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2011-01-03

Tonträger 2010, Teil 7 : Album des Jahres (JANELLE MONÁE)

Stimmen unterhalten sich, ein leises akustisches Durcheinander, denn das Orchester stimmt die Instrumente ... Das Publikum begrüßt den Dirigenten ... Und los geht sie, die Overtüre zu meinem persönlichen Lieblingsalbum 2010.

Nach meinen bisherigen Erwähnungen der Künstlerin in diesem Blog dürfte es nicht allzu überraschend sein, um welches Werk es sich handelt:

JANELLE MONÁE - The ArchAndroid (2010)

Erst einmal sei gesagt, dass ich mich eigentlich sehr schwer tue, Musik in Rangfolgen zu packen. Wenn mich jedoch eine CD dermaßen dazu bringt, den Rest meiner Sammlung zu vernachlässigen, wie es Janelle Monáes Debütalbum "The ArchAndroid" in den letzten Wochen und Monaten getan hat, wird zumindest die Wahl des persönlichen Lieblingsalbum des Jahres zu einer leichten Übung.

Eine ganz andere Sache ist es allerdings, auch nur einigermaßen knackig auf den Punkt zu bringen, was denn genau die enorme Faszination ausmacht, die mich hier immer wieder auf Play drücken und für fast 70 Minuten in Verzückung geraten lässt.

Die Magie entsteht durch viele verschiedene, kleine und große Teile, die zusammengesetzt sehr viel mehr als ihre bloße Summe ergeben - und ein erstaunlich homogenes Ganzes.

Auf rein musikalischer Ebene sind diese Einzelteile achtzehn - oftmals direkt ineinanderfließende - Tracks, von denen fast jeder für (mindestens) eine andere stilistische Facette steht, der sich auch die Sängerin stets wie ein Chamäleon anpasst. Eingerahmt und zusammengehalten wird alles durch klassische Overtüren und einen ganz dick aufgetragenen, orchestralen Song als Finale. 

Ein größerer, noch über dieses Album hinausgehender Rahmen ist das retrofuturistische Konzept um die "Erz-Androidin" Cindi Mayweather, eine mythische Erlösergestalt in der von Fritz Lang inspirierten Welt Metropolis im Jahre 2719 und ihre "Genmutter" Janelle Monáe (ja, genau die!), welche aus der Zukunft zu uns zurückgeschickt wurde, um uns die Augen zu öffnen und gegen eine mit der Zeit rumpfuschende Geheimgesellschaft anzutanzen... ja, das klingt schnell ziemlich wirr und reichlich überambitioniert, wird allerdings auch mit einer gehörigen Portion Ironie (unbedingt Booklet lesen!) gebrochen.

Die Story wird dabei nach meinem Empfinden auf dem Album weniger direkt erzählt, wie es bei vielen Rock-Opern der Fall ist, sondern findet vielmehr in einem imaginären Film statt, zu dem das Album sozusagen den Soundtrack darstellt. Die zeitreisende Künstlerin selbst spricht hier nicht umsonst von einem emotion picture.

Wie die vier Kreise auf dem Cover andeuten, besteht die gesamte Metropolis-Saga aus vier Teilen. Den ersten bildet die vorangegangene 5-Song-EP "Metropolis : The Chase Suite", Teil 2 und 3 befinden sich auf diesem Tonträger - und Teil 4 kommt erst noch!
Sollte sich Janelle Monáe beim Abschluss auch nur auf Augenhöhe der hiermit gelegten Messlatte bewegen, kann ich es gar nicht erwarten, das Gesamtwerk am Stück zu genießen!

Ich bin ihr auf jeden Fall jetzt schon dankbar, dass sie so konsequent den kommerziell gesehen sicherlich anstrengenden Weg dieses übergreifenden Konzepts und der nicht zwangsweise an Radiotauglichkeit orientierten Songstrukturen geht.
Ebenso kompromisslos ist sie ja mit ihrem androgynen Auftreten in klassischer schwarz-weißer Garderobe, wo andere Sängerinnen ihres Alters (Mitte 20) sich mit jedem Video und/oder Fernsehauftritt noch textilfreier und anzüglicher "neu erfinden" müssen, um Fans und Medien bei der Stange zu halten.

Denn es ist ja nicht so, dass sie keine Wahl gehabt hätte. Die Beziehungen zu bekannten Größen wie Outkast und P. Diddy usw. sind da, für Coca Cola hat sie auch schon gesungen, und mit ihrem Aussehen, Gesangs- und Tanztalent hätte sie auch eine Heerschar prominenter Produzenten versammeln können, die aus ihr dann wahlweise z.B. einen Beyoncé-Knowles-Klon, die neue Lauryn Hill, den weiblichen Usher oder sogar die schwarze Pink gebastelt hätten. In der Aufzählung fehlt noch eine Rapperin, das wäre auch kein Problem.

Zum Glück macht Janelle Monáe ihr eigenes Ding.

Und woraus setzt sich das nun zusammen? - Funk, Soul, Alternative, Musical, Hip Hop, Klassik, Rock, traditionelles und modernes... Letztendlich verschmelzen unzählige Einflüsse ganz einfach zu unterhaltsamen, anspruchsvollem Pop. Oder besser gesagt: Pop, so wie er sein sollte.
Pop mit Vision, bei dem gute Ideen nicht nur verschämt angedeutet, sondern durchgezogen werden, bei dem es kein Whitney-Houston-Gedenk-Geknödel um des Whitney-Houston-Gedenk-Geknödels wegen gibt. Pop, der den Mut hat, vielleicht auch mal ein paar überforderte Hörer am Wegesrand stehen zu lassen.

