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2016-07-04

AYREON - The Theater Equation

2004 brachte Arjen Lucassen mit "The Human Equation" sein für mich nach wie vor größtes Ayreon-Album heraus.

Auf keinem anderen Werk finden alle Bestandteile, die Ayreon ausmachen, so perfekt zusammen wie auf diesem Doppelalbum; die Mischung aus Metal, Progrock und Folkelementen, zahlreiche Gastsänger in unterschiedlichen Rollen, alles eingebettet in anspruchsvolle und doch äußerst ohrwurmige Songs.
Und da Lucassen (anders als Kollege Tobias Sammet mit seinen furchtbaren Avantasia) über einen guten Geschmack und ein ausgezeichnetetes Gespür für das richtige Maß an Naivität, Tiefgang, Härte und Kitsch verfügt, ist "The Human Equation" für mich nicht weniger als das beste Rock-Opera-Album aller Zeiten.

Im September 2015 wurde die Geschichte um einen Mann im Koma, der im Krankenbett mit seinen Emotionen ringt, während sich an seiner Seite seine Frau und sein bester Freund die Schuld für seinen Autounfall geben (um die Story mal sehr grob anzudeuten), für vier Aufführungen in einem Rotterdamer Theater zum Leben erweckt.

Ich war ja durchaus versucht, dem Geschehen live beizuwohnen, allein Zeit und Geld...

Zu meinem Glück wurde das Ganze aber am letzten Tag aufgezeichnet und ist nun in verschiedenen Versionen für zu Hause erhältlich. Ich habe mich für das Digipack mit DVD und zwei Audio-CDs entschieden.

   

AYREON - The Theater Equation (2CD+DVD) (2016)

Wie von InsideOut gewohnt ist die Aufmachung des von Meister Lucassen selbst signierten (da vorbestellten) Digipacks über jeden Zweifel erhaben.

Kommen wir also gleich zum Inhalt: Genau wie das Album ist die Bühnenumsetzung in zwei Akte aufgeteilt, welche beide jeweils zehn Tage der Handlung abdecken.

Die Bühne besteht aus drei Ebenen, von denen die unteren beiden Unterbewusstsein und die Erinnerungen an Schauplätze seines Lebens (Kindheit, Arbeitsplatz, Autowrack) des Protagonisten repräsentieren, während sich oben die reale Welt mit dem Krankenbett befindet. Hier agieren auch die Band und der bis zu neunzehnköpfige Chor, der die zehn Hauptsänger(innen) unterstützt.

Die Band ist selbstverständlich mit absoluten Könnern besetzt und sehr gut aufeinander eingespielt, umfasst sie neben der unvermeidlichen Powerdrumming-Präzisionsmaschine Ed Warby doch auch noch zahlreiche weitere Musiker aus dem Ayreon-Umfeld, die u.a. zuletzt zusammen am Album des Lucassen/van Giersbergen-Projekts The Gentle Storm bzw. dessen gelungener Liveumsetzung (z.B. auf dem Wacken Open Air) mitgewirkt haben.

Dies gilt auch für den nicht auf der Bühne stehenden musikalischen Direktor des Unterfangens Joost van den Broek, welcher auf "The Diary" das Klavier beigesteuert hatte.
Auch Arjen Lucassen, welcher sich in der Livesituation bekanntermaßen weniger wohl fühlt als im Studio, begnügt sich abgesehen von einem Cameo am Ende mit der Rolle hinter den Kulissen.

Die Originalsänger von "The Human Equation" stehen allerdings fast alle auf der Bühne und liefern allesamt eine fantastische Performance ab. James LaBrie ist als Protagonist Dreh- und Angelpunkt des gesamten Geschehens, und es tut mir für ihn tatsächlich etwas weh, dass er dieses Jahr so oft für die im Vergleich bei aller teurer Showtechnik doch eher blutleere "The Astonishing"-Show von Dream Theater raus muss, nachdem er Teil dieser wesentlich spannenderen Konzeptalbums-Aufführung war.

Die weiteren original besetzten Rollen sind die Ehefrau (Marcela Bovio, auch live bei The Gentle Storm dabei), Eric Clayton als Verstand, Heather Findlay als Liebe, Devon Graves als Qual, Magnus Ekwall als Stolz und Irene Jansen (Verwechslungsgefahr mit ihrer Schwester Floor Jansen von Nightwish nicht ausgeschlossen) als Leidenschaft.

