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2024-10-05

BLUES PILLS und DANIEL ROMANO'S OUTFIT live im Gruenspan, Hamburg (04. Oktober 2024)


So schnell kann die Zeit vergehen! Zehn Jahre ist mein erster Livekontakt mit den Blues Pills im Uebel & Gefährlich nun schon her, und es sah alles danach aus, dass dies zu einem recht regelmäßigen Ritual werden könnte. Bis zum Rock Spektakel auf dem Hamburger Rathausmarkt im September 2017 war dies auch so. Doch dann legte die Band eine Pause ein, ließ vielleicht auch einmal Norddeutschland auf Tour aus, und überflüssigerweise legte auch noch die Welt eine Pause ein...

Und nachdem ich vom Auftritt auf der Kieler Woche leider erst im Nachhinein hörte und ihre Wacken-Show ohne Festivalticket trotz geographischer Nähe nicht zur Debatte stand, gab es nun sieben Jahre später endlich ein Wiedersehen!

Das Gruenspan war gut und erschreckend alt gefüllt. Ich hätte doch einen höheren Anteil von Zuschauern unterhalb der Generation Jeansjacke (bzw. Generation Jeansjacke-ist-zu-klein-geworden) erwartet, doch daran mag vielleicht auch der für ein Konzert dieser Größenordnung realistisch einfach zu happige Eintrittspreis beteiligt gewesen sein. Vielen Anwesenden mag das egal gewesen sein, da in dieser demographischen Gruppe ohnehin oft nur ein bis zwei Veranstaltungen im Jahr besucht werden, wie aus mitgehörten Rookie-Gesprächen vor Ort auch schnell durchklang. Doch für die Mission der Band, einen klassischen Sound für das Hier und Jetzt aufzubereiten, wäre eine niedrigere ökonomische Schwelle schon wünschenswert gewesen, um dies auch im Zuschauerraum abzubilden.

Dies alles ist natürlich kein pills-spezifisches Problem, sondern zeigt sich bei größeren Acts natürlich noch vielfach deutlicher und ist vielmehr auf die bekannten Ticketmonopolisten zurückzuführen. Es ist also im Prinzip ziemlich sinnlos, dies hier zum Thema zu machen, insbesondere da ich ja auch bezahlt habe. Doch wenn anderseits immer überall alle die Fresse halten, ändert sich daran ja auch nie etwas, oder? 





Daniel Romano's OUTFIT

Doch nun zum Opener des Abends: Daniel Romano? Ein Kanadier, bisher nie gehört. Seine Band heißt Outfit und ich frage mich, ob sich der Name buchstäblich auf die Bühnenklamotten bezieht, denn die Gruppe sieht schon sehr nach Kids aus, die sich zum Fasching als Rockmusiker verkleidet haben. Doch warum müssen zumindest alle drei Jungs Daniels Sachen auftragen? Haben sie ihr letztes Hemd verkauft, um auf dieser Tour spielen zu können?

Ansonsten entsprach die Gruppe mir auch etwas zu sehr dem Supportact-Klischee: Eine ähnliche Richtung wie der Headliner, aber ohne das spezielle Etwas. Ordentlich genug gemacht, dass man es niemals schlecht nennen dürfte, aber ohne dass muskalisch wirklich etwas hängen blieb.

Mir gefiel das gut abdampfende, stets von David St. Hubbins Freundin/Managerin am Tamburin unterstützte Uptempodrumming, und dass die Band jeden Song ohne Pause unmittelbar in den nächsten übergingen ließ.
Letztendlich blieb statt der Musik aber eher im Gedächtnis, dass der Frontmann kürzere Jeans kaufen sollte und die Hi-Hat beinahe an die Decke des Saals stieß.
Ok, fairerweise sollte ich noch erwähnen, dass die Backgroundsängerin nicht nur den Schellenring, sondern in ein oder zwei Songs auch eine Gitarre bediente. Für eine Rolle im nächsten Spinal Tap-Film war sie dann also doch zu sehr vollwertiges Bandmitglied.








