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2016-08-15

WACKEN 2016, Teil 4 : Y'all Motherfuckers need Lucifer!

Tag 3, Samstag, 06. August 2016


Triptykon auf der Black Stage

Es wird ja zum letzten Festivaltag hin nicht einfacher, seinen Arsch aus den Federn, unter die Dusche und schließlich ins Auto zu bewegen. Und da wir in den vorigen Tagen immer früher als erwartet auf dem Open-Air-Gelände angekommen waren und es heute ja für mich "erst" um Viertel vor zwei losging, ließ ich es etwas entspannter angehen. Irgendwie muss sich bei mir an diesem Morgen zudem die Vorstellung im Hirn eingenistet haben, dass es zwischen 12:00 und 13:00 Uhr noch eine weitere volle Stunde geben müsse. Drölf?

Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich in Schenefeld dann auch noch ein paar kleine Besorgungen im Supermarkt machte und es an der Kasse ein bisschen dauerte, fiel mir auf, dass ja komischerweise eigentlich doch gar nicht mehr so furchtbar viel Zeit war, bis das Set von Myrkur, deren Album "M" bei mir gerade hoch und runter läuft, beginnen würde.

Von da an drückte ich dann doch ein wenig auf die Tube... nur um auf der Strecke nach Wacken schließlich von einem Konvoi von vier gemütlich tuckernden Oldtimertreckern mit langer Autoschlange hinten dran ausgebremst zu werden. Der Fußmarsch von unserem Dorfparkplatz zum Gelände und dort durch Menschenmengen, Pfützen und Schlamm wurde so eilig, dass wir uns sogar für eine Weile aus den Augen verloren. Zwischenzeitlich hatte ich schon Bammel, dass die Band ja auch live total beschissen sein könnte und ich dann die unnötige Hektik vor meinen beiden Mitwackenden rechtfertigen müsste.

Als wir den Bullhead City Circus erreichten, ging es auf der Headbanger Stage auch schon los.

Myrkur

Myrkur

Es gibt ja scheinbar momentan im Metal kaum eine Person, über die so viel Fremdscham auslösender, szenepolizeilicher und vor allem einfach derbe frauenfeindlicher Bullshit ausgegossen wird wie die dänische Musikerin Amalie Bruun, die es als Popsängerin wagte, zunächst anonym ein Black Metal-Projekt aus der Taufe zu heben.

Und damit habe ich zu jenem Quatsch eigentlich auch schon zu viel gesagt, denn was ihr Alter Ego Myrkur live präsentiert ist locker über den verbalen Dünnschiss jedes Internettrolls erhaben.

Ganz klar lebt Myrkurs Kreuzung aus mystisch soundtrackhafter Choralmusik und Black Metal, die einen - um mal ganz schlimme Klischeebilder zu verwenden - zwischen Lothlorien und dem dornigen Unterholz eines norwegischen Waldes bei Nachtfrost hin und her schubst, in ganz großem Maße vom Gesang.

Bruuns Stimme schwebte feengleich betörend unter dem Zeltdach und nutzte dabei die sonst meistens eher schwierige Akustik des Raumes optimal in ihrem Sinne. Was auch galt, wenn sie von bezaubernd auf dämonisch furienhaft umschaltete.
Da das Songmaterial ohnehin stimmt, waren Myrkur für mich unbestritten eines der Festivalhighlights.


Year Of The Goat

Year Of The Goat

Year Of The Goat, die sofort im Anschluss auf der W.E.T. Stage auftraten, waren nun eine jener den Siebziger-Sound von Blue Öyster Cult in die Jetzt-Zeit transportierenden Gruppen, wie ich sie im Zusammenhang mit dem Auftritt eben jener Legenden in meinem Donnerstagsbericht erwähnt habe. Okkulter, melodischer Gitarrenrock, Orgel und Mellotron natürlich auch ganz vintage.

Die Band machte ihr Ding richtig gut. Ein bisschen dunkler hätte ich mir die Musik zwar im Schnitt schon gewünscht, aber dafür war der powervolle Gesang hervorragend, und als die Gruppe Songs von ihrer ersten EP auspackte, kamen noch Drei-Gitarren-Harmonien zum Niederknien hinzu.

Ich hätte den Auftritt ja gerne noch komplett gesehen, aber leider gab es nun - ansonsten dieses Jahr selten - eine kritische Überschneidung in meinem Zeitplan, denn nebenan standen ein paar ganz alte Weggefährten auf der Wackinger Stage, mit denen mein Bruder und ich schon bis ins vorige Millenium zurück auf der einen oder anderen norddeutschen Bühne gestanden haben.


 
Forgotten North

Zweiundzwanzig Jahre, sprach Sänger Børje Lokisson, der erst seit kurzem so heißt, aber neben Drummer Petter Thoresson schon von Beginn an dabei ist, haben Forgotten North darauf hingearbeitet, hier auftreten zu dürfen. Ich hätte an seiner Stelle ja schon erwähnt, ob brutto oder netto, denn ein Großteil dieser Jahre waren natürlich Kreativpause und Besetzungswechsel.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich ja mit dieser ganzen Umstellung auf das jetzige... naja... eben für die Wackinger-Bühne geeignete dithmarscher Liverollenspieler-Image nicht viel anfangen. Musikalisch ist das schon gut gemacht, und der Maiden-Sing-along-Teil im letzten Stück war auch gelungen, aber die Band hatte schon Inkarnationen, die meiner Musikwelt näher waren.

Aber da sie dieser Stil ja nun bei bestem Sonnenschein auf die Wacken-Bühne gebracht hat, gönne ich SaschaPeterRoman und Co. den Spaß natürlich gerne.

Aber wehe, ihr holt auch noch einen Dudelsack dazu, dann bin weg!

 
blumige Aussicht

klebriger Holy Ground


Was zum rundum sommerlichen Wetter jetzt noch fehlte, war ein trockener Sitzplatz, um entspannt Energie für den Rest des Tages zu tanken. Wir fanden ihn zwar in nicht im neuen trojanischen Jägermeister-Hirsch, der übrigens weitaus weniger sichthinderlich positioniert war als frühere Hochsitze oder Hütten, aber auch auf jener Seite des Geländes in einer tabakgesponsorten Erholungszone.

Schön die Beine im Trockenen ausstrecken und in die Sonne blinzeln, während Metal Church ihr Set auf der True Stage begannen. Fast hätte ich sogar ein richtiges Nickerchen gemacht. Life is good.

Metal Church

Ein paar Songs von Metal Church habe ich mir dann auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt dann auch mit freiem Blick auf die Bühne gegönnt. Riffbetonter Heavy Metal, schon ewig dabei und dementsprechend ultrasouverän.
Mucke, über die man nicht viel schreiben, die man aber so auch kaum besser spielen kann.

