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2013-08-09

WACKEN 2013 - More of that Jazz!

Feiner Jazz war das wieder!


Aber zunächst einmal zum Wetter, welches letztes Jahr ja ein großes Thema war.

Diesmal gab es keinen Kampf gegen den schlammigen Untergrund, nein ganz im Gegenteil:

Es war tagsüber überwiegend heiß und wolkenlos trocken. Zum Glück wehte meistens noch eine leichte Brise frischer Wind, sonst wäre es noch schweißtreibender geworden. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr musste man aber schon achten. Und Sonnenschutz war auch zu empfehlen. Ansonsten ziehe ich diese Art Wetter dem Schlammchaos vom Vorjahr doch deutlich vor.
Am Samstag Nachmittag schaute dann aber doch noch ein heftiges Regenband vorbei. Die Presse soll ja schließlich nicht ohne ihre Wacken-Schlammschlacht-Klischeebilder auskommen!

Ok, ich habe auch ein paar davon gemacht. Wird allerdings noch eine Weile dauern, bis der eine Film, den ich mir traditionellerweise in meine lustige Pinguinkamera gepackt habe, entwickelt ist.
Bei den Ordnern sorgte die Knipse übrigens nur für Belustigung und leichte Verwunderung. Von idiotischen Begegnungen am Einlass bin ich dieses Jahr tatsächlich mal verschont geblieben.

Überhaupt gibt es wenig Kritik zu üben. Das Hauptproblem ist für mich nach wie vor der von mir jedes Mal aufs neue beklagte, eklatante Kreativitätsmangel bei der Zusammenstellung des Billings.

Man kann ja nicht einmal Witze darüber machen, dass nächstes Jahr zum fünfundzwanzigsten Jubiläum bestimmt wieder Avantasia kommen. Tut man dies nämlich, kommen "schwupps* die ersten Ankündigungen für 2014 und natürlich sind neben diversen anderen Dauergästen Avantasia dabei!
Hatten die nicht versprochen aufzuhören? - Ja, aber was diese Versprechen seit Scorpions, Running Wild usw. wert sind, wissen wir ja...
Ich könnte auch schon wieder damit anfangen, welche Bands und Genres seit Jahrzehnten vernachlässigt werden, aber auf mich hört ja doch niemand. ;)

Dabei sind die Veranstalter ansonsten wirklich lernfähig. Man schaue sich nur mal all die Änderungen der letzten Jahre an. Alles was den Leuten am vielzitierten "Zirkus" zu viel ist, wie z.B. Wrestling, Wet-T-Shirt-Contests, Feuerprollshow usw. schrumpft doch innerhalb von ein, zwei Jahren wieder auf ein erträgliches Maß zusammen oder verschwindet ganz. Das Wackinger-Gelände, welches letztes Mal unter einem lieblosen Durchlaufstationscharakter litt war z.B. diesmal auch wieder besser strukturiert. In diesen Dingen sieht man immer wieder deutlich, wie auf Kritik eingegangen und über Probleme nachgedacht wird.
Von daher gehe ich mal davon aus, dass den Machern das Booking-Problem durchaus selbst bewusst ist, sie aber einfach in Veträgen mit Labels und Agenturen gefangen sind und gar nicht anders können.


Das ist natürlich unbelegte Spekulation. Jetzt halte ich mich lieber an das, was ich sicher weiß, nämlich wie ich meine vier Festivaltage erlebt habe.

Grundsätzlich war der Ablauf jeden Tag, mir zunächst in Schenefeld ein Tetrapack Saft zu besorgen, um die ersten paar Luxusgetränke in Wacken zu sparen, dann meinen Bruder aus Mehlbek abzuholen, und dann offiziell ein paar nette wackener Einheimische zu besuchen, bei denen wir parken durften. Und nachts ging es dann wieder unter die heimische Dusche und ins richtige Bett. Auf Diskussionen, ob das noch Metal ist, lasse ich mich übrigens nicht ein. Man bleibt so auf jeden Fall eher auf dem Festivalgelände und sieht mehr Bands, als wenn man den ganzen Tag auf dem Campingplatz versauert.