BLUES PILLS

Das Quartett aus Schweden, welches ich heute natürlich auch zum ersten Mal in der auch schon einige Jahre alten aktuellen Besetzung sah, entfachte danach aber eine ganz andere Energie. Und auch wenn ich von meiner Perspektive aus gerne mehr Instrumentalisten vor die Linse meiner Spielzeugknipse bekommen hätte, weiß natürlich jeder, wo bei den Blues Pills das Charismaepizentrum zu verorten ist:
Im Mittelpunkt stand wie immer Sängerin Eilin Larsson, die ganz in weiß, nach wie vor agil wie ein Flummi, voller ansteckend positiver Ausstrahlung und mit mühelos souveräner Gesangsleistung durch eine mit Knallern übervolle Setlist aus inklusive Zugabe satten zwanzig Stücken führte.

Das Hauptgewicht legte die Band dabei auf das aktuelle Album "Birthday", welches beinahe komplett gespielt wurde. Auch der direkte Vorgänger "Holy Moly!" und das Debütalbum wurden reichlich berücksicht. Ein bisschen schade fand ich allerdings schon, dass "Lady In Gold" tatsächlich gar nicht vertreten war. Kommt dann hoffentlich im nächsten Tourzyklus zurück. Das ist eben das Luxusproblem: Vier Longplayer und so viele Hits...

In meiner Erinnerung waren die Blues Pills früher ein bisschen verspielter und laut/leise-dynamischer, doch das gleichen sie nun mit einem heavieren Grundsound aus. Und natürlich immer wieder Eilin - hat sie überhaupt jemals auf einem Niveau performt, von dem aus man noch weiter reifen kann? Anscheinend schon. Vor "California" bezweifelte sie noch scherzhaft, die besonders hohen Noten in dem Stück treffen zu können. Und wow, was hat sie dann abgeliefert!

Die Faszination der Blues Pills ist nach wie vor nicht alleine durch die Wahl ihres irgendwie dann doch sehr modernen Retrostils erklärbar. Die schiere Qualität der Umsetzung jedoch und die unabgehobene, sympathische Ausstrahlung dabei haben auch diesen Abend in Hamburg wieder zu etwas Besonderem gemacht.

Bleibt mir zum Abschluss dieses Berichts von der Happy F*cking Birthday Tour nur noch abschließend ein "Happy *** Birthday" an den Sohnemann der Sängerin, der wie sie verriet, genau heute ein Jahr alt wird! 








2024-08-10

BLUES PILLS - Birthday

Heeeyyyaaaayyyyeeeaaaeeaaahhh!
*belts in Janis and Aretha*

Four years after "Holy Moly!" it's finally time to relapse big time and get hooked on Blues Pills again!


BLUES PILLS - Birthday (CD) (2024)

BMG has replaced Nuclear Blast Records as the dealer, but apart from that "Birthday" pretty much continues in the spirit of the predecessing album.

As always there is a small set of rules: The music always has to be - at least vaguely - based in Blues, because of the damn band name. Every song has to worm its way into your ear like a motherfucker immediately. No matter how good and hard the instrumentals try, Eilin Larsson's vocals are the star of the show.

All eleven tracks (in forty minutes) succeed in all of these three aspects seemingly without any effort.

The secret super power of Blues Pills has always been the songwriting. The band may seldom stray from the basic formula of verse-chorus-verse-chorus-bridgeorsomething-chorus, but within these parameters they just know exactly from which influence to pull, which itch to scratch to make everything seem familiar, but actually sound fresh.

And even more so than on "Holy Moly!" they have shed the mantle of being a 70's retro act. If we're going to anchor their timelessness in one specific decade, this album rather feels like the work of a much-better-than-you-remember-them 90's group that played on the big festivals right before PJ Harvey.

I could imagine some songs being even better if they had longer instrumental sections and solos. The average song lengths is only three and a half minutes and one or two tracks beyond five or six minutes wouldn't hurt anyone.

But that being said everything that is actually here is totally on fire. Well, maybe there are one or two little details, which took me a couple of listens to accept, and "Piggyback Ride" might be my top "Devil Man" candidate, which could get on my nerves after too much exposure to it.

But come on, those are all minor side issues in the face of an album, where I don't even want to point out my favorite hits, because there are just too many. Blues Pills are on the top of their game and delivered on an obscenely good level.

Cannot wait to experience this new material live among the rest of their high class catalogue!






