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2020-05-02

DOOL - Summerland

Auch wenn Livemusik jenseits von Streams aus der Einsamkeit ja gerade mausetot ist und das komplette Unterhaltungswesen existentiell kriselt; was Albumveröffentlichungen angeht, war der April 2020 schon enorm stark. Das deutete sich in diesem Blog bereits anhand einiger Reviews meines sehr schreibwütigen Vormonats an. Und es kommen demnächst noch einige wirklich immense Kracher dazu.

Wäre es hier allerdings Brauch, ein "Album des Monats" zu küren,  fiele mir die Auswahl dennoch nicht schwer und ich würde mich ganz unkreativ diversen Printzines anschließen. Denn an den Holländern Dool ist in dieser Kategorie einfach nicht vorbeizukommen.

Aber immerhin kann ich für mich in Anspruch nehmen, schon zu den Hype-Train-Passagieren der frühen (Roadburn-Showcase-)Stunde zu gehören. Ich schreibe diesen Text also aus der arrogant entspannten Perspektive des Premiummusikfans, der ja eigentlich immer schon gewusst hat, dass diese Band das Zeug für ein phänomenales Album wie "Summerland" in sich trägt.




DOOL - Summerland (2CD artbook) (2020)


Für Fans des Debüts "Here Now, There Then" gibt es zunächst einmal eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Es gibt auf dem neuen Album kein "Oweynagat". Ebenso keinen epochal doomigen Opener wie "Vantablack" und auch kein "The Alpha".
Und das ist auch gleichzeitig die gute Nachricht, denn "Summerland" ist schlicht so stark, dass es keine Kopien früherer Highlights nötig hat.

Der Genre-Rahmen ist im Vergleich ein wenig enger geworden, was in diesem Fall ebenso zu den good news gehört, weil es einfach nur ein Indikator dafür ist, das Hauptsongwriterin / Sängerin / Gitarristin Ryanne von Dorst und ihre hochkarätigen Mitmusiker noch selbstbewusster zum eigenen Stil gefunden haben.

Schon der Opener "Sulphur & Starlight" gibt uns mit seinem postpunkbeeinflussten Hardrock, seiner präzise powervollen Rhythmussektion, der Verbindnung aus cleanen und verzerrten Gitarren, den Ohrwurmleadgitarren, unwiderstehlichem Refrain und dem unwechselhaften Organ von Dorsts so etwas wie eine Einführung in alle Eckpfeiler des Sounds von Dool.
Dabei ist dieser Song gar nicht mal der am unmittelbarsten zündende Track, sondern hat durchaus ein paar Durchläufe gebraucht, um sich bei mir als der riesige Hit zu etablieren, der er ist.

"Wolf Moon" zeigt danach, dass es schon ohne großes Biegen möglich ist, aus der musikalischen Grundformel zwar stimmungsverwandte, doch sehr unterschiedliche Stücke herauszuholen.
Man kann auch jetzt schon konstatieren, dass für das Album sowohl gesanglich als auch in puncto evokativer Lyrik eine deutliche Schippe obendrauf gepackt wurde.

Mit "God Particle" nehmen die Dinge dann richtig Fahrt auf. Von einem folkigen Intro mit bewussten leichten Dissonanzen aus immer weiter aufbauend nimmt einen dieser Track von Beginn an auf eine packende Reise. Die Anklänge an The Devil's Blood, die ohnehin noch offener als zuvor zelebriert werden, kommen hier nun spätestens in der zweiten Hälfte des Songs ganz deutlich zu Tage.
Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Album spätestens mit der Frage "Can you relate to me?" ohnehin schon keinen Widerspruch duldend mit dem Hörer verlobt.

Der achteinhalbminütige Titelsong stellt im Anschluss dann folgerichtig die Hochzeit dar.
Langsam, schwer, lynchig, gothic, gefühlvoll, gipfelnd in sich mit aller Macht mit Doppelleadgitarren ins Gehör stampfendem Bombast und anschließendem sanften Pianoausklang lassen Dool keinen Zweifel daran, dass man sie zu den größten Rockbands der Gegenwart zählen muss.

