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2019-09-04

AMANDA PALMER - There Will Be No Intermission

Das ist doch mal eine eindeutige Ansage: 

So sieht's aus. So sehe ich aus.

Es geht jetzt vier Schallplattenseiten lang um mich.

Um privaten Kram, um Kleinkram, um existentiellen Kram, menschlichen Kram, Weiberkram, Kinderkram! Um all die Dinge ("All The Things"), das Ding mit Dingen ("The Thing About Things"), dieses Ding mit dem Tod ("Death Thing").

Ja, viel anstrengender Dingskram. Außerdem viel Klavier und Ukulele. Ja, Ukulele. 
Da musst Du jetzt durch! Unterbrechungen gibt es leider keine.

"There Will Be No Intermission"





AMANDA PALMER - There Will Be No Intermission (2LP) (2019)


Ok, zwei Dinge vorweg, um dem Leser gleich etwas die Angst vor dem aktuellen Album der ehemaligen Dresden Dolls-Sängerin zu nehmen:

Erstens meint sie das Ding mit der Unterbrechung nicht ganz ernst. Die Entscheidungsgewalt darüber, das Album in seiner stattlichen Gänze oder etappenweise zu hören, kann sie dem Hörer ja eh nicht entreißen. Außerdem entpuppt sich jeder zweite der zwanzig Albumtracks als zwanzig- bis maximal hundertsekündiges Zwischenspiel - also Unterbrechung -, in dem ein Kammerorchester das Thema eines Songs variiert. Das letzte davon trägt sogar passenderweise den Titel "Intermission Is Relative".
Und selbst der Titeltrack entpuppt sich als Intermission in der Mitte des Albums.

Zweitens: Nein, Amanda Palmer legt zwar offensiv und verletzlich ihre Seele offen, doch dies ist zum Glück kein so hart an die Grenzen der Hörbarkeit stoßender radikaler Exorzismus wie Lingua Ignotas "Caligula". Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen, ich liebe jenes Album noch immer. Aber für zwei Ungetüme jenes Kalibers innerhalb so kurzer Zeit ist mein Körper einfach nicht bereit.


Dabei haben beide Werke durchaus klare Gemeinsamkeiten. Die Songs bauen auf einer einfachen Basis aus Klavier (oder hier halt auch mal Ukulele) auf, aus der heraus sie zu gewaltiger Größe explodieren und wieder auf intime Nähe zusammenschrumpfen können. Amanda Palmer landet dabei allerdings nicht in geradezu menschenfeindlichem Lärm, sondern in orchestralem Bombast.

Mit der Stimme verhält es sich ähnlich: Vom unbedingte Aufmerksamkeit einfordernden Wispern bis zum nur noch sehr knapp harmonischen Schreien lässt sich an Amanda Palmer nur selten vorbeihören. Sie führt dies jedoch nicht auf eine maximal überhöhte Ebene wie Kristin Hayter bei Lingua Ignota, sondern bleibt naturalistischer und dadurch zugänglicher, für nicht auf Avantgardelärm geschulte Ohren einfach hörbarer.

Das bedeutet allerdings keinesfalls, dass ihre Geschichten weniger emotional packend wären.

Oh nein, denn gerade durch ihre leichte Nachvollziehbarkeit (wenn man nicht gerade den super-empathiebefreiten Obermacho spielt) werden sie so effektiv. Und Amanda Palmer ist einfach eine hervorragende Lyrikerin mit einer Introspektive, die es schafft, mehr als eine selten ausgesprochene Wahrheit über unser Dasein in Worte zu fassen. Vor allem aber findet sie auch Themen, auf die viele Hörer tatsächlich - vielleicht ohne es zu wissen - seit Ewigkeiten vergebens gewartet haben.

Ganz vorne darunter steht natürlich "Voicemail For Jill", ein insbesondere im Zusammenhang mit seinem Video immens einfühlsames Stück über das gerade in den USA aktuell extrem aufgeladene Thema Abtreibung, welches sich nicht um all das überflüssige Rauschen, sondern einzig um die Betroffene selbst kümmert: "You don’t need to offer the right explanation / You don’t need to beg for redemption or ask for forgiveness / And you don’t need a courtroom inside of your head / Where you’re acting as judge and accused and defendant and witness"

Doch selbst der zunächst scheinbar "kleinere" (tatsächlich mit beinahe elf Minuten längste) Song "A Mother's Confession" über die Beinahekatastrophen ihrer jungen Mutterschaft (Refrain: "At least the baby didn't die") entwickelt eine unerwartete Tiefe.

Beide Stücke sind auch wunderbare Beispiele sowohl dafür, wie Amanda Palmer ihre zuweilen schwere Kost ironisch bricht, ohne ihr dabei die Ernsthaftigkeit zu nehmen, als auch für liebevoll eingewobene persönliche Details, die sich auf dem kompletten Album verbergen.
So bietet sie in "Voicemail" etwa auf der Party, die sie für Jill schmeißen möchte "Ukulele by request" an.

Und in "A Mother's lament" erkennt sie, dass sich der kabarettbeeinflusste Vortrag etwas hinzuziehen droht und reagiert: "And I’m sorry that this story’s gotten long / And that everybody’s crying in this song". An anderer Stelle, als sie vom Akkordion spielenden Patenonkel des Babys erzählt, spielt eben jener tatsächlich Akkordion.


"There Will Be No Intermission" ist spürbar ein über lange Zeit mit immenser Liebe für das kleinste Detail entwickeltes Werk. Bleiben trotzdem ein paar Längen?

Ja und nein. Für die Länge der "Confession" oder des Openers "The Ride" muss man schon in Stimmung sein, ebenso für die Tiefe nicht nur von "Voicemail", sondern auch vom über acht Minuten lang in fast niemals anhaltendem, atemlosen Gesang vorgebrachten "Bigger On The Inside". Anderseits zwingt einen ja niemand, das Album stets komplett ohne Unterbrechung zu hören, nicht wahr?

Ja, ein, zwei Tracks fallen für mich schon ein wenig ab. Aber selbst wenn ich das berücksichtige und mich bemühe, die Stimmigkeit des gesamten künstlerischen Pakets, all die großen und kleinen Ohrwürmer und die Dankbarkeit für den Einblick in Amanda Palmers Seele als unwichtig zur Seite zu wischen, so muss ich doch wenigstens die Macht des "Single-Hits" respektieren und das Album schon für das Stück "Drowning In The Sound" alleine lieben.

Denn dieser sicherlich poppigste Song hat eine Klasse, die ihn auch im Repertoire von Tori Amos oder Kate Bush als Highlight bestehen lassen würde.


Es gäbe noch so vieles, auf das man hier eingehen könnte, doch letztendlich läuft es eh nur auf das eine mögliche Fazit hinaus, nämlich dass Amanda Palmer mit "There Will Be No Intermission" ein lautleises Album von cineastischer Qualität geschaffen hat, welches sich bei Bereitschaft, sich darauf einzulassen, als echter Opus Magnus entpuppt.

There will definitely be many plays.










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