2021-06-15

LUCIFER - Gone With The Wind Is My Love

Ich weiß, seit ihrem dritten Album "III" haben Lucifer auf dem eigens von Johanna und Nicke Platow Andersson gegründeten Label Riding Reaper Records bereits zwei Singles rausgebracht (eine davon eine Split mit Kadavar).

Doch wenn ich ganz ehrlich bin, war von denen für mich nur eine interessant - doch nicht interessant genug, um den doch recht happigen Preis zu rechtfertigen, den der Ruderbootbote nimmt, um das schwarze Gold über die Ostsee zu schippern.

Bei diesem Ding allerdings war die Starpower von Johannas Duettpartnerin allerdings wohl zu verlockend für Century Media, so dass "Gone With The Wind Is my Love" auch auf dem großen Heimlabel von Lucifers Alben erschienen ist.
Dabei hätte ich diesmal wohl notfalls durchaus der königlich vergoldeten Schwedenpost Tribut gelöhnt, denn auch mir geht es hier wie Century Media: Johanna Sadonis und Elin Larsson von den Blues Pills? Shut up and take my money! 



LUCIFER - Gone With The Wind Is My Love (creamy white vinyl 7") (2021)

Frühstücken wir erst einmal die B-Seite ab. Liveversion von "Cemetery Eyes". Starke Version einer der größten Hits vom letzten Album. Super!

Doch der Star ist natürlich Seite A mit dem Titeltrack, einem Soultrack von Rita And The Tiaras aus dem Jahre 1967. Nein, ich werde hier nicht so tun, als hätte ich das obskure Ding schon vorher gekannt. Tatsächlich hatte den Song ja noch nicht einmal Eilin Larsson auf ihrem Radar, bevor sie ihn hier eingesungen hat.
Die Version von Lucifer ist natürlich hardrockiger instrumentiert, hält sich im Prinzip aber sehr nahe am Original, inklusive Streichern. Tatsächlich - und dies in solchen Fällen ja eher nicht die Regel -, gefällt mir das Cover hier aber im Vergleich etwas besser.

Und das ist trotz mehr als solider Musik natürlich vor allem Resultat des Gesangsduetts. Die Rock- und Soulstimmen von Johanna und Erin komplimentieren einander nicht nur hervorragend, sondern verschmelzen teilweise auch viel großartiger miteinander, als ich erwartet hätte.

Wunderbar.

Und wenn Lucifer nun auch noch einen waschechten Doo-Wop-Song aus der Mottenkiste kramen, sollte einer gemeinsamen Tour mit Twin Temple doch eigentlich nichts mehr im Weg stehen, oder?

Ach sorry, da war ja noch was... aber hey, ich werde jetzt doch allmählich mal vorsichtig optimistisch. Habe mir gestern sogar mein erstes Festivalticket plus Hotelzimmer seit anno doomzumal für September bestellt. Ja, ich weiß, das ist jetzt off topic. Review ist vorbei. Niemand muss mehr hier weiterlesen.

Was haltet ihr eigentlich von "Loki"? Wer ist korrupter - die CDU oder die feuchten Träume der FDP? Warum vergeht die Zeit zu verschiedenen Tageszeiten oft verschieden schnell? Sind 128 kb genug für jeden User? Und war jetzt eigentlich irgendwas mit Fußball? 








2021-02-21

Resterampe 2020 (mit BLUES PILLS, JESU und MIZMOR)



Ok, die Überschrift klingt jetzt ein wenig despektierlich. Ist aber gar nicht so gemeint. Hier frühstücke ich einfach noch ein paar Musikveröffentlichungen des letzten Jahres ab, die erst kürzlich in meine Sammlung eingegangen sind.


Den Anfang macht ein Bündel aus vier Wiederveröffentlichungen des Black/Sludge/Funeral Doom- Metal-Projekts Mizmor:


MIZMOR - Mizmor (Tape) (2012/2020)
MIZMOR - Mishlei (Tape) (2018/2020)
MIZMOR - Yodh (Tape) (2016/2020)
MIZMOR - Cairn (Tape) (2019/2020)

Das überwiegend auf Kassetten spezialisierte Label Tartarus Records hat letztes Jahr alle drei Studioalben von Mizmor in luxuriös anzuschauenden Versionen im schwarzen Karton inklusive Booklet mit Texten und Artwork neu herausgebracht. Dazu kommt die erstmals 2018 erschienene Compilation "Mishlei", welche alle Tracks der Split-Releases zwischen Debüt und "Yodh" vereint und faktisch auch ein vollwertiges Album darstellt.

