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2014-12-20

Jahresrückblick Musik 2014

Was Platten und besuchte Konzerte angeht, war 2014 für mich ein ziemlich fantastisches Jahr, welches kaum Wünsche offen gelassen hat.

Hier sind nun also meine Top-Listen (und anderes Gedöns), und sie sind unfassbar unvollständig. ;)


ALBUM TOP 15:

  • LAIBACH - Spectre
    Nach vielen anderen Veröffentlichungen endlich wieder ein "richtiges" Album der Slowenen. Es ist eingängig, manchmal fast poppig - und nahezu perfekt - auch was den Zeitpunkt seines Erscheinens angeht. Denn Laibach sind hier wieder einmal ganz nah am politischen Puls der Zeit.
    Auch live ist jeder Song ein Knaller. Und James Bond benennt sogar seinen nächsten Film nach dem Album. ;)
     
  • GODFLESH - A World Lit Only By Fire
    Bäm! Es herrscht Krieg! Brüll! Die Welt brennt! In die Fresse! Alles ist zum Kotzen! Der brutalste Scheiß 2014. Und neben Laibach das zweite Album in dieser Liste, welches ganz intensiv den Zeitgeist wiederspiegelt. Zornigster Weltschmerz. "New Dark Ages" erwarten uns. Sowohl das Album als auch die vorher erschienen EP "Decline & Fall" unbedingt mit Japan-Bonustracks!



  •  SWANS - To Be Kind
    Ich war mir eigentlich ziemlich lange sicher, dass dieses Album hier ganz oben landen würde, ist es in seiner Gesamtheit doch das größte, monumentalste, ehrfurchtgebietenste Werk des Jahres. Ein gewaltiger, sicherlich nicht ganz leicht verdaubarer Brocken. Man könnte auch sagen Michael Gira as usual, also phänomenal und intensiv.
    Es ist auch nur knapp abgerutscht; am Ende haben sich Godflesh und Laibach in erster Linie ducrh ihre noch größere Aktualität vorgeschoben.


  • CYNIC - Kindly Bent To Free Us
    Es ist ein Cynic-Album, also Musik für die Ewigkeit. Wie immer anders, wie immer grandios. Diese Melodien kann nur Paul Mausvidal. Und was Sean Malone hier am Bass zaubert ist allein schon den Kauf wert. Und doch geht es hier ganz und gar nicht darum, individuelle instrumentale Fähigkeiten zu bestaunen. Die Songs sind einfach fantastisch.


  • LANA DEL REY - Ultraviolence
    Nein, live würde ich mir die Dame nicht geben. Aber im Studio funktioniert ihr Konzept ausgezeichnet und "Ultraviolence" ist ein in sich vollkommen stimmiges, eigenwilliges Pop-Meisterwerk, welches noch lange relevant bleiben wird.
     
  • YOB - Clearing The Path To Ascend
    Brutal, ranzig, meditativ, ergreifend. Die Doom-Götter um Mike Scheidt fahren in vier langen Tracks wieder alles auf, was sie können. "Marrow" ist die Hymne des Jahres.

  • QUEEN - Live At The Rainbow '74
    Der Doppelschlag (zwei Konzerte) aus dem vielleicht spannendsten Jahr der Bandgeschichte. Für mich das beste Queen-Livealbum aller Zeiten. Und auch die einzige Veröffentlichung aus der aktuellen Resteverwertungsflut der Briten, die man haben muss.
  • BLUES PILLS - Blues Pills
    Hype und Retrotrend hin oder her... Die Blues Pills sind einfach sensationell, allen voran Frontfrau und Energieüberschusswunder Elin Larsson. Ein tolles Debütalbum!
  • BEHEMOTH - The Satanist
    Die absolute Death/Black-Metal-Machtdemonstration aus Polen. Wahnsinn!

  • TRANSATLANTIC - Kaleidoscope
    Wahlweise könnte hier auch das Live-Album/Video "KaLIVEoscope" stehen. Epics, epics... and a few shorter songs again.
  • TRIPTYKON - Melana Chasmata
    Meister Thomas Gabriel Fischer trägt immer noch jede Menge Dämonen und Seelenqual in sich. Was er anfasst, das wird monolithisch dunkel und katharsisch böse. Dabei gibt es - anders als live - auch vieles von der ruhigen und doch sinistren Seite der Band zu hören.
  • MONO - The Last Dawn / Rays Of Darkness
    Zwei Alben in einem. Ein entrückender, instrumentaler Postrock-Höhenrausch aus Japan. Warum habe ich den größten Ohrwurm "Recoil, Ignite" eigentlich im Review nicht als Anspieltipp genannt?

  • THE OATH - The Oath
    So schön und schon vorbei. Wirklich schade, da dieses Debüt der Okkult-Metaller(innen) weit mehr als nur vielversprechend war.Von der Sängerin gibt es ja bald als "Lucifer" (auch irre originell, der Bandname) neues zu hören. Ich werde auf jeden Fall reinhören.

  • KRISTEEN YOUNG - The Knife Shift
    Wer hat die Dame nur so sauer gemacht? Und was kann ihr Keyboard dafür? Wie auch immer, schlechte Alben kann die exzentrische Sängerin anscheinend nicht.


  • SELIM LEMOUCHI & HIS ENEMIES - Earth Air Spirit Water Fire
    Bei "Molasses" werde ich immer an einer der emotional größten Momente meines Konzertgängerlebens denken müssen. Dass das Album an anderer Stelle auch mal ein wenig hängt, ist schon deswegen geschenkt. Selim Lemouchis Vermächtnis.