Nur drei Charaktere wurden neu besetzt:

Arjen Lucassen delegiert seine eigene Gesangsrolle als bester Freund an Jermain van der Bogt (aka Wudstik), mit dem er schon auf "01011001" zusammengearbeitet hatte. Das in Holland als Hansdampf in allen musikalischen Gassen zwischen Hip Hop und Progrock tätige Sangeswunder stellt das Original ganz klar in den Schatten. Und das ist keineswegs despektierlich gegenüber Lucassen gemeint. Insbesondere die Duette mit Marcela Bovio sind reines Gold.

Devin Townsends Rolle als Zorn hat deutlich mehr Einsätze als in der Studioversion und fusioniert außerdem mit dem Vater. Gesungen wird sie von Mike Mills, der auf dem letzten Ayreon-Album "The Theory Of Everything" bereits einen anderen Vater verkörperte.
Mills' Auftritt ist der wahnwitzigste und wohl auch spaßigste Teil der gesamten Show, vollkommen irre, der Typ.

Die dritte und ungewöhnlichste Neubesetzung betrifft die ursprünglich von Opeth-Mastermind Mikael Åkerfeldt verkörperte Furcht, welche von Anneke van Giersbergen naturgemäß ganz neu interpretiert wird. Von allen Änderungen mag dies für viele Fans wohl die gewöhnungsbedürftigste sein. Ich hatte damit allerdings keine Probleme, schon weil Anneke van Giersbergen für mich ja grundsätzlich eine Bereicherung für jede musikalische Darbietung darstellt.

Åkerfeldts gelegentliche Grunts sind trotzdem nach wie vor vertreten und scheinen aus den Reihen des Chores zu stammen.

Eindeutig erkennbar ist dies leider nicht, womit ich beim größten Kritikpunkt dieser Veröffentlichung bin: Die Bildauswahl und Kameraführung wird dem Niveau der Aufführung leider nicht gerecht, sondern erweist sich leider als sowohl von der Handlung, dem Bühnengeschehen, als auch den Lichtverhältnissen überfordert. Fernsehausstrahlungstauglich ist dieses Bild leider nicht - dabei hätte das Konzert es so sehr verdient.
Arjen Lucassen selbst gibt auf facebook ganz offen zu, dass ihn die Leistung des Filmteams alles andere als begeistert hat und es eine ziemliche Qual war, aus dem Material etwas brauchbares herauszuholen.
Das hat er letztendlich auch ganz gut hinbekommen, denn es ist am Ende auch nicht so, dass einem der Genuss der DVD verdorben wird. Es fehlen aber einfach Schwenks, Close-Ups und dramatisch sinnvollen Schnitte, sowie die höhere Bildqualität, nach denen die Show schreit.

Der Ton allerdings (Stereo oder 5.1) ist zum Glück einwandfrei. Und für alle, die mit dem Album nicht vertraut sind gibt es sehr hilfreiche Untertitel - sogar in verschiedenen Sprachen -, mit deren Hilfe stets ganz genau nachvollziehbar ist, wer da gerade was singt.


Doch zurück zum Wesentlichen:

Obwohl die Band mit Zwei-Gitarren-Rockbesetzung, mehreren Keyboards, Geige, Cello, Flöte und Holzbläsern schon recht breit aufgestellt ist, kann sie natürlich nicht alle Nuancen des Albums hundertprozentig reproduzieren.  Die Energie der Liveaufführung gleicht dies jedoch locker aus, so dass es tatsächlich kein Detail gibt, welches ich ernsthaft vermisse.

Anderseits gibt es einige zusätzliche Arrangements. So wird z.B. "Day Four: Mystery" durch einen langen A Capella-Teil des Chors erweitert. Zwischen den Songs tauchen einige Reprises auf, welche die Handlung noch etwas verdichten und entweder ebenfalls vom Chor getragen werden ("Reprise Pain 2")  oder Bruchstücke vorangegangener Songs mit veränderten Sängern und/oder Texten wieder aufgreifen.

Sowohl hier als auch für einige angepasste Textzeilen in den regulären Songs tauchen auch ein paar auf dem Album nicht enthaltene Nebenrollen auf, welche sich aus dem Chor rekrutieren: der Arzt, die Krankenschwester und die Mutter.