Pop, der verbindet.

Live kann man gut beobachten, wie heterogen sich ihr Publikum, das "The ArchAndroid" ja immerhin kurzzeitig auf Platz 12 der deutschen Charts gehievt hat, zusammensetzt. Ich persönlich bin da gewiss nicht der einzige, der mit einem Großteil der Musikgenres, die sie vermischt, normalerweise eher wenig in Berührung kommt. Der Schlüssel ist einfach, dass der Stilmix mit einer so leichten Selbstverständlichkeit zelebriert wird, dass es einem als Hörer ebenfalls ganz natürlich vorkommt.

Auch ich höre ja gewisse Songs diverser begabter Supersternchen wie Christina Aguilera, Alicia Keys und sogar der unsäglich gehypten Rihanna durchaus gerne, würde mir von denen aber niemals eine ganze Platte kaufen, weil's darauf letztendlich zu achtzig Prozent doch nur auf den anspruchslosesten gemeinsamen Konsumenten optimierten Konsenspop zu hören gibt. Miss Monáe optimiert eben fürs andere Ende der Musikhörerschaft.


Und dazu ist die Platte natürlich extrem groß und detailreich produziert, so dass es auch immer wieder neue Feinheiten zu entdecken gibt. Allein im Bassbereich darf der Nachfolger gerne noch eine Spur klarer klingen. *HaarausderSuppefisch*


Zum Schluss nun noch ein bisschen Assoziations-Namedropping ohne Anspruch auf auch nur annähernde Vollständigkeit: Prince, David Bowie, James Brown, Michael Jackson (zu "Off The Wall"-Zeiten), Jimi Hendrix, Simon & Garfunkel, Walt Disney.

Und wer sich jetzt immer noch nicht vorstellen kann, womit er/sie es hier zu tun hat, der muss das Ding eben einfach auf gut Glück kaufen. Vertraut meinem guten Geschmack! ;)



Anspieltipps: Dance Or Die, Cold War, Come Alive (The War Of Roses), Mushrooms & Roses, BabopbyeYa

2010-12-28

Tonträger 2010, Teil 6 : Die Großen Acht (THE BIG 4, HEAVEN & HELL)

Nach Teil 2 mit Transatlantic und Neal Morse ist dies nun die zweite Paarung in meinen Tonträgern 2010, die aus Konzertmitschnitten besteht. Und nach Teil 4 (Lis Er Stille) auch der zweite, der ein Weihnachtsgeschenk beinhaltet. :)

Beide Aufnahmen besitze ich als DVD, es gibt sie aber auch auf CD bzw. als DVD/CD-Box.

METALLICA, SLAYER, MEGADETH, ANTHRAX - Live From Sofia, Bulgaria (2010)

"Die großen Vier" des 80er-Jahre-Thrash Metal zum ersten Mal überhaupt zusammen auf einer Bühne. Da haben die Macher der Sonisphere-Festivals dieses Jahr schon mächtig auf den Putz gehauen. Keine andere Metal-Tour hat dieses Jahr wohl so sehr den Blätterwald und Internetdschungel beherrscht wie diese. Das Attribut "legendär", so überstrapaziert es einem auch oft vorkommen mag - hier trifft es unzweifelhaft zu.

Insgesamt bekommt man über fünf Stunden Musik auf die Ohren, zum größten Teil absolute Szene-Klassiker. Wer auch nur auf eine Band oder einen Teil des Schaffens aller Gruppen steht, kann hier schon gar nichts verkehrt machen. Dass diese Festivaltour zu den Karrierehöhepunkten aller Bands gehört, ist allen vier Auftritten anzumerken.

Die positivste Überraschung für mich persönlich sind Megadeth, da ich mit Dave Mustaine und Co. vorher eigentlich nie so richtig warm geworden bin. Aber mit diesem Auftritt haben sie sich direkt auf meine Wacken-Wunschliste katapultiert.

Anthrax sind zwar ebenfalls klasse, können da jedoch nicht ganz ranreichen. In diesem Jahrzehnt hat die Band abseits der Bühne ja vor allem durch ihr oberpeinliches Sänger-Vor-und-zurück-Getausche auf sich aufmerksam gemacht. Und tatsächlich ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass - mal allen 80er-Jahre-Kult beiseite - John Bush doch eine Spur mehr als Joey Belladonna drauf hat.
Der Anthrax-Auftritt enthält mit "Got The Time", "Antisocial" und dem als Tribute an Ronnie James Dio in "Indians" eingebauten "Heaven And Hell" übrigens drei der insgesamt vier Coversongs dieser Doppel-DVD.
Und auch an dem vierten Cover zu fortgeschrittener Stunde waren Anthrax beteiligt...

Slayer und Metallica bieten genau die Weltklasse, die man von ihnen erwartet, letztere natürlich ihrem kommerziellen Status gemäß über eine doppelt so lange Spielzeit wie die anderen Bands. Großartige Auftritte.