Vor allem der nach Jahrzehnten zurückgekehrte Sänger Mike Howe hat echt mal ein amtliches Heldenorgan. Sehr guter METAAAL!


The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

The Goddamn Gallows

Den frühen Abend leiteten auf der Beer Garden Stage die wahnsinnigen Hillbilly-Knastis The Goddamn Gallows ein. Musikalisch irgendwo zwischen Blue Grass, Punk und grobem Metal zu verorten, bewegten sich die u.a. mit Kontrabass, Mandoline und Banjo antretenden Amis inhaltlich zwischen den Polen "Y'all Motherfuckers Need Jesus" und "In League With Satan".

Machten die Songs alleine schon Laune, war aber vor allem die Show des Akkordeon- und Waschbrettspielers der absolute Kicker, um sich hier eine knappe Stunde lang köstlich zu bepissen. Kein Moment, in dem der auf zurückgebliebene Asterix-Figur machende Mann nicht irgendwelche bekloppten Faxen anstellte, von denen jene, plötzlich über die Absperrung zu springen, einem Fan ein Gummiseil um den Bauch zu binden und damit gleich eine ganze Gruppe zum Schlammcatchen zu zwingen, nur die dreckigste war.

Man könnte einen ganzen Bericht nur über diesen Bekloppten schreiben, aber ich will ja niemanden spoilern. Für die letzten Songs wurde er zwar aus Sicherheitsgründen hinters Schlagzeug verbannt, aber dafür stellte sich dann der eigentliche Schlagzeuger als superheiserschreihalsigster Psycho am Mikro heraus. Total irres Entertainment!




Wir machten noch einen Umweg über das Wackinger Village, um den einen Fressstand zu finden, wo das "Fast" in Fast Food für "fast zehn Minuten" steht, ehe das Festival vor den Hauptbühnen allmählich seinem Tageshöhepunkt entgegensteuerte.

Aber vorher gab es ja noch Titten. Und fliegende Penisse.


Steel Panther

Steel Panther

"How many people have seen Steel Panther before? I got some really good news: We have the same show we had for you last time!
How many people have never seen us before? We have a brand new show for you!"


Mit dieser Ansage fasste Michael Starr das Dilemma der Band ganz gut zusammen. Es ist das Phänomen des Witzes, der einem zum zweiten Mal erzählt wird.
Steel Panther sind und bleiben zwar die ultimative spinal tapsche Aufbereitung der Achtziger-Hair-Metal-Welle, aber vieles kannte man halt schon wegen der wetterbedingt wohl auch tittenreicheren Wacken-Show vor zwei Jahren.

Nichtsdestotrotz ist vor allem das ständige penetrante Flirten mit jeder Kamera, die den Spandexhelden vor die Fresse gerät, ein Running Gag, der auch nach wie vor super funktioniert.

Wenn man sich schon mit zehntausenden Metalfans auf Pimmelwitzniveau amüsieren will, ist Steel Panther ganz klar die richtige Wahl. Allerdings sollte das Wacken Open Air nun doch ein paar Jahre mehr verstreichen lassen, ehe man Starr, Satchel, Stix und Sexy Lexxi Foxx das nächste Mal einlädt.


Triptykon

Triptykon

Auch wenn es um 21:00 Uhr technisch noch hell war, hatte auf der Black Stage nun die dunkelste Stunde geschlagen.

Thomas Gabriel Fischer packte mit Triptykon gleich eine superfiese Version des Celtic Frost-Klassikers "Procreation Of The Wicked" aus, der mit "Dethronded Emperor" und "The Usurper" unmittelbar zwei weitere Stücke der Legende folgten.

Sechs von zehn Stücken stammten ursprünglich von Celtic Frost, und doch war dies eindeutig eine Triptykon-Show, das versicherten schon die Persönlichkeiten der weiteren Musiker auf der Bühne, allen voran der fabelhaft ultratief schlabbernde Bass von Vanja Slajh. Zudem sieht das Verhältnis in absoluter Spielzeit natürlich anders aus, wenn man bedenkt, dass die beiden Stücke "Goetia" und "The Prolonging" zusammen schon über eine halbe Stunde schlucken. Solche Monster hat es auf dieser Bühne seit dem letzten Gastspiel von Triptykon 2011 nicht gegeben.

Das letzte Album "Melana Chasmata" war mit zwei Liedern vertreten, allerdings anders als auf dem Roadburn Festival 2014 nicht mit dem brutalen "Tree Of Suffocating" oder "Black Snow", was in Wacken  eigentlich als die sicherere Variante erscheinen müsste.
Nein, stattdessen gab es die getragen depressiven Stücke "Aurorae" und "Boleskin House", letztes sogar wie im Studio mit Gastsängerin Simone Vollenweider, die außerdem noch "Obscured" unterstützte, womit die Band endlich einmal eine auf den Alben seit Celtic Frost-Zeiten etablierte Seite von sich präsentierte, die es bisher noch nicht auf die Bühne geschafft hatte.

Somit hatten nun auch alle drei Auftritte, die ich bisher von der Band gesehen habe, einen sehr eigenen Charakter. Auch wenn sich Herr Warrior unter geschlossenem Dach und nicht zwischen Steel Panther und Twisted Sister wohler fühlt - diese schwarze Messe war eindeutig (und wieder einmal) der Höhepunkt des Festivals.

Und an die Bühnendeko mit den drei H.R. Giger-Covern kam nebenbei atmosphörisch auch niemand heran.



Was denn nun? Elf oder Viertel nach elf? Da es zwischen dem grafischen und dem tabellarischen Zeitplan, die ich mir ausgedruckt hatte, eine Diskrepanz gab, verzichtete ich darauf, noch ein paar Songs von Twisted Sister zu sehen, sondern sicherte mir lieber frühzeitig einen guten Platz vor der Wackinger Stage. Und elf war es dann auch!
 

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

King Dude

Dass das Klischee "die laufen da alle in schwarz rum" den gängigen Look in Wacken nur unzureichend beschreibt, hatten am Vortag ja schon Overthrust demonstriert.

Bei King Dude und seiner Band war es noch extremer. Eindeutig von Kopf bis Fuß komplett in schwarz gekleidet - und trotzdem haben wohl keine anderen Künstler so wenig nach Wacken Open Air ausgesehen.

Optisch eher Dark Wave und musikalisch auch nur am Rande mit Metal in Berührung, passte der düstere und reduzierte Neofolk-Rocksound aber gerade um diese Nachtzeit ganz hervorragend auf den Platz. Und so eine "geile Stimme!" ("I didn't understand that. What did he say?") wie das charismatische Organ des Dude hatte hier auch noch niemand gehört.

