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2026-06-28

ANGINE DE POITRINE - Vol. 1 / Vol. II


Ja, ich muss sich schon etwas überwinden, diese Doppelrezension zu schreiben, sind Angine de Poitrine nach ihrer KEXP-Session vor gerade mal vier Monaten doch zu einem internationalen Phänomen inklusive BBC-Auftritt bei Jools Holland,  Massenandrang beim gestrigen Festival de Jazz de Montréal und geschwind über mehrere Kontinente gebuchten Touren geworden, zu dem jeder YouTuber aus der Musikrezensions, -reaktions- und -analyse-Sphäre seinen Senf beisteuern muss, und dem auf sozialen Medien kaum noch zu Entkommen ist.

Die beiden frankokanadischen Außerirdischen Khn an mikotonaler doppelhalsiger (Bass-)Gitarre und Klek am mit Decke abgedämpften Schlagzeug treffen mit ihrer Kombination aus konsequent umgesetztem, sich selbst aber nicht zu Ernst nehmenden, handgemachten Konzept mit DIY-Charme in Zeiten der Verunsicherung, ob Musik überhaupt real oder KI-generiert ist, natürlich - ähnlich wie die kauzigen Fantasy-Doomer Castle Rat - einen Nerv. Dass der virale Blitz ausgerechnet das polkagepunktete Duo mit den (mittlerweile aus Haltbarkeitsgründen nicht mehr aus Pappmaché gebastelten) großnasigen Masken getroffen hat, ist natürlich trotzdem nur mit einer ordentlichen Prise Glück zu erklären.

Denn auch wenn viele - ähnlich wie bei King Gizzard & The Lizard Wizard - teils anstrengend enthusiastischen Fans sie nun behandeln, als hätten sie Musik komplett neuerfunden, hat es alles was sie tun natürlich vorher schon gegeben. Nur nicht in dieser ganz spefifischen audiovisuellen Konstellation.

Und das ist keinesfalls als Abwertung ihrer Musik gemeint. Ich habe mir ja schließlich auch das aktuelle sowie das wiederaufgelegte Debütalbum gekauft und mir ein Ticket für die Show im hamburger Molotow (wenn das mal nicht noch hochverlegt wird...) im Oktober gesichert.
Denn trotz der großartigen optischen Komponente war mir schon bei meiner ersten Onlinebegegnung mit Angine de Poitrine klar, dass ihre Musik auch auf sich allein gestellt funktionieren würde.   







ANGINE DE POITRINE - Vol. 1 (CD) (2024)

Die Stücke von Angine de Poitrine beginnen wahlweise mit flotten Drums, Gitarren- oder Bass-Licks oder Riffs, die sich durch Livelooping, wie wir es z.B. von Künstlerinnen wie Jo Quail und Refrain kennen, immer weiter steigern. Dabei kann es, auch wenn das Schlagzeug vordergründigzumeist simpel und geradeaus klingt, immer mal auch zu synkopischen rhythmischen Verschiebungen kommen. Die Melodien haben durchweg einen nahöstlichen Touch, da jenseits der westlichen Tonleiter auf einem mikrotanlen Griffbrett gespielt wird, wie man es außerhalb traditioneller Musik z.B. in arabisch beeinflusstem Jazz oder von anatolischen Psychbands kennt.

Bekannterweise haben auch die bereits erwähnten australischen Genrehüpfer King Gizzard & The Lizard Wizard beginend mit "Flying Microtonal Banana" einen ganzen Katalog von Songs und Alben mit Vierteltonstimmung. Und im Grunde lässt sich das ca. 35 Minuten kompakte Angine de Poitrine-Debüt ziemluch adäquat als Mischung aus instrumental nicht unbedingt abgespeckten, aber aufs Wesentliche fokussierten King Gizz und dem bassbetonteren, etwas zirkushafteren Ton von Primus beschreiben.