Als erste Zugabe beim Headliner gibt's dann noch den Moment fürs Familienalbum bzw. DVD-Backcover, als Musiker aller Bands zusammen Diamond Heads "Am I Evil?" zocken.

Bonusmaterial ist eine Backstagedokumentation, in der es zumindest gefühlt hauptsächlich ums Proben von "Am I Evil?" geht. Ansonsten fällt mir als Highlight eigentlich nur das unfassbare Kerry-King-Rückentattoo eines Fans ein.

Bemerkenswert finde ich den FSK-Aufkleber auf der Hülle.
In England sind beide DVDs wegen "strong language" ab 15 Jahren zu haben, für uns Nicht-Muttersprachler sind sie mit "FSK 0" eingestuft. Dennoch wurde vorne "FSK 12" draufgepappt. Ich suche immer noch nach dem schlimmen, nicht kindgerechten Detail im Booklet

Anspieltipps: zu viele potentielle, da kann ich mich nicht entscheiden ;)



Nun zu einer Band, die man ebenfalls als "The Big 4" bezeichnen könnte. Nicht umsonst stehen die Namen der Musiker - Tony Iommi, Geezer Butler, Vinny Appice und Ronnie James Dio - prominent direkt auf dem DVD-Cover:


HEAVEN & HELL - Neon Nights / Live At Wacken (2010)

Die "Night To Remember" auf dem Wacken Open Air 2009, war - das hat man schon live vor Ort gespürt - eine ganz besondere.

Viele Besucher ahnten gewiss, dass dies ihre letzte Gelegenheit sein könnte, diese vier Metal-Urväter in dieser Konstellation zusammen auf der Bühne zu sehen. Tatsächlich sollte es der letzte Konzertmitschnitt von Ronnie James Dio werden, bevor er an Magenkrebs erkrankte und diesem im Mai 2010 erlag.

Neben der Dokumentation eines hervorragenden Auftritts, der durch eine extralange Version des Black Sabbath-Übersongs "Heaven And Hell" (natürlich) gekrönt wird, ist "Neon Nights" also auch das finale Vermächtnis Dios. Und welcher Rahmen wäre dafür würdiger gewesen?

Der einzige kleine Makel, den ich an der DVD ausmachen kann, ist, dass ich an einigen Stellen gerne mehr vom mitsingenden Publikum hören würde. Ansonsten wurde das Konzert natürlich hervorragend aufgezeichnet. Und mehr braucht es auch nicht.
 Metal-Journalist Malcolm Dome schreibt im Booklet so einfach wie treffend: "It's a cliché, but it happends to be true in this case: we will never see their like again."

R.I.P., Ronnie!

Anspieltipps: Heaven And Hell, Children Of The Sea

2010-12-27

Tonträger 2010, Teil 5 : Pappe vs. Plastik (SLAYER, IRON MAIDEN)

Heute komme ich zu zwei Alben, zu denen ich mich musikalisch gar nicht weiter detailliert auslassen möchte, da sie die meisten Fans eh schon längst kennen, und von denen eines eigentlich gar nicht hier hingehört, da es bereits 2009 erschienen ist.

Ich als Spätkäufer war allerdings eine Weile im Irrglauben, es sei erst dieses Jahr rausgekommen, und ich finde, es passt gut an diese Stelle, weil sich die Scheiben beider Bands durch suboptimalen Vorbildcharakter in punkto Hüllengestaltung bzw. Extras auszeichnen, worüber ich mich gerne ein wenig echauffieren möchte. ;)


SLAYER - World Painted Blood (2009)

Ok, was die Verpackung angeht, bin ich ja selbst Schuld. Habe nicht aufgepasst und bin an die Sparvariante geraten. Die spart wenig am Preis, dafür umso mehr an allem anderen. Eine Papphülle, aus der man die CD ziehen kann. Wäre hinten kein Barcode drauf, hätte ich's für eine Promoversion gehalten. Vorne auf dem Cover schön deutlich der in der Vergangenheit auch schonmal kürzere Hinweis "Parental advisory / explicit content / strong language / sexual + violent content" und drinnen zum Glück kein Booklet, indem ich die explizite Lyrik nachlesen könnte. Es gibt ja durchaus Künstler, bei denen Minimalismus zum Konzept gehört, aber bei einem Slayer-Album erwarte ich doch zumindest, dass die Herren Araya, King, Hannemann und Lombardo im (vorhandenen) Booklet namentlich erwähnt werden.

Ja, ich weiß, ich hätte auch eine andere Fassung kaufen können! Aber warum bringt Sony diesen Quatsch überhaupt raus? Soll das etwa die Antwort der Musikindustrie auf rückläufige Tonträgerabsätze sein?

Die Musik ist hingegen gar nicht zu beanstanden, um es in Radiosprache zu sagen: Das Beste der 80er, 90er und von heute! Also, das beste von Slayer natürlich. Slayer sind frisch und slayer wie eh und je, was will man mehr? Sehr geil!


Anspieltipps: World Painted Blood, Public Display Of Dismemberment, Playing With Dolls




IRON MAIDEN - The Final Frontier (2010)

Eigentlich müsste ich diese "Limited Metal Tin Box" ja loben, weil es endlich mal eine Sonderverpackung ist, aus der sich der Tonträger einfach und sicher lösen lässt. Gerade Stahlboxen meide ich eigentlich schon seit Ewigkeiten wie der Teufel das Weihwasser, seit mir damals nämlich Kreators "Cause For Conflight" aufgrund der störrischen Halterung bei der Entnahme zerbrochen ist. Heutzutage sind es vor allem Multi-DVD-Boxen, bei denen mir die Erinnerung an diesen Moment den Angstschweiß auf die Stirn treibt...

