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2012-05-17

LAIBACH - Iron Sky

Der Hype ist groß - und das ist er nicht ohne Grund. Die Prämisse der finnisch/deutsch/australischen und weltweit von Fans mitfinanzierten Filmproduktion "Iron Sky" - Nazis sind Ende des Zweiten Weltkriegs mit Reichsflugscheiben auf die dunkle Seite des Mondes geflohen und haben dort ein Viertes Reich errichtet, um eines Tages zurückzukehren - ließ von Anfang an eigentlich nur einen Kultfilm zu. Die Frage war nur, ob es gemessen an seinem vergleichsweise geringem Budget ein wirklich guter Kultfilm werden würde - oder eher einer der anderen Kategorie...

Auch wenn mancher Witz etwas flach daher kommt und dem Drehbuch noch manche kleine Unbeholfenheit anzumerken ist, so kann ich diese Frage nach dem Kinobesuch doch eindeutig positiv beantworten. Man spürt, dass hier Menschen mit einer (absurden) Vision am Werk waren, die fehlende Mittel durch viel Einsatz wettgemacht haben. Insbesondere das Special-Effects-Team dürfte monatelang kein Tageslicht gesehen haben.

Am besten wird der Film "Iron Sky" immer dann, wenn er mit totalitärer Ästhetik und politischer Satire spielt und sich hemmungslos selbst daran ergötzt - beides schon seit Jahrzehnten ausgewiesene Fachgebiete des Kollektivs "Neue Slowenische Kunst".
Dass dessen musikalischer Arm Laibach den Soundtrack liefern sollte, war bei der Entwicklung des Filmkonzept tatsächlich neben Udo Kier als Mond-Führer die erste konkrete Vorstellung des Regisseurs. Und glücklicherweise konnten Laibach dann auch tatsächlich zur Epochalisierung des Streifens gewonnen werden.



LAIBACH - Iron Sky - The Original Film Soundtrack (2012)

Laibach enttäuschen nicht. Es sei denn, man gehört zur "Sind das nicht diese Nazis?"-Fraktion und kennt von ihnen nur die 80er-Hits "Geburt einer Nation" und "Leben heißt Leben" und erwartet Songs dieser Art über die ganze Länge des Films.
Aber als Fan weiß man natürlich über die wesentlich größere Bandbreite des Schaffens der Slowenen und hat dementsprechend eine etwas realistischere Vorstellung.

Es handelt sich hier bis auf wenige Ausnahmen nicht um eine Liedersammlung, sondern um einen echten auf den Film zugeschnitten Score, was auf dem Tonträger durch die Einbettung vieler Original-Dialogfetzen auch besonders betont wird. Das erweist sich als sehr hilfreich zur Überbrückung bis zur DVD-Veröffentlichung im Oktober, da man so beim Hören immer wieder den kompletten Film vor dem inneren Auge ablaufen lassen kann.

Abgesehen davon funktioniert "Iron Sky" allerdings auch noch sehr gut, wenn man es als Laibach-Album verstehen möchte. Es wäre auch nicht das erste, auf dem dem Sprechgesang Milan Fras' nur eine relativ kleine Rolle zukommt. Oder man denke nur an die Bach-Interpretation "Kunst der Fuge", auf der er sich gar nicht zu Wort gemeldet hat.

Ansonsten haben Laibach aber nicht mit Markenzeichen gespart. Die Fanfaren, das militante Stampfen, die Marschgesänge, das pompös Orchestrale, die Chöre, aber auch der erstmals auf "Kapital" gehörte, vor keinem Musikstil von Klassik über Jazz zu Hip Hop halt machende Elektrosound, dessen vollkommen unterschiedliche Ausprägungen später auf "WAT" und "Volk" zur Perfektion getrieben wurden, sind vertreten.

Einige Stücke betreten auch Neuland. So hatte ich beispielsweise die Ballade "Take Me To Heaven" aus der Eröffnungsszene des Films beim ersten Hören im Kino gar nicht Laibach zugeordnet. Auch der "Good War Blues" oder "Der Führer's Last Waltz" sind ganz und gar nicht das, was einem spontan als erstes zu Laibach einfällt, fügen sich jedoch - obwohl natürlich den Anforderungen der Filmhandlung geschuldet - auch problemlos in den musikalischen Katalog der Slowenen ein.

Wesentliche Bestandteile des Laibach-Konzeptes waren schon immer Zitate (bzw. Cover) und Überzeichnungen. "Iron Sky" ist übervoll von beidem und somit gleichzeitig ein äußerst effektiver Soundtrack, ohne den der Film kaum vorstellbar ist, aber auch - wie der Film selbst - eine wild mit Wagner, Hymnen und Versatzstücken aus Weltraumkinoklassikern spielende Persiflage.
Laibach sind hier also in jeder Beziehung ganz und gar in ihrem Element und überzeugen mit diesem Meisterstück auf ganzer Linie.

Der einzige Makel des Albums ist dieses eine Dialog-Sample in "Die Flotte ist bereit", in dem dem guten Udo Kier einfach mitten im Satz das Wort abgeschnitten wird. Das gehört sich nicht. Da hat vermutlich jemand mit ungenügenden Deutschkenntnissen an den Reglern gesessen...

Als Bonus zum eigentlichen Soundtrack beginnt "Iron Sky" mit dem Siddharta-Cover und Laibach-Klassiker "B-Mashina", welcher in den millionenfach angeklickten Trailern eine prominente Rolle gespielt hat und auch textlich ein passendes Prequel zur Filmhandlung darstellt. Der Song wurde allerdings nicht direkt von der "WAT" übernommen, sondern in einer klanglich ins Gesamtbild passenden neuen Version eingespielt.

Ansonsten ist als wiederverwendetes Stück noch "America" in einer entspeckten, soundtracktauglicheren Variante ohne Strophengesang enthalten.

Der anschließende jamesbondeske Abspannsong "Under The Iron Sky" ist die Laibach-Interpretation des eigens für den ersten Teaser-Trailer geschriebenen Stückes und entzückt mit einem Duett von Milan Fras und der großartigen Mina Špiler. Was kann es schöneres geben? Bisher der eindeutige Spitzenkandidat für den Ohrwurm des Jahres!


Anspieltipps: Under The Iron Sky, The Answer To The Question, Space Battle Suite, Götterdämmerung muss fliegen, Washington's Escape, The Moon Nazis Are Coming, B-Mashina, America

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