Bei etwas anderer Tageslaune hätten es u.a. auch noch Autopsy, Body Count, Bongripper, Colosseum, Conan, der Soundtrack zu "Only Lovers Left Alive" und einige mehr in diese Liste schaffen können... alles sehr sehr eng hier.
Und hätte ich noch Singles, EPs und Re-Releases berücksichtigt, wären evtl. auch Avatarium, David Bowie, Magma, White Hills in die Auswahl gekommen...





KONZERT TOP 10:


Nur je ein Konzert vom Roadburn Festival und Wacken Open Air, das ist im Grunde schon absolut unrealistsisch. Ob Triptykon, Bong, Kreator, da hätten noch einige Gruppen Nennung verdient... Aber auch sonst fällt einiges weg, wie z.B. Colosseum auf Platz 11.



TOP Konzert-BLU RAY:


WIEDERENTDECKUNG 2014:

Ganz klar: Die Vinyl-Schallplatte!

Nachdem mein Musik-Nerdtum in den letzten Jahren doch stark zugenommen hat, juckte es mich Kind der CD-Generation schon eine Weile, mich nach unfassbar langer Abstinenz wieder der ritualisiertesten und genussvollsten Form des Musikhörens zuzuwenden, zumal auch immer mehr Künstler exklusive Vinylveröffentlichungen rausbringen. So gab es den Laibach-Soundtrack zum Dictator's Cut von "Iron Sky" ausschließlich als Doppel-LP (+CDs). Das Ding stand also von Anfang des Jahres an im Regal. Später im Jahr folgte dann meine kleine Nachlässigkeit, als mir bei einer Onlinebestellung nicht auffiel, dass es sich bei einem Jarboe-Album nicht um eine CD handelte...

Und so war es Ende August soweit und ich habe mir ein Plattendrehophon zugelegt und mir seitdem eine kleine, aber feine bunte Sammlung aufgebaut. Diese enthält u.a. diverse neue Alben, die ich hier besprochen habe, außerdem Second-Hand-Schätze u.a. vom United Jazz + Rock Ensemble, Herbie Hancock, Kraftwerk und Colosseum II, und noch weitere Neukäufe, u.a. von Amy Winehouse ("Back To Black" natürlich), Julie Christmas, The Devil's Blood, Chelsea Wolfe, Watchtower, Made Out Of Babies... Außerdem ein paar Alben, die ich zwar schon als CD besitze, aber Vinyl ist halt geil: Morbid Angel, Morgoth, Janelle Monae.

Und was habe ich gelernt? Eine gute Vinyl-Pressung ist durch nichts zu schlagen. Man höre sich den z.T. sehr ruhigen Jazz auf "Same Girl" von Youn Sun Nah an und alle Knistervorurteile sind begraben.
Allerdings habe ich auch schnell bemerkt: Die Qualität schwankt durchaus stark, auch was die Verpackung angeht - was ich aus manchen neuen Hüllen schon an Papiergekrümel und Fusseln herausputzen musste, ist nicht mehr feierlich.

Und dann wünschte ich mir noch einen einheitlichen hohen Standard, was die digitale Bonusfrage angeht: Liegt ein Downloadcode bei? Wenn ja, ist dieser noch gültig? Bekomme ich mittelprächtige mp3s oder verlustfreie wav-Dateien? Kann ich mir das Format (wie z.B. bei Bandcamp) aussuchen?
So böseböse amazon auch sein mag: Bei AutoRip weiß ich, dass ich sofort eine digitale Kopie der Musik bekomme. Es sei denn, es ist amazon.co.uk, da müsste ich natürlich Brite sein... aarrgh. Und wenn man sich eine LP z.B. zu Weihnachten wünscht, also bei Kauf vom Wunschzettel, funktioniert die Option natürlich auch nicht...

Das alles nervt schon etwas. Ich habe zwar einen USB-Player, mit dem ich mir ganz anständige Kopien erstellen kann (denn so geil Vinyl auch ist, am meisten Musik höre ich nunmal gezwungenermaßen nach wie vor am PC und unterwegs), doch so gut wie Originale klingen diese Versionen dann doch nicht.
Die optimale Lösung ist eigentlich, wie z.B. bei der letzten EP von Haken, einfach eine CD beizulegen. Die Kosten für den Tonträger machen den Braten nicht fett - und ich kann die Mucke auch noch im nicht mit USB ausgestatteten Firmenwagen hören.

Aber am schönsten ist es natürlich, die Nadel auf die schwarze (oder oft ja auch schick bunte und/oder transparente) Scheibe zu setzen und direkt den warmen, vollen, organischen Klang aus der magischen Rille zu genießen.

Und was natürlich auch erwähnt werden muss: Ein geiles Cover sieht in groß natürlich noch geiler aus. So eine LP ist einfach der rundum schönste Tonträger.
 


BESTES KONZERT von DAS ROTE UNIVERSUM:
  • Mangels Auswahl fällt die Entscheidung mal wieder leicht: Im April in Windbergen haben wir neben unserem regulären Set noch eine kleine spezielle Unplugged-Show mit Covern u.a. von Voivod, Thought Industry, Slayer und Autopsy gespielt.
Ohnehin habe ich dieses Jahr wohl mehr entstöpselt als verstärkt gespielt. So haben Die FIFA Ultras - leider etwas spät - mit "Weltmeister sein" eine wunderbare Fußball-Hymne geschrieben:


Und dann war da ja noch das Familienkonzert mit Geschwistern und Schwägerin auf der Eisernen Hochzeit meiner Großeltern mit Hits u.a. von Abba, Trio, Emiliana Torrini, Freddy Quinn und der unvermeindlichen Helene Fischer. Man kann seinen Horizont doch immer noch in alle Richtungen erweitern.