Aber bei dieser Maiden-Box geht das ganz fluffig. Einerseits.
Anderseits ist das Ganze natürlich ein Traum aus Alu und Weichplastik, dass man fast fürchtet, "The Final Frontier" sei auf Spielzeuginstrumenten eingeklimpert worden.
Sollte dies tatsächlich die anvisierte Wirkung sein? Für mich ein Fall von guter Idee und unwürdiger Umsetzung. Das Cover an sich ist ok, wenn man's nicht so ernst nimmt... Maiden hatten schon schlimmeres, und gerade den kleinen Space-Invaders-Gedächtnis-Eddie unten links finde ich eigentlich ganz witzig.

Ärgerlich hingegen sind die Extras.

Liebe EMI, liebe andere Plattenfirmen, die ihr uns immer wieder mit diesem Blödsinn verarscht: Kein Mensch braucht euren beschissenen Online-Bonus-Content! Niemand! Punkt.

Wenn ihr Extras habt, die es wirklich wert sind, mit dem Hauptprodukt zusammen veröffentlicht zu werden, dann tut es doch bitte einfach auf dem Tonträger selbst bzw. mit einer Bonus-Disc! Die kosten euch in Herstellung nicht die Welt und der Kunde zahlt dafür auch gerne einen Euro mehr. Und vor allem kann er sie sich auch in fünf Jahren (also wahrscheinlich beim zweiten Betrachten überhaupt) noch einmal anschauen.
Euer Internetkram ist bis dahin doch vermutlich längst den Weg ins Datennirvana angetreten. Das kenne ich doch schon vom Bonus des Herrn-Der-Ringe-Soundtracks.


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Das wäre in diesem Fall natürlich kein riesiger Verlust. Die Interviews zum Album hätte man auch einfach so über Youtube etc. veröffentlichen können, Live-Fotos von Iron Maiden sind ja eine ganz originelle Sache, die es vorher noch nie gab, und dieses Raumschiff-Browserspielchen ist an Heavy Metal und Relevanz in Bezug auf die Band ohnehin nicht zu überbieten.

Wenn ihr wirklich nur das zu bieten habt, dann schmeißt es bitte umsonst ins Volk und verkauft uns einen stinknormalen, bonusfreien Tonträger, anstatt uns einen vermeindlichen Mehrwert vorzugaukeln, wo es dauerhaft in Wahrheit nur eine komische, so naja... mittelüberzeugende Frischhalteboxe gibt.


Zum Glück haben sich die sechs Musiker selbst mehr Mühe gegeben und ein echt amtliches Werk abgeliefert.

Manches Intro könnte ein bisschen flotter auf den Punkt kommen, aber ansonsten kann ich nichts beanstanden. Maiden in allen Spielarten von straight rockig bis progressiv verspielt mit allen bekannten Trademarks. Dazu ein beeindruckend trockend produzierter, fast immer solo ohne Backgroundchor singender Bruce Dickinson - fein! Die Platte wächst bei mir immer noch mit jedem Hördurchlauf.

Überraschendster Moment: Im Instrumentalteil von "The Man Who Would Be King" klingen Iron Maiden plötzlich überhaupt nicht wie Iron Maiden. ;)

Anspieltipps: Starblind, When The Wild Wind Blows, Isle Of Avalon, Mother Of Mercy

2010-12-25

Tonträger 2010, Teil 4 : Stille Nacht (LIS ER STILLE)

Heute möchte ich mal eine für mich ganz frische Platte besprechen. Ich hatte vor ein paar Wochen nur einen Song auf einem Sampler der Zeitschrift eclipsed gehört, in der sie auch zum Album des Monats gekürt worden war, und sie sogleich auf meinen amazon-Wunschzettel gesetzt.

Und wie das manchmal so ist mit Wünschen zu Weihnachten...

LIS ER STILLE - The Collibro (2010)

Besonders schön zum Fest ist, dass man die CD ruhig mit fettigen oder leicht dreckigen Fingern auspacken kann, wurde die Hülle doch einem alten Buch nachempfunden, inkl. leichter Schmutz- und Gilbspuren.
Daneben verrät uns die Aufmachung schon, dass die Dänen nicht nur ein paar gefällige Liedchen trällern, sondern uns eine Geschichte erzählen wollen.

Nun möchte ich nicht behaupten, diese Geschichte zu verstehen (mich würde nicht überraschen, wenn es sich bei den Texten um reine Stimmungsmalerei handelt, ohne dass ich dies unterstellen möchte), ihre Form aber gefällt mir sehr. Diese verzichtet fast vollständig auf Strophe-Refrain-Schemata, vielmehr stellt sich "The Collibro" als in mehreren Akten inszenierte, sich ständig wild in neue Richtungen entwickelnde Gesamtkomposition dar.

Stilistisch lassen sich Lis Er Stille kaum unmissverständlich festmachen. Sehr düsteren, ungezügelten, advantgardistischen, laut/leise-dynamischen Progrock höre ich, in dem Piano und lärmende Gitarren um die Führungsrolle streiten und gehöriges Maß an Chaos in ihrem Kampf durchaus in Kauf nehmen, der in seiner auf Hörgewohnheiten pfeifenden Ungestümheit viel Aufmerksamkeit verlangt und einen nur für kurze Zwischenspiele in trügerischer Ruhe durchatmen lässt.