In den folgenden fünf Stücken zaubern Dool noch zahlreiche Variationen ihres Stils aus dem Hut, wobei sie hier und da von Gästen (Hammond-Orgel in "Be Your Sins", super tiefe spoken words vom Bölzer-Sänger in "The Well's Run Dry") unterstützt werden.
Die durchgehende Konstante ist, dass wirklich jedes Stück (auch wenn z.B. "Ode To The Future" ein paar Plays mehr gebraucht hat, um sich für mich vollständig zu etablieren) das Zeug zum Bandklassiker hat. Was kein veritabler Düsterrock-Kracher ist, das wurde einfach nicht auf dieses Album gelassen.

Je nachdem, welche Variante von "Summerland" man wählt - und wie immer macht einem das Prophecy-Label die Auswahl nicht leicht - folgen nach dem epischer kaum vorstellbaren Abschluss "Dust & Shadow" noch zwei weitere Bonustracks.

Ich konnte auf diese nicht verzichten und habe das schallplattenformatige Artbook mit zwei CDs gewählt. Neben Texten und Credits großzügig mit Bildern von Fotokünstlerin Nona Limmen geschmückt, welches ähnliche Überlebensgröße wie die Gemälde der letzten beiden Sunn O)))-Cover ausstrahlt, wird die Atmosphäre der Musik und des natürlich etwas an Fields Of The Nephilim denken lassenden lyrischen Rahmens hier perfekt visualisiert.

Ein wunderschön verpackter Tonträger, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich den Rest des Jahres überlebe, ohne nicht doch noch eines Tages zur Doppel-LP zu greifen. Vielleicht hätte ich hier tatsächlich mal zur Luxus-Komplettbox greifen sollen, die neben weiteren Dreingaben sogar die Extrastücke auf separater Schallplatte enthält.

Einzig die Halterung der Tonträger verunsichert mich wie immer bei diesen Artbooks etwas, auch wenn mir noch keines dieser Dinger bisher zerrissen ist.



Doch zu den Bonustracks:

"Khione" ist mit seinem treibenden Snare-auf-der-Eins-Beat mit Abstand das am thedevil'sbloodigste Stück des Albums. Dass Bandfreundin Farida Lemouchi herself hier mal wieder wie auf dem Debüt am Harmoniegesang beteiligt ist, mag diesen Eindruck natürlich noch verstärken.
Einzelne Passagen dieses konsequent in die Unendlichkeit ausfadenden Songs könnten durchaus auch von Lemouchis neuer Band Molasses stammen. Sehr stark!

"The Ascend To Summerland" schließlich ist mit großem Abstand der experimentellste aller Tracks,  lässt er doch die Welt der lendengesteuerten Rockmusik komplett hinter sich und bemüht sogar den Postrock nur als Durchgangsstation. Es handelt sich nämlich um eine komplette Umdeutung des Titeltracks im elektronischen Ambientgewand.
Diese Interpretation unterscheidet sich also sehr vom Original, ist jedoch ebenso grandios. Ein überragendes Lied bleibt halt in jeder Form ein überragendes Lied.


Ich sagte ja schon, dass "Summerland" für mich das Album des Monats ist. Das ist in Rezensionen natürlich immer eine ziemlich billige Keule, die ich in ihrem Superlativ "Album des Jahres" auch schon viel zu häufig bemüht habe. Ich will mich bessern!

Aber wenn ich nun schon dabei bin: Mein Album des Jahres haben Dool hier nicht hingelegt. Diese Position ist schon schwer verrückbar besetzt.
Daran, dass sich "Summerland" im Dezember aber im ganz weit oben im Kreis der Spitzenreiter wiederfinden wird, habe ich keinen Zweifel.

Zu schade, dass es noch so lange dauern wird, ehe man dieses fantastische Zeug endlich live erleben kann.




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