ENTTÄUSCHUNG 2014:

Cynic und Voivod haben es leider nicht nach Europa geschafft.

Und ich Knauserer habe es nicht nach Hamburg zu Tori Amos geschafft! Dabei hätte ich zwei Tage vorher noch einen guten Platz bekommen können. Natürlich auch für gutes Geld... aber die Setlist war eine der besten der Tour inkl. "Total Eclipse Of The Heart"-Cover... hrmpf.

Die "Covenant"-Tour von Morbid Angel musste ich leider wegen Erkrankung sausen lassen.

Und alle Jahre wieder: Ob "Slovenian Democracy" "Laibach Revisited" noch jemals erscheinen wird? ;)


VORFREUDE 2015:

Welche neuen Alben erscheinen, habe ich noch gar nicht so auf dem Plan.

Konzertmäßig ist auch noch nicht vieles fest geplant, Laibach und Neal Morse sind aber schon ziemlich wahrscheinlich. Roadburn und Wacken stehen auch fest, d.h. ich kann mich schon auf einige Highlights der beiden Festivals freuen, vor allem aber auf die Fields Of The Nephilim, die ich noch nie live gesehen habe und nun gleich zwei Mal erleben darf!


 

2014-09-21

QUEEN - Live At The Rainbow '74

Sie wird immer noch kräftig gemolken, die Queen-Kuh. Doch die meisten CDs, DVDs, die Tribute Bands, Musicals usw. sind für mich nur noch Grundrauschen, dem ich keine große Aufmerksamkeit schenke. Ganz anders sieht es jedoch mit dem aktuellen Release aus, erschienen in verschieden umfangreichen Varianten und Formaten.

Ich habe mich für die Doppel-CD entschieden:



QUEEN - Live At The Rainbow '74 (2CD) (2014)

1974 war vielleicht das heißeste Jahr in der Geschichte der späteren Rock-Legenden Queen. Die Live-Klassiker stammten noch allesamt vom selbstbetitelten Debüt bzw. waren Coverversionen, man tourte für den genialen Nachfolger "Queen II", brachte Album Nr. 3 "Sheer Heart Attack" mit der ersten großen Hitsingle "Killer Queen" heraus und ging auch dafür auf Tour.

Nebenbei begannen schon die Aufnahmen für "A Night At The Opera", jenes in jedem Bestes-Rockalbum-aller-Zeiten-Ranking ganz weit oben vertretenes Werk, welches Queen vollkommen in die Stratosphäre schicken sollte... Doch das ist zum Zeitpunkt der beiden hier festgehaltenen Konzerte im Rainbow Theatre, London, noch Zukunftsmusik.

Da das Repertoire der Band noch überschaubar war, ähneln sich die beiden im März und November aufgezeichneten Konzerte natürlich im Grundaufbau und auch einigen Details. Trotzdem sollte man sich keinesfalls mit der 1-CD-Version, welche nur das November-Konzert enthält, zufrieden geben.

Gerade die März-Show war für mich ein Kaufargument, enthält sie doch z.B. mit "The Ferry Feller's Master Stroke" und "Great King Rat" rare Perlen, die leider in Folge der kommenden Alben aus dem Liveprogramm der Briten verschwanden.

Das spielerische Niveau ist bereits mehr als beachtlich und Junge, was klingt die Band hungrig! Wir alle wissen um das Genie von Brian May und natürlich dem unsterblichen, damals noch nicht mit Oliba vorstellbaren Freddie Mercury, doch ganz besonders hervorheben möchte ich den nach wie rockhistorisch sträflich unterbewerteten Roger Taylor, der sich hier als absolutes Tier an den Drums zeigt, was sich in "Liar" sogar in diversen kleinen Proto-Thrashmetal-Attacken äußert. Und sein Falsett-Gesang (Taylor hatte die höchste Stimme im Queen-Chor) ist einfach irre!
Die Leadstimme im "Modern Times Rock'n'Roll" hatte er live allerdings an Mercury übergeben.

Die am 20. November aufgezeichnete November-Show kenne ich zumindest in Teilen schon länger, wurde sie doch - in etwas kürzerer Form und gemischt mit Aufnahmes des Zwillingskonzertes einen Tag zuvor - bereits im Booklet "In The Lap Of The Gods" veröffentlicht. Doch auch für die bereits vertrauten Tracks lohnt sich die Neuanschaffung schon durch den aufgehübschten, restaurierten Klang der offiziellen Veröffentlichung.

Beide Konzerte präsentieren eine eigenwillige, manchmal kauzige, doch mit riesigem Showtalent ausgestattete Band auf Weltklasse-Niveau, noch bevor man ahnen konnte, wie sehr sie nur wenige Monate später weltweit explodieren würde.

Ein Rock'n'Roll-Geschichtsdokument - und zwei absolut überzeugende Konzertaufnahmen.


Nur zwei Dinge gibt es hier zu bemängeln:

Lieber Hersteller, hast Du schon einmal versucht, das Booklet aus dem Digipack zu holen? ... Aha, dachte ich mir.