Hauptsächlich mit "Songs Of Flesh & Blood" gefüllt war ja eigentlich klar, dass dieser Auftritt ein Fest werden würde. Doch wie sehr sich die Performance von seiner großartigen Solo-Show unterschied, die ich vergangenes Jahr in Holland gesehen hatte, überraschte mich schon ein bisschen. Auf jeden Fall ist es in beiden Formen höchst lohnenswert, dem Botschafter Luzifers zu lauschen.

Ganz neue Stücke vom kommenden Album "Sex" gab es auch zu hören. Sehr lieblich und einfühlsam, dieses "Sex Dungeon (U.S.A.)".

King Dude schreibt übrigens exakt so lange Songs wie Twisted Sister. Denn fast immer, wenn der König Pause machte, hatte ein paar hundert Meter weiter unten auch Dee Snider etwas zu erzählen. Das wirkte schon fast wie abgesprochen. 



An dieser Stelle hätte ich im Nachhinein eigentlich auch schon sehr gut Feierabend machen können. Aber es standen ja noch zu herausfordernd später (bzw. schon wieder früher) Uhrzeit die female fronted german Thrasher Cripper auf meinem Zettel. Bis dahin waren es allerdings noch über zwei Stunden.

Von daher war dies also eine gute Gelegenheit, zum zweiten Mal das American Spirit-Armband zu nutzen und von einigermaßen bequemer Warte aus dem Set von Arch Enemy eine Chance zu geben.


Arch Enemy

Der Erschöpfungsschub wurde dann nur leider doch größer als erwartet und Arch Enemy...
Ach, ich würde sie ja gerne gut finden, schon weil Alissa White-Gluz durchaus eine super Sängerin und Bühnenerscheinung ist, aber ich verstehe einfach nach wie vor nicht, was das Ganze soll.
Vielleicht ist da für Death Metal (ist das doch irgendwie noch, oder?) einfach zu viel unnötiger Schnickschnack drumherum. Mich ließ es jedenfalls kalt.

Nein, wie waren schon zu kaputt, um es noch ernsthaft bis Cripper auszuhalten, also machten wir uns auf den mühseligen Weg zum Auto. Dabei stellte ich zunächst einmal fest, dass dieser Slot vielleicht doch noch eine gute Gelegenheit gewesen wäre, ein einziges Mal die Party Stage zu besuchen, denn auch wenn Metalcore ja eher ein Schimpfwort ist, schien mir das, was ich von Parkway Drive im Vorbeigehen mitbekam doch noch wesentlich besser zu fetzten als Arch Enemy. Aber was soll's, man kann nicht alles haben.


Durch die viertägige Kombination von kurzen Hosen und Gummistiefeln hatte sich auf meinen Waden inzwischen durch das immer mal ganz leichte Scheuern des Randes ein kleiner wunder Ring gebildet, der nun gerade bei jedem Schritt bergauf schmerzte, als würde mir ein kleiner Kobold mit einer Mini-Peitsche hinterher laufen.
Ja, so ein Wacken Open Air, das man das ganze Wochende über lässig in bequemen Schuhen abreißen kann, wäre eigentlich auch mal wieder dran!

Ob es nächstes Jahr allerdings überhaupt für mich dazu kommen kann, steht noch gar nicht fest. Die Preiserhöhung auf zweihundertzwanzig Euro pro Ticket ist bei mir nämlich jenseits der Schmerzgrenze. Da können die Begründungen auch noch so nachvollziehbar sein. Die Diskussion darüber würde hier jedoch den Rahmen sprengen.
Da versuche ich doch lieber, kurzfristiger an eine günstigere Karte zu kommen. Aber den Neupreis zahle ich definitiv nicht.
Bandwünsche für nächstes Jahr lasse ich deswegen an dieser Stelle auch weg. Am besten bleibt das Booking so unkreativ die die ersten Ankündigungen, dann fällt es mir leichter, mein Wacken-Budget vielleicht mal in ein anderes Event zu stecken.



Stattdessen meine diesjährigen Höhepunkte, sortiert nach Bühne:

True Metal Stage: Iron Maiden
Black Stage: Triptykon, Ministry
Party Stage: -
W:E:T-Stage: The Vintage Caravan
Headbanger Stage: Myrkur (knapp gegen Orphaned Land und Alcest)
Beer Garden Stage: The Goddamn Gallows
Wackinger Stage: King Dude
Wasteland Stage: Overthrust

+ Sonderwertung Wacken Metal Battle: Auðn




Preiset Jesus, preiset Luzifer, preiset den Moshpit und das Saxophon!

Amen.




2014-08-09

Wacken 2014 - Helene, hol die Hupen raus!

Es ist der erste Sonntag im August, Zeit für die alljährlichen Eindrücke eines Heimschläfers vom größten Metalfest der Welt. Und wie jedes Jahr ist dieser Heimschläfer so kaputt, dass dieser Bericht garantiert nicht noch an diesem Sonntag, sondern erst... ich sage mal einen Sonntag Samstag später fertig sein wird.


Und genau wie sich auf dem Wacken Open Air viele Dinge jedes Jahr wiederholen, so dürfte dem Stammleser der Berichte der letzten Jahre hier auch schon einiges bekannt vorkommen, z.B. die Einführung mit ein paar Worten zum Wetter, die ewig gleiche Kritik am Booking (aber hey, wenn sich das Problem sich nunmal nicht ändert!) und am Ende das doch eindeutig positive Fazit. Und was sonst noch dazwischen passt, das muss sich zeigen.

Fotogesabbel lasse allerdings diesmal aus, da ich außer ein wenig trashiger Digitalknipserei mit der Digital Harinezumi 3.0 kaum etwas in die Richtung angestellt habe.


Das Wetter war ähnlich wie letztes Mal, nur noch sonniger und noch trockener. Und da auch wieder ein leichtes Windchen wehte, war es - vor allem an den Hauptdurchgangszonen oder bei viel Action vor der Bühne - sehr sehr staubig. Am extremsten war dies am Mittwoch, als fast über dem ganzen Gelände eine gut drei Meter hohe Dreckglocke hing. Ja, man kann sich auch ohne extreme heavy fucking Matsche bis in die tiefsten Poren einsauen! Wahrscheinlich dauert es auch noch ein paar Duschen, bis ich mich wieder wirklich sauber fühle.

Doch diesen Preis zahlt man für ansonsten perfektes Open-Air-Wetter natürlich gerne.

Keinen Preis musste man hingegen zahlen, um sich neben den üblichen Getränken mit reinem Trinkwasser zu versorgen, für das es diverse Versorgungsstellen gab. Das ist nun grundsätzlich nicht neu, aber da sich in der Full Metal Bag neben dem dieses Jahr unbenutzten Regencape diesmal auch ein Wasserschlauch befand, war man natürlich eher in der Lage, diese Möglichkeit zu nutzen. Sehr gute Idee!