All diese kleinen Anpassungen sind sinnvoll und auf jeden Fall eine Bereicherung für die Umsetzung.

Es wird zwar durchaus geschauspielert (sogar inklusive einiger neuer gesprochener Sätze), doch natürlich ist "The Theater Equation" definitiv kein Theaterstück, sondern ganz klar eine Rock-Oper mit Betonung auf Rock bzw. Metal. Und natürlich den gleichwertig eingebetteten Musical-Elementen. Es tut jedoch niemand hier so, als wolle man sich um einen Tony Award bewerben. Nein, alle Konzentration ist darauf gerichtet, ein meisterhaftes Konzeptalbum angemessen auf die Bühne zu bringen.

Und das gelingt beeindruckend. Genau wie das zugrunde liegende Album findet "The Theater Equation" immer das richtige Gleichgewicht zwischen all seinen Bestandteilen. Vor allem aber reiht sich ohne Durchhänger ein Höhepunkt an den nächsten. Ja, ich bin hochoffiziell neidisch auf alle Fans, die diese Show live erleben durften.

Trotz der filmischen Mängel ist dies bisher für mich die Liveaufzeichnung des Jahres.
Da ich aber generell Musik-DVDs nicht allzu häufig einschiebe, sind die Audio-CDs hier aus meiner Sicht ohnehin das Hauptmedium.

Und ähnlich wie bei "Operation Mindcrime" oder "Scenes From A Memory" habe ich auch hier das Gefühl, dass sich die Liveversion in meiner Rotation langfristig sogar gegen das Studiowerk durchsetzen könnte.

Fabelhaft!




Anspieltipps: Von vorne und ganz! Ist schließlich "The Human f***ing Equation"!


2015-06-03

THE GENTLE STORM - The Diary

Auf meiner Blog-To-Do-Liste stehen zwar noch einige eher aufs Roadburn Festival zurückgehende Tonträger-Rezensionen, doch nun will ich hier zur Abwechslung auch mal wieder ein wenig die Vorfreude aufs Wacken Open Air pflegen.

Wobei ich es trotz mehrerer Mitfahrer frühzeitig dorthin schaffen muss, um die hier besprochene Band nicht zu verpassen, spielt sie doch bereits am frühen Mittwoch Abend. Das wird wohl meine große organisatorische Herausforderung dieses Jahr...

Es geht um das gemeinsame Projekt von Ayreon-Meisterhirn Arjen Lucassen und Ex-The Gathering-Goldkehle Anneke van Giersbergen:



THE GENTLE STORM - The Diary (3LP/2CD) (2015)

Auch wenn sich der scheue Einsiedler Lucassen live (abgesehen von einer handvoll Unplugged-Shows, zu denen seine Kreativpartnerin ihn gepeitscht hat) nicht beteiligt, wären The Gentle Storm für mich natürlich auch dann Wacken-Pflichtprogramm, wenn die Scheibe nur so lala wäre; einfach durch ihre große positive Präsenz (Ich erinnere mich immer noch mit Freude an ihr für mich überraschendes Auftauchen mit Maiden United.) und natürlich ihre Stimme, die nach wie vor das Maß aller Dinge für klaren weiblichen Gesang im Metalkontext ist.

Wobei "The Diary" gar kein Metal-Album ist, zumindest in einer der beiden Versionen.
Ja, das komplette Ding ist in zwei unterschiedlichen Interpretationen enthalten, nämlich der "Gentle version" und der "Storm version".
Dieses Konzept klingt schon mal nach einer typischen Lucassen-Idee (remember "Universal Migrator"?), und auch die musikalischen Ausrichtungen dieser Alben sind in seinem musikalischen Kosmos nichts gänzlich neues. Einmal haben wir hier das seit "The Human Equation" immer weiter entwickelte Folk-Element  für sich stehen, während "Storm" eher auf den typischen bombastischen Progmetal-Sound baut.

Weiterhin unverkennbar Arjen Lucassen sind die Zusammenarbeit mit Drummer Ed Warby und die Tatsache, dass es sich hier um ein Konzeptalbum handelt.

Doch um als weiteres Ayreon- oder gar Solowerk durchzugehen, unterscheidet sich "The Diary" doch in entscheidenden Punkten zu sehr vom vergangenen Schaffen aus dem Electric Castle Studio.