Was aber vor allem nervt, ist die Track-Herausschinderei. Da bei vielen CD-Playern und in mp3-Form ja sowieso immer lästige Absätze zwischen den Tracks auftauchen, sollte man meiner Meinung nach auf unnötige Unter-Unterteilungen verzichten. Doch was passiert hier? "Keep Yourself Alive" läuft zweieinhalb Minuten, dann kommt (wie in der Studioversion!) ein Drumsolo und der Song geht schließlich weiter. Daraus werden hier drei Tracks mit den Spielzeiten 2:22, 0:27 und 1:22 Minuten. Was soll der Quatsch?

Das gleiche Spiel mit "Son And Daughter" und dem Gitarrensolo. Und da beide Songs in beiden Sets auftauchen, hat man insgesamt 8 Tracks aus dem Nichts gezaubert. Mich wundert nur, dass das Coversong-Medley vom März-Konzert nicht auch noch zerpflückt worden ist.
Das Medley aus "In The Lap Of The Gods", "Killer Queen", "The March Of The Black Queen" und "Bring Back That Leroy Brown", in der früheren Bootleg-Version noch ein einzelner Siebeneinhalb-Minuten-Track, wurde nämlich durchaus in Kleinteile zerlegt...

Schade, das sind Abzüge in der B-Note. 


Das ändert allerdings nichts am Fazit:

Unterm Strich ist "Live at the Rainbow '74" für mich in Ablösung von "In The Lap Of The Gods" die beste aller Live-Veröffentlichungen von Queen. Das heißt, wer dieses Jahr noch ein relevanteres Livealbum von wem auch immer erwartet, dem gehört die Rocklizenz entzogen. Denn an Kult und Klasse ist dieses Ding einfach nicht zu schlagen.

Die Vinyl-Version ist sicherlich das Nonplusultra, war für mich zum Zeitpunkt der Vorbestellung allerdings noch keine Option und wäre mir jetzt auch noch zu teuer. Vier LPs kosten eben Geld... Die BluRay mit dem November-Konzert plus vier Stücke vom März-Konzert (mehr Bild-Aufzeichnungen gibt es vermutlich nicht) könnte ich da noch eher in Erwägung ziehen.


Anspieltipps Disc 1: Great King Rat, The Fairy Feller's Master Stroke, Father To Son, Liar

Anspieltipps Disc 2: In The Lap Of The Gods (Revisited), White Queen (As It Began), Flick Of The Wrist, Ogre Battle

2011-12-31

Tonträger 2011, Teil 4 : Das Denkmal für die Ewigkeit (QUEEN)

Als hätte ich mir in letzter Zeit nicht schon genug neue und alte CDs zugelegt, von denen ich bestimmt die Hälfte noch nicht so intensiv gehört habe, wie sie es eigentlich verdiente hätte, kam nun auf den letzten Drücker noch meine persönliche vierte aus der 2011er Queen Remaster Serie (allgemeine Ausführungen siehe Review zun "Queen I") hinzu. Chronologisch wäre eigentlich das Superlativalbum "A Night At The Opera" dran gewesen, aber mir war dann doch nach persönlich weniger vertrautem Terrain...


QUEEN -Innuendo (2011 Remaster Deluxe Edition) (1991)

Als "Innuendo" erschien, war es für den gerade Heavy, Thrash und Death Metal bis Grindcore und andere extreme Musikstile entdeckenden Vierzehnjährigen, der nun unfassbare zwanzig Jahre später diese Zeilen schreibt, eine ziemliche Enttäuschung.

In der Musikpresse war die illusionäre Hoffnung auf eine zweite Opernnacht geschürt worden, der auch ein überragendes Spitzenalbum kaum gerecht werden konnte.
In der Rückschau muss ich allerdings einräumen, dass sich Queen auf dem letzten zu Freddie Mercurys Lebzeiten veröffentlichten Album diesem Anspruch schon erstaunlich weit angenähert haben. Nein, mit Heterogenität und Pathos wurde hier wahrlich nicht gekleckert.

Doch damals hat bei mir eigentlich nur der bombastische Titelsong mit seinem irrwitzigen Flamenco-Mittelteil gezündet, so dass ich mich auch mit der Single begnügt habe. Schon mit der Produktion des restlichen Albums, die sich so gar nicht festlegen mochte, ob sie Rock oder Pop sein wollte, waren meine pupertierenden Ohren wohl schon überfordert. Und auch inhaltlich lag da etwas schwer fassbares in vielen Songs, das nicht unbedingt meiner Erwartungshaltung an ein Rockalbum entsprach.

Heute wissen wir natürlich alle um den Hintergrund, vor dem dieses Album entstanden ist. Und dieses Wissen macht eine differenzierte Beurteilung von "Innuendo" im Grunde unmöglich, da es doch bei jedem Hören mitschwingt. Wer sich todkrank immer wieder aufrafft, um im Studio einige der größten Gesangsleistungen seiner Karriere abzurufen ("Don't Try So Hard"), der darf es - als Sänger von Queen sowieso! -  mit dem Kitsch auch mal einen Schritt zu weit treiben oder ein albernes Liedchen über seine Lieblingskatze ("Delilah") singen.
Auch kann man sich ja gar nicht dagegen wehren, jede Textzeile auf möglichen Bezug zu Mercurys Lebenssituation zu analysieren, auch wenn ein solcher oft vermutlich gar nicht gegeben ist.
Wer weiß - vielleicht wäre vieles mit einem kerngesunden Sänger gar nicht so anders ausgefallen. So gab es einen beinahe klassischen Gospel ("All God's People") ja schließlich auch schon mit "Jesus" auf der allerersten Veröffentlichung der Königlichen.