In der Umsetzung muss ich allerdings bemängeln, dass mir die Halterung dieses Dings schnell kaputtgerissen ist. Deswegen bin ich Donnerstag dann auch auf das altbewährte 1-Liter-Tetrapack in der Cargotasche meiner Hose umgestiegen, nur um dieses dann am Eingang wegschmeißen zu müssen, weil man neuerdings gar keine Fremdgetränke mehr mitnehmen darf. Das hat mich zunächst einmal natürlich tierisch geärgert, da ich für Donnerstag nun doch komplett auf bezahlte Getränke zum Festivaltarif angewiesen war. Freitag und Samstag habe ich meinen beschädigten Wasserbehälter dann einfach in der Full Metal Bag transportiert.

Im Nachhinein sehe ich allerdings ein, dass die Mitbring-Regelung nun zumindest eindeutig ist. Aber Himmel - macht doch eine zusätzliche Gummiringverstärkung in diesen Wasserbeutel! Ein Karabinerhaken aus Metall war im Budget ja schließlich auch drin.
Und außerdem... ja, ich weiß, es ist Wacken und es ist Metal, aber schwarz ist vielleicht nicht die ideale Farbe, wenn das Wasser eine Weile kühl bleiben soll.

Als Randnotiz zu Getränken sei noch erwähnt, dass einige Versorger gewechselt haben. So versperrt wieder Jägermeister statt Captain Morgan mit einer übergroßen Aussichtsplattform die Sicht, aus Cola wurde Pepsi und als Energydrink war statt zuletzt Relentless jetzt fast ganz ohne eigene Stände Monster dabei.
Trotzdem waren noch alte Becher mit Relentless-Logo im Umlauf. Na, wenn es da mal nicht noch hinter den Kulissen im Sponsoren-Gebälk knirscht...

Genau genommen gab es tatsächlich nur den einen Monster-Stand direkt auf dem Hauptgelände, wo u.a. ein Schlagzeugwettbewerb ausgetragen wurde, bei dem es darum ging, möglichst viele Einzelschläge pro Minute auf einer Drumometer-Snaredrum unterzubringen.


Ich habe mich dann auch mal überreden lassen, spontan die Sticks in die Hand zu nehmen und bin auf 762 Schläge gekommen. Auf einer normalen / gewohnten Snare sollte ich wohl ein paar mehr unterbringen können, aber für die Situation dort war ich durchaus zufrieden. Und verdammt - man fängt natürlich zu schnell an und ab Sekunde 40 wird die Minute dann sehr lang...

Aber damit greife ich schon vor, das war ja am Freitag.



Mittwoch

Schon von draußen hörten wir die Massen auf dem gesamten Gelände lautstark eine "Wall of Death" fordern. Oh sorry, das war ja nur vor dem örtlichen Freibad. Da darf man eigentlich mit dem Auto gar nicht hin, aber mein Bruder hatte an einer angrenzenden Weide Schafe geparkt und somit waren wir Anlieger. Auf jeden Fall schonmal lustig anzuhören.



Wie gewohnt haben wir bei Anwohnern geparkt, sind ein Stück die Hauptstraße (der zur Vollendung des Volksfest-Flairs nur noch der Autoscooter fehlt) entlang gegangen und dann natürlich zur Bandausgabe, wo uns eine epische Schlange erwartete.

Zum Glück war dies das einzige Mal, dass wir dieses Jahr irgendwo nennenswert warten mussten. Das wird auch mit einer verbesserten Besucherführung auf dem Gelände zusammenhängen. In der Anordnung gab es einige sinnvolle Änderungen - sei es z.B. die Lage des Biergartens oder dass man auf dem Weg ins Dorf nicht mehr über den berüchtigten, im Starkregenfall gemeingefährlichen Graben muss.


Mittwochs sind die großen Bühnen ja noch in Arbeit, so dass das Hauptprogramm im Bullhead City Circus spielt, wo die Landessieger des internationalen Wacken Metal Battle aufspielten, von denen wir uns einige angeschaut haben.
Ich erinnere mich daran, dass Crying Steel aus Italien und Roadwolf aus Österreich gleich mal eine ganze Reihe schlimmer Heavy-Metal-Klischees abgearbeitet haben und dass die Plattensammlung von Anstratus aus der Slowakei vor allem aus "Pleasure To Kill" von Kreator besteht.
Ich sah noch ein paar andere Bands, aber da die Sets ja ziemlich kurz waren und in den folgenden Tagen noch so vieles auf mich zukam, habe ich ehrlich gesagt weder an die guten noch an die nicht ganz so guten noch konkrete Erinnerungen.


Gut erinnern kann ich mich hingegen noch an das Duo Los Vagabundos, welches im auf der Beergarden Stage feurige Akustikversionen u.a. von Nancy Sinatra ("Bang Bang"), den Rolling Stones ("Paint It Black"), Sergio Leone, Rammstein oder arabischer Folklore darbot. War gut gemacht und mal nicht ganz das auf den kleinen Open-Air-Bühnen ansonsten stark verbreitete, betrunkenenoptimierte Partyprogramm.

Nach der letzten Metal-Battle-Band des Tages, den ziemlich wild verknoteten Red Helen aus Südafrika, machten wir früh Feierabend und kamen somit damit sowohl ohne Blasmusik, als auch Mittelaltertralala durch den ersten Festivaltag.




Donnerstag

Zunächst einmal bin ich fast normal aufgestanden und habe sogar noch ein paar Stunden gearbeitet.
Das ist für mich im Grunde der einzige Nachteil daran, zu Hause zu übernachten; dass ich mich nicht so komplett aus dem Alltag verabschieden kann wie ein Camper. Allerdings machen Dusche und Bett dieses Manko locker wieder wett.


Zurück in Wacken ging es gleich wieder ins Zelt, wo wieder auf beiden Bühnen Schlag auf Schlag die Metal Battle-Gewinner spielten.

Nachdem die Japaner ja letztes Jahr mit Mysterious Priestess eine positiv bekloppte Kapelle nach Deutschland geschickt  hatten, die selbst vor lupenreinem Jazz nicht zurückschreckte, war dieses Jahr mit Hellhound das Gegenteil vertreten, also eher sehr sehr traditioneller Metal, von dem bei mir vor allem der sehr hohe Gesang hängengeblieben ist. Ansonsten zu aufnäherkuttenbieder für meinen Geschmack.

Die Portugiesen Revolution Within trafen mit ihrem brutalem Thrash Metal und einem Sänger, der mich vom Stageacting her irgendwie an Barney von Napalm Death erinnerte, schon weit her meinen Nerv. Im Publikum ging es nun mit Mosh und Circle Pit auch ordentlich ab.