Der verfremdete Gesang ist vorsätzlich nicht wirklich gut, soll er doch die schrullige Kommunikation zweier Außerirdischer mit uns darstellen. Dementprechend kommt er auch nur so sporadisch vor, dass der Gesamteindruck immer noch der eines Instrumentalduos bleibt - wenn man mal den unbetitelten kurzen Bizarrbonustrack ausklammert...

"Vol. 1 " ist ein kurzweiliger, sehr gut gemachter Spaß, der hier im richtigen, Lust auf mehr lassenden Format präsentiert wird. Ebenso wie kürzlich bei Agusa bin ich ich übrigens sehr zufrieden damit, mir beide Alben auf CD zugelegt zu haben, da auch hier ein schön ans Format angepasstes Design und ein gerne durchgeblättertes Booklet geliefert wird, welches ohne komplizierte Erklärungen die visuelle Welt und den Symbolkanon rund um schwarze und weiße Punkte und goldene Dreiecke etabliert. Selbst ohne bewegte Bilder versteht man - soweit dies überhaupt möglich ist - wer Angine de Poitrine sind.

Eine Besonderheit des Trays ist, dass sich unterhalb der nicht transparenten Halterung der Disc noch ein vertecktes Bild, sowie eine "FANK LŌB"-Karte versteckt, die den betont esoterisch kulthaften Charakter des natürlich leicht dadaistischen Avantgarde-Gesamtkunstwerks Angine de Poitrine unterstreicht.
Dafür, dass den beiden seit frühen Jugendtagen miteinander spielenden Musikern die Idee mit den Masken nur gekommen ist, damit sie zwei Mal innerhalb einer Woche mit ihrer bis dahin regulären Math Rock-Band auftreten konnten, ist das Konzept hier schon verdammt komplett ausgearbeitet.

Auch wenn die musikalische Größe hier noch nicht erreicht wird, reiht sich das Duo doch konzeptionell mit Schwung in die Traditionen schräger Upbeat-Krautrocker, der Science-Fiction ihrer metallischen Landsmänner aus Quebec Voivod und ganz allgemein der speziellen, seit Magma ureigenen französischen Verrücktheit ein.      








ANGINE DE POITRINE - Vol. II (CD) (2026)

Im Prinzip kann man das meiste, was ich über "Vol. 1" geschrieben habe, auch auf "Vol. II" anwenden. Sogar das CD-Design ist bis hin zu der versteckten Karte ein direkter dunkler Zwilling. Folgt man dem Farbschema weiter und zieht außerdem in Betracht, dass von arabischer zu römischer Zählweise gewechselt wurde, progonistiziere ich fürs dritte Album jetzt schon einen goldenen Hintergrund - und hoffe inständig, dass es "Vol. △" heißen wird!

Die Spielzeit des Albums ist ein wenig länger, doch auch hier folgt nach sechs Stücken, ein nicht gekennzeichneter seltsamer "secret" track.

Allerdings gibt es auch sofort offensichtliche Unterschiede zu verzeichnen. Die Produktion ist eine Nummer fetter, die Gitarrensounds sind gewagter und das Looping sowie die Arrangements der Songs sind anspruchsvoller. Es stecken nun deutlich mehr Math Rock und "Red"-King Crimson-Prog in Angine de Poitrine. Und doch sind die Stücke nun z.T. sogar trotz fortgeschrittener metrischer Eskapaden noch eingänger und ohrwurmiger. Und höre ich da in "Utzp" etwa passend zu den allgegenwärtigen Punkten etwas Polka?

Wie auch immer, wäre die Musik nicht so gelungen wie sie ist, dann würde die Band unmöglich so sehr als virale Rakete funktionieren. Ich bleibe zwar auch vorsichtig, dass ich mit den Spaß nicht durch Überpräsenz madig machen lasse, aber gönnen kann man Khn und Klek ihre derzeitige Achterbahnfahrt schon. Es liegt ja an jedem selbst, wieviel Angine-Content man anklickt.

Ich hoffe nur, dass ich zum Konzert rechtzeitig genug da bin, dass mir kein Superfan im selbstgebastelten Kostüm komplett die Sicht versperrt.   







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