Ich öffne jetzt mal den Sack mit den mir in den Sinn kommenden, aber doch nie hundertprozentig treffenden Vergleichen:
Der Falsettgesang lässt an Muse oder Sigur Rós denken, in den tieferen Passagen scheint sich Sänger/Keyboarder Martin Byrialsen stimmlich eher an David Bowie und Nick Cave zu orientieren. Im Gesamtzusammenhang mit der wichtigende Rolle des Klaviers, der schwer fassbaren dunklen Atmosphäre und der Art und Weise, wie die einzelnen Stücke zueinander stehen, kommen mir auch das zweite Album von Queen oder an das mit seinen Death/Black-Metal-Elementen noch extremere "Choirs Of the Eye" von Kayo Dot in den Sinn. Wenn es mal geordnet läuft, klingen mehr als einmal Archive an, und ganz unvermeidlich drängt sich, je ekstatischer die Musik des Vierers wird, auch der Gedanke an The Mars Volta auf.

Letztendlich ist es aber doch eine ganz eigene, spannende Geschichte.

Anspieltipps: Send In The Scouts, Through The Quests Of Your Designs, Shards Of The Ending

2010-12-24

Tonträger 2010, Teil 3 : Im Fruchtrausch des Bösen (MOTORPSYCHO, TRIPTYKON)


MOTORPSYCHO - Heavy Metal Fruit (2010)

Den Preis für das bekloppteste Albumcover 2010 stecken die Psychedelic Rocker aus Norwegen zunächst einmal locker ein. Momentan weckt es in mir übrigens ein bisschen Assoziationen an einen Weihnachtsbaum.
Im Gesamtzusammenhang mit dem Plattentitel und Songnamen wie "X-3 (Knuckleheads in Space)" oder "The Elementhaler" und "Phoot's Flower (a Burly Return)" (Teile 2 und 4 von "Gullible's Travails") ist das Gesamtbild allerdings stimmig.

Die Musik ist auch etwas bekloppt, dies allerdings im allerpositivsten Sinne. Von flüsternd bis dampfwalzend rockend, von punktgenau arrangiert bis berauscht ausschweifend bieten Motorpsycho hier eine kleine, aber feine (und zum Teil überlange) Sammlunge zeitloser, mitreißender Rocksongs, in denen ein Feuerwerk der Ideen abgebrannt wird. Getragen von einer mit jazziger Leichtigkeit agierenden Rhythmussektion, gekrönt mit tollen Harmoniegesängen, wird "Heavy Metal Fruit" in keiner Minute langweilig, außer vielleicht in der die Geduld des Hörers testenden allerersten von "Starhammer", welche mich sehr an den Anfang von The Mars Volta's "Octahedron" erinnert.

Besondere Highlights sind beispielsweise das plötzliche Umschwenken des straighten Rockers "X-3" in den Gitarren/Jazz-Trompeten-Jam "The Getaway Special", der leicht beatleeske Balladen-Ruhepol des Albums "Close Your Eyes" und der sich machtvoll in höchste Sphären aufschwingende, proggige Zwanzigminüter und Sofortklassiker "Gullible's Travails", der alleine den Kauf schon rechtfertigen würde.

Ganz groß, das alles!

Anspieltipps: Gullible's Traivails (pt. I - IV), X-3 / The Getaway Special



Von ungleich düsterer Grundstimmung und geziert von einem ganz und gar keine weihnachtlichen Gedanken erweckendem Giger-Cover ist das erste Album der neuen Band von Thomas Gabriel Fischer.

TRIPTYKON - Eperistera Daimones (2010)

Der Schweizer, der wohl unbestritten die gesamte Death- und Blackmetalszene entscheidend mitgeprägt hat, macht mit Triptykon genau dort weiter, wo Celtic Frost mit dem Düsterhammer "Monotheist" aufhörten und auch in Wacken 2006 (schreibfaules Jahr meinerseits) schwer beeindruckten.

Tief, schwer und zäh ist "Eperistera Daimones" geworden, ein kriechendes Monument des Hasses, ein Mantra des Bösen, eine Kakophonie des Schmerzes. Und das ist kein Werbetext von Century Media, sondern schlicht die Realität dieses Albums.
So überzeugend und aus dem Herzen kommend böse kann im Doom / Death Metal momentan wohl sonst niemand.

Mit dem fast zwanzigminütigen Koloss "The Prolonging" setzt Herr Fischer sogar auf die legendär düstere "Synagoga Satanae" noch einen drauf. Diese beiden Songs hintereinander als gewaltige Schwarze Messe live zelebriert zu erleben, muss schon der Hammer sein. Ich bin offiziell neidisch auf alle, die diesem Fest schon beiwohnen durften.

Es gibt auch ein paar ruhigere Momente wie den überraschenden Klavierteil in "Myopic Empire" oder das anschließende hauptsächlich von Simone Vollenweider gesungene "My Pain", insgesamt ist das Dämonenwerk aber ein nachtschwarzer Granitklotz aus der Hölle.