Mit den chinesischen Black Metallern Evocation und den schon durch ihren eigenwilligen und landessprachlichen Gesang auffallenden Lithauern Juodvarnis ging es gut weiter, ehe im Ring zwischen den Bühnen Wrestling angesagt war, was wir uns nicht antun wollten und uns stattdessen ein zweites Mal auf der Biergartenbühne Los Vagabundos anschauten.
Das Set der Spanier war ähnlich, aber nicht identisch mit dem vom Vortag, wofür allein schon ein Saitenriss, der solo mit Led Zeppelin überbrückt werden musste, sorgte.


Während wie immer seit dem letzten Jubiläum das Hauptbühnenprogramm mit dem bescheidenen Metal-goes-Top-40-Coverband-Programm von Skyline gestartet wurde, spielten im Zelt die letzten Metal Battle-Bands. Mit einem erfrischend nicht-festivaloptimierten Opener eröffneten die überwiegend mit Brüllgesang daherkommenden Progmetaller Earth Divide von - ja, da gibt es tatsächlich Bands! - den  Färöer Inseln.

Weiter ging es mit [In Mute], einer sehr gut gemachten spanischen Variante von Arch Enemy inklusive Death Metal grunzender, extrem paradiesvogeliger Frontfrau mit bunten Haaren und ungewöhnlichen Tattoos. Optisch sicherlich eine der eindrucksvollsten Gestalten des Festivals. Musikalisch weiß ich allerdings wie bei Arch Enemy trotz gutem Handwerk einfach nicht so recht, was mir das Ganze sagen will.

Die nächste Band war dann ein interessanter Kontrast, da ebenfalls von einer extrem fähigen Sängerin gefronted... womit die Gemeinsamkeiten auch schon vorbei waren.
Allein die Feenwald-Deko auf der Bühne und die Kinder im Publikum und in der schwangeren Geigerin deuteten familienfreundlichere Unterhaltung an, und tatsächlich spielten Huldre aus Dänemark überwiegend lebensbejahenden, oft flott tanzbaren, manchmal auch mystisch entrückten Folkmetal. Dieses Genre nervt ja oftmals durch mäßigen Gesang, doch die Sängerin hier erinnerte sogar mehr als einmal an die große Lisa Gerrard. Respekt!


Danach war dann reichlich Zeit, etwas einzukaufen (die Shorts, nach der ich ein Wochenende früher in Neumünster umsonst geshoppt hatte + die "A Twist Of Fate"-EP von John Arch ), zu futtern und sich erstmals das Innengelände anzuschauen. Das Bühnenprogramm hing nämlich zwei Stunden lang ziemlich durch.

Meine neue Theorie, warum jetzt immer zuerst Skyline spielen - nämlich um eine Niveauuntergrenze festzulegen, bei deren Unterschreitung allen anderen Künstlern der Saft abgedreht wird - erwies sich als extrem kurzlebig. Denn nicht nur durfte Szene-Urgestein Bülent Ceylan tausende arglose Festivalbesucher mit seinem Möchtegern-Gerammsteine nerven (vgl. auch die erneut im Paket mit der eher überflüssigen Wasteland Stage angekarrten MegaBosch); nein, Hammerfall pulverisierten diese Untergrenze geradezu.
Sorry, ich finde an dieser Band einfach alles schlecht gedacht und maximal mittelmäßig umgesetzt. Oder war es umgekehrt?

Ich war da im Grunde schon bereit für die Heimreise, weil die nächsten Tage ja lang werden würden und sowohl die Headliner Accept als auch der gefühlt zwanzigste Auftritt von Saxon für mich verzichtbar waren. Und die eigentlich geniale Partytruppe Russkaja ist ja nun mit jeweils mehreren Auftritten in mehreren Jahren hintereinander schon leicht überspielt. 2015 schau ich mir den Russentraktor vielleicht wieder an. Ich gebe mir ja auch nicht jedes Jahr ein komplettes Set von Mambo Kurt.


Doch eine Gruppe stand noch auf der Running Order, von der wir zumindest wissen wollten, ob sie schlecht sein würde - oder so schlecht, dass es schon wieder gut ist: Steel Panther.



In Augenkrebs begünstigenden Kostümen und stets das Make-Up und den Sitz der Mähne über der Bandana am Theaterspiegel prüfend beschworen Steel Panther den lange verschütteten (und von niemandem ernsthaft vermissten) Geist des 80er-Jahre-Hair Metals.

Musikalisch steckten sie dabei auch ernsthaft betrachtet Hammerfall deutlich in die Tasche, doch ansonsten ist die Gruppe, welche "Asian Hookers", das "Gloryhole" und den Verkehr mit "17 Girls In A Row" besingt, natürlich ein reine Parodie. Und zwar eine äußerst unterhaltsame. Dazu passt auch der bewusst erbärmliche Altherren-"Do you like Muschilecken"-Humor. Das gab es so ähnlich natürlich schon mit Spinal Tap, aber die sind ja nun auch schon alt und grau und reunieren sich äußerst selten. Von daher kann ich Steel Panther nur empfehlen - das Highlight des Donnerstags!

Das Publikum verstand jedenfalls den Subtext der Show, so dass die Kameramänner ziemlich gut mit dem alten Spiel "Such die Tittenmaus" zu tun hatten . Und das war auch gut so, denn irgendwo muss man ja während so einer Show auch mal hinkucken können.

Falls sich jemand den Auftritt nun im Stream ankucken möchte jedoch eine Warnung: What is seen cannot be unseen!
Ich spreche aus Erfahrung, erinnere ich mich doch tatsächlich immer noch mit Schaudern an den das Tamburin und die Hüften schwingenden Sänger der furchtbaren Paradise, die diese Nummer auf dem Wacken Open Air 1992 noch ernst gemeint hatten. Oder war das damals schon Satire und ich war nur noch zu jung, um das zu erkennen?


Accept habe ich mir zu Hause teilweise noch im Livestream angesehen. Und das reichte mir auch. Kein Fan hier, tschuldigung.



Freitag

Chtonic aus Taiwan, die mir 2012 im Zelt gut gefallen hatten, hätte ich mir generell schon gerne wieder angetan, und das nicht nur wegen dem Supermodel am Bass (vgl. auch Steel Panther). Aber elf Uhr war zu früh. Um die Zeit musste ich noch zu Hause vorm Spiegel posen.


Um eins stand ich dann allerdings vor der Party Stage für die Band, die diesen Bühnennamen rechtfertigt wie keine andere: Knorkator.

Auf der Bühne, vor der Bühne, über denen vor der Bühne: überall Bekloppte!
Es gab viele Hits, u.a. natürlich "Alter Mann" oder auch "Wir werden alle sterben", aber auch "Arschgesicht" mit dreizehnjährigem Gastsänger oder "Konrad Daumenlutscher".
Einem Unwissenden beschreiben kann man das, was Frontsau Stumpen und Co. da veranstalten, ja ohnehin nicht. Deswegen belasse ich es mal dabei, dass Knorkator nach wie vor die meiste aller Spaßmetalbands sind und wie erwartet wieder mächtig Gehirnzellen abgetötet haben. Knorke!