So ist Anneke von Giersbergen diesmal nicht eine von mehreren angeheuerten Stimmen, sondern trägt das Album gesanglich fast ganz alleine.
Und vor allem handelt es sich bei The Gentle Storm auch jenseits der reinen Performance um ein gemeinsames Projekt der beiden Künstler auf Augenhöhe.

Dabei haben van Giersbergen und Lucassen gemeinsam das Konzept erarbeitet, er die Musik komponiert und sie die Texte geschrieben.
Bei den Aufnahmen hat sich der Multiinstrumentalist für seine Verhältnisse eher zurückgehalten. Natürlich spielt er fast alle Gitarren und weitere Saiteninstrumente wie z.B. Mandoline, Banjo und Dulcimer. Den elektrischen Bass hat er jedoch Johan van Stratum überlassen, und vor allem verzichtet er freiwillig komplett auf eines seiner stärksten Markenzeichen: Es gibt auf "The Diary" keinerlei analoge (oder digitale) Keyboards zu hören!

Wohl aber kommen reichlich andere Instrumente zum Zuge: Flöten, Streicher, Horn, Klavier, Sitar, Bouzouki und diverse indische Gerätschaften wie Surbahar und Tabla bestimmen u.a. das Klangbild.

Die "Storm version" bietet zusätzlich auch noch einen bombastischen Seemannschor, der auf holländisch Kommandos wie "Ras aan bord. Trossen los!" singt.

Und welche Version ist besser?

Ehrlich gesagt, kann ich das nicht beantworten. Ein guter Song ist ein guter Song, egal womit man ihn vorträgt. Und alle Songs auf "The Diary" sind klasse.
Die "Gentle version" passt mit ihrer traditionelleren Instrumentierung und größeren Sensibilität insgesamt einen Tick besser zum historischen Sujet des Albums (mehr dazu gleich), während der "Storm" vor allem in den Action-Sequenzen der Handlung punktet.

Zwar unterscheiden sich beide Versionen deutlich, was das Doppel-Konzept auch rechtfertigt, doch sie tragen immer noch so sehr die selbe Handschrift, dass sie sich auch problemlos mischen lassen. Hätten sich Arjen und Anneke bei jedem Lied also nur für eine Lieblingsversion entschieden, wäre dies immer noch ein tolles Album. Und sicherlich haben sich auch schon einige Fans ihre persönlichen Lieblings-Playlisten für "The Diary" zusammengeschustert.
Ich mag sie beide gleichermaßen und kann nur spontan nach meinem Bedürfnis nach mehr Gefühl oder mehr Wumms entscheiden, wie ich das Album genießen möchte.

Immer reinschmeißen könnte ich das Ding nicht, da es teilweise schon recht zuckersüßlich an der Kitschgrenze tanzt, wozu man schon in Stimmung sein sollte.

Musikalisches Fazit: The Gentle Storm präsentieren ein einwandfreies, melodisch beschwingtes Progmetal/Folkrock-Werk, perfekt kraftvoll produziert, mit einer bezaubernden Anneke van Giersbergen in Bestform am Mikro.


Und nun zum Sahnehäubchen auf der Torte!

Das mit historisch fachkundiger Beratung entwickelte Konzept des Albums ist nämlich extrem gelungen. Oberflächlich verbindet die Geschichte den Blick auf das Goldene Zeitalter Hollands, als die Niederlande nichts nur die größten Entdecker stellte, sondern auch wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell eine Weltmacht waren, mit einer klassischen Liebesgeschichte.
Der Plot ist dabei ganz simpel: Joseph ist ein Seemann, der im Dezember 1666 auf große Handelsfahrt gen Indien segelt. Seine geliebte Susanne bleibt in Amsterdam zurück und stellt wenige Wochen später fest, dass sie schwanger ist. Während Joseph fremde Länder kennenlernt und Stürmen trotzt, kommt das Kind der beiden zur Welt. Doch dann wird Susanne krank...

Erzählt wird die Geschichte über Susannes titelgebendes Tagebuch, welches ihre Nachfahren in einer Truhe aus Hinterlassenschaften finden. Neben ihren Tagebucheinträgen befinden sich darin alle Briefe, die sich die Liebenden während Josephs langer Reise geschrieben haben.
Jene Briefe sind die Songtexte des Albums.