Mittwoch:

Mittlerweile kann man ja schon einen Tag vor eigentlichem Festivalbeginn durchgehend Konzerte besuchen. Ich habe allerdings noch normal gearbeitet und es deswegen bei einem Einstimmungsbesuch am Abend belassen. Zunächst einmal hieß es, die Bändchenausgabe zu finden (warum nicht mehr am dorfseitigen Eingang?) und für die Full Metal Bag anzustehen, in der es diesmal übrigens überraschenderweise mal kein Frei.Wild-Merchandising zu finden gab! Dafür war mein Beutel aber total durchnässt, so dass ich alle Sachen aus Papier, die ich ohnehin weggeschmissen hätte, gleich wegschmeißen musste. Zum Glück ist die Regenjacke ja eingetütet, und die war auch das einzige, was ich an den folgenden Tagen sicherheitshalber dabei hatte.

Um 20:00 Uhr feuerten Russkaja auf der Wackinger Stage dann mal wieder ordentlich "Energia" ins Publikum. Mehr Partystimmung als bei diesem verrückten Russenska-Kollektiv ist wohl kaum möglich.


Nachdem Russkaja gezeigt hatten, wie es geht, wanderten wir unvermittelt ins Fremdschäm-Epizentrum, wo uns MegaBosch auf beeindruckende Weise zeigten, wie es nicht geht.

Es ist eine Sache, auf einem auf postapokalyptisch getrimmten Container mit Käfig fürs Schlagzeug und GoGos einen auf Möchtegern-MadMax zu machen und dabei schlechte Musik mit noch schlechterem Prollgesang plus peinlichen Texten ("Es ist so geil, jetzt hier zu sein! Es ist so geil! blabla geil blubb geil... geil") zu spielen. Aber wenn man dann das eher verhalten reagierende Publikum auch noch fragt, ob es all das, was hier geiles aufgebaut wurde, denn auch genauso geil wie man selbst findet... aua.
Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis ich das Wort "geil" wieder ohne Fremdschämtrauma hören und benutzen kann.


Donnerstag:

Mein Konzerttag begann vor der Doppelbühne im Zelt mit den sehr unterschiedlichen Metal Battle-Gewinnern aus Polen und Japan. Gnida bretterten brutalen Oldschool-Deathgrind in die Riesensauna und mein Bruder und ich waren uns einig: Das war guter Jazz!

Im Auto hatten wir nämlich einen USB-Stick als DJ, auf dem ich u.a. Jaco Pastorius, George Benson, Passport und jede Menge verwandtes Zeug gespeichert habe. Daraus war also gerade der Running Gag entstanden, alles in Wacken als Jazz zu bezeichnen.

Und was machen die Wahnsinnigen von Mysterious Priestess aus Japan? Beginnen ihr Set natürlich mit einem lupenreinen Jazz-Intro und machen uns so unseren Insiderwitz kaputt!
Die sehr jung wirkende Band wurde aber auch nach dem Intro für Normalmetaller nicht unbedingt zugänglicher, sondern frickelte einen stilistisch absolut schmerzfreien Over-the-top-Progmetal mit blackmetaleskem Gesang, in dem gerade Takte hohen Seltenheitswert hatten. Technisch erstaunlich versiert und von den Arrangements her stark übertrieben, sorgten Mysterious Priestess für genauso belustigte wie beeindruckte Verwunderung. Es gibt schlechtere Publikumsreaktionen, siehe MegaBosch...


Die weiteren Highlights spielten sich dann im Infield ab. Von Annihilator wusste ich eigentlich nicht viel mehr, als dass sie Kanadier sind, Thrash Metal spielen, und das Jeff Waters gerne rote V-Gitarren benutzt. Nun weiß ich auch, dass sie live richtig grmmpf... geil sind (aaargh, verschwindet aus meinem Kopf, MegaBosch!). Vor allem den Gesang fand ich sehr überzeugend.


Apropos überzeugender Gesang: Den gab es dann auch bei den ganz klassischen Hardrockern von Thunder, die ich als Teenager bestimmt doof gefunden hätte. Aber man entwickelt sich ja zum Glück weiter. Der Stoff zum totalen Ausrasten war es zwar nicht, doch sehr gut gemacht und eine passende Einstimmung auf die danach auftretende Legende Deep Purple.