Danach gab es dann die weiter oben schon erwähnte Minute Snaredrum-Action mit Stephan Ohlsen, ansonsten allerdings eine längere Durststrecke, in der ich zwar von der einen oder anderen Gruppe was mitbekommen habe, aber anscheinend nicht von der, die gerade so richtig geil war.

Der am falschsten gepolte Publikumsmagnet waren wohl die generischen Stirnband-Rocker von Cop U.K., für die sich anscheinend niemand gezielt auf den Weg ins Zelt gemacht hatte. Die hamburger Thrash`n`Roller von Torment waren besser als ich sie Erinnerung hatte, aber auch nicht aufsehend genug, um ihnen mehr als zwei Sätze zu widmen. Und hätte der Sänger nicht fachmännisch eine Gitarre zersägt, dann wäre es wohl nur ein Satz geworden.

Es war um siebzehn Uhr, also fast drei Stunden nach Knorkator, als auf der Headbangers Stage das antizyklischste aller Wacken-Spektakel eingeläutet wurde: Die Excrementory Grindfuckers hatten die Bühne mit Lametta geschmückt, sich als Engel, Santa Klaus und Jesus in Schale geworfen und feierten den Release ihrer neuen Weihnachtslieder-Scheibe!
Hochgeschwindigkeitsgrindcore, unterbrochen von Versatzstücken aus Rock, Pop, Weihnachten und Stumpfsinn. Besonders romantisch, wenn die Band zusätzlich zum Keyboard auch noch die Trompete erschallen ließ. Dazu feuerten zwei Schneemaschinen unablässig Besinnlichkeit ins Publikum. Zum Schluss gab es sogar noch Bescherung, doch leider reichte mein sportlicher Einsatz nicht aus, eines der Pakete zu fangen.



So lustig das Konzert auch gewesen war, wir waren doch immer noch skeptisch, was das Festivalbilling anging. Die drei Highlights waren bisher bei aller Qualität eben doch Comedy-Acts, dazu der Leerlauf am Nachmittag... doch von nun an sollte sich das ändern!

Der nächste Programmpunkt ergab sich fluchtbedingt, denn mit Children Of Boredom kann ich ebensowenig anfangen wie mit den Shantyschlagern der Helene Fischer-Vorband Santiano, auch wenn man ja als Norddeutscher demnächst Bußgelder zahlen muss, wenn man die nicht ganz super findet.


Ich hatte - und jetzt schlagt mich ruhig - tatsächlich auf Spiegel Online den Tipp gelesen, dass auf der Wackinger Stage zwischen all dem Dudelsackgetanze auch eine anspruchsvolle Folk-bis-Blackmetal-Band aus Rumänien auftreten sollte. Und tatsächlich waren Dordeduh ein sehr angenehmes, erfrischend wenig auf Festivalkompatibilität gebügeltes Kontrastprogramm. Tolle Songs, egal ob die Band auf traditionellen Instrumenten zum Träumen einlud oder in brachialen Stücken mit bewusst merkwürdigen Tempowechseln verwirrte.
Für mich eine der größten Entdeckungen des Festivals und neben Earth Divide bis dahin wohl die einzige Band, die mich auch auf dem Roadburn Festival nicht überrascht hätten. Nächstes Jahr dort vielleicht?




Um halb acht ging es zurück zur True Metal Stage, wo die drei Cellisten plus Drummer Apocalyptica auftraten. Und sie hatten ein paar Gäste dabei, nämlich ein komplettes Orchester.
Ok, das ist an sich in Wacken mittlerweile ein alter Hut, vergeht doch kein Jahr, in dem nicht mindestens eine damit in erster Linie zum eigenen Spiegelbild wichsende Band zuviel ein argloses Orchester mit auf die Bühne zerrt. Yay, was freuen wir uns schon auf U.D.O. mit Bundeswehr Musikkorps nächstes Jahr! Bitte?!

Aber dies gesagt waren natürlich ein paar dieser Konzerte auch wirklich gut gemacht, und zu welcher Band wären zusätzliche Bläser und Streicher folgerichtiger als zu Apocalyptica, die ja selbst im Grunde fast ein Kammerquartett sind?
So passte alles zusammen und es war eine mitreißende, bombastische Show.



Während die Sonne allmählich unterging und die meisten Besucher den Gesundheitszustand von Motörheads Lemmy checkten, zeigten auf der Party Stage Carcass, wie die Sache mit dem im Grindcore verwurzelten melodischen Death Metal eigentlich mal gemeint war. Was für ein krankes fettes Brett!

Auch wenn mich die zeitgleich aufgetreten The Vintage Caravan interessiert hätten - aber die sehe ich ja im Oktober noch als Support der Blues Pills - dieses meisterliche Death Metal-Inferno auf Morbid Angel-Niveau war hier in Wacken die absolut richtige Wahl. Bis dahin wohl das größte Festival-Highlight, von einer Band, die ich zu "meiner Death Metal-Zeit" anfang der Neunziger nur am Rande auf dem Radar hatte, also maximal auf selbstkopierter Kassette und "Headbanger's Ballroom"-VHS.


After Carcass and Motörhead had finished their sets, there was some time for everybody to play with their huge balls...


... before hell awaited: Zeit für Slayer!

Man kann abseits der Bühne - z.B. über den Umgang der Band mit Dave Lombardo und vieles andere - ja sagen, was man will, aber solange da vier Leute auf der Bühne stehen, die die Songs perfekt spielen können, und einer von denen Tom "Santa Rübezahl" Araya ist, der sich die Seele aus dem Leib schreit, solange ist das für mich eindeutig Slayer.
Und auch wenn der Soundmann anscheinend unter Einfluss harter Drogen die Bassdrums bis über elf hinaus hochgezogen hat - müsste ich mich wirklich für eine beste Band in Wacken dieses Jahr entscheiden, dann wäre dies trotz einiger starker Konkurrenten doch Slayer.
Ob "War Ensemble", "Disciple", "Dead Skin Mask", "Angel Of Death", "Seasons In The Abyss"... jeder Song ein Killer. Slayer sind nach wie vor die Macht, an der sich alles messen muss!
Sehr schick auch die riesigen Kreuze im Gitarrenboxendesign. Machten sich sehr schön über dem fast permanent lodernden Höllenfeuer darunter.