Alle vier zusammen gibt es mit Rabatt und inklusive Logo-Patch als Set. Und weil mein bisher einziger Mizmor-Tonträger die "Yodh: Live at Roadburn 2018"-CD gewesen ist, war der Versuchung, hier zuzuschlagen, einfach unmöglich zu widerstehen. Zum Glück!

Denn diese räudig mächtig epochale, musikalisch so bösartige, aber inhaltlich durchaus sehr ernsthaft durchdachte Diskographie, hat einfach keinen Schwachpunkt. "Cairn" ist ganz klar das krönende Meisterwerk, doch alles davor zeigt schon sehr deutlich den Weg dahin.

Wer sich in Black Metal getunkte Yob, Conan und Bell Witch vorstellen mag, auf Longtracks und auf extreme Vocals mit Wiedererkennungswert steht (diese aus einem hohlen Baumstamm zu kriechen scheinenden Growls klingen, wie das ikonenhafte Cover von "Yodh" aussieht), der bekommt mit Mizmor eine wunschlos beglückende Vollbedienung.

Und dieses Tape-Quartett ist natürlich ein Juwel in meiner jungen Sammlung.










JESU - Never (blue in white vinyl 12" EP) (2020)

Neulich im Review des neuesten Jesu-Albums "Terminus" hatte ich ja noch zu Protokoll gegeben, die vorangegangene Comeback-EP des Justin-Broadrick-Projekt ausgelassen zu haben, da es mir zu effektüberladen experimentell war und ich mich einfach noch nicht hineinhören konnte.

Inzwischen habe ich mich dann doch mal getraut, das immer noch in Farbvarianten erhältliche Vinyl zu bestellen. Anders als die als Beikauf mitgenommene Final-CD "Reading All The Right Symbols Wrong" von 2009, die mich auf Anhieb abholte, bleibe ich auch dabei, dass es sich bei "Never" zumindest für mich um das vielleicht bislang schwierigste Werk Broadricks (in meiner Sammlung; ich bin weit davon entfernt, Komplettist zu sein) handelt. Das Ding musste ich mir schon relativ mühsam erarbeiten.

Nicht, dass es sich hier um besonders komplizierte Musik handelt. Allerdings wurde die an sich auch emotional sehr direkte und eingängige Basis der vier Stücke dermaßen durch den Pixelschieberfleischwolf gedreht, dass der Mix aus Shoegaze und Elektro schon einen sehr fragmentarischen und künstlich distanzierten Eindruck macht.

Jetzt, da der Knoten geplatzt ist, kann ich den surreal träumerischen Charakter von "Never" auch voll genießen. Für Newbies, die nicht eh schon Fans sind, halte ich die EP allerdings für sehr herausfordernd. Da erschließt sich das stilistisch deutlich geerdetere Full-Length-Album mit Sicherheit trotz des langsameren Durchschnittstempos schneller.










BLUES PILLS - Holy Moly!
(2CD Digibook) (2020)

Zum Abschluss nun noch ganz andere Töne. Die Gemeinsamkeit zu Jesu ist, dass ich auch hier zunächst skeptisch war und lange mit dem Kauf (bzw. dem Hinzufügen auf meine Geburtstagswunschliste) zögerte.

Blues Pills ohne die naturtalentiere Wundergitarre von Dorian Sorriaux? Fehlt da nicht eines der wichtigsten Markenzeichen?
Dazu kommt die Neigung der Band, sich als erste Single gerne Stücke auszusuchen, die sehr formelhaft und on the nose sind und mich für sich erst einmal nicht allzu mächtig umhauen.

Letztendlich waren hier aber alle Sorgen müßig.

Der seit jeher für die zeitgeistige Authentizität verantwortliche Musiknerd und Hauptsongwriter Zack Anderson wechselt vom Viersaiter auf die Gitarre, was natürlich - in gar nicht so dramatischen Ausmaß - nicht mehr ganz so filigran und brilliant daherkommt, allerdings u.a. durch mehr direkten Dampf ausgeglichen wird. Sehr schnell wird klar, dass "Holy Moly!" das bisher am stärksten rockende Album der Band geworden ist.

