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2014-11-13

COLOSSEUM - Time On Our Side

Kommenden Freitag erscheint es offiziell, auf ihren Konzerten ist es allerdings jetzt schon zu haben: das neue Album von Colosseum. Titel und Cover könnten einen auch in die Irre leiten, da sie durchaus etwas nach Retrospektive riechen. Tatsächlich bietet "Time On Our Side" jedoch neun neue Stücke der alten Herren (plus Dame).

Dass sie es live immer noch drauf haben, erwähnte ich hier ja schon. Wie sieht es im Studio aus?




COLOSSEUM - Time On Our Side (LP) (2014)

Um die Frage gleich zu beantworten: Es sieht sehr gut aus!

Natürlich sollte man keine neue "Valentyne Suite" oder "Rope Ladder To The Moon" erwarten. Wo sollte solche Songs auch noch in einem Liveset Platz finden?
Nein, das Liedformat bewegt sich eher im konventionelleren Bereich von sagen wir mal "Elegy" oder "Three Score and Ten, Amen".

Doch auch ohne das ganz lange, wilde Ausarten früherer Tage ist "Time On Our Side" ein sehr abwechslungsreicher, bunter Strauß geworden, was auch schon die vielen unterschiedlichen Komponisten-Credits andeuten.

Der von Saxophonistin  Barbara Thompson komponierte Opener "Save As Houses", zu dem ihr Ehemann, Drummer Jon Hiseman den sarkatischen Text geschrieben hat, wird von Orgelgroove und Saxophon dominiert, und Chris Farlowes markante Stimme macht von Anfang an klar, dass es sich um ein ganz typisches Stück Colosseum handelt.

Die meisten Texte - abgedruckt auf der Außenhülle - wurden von Pete Brown, nicht Mitglied der Band, aber eben lyrisch sehr befähigt, verfasst und sind meiner Meinung nach sehr stark, ohne dass ich jetzt konkret benennen könnte, warum dies so ist. Aber eben dies macht gute Songtexte ja auch aus.

Es folgt mit "Blues To Music" ein lupenreines - Überraschung! - Blues-Duett zwischen Farlowe und Ana Gracey, der Tochter von Thompson und Hiseman, welche dieses Lied einst als Teenagerin geschrieben hat. Von allen Tracks ist dieser wohl der generischste, aber gerade die Gesangsperformance rettet das Stück doch noch vor zu großer Beliebigkeit.

Ganz anders "The Way You Waved Goodbye", ein schnelleres Stück, in dem sich Farlowe den Gesang erstmals mit dem Chor aus Gitarrist Clem Clempson und Bassist Mark Clarke teilt. Ein klares Highlight.

"Dick's Licks" (bezieht sich vermutlich auf das 2004 verstorbene Bandmitglied Dick Heckstall-Smith) verspricht zunächst einmal entspannten Swing, stürzt jedoch zwischendurch in eine fast schon böse Bridge ab. Ein seltsames Lied. Seltsam im Sinne von gut.

Zum Abschluss der A-Seite singt Mark Clarke mit seiner im Vergleich zu Farlowes Reibeisenorgan sehr klaren Stimme die Klavier-/Orgelballade "Nowhere To Be Found", welche mich in den reduziertesten Passagen doch tatsächlich an die ruhigsten Lieder der gerade von mir rezensierten Progmetaller Haken erinnert. Da sieht man mal wieder, dass musikalische Qualität immer aktuell bleibt.

Fast schon fröhlich (lässt man den die Musik konterkarienden Text außen vor) und mit tollem mehrstimmigen Gesang eröffnet "City Of Love" die zweite Seite. Doch auch dieser Song offenbart schon bald mehr Tiefe als zunächst angenommen... Hier passiert einiges, u.a. meine Lieblingsbassläufe auf dem Album, und auch ein paar ganz feine Gitarren.

"You Just Don't Get It" ist der zweite reine Blues der Platte. Musikalisch interessanter als der erste, offenbart er in seiner Laufzeit von immerhin sechseinhalb Minuten doch ein paar leichte Längen. Von daher zwar immer noch gut, aber eher nicht mein Favorit.

"New Day" ist ein relativ straight rockballadiges, melancholisches, irgendwie auch sehr britisches Lied. Und es liegt nicht nur an Chris Farlowes Stimmlage, dass ich es mir ebenso gut als aktuelles Werk von David Bowie vorstellen könnte.

Im bombastischer angelegten Abschluss "Anno Domini" übernimmt dann wieder Clarke den Gesang und droht dabei ein paar Mal, beinahe die Kitschlatte zu reißen, weswegen mir Farlowe hier wohl etwas besser gefallen hätte. Das orientalisch wirkende Sax/Gitarren-Thema gleicht dies aber zum Glück aus.


Man merkt: Ein paar leichte B-Notenabzüge kann ich mir aus den Fingern saugen. Gegenüber allem, was mir an dem Album ohne wenn und aber gefällt, machen diese sich jedoch ziemlich mickrig aus.

Dass es die 1968 gegründete Band überhaupt noch gibt, ist ja an sich schon eine Sensation. Und dass sie sich nicht damit begnügen, Konzerte zu geben, sondern auch noch ein so starkes Album rausbringen, obwohl live kaum Raum neben den Klassikern vorhanden ist; das betrachte ich doch als äußerst willkommenes i-Tüpfelchen.

Very nice to have!

Anspieltipps: City Of Love, The Way You Waved Goodbye, Safe As Houses, Nowhere To Be Found



NACHTRAG 13.11.2014:

Wie ich jetzt feststellen musste, gibt es eines der größten Highlights des Albums, eine Liveaufnahme von Jack Bruces über siebenminütiger "Morning Story", leider nur auf der CD bzw. mp3-Version des Albums. Ärgerlich. Es dauert wohl noch eine Weile, bis es sich überall als guter Stil eingebürgert hat, 1. einer LP Gratis-Downloadcodes beizulegen, die dann 2. auch evtl. nicht aufs Vinyl passende Bonustracks einschließen.
Ich habe mir das Ding nun noch runtergeladen, fühle mich dabei aber schon unnötig gemolken.

Abgesehen davon ist der Track aber wirklich großes klassisches Colosseum.

Die Songreihenfolge von CD/Download ist ansonsten noch minimal anders, "Nowhere To Be Found" und "City Of Love" sind vertauscht. Hört man das Album (ohne Seitenwechsel) am Stück, ist das tatsächlich schöner. Auf der LP ergibt es allerdings mehr Sinn, beide Seiten mit einem Clarke-Gesangsstück abzuschließen.

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