Der eigentliche Clou der Geschichte, welcher ihr jenseits der zeitlosen Liebesgeschichte und den Schwärmereien von Amsterdam und Indien eine sehr aktuelle Relevanz gibt, ergibt sich allerdings erst im Zusammenhang mit der Verpackung.

Wie sowohl von InsideOut als auch von Ayreon gewohnt gibt es "The Diary" in mehreren luxeriösen Ausführungen wie z.B. Digipack und Artbook.
Die Vinyl-Variante enthält drei LPs sowie beide Versionen des Albums zusätzlich auf CD. In einem wunderschön aufgemachten großformatigen Booklet sind alle Texte (bzw. Briefe) und die dazugehörigen Tagebucheinträge zu sehen.


Auf der Innenseite des Gatefolds befinden sich die Credits und eben eine Seite, die neben einer historischen Einführung einen Zeitstrahl der Ereignisse enthält.

In diesem sind nicht nur die Ereignisse in Amsterdam und Josephs Reiseroute nachzulesen, sondern vor allem die Wege, welche die von Seeleuten auf anderen Schiffen geschmuggelten Briefe nehmen. (Die Holländische Ostindien-Kompanie erlaubte offiziell keine Briefwechsel, da sie den Verrat von Handelsgeheimnissen fürchtete.)
Und hier wird deutlich, dass die Geschichte keinesfalls so linear ist, wie sie zunächst erscheint. Denn die Briefe sind lange unterwegs. Liest einer vom anderen, so sind inzwischen schon zehn ereignisreiche Monate vergangen.

Und diese spärlichen Nachrichten voneinander reichen tatsächlich, um ihre Liebe und Beziehung aufrecht zu erhalten?

Ist dies in unserer Gegenwart des sozialmedialen Overkills und der ständigen Erreichbarkeit überhaupt noch vorstellbar? Sind wir wirklich so viel weiter als Susanne und Joseph oder sind wir mittlerweile nicht schon wieder einige Schritte zurück gegangen?
Unsere Kommunikation ist unglaublich schnell, unmittelbar, direkt.
Aber ist sie nicht auch oft übereilt, gedankenlos, wertlos?

Und können wir überhaupt noch per Hand schreiben?

Fragen über Fragen.

Die Antworten müssen wir ohne Hilfe aus Holland selbst finden. Aber dabei ab und zu The Gentle Storm zu hören, kann sicherlich nicht schaden.




Anspieltipps "Gentle": Shores Of India, Heart Of Amsterdam
Anspieltipps "Storm": The Storm, Endless Sea

2013-12-15

AYREON - The Theory Of Everything

Was macht man, nachdem man innerhalb von einem Dutzend Jahren mit Armeen von Gastsängern und -musikern in sechs Progmetalsciencefictionrockoperkonzeptalben im Grunde die komplette Geschichte der Menschheit von Anfang bis Ende und darüber hinaus, und dazu noch die Geschichte jener Alienrasse, die für diese Geschichte verantwortlich ist, erzählt hat?

Klar, man beschäftigt sich eine Weile mit anderen Dingen wie z.B. einem vergleichsweise entspannten Soloalbum und haut dann ein Album ausgerechnet mit dem Titel "The Theory Of Everything" raus!



AYREON - The Theory Of Everything (Limited Edition Mediabook) (2013)

Das Covergemälde ist schon mal großartig. Da bereue ich es durchaus etwas, mir nicht die großformatige Artbook-Edition des Doppelablums gegönnt zu haben. Anderseits ist der einzige derzeit verfügbare Regalplatz, um ein Cover in LP-Größe zu feiern auch schon durch Dream Theater belegt.
Die Mediabook-Version inkl. DVD mit "Making Of" und Interviews weiß aber auch zu gefallen. Inside Out wissen einfach, wie es geht.

Und noch etwas fällt beim Auspacken positiv auf, obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der FSK-Aufkleber nicht "rückstandsfrei entfernbar" (ja, klar...) direkt auf dem Cover klebt, sondern einfach ein Blatt Papier miteingeschweißt ist, auf dem neben dem Cover dieser - und auch die Promoinformationen über die mitwirkenden Gastsänger usw. - mit aufgedruckt sind.
Ich finde es eigentlich schon dämlich, dieser Banalität überhaupt einen Absatz zu widmen, aber anscheinend sind die meisten Filmverleihe und Plattenfirmen ja zu doof es so zu lösen - und diese nicht entfernbaren und Cover beschädigenden Sticker gehen mir wirklich gehörig auf den Senkel. Also noch einmal Daumen hoch für Inside Out!