Passend dazu präsentiert sich das ansprechende Layout des Digipacks. Einzig die im Original beinahe quadratmetergroßen, mit dessen eigenem Blut gemalten Bandportraits des Künstlers Vincent Castiglia entfalten im CD-Format wohl nicht ganz ihre beabsichtigte Wirkung und könnten auch aus Schokolade gemacht sein. Mmmhhh Schokolade, das erinnert mich nun doch daran, dass ja morgen Weihnachten ist. ;)

Anspieltipps: The Prolonging, Goetia

Tonträger 2010, Teil 2 : Epics, epics, nothing but epics! (TRANSATLANTIC, NEAL MORSE)

Soll ich oder soll ich nicht? Irgendwie juckt es mich ja schon in den Fingern, meinen Senf dazu zu geben, aber anderseits hat die Sache mittlerweile ein solches Fremdschämpotential entwickelt, dass man gar nichts mehr davon hören möchte und sich eigentlich nur noch sehnlichst wünscht, irgendwer möge ihm doch bitte bitte mal - auch um seiner selbst willen - sein Internet wegnehmen!

Die Rede ist von Mike Portnoy, seiner Midlife-Crisis und dem damit einhergehenden unglückseligen Ausstieg bei Dream Theater.

Soll ich...?
Nein, das Thema spare ich mir lieber bis zur Rezension des Nachfolgers von "Black Clouds & Silver Linings" auf.


Hier und jetzt erinnere ich mich lieber daran, dass der derselbe Schlagzeuger dieses Jahr auch gänzlich unpeinliche Dinge getan hat, wie z.B. zusammen mit den Herren Morse, Trewavas, Stolt und Gildenlöw mein persönliches Konzert des Jahres in der Markthalle zu spielen.

Und dann gab es ja auch noch einen Mitschnitt vom vorletzten Konzert derselben Tour als 2 DVD & 3 CD Deluxe Edition ...



TRANSATLANTIC - Whirld Tour 2010 (2010)

Ich halte diese Rezension mal kurz, denn mit Superlativen habe ich ja schon im weiter oben verlinkten Konzertbericht aus Hamburg um mich geworfen.

Das Set war auch in London dasselbe, mal abgesehen davon, dass sich im Laufe der Tour noch ein paar weitere Gimmicks entwickelt haben, wie z.B. Einsprengsel von Deep Purples "Highway Star" an entsprechender Textstelle in "Duel With The Devil" oder das in der Studioversion von "The Whirlwind" nicht verwendete, aber durch die dazugehörige Making-Of-DVD berüchtigte "Boba Fett"-Thema.

Den 80-Minuten-Song selbst habe ich ja eigentlich erst nach dem Konzerterlebnis so ganz begriffen, danach hat das Album bei mir noch ordentlich Sympathien dazugewonnen. Die Live-Version (hier nicht in Einzeltracks zerstückelt) ziehe ich nun allerdings eindeutig vor. Diese Band ist einfach vor allem für die Bühne gemacht!

Auch in dieser Box ist eine Dokumentation enthalten, welche die Band zunächst beim Proben, dann auf Tour beidseitig des Atlantiks und als Bonus noch zusammen mit Steve Hackett "The Return Of The Giant Hogweed" spielend sieht. Interessant finde ich vor allem, dass man zumindest einen kleinen Eindruck davon erhält, was auf der Tour so alles während des Chaos-Teils von "Stranger In Your Soul" passieren konnte. Für das London-Konzert hat man natürlich eine zivilisierte Variante, über die wohl auch alle auf der Bühne bescheid wussten, gewählt. Anderswo sind durchaus kaputtere Dinge passiert. Schade, dass Hamburg fehlt, aber es gibt ja zum Glück das Internet. ;)

Das gefilmte Konzert ist selbstverständlich - egal ob mit oder ohne Bild - fantastisch. Mehr Transatlantic in einer Veröffentlichung geht nicht. Für jeden Fan und Prog-Freund ist dieses Ding im Grunde Pflicht, auch wenn man die "Live in Europe" von 2001 schon besitzt, denn hier wird eindeutig nochmal eine Schippe draufgelegt!

Anspieltipps: The Whirlwind, We All Need Some Light



Naturgemäß artverwandt ist ein anderes dieses Jahr erschienenes Live-Album, welches es ebenfalls auf drei CDs bringt:

 
NEAL MORSE - So Many Roads (2010)

Ganz so lange wie bei Transatlantic stand der Meister auf seiner Europatour 2008 wohl nicht auf der Bühne, auch wenn die drei Silberscheiben es zunächst vermuten lassen könnten. Aufgenommen wurde "So Many Roads" aber auf fünf verschiedenen Konzerten in Deutschland, Belgien und Holland.

Klanglich passt aber alles ordentlich zusammen, so dass dieser Umstand keineswegs stört. Ganz im Gegenteil, kommen so ja auch ein paar Songs zum Zuge, die nicht jeden Abend gespielt wurden.

Zu hören gibt es neben Songs und halbstündigen Mammut-Medleys von Morses Soloalben auch Stücke von Spock's Beard und Transatlantic. Alles in allem ist dies wohl der umfassenste Liveeinblick in das Schaffen des Allroundmusikers.

