärisch dichten Nebel. Irgendwie schafft es dieses Album wie eine rasend anwachsende Lawine zu rollen und einen doch im entspannt entrückten Superheldenmodus darüber schweben zu lassen. Ganz faszinierendes Zeug, das ich auch ohne Einschränkungen Einsteigern in die Welt des Free Jazz empfehlen würde. Kontemporäre Experimentalgewursteloberklasse mit unbedingter Kopfhörerempfehlung!
Und wo wir schon beim Klang sind: Nicht nur die optischen Schauwerte und die Musik an sich stimmen hier, sondern auch die Pressung ist tadellos.
Ich könnte jetzt wie bei der Hälfte der dieser Tage noch rausgehauenen Rezensionen wieder das Hätte-auch-in-die-AOTY-Liste-gehört-Gejammer anfangen, aber ehrlich gesagt habe ich meine noch reichlich mehr Veröffentlichungen einschließende Post aus Hückelhoven gleich unberücksichtigt außen vorgelassen, weil man irgendwann einfach eine Deadline ziehen müssen, nach der die Vorauswahl nicht mehr erweitert werden kann.
Als beinahe-katastrophale Anekdote sei noch erwähnt, dass mein Postzusteller das Paket mit diesem glimmenden Schatz in die Empfangskistee gepackt hat, obwohl in diese reich getauter Schnee geraten war. Eine Hälfte des Kartons war also komplett durchnässt - und zum Glück war es die richtige, auf der eine Künststoffhülle die LP erfolgreich vor der Pitschnässe geschützt hat. Die andere Seite - auf der sich mehrere CDs befanden - nach unten gepackt und diese wären alle hundertprozentig in Mitleidenschaft gezogen worden! Puh... Großes Aufatmen.
