Nun aber zum Inhalt:

"The Theory Of Everything" - Man könnte vielleicht aus dem Titel schließen, dass Meister Arjen Lucassen hier noch einmal den ganz großen Bogen schließen und alle Vorgängeralben des Ayreon-Universums zusammenbringen und erklären möchte. Allein, das hat er ja 2008 auf "01011001" schon getan.

Nein, er lässt die Saga rund um einen mittelalterlichen Seher, die elekrische Festung, Mars, den Traumsequenzer und den Planeten Y hinter sich und fängt mit einer neuen Geschichte an.
In dieser ist die "Theory Of Everything", die große Formel, die alle anderen physikalischen Gesetze beinhaltet, eigentlich nur der MacGuffin, nach deren Erlangen mehrere Protagonisten streben, was wiederum viele der Ereignisse in Gang setzt.

Morgens um 8:49 Uhr: Der Lehrer und das Mädchen betreten den Leuchtturm und finden eine Tafel voller mathematischer Gleichungen und einen jungen Mann, welcher sich in einem katatonischen Zustand in der Ecke zusammengekauert hat. Wie ist es dazu gekommen?

Alles begann elf Jahre früher...
Es folgt eine anderthalbstündige Geschichte über einen Wissenschaftler, seine Frau, ihr gemeinsames autistisches Kind und vier weitere Figuren, die in ihr Leben hineinspielen. Stolz, Rivalität, Ruhmsucht, Liebe, alles dabei, aufgeteilt in 42 (Nerd-Alarm!) Sektionen, die vier jeweils über zwanzigminütige Songs bilden.

Das heißt, auf den CDs sind es tatsächlich 42 Tracks, in der mp3-Version, die man beim Kauf des Albums bei einem großen Versandhändler parallel erhält, sind es vier Tracks, also im Prinzip so wie auch auf der Doppel-Vinyl-Version. Ich finde die zweite Variante auch sinnvoller. Wenn etwas als ein Stück gemeint ist, dann soll man es auch so präsentieren, allein schon weil nicht jeder Player die Tracks ohne kurzes Stocken zwischendrin durchspielt und diese Absätze bei ineinander übergehenden Stücken einfach nerven. U.a. deswegen höre ich z.B. Transatlanics "The Whirlwind" lieber in der Liveversion  (1 Track statt 12).

Aber zurück zur Geschichte. Lucassen hat sich sehr darum bemüht, dass diese zwar einen gewissen Anspruch und Tiefgang hat, aber dennoch sehr leicht verständlich ist. Dazu gehört neben der Konzentration auf relativ wenige Charaktere auch, dass er mit ein paar Gewohnheiten bricht. So wird auf dem kompletten Album nur sehr selten gereimt, denn die Handlung soll sich nicht durch diesen formalen Zwang einschränken lassen.

Der gleichen Logik folgt, dass es kaum Refrains gibt. Das Leben geht weiter und so entwickeln sich auch die Stücke in immer neue Richtungen, bei denen zwar durchaus Erinnerungen an bekannte Motive anklingen, jedoch kein Thema totgeritten wird.

Das sind dann im Prinzip auch die wesentlichen Neuerungen im musikalischen Konzept.
Stilistisch bleibt Multiinstrumentalist Arjen, der die meisten Gitarren und Keyboards und den Bass wie immer selbst eingespielt hat,  dem seit "The Human Equation" eingeschlagenen Weg treu. Die Basis ist also der typische, von Ed Warbys exzellentem Powerdrumming getriebene Mix aus hymnischen Metal und mit prominenten Hammond- und Analogsynthesizer-Sounds veredeltem Progrock. Dem steht auf Augenhöhe eine kräftige von Flöten und Streichern intonierte Portion Folk zur Seite.

Neu in diesem Schmelztiegel sind Passagen, die vom Komponisten Siddharta Barnhoorn komplett im Stile eines Filmsoundtracks arrangiert worden sind und das Klangbild noch einmal um eine epische Komponente erweitern.