Zwei umgedrehte Kreuze und was Böses dazwischen sind als Bühnenbackdrop natürlich immer eine sichere Nummer, so dass sie neben allerlei anderem Zeugs auch beim nächsten Konzert wieder dabei waren. Auch King Diamond war nicht mit dem besten Klang des Festivals gesegnet, was gerade wenn man die Songs nicht alle in- und auswendig kennt, schon mal nerven kann.
Doch der King ist der King und es gibt einfach keinen zweiten. Unter seinem Make-Up inzwischen ja auch schon zweitausend Jahre alt hat er alle Stimmlagen vom bösen Gekrächze bis zur ganz hohen Gruselsirene immer noch drauf. "Eye Of The Witch" hat mich noch bis ins Bett - also wohl so bis halb vier Uhr morgens - als Ohrwurm verfolgt.





Samstag

Die Nacht und der Morgen danach wurden sehr kurz, schließlich mussten wir rechtzeitig zu Mittag wieder vor der Party Stage aufschlagen, für eine Band, die ich zuletzt - Rentneralarm! - Neunzehnhundertfuckingvierundneunzig auf dem Dynamo Open Air gesehen hatte.
Und auch wenn dies zwanzig Jahre her ist - der irgendwo zwischen Hardcore, Thrash Metal und manchmal sogar tanzbaren Elementen angesiedelte Sound von Prong ist nach wie vor unverwechselbar. Eine so präzise Groovemaschine kann man nicht programmieren. Oder um es frei nach einem großen Fernsehpoeten zu sagen: Prong sind so tight, wenn die mit Dir fertig sind, dann burns!

Auf dieses Trio hatte Wacken sehr lange gewartet, und es war trotz der frühen Spielzeit ein weiterer ganz großer Höhepunkt des Festivals.


Sodom fand ich dann im Gegensatz zu deren letztem Gastspiel 2011 ebenfalls sehr unterhaltsam, auch wenn ich sie eher entspannt aus der Ferne beobachtete. Die Thrash Metal-Institution konzentrierte sich auf seine Hits von "Ausgebombt" bis "The Saw Is The Law" und scheint generell zur Zeit ganz gut drauf zu sein.

Noch besser, obwohl ich deren Songs nicht kenne - aber "The Satanist" ist bereits bestellt - fand ich gleich im Anschluss jedoch die polnischen Black Metaller von Behemoth.
Schon das Stagedesign hob sich - zumindest die erste Hälfte des Sets lang - sehr aus der Masse hervor, da wohl irgendjemand sich gefragt hatte, wie man schwarz noch böser machen kann und dabei auf die Idee gekommen ist, es einfach mit einem weißen Hintergrund (und weißem Drumkit) zu kombinieren. Und das funktionierte tatsächlich sehr gut.
Noch eindrucksvoller wäre nur gewesen, wenn die vier Bandmitglieder den ganzen Auftritt über fest an den Stellen geklebt hätten, die vom Bühnenaufbau her für sie optimiert waren. Ich sage so etwas selten, aber je statischer die Band sich gab, desto eindrucksvoller wirkte sie tatsächlich.
Die Musik war allerdings davon unabhängig durchgehend über jeden Zweifel erhaben.





Gleich danach ging es auf der True Metal Stage relativ untrue mit dem Devin Townsend Project weiter. Devin Townsend ist ein Künstler, der von Pop über Prog bis zu extremstem Metal und zahlreichen anderen Musiksparten wohl schon alles irgendwie schon einmal gemacht hat und so überall sowohl dazugehört als auch der Außenseiter ist. Dass der Mann einen schrägen Humor hat und anscheinend zu allem was er tut eine ironische Distanz wahrt, macht ihn an sich nicht unbedingt festivaltauglicher.

Die Show deutete teilweise richtige Größe an und ich wollte sie eigentlich gut finden, hatte aber irgendwie das Gefühl, dass der Musik einiges fehlt. Tatsächlich sind die Songs, wie ich mir im nachhinein auch im Stream angeschaut habe, sehr auf Samples, Chöre usw. vom Band angewiesen, von denen zumindest an meinem Standort vieles nicht ideal ankam. So war es ganz lustig und beileibe nicht schlecht, aber eben auch keines der ganz großen Glanzlichter.


Als nächster Pflichtprogrammpunkt erwarteten uns im Zelt The Ocean, die sich, seit ich zuletzt 2008 im Vorprogramm von Opeth und Cynic sah, musikalisch enorm entwickelt haben und inzwischen ja auch einen richtig guten flexiblen Sänger in ihren Reihen wissen.

Trotz der Komplexität ihrer progessiven Post-Metal-Stücke räumte The Ocean richtig ab. Schade war nur, dass der Projektor nach einigen Minuten den Geist aufgab, so dass der vielversprechenden Videountermalung am Anfang leider nur der allmähliche Abbau der Leinwand folgte.
Dennoch die beste Gruppe unter dem Zeltdach des Bullhead City Circus.

Packt man den Anspruch der Gruppe in die Gegenteil-Maschine, so erhält man wahrscheinlich die Böhsen Onkelz. Und deren Bassist Der W war nur wenige Minuten später auf der anderen Zeltbühne dran. Will sagen: wir erlebten das größte Gedrängel des Festivals, da es wohl kaum einen Menschen gibt, der auf beide Bands steht und somit das Publikum im Zelt komplett ausgetauscht wurde.


Als nächstes wollten wir die erstmals in Wacken auftretenden Megadeth sehen, doch es spielten noch Amon Amarth, so dass wir uns zur Überbrückung zumindest mal einen halben Auftritt des Man in beige Mambo Kurt gönnten. Klar, man kennt die Heimorgelhits allmählich, aber gerade wenn Mambo exklusive Wacken-Devotionalien zu verschenken hat oder zur Gogo-Party auf die Bühne lädt, passieren doch immer wieder lustige Dinge...



Anders als bei The Ocean funktionierte die Sache mit der Videoshow bei Megadeth ganz wunderbar und wurde sehr effektiv eingesetzt. Dafür stimmte am Sound zunächst einmal gar nichts, da man in den ersten Songs eigentlich nur das schwächste Element - Dave Mustaines Gesang - ordentlich hören konnte. Zum Glück fing sich der Sound dann aber und auch Dave legte stimmlich noch zu.

Ich bin kein Experte für die Band, erkannte allerdings alle Songs, wenn nicht musikalisch dann zumindestens vom Titel her. Und was soll ich sagen? Natürlich sind vor allem die Leadgitarren herausragend, aber auch ansonsten fand ich den gesamten Auftritt ziemlich geil.
Dave Mustaine wird vielleicht niemals einen Nobelpreis fürs Nachdenken vorm Sprechen gewinnen, aber Metal, das muss man ihm lassen, das kann er verdammt gut!


Wie schon Dordeduh am Freitag war meine nächste Station wieder vor allem durch die Flucht vom Wacken Center bestimmt. Von Avantasia hatte ich beim letzten (und damals ja angeblich finalen) Auftritt vor  ein paar Jahren nämlich schon genug für ein Leben gesehen. Ich finde die einfach ganz schlimm und halte zwei Stunden davon für nur schwer mit den Genfer Konventionen vereinbar.