Wie auch immer es darum bestellt sein mag, "Innuendo" ist selbstverständlich das große Denkmal des Freddie Mercury, mit dem er theatralisch und gleichzeitig künstlerisch wertvoll wie kein Rockstar vor oder nach ihm seinen eigenen Abgang orchestriert hat. Wie kann man dieses Album hören, ohne spätestens im Finale der abschließenden Hymne "The Show Must Go On" eine Gänsehaut zu bekommen?

Anderseits - und das ist der Punkt, der mich nun nach dem neuem Kennenlernen sehr positiv überrascht hat - ist "Innuendo" auch ein wirkliches Gemeinschaftswerk einer Rockband, zu der jedes Mitglied einen enormen kreativen und spielerischen Anteil beigesteuert hat. Auch wenn bei einem so breiten stilistischen Spektrum zwangsweise nicht jeder Song auf gleicher Höhe begeistern kann, so sind doch sämtliche Stücke überreich an Ideen, Details und dem spürbaren unbedingten Willen, noch einmal so richtig auf den Putz zu hauen.

Der remasterte Sound transferiert "Innuendo" klanglich perfekt in die Zeit der zu spät Geborenen oder damals ignoranten Teenager. Mich haut dieses Werk gerade richtig um - so groß hatte ich es wahrlich nicht in Erinnerung. Eine sehr schöne Nach-Weihnachts-Überraschung!


Geschmälert wird der Eindruck erwartungsgemäß durch die magere Bonus-CD. Wobei alle Stücke darauf durchaus hörbar sind und ihre Berechtigung haben. Aber wenn es gerade aus dieser Schaffensphase doch laut Wikipedia noch so viele unveröffentlichte Songs geben soll, wären diese dann nicht relevanter als die Pilotgesangsversionen von "Ride The Wild Wind" und "Headlong" bzw. die alternativen Varianten von "I Can't Live With You" und "I'm Going Slightly Mad"?


Immerhin ist mit Brian Mays Blues "Lost Opportunity" auch eine nicht schon vom Album bekannte Komposition vertreten. Trotzdem hat man wieder einmal das Gefühl, dass das exklusivste Bonusmaterial möglicherweise für eine dieser superteuren Sammlerboxen, wie sie bei vielen Bands bzw. Plattenfirmen aktuell in Mode sind, aufgespart wird.

Schade eigentlich. Folglich kann man bei "Innuendo", ähnlich wie bei "Sheer Heart Attack", auch gepflegt zum günstigeren Fußgänger-Remaster statt zur Deluxe-Version greifen, ohne dass einem etwas essentielles entgeht.

Das Album selbst jedoch würde ich aber auf keinen Fall noch einmal zwanzig Jahre lang verpassen wollen. Wir haben viel nachzuholen, wir beide!


Anspieltipps: Innuendo, The Show Must Go On, Don't Try So Hard, I'm Going Slightly Mad

2011-09-05

QUEEN - Sheer Heart Attack (2011 Remaster Deluxe)

Lang ist's her, dass ich hier einen Tonträger rezensiert habe, dabei wären schon so einige in Frage gekommen. Aber zunächst einmal möchte ich passend zum heutigen 65sten von Freddie da anknüpfen, wo ich zuletzt im April aufgehört habe, nämlich mit der 2011er Deluxe-Remaster-Reihe von Queen.

Allgemeines zu dieser Reihe und was unter dem Begriff "Deluxe" (leider nur) zu verstehen kann in meinem begeisterten Review zu "Queen I" nachgelesen werden. Darauf folgte eine regelrecht euphorische Kritik zu "Queen II".

Es folgt nun logischerweise das dritte Album der Königlichen:


QUEEN - Sheer Heart Attack (2011 Remaster Deluxe Edition) (1974)


Erstes Album Begeisterung, zweites Album Euphorie, drittes Album... nein, eine weitere Steigerungsstufe kann ich nicht anbieten.

Tatsächlich war "Sheer Heart Attack" auch in meiner Phase intensivsten Queen-Fantums immer ein eher obskures Album, mit dem ich nie so richtig warm geworden bin, und dass ich dementsprechend als Teenager auch nie im Original, sondern nur in Teilen als Kopie auf Kassette (jüngere Leser informieren sich bitte hier: de.wikipedia.org/wiki/Compact_Cassette) besaß.

Nun hat sich mein Musikgeschmack über die letzten zwanzig Jahre natürlich schon etwas gewandelt und mir blieb nicht verborgen, dass das Album gerade unter Anhängern progrockiger Klänge viele Anhänger hat und dementsprechend auch für mich tendentiell interessant geworden sein dürfte. Doch erst mit dem bemerkenswerten Covermedley der Songs "Tenement Funster", "Flick Of The Wrist" und "Lily Of The Valley" auf der Bonus-Disc des Dream-Theater-Albums "Black Clouds & Silver Linings" wurde mir richtig klar, dass da jahrelang ein paar echte Queen-Perlen am Rande meiner Wahrnehmung dahinvegetierten.

Dieser Missstand ist nun behoben und ich kann festhalten, dass mir das Album wesentlich besser gefällt als früher. Dennoch bleibt "Sheer Heart Attack" nur ein gutes Werk mit genialen Momenten, welches gegen die Perfektion der in der Queen-Discographie angrenzenden Alben nach wie vor abfällt.

