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2012-09-30

MOTORPSYCHO AND STÅLE STORLØKKEN - The Death Defying Unicorn

"We ventured to find the hollow earth
but all we've found are the hollows in our souls"

So kurz und knackig lässt sich die Handlung eines Konzept-Doppelalbums zusammenfassen. Und was für ein Album das ist! In der aktuellen Ausgabe des eclipsed schon jetzt auf Platz 90 der "150 Prog-Alben für die Ewigkeiten", wage ich mal zu behaupten, dass es mit den Jahren durchaus noch weiter nach vorne rutschen dürfte.

Bei mir persönlich rangiert der folgende Balanceakt zwischen Genie und Größenwahn jedenfalls dieses Jahr ganz weit vorne - mit ziemlich sicherer Stammplatzreservierung für die Ewigkeit.


MOTORPSYCHO and STÅLE STORLØKKEN - The Death Defying Unicorn - A Fanciful And Far-Out Musical Fable (2012)

Die Messlatte lag hoch. Ich hätte nach dem furiosen "Heavy Metal Fruit" von 2010 mit seinem epochalen Finale "Gullible's Travails" definitiv nicht mein letztes Hemd darauf verwettet, dass Motorpsycho da gleich mit dem nächsten Album einen obendraufsetzen würden.
Aber Pustekuchen! Die Norweger haben sich mit der Schwermetallfrucht tatsächlich nur warmgemacht für ein in der Rockmusikgeschichte wohl vergebens seinesgleichen suchendes Konzeptalbum.

Die von Homer, Melville und weiteren Autoren inspirierte Geschichte selbst ist ziemlich einfach und wird sprachlich meist auf das Wesentliche verdichtet. So reichen gleich zu Beginn beispielsweise das Instrumentalstück "Out of the Woods..." und drei Textzeilen, um die Vorgeschichte des Protagonisten zu erzählen, der beim Wildern erwischt und vor die Wahl zwischen Galgen und dem Dienst als Schiffsjunge gestellt wurde. Das ist große Lyrik!

Vom Rest der Handlung möchte ich nur soviel verraten: Das Schiff, auf dem er zwangsanheuert, gehört Edelmännern, die auf der Suche nach einem Eingang zur Hohlwelt sind. Die Reise gerät zu einer hoffnungslosen Odyssey zwischen Mahlstrom, Nebel und Flaute, an deren Ende die Besatzung in ihrer Not ihre Menschlichkeit über Bord wirft. Für den Helden heißt es nun: Meuterei!
Der Ausgang ist dann aber... überraschend.

Überwältigend ist es, wie diese Geschichte musikalisch erzählt wird. Ihr eigener - an sich ja schon zahlreiche Grenzen des Rock'n'Roll mühelos einreißende - Sound reichte dem Trio nämlich nicht aus.
So wurde als gleichberechtigter Komponist der Jazz-Keyboarder Ståle Storløkken an Deck geholt, und als weitere Gastmusiker wirken ein Mellotronspieler, das nur aus Bläsern bestehende Trondheim Jazz Orchestra, ein Solo-Geiger plus ein achtköpfiges Streicherensemble mit.

Dieses Aufgebot an Gastmusikern fungiert dabei niemals nur als Gimmick, das mal hier mal da den Hintergrund aufhübscht, sondern ist fast ständig im Einsatz und insgesamt absolut gleichwertig in die Arrangements eingebunden. Phasenweise bestimmt es sogar das Geschehen. Gerade die Bläser - sei es als geradezu riffrockender Satz in "Through the Veil" oder als erlösendes Saxophonsolo in "La Lethe" setzen dabei viele Akzente.

"The Death Defying Unicorn" wird so zu einer perfekten Mixtur aus wildem Progrock, Jazz und Klassik, wobei diese Elemente auch durchaus gerne alle auf einmal zu hören sein dürfen. Ohne Scheu vor ihrer eigenen Hybris türmen Motorpsycho mit Leichtigkeit alles übereinander, was ihnen zur Verfügung steht und verzichten dabei im Grunde nur auf eine Zutat, die gerade in Story-Konzeptalben sonst gerne eingerührt wird: Kitsch.

Stattdessen jazzrocken sich Hans Magnus Ryan, Bent Sæther und Kenneth Kapstad geradezu unverschämt cool und lässig durch ihren monströs ambitionierten Magnus Opus. (Zweimal "Magnus" in einem Satz, haha!)

Das heißt aber keineswegs, dass es keine stillen oder abgründigen Passagen gibt. Nein, gerade zu Beginn der zweiten Hälften schleppt es sich zeitweise geradezu quälend dahin. Doch gerade hier wird die eigentliche ganz große instrumentale Stärke des des Albums voll ausgespielt: Dort wo es keine lyrische Erzählung gibt - und der Instrumentalanteil ist sehr hoch -, dort reichen schon Songtitel wie "Sculls in Limbo" oder "Flotsam" alleine aus, um einen in Verbindung mit der Musik die Geschichte erleben zu lassen. Wellengang, Wetter und Schicksal - alles steckt tief in den Arrangements.

Es mangelt mir wahrhaftig an Superlativen, um "The Death Defying Unicorn - A Fanciful And Fairly Far-Out Musical Fable" gerecht zu werden.
Da ist es beruhigend zu wissen, dass den Herren ihr eigenes Genie wohl niemals zu Kopf steigen wird. Denn angesichts dessen, was sie hier aufgetischt haben, nehmen sich Motorpsycho erstaunlich wenig ernst, was sich u.a. im mal im von außen nicht zu erahnenden, wieder reichlich bekloppten Bookletcover ausdrückt.

Und dann ist da natürlich noch dieser super umständliche, seltsame Albumtitel, den ich so gar nicht mit der Geschichte zusammenzubringen vermag. Also entweder bin ich zu blöd, oder genau das ist volle Absicht. Ich gehe mal zu meinen Gunsten von letzter Möglichkeit aus...

Wie auch immer - das dem Tod trotzende Einhorn wird gewiss noch weit über dieses Jahr hinausstrahlen!
Ganz ganz riesengroß! 

Anspieltipps: Through The Veil, La Lethe, Into The Gyre, Mutiny!

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