Die von mir so hochgeschätzten Motown/Soul/Gospel-Elemente von "Lady In Gold" sind allerdings nicht verloren, sondern blitzen hier und da weiterhin hervor. Und wie!
Elin Larsson wird ja gewohnheitsmäßig von Album zu Album (und wenn live gespielt werden darf auf den Touren dazwischen) immer besser, und das gilt hier besonders für die hohen Soul-Schreie wie in "California", einem der Songs, die aus dem vorherrschenden Powertrio-Uptempo ausbrechen.
Zu jenen gehören auch das dunkle "Dust", das bittersüße "Wish I'd Known", der mit Piano und Streichern zu unerwarteter Größe wachsende "Song From A Morning Dove" und die abschließende Bluesballade "Longest Lasting Friend".

Moment! Habe ich da etwa tatsächlich "Trio" geschrieben? 

Technisch ist das für "Holy Moly!" korrekt, denn Neu-Bassist Kristoffer Schander posiert bisher nur auf Bandfotos und in Videos. Bis auf die überschaubaren, aber stets umso wirkungsvolleren Gastmusikereinsätze hören wir hier also tatsächlich das Trio LarssonAndersonKvarnström.

Vermutlich war es für die Band auch wichtig, im kleinen Kreis an diesem Ding zu werkeln. Das Resultat zeigt auf jeden Fall eine eng zusammengeschweißte und gewachsene Gruppe. Das Wunderkinder-Image früherer Tage ist komplett abgestreift und weiterer Souveränität und Songwritingqualität gewichen.

Ein großartiges Album. Vielleicht sogar das beste der Blues Pills. Allerdings  müsste man die Songs wohl live erleben, um diesen Eindruck zu verifizieren.


Eine deutliche Steigerung zur Debüt-EP "Bliss" von 2012 ist "Holy Moly!" ohne Frage. Komische Aussage, ich weiß. Darauf komme ich auch nur, weil eben jenes vergriffene Teil der Digibook-CD-Version des Albums als Bonus beiliegt.

Angesichts der vielen Neuaufnahmen und Liveversionen der hier vertretenen Hits "Bliss", "Astral Plane", "Devil Man" und "Little Sun" halte ich das Ding nicht zwingend für den allerheiligsten Gral, aber es ist halt wie es ist: Auch wenn man ein Blues Pills-Song schon neunundneunzig mal gehört hat, ist er halt beim hundertsten Durchlauf noch super.

Ok, "Devil Man" war mir in der Vergangenheit durchaus schon mal über, haha.








2017-09-11

ROCK SPEKTAKEL am Rathausmarkt Hamburg • 09. September 2017 (mit BLUES PILLS, THE VINTAGE CARAVAN, HORISONT u.a.)

Blues Pills


Dreißig Jahre Rock Spektakel direkt vor dem Hamburger Rathaus, und ich bin noch nie dort gewesen. Bei Betrachtung der Historie gibt es aber trotz freien Eintritts auch nur wenige Jahrgänge, für die ich im Nachhinein den Arsch hoch bekommen hätte. Das meiste war doch scheinbar eher radiofreundlicher oder hamburgerschuliger Kram, mit dem ich wenig anfangen kann, nur mit hier und dort ein paar einzelnen Ausnahmebands, allen voran Partytruppen (z.B. 2015 Hayseed Dixie) und natürlich 2011 ausgerechnet The whatthefucking Dillinger Escape Plan.

Dieses Jahr protzte der Freitagabend allerdings gleich mit drei Bands, die ich wirklich gerne sehen wollte. Der Wetterbericht prognostizierte auch, dass das elende Pisswetter des Tages bis dahin abgezogen sein sollte, also nichts wie hin!

Parkplatzsuche ist immer eine unbekannte Größe, genau wie (un-)mittelbare Verkehrsauswirkungen anderer Veranstaltungen (im Stadtpark spielte ja z.B. noch eine weitere Retro-Band vor achtzigtausend Fans, die bereit waren, sich auch bei Regengefahr das letzte Hemd ausziehen zu lassen). Deswegen und weil man ja eh nichts besseres vorhatte, waren wir schon ziemlich zeitig vor Ort und bekamen noch letzte Ausläufer des Nachmittags- und Frühabendprogramms mit.