Woran liegt das?

Mit Sicherheit nicht an der kompositorischen Klasse des schon erwähnten Song-Dreierpacks oder auch der Hit-Single "Killer Queen", ebensowenig an den exzentrisch-irrwitzigen Gesangseskapaden von "In The Lap Of The Gods" oder dem Drive von "Stone Cold Crazy", welches Metallica zu Zeiten des schwarzen Albums folgerichtig als Thrash-Metal-Song identifizierten.

Aber nicht alle Songs spielen in dieser Liga, und so hängt die B-Seite bis zum bombastischen Finale mit "In The Lap Of The Gods... revisited" schon etwas durch.
"Dear Friends" möchte vielleicht eine auf "Nevermore"-Kürze heruntergebrochene Version von "Good Night" (The Beatles) sein und ist wohl der einzige Song, der - so ketzerisch das auch klingen mag - in meiner Vorstellung dazugewinnen würde, wenn Ringo Starr statt Freddie Mercury ihn sänge.

Mit dem folgenden "Misfire" kann ich auch nicht viel anfangen, und das von Brian May gesungene "She Makes Me (Stormtrooper in Stilettos)" hat zwar Potential, verlangt aber auch in der remasterten Version einfach nach einer moderneren Produktion, um in seiner gewollten Gleichförmigkeit zu zünden.

Die Produktion ist ohnehin so eine Sache. Einer meiner alten Kritikpunkte, der nach wie vor Bestand hat, ist der Mix des Gesangs. Jener erinnernt vom Hall her machmal ans Stille Örtchen und  ist bei einigen Songs einfach zu weit im Vordergrund. Ich bin ja relativ unempfindlich, was Soundmängel angeht, aber dies ist so einer der Fälle, wo mein Hörvergnügen leider schon ein bisschen eingeschränkt wird.

Nach drei Absätzen Kritik möchte ich natürlich nicht den absurden Verdacht schüren, dass es sich bei diesem Text um einen verkappten Verriss handeln könnte und erwähne deshalb als letzten Negativpunkt nur noch, dass der Song "Now I'm Here" in meinen Ohren leider nie ganz halten konnte, was sein Intro verspricht.

Ganz anders der furiose Opener "Brighton Rock". Früher war mir der Falsettgesang wohl zu anstrengend und/oder die Gitarrenpassagen zu ausufernd. Keine Ahnung, was mich geritten hat, das Ding nicht zu mögen. Sehr geiler Song!


Und die Bonus-Disc? Wie immer mit nur fünf Tracks etwas mager.

Zunächst einmal gibt es eine ordentliche, 1975 aufgenomme Live-Version von "Now I'm Here", dann als Highlights die BBC radio session-Versionen von "Flick Of The Wrist" und "Tenement Funster".

Der A Capella Mix von "Bring Back That Leroy Brown" ist eine einmal ganz lustige Studiospielerei, aber nichts, was wirklich veröffentlicht gehört.

Auch auf die abschließende Liveversion von "In The Lap Of The Gods... revisited" könnte ich gut verzichten, da sie zu einer ganz anderen Zeit entstand (1986) und sich dadurch nicht so recht ins Gesamtpaket einfügt. Unverständlich, dass man da nicht noch ein paar zeitgemäßere Aufnahmen auftreiben konnte oder wollte.

Wer bereits Besitzer von "Sheer Heart Attack" (und kein sammelnder Komplettist) ist, findet hier also keinen nennenswerten Mehrwert vor.


Dem Queen-Entdecker hingegen bietet sich mit dem letzten Frühwerk vor dem ganz großen Durchbruch die musikalische Brücke vom kauzigen Kitschprog des Vorgängers zum fast unmittelbar nachfolgenden Jahrhundert-Rockmonument "A Night At The Opera".

Ich persönlich halte die beiden Alben, welche diese Brücke verbindet, nach wie vor für essentieller, würde aber jemandem, der dies für das beste aller Queen-Werke hält, keinesfalls schlechten Geschmack attestieren.

In diesem Sinne und im Namen der rockmusikalischen Bildung: reinhören!


Anspieltipps: In The Lap Of The Gods, Flick Of The Wrist, Lily Of The Valley, Stone Cold Crazy

2011-04-11

QUEEN - Queen II (2011 Remaster Deluxe)

Neulich habe ich hier ja schon ein paar Worte nur aktuellen Neuauflage des Debütalbums von Queen verloren. Einige allgemeine Aussagen zur Deluxe-Remastergeschichte bitte ich bei Interesse dort nachzulesen, da ich mich nicht unnötig wiederholen möchte, wenn ich im folgenden das ebenfalls (ich vermute mal nach Led Zeppelin-Vorbild) selbstbetitelte Nachfolge- und erste vollkommene Meisterwerk der Band lobpreise.

QUEEN - Queen II (2011 Remaster Deluxe Edition) (1974)

Der durchs Radio mit der Band vertraute Wewillrocktheshowmustgoradiogaga-Queen-Fan kennt von diesem Album vermutlich keinen einzigen Ton, der "Greatest Hits"-Hörer wird immerhin mit der Single "Seven Seas Of Rhye" vertraut sein.