Was soll ich zu Deep Purple groß schreiben? Viel Hammond, viel Blues, lange Soli, riesige Hits, ohne die Rock- und auch Metalwelt eine andere geworden wäre... Legenden bei der Arbeit eben. Bin sehr froh, sie endlich mal gesehen zu haben. Jazz at its finest!



Danach kam dann der Night-to-remember-Headliner Rammstein.

Als echter Metalfan sollte ich Rammstein ja hassen, weil die ja gar kein Metal sind, sondern nur laute, riffbetonte, harte Stromgitarrenmusik mit provokanten Texten spielen, also lupenreinen... ihr wisst schon... Jazz. Und das dann auch noch auf der "True Metal Stage"! Sakrileg!

Und als Laibach-Fan müsste ich über Rammstein, deren musikalische Identität zu großem Teil auf dem "Opus Dei"-Album der Slowenen beruht, eigentlich nur milde lächeln.

Mache ich aber nicht. Natürlich ist es komisch zu sehen, wie prominent das Laibach-Kreuz hier geborgt wird, und natürlich liegt die inhaltliche Substanz beider Gruppen Welten auseinander.

Aber man muss Rammstein einfach zugestehen, dass sie große Entertainer sind (Laufband für den Keyboarder = bester Bühneneffekt des Festivals) und mittelerweile auch so einige feine Songs im Repertoire haben. Ich würde sie mir zwar nach wie vor nicht auf einem regulären Tourkonzert anschauen, aber gut gefallen hat's mir schon.
Und das sage ich, obwohl ich sie nicht wirklich unter idealen Umständen gesehen habe. Wir hatten nämlich nach Deep Purple die blöde Idee, uns vom linken Teil des Infields mehr in die Mitte zu bewegen und gerieten so in eine der fiesesten Menschenquetschen, die ich auf dem Open Air je erlebt habe. Da half nur, nach hinten raus zu flüchten und es außen herum zu versuchen. Und weil die Leute in der Mitte so dicht gedrängt standen und nachdrängelten, hieß "außen herum" nicht im hinteren Teil des Infields entlang zu gehen oder über den Vorplatz, sondern tatsächlich einen Bogen bis über den Campingplatz zu spannen!
Den Rest des Konzertes haben wir dann aber aus der ersten Reihe erlebt - der ersten Reihe des Movie Fields allerdings, wo es ein paar Songs dauerte, bis man den Sound einigermaßen verstehen konnte. Aber wie gesagt, mir gefiel es trotzdem.

Und dann war da natürlich noch der in der medialen Nachbetrachtung oder auf lächerlichen facebook-Seiten wie "Wacken ist kein Heavy Metal" (*mimimi*) vollkommen übergewichtete Auftritt von Heino.
Die Zeit die ich gebraucht habe, um zu überlegen, ob ich darauf überhaupt eingehe plus die Zeit, die ich nun tippe ist ja schon länger, als die zwei Drittel von "Sonne", die der Mann da auf der Bühne stand. Im Kontext einer Band, die textlich desöfteren mit schwermütiger volkstümlicher Romantik kokettiert, kann ich mir viele unlogischere Bühnengäste vorstellen. Und handwerklich besser als der - im Verhältnis zu den Leuten, die ihn tatsächlich miterlebt haben - noch viel übergewichtetere - Auftritt von Roberto Blanco 2011 war er auch.
Ich sage also heute wie damals: Kirche --> Dorf!

Viel erwähnenswerter finde ich den Abschluss des Konzertes, als Till Lindemann auf einer Kanone reitend Schaum in die Menge spritze und es Konfetti regnete. Eine Minute später sprang nämlich mein Bruder plötzlich auf, und lief zehn Meter davon und fing einen einsamen Konfettischnipsel, der den ganzen weiten Weg über das komplette Infield bis zu unserer ersten Reihe zurückgelegt hatte. Was für ein Andenken!
Als ein Fan neidisch wurde, hat er es aber ganz großherzig in der Mitte geteilt.


Freitag:

Die "True Metal Stage" war u.a. Powerwolf, Sabaton und Doro sei Dank an diesem Tag komplett verbotene Zone.