An die erste Band nach meiner Ankunft kann ich mich nicht erinnern.

Ja, es waren irgendeine Form von bluesigem Rock, aber das war ja heute eh das Tagesthema, welches alle Gruppen irgendwie variierten. Die späteren Bands waren aber zu stark und mein Eindruck zu kurz, von daher kann ich nur mit den Achseln zucken und spare mir jetzt auch, den Namen der Gruppe, über die ich nichts sagen kann, nachzuschauen.


The Wake Woods


Als ich von einem Spaziergang zu meinem Auto zurückkehrte - eine angesichts des überraschend guten Wetters überflüssige Jacke und Mütze wollten weggebracht werden -, spielten bereits The Wake Woods.

Das musikalische Hauptthema des Tages nannte ich ja bereits. Bei der deutschen Band kam noch ein Schuss Indierock dazu. Das war alles handwerklich ordentlich gemacht, so dass man eigentlich nichts wirklich schlechtes über das Quartett sagen kann. So richtig notwendig ist die Gruppe allerdings auch nicht. Ich hatte bisweilen den Eindruck, dass es einen leichten Widerspruch zwischen dem Willen zur Coolheit und einem Songwriting, welches es möglichst vielen Hörern recht machen will, gab. Sprich: ein bisschen mehr anecken und wehtun darf Rockmusik schon gerne.

Die Hauptattraktion war zu diesem Zeitpunkt noch das Publikum. Und damit meine ich nicht die vom Shopping kommenden Gelegenheitskucker, die mit ihren Edelmarkenpapiertaschen vor der Bühne vorbeischauten, sondern vielmehr den offensichtlichen Tagesausflug des Rock-Seniorenheims, der mit weit ausladender Tanzbärigkeit den dort noch reichlich vorhandenen Platz beanspruchte und mit auf normalen Konzerten selten gesehenen Mom- und Dad-Moves für Erheiterung sorgte.

Und nicht, dass ich missverstanden werde: Ich fand's cool. Aber halt auch echt lustig.


Horisont

Zur Abenddämmerung um Viertel vor acht ging das Spektakel dann aber richtig los.

Die Schweden Horisont sind eine Band, der ich zwar schon eine Weile sozialmedial folge, allerdings ohne ein Album von ihnen zu besitzen oder sie schon einmal live gesehen zu haben. Immerhin wusste ich genug, um mich hierher locken zu lassen - und um ihren Bandnamen besser aussprechen zu können als der Ansager des Abends. Einfach so tun, als wäre das ein deutsches Wort, dann klappt das schon!

Optisch bewegen sich Horisont in ihren engjeansigen Oberlippenbärtigkeit ja schon nahe an der Grenze zur Comedy (oder zumindest zu einer emmy-verdächtigen 70er-Jahre-HBO-Serie), doch musikalisch ist ihr Zeitreisehardrock schwer angreifbar. Insbesondere wenn Powersirengesang, analoge Keyboards, Früh-Heavy-Metal-Gitarrenharmonien und ausladene Soli den Geist der epischsten Schattierung von Deep Purple heraufbeschwörten, war diese Show einfach nur mächtig hochenergetischer Rock at its finest.

Hätte ich je ernsthafte Bedenken gehabt, mir nicht doch noch spontan das Siebenhundertneunundneunzig-Euro-Luxusticket für die Rolling Stones besorgt zu haben (war das inklusive Pauschalurlaub und einer Flasche von der Band benutzten Whirlpoolwassers?) - spätestens jetzt wären sie verflogen gewesen.

Tolle Band!


The Vintage Caravan



Die Isländer The Vintage Caravan sah ich nun bereits zum vierten Mal und dies war wohl der erste Auftritt bei dem sie für mich ein bisschen weniger zündeten als bei vorigen Shows (Wacken 2016 und als Support von Avatarium 2015).