Natürlich gibt es einiges schon in zahlreichen anderen Versionen. Trotzdem lohnt es, auch diese noch zu hören. Nehmen wir zum Beispiel "Stranger In Your Soul", in das hier "Bridge Across Forever" komplett eingebettet ist, und in dem wir nebenbei auch erfahren, wer für das "Soul Sacrifice"-Cover von TA verantwortlich sein muss.
Vor allem ist es aber die beeindruckende, komplett aus international weniger bekannten niederländischen Musikern bestehende Band, die für eine frische Note sorgt, wobei neben Drummer Collin Leijenaar (übrigens auch Tourmanager von Transatlantic) vor allem Keyboarderin Jessica Koomen in ihren Gesangsduettpassagen mit Neal Morse Akzente setzt.
Überhaupt sind die mehrstimmigen Sätze wie beispielsweise im wahnwitzigen "Author Of Confusion" mal wieder großartig.

Ein anderes Thema - Muss man es noch erwähnen? - sind natürlich Jesus und seine Verwandschaft, die in den Texten oft eine verzichtenswert prominente Rolle einnehmen und Neal Morse für viele Hörer zu einer schwierigen Angelegenheit machen. Ich persönlich habe mich bei den meisten Liedern einigermaßen daran gewöhnt und nehme eher das Grundgefühl als den wörtlichen Inhalt wahr. Wenn ich Morbid Angel, Slayer oder Autopsy höre, identifiziere ich mich ja zum Glück auch nicht so weit mit den Texten, dass ich zum Kirchenabfackler, Massenmörder, Grabschänder werde. ;)

Alles in allem ein tolles Livealbum, das übrigens auch bezüglich des Preis-/Leistungsverhältnisses keine Wünsche offen lässt. Kurioserweise kostet der mp3-Download bei Amazon mehr als das CD-Set. Ich find's ja eh schöner, wenn ich auch etwas zum Anfassen habe.

Anspieltipps: At The End Of The Day, Author Of Confusion / I'm The Guy, Stranger In Your Soul / Bridge Across Forever

2010-12-22

Tonträger 2010, Teil 1 : Vom Grab ins Licht (AUTOPSY, CYNIC)

Ich habe hier ja sehr lange kein Album-Review mehr verfasst, da dachte ich mir, ich reiche jetzt zur Zeit der Jahresrückblicke zumindest mal ein paar Worte zu den neuen Scheiben, die ich mir 2010 gegönnt habe, nach.

Gestern hatte ich noch überlegt, das ganze als Top 10 zu präsentieren, aber erstens bekomme ich die zehn dieses Jahr erschienenen Alben nicht ganz zusammen, zweitens könnte ich mich hinter Platz 1, den ich ja schonmal nebenbei erwähnte, partout nicht für eine Rangfolge entscheiden. Dafür sind die Sachen einfach zu unterschiedlich. Außerdem habe ich mir insgesamt etwas mehr Musik zugelegt, als ich wirklich schon kennenlernen konnte, will sagen: in ein paar durchaus geile Sachen habe ich mich noch gar nicht genug reingehört, um sie in irgendeinem Ranking unterbringen zu können.

Ich fange also jetzt einfach mal alphabetisch und damit auch mit den beiden kürzesten CDs an...


AUTOPSY - The Tomb Within (2010)

Bürgerwehren dieser Welt, patroilliert die Friedhöfe und schaut euch genau an, wer rein- und wer rauskommt! Denn die Legende ist zurück!

Räudig, stinkend, widerlich, aber doch glibberig frisch wie eh und je kriechen Autopsy mit dieser EP nach 15 Jahren aus ihrer Gruft, als wäre der Sargdeckel niemals geschlossen worden.

Schlagzeuger und Sänger Chris Reifert poltert, gurgelt, grunzt und keift einem direkt in die Fresse, dass man das Gefühl hat, beim Schädelschütteln seinen Sabber im Raum zu verteilen.

Alles an dieser Scheibe hört sich grob und dreckig an, viel zu dynamisch, organisch und anstrengend für die meisten modernen Metalkonsumenten wahrscheinlich, doch eben genauso wie Death Metal der brutalen Sorte eigentlich klingen sollte!
Wobei ich die letzte Aussage natürlich noch ein bisschen einschränken muss: Wer spielerisch nichts drauf hat, der kann sich nämlich eine solche, alle möglichen Schwächen gnadenlos aufdeckende Produktion wie "The Tomb Within" eben nicht leisten.
Autopsy hingegen sind instrumental über jeden Zweifel erhaben. Insbesondere das Leadgitarrenduo Eric Cutler / Danny Coralles war schon immer eines meiner liebsten im Genre, die King/Hannemann des Todesbleis sozusagen.

Nichtsdestotrotz werden Autopsy auch innerhalb der Death-Metalszene sicherlich immer ein eitriges Randgruppenekzem bleiben, dafür ziehen sie einfach zu überzeugt und kompromisslos ihr Ding durch. Zwischen lieben und hassen gibt's wahrscheinlich für den Hörer nicht viele Optionen.

Mir macht diese EP so viel Spaß, dass ich sie gerne ein paar Mal hintereinander durchlaufen lasse. Allein die Antizipation der total kranken letzten zwanzig Sekunden ist es wert.

Wenn Autopsy auf ihrem nächsten Longplayer dieses Niveau auch nur halten, dann dürfte ein Meisterwerk zu erwarten sein, dass sich nicht hinter dem Klassiker "Mental Funeral" verstecken muss.

Üüüüääärrghhh!