Der fragmentarische Charakter dieses Albums mag den Zugang für den einen oder anderen Hörer vielleicht erschweren. Ich persönlich würde sagen, dass er seine größte Stärke, aber gleichzeitig  auch eine kleine Schwäche ist.

Dies ist kein Hitalbum, aus dem sich Singles extrahieren lassen, und doch sind die zahlreichen Teilstücke ja alle wirklich gut bis exzellent. (Als "nur" gut würde ich vor allem jene Passagen bezeichnen, die schon einwenig zu vertraut klingen. Natürlich soll wo Ayreon draufsteht auch Ayreon drin sein, aber wenn sich z.B. in einer Balladenpassage weibliche Gesangsstrophen mit Flöte abwechseln, klingt das hier schon sehr nach Ideenrecycling. Sowas kommt allerdings in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft vor.)

Konzentriert man sich nur auf die Musik, dann erfordert "The Theory Of Everything" schon einiges an Aufmerksamkeit und bei einigen Übergängen vielleicht sogar Nachsicht, wenn man merkt, dass es für einige Sekunden hauptsächlich darum geht, irgendwie elegant in die folgende Tonart zu kommen.
Doch folgt man der Handlung, dann ist das alles ganz logisch und nachvollziehbar.

Der einzige echte Kritikpunkt (und das auch auf hohem Niveau) sind für mich die Promi-Solos. Klar, Keyboards von Rick Wakeman, Keith Emerson und Jordan Rudess, sowie ein Gitarrengastspiel von Steve Hackett auf einer Scheibe zu versammeln ist eine Referenz, und die Soli sind auch wirklich oberklasse, gar keine Frage. Jedoch sind sie mir viel zu kurz. Es wäre viel stärker gewesen, die Soli als ausladene Gegenpole zum sonstigen, ständig voranschreitenden Albumgeschehen aufzubauen. So setzen sie sich einfach noch zu wenig ab und wirken bisschen verschwendet.


Bleibt noch das Gesangsensemble. Nach seinem Soloalbum wenig überraschend verzichtet Arjen Lucassen auf eine eigene Rolle und überlässt das Feld zwei Damen und fünf Herren, die ihren Job fabelhaft erledigen. Eine der größten Stärken Lucassens war ja sowieso schon immer, aus seinen Gastsängern Höchstleistungen herauszuzaubern. Für mich ist der Mix aus alten Hasen und Newcomern diesmal sehr frisch. Bis auf John Wetton von King Crimson kenne sie nur beiläufig, gar nicht oder finde ihre eigentlichen  Bands - Kamelots Tommy Karevik singt die Hauptrolle - sogar ganz furchtbar.

In diesem Cast jemanden besonders hervorzuheben ist fast unfair. Insbesondere der bis zu enormen Höhen vordringende Michael Mills und Lacuna Coils Cristina Scabbia als Vater und Mutter bleiben allerdings besonders eindringlich in Erinnerung.


Fazit: "The Theory Of Everything" ist unverkennbar Ayreon, schlägt aber auch überraschende neue Richtungen ein. Wenn auch durch seinen Rockoper-Charakter nicht wirklich vergleichbar, gehört es für mich ins diesjährige Prog-Triumvirat, auf Augenhöhe mit den aktuellen Studiowerken von Dream Theater und Steven Wilson.


Anspieltipps... sind hier wirklich sinnlos. Anders als von vorne nach hinten darf man dieses Album ohnehin gar nicht hören, sonst kommt Knecht Progrock mit der Rute.

2012-12-31

ARJEN LUCASSEN - Lost In The New Real

Und dann war da dieses Jahr ja noch ein Konzeptalbum aus Holland...

Mr. Ayreon hat mal wieder zugeschlagen und eine neue Doppel-CD rausgehauen.


ARJEN ANTHONY LUCASSEN's Lost In The New Real (2012)

Nachdem man sich an dem grenzgenialen Cover-Artwork und dem gewohnt schicken Booklet sattgesehen hat, stellt sich zunächst einmal natürlich die Frage, warum nicht Ayreon vorne drauf steht.
Schließlich gibt ja schon das "Filmplakat" von "Lost in the New Real" dem Eingeweihten einen dezenten Hinweis darauf, dass sich Arjen Lucassens neue Geschichte problemlos in das Universum der Meisterwerke "The Human Equation", "Into the Electric Castle" und "01011001" einfügen lässt.

