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2020-05-16

ORANSSI PAZUZU - Mestarin Kynsi

Dools "Summerland" im betreffenden Review zum Album des Monats April zu küren, war an sich eine ziemlich einfache Übung. Dennoch gibt es in meinem Besitz bereits mindestens zwei weitere Werke, die ihm im Kampf um diesen Titel so gut wie ebenbürtig - und je nach Tageslaune sogar überlegen - sind.

Eines davon kommt aus Finnland und stammt von einer der eigenständigsten Extremmetalbands der Gegenwart, den vor allem auch live (siehe ihr "Live At Roadburn") sensationellen Oranssi Pazuzu.



ORANSSI PAZUZU - Mestarin Kynsi (CD) (2020)

Sobald dieses Album richtig losgeht, braucht man wohl nur wenige Augenblicke, um zu erkennen, um wen es sich hier handelt, denn die Trademarks des Quintetts werden alle massiv gepflegt. Wir haben es also mit hemmungslos überschäumendem, immer an der Grenze zum kakophonischen Chaos brodelnden, mit halluzinogenem Krautrock vermengten Black Metal zu tun, der sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt hat, dem mürbe gekneteten Zuhörerverstand eine bleibende Psychose zu verpassen.

Ein zentrales Mittel, um sich durch die Großhirnrinde zu bohren, ist zweifellos das oft in krummen Takten ritualistisch hämmernde Drumming, welches in "Taivaan Portti" selbst einem Blastbeat durch geschickt akzentuierte Breaks eine Trance heraufbeschwörende Note verleiht.

Sänger Jun-His bleibt der Andy Serkis des Black Metal. So vielfältig und ausdrucksstark krächzen kann nicht jeder. In der Trat bringt seine Kehle bisweilen gleichzeitig jaulende und gurgelnde Laute hervor, die ich so noch bei keinem anderen Vokalisten vernommen habe. Dass die Texte wie immer komplett auf Finnisch ausgeworfen werden, bestärkt diesen Eindruck sicherlich auch ein bisschen. Absolut krank und beeindruckend.

Man merkt allerdings an der Selbstsicherheit, mit der Oranssi Pazuzu ihre Formel auf "Mestarin Kynsi" dann doch im Vergleich zum vorigen Schaffen verschieben, dass der Erfolg der waghalsigen Waste Of Space Orchestra-Kooperation mit Dark Buddha Rising (aka mein Album des Jahres 2019) sich irgendwo im Verständnis der Gruppe niedergeschlagen hat.

Das Inferno aus Keyboard- und Gitarrenklängen ertönt diesmal weniger aus den mythischen skandinavischen Wäldern, sondern hat oft ein viel technologischeres, retrofuturistisches Flair.

Damit rückt der gesamte Sound der Band ein Stück in Richtung urbaner Dystopie, was sie in ihrer Wirkung deutlich den New Yorker Advantgarde-Jazz-Schwarzmetallern Imperial Triumphant annähert. Eine Karte, die Oranssi mit dem - wie eben jenes Trio - stark Fritz Langs Stummfilmklassiker "Metropolis" huldigendem Video zu "Uusi Teknokratia" im Grunde selbst ganz offen auf den Tisch legt.





"Mestarin Kynsi" ist Lärm gewordener Superlativ und zeigt die innovative Gruppe in Höchstform. (Ok, schwache Form gibt es bei Oranssi Pazuzu auch nicht wirklich.)

Ganz klar, und unabhängig vom Subgenre, ist dies Metal der besten Sorte. So viel kompromisslos radikale, singuläre Klangvision ohne unnötigen Imagequatsch oder peinlichen Kitschballast wird einem einfach nicht jeden Tag geboten.

Und wen ich alleine nicht überzeugen kann, in das Ding reinzuhören, der sollte sich mal den sehr professionell umgesetzten gestrigen Livestream anschauen, in dem die Band - wie eigentlich dieses Jahr in Tilburg geplant - das Album in ganzer Länge gespielt hat:




(Hoffen wir mal, dass der Stream noch länger online bleibt, damit ich diesen Text nicht später noch editieren muss.)




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