Erwähnte ich eigentlich schonmal irgendwo, dass Autopsy unbedingt aufs Wacken Open Air gehören? ;)

Anspieltipps: egal, einfach ganz laut aufdrehen und los geht's!




CYNIC - Re-Traced (2010)

Wenn man die Cover der jüngsten Veröffentlichungen von Autopsy und Cynic miteinander vergleicht, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass es sich hier um die schwarze und weiße Seite einer Medaille handelt.

Tatsächlich gibt es ja neben der Ähnlichkeit des Artworks und der Tonträgerlänge von jeweils fünf Titeln ja auch musikalische Paralellen, nämlich die Death-Metal-Wurzeln und eine gewisse Jazz-und-Siebziger-Jahre-Affinität beider Bands. Ja was, wer kuckt hier ungläubig? Ok, von diesen Gemeinsamkeiten ausgehend könnten zwei Gruppen nicht unterschiedlicher klingen als es "The Tomb Within" und die EP von Cynic tun.

Naheliegender ist es selbstverständlich, das Cover und die Musik von "Re-Traced" mit dem vorangegangenen Comeback-Album von Cynic, "Traced In Air" zu vergleichen, schließlich handelt es sich bei vier der fünf Songs um Neuinterpretationen von Stücken dieses Albums.

Dabei bleibt der Grundaufbau der Kompositionen im Grunde fast unangetastet, die stilistische Basis des Arrangements unterscheidet sich aber zum Teil erheblich, ohne sich jedoch in eine bekannte Schublade einordnen zu lassen. Irgend etwas in der Art von "experimenteller Neo-Folkpop mit elektronischem Einschlag" habe ich irgendwo gelesen. Hmm, könnte der Sache durchaus nahe kommen. Ruhiger, meditativer wirkt es auf jeden Fall.

Metal ist es definitiv nicht, dementsprechend sind auch keine Growls, sondern ausschließlich der cleane Gesang Paul Masvidals zu hören. Nach wie vor finden sich allerdings noch verzerrte Gitarren, diese jedoch auf wenige Passagen konzentriert, teilweise dort, wo man sie nicht zwingend erwarten würde. Die Kenntnis der Originale feit einen also nicht vor Überraschungen.
Sehr interessant in meinen Ohren zum Beispiel der Breakbeat im Finale von "King" (Original: "King Of Those Who Know").

Am einfachsten zu umschreiben ist "Integral", eine musikalisch fast nur auf akustische Gitarre reduzierte Fassung von "Integral Birth". Wäre die ganze EP in diesem Stil, könnte man problemlos von unplugged sprechen.

Ganz und gar plugged ist danach aber wieder "Wheels Within Wheels", der einzige komplett neue Song, eine melancholische, getragene Nummer, welche sich inklusive Chuck-Schuldiner-Gedächtnis-Doublebassattacke wieder mehr im normalerweise von Cynic gewohnten Kosmos umhertreibt, dabei aber vielleicht etwas artrockiger als "Traced In Air" daherkommt.

Die entscheidenden Fragen zur Gesamtbewertung dieser Veröffentlichung sind wohl:

Waren diese Neuinterpretationen wirklich nötig? - Antwort: Nein, hier haben sich die Künstler einen Luxus gegönnt.

Sind die neuen Versionen besser? - Nein, aber teilweise empfinde ich sie zumindest durchaus als gleichwertig. In jedem Fall stellen sie aber ein gelungenes Experiment dar, welches wieder einmal beweist, dass wirklich gute Songs unabhängig von der Art ihres Vortrags immer gute Songs bleiben. Ein Kritiker der New York Times hat Paul Masvidal nicht umsonst auf Augenhöhe mit seinen Vornamensvetter McCartney zu dessem kreativen Höhepunkt gestellt!

Sollte man diese EP besitzen? - Als Fan tut man's ja sowieso. Für den Neueinstieg in die Klangwelt von Cynic ist sie bis auf den letzten Track vermutlich etwas irreführend; anderseits für manchen Hörer ohne Metalhintergrund vielleicht auch sogar leichter.
Aber man weiß ja nicht, wo die musikalische Reise zukünftig hingeht...


Wie kürzlich bekannt wurde, markiert "Re-Traced" das Ende von der Cynic-Besetzung Masvidal / Sean Reinert / Tymon / Robin Ziehlhorst, die ich zum Glück eins, zwei, drei Mal live bewundern durfte und die mir auch ein Poster komplett signiert hat.
Der Split geschah einvernehmlich aufgrund der logistischen Schwierigkeiten, die entstehen, wenn eine Band halb in Kalifornien, halb in Holland zu Hause ist.

Als Fan erfüllt mich dies aber keinesfalls mit Sorge, ich vertraue da ganz auf das gute Händchen von Paul Masvidal und Sean Reinert bei der Auswahl ihrer künftigen Mitstreiter.
Vor allem aber freue ich mich, dass es nun höchstwahrscheinlich auch wieder eine Zukunft und ein neues Album von Tymon und Robins fabelhafter Instrumentalband Exivious geben wird!

In diesem Sinne bewerte ich den Split eigentlich sogar positiv. Wer weiß, vielleicht touren die beiden Gruppen ja eines fernen Tages zusammen, das wäre der absolute Knaller. *träum*

Anspieltipps: Integral, Wheels Within Wheels