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2008-04-20

Beton, Trümmer, Scherben und der König von Deutschland

Ich war gestern auf Alsen.

Um den enormen Nachrichtenwert dieser Aussage zu steigern, sollte ich besser erwähnen, dass außer mir auch noch viele andere Leute dort waren, besonders hervorzuheben darunter Hollow Skai, der in der E-Werkstatt aus seiner Rio-Reiser-Biographie "Das alles und noch viel mehr" las und Ton-Steine-Scherben-Gitarrist Marius del Mestre, welcher diese Lesung musikalisch begleitete.
"Es lebe der König! Ein Abend für Rio Reiser." hieß das Ganze und wurde zusätzlich abgerundet durch einen Auftritt des Bluesrock-Trios Fast Tired.


Aber zunächst einmal zurück zum Anfang dieses Posts: Alsen.

Im Bewusstsein, dass Google alles mag, was ich hier so verzapfe, sei allen Suchenden verraten, wie es dort derzeit in Sachen Abriss aussieht: schlimm nämlich, sehr schlimm sogar.
Viele große charakteristische Gebäude mussten in den letzten Wochen weichen, die Hälfte des nicht schon seit langem in Parkplätze und dazugehöriges Gewerbe umgewandelten Areals ist nur noch ein Trümmerfeld, eine unwegsame graue Wüste, in der die kargen Reste unwiederbringbarer Industriehistorie auf Zerkleinerung und Abtransport warten.
Mittlerweile finde ich es ja schon leichter, das aufzuzählen, was noch geblieben ist. Das wären die Gebäude der "Kulturmeile" direkt an den Bahngleisen (zu denen auch das Trafohaus inkl. der E-Werkstatt gehört), die zentrale "Kathedrale" mit dem großen Schornstein daneben, sowie die drei Schlämmbottiche.
Das Umfeld der beiden straßennäheren Bottiche und der gesamte restliche Osten des Geländes sind jedoch Futter für die Abrissbagger geworden. Ebenso das Silogebäude und angrenzende Bauten direkt am Störufer, dort wo zukünftig eine neue Veranstaltungsfläche als Alternative zu den durch Stress mit einem Anwohner problematisch gewordenen Malzmüllerwiesen entstehen soll. So begrüßenswert letzteres auch sein mag; spätestens beim Blick von der Delftorbrücke wird zweifelsfrei klar, dass sich die Stadt hier eines bemerkenswerten Wahrzeichens entledigt hat.
Würden jetzt mal wieder aus der ferne kommende Onlinefotofreundtouristen bei mir Interesse an einer Alsen-Erkundungstour anmelden, so riete ich ihnen vermutlich, doch lieber z.B. an die Nordsee zu fahren, was sicherlich weniger ernüchternd wäre.

Falls der geneigte Leser gerade überhaupt keinen Schimmer hat, wovon ich hier gerade rede, es geht um die berühmt-berüchtigten Ruinen des Alsen-Zementwerkes in Itzehoe. Für weitere Informationen verweise ich an dieser Stelle auf bekannte Suchmaschinen, Online-Nachschlagewerke und die Seiten vom Planet Alsen e.V..

Auf mein persönliches Verhältnis zu Alsen, dem ich ja immerhin 2006 eine Fotoausstellung gewidmet habe, werde ich voraussichtlich mal in einem späteren Posting eingehen, dann nämlich wenn ich eine Auswahl meiner seit 2004 dort geschossenen Fotos auf flickr wiederveröffentliche. Damit warte ich momentan noch eine Weile, weil ich nicht zu viele Serien auf einmal präsentieren bzw. den Hauptfokus noch auf meiner Heimatdorfserie halten möchte. ;)