Antworten gibt es einige: Zum einen fehlen die von Ayreon gewohnten Gastsänger. Bis auf einen über die ganze Albumlänge präsenten Backgroundsänger und eine Sängerin in einem der insgesamt 20 Lieder stemmt der Meister den Gesang hier ganz alleine und lässt einen dabei auch keine weiteren Vokalisten vermissen.
Ähnlich wie auf der elektrischen Festung gibt es jedoch einen Erzähler, der als "Dr. Voight-Kampff" viele Stücke einleitet, nämlich den Schauspieler Rutger Hauer.

Und auch die musikalische und konzeptionelle Ausrichtung unterscheidet sich von Ayreon - zumindest gerade so weit, dass eine andere Etikettierung sinnvoll erscheint.
"Lost in the New Real" ist zwar wieder einmal eine naiv hochtragende und mal wieder das ganze große Ganze umfassende Science-Fiction-Story geworden, hat aber auch eine teilweise sehr persönliche Metaebene, in der Arjen ganz klar über sich, seinen Lebensstil und seine Art, Musik zu hören und zu komponieren schreibt.
Besonders ernst nimmt er sich dabei nicht immer, und andere Kapitel sind ganz klar rein fiktiver Quatsch ohne persönlichen Bezug. Wie das alles funktiert, ohne zerfahren zu wirken, wäre schon fast zu viel verraten. Ich sage mal so: Es handelt sich um einen relativ simplen, teilweise an den ersten "Universal Migrator"-Teil erinnernden Überbau mit einer ebenso einfachen, aber dennoch befriedigenden Auflösung, in den sich im Grunde unendlich viele Stimmungen und Themen unterbringen lassen:
kataklysmische Naturkatastrophen, Geburtenkontrolle, Weltraum, Internet, Einsiedlertum, Sterbehilfe und und und...

Aber diese Themen werden eben nicht alle gleich ernsthaft und "schwer" genug behandelt, um als Ayreon durchzugehen.

Herr Lucassen hat sich hier sehr locker gemacht. Musikalisch huldigt er vor allem seinen 70er-Jahre-Helden, wie schon die Songtitel "Pink Beatles In A Purple Zeppelin", "Where Pigs Fly" und "When I'm A Hundred Sixty-Four" selbst für den Allerlangsamsten mehr als deutlich machen. Das ist vielleicht nicht ganz so innovativ wie seine stärkeren Prog/Folk/Metal-Mix-Momente auf einigen seiner früheren Werke, ist aber ebenso verdammt gut gemacht (Powerdrumming von Ed Warby inklusive) und verbreitet einfach Freude.

Apropos Instrumente: sämtliche Saiten- und Tasteninstrumente (bis auf Geige und Cello) hat der Meister eigenhändig eingespielt. Und wie immer sind Arrangements und Produktion über jeden Zweifel erhaben.


Die Geschichte von "Lost In The New Real" wird bereits auf der ersten CD komplett zu Ende erzählt.
CD 2 besteht aus einem Mix von weiteren Songs, die CD 1 nochmal vertiefen, sowie verschiedenen Coverversionen, die thematisch mit dem Album verwandt sind und den Mastermind vermutlich sogar dazu inspiriert haben, am prominentesten darunter sicherlich Pink Floyds "Welcome To the Machine".

Das mag nach Resteverwertung und Bonusflickwerk klingen, aber tatsächlich bleibt das Doppelalbum in seiner Gesamtheit immer eine runde Sache.


Arjen Anthony Lucassens "Ego-Trip" ist verglichen mit einem epischen Brocken wie Motorpsychos "The Death Defying Unicorn" vielleicht ein sehr traditionelles Rock-Konzeptalbum und wird wohl an dessen langfristige Bedeutung nicht heranreichen können. Innerhalb von Lucassens Diskographie handelt es sich aber dennoch um ein weiteres Meisterwerk, das sich trotz seines etwas lässigeren Anspruchs nicht vor seinen anderen Werken verstecken muss.


Und als nächste Scheibe - soviel hat er ja schon per Video-Teaser verraten -  gibt es dann ja wieder die volle Ayreon-Breitseite!


Anspieltipps: Lost In The New Real, Yellowstone Memorial Day, Pink Beatles In A Purple Zeppelin, Welcome To The Machine