Mit Abstand wesentlich bekannter als die Musik dürfte das Cover sein, welches zweifellos zu den größten Ikonen der Bandfotografie überhaupt gezählt werden muss. Ich gestehe, es vor vielen Jahren, als ich noch in einer vierköpfigen Band sang, auch schon einmal geguttenbergt zu haben. Zum Glück ist das Foto verschollen. ;)

Aber zurück zum Album: Angesichts des unerschöpflichen kreativen Füllhorns, welches über die gesamte Länge dieses Albums ausgeschüttet wird, dürften Cover und "Seven Seas" einen mehr als unvollständigen Eindruck liefern.

"Queen II" ist ein facettenreiches, glamouröses, höchst eigenständiges Progrock-Konzeptalbum.

Kein Song gleicht hier dem nächsten, und doch gehen sie fast alle fließend ineinander über und bilden das sprichwörtliche Ganze, welches noch viel größer als die Summe seiner (schon für sich durchgehend starken) Teile ist. Kein anderes Queen-Album ist in meinen Ohren atmosphärisch so dicht. Gleichzeitig ist aber auch kaum ein anderes Werk der Band gesanglich so oft so offen albern. Klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Wahrscheinlich ist genau dies der Punkt, der die große Faszination ausmacht.
Das erstaunlich homogene Zusammenführen vollkommen unterschiedlicher Stile und Stimmungen ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal dieses Albums in der Queen-Discographie, sondern vielmehr die Regel, aber keine andere Veröffentlichung der Briten ist dabei eine so sehr in sich zusammenhängende Einheit wie "Queen II".

Die erste Seite der LP, "Side White", ist kompositorisch vor allem von Brian May geprägt. Der Gitarrist lässt uns nach der düsteren "Procession" über sechs Minuten durch das auch titelbedingt an "Son And Daughter" vom Erstling erinnernde "Father To Son" rocken, beeindruckt in der fabelhaften Halbballade "White Queen (As It Began)" mit einem seiner schönsten Soli und übernimmt in "Some Day One Day" erstmals den Leadgesang - und das richtig gut.

Das Finale der weißen Seite gehört jedoch der schon im Chor von "Father To Son" sehr auffälligen, charismatischen Reibeisenstimme von Roger Taylor. Im Grunde muss man sich wirklich wundern, dass der Drummer und Brian May ein paar Jahre früher überhaupt noch einen Leadsänger gesucht (und in Freddie Mercury noch viel mehr als das gefunden) haben!
"The Loser In The End" ist der Song, der noch am ehesten etwas vom Strom abdriftet. Das ist keineswegs negativ gemeint, sondern einfach durch Taylors von Mercury und May so unterschiedlicher musikalischer Persönlichkeit bedingt. Seine Songs sind ja fast immer die kleinen ruppigen Raumschiffe, die einen mitten im Album plötzlich durchschütteln.

Das größte Geschüttel auf "Queen II" kommt jedoch erst auf der komplett von Freddie Mercury komponierten, irrwitzigen "Side Black".
Rauschen... AAAAAHHHH! ... Riff rückwärts, Riff vorwärts ... AH AH AH AH AAAAHHHHH!
"Ogre Battle" ist Heavy Metaaaaaal! Aber sowas von!

"The Fairy Feller's Master-Stroke" ist über-kitschig, kindisch, albern, genial! Aber ebenfalls sowas von!

Nach dem Piano-Zwischenspiel "Nevermore" folgt mit "The March Of The Black Queen" eine der komplexesten Mammutkompositionen von Queen voller Tempo- und Stimmungswechsel, wie es sie insgesamt gerne noch häufiger hätte geben dürfen. Sicherlich weniger massentauglich als "Bohemian Rhapsody", auch noch nicht ganz so brilliant, aber was heißt das schon? Ich finde, der Abstand ist ziemlich knapp.

"Funny How Love Is" ist dann schon wieder eine ganz seltsame, aber unterm Strich einfach großartige Nummer, die ich mit so gar nichts anderem vergleichen kann, und zum Abschluss kommt die schon erwähnte Single "Seven Seas Of Rhye", die auch schon ein Jahr zuvor als ganz kurze Instrumentalversion das erste Album beendete.


Danach kommt dann der Punkt, an dem ich gerne gleich wieder auf "Play" drücke, um von vorne anzufangen. In den letzten zehn Jahren habe ich wahrscheinlich kein anderes Queen-Album häufiger gehört. In diesem Sinne: Allerheiligste Kauf- und Huldigungspflicht!


Aber es kommt ja noch die Bonus-Disc.

Auf dieser befindet sich erneut einfach zu wenig Material, auch wenn die BBC-Sessions-Aufnahmen von "Nevermore" und dem Blues "See What A Fool I've Been", sowie der Live-Mitschnitt von "White Queen" wahrlich nicht von schlechten Eltern sind.
Der Blues kommt am Ende nochmal als etwas ...ähm, darf man das in einem Queen-Review sagen? *g*... schwulere originale Studioversion. Von "spoof vocals" spricht das Booklet.

Den Instrumentalmix von "Seven Seas Of Rhye" hätte man sich hingegen ohne großen Verlust schenken können. Schaden tut er aber nicht. Es hätte nur insgesamt - und das gilt wohl leider für die gesamte Deluxe-Reihe - ein bisschen mehr sein können.