Die Betonung liegt auf "ein bisschen", denn der ranzbassig groovende Sound von ÓscarAlexanderStefán wusste durchaus ein Feuerwerk bis zur Binnenalster zu entzünden. Die größten Finishing Moves des Powertrios sind wohl neben ihrer Bewegungsfreude das fließende Hinübergleiten von Cream-auf-Steroiden-Riffs in entspannt angespacete Gitarrentrips, sowie eloquent nachdenkliche Ansagen ("Are you feeling muscular?").

Dass ich sie diesmal nicht ganz so stark wie gewohnt fand, könnte zum einen daran liegen, dass die Band gerade aus dem Studio gekommen war und noch nicht ganz hundertprozentig in den Livemodus umgeschaltet hatte. Irgendwie schienen sie mir nicht ganz so tief drinnen in ihrem Ding wie gewohnt. Zum anderen war gerade im Vergleich zu Horisont und den folgenden Blues Pills zu erkennen, dass die Band zwar saugut live performt, aber im Songwriting immer noch Luft nach oben hat. Dies bestätigten auch zwei brandneue Stücke, die dem Repertoire nichts wesentlich neues hinzufügten.

Heißt: live gebe ich mir The Vintage Caravan gerne immer wieder, aber eine komplette Diskographie brauche ich wohl so schnell nicht im Plattenschrank.



Blues Pills


Auch die Headliner des Abends sah ich nun zum vierten Mal. Die erste Show (und gleichzeitig ihr letzter Tourstopp in Hamburg) fand 2014 im Uebel & Gefährlich statt, ebenfalls zusammen mit The Vintage Caravan übrigens. Da die Band sich 2018 nach Jahren des Dauertourens wohl außerhalb Schwedens rar machen wird, schloss sich mit diesem letzten Auftritt der Blues Pills in Deutschland für längere Zeit also so ein bisschen ein Kreis.

Dass die Blues Pills kamen, sahen und begeisterten war natürlich keine Überraschung. Auch die Setlist war bekannt, war sie doch nur eine etwas kürzere Variante des Programms, welches ich Anfang Juli in Kiel gesehen hatte. Und so könnte ich im Grunde auch fast alles, was ich zu jenem Konzert geschrieben habe hier wiederholen.

Macht ja auch nichts. Alleine die jedes Mal etwas anderen Jamlaunen Dorian Sorriaux' und das stets strahlende Sahnehüpfhäubchen Elin Larsson machen Blues Pills zu einer Gruppe, die man sich ganz problemlos immer wieder anschauen kann. Einfach eine nahezu perfekte Heirat aus Talent, Gespür, Momentum und Bandchemie.

Meckern geht hier nur auf mikroskopischer Detailebene. So sind die Eigenkompositionen der Band für mich stark genug, dass statt "Elements And Things" und "Somebody To Love" auch ein Coversong pro Set ausreichen würde.

Für alles andere kann die Band nichts:

Vielleicht bilde ich es mir ein, aber die Lautstärke wurde um diese Uhrzeit wohl etwas runtergeschraubt, was ein wenig den Wumms rausnahm, aber natürlich mitten in der Stadt nachvollziehbar ist.

Und dann war da natürlich noch die eine Sache, die mich den ganzen Abend genervt hat, nämlich dass ich beim Knipsen ständig die selbe Securityfresse am Bühnenrand im Bild hatte, haha. Da musste ich echt vieles beschneiden.

Nein, im Ernst: Eigentlich ist die einzig gültige Kritik, dass um Mitternacht Schicht sein musste, denn dass ein Blues Pills-Konzert zu lang sein könnte, das liegt nach wie vor noch jenseits meiner Vorstellungskraft.



Insgesamt war dieser Rock Spektakel-Abend rundum gelungen: Bandauswahl, Kulisse - und dann auch noch alles für lau. Was will man mehr?

Horisont haben mich am meisten umgehauen und vielleicht auch innerhalb ihrer Möglichkeiten am meisten aus der Gelegenheit gemacht. Den Tagessieg haben für mich dennoch knapp die Blues Pills errungen, schon weil ich mit ihrem Material am vertrautesten bin.


Zukünftig werde ich mich jedenfalls auf dem Laufenden halten, was das Spektakel angeht. Sollte zum einunddreißigsten Jahrgang erneut ein derart starkes Paket aufgefahren werden, schaue ich gerne wieder vorbei!



Horisont:















The Vintage Caravan:













Blues Pills: