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2026-09-30

PROPHECY HAUL mit ARTHUR BROWN, DYMNA LOTVA, MAUNAH und mehr


Eigentlich wollte ich diesen von Livereviews bestimmten Monat ja mit einem noch umfangreicheren September Haul abschließen, aber da ich wider Erwarten kein Merch vom Pink Tank Festival mitgenommen habe, gibt es doch nur ein einziges Mitbringsel, welches nicht auf dem Prophecy Fest in meiner Tasche gelandet ist.
Da mir kein T-Shirt so richtig zusagte, nahm ich von dort eine relativ übersichtliche und homogene Auswahl mit, die ausschließlich aus CDs bestand, beginnend mit jenem Artbook, um das man gar nicht herum kommt, da es automatisch mit dem Ticket kommt:







PROPHECY FEST - Programme 2026 (2CD Artbook)

Aufwendige schicke Artbooks mit CD(s) sind ja eine Spezialität von Prophecy Productions, und so ist es natürlich sehr on brand, dass es das Programm des Festivals statt eines kleinen Din A6-Heftchens stets in dieser Hardcover-Form gibt.

Wie immer enthält das Büchlein alle auf dem Festival auftretenden Künstler mit je einer Doppelseite inklusive persönlicher, oft handgeschriebender Grußworte - natürlich nach aktuellem Stand bei Druck. D.h., hier sind natürlich noch die kurzfristig ausgefallenen Kilmt 1918 statt ihres Ersatzes Hangover In Minsk vertreten. Dazu gibt es zwei begleitende Sampler-CDs mit einem naturgemäß ziemlich wilden Mix aus brandneuen Tracks und teilweise Jahrzehnte alten Klassikern zwischen großartig und (zum Glück nicht so häufig) eher mau.

Ist dies ein Release, den man besonders oft in den Player schiebt? Erfahrungsgemäß eher nicht. Aber es ist nicht so, dass man bestraft würde, wenn man es tut. Definitiv wieder ein schönes, wertiges Erinnerungsstückchen an das einzigartige Festival in der Balver Höhle.
















DYMNA LOTVA - Vyraj (2CD Artbook) (2026)

Doch nun kommen wir zu den Alben, die ich tatsächlich aktiv kaufen musste, und wir beginnen mit einem weiteren Artbook. Da ich mir das brilliante Vorgängeralbum ja bereits in dieser Form zugelegt hatte, konnte ich auch beim neuesten Album der Exil-Belarussen Dymna Lotva nicht auf die zahlreichen Bilder, Songtexte und Hintergründe zu Konzept und Entstehung des Albums verzichten.

Tatsächlich vertiefen die Übersetzungen der überwiegend weißrussischen Texte (nur wenige Passagen sind in englisch, ukrainisch und der vom Schriftsteller Alhierd Bacharevic erfundenen Kunstsprache Balbuta verfasst) das Erlebnis des Werks wieder enorm.

Vyraj ist ein mytholigisches Reich, in welches die Zugvögel im Winter aufbrechen und in das die Seelen der Verstorbenen nach dem Tod einkehren. Ihr Weg führt dabei die Milchstraße entlang.
Dymna Lotva flohen nach einer gescheiterten Revolution gegen die Diktatur ihres Heimatlandes aus Belarus, die Sängerin gilt dort mittlerweile sogar hochoffiziell als Terroristin. Auf "Viraj" verabeiten sie ihre eigenen Erfahrungen durch die Linse belarussischer Ethno-Astrolgie. Es ist ihr eigene Geschichte und die Geschichte aller Vertriebenen - alle miteinander und mit ihrer Heimat verbunden über den Sternenhimmel.

Dymna Lotva live auf Prophecy Fest 2026
Alles, was uns hier noch an literarischen und volkstümlichen Einflüssen und Inhalten aller Songs dargelegt wird, vertieft die emotionale Wirkung dieses neuen Meisterwerks. Doch bereits vorher berührt einen die Erklärung des Covers, dessen Fotografen die Band nicht nennen kann, zeigt es doch das Mausoleum am Familienfriedhof der Sängerin in einem Dorf, dass sie vielleicht nie wieder selbst sehen kann, aufgenommen von einem anonym bleibenden Freund der Band, der noch immer in Belarus lebt.

Doch auch ohne jede Erklärung ist "Vyraj" bereits eine mitreißende Sammlung von acht gleichermaßen von Doom Metal, Prog, Folk und symphonischen Elementen beeinflussten Post Black Metal-Songs, die nicht nur songwriterisch punkten, sondern vor allem natürlich durch die intensive, mal melodische, mal gepeinigt kreischende Präsenz von Sängerin Nokt Aeon geprägt ist. Und dazu gibt es mit "The Boat Of Despair" auch noch einen Track, in dem Ex-My Dying Bride-Sänger Aaron Stainthorpe als Fährmann an Bord ist.

Und nicht einmal all diese stimmliche Pracht ist nötig, um "Vyraj" zu einem großartigen Album zu machen, wie die Bonus-CD dieser Ausgabe beweist, die leider keine zusätzlichen neuen Tracks enthält, dafür aber das gesamte Album noch einmal in Instrumentalversionen präsentiert.









DYMNA LOTVA - Зямля Пад Чорнымі Крыламі: Дрыгва (The Land Under The Black Wings: Swamp) (CD) (2016/2025)

Zur Sammlungsvervollständigung habe ich mir auch noch noch die letzjährige Wiederveröffentlichung von Dymna Lotvas 2016er Debütalbum geholt. Reguläres Digipak ohne all das Bonusgedöns der nachfolgenden Alben, aber immer inklusive Booklet mit Texten, also kein Grund zu meckern.

Die Band war damals noch ein Duo, aber musikalisch wie konzeptionell ging die Reise bereits hier voll in die Richtung der bombastischen und leidenschaftlichen postschwarzmetallischen Vielfalt der nachfolgenden Werke. Auch wenn sich die Umsetzung noch gesteigert hat, ist die ernsthafte eigenständige Identität der Gruppe hier bereits unverkennbar. Was Dymna Lotva anpacken ist und war einfach Spitze.

Schönes Hintergrundwissen aus den Liner Notes von "Vyraj":
Die Dame auf dem Cover von "The Land Under The Black Wings: Swamp" ist tatsächlich die inwischen verstorbene Großmutter von Sängerin Nokt Aeon, von der jene großgezogen wurde.








MAUNAH - Hjarta (2026) (CD)

Ok, wir werden vom Umfang her jetzt noch sparsamer und das Digipak des Debüts der Dänen Maunah macht tatsächlich nicht besonders viel her. Zumindest ein Booklet mit den muttersprachlichen Texten und einer Übersetzung wie stets bei Dymna Lotva hätte hier schon drin sein können.

Musikalisch allerdings ist "Hjarta" wirklich über jeden Zweifel erhaben. Im Herzen eigentlich ganz klassischer Doom Metal, von Candlemass kommend, aber noch eine spur getragener, trauriger und schöner, taucht das Album dabei noch nicht wirklich ins Funeral Subgenre ab
Neben den starken Melodien und Riffs ist es vor allem der gelegentlich auch beeindruckende Obertonfähigkeiten beweisende oder zur Flöte greifende Sänger Søren Sol Koldsen-Zederkof, der der Band ihre von Anfang an angenehm vertraut scheinende und doch eigene Note verleiht.

Maunah live auf Prophecy Fest 2026
Mir fallen einige zumindest phasenweise passende Vergleiche ein - die Prophecy-Labelbrüder Arð, die Färöer Hamferð, viele weitere Gruppen in und um Doom Metal mit Hang zu Melancholie von Sinistro über Messa bis zu Forlesen oder punktuell auch Pilgrim, Khemmis oder Yob... Doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass die absolut naheliegendste Assoziation sich nur auf Armlänge entfernt versteckt, um sich in erst vielen Monaten als plötzlicher Geistesblitz zu manifestieren.

Bis dahin genieße ich Maunahs kurzes, aber keine Minute verschwendendes Werk einfach als das, was es ist, nämlich eines der großen Doom-Highlights jüngerer Jahre. Ein Song ist himmlischer als der andere und zusammen addieren sich die sechs Tracks zur beinahe vollen Punktzahl auf jeder beliebigen Skala. Abzug gibt's nur für die karge Verpackung.  










ARTHUR BROWN - Nature (CD) (2026)

Last but not least, oldest but jung geblieben, der Altmeister mit seinem neuesten Album. Gibt es u.a. auch als Artbook, aber mir hat hier wie bereits letztes mal das Digipak, hier glücklicherweise mit Booklet, genügt.

Man kann "Nature" vorwerfen, dass es mit fünfunddreißig Minuten Spielzeit kurz geraten ist, aber wie Arthur Brown diese Zeit nutzt, ist absolut nicht zu beanstanden. Genau wie auf der Bühne, wo er ja auch stets aktuelles Material zum Besten gibt, macht der God of Hellfire auch im Studio klar, dass er kein reiner Nostalgie-Act sein möchte.

Arthur Brown live auf Prophecy Fest 2026
Klar, es basiert alles auf jenem psychedelischem Blues, Rock'n'Roll und Art Rock, den er selbst mitgeprägt hat. Und nimmt man Stücke wie den eröffnenden Titelsong oder "Bursting The Bubble", dann könnte man durchaus eine gewissene Altbackenheit mit der Anmerkung "Er darf das natürlich!" attestieren. Aber betrachtet man das instrumental wieder zu großen Teil vom Multiinstrumentalisten Dan Smith gestemmte Werk in seiner Gesamtheit, ist es tatsächlich weder besonders bemüht nach Band noch überhaupt nach Rock zu klingen. Nein, man könnte sicherlich die Hälfte des Albums technisch vollkommen korrekt als Electronic labeln.

Und wenn wir schon Anteile analysieren, dann ist Arthur Brown selbst hier eigentlich eher Beat-Poet als Sänger. Viele Strophen sind über sein und unser Verhältnis zur Natur, zum Leben, zur Liebe referierende Spoken Words, während echter Gesang sich rar macht - dafür dann aber umso kräftiger über Oktaven springend beeindruckt. Das langsame Highlight "Open Hearts" (was für ein Refrain!) ist ein exzellentes Beispiel dafür. Auf jeden Fall ist dies sicherlich auch eine auf die Liveperformance gemünzte Strategie des inzwischen vierundachtzigjährigen Engländers, um stimmlich auf der (oder über der üblichen) Höhe zu bleiben.

Was soll ich hier noch groß länger sabbeln, als das Ding dauert?

"Nature" ist ein tolles Album eines immer noch relevanten Urgesteins. 







2026-08-29

SCIMITAR - Scimitarium I / Scimitarium II


You know how it sometimes goes: You see a great live band which absolutely blows you away, but they don't have an album out yet. So they are slipping from your mind again. And when the album is finally out there you miss the release - and that might be it forever.

Scimitar live in Copenhagen
Well, the case of Scimitar could have ended in a similar way for me. I saw the Danish band filling in on short notice at A Colossal Weekend 2024, where they ended up being one of the weeekend's greatest surprises and highlights.

But even though I did miss the initial release of their debut "Scimitarium 1" in 2025, I eventually got wind of it. Yet since their label Crypt of the Wizard is from the UK I pondered too long in hope to find another source with cheaper shipping, forgot about it again and there you go... They've already releases the follow-up "Scimitarium II" - alongside a new press of the first album. So I finally ordered them both now. From different sources, because my preferred versions weren't available in one place, but both records arrived on the same day nonetheless.




SCIMITAR - Scimitarium I (Rusty Red vinyl LP) (2025/2026)

With its antique-style embossed cover artwork this repress of last year's debut on red vinyl is a beautiful item, including the lyric sheet with a low-fi band photograph and the brilliant skeleton monster drawing derived from it. So while it's probably one step down from the previous limited golden version I had slept on, there's still nothing to complain about here.

The Copenhagen-based group with (among others) members of Slægt and most noticeable singer Shaam Larein (whose band's 2022 album "Sticka En Kniv I Världen" I can only recommend) offers a feverishly performed mix of 1980's Speed/Heavy Metal with a Blackened flavour and a bit of Post Punk attitude.
This is clearly a band which owes its existence to the wave of Occult Proto Metal started by The Devil's Blood. Scimitar however not only take conceptual inspiration from Black Metal, but actually let the guitar work and even occasional bleast beats of the genre seep into their frantic NWoBHM pieces.
Other than that there are also the almost obligatory Classical ideas in the guitar work, while Larein's mostly clean vocals balance 70's Hard Rock with a more eccentric Post Punk/Dark Wave touch.

All in all "Scimitarium I" is an album with an energy close to a demonically possessed version of Johanna Sadonis' pre-Lucifer band The Oath. There is something unbound and chaotic, but very real and pure about this. It always feels as if it was faster and more panically driven than it's supposed to be.
The lyrics also appear to be a liitle too wordy and not as catchy as they could be, while the production sounds muddier than necessary... but that too is actually a powerful part of the album's explosive charme. album, which rocks frim start to finish and doesn't overstay its welcome with a neat playing time of little over forty minutes. 








SCIMITAR - Scimitarium II (Purple vinyl LP) (2025/2026)

Even though I find gold on red a bit more striking than violet on black, you obviously can't hate on the artwork of "Scimitarium II" if you like its predecessor. Interestingly the cover now very much reminds me of various releases from †, also knows as (Dolch) - which translates to "dagger". Not the only parallel I can see to the German Black Ambient band. Are there any other bands around based on a ritual weapon obsession? 
Besides a lyric sheet - which is double the size this time, this first press also contains an OBI strip.

Not only visually but unsurprisingly also musically this album is of course a continuation of the debut, albeit It's neither an exact stylistic copy nor an attempt to make the band more accesible through streamlining the chaos. No, quite the opposite! The opener buries its beautiful vocals under a challenging, shrill wall of oldschool low-fi Black Metal sound. And while the evil fog becomes clearer after that, the two main directions Scimitar are going to at the same time, have been established now:
The melodic side of Shaam Larein's vocals stand out more, so this album could potentially be catchier - if it wasn't for the even wilder and Blacker instrumental performance and decidedly uncompromising production.

On side B things get slower, for a while even cleaner, and more epic in the over thirteen minutes long closer "Mobula Mobular", but overall the band still isn't willing to make it easy for you. Other than for example the Italians Ponte Del Diavolo, who are kind of playing in the same wheelhouse, but immediately reach you with their clean production, Scimitar go the other way and drag you through a trial of initiation. You really need to accustom yourself to the raw occult underground aesthetic - only then you get rewarded all the more.

These two albums are a strong foundation for the band's discography, but they are not designed to lift Scimitar out of obscurity. If that happens, it will do so through their ferocious live shows - of which we hopefully will see more. Because as much as I like their studio work, the stage still is where they truly unleash their true potential.






2026-06-28

ANGINE DE POITRINE - Vol. 1 / Vol. II


Ja, ich muss sich schon etwas überwinden, diese Doppelrezension zu schreiben, sind Angine de Poitrine nach ihrer KEXP-Session vor gerade mal vier Monaten doch zu einem internationalen Phänomen inklusive BBC-Auftritt bei Jools Holland,  Massenandrang beim gestrigen Festival de Jazz de Montréal und geschwind über mehrere Kontinente gebuchten Touren geworden, zu dem jeder YouTuber aus der Musikrezensions, -reaktions- und -analyse-Sphäre seinen Senf beisteuern muss, und dem auf sozialen Medien kaum noch zu Entkommen ist.

Die beiden frankokanadischen Außerirdischen Khn an mikotonaler doppelhalsiger (Bass-)Gitarre und Klek am mit Decke abgedämpften Schlagzeug treffen mit ihrer Kombination aus konsequent umgesetztem, sich selbst aber nicht zu Ernst nehmenden, handgemachten Konzept mit DIY-Charme in Zeiten der Verunsicherung, ob Musik überhaupt real oder KI-generiert ist, natürlich - ähnlich wie die kauzigen Fantasy-Doomer Castle Rat - einen Nerv. Dass der virale Blitz ausgerechnet das polkagepunktete Duo mit den (mittlerweile aus Haltbarkeitsgründen nicht mehr aus Pappmaché gebastelten) großnasigen Masken getroffen hat, ist natürlich trotzdem nur mit einer ordentlichen Prise Glück zu erklären.

Denn auch wenn viele - ähnlich wie bei King Gizzard & The Lizard Wizard - teils anstrengend enthusiastischen Fans sie nun behandeln, als hätten sie Musik komplett neuerfunden, hat es alles was sie tun natürlich vorher schon gegeben. Nur nicht in dieser ganz spefifischen audiovisuellen Konstellation.

Und das ist keinesfalls als Abwertung ihrer Musik gemeint. Ich habe mir ja schließlich auch das aktuelle sowie das wiederaufgelegte Debütalbum gekauft und mir ein Ticket für die Show im hamburger Molotow (wenn das mal nicht noch hochverlegt wird...) im Oktober gesichert.
Denn trotz der großartigen optischen Komponente war mir schon bei meiner ersten Onlinebegegnung mit Angine de Poitrine klar, dass ihre Musik auch auf sich allein gestellt funktionieren würde.   







ANGINE DE POITRINE - Vol. 1 (CD) (2024)

Die Stücke von Angine de Poitrine beginnen wahlweise mit flotten Drums, Gitarren- oder Bass-Licks oder Riffs, die sich durch Livelooping, wie wir es z.B. von Künstlerinnen wie Jo Quail und Refrain kennen, immer weiter steigern. Dabei kann es, auch wenn das Schlagzeug vordergründigzumeist simpel und geradeaus klingt, immer mal auch zu synkopischen rhythmischen Verschiebungen kommen. Die Melodien haben durchweg einen nahöstlichen Touch, da jenseits der westlichen Tonleiter auf einem mikrotanlen Griffbrett gespielt wird, wie man es außerhalb traditioneller Musik z.B. in arabisch beeinflusstem Jazz oder von anatolischen Psychbands kennt.

Bekannterweise haben auch die bereits erwähnten australischen Genrehüpfer King Gizzard & The Lizard Wizard beginend mit "Flying Microtonal Banana" einen ganzen Katalog von Songs und Alben mit Vierteltonstimmung. Und im Grunde lässt sich das ca. 35 Minuten kompakte Angine de Poitrine-Debüt ziemluch adäquat als Mischung aus instrumental nicht unbedingt abgespeckten, aber aufs Wesentliche fokussierten King Gizz und dem bassbetonteren, etwas zirkushafteren Ton von Primus beschreiben.

Der verfremdete Gesang ist vorsätzlich nicht wirklich gut, soll er doch die schrullige Kommunikation zweier Außerirdischer mit uns darstellen. Dementprechend kommt er auch nur so sporadisch vor, dass der Gesamteindruck immer noch der eines Instrumentalduos bleibt - wenn man mal den unbetitelten kurzen Bizarrbonustrack ausklammert...

"Vol. 1 " ist ein kurzweiliger, sehr gut gemachter Spaß, der hier im richtigen, Lust auf mehr lassenden Format präsentiert wird. Ebenso wie kürzlich bei Agusa bin ich ich übrigens sehr zufrieden damit, mir beide Alben auf CD zugelegt zu haben, da auch hier ein schön ans Format angepasstes Design und ein gerne durchgeblättertes Booklet geliefert wird, welches ohne komplizierte Erklärungen die visuelle Welt und den Symbolkanon rund um schwarze und weiße Punkte und goldene Dreiecke etabliert. Selbst ohne bewegte Bilder versteht man - soweit dies überhaupt möglich ist - wer Angine de Poitrine sind.

Eine Besonderheit des Trays ist, dass sich unterhalb der nicht transparenten Halterung der Disc noch ein vertecktes Bild, sowie eine "FANK LŌB"-Karte versteckt, die den betont esoterisch kulthaften Charakter des natürlich leicht dadaistischen Avantgarde-Gesamtkunstwerks Angine de Poitrine unterstreicht.
Dafür, dass den beiden seit frühen Jugendtagen miteinander spielenden Musikern die Idee mit den Masken nur gekommen ist, damit sie zwei Mal innerhalb einer Woche mit ihrer bis dahin regulären Math Rock-Band auftreten konnten, ist das Konzept hier schon verdammt komplett ausgearbeitet.

Auch wenn die musikalische Größe hier noch nicht erreicht wird, reiht sich das Duo doch konzeptionell mit Schwung in die Traditionen schräger Upbeat-Krautrocker, der Science-Fiction ihrer metallischen Landsmänner aus Quebec Voivod und ganz allgemein der speziellen, seit Magma ureigenen französischen Verrücktheit ein.      








ANGINE DE POITRINE - Vol. II (CD) (2026)

Im Prinzip kann man das meiste, was ich über "Vol. 1" geschrieben habe, auch auf "Vol. II" anwenden. Sogar das CD-Design ist bis hin zu der versteckten Karte ein direkter dunkler Zwilling. Folgt man dem Farbschema weiter und zieht außerdem in Betracht, dass von arabischer zu römischer Zählweise gewechselt wurde, progonistiziere ich fürs dritte Album jetzt schon einen goldenen Hintergrund - und hoffe inständig, dass es "Vol. △" heißen wird!

Die Spielzeit des Albums ist ein wenig länger, doch auch hier folgt nach sechs Stücken, ein nicht gekennzeichneter seltsamer "secret" track.

Allerdings gibt es auch sofort offensichtliche Unterschiede zu verzeichnen. Die Produktion ist eine Nummer fetter, die Gitarrensounds sind gewagter und das Looping sowie die Arrangements der Songs sind anspruchsvoller. Es stecken nun deutlich mehr Math Rock und "Red"-King Crimson-Prog in Angine de Poitrine. Und doch sind die Stücke nun z.T. sogar trotz fortgeschrittener metrischer Eskapaden noch eingänger und ohrwurmiger. Und höre ich da in "Utzp" etwa passend zu den allgegenwärtigen Punkten etwas Polka?

Wie auch immer, wäre die Musik nicht so gelungen wie sie ist, dann würde die Band unmöglich so sehr als virale Rakete funktionieren. Ich bleibe zwar auch vorsichtig, dass ich mit den Spaß nicht durch Überpräsenz madig machen lasse, aber gönnen kann man Khn und Klek ihre derzeitige Achterbahnfahrt schon. Es liegt ja an jedem selbst, wieviel Angine-Content man anklickt.

Ich hoffe nur, dass ich zum Konzert rechtzeitig genug da bin, dass mir kein Superfan im selbstgebastelten Kostüm komplett die Sicht versperrt.