Zum Glück konnte man sich zumindest die erste Hälfte dieser Zeit wunderbar vor der Headbangers Stage die Rübe wegblasen lassen. Metal mit Opernelementen ist nicht zwingend ein Garant für meine Aufmerksamkeit, aber was die Italiener Fleshgod Apocalypse da vom Stapel ließen, war schon eine besondere Variante dieser Kombination.
Zunächst einmal spielen Fleshgod Apocalypse Black Metal mit bösem Grunzgesang und der höchsten Endgeschwindigkeit, die ich in Wacken dieses Jahr gesehen habe. Dazu sangen der Bassist und eine zusätzliche Sängerin Sopran. (Wobei übrigens die Kamera / Bildregie den männlichen Anteil des hohen Gesangs das komplette Konzert lang verpennt hat, selbst wenn nur dieser Text sang und somit wichtiger war.)
Das Ganze war ein stellenweise vollkommen überladener, aber eben gerade dadurch herrlicher Overkill. Ohrendurchpusten de Luxe!

Im Publikum sah ich übrigens eine Gruppe französischer Fans, die ich vom Snaredrum-Wettbewerb am Vortag wiedererkannte. Einer von denen hatte dort nämlich über sagenhafte tausend Schläge pro Minute geschafft, was laut Moderator bisheriger Rekord war. Und ich hatte da doch gleich geahnt, auf welche Art Musik der steht...


Danach amüsierten wir uns noch über das Angebot im Wacken-Outlet, also der Merchandising-Resterampe, in der der Artikel, den ich mir noch am ehesten kaufen würde, eine Plüsch-Kopie von Mambo Kurt inkl. Plüsch-Heimorgel war, hingen noch eine Weile auf der Wacken-Plaza und im Wackinger Village herum, und machten uns um Mitternacht herum zum großen Finale auf der Black Stage auf...




Ich habe ja gerade beim Samstag schon ein paar Mal den Sound erwähnt, was ich eigentlich möglichst vermeide, da er gerade bei so einem Riesen-Event ja ohnehin nicht an jedem Standort identisch ist. Bis auf jene besonderen Ausfälle, die ich schon erwähnt habe, war der Klang der meisten Bands zwar für ein Festival ok, ließ aber immer noch Raum, um mindestens ein Haar in der Suppe zu finden. Hier zu leise, da zu laut, zu wenig Gesang usw... Und daran, dass die Akustik im Zelt generell schwer beherrschbar ist, muss man sich eben gewöhnen.

Umso größer die Überraschung, als Kreator die Bühne betraten: Der Sound war nämlich von Anfang an perfekt! Wow!
Das Bühnenbild war immer noch jenes der Tour zu "Phantom Antichrist", welches für die Zukunft schwer zu schlagen sein dürfte. Die Songauswahl speiste sich u.a. mit dem Titelsong, "United In Hate" und der Hymne "From Flood Into Fire" aus dem aktuellen Album, sowie aus einem Feuerwerk ganz alter Schinken ("Pleasure To Kill", "Flag Of Hate") und neuerer Klassiker ("Phobia", "Hordes Of Chaos"). So gut habe ich Kreator in Wacken bisher noch nie erlebt, und dass obwohl gar kein Stück von "Coma Of Souls" im Set vertreten war.

Ganz klar ein mehr als würdiger Abschluss für ein letztendlich dann doch mal wieder überraschend starkes Open Air!




Organisatorisch und infrastrukturell war mein Eindruck dieses Jahr sehr positiv.
Die gesamte Stimmung - nicht nur bei Publikum, sondern auch bei fast allen, die dort gearbeitet haben, sehr entspannt. Da hat das Wetter natürlich auch super mitgespielt.

Allerdings sollte beim Briefing für Checkpoint-Ordner darauf geachtet werden, dass diese nicht nur wissen, mit welchem Ausweis / Band man bei ihnen durchkommt oder nicht, sondern auch, was bei der nächsten Zufahrt Sache ist. Sonst kann man sich als wertloser Normalsterblicher, der doch nur dem Tipp eines Einheimischen gefolgt ist (welche Dank ihrer Sonderrechte leider überhaupt kein Gespür für diese Materie haben), sinnlos von Zugang A nach Zugang B geschickt und dort dann noch sinnloser beschimpft werden. Und das muss echt nicht sein, wenn man durch die Extrakilometer, die die "Abkürzung" kostet, eh schon genervt ist. Auch wenn der ursprüngliche Fehler natürlich bei uns selbst lag: Never distrust a working route to the festival ground!


Wenn jetzt nur noch die üblichen Booking-Schwächen, insbesondere das Totnudeln einiger jedes Jahr und jeden Tag wiederkehrender Acts auf den kleinen Bühnen, abgestellt werden könnten...

Aber das ist wohl ebenso illusorisch wie die von mir jedes Jahr wieder gewünschte Würdigung des Progmetalsektors mit Psychotic Waltz oder Dream Theater.
Und um vielleicht eines Tages doch mal (wieder) Autopsy oder Godflesh zu sehen, fahre ich ja nun Mitte April nach Holland. Für Wacken habe ich da keine Hoffnung mehr.
Auch dass man auf dem generell ja ähnlich ausgerichteten Hellfest in Frankreich u.a. schon die Eier hatte, mit den Swans eine Gruppe einzuladen, die heavier als 99% des Metal ist, belasse ich hier mal als nicht an Erwartungen geknüpfte Randnotiz.

Die bisherigen Ankündigungen für nächstes Jahr halten ja immerhin schon ein paar interessante Namen bereit: Savatage, Amorphis mit "Tales From A Thousand Lakes"-Show, Kataklysm, Sepultura, Cannibal Corpse, die dieses Jahr verhinderten Death Angel. Da übersteht man dann wohl auch das fucking Bundeswehrorchester.

Helene Fischer stand ja schon bei Motörhead mit auf der Bühne.

Ach nee, sorry, das war ihre Mutter - Doro. Und dafür hatte die tatsächlich ihr Logo auf dem offiziellen T-Shirt?

Aber immerhin wurde an einem Slush Ice-Stand schon Kleingeld für den guten Zweck, Helene Fischer zu ficken, gesammelt. Ich weiß nicht, wie viel zusammenkam und ob die Erfolgsaussichten dieser Charity gut sind, aber da ich nun fast am Ende des Berichts bin und mir immer noch keine Überschrift eingefallen ist, die mit den letzten Jahren mithalten kann, hänge ich mich da inhaltlich einfach mal mit dran.



Wie auch immer - ich habe bereits eine Armee genetisch verbesserter außerirdischer Vampirzombieorks mit bloßen Fäusten blutig geprügelt und mir so mein X-Mas-Ticket für Wacken 2015 erstritten. Der nächste August kann also kommen!