Die gestrige Lesung an diesem Ort abzuhalten passte auf jeden Fall wie die Faust aufs Auge.
Nicht nur wegen der naheliegenden Beton-Steine-Scherben-Assoziationen und weil im Laufe der Jahre bestimmt mehr als ein Reiser-Zitat seinen Weg aus einer Sprühdose auf die Trümmer gefunden hat, sondern auch wegen erstaunlicher Parallelen im Vorfeld von Veranstaltung und Veröffentlichung des Werks, aus dem gelesen wurde.
Noch bevor "Das alles und noch viel mehr" erschien, gab es nämlich schon ein wenig Rummel, da Reisers mit seinen Freunden und Weggefährten im Clinch liegende Brüder die Veröffentlichung um jeden Preis verhindern wollten.
Und was geschah in Itzehoe? Theaterdirektorin Dr. Mechtild Hobl-Friedrich bekam Sinn und Zweck der Lesung offenbar in den vollkommen falschen Hals und machte in der Lokalpresse angesichts der angeblichen "Konkurrenz-Veranstaltung" zur zeitgleichen Kulturnacht eine in punkto Unentspanntheit der Aussprache ihres Namens locker das Wasser reichende Welle, bezeichnete sie gar als "bodenlose Frechheit". (mehr dazu auf planet-alsen.de)
Wüsste man nicht, dass der Inhalt der Veranstaltung bei dieser Debatte eher sekundärer Natur war, müsste man an dieser Stelle wohl über die anhaltende subversive Kraft des Sujets Rio Reiser staunen. ;)
Veranstalter Björn Gerbers ließ es sich jedenfalls passenderweise nicht nehmen, zum Auftakt der Lesung in gleicher Manier die unerwünschte Kokurrenzveranstaltung DFB-Pokalfinale zu brandmarken, was den Sachverhalt doch ziemlich genau auf den Punkt traf.

Ein zweiter Umstand, der Ort und Inhalt kurzzeitig verschmelzen ließ, trat mitten in der Lesung zu Tage.
Jene war übrigens sehr unterhaltsam, auch für Reiser-Laien wie mich. Skai saß von der niedrigen Raumtemperatur unbeeindruckt in Mantel, Hut und Schal
am Pult und las mit angenehmer Vorlesestimme aus wichtigen Eckpunkten seines Werkes. Unterbrochen wurden die Kapitel jeweils von Marius del Mestre, dessen akustische Versionen zeitloser Scherben/Reiser-Klassiker wie "Der Traum ist aus", "Jenseits von Eden", "Alles Lüge" oder "Für immer und Dich" durchweg zu überzeugen wussten.
Ich würde die Lesung auf jeden Fall wärmstens weiterempfehlen. Da es jedoch nach dreijähriger Lesereise die vorletzte ihrer Art war, hat das wohl wenig Sinn und ich empfehle an dieser Stelle lieber das sorgfältig recherchierte, nicht ohne Humor, jedoch ohne verklärende mythische Überhöhung auskommende Buch selbst, welches ich selbst mir auch mit nach Hause genommen habe.
Die für Alsen relevante und von der Hörerschaft entsprechend wohlwollend aufgenomme Passage, welche ich ja noch erwähnen wollte, findet sich im Kapitel 22, "Der König von Deutschland", an dessen Ende die posthume (pop)kulturelle Bedeutung und Verwurstung eben jenes Songs thematisiert wird, genaugenommen, in einer extra für die Taschenbuchausgabe ergänzten Passage, welche sich zurecht über die unsägliche und Rios Ideale umkehrende Umdichtung des Textes im Zuge der "Sauerei"-Kampagne des MediaMarktes empörte.
Zufälligerweise ist nun gerade der MediaMarkt seit einem Jahr wie nichts anderes zum Sinnbild der kommerziellen Vereinnahmung und Entindividualisierung der itzehoer Industrieruinen geworden. Ganz klarer Fall von Augenfaust! ;)



Nach schätzungsweise anderthalb bis zwei Stunden (ich hatte keine Uhr dabei) endete die Lesung und es gab eine Umbaupause, die ich nutzte, um mir etwas die Beine zu vertreten. Ich blieb danach noch für einige Songs von Fast Tired, die ich sträflicherweise noch nie zuvor gesehen hatte, ehe ich mit dem guten Gefühl, mich gegen das Bayern-Dortmund-Spiel für die richtige Veranstaltung entschieden zu haben, nach Hause fuhr.

Und ich kann den Hobl-Friedrichs Itzehoes für die Zukunft nur ans Herz legen, die Kulturmeile auf Alsen in Zukunft zu würdigen und im Sinne des Images der ganzen Stadt zu forcieren. Denn nur weil der Traum aus ist, ist dies ja noch lange kein Grund, nicht alles zu geben, dass er Wirklichkeit wird, nicht wahr?


Meine Adox Golf und einen Ilford Delta 3200 hatte ich gestern übrigens auch dabei. Mal kucken, was die so angestellt haben. Falls die Resultate gut genug sind, gibt's also vorausichtlich in etwa zwei Wochen an dieser Stelle noch einen Bildernachschlag.

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