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2012-01-07

Tonträger 2011, Teil 5: Die nihilistische Dreifaltigkeit (JESU)

Kein Jahr, in dem uns Justin K. Broadrick nicht mit mindestens einem Release von Jesu beglückt. Um für 2011 auf drei zu kommen, habe ich allerdings etwas geschummelt, da "Heartache / Dethroned" schon im Dezember des Vorjahres rauskam. Aber der Dezember geht ja immer so schnell vorbei, deswegen wollen wir hier mal keine Haarspalterei betreiben. ;)

Außerdem hat die Musik auf dieser Doppel-EP ja ohnehin schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel, handelt es sich doch um eine Wiederveröffentlichung des Debüts von Jesu, sowie die Aufbereitung noch älterer Demoaufnahmen. 

 JESU - Heartache / Dethroned (2010)

Die aus nur zwei, jeweils ca. zwanzigminütigen Songs bestehende EP "Heartache", ursprünglich 2004 erschienen, kommt zwar nun optisch reduzierter in noch monochromerer (und sich somit besser in die Diskografie einfügender) Aufmachung daher, hat aber musikalisch nichts von ihrer Kraft und Relevanz eingebüßt.
Nach wie vor ist dies eines der ganz essentiellen Werke im Broadrick-Universum.

Den Song "Heartache" kann man aus heutiger Sicht als Vorläufer des mehr als doppelt so langen Brockens "Infinity" betrachten, dem er im Aufbau nicht unähnlich ist.
Nachdem man zunächst einmal an die Zerre der Saiteninstrumente gewöhnt wird, bestimmen Riffs und relativ häufige Wechsel das Klangbild, ehe das Stück etwa in der Mitte sein langsames Mantrathema mit der immer gleichen Textzeile "But really there's nothing" findet.

Im Vergleich zu den meisten Veröffentlichungen des Vorgängerprojektes Godflesh zeigt sich der Sound insgesamt melancholischer und dynamischer, der Drumcomputer hingegen klingt in manchen Passagen noch gewollt synthetischer. In "Ruined" öffnet Broadrick seinen Klangkosmos zudem noch weiter für Pianosounds, die man früher von ihm nicht so gehört hätte. Anderseits hält dieser Track im Gegensatz zu den meisten späteren Jesu-Werken noch das damals gewohnte brutale Shouting bereit, welches im Laufe der Zeit immer mehr von der zerbrechlichen Gesangsstimme abgelöst worden ist.
Alles in allem bewegt sich "Heartache" perfekt im Spannungsfeld Mensch und Maschine, Gefühl und Kälte, Schönheit und Abgrund.

Das ältere Material der nun erstmals erschienenen "Dethroned"-EP steht dem kaum nach. Die Stücke sind zwar kürzer, dafür sind derer vier zu hören. Von harten Godflesh-Rhythmen zu melancholischeren Elegien umfasst sie ein angesichts ihrer Kürze schon bemerkenswertes Klangspektrum. Irgendwo knarrzt, ranzt und dröhnt es dabei allerdings ständig, im Vergleich zu "Heartache" ist der Sound also schon etwas dreckiger. Mit einem echten Schlagzeug hätten sich die Stücke auch allesamt gut in das erste Full-Length-Album "Jesu" eingefügt.

Als eigenständiges Merkmal dieser EP kann man die Effekte auf dem Gesang betrachten, die natürlich im Prinzip nichts wirklich neues sind, hier aber beispielsweise im Titeltrack eine besonders entfremdende Qualität entfalten.

Für Freunde der musikalischen Katharsis liefert der Meister auf diesem Solowerk wieder einmal feinste Kost, und während der hypnotischen letzten Takte von "I Can Only Disappoint You" wünscht man sich, es hätte davor noch ein bisschen mehr als eine knappe halbe Stunde Musik gegeben.

Anspieltipps: Heartache, Dethroned, Ruined, I Can Only Disappoint You





JESU - Ascension (2011)

Während ich "Heartache" (mit dem Bonus "Dethroned" nun erst recht) zu jenen Jesu-Scheiben zähle, die ich einem Neuling zum Einsteig ans Herz legen würde, sieht es bei diesem neuesten Longplayer etwas anders aus... Nein, das Album ist definitiv kein Flop! Aber es ist schon sehr... anstrengend, selbst für Jesu-Verhältnisse.

Dabei ist es aber weit entfernt von der ausufernden Stumpfheit von Songs wie dem genialen Debütalbum-Opener "Your Path To Divinity". Auch wabert sich hier kein Song über die Zehn-Minuten-Grenze. Und es mangelt ähnlich wie auf dem zweiten Album "Conqueror" oder der "Lifeline"-EP ebenso nicht an Melodien, denen man anders arrangiert schon fast Pop-Appeal attestieren könnte.

Dennoch hat sich das Album sehr langsam an mich herangeschlichen. Hört man "Ascension" nämlich nur so nebenbei, besteht das Risiko, dass einen die Musik einfach verdammt runterziehen kann.
Nie klangen Jesu (hier mal wieder als Duo mit Ted Parsons als echtem Drummer) so organisch, nie stand so wenig Maschine zwischen dem Song und den Hörer. Selbst der fragile Gesang verzichtet über weite Strecken auf die gewohnten Delay-Spielereien. Dadurch ist  "Ascension" sehr intim geworden, und so nah wie hier am emotionalen Kern der Musik zu lauschen, das erfordert schon ein gehöriges Maß an Gewöhnung. Denn hier geht es nunmal eine Stunde lang sehr langsam und schlechtwetterlyrisch zu.

"You give life and then don't feed it - It's all smothered beauty"
"Is it any wonder that something's missing forever more?"
"Age comes like the night in winter, just after we leave December"
"Can't you keep it to yourself? Does it eat you up like the cancer in us all?"

Hat man sich in dieser Gedankenwelt zu einer Stunde lang permanent schwermütig langsamer Musik erst einmal zurecht gefunden, dann dringen durch all die Depression auch die Songs zu einem durch und entfalten irgendwann auch ihre ganze Schönheit. Und am Ende - im Finale von "December", dem darauf folgenden "King of Kings" und dem abschließenden Epilog und Titelstück - meint man fast dieser Himmelfahrt (="Ascension") beizuwohnen.

Dieser Prozess der Entfaltung hat eben nur - bei mir zumindest - deutlich länger als allen vorangegangen Alben und EPs gedauert. Aber was langsam wächst, wird ja oft umso besser.
So auch hier. Hat man es sich erschlossen, so reiht sich "Ascension" nahtlos in die Reihe seiner meisterlichen Vorgänger ein.

Anspieltipps: Broken Home, King Of Kings, Small Wonder, Fools


Und nun schwelge ich noch ein wenig in bitterem Selbstmitleid, weil ich Jesu dieses Jahr nicht auf dem Roadburn Festival sehen kann...

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