Anspieltipps: Ogre Battle, The March Of The Black Queen, White Queen (As It Began), The Loser In The End

2011-03-28

QUEEN - Queen I (2011 Remaster Deluxe)

2011 ist das große Jubiläumsjahr von Queen. Angesichts des 40sten Geburtstags kommen alle fünfzehn Studioalben mit Freddie Mercury noch einmal als Remaster raus. Den Anfang machen diesen Monat die ersten fünf Meisterwerke Queen, Queen II, Sheer Heart Attack, A Night At The Opera und A Day At The Races, von denen ich mir zunächst einmal die ersten drei als Deluxe Edition gegönnt habe.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Erwartungen an den Umfang der Extras, die der Begriff "deluxe" heutzutage weckt, wird leider nicht erfüllt. Ein wenig mehr als ein paar zusätzliche Fotos im Booklet und jeweils eine Bonus-EP mit einer Handvoll Tracks wären sicherlich drin gewesen. Ich denke da zum Beispiel an  an das - trotz einiger offensichtlicher Overdubs - hervorragende Live-Bootleg "In The Lap Of The Gods" von 1974, welches für die ersten drei Veröffentlichungen reichlich Material geboten hätte.

Dennoch ist die Anschaffung zumindest eines Teils des frühen Schaffens der Königlichen natürlich Pflicht - zumindest wenn man es noch nicht besitzt, oder die Tonträger, die man besitzt, ihr natürliches Haltbarkeitsdatum schon überschritten haben bzw. durch zu häufige Rotation Materialermüdungserscheinungen zeigen.

Und der remasterte Klang an sich ist auch keinesfalls zu verachten. Vor allem die gerade beim Debüt ja etwas schwachbrüstige Rhythmussektion kommt klarer und druckvoller zur Geltung, dies allerdings nicht zu offensichtlich, will sagen: Der ursprüngliche Geist, das Feeling der Originalversion leidet unter der Neubearbeitung zum Glück nicht.

Komplettisten würde ich raten, sich vielleicht das Collector's Boxset zuzulegen, welches neben dem ersten Veröffentlichungsschub bereits Platz für alle Alben bis "Made In Heaven" bietet. Ich persönlich kann darauf verzichten, zumal ich das "Flash Gordon"-Album nach wie vor nicht wirklich haben muss.

Doch nun zum ersten Album:


QUEEN - Queen I (2011 Remaster Deluxe Edition) (1973)

Ich bin ein Kind des digitalen Zeitalters. Zwar besaß ich noch ein paar Singles und Langspielplatten, doch kurz nachdem sich mein musikalisches Interesse jenseits von Michael Jackson um die gerade aktuellsten Queen-Alben "The Miracle" und "A Kind Of Magic" erweitert hatte, zog der erste CD-Player in den Haushalt ein und mit ihm die erste Compact Disc: das selbstbetitelte Debüt von Queen!

Im Zusammenhang mit "Queen" wird im Vergleich zu späteren Werken ja häufig vom "noch ungeschliffenem Rohdiamanten" o.ä. gesprochen. Ein Bild das einerseits zwar stimmt, da fast alle musikalischen Markenzeichen zumindest im Ansatz schon vorhanden, die Rahmenbedingungen für den späteren Studioperfektionismus und -gigantismus aber noch nicht gegeben waren, das anderseits aber auch darüber hinwegtäuscht, dass es sich bei diesem Debüt durchaus bereits um ein vollwertiges, in sich stimmiges Album handelt.

In Kenntnis der nachfolgenden Entwicklung vermisse ich eigentlich nur den für alle späteren Queen-Alben der 70er Jahre obligatorischen von Brian May gesungenen Song. Roger Taylor darf hier hingegen schon mit "Modern Times Rock'n'Roll" kurz und schmerzlos auf den Putz hauen.

Sollte ich mich für einen Lieblingssong entscheiden müssen, wäre dies wohl das irrwitzig kitschige "My Fairy King", dessem Text Herr Farrokh Bulsara bekanntermaßen seinen Künstlernamen Mercury entnommen hat.
Doch auch "Great King Rat" oder "Son And Daughter" sind in meinen Ohren unsterbliche Klassiker.
Und der plötzliche einsetzende wilde Gitarrenpart in der Falsettballade "Doing All Right" war für mich eine zentrale Initialzündung, mich noch mehr den härten Klängen des rockmusikalischen Spektrums zuzuwenden...

Die Bonus-Disc enthält fünf der zehn Albumsongs als 1971 aufgenommene Demoversionen, mit zum Teil noch deutlich anderen Arrangements, was insbesondere in "Liar" deutlich wird. Das Schlagzeug klingt auf diesem Demo sogar tatsächlich noch lebendiger als auf dem späteren Album. Der Gesang überzeugt mich auf den späteren Aufnahmen allerdings mehr, auch wenn Freddie Mercury auch hier schon selbstverständlich eine Klasse für sich ist.
"The Night Comes Down" hat es seinerzeit schon direkt von diesem Demo auf "Queen I" geschafft, da man nicht glaubte, die Aufnahme noch übertreffen zu können.

Im Gegenzug blieb "Mad The Swine" unberücksichtigt, der sechste und letzte Song der Bonus-CD, ein Liedchen, mit dem ich wohl noch warm werden muss. Ich finde es besonders im Refrain nicht so stark wie das restliche Material. Von daher zurecht ausgemustert. Wirklich schlecht aber auch keinesfalls.

Insgesamt bleibt nur eine unbedingte Kaufempfehlung, für ein großartiges, frisches, musikalisch sehr vielseitiges und eigenständiges Album, dass mir auch zwanzig Jahre nach dem ersten Hören noch nicht langweilig geworden ist.
Nein, ganz im Gegenteil! Momentan spiele ich "Queen I" und das "De Lane Lea"-Demo rauf und runter.

Anspieltipps: My Fairy King, Great King Rat, Son And Daughter