Dafür hatte es unser erster Programmpunkt auf der "Black Stage" um halb zwei hatte gleich in sich: Einmal Hirn durchschütteln mit Gojira bitte! Wenn es eine (relativ) junge Band mit absolut eigenständigem Signatursound auf dem Festival gab, dann waren es die Franzosen. Brutal, präzise und immer mit dieser leicht schrägen, intensiven Grundstimmung. Schwer zu beschreiben, manchmal auch schwer zu begreifen, aber ganz großes, unkonventionelles Kino!

Danach schauten wir mangels Pflichtterminen mal, wer so im Zelt spielte: Dr. Living Dead bretterten mit Totenkopfmasken und Mike-Muir-Bandana ein an D.R.I. erinnerndes Hardcore/Thrash-Brett. Nett.

Die Kamikaze Kings hatten sich angeblich sowohl dem Rock'n'Roll als auch dem Metal verschrieben, müssen aber dummerweise mal irgendwo gelesen haben, dass GoGo-Tänzerinnen, 80er-Jahre-Bühnenoutfits und testosterontriefende Sexprolltexte zwingend dazugehören. Klar, das ist alles auch ironische Partymasche, aber wenn man nur verwundert davor steht und sich nicht sicher ist, ob das da freiwillig oder unfreiwillig komisch ist, dann ist da ganze doch noch überarbeitungswürdig. Acht Punkte auf der MegaBosch-Geilheitsskala.

Besser wurde es mit Black Messiah, obwohl sich mir die ganze Musikrichtung Pagan Metal nach wie vor nicht erschließt. Deutschsprachiger Röhrgesangsfolk trifft Black Metal. Aber warum zum Henker tut er das?
Gerade die Teufelsgeigerpassagen fand ich aber schon witzig. Und die Einsicht des Sängers, dass ein Fell als Bühnenklamotte in einem derart heißen Zelt nicht die beste Wahl ist.

Danach kam die einzige kleine Enttäuschung für mich. Henry Rollins erzählte bei seinem Spoken-Words-Auftritt nämlich zu großen Teilen die gleichen Sachen wie letztes Jahr, als er seine Predigt allerdings sogar noch besser auf den Punkt brachte. Ich hätte wirklich gedacht, dass der Mann noch mehr Geschichten auf Lager hat. Trotzdem blieb ich sitzen. Man braucht schließlich auch mal etwas Pause, um sich zu sammeln für den Rest des Tages.

Zurück zur "Black Stage" - New York! Hardcore! Agnostic Front! Nackenbrecherpogojazz! Sehr gut!


Manchmal ist er einem ja schon etwas zu immer und überall, aber dieses Jahr musste auch mal wieder ein kompletter Auftritt von Mambo Kurt im Biergarten sein. Und jungejungejunge artete das aus! Mambos Heimorgel und Gameboy rockten so dermaßen ab, dass sogar die Massen vor der Hauptbühne, auf der Sabaton spielten, mitgingen! So sah es jedenfalls manchmal aus - ein kleiner eingebildeter Sieg in der David-gegen-Goliath-Klangschlacht der kleinen Biergartenbühne mit  der gigantischen "True Metal Stage".
Der Mann in beige enttäuscht eben nie. Jazz ist Trumpf!

Nach dieser Party ging's erstmals zur "Party Stage", auf der die alten Haudegen von Corvus Corax (waren schon Mittelalter bevor es hip wurde) kräftig in den den Dudelsack und diverse andere Eigenbau-Instrumente bliesen.
Dieses Mal hatten sie tatsächlich kein Orchester dabei, wurden dafür aber bei vielen Stücken von der Taiko-Gruppe Wadokyo auf japanischen Riesentrommeln unterstützt. Wie immer machmal mit Längen durch zu viele Wiederholungen, insgesamt aber sehr mächtig und sehenswert.





Nun war es aber schon fast halb elf - höchste Zeit für METAL Jazz!

Vorher bekam ich allerdings doch einen whoooooooooyeahhhgeiltollwichtigen VIP/Presse-Ausweis geschenkt. Ohne dazugehöriges Band hat der zwar keinen praktischen Nutzen, ist aber trotzdem hübsch.


