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2018-06-16

OCEANS OF SLUMBER - The Banished Heart

Am zweiten März erschien ein Album, welches nun, da sich das Jahr 2018 der Halbzeit nähert, nach wie vor mein unangefochtener Spitzenkandidat für die Krone des Album des Jahres ist. Die Rede ist von Anna von Hausswolffs "Dead Magic".

Damit hätte jener Tag für mich ja eigentlich musikalisch genug geleistet. Es kam allerdings noch ein weiteres, extrem beeindruckendes Werk an dem Tag heraus, welches sich weder vor Anna, noch vor sonst irgendjemandem verstecken braucht! Es ist also allerhöchste Eisenbahn, hier endlich den Nachfolger von Ocean Of Slumbers "Winter" zu besprechen!




OCEANS OF SLUMBER - The Banished Heart (2LP+CD) (2018)


Gleich drei Videos hatte die Band dem Release von "The Banished Heart" voraus geschickt. Dass die Wahl dabei auf die drei Longtracks fiel, welche am Anfang, im Zentrum und am Ende des Doppelalbums stehen, ist natürlich kein Zufall. Man kannte damit schon den Rahmen, in den alles andere eingebettet sein würde.

Allerdings war diese Auswahl auch irreführend. Denn sowohl der von Tourpartner My Dying Bride beeinflusst klingende Opener, als auch der Titelsong und der Beinahe-Rausschmeißer "No Color, No Light" (danach folgt noch eine sphärische Interpretation des amerikanischen Folk Traditionals "Wayfaring Stranger") haben ein überwiegend langsames Tempo gemeinsam, was mich die Digitalversion des Albums in meiner Datenbank unter "Doom" labeln ließ - und abgesehen vom Duett mit Evergrey-Sänger Tom S. Englund steht bei diesen Liedern auch nur Sängerin Cammie Gilbert hinterm Mikrofon, was mich durchaus in Erwägung ziehen ließ, dass man die Growls und Screams der anderen Bandmitglieder wohl zu Grabe getragen haben könnte. Auch dies ein ziemlich großer Irrtum.


Ich hätte es besser wissen müssen, denn ihre furchtlose Diversität aufzugeben wäre für Oceans Of Slumber nach den begeisterten Reaktionen auf "Winter" - ein Album, auf dem jederzeit alles passieren konnte - ein denkbar unsinniger Schachzug gewesen.

Ok, es wäre natürlich durchaus nachvollziehbar, wenn die Band sich noch mehr in Richtung der radiotauglichsten Stücke in der Mitte jenes Longplayers orientiert hätte, doch gerade derart eher leichtere Kost hat die Band auf "The Banished Heart" zugunsten einer sich durch das komplette Album ziehenden düsteren Grundstimmung komplett über Bord geworfen.

Diese konsequentere Stimmung ist es auch, welche die Band bei gleichbleibender Fülle an musikalischen Einflüssen nun noch fokussierter klingen lässt.

"The Banished Heart" ist ein Konzeptalbum, welches Schicksalsschläge sowohl von Cammie Gilbert, als auch von Bandkopf / Drummer / Keyboarder Dobber Beverly (u.a. Scheidung und Verwüstung seines Hauses durch Hurricane Harvey) verarbeitet.
Der Titelsong führt die beiden buchstäblich zusammen. Denn so kitschig es auch klingen mag, beim Texten an diesem Stück haben sie sich ineinander verliebt und sind seitdem ein Paar. Man kann es angesichts dessen fast schon als Wunder betrachten, dass dieses Stück, im Grunde ein bombastisch monumentaler Lovesong, nicht in totale Selbstzentriertheit und -verliebtheit kippt.

Nein, dieser Longtrack ist nicht nur für sich grandios, sondern er schafft es auch, dass auf einem finsteren, oft brutalen und actiongeladenen Metalalbum eine mehrminütige sanfte Klavierpassage inmitten eines Songs den Höhepunkt des ganzen Werks markiert.




Davor und danach brennt das verbannte Herz allerdings lichterloh.

Von den elf Tracks sind diesmal nur zwei Zwischenspiele: "The Watcher" ist ein Dungeon Synth-Stück, welches als Puffer nach dem überragenden Titeltrack dient, "Her In The Distance" ein vom Klavier bestimmtes Präludium zu "No Color, No Light".

Der Rest des Albums bietet in Songs zwischen fünf und neun Minuten beeindruckenden Prog Metal, der sich aber selbst in sperrigen Watchtower-Passagen nie besonders wissenschaftlich anfühlt. Dafür bringt schon Cammie Gilbert mit ihrer unverwechselbaren Stimme zu viel aufrechte Emotion und Ohrwürmer hinein.
Ob es ihr tiefer, leicht angesoulter Bluesgesang ist oder die irgendwo zwischen Amy Lee und Chelsea Wolfe verortbaren Gothic/Metal-Passagen; den meisten Bands würde diese Stimme wohl zurecht als Alleinstellungsmerkmal genügen.

Ein weiteres unverkennbares Stilmerkmal ist aber die Angwohnheit von Dobber Beverly, in beinahe jeden Song - und sei dieser noch so langsam oder balladesk - einen Blastbeat einzubauen. Das klingt tatsächlich nie nach deplaziertem Gimmick. Als langjähriger Grindcore-Drummer u.a. bei Insect Warfare weiß er ganz genau, was er mit der Technik anfangen kann und setzt sie sehr musikalisch jenseits von gewaltsamer Niederknüppelei ein. Im Zusammenspiel mit dem Gesang ist es oft sogar ein Ausdruck von Euphorie. Also eigentlich artverwandt mit dem was z.B. vor fast fünfzig Jahren im Klimax von Pharoah Sanders' Free Jazz-Meisterwerk "The Creator Has A Master Plan" passierte.

Dass der Rest der Mannschaft an Bass und Gitarre nicht enttäuscht, ist klar. Besonderen Spaß macht aber, wie bereits weiter oben erwähnt, dass die Saitenhexer auch ziemlich of ihre derben Death Metal-Growls auspacken. Was natürlich auch ein entscheidener Faktor ist, der "The Banished Heart" vom klassischen Progressivegefrickel unterscheidet und oft eher in die Ecke mal von klassisch schwedischem ("At Dawn"), mal von schuldinerschem oder natürlich von Opeth inspirierten, technischen Death Metal rückt.

Alles in allem hätten Oceans Of Slumber an diesem Album - egal, als was man es nun deklariert - kaum noch etwas besser machen können.

"The Banished Heart" ist spielerisch extrem beeindruckend, kompositorisch aber noch viel mehr. Denn bei aller Technik steht immer der Song im Vordergrund, der Mal sofort zündet, mal wie z.B. das sonderbare "A Path To Broken Stars" von der zweiten Albumhälfte länger braucht, aber dafür umso stärker ankommt.
Es ist ein Werk voller tiefer, glaubhafter Gefühle, manchmal nah an der Kitschgrenze, doch nie darüber. Es ist aber auch ein wildes Metalalbum, welches bei allem Tiefgang einfach nur irre Freude beim Hören bereiten kann.


Oceans Of Slumber haben nach wie vor das Potential, ein ganz großes Ding zu werden, gehen aber nicht den einfachsten Weg eines glätter gebügelteren "Winter II", sondern hauen, nicht von Trends, sondern nur von sich selbst gesteuert, in jeder Beziehung noch mehr - und überraschenderweise wesentlich düsterer - auf den Putz.

Fantastisch!




Highlights: The Banished Heart, At Dawn, The Decay Of Disregard, No Color No Light


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