Im proppevollen Zelt gab sich das kanadische Kult-Trio Anvil die Ehre. Im Gepäck hatten Lips und Co. Klassiker wie "Winged Assassins", "Mothra" und "Metal on Metal", neue Stücke von "Hope In Hell" und einen Höllenpanzer voll Metalklischees wie viel zu langer Gitarrensoli (natürlich mit Dildo) und dem obligatorischen Drumsolo, eingebettet in das "Juggernaut Of Justice"-Instrumental "Swing Thing".
Doch so ungerecht es manchen anderen Bands gegenüber auch sein mag - Anvil dürfen das!
Und zwar nicht nur, weil sie es einfach irre gut machen, nein. Kaum eine andere Band strahlt solche ehrliche Freude am Metal aus und das springt ins Publikum über. Highlight des Tages!

Übrigens - ganz ohne Scheiß eine Original-Ansage von Lips:
"Enough with this Blues and on with the Jazz!"


Samstag:

Da ich am Vortag ja bei Corvus Corax gewesen war, hatte ich vom - aus gesundheitlichen Gründen - vorzeitig abgebrochenen Motörhead-Auftritt nichts mitbekommen.

Als Ausgleich dafür hatte ich nun das vergleichsweise exklusive Vergnügen beim Spoken-Word-Auftritt von Anthrax-Gitarrist Scott Ian zugegen zu sein. Neben ein paar Verwechslungsanekdoten und einer kleinen Fragestunde bestand sein Auftritt in erster Linie aus der von Comiczeichnungen unterstützten, epischen Erzählung seiner ersten Begegnung mit Lemmy in einem londoner Pub und deren Folgen. Sehr lustig war es - und wir haben etwas gelernt: Lädt Lemmy Dich zu einem Drink ein, sage niemals "I'll have what you're having."

Nach etwas Überbrückung durch Die Apokalyptischen Reiter, mit denen ich nach vor nur so mittelviel anfangen kann, gab es eine amtliche Death-Metal-Volldröhnung mit Lamb Of God, was allerdings in meiner Erinnerung eher eine untergeordnete Rolle spielt. Genauso heftig wie die Mucke krachte nun nämlich der Regen auf uns ein! Schnell rein in die schwarze Regenjacke - und gleich ein großes Loch vorne hineingerissen, weil ich meine Mütze vor einem Windstoß retten musste. Dennoch war der Schutz besser als nichts und wir hatten weiterhin unseren Spaß.
Das Abtrocknen ging dann auch relativ schnell, nur an den Füßen blieb Sportschuh sei Dank dieses feuchtpelzige Gefühl, gerade neues mikroskopisches Leben zu erschaffen.

Als Anthrax um siebzehn Uhr mit "Among The Living" und "Caught In A Mosh" ihre Thrash-Metal-Party starteten, konnten die Umstände gar nicht besser sein: Gute Laune, Sonnenschein und diverse Schlammpits, in denen sich jene Fans suhlten, die eh nicht mehr dreckiger werden konnten. Aber ihr kennt ja die Klischee-Fotostrecken. ;)
Die Band jedenfalls ging richtig ab, vor allem Joey Belladonna war in Topform. Und wer "I Am The Law" und das Joe Jackson-Cover "Got The Time" im Gepäck hat, gewinnt ja sowie immer. Müsste ich mich für einen Lieblingsauftritt beim diesjährigen W:O:A entscheiden, dann wären Anthrax wohl unter den beiden Spitzenkandidaten!

Wer war Kandidat Nr. 2? Der kommt noch noch...

Doch zunächst einmal ging es gleich weiter mit dem ebenfalls sehr sehr geilen (puh, ich musste schon fast gar nicht mehr an MegaBosch denken...) Konzert von Danzig.

Bei Danzig denke ich zunächst einmal an die tiefen Neunziger, an Kassetten, an ein beeindruckendes Konzert  in den Docks mit der damals ganz frisch angesagten Vorgruppe White Zombie, an das Dynamo Open Air 1994, bei dem ein Kumpel einen von zwei in die Menge geworfenen Drumsticks fing, der dann später im Tausch gegen einen Pungent Stench-Stick aus der hamburger Markthalle zu mir kam.

Und dann denke ich natürlich an Glenn Danzigs instrumentales Düstermusik-Soloalbum "Black Aria", welches wir früher als viel zu oft verwendeten Soundtrack zum Rollenspiel Das Schwarze Auge in und auswendig kannten.

Von diesem Werk kam natürlich auch das Intro, ehe der Muskelzwerg und seine drei Musiker mächtig losrockten. Ich hatte die Band ja seit Ewigkeiten nicht mehr gehört, so dass es immer wieder diese herrlichen Ach-ja!-Momente gab, egal ob der Meister "Twist Of Cain", "Am I Demon" oder "How The Gods Kill" anstimmte.

Nach jenem Song war der Danzig-Auftritt bis auf den Abschluss "Mother" eigentlich vorbei, denn es kam ein schwarzweiß bemalter Muckibudenfreund namens Doyle auf die Bühne, mit dem Herr Danzig vor sehr sehr langer Zeit, als ich noch einen flensburger Kindergarten besuchte, in einer gewissen Punkband gespielt hat. Und so freute sich die Meute über mehr als ein halbes Dutzend Misfits-Klassiker, ehe wir mit der Jazzballade "Die, Die My Darling" in den Rest des Abends entlassen wurden.

Die Schatten wurden nun allmählich länger, und was gibt es besseres, um einen in die Dunkelheit zu geleiten als von Großmeistern ihres Fachs zelebrierten Doom?


Candlemass kamen auf die "Party Stage" und bewiesen ganz klar, warum sie die Gruppe waren, auf die ich mich dieses Jahr am meisten vorgefreut hatte. Tonnenschwere Black Sabbath-Riffs, fantastische Leadgitarren und mit Mats Levén ein herausragender Sänger, der so ziemlich alles kann, was seine Vorgänger so drauf haben. Gänsehaut! Jeder Song war klasse, und doch war ich gerade von den Stücken des letzten Albums "Psalms For The Dead" (u.a. "Prophet", der Titelsong und "Black As Time" inklusive nihilistisch philosophischem Intro) besonders angetan.
Und zum Abschluss durfte natürlich als dritter Zugabensong die Überhymne "Solitude" nicht fehlen. Ganz groß, was die Schweden da abgeliefret haben!

Wir sahen dann noch auf der Leinwand den Zugabenteil von Alice Cooper, der bei "Poison" und "School's Out" showmäßig mächtig auf den Putz haute. Das Konzert hätte ich schon gerne ganz gesehen, aber eine ärgerliche Überschneidung muss es bei den vielen Bands ja immer geben.

Es folgten u.a. noch Nighwish, Rage mit Orchester und die unvermeidlichen Dauergäste Subway To Sally. Die schenkten wir uns jedoch alle. Sicher spielten auch noch sehenswerte Bands (z.B. Meshuggah), doch wir machten uns in dem Bewusstsein, dass wir die Highlights schon erlebt hatten (und es im T-Shirt noch ziemlich klamm werden könnte) sehr zufrieden von dannen.


Und so war es wieder wie so oft in den letzten Jahren: Große Enttäuschung bei den Bandankündigen, weil die richtigen Knaller so dünn gesäht sind und immer wieder die gleichen Nasen die Hauptbühnen beschallen - und doch hat man am Ende wieder jede Menge interessante, gute und mehr als gute Shows gesehen.
Mehr Jazz in dieser Zeit geht nicht!

In der Nacht von Sonntag auf Montag habe ich also gleich das X-Mas-Ticket (Weihnachten, haha...) geordert. Über zweieinhalb Stunden Kampf und Krampf auf Metaltix.de und mein Haupthaar ist doppelt so grau wie vorher. Das, liebe Kinder, ist Jazz!

In diesem Sinne: Tschüß bis zum nächsten Jahr!


Bandwünsche, die mir gerade einfallen:

Atheist
Autopsy
Ayreon
Cynic
Dream Theater
Godflesh
James LaBrie

Motorpsycho
Psychotic Waltz
Swans
The Winery Dogs
Treponem Pal
Triptykon
Voivod

Müssen ja nicht alle sein, aber ihr wisst ja, welches die sträflich vernachlässigten Acts sind...



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 Hmmm....

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Soll ich?

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Ok, ich kann's mir ja doch nicht verkneifen...

Man merkt, dass sich nach Jahren der Hofierung der Trend in der Mainstream-Presse leicht dreht. Plötzlich spielen sich Hardcore-Szeneorgane wie der Stern oder der Fernsehsender n.tv als Hüter des wahren Wacken-Spirits auf und ziehen über die böse Kommerzialisierung her...

Früher hieß es schließlich stolz "sponsored by nobody".
Soso, ihr seid also Zeitzeugen des tiefsten "früher", welches mindestens 1991 gewesen sein muss. Denn vom Plakat und der Bühne meines ersten Wacken Open Airs 1992 (Headliner Saxon) habe ich noch deutlich ein prominentes Zigarettenmarkenlogo in Erinnerung.
Und den originalen, den echten Wacken-Geist findet man nur noch im Dorf, wenn man mit den begeisterten Bewohnern spricht? - Sorry, aber bis auf die direkt eingebundenen Leute und den örtlichen Supermarkt, der nicht zufällig einem Herrn Jensen gehörte, hat das Festival die Wackener (Gribbohmer, Holstenniendorfer...) doch anfangs gar nicht tangiert. Irgendwann war dann aber auch im Dorf mehr los und spätestens nach dem berühmten ersten Onkelz-Jahr fühlten viele Bewohner sich gestört.
Dann hat man jedoch miteinander geredet und vor allem hat man festgestellt, dass sich ja doch jede Menge Spaß haben und nicht zletzt auch Geld verdienen lässt... Und seitdem ist im Großen und Ganzen Friede, Freude, Full Metal Village.

Der wahre Wacken-Spirit ist für mich dann aber doch eher - so ungern ich es auch zugebe -, dass alle zwei, drei Jahre immer wieder Doro und Saxon spielen. ;)


In Artikeln dieser Art ist auch nach wie vor gerne vom Jägermeister-Kran (wo?) und Wet-T-Shirt-Contests (ja, wo zum Teufel denn?) die Rede. Und natürlich vom "Wrestling-Zelt", in dem komischerweise zu 95 Prozent der Zeit Musik stattfindet.

Nicht dass die Journallie nicht auch ein paar Körner finden würde (Ja, Captain Morgan und die immer gleichen Werbeschleifen nerven!), doch die meisten Sachen lassen sich ziemlich leicht auseinander nehmen.
Aber was soll's? Es geht ja doch in erster Linie darum, die Klischee-Fotostrecken mit Schlammzombies und Feuerwehrkapelle unterzubringen.


Peinlicher als jeden Pressebericht finde ich allerdings manche facebook-Seiten (siehe weiter oben) und Foren, auf denen sich jene, die keine Karte bekommen haben oder einfach schon viel zu metal sind der Lächerlichkeit preisgeben, z.B. in dem sie sich über genrefremde Besucher in weißen Anzügen und pinken Slippern aufregen...


Ich war zufällig live zugegen, als diese Fotosession stattfand, stand ein paar Meter weiter vorne. Das Bild ist also nicht, wie einige super tolerante Idioten, für die man sich als Metalfan nur schämen kann, gephotoshopt. Anders als ihr Hasskappentastaturfresser waren die Leute auf dem Gelände nämlich tatsächlich alle ganz entspannt und haben den Herrn Jan Delay nicht - wie ihr es bestimmt getan hättet - geköpft, gevierteilt und die Reste dann ausgepeitscht.

Anderseits kann ich euren Hass natürlich schon ein klein wenig nachvollziehen. Der Typ ist schließlich durch Beziehungen irgendwie umsonst reingekommen.

Und ihr habt es schon wieder nicht geschafft, vor dem frühen Ausverkauf eurer Ticket zu bekommen.

Viel Glück für 2015!






2012-08-09

WACKEN 2012 - Heavy Fucking Matsche!

Ja moin!

Ich könnte jetzt vielleicht abenteuerliche Geschichten vom Chaoscampen mit knietief im Schlamm versunkenen Zelten, nicht mehr geleerten Dixies, Mudwrestling und meiner von oben bis unten tiefschwarz verdreckten Karre erzählen.

Aber ich bin ja Heimschläfer und habe im Dorf geparkt, also habe ich mir das ganz schlimme Elend auf den Campingplätzen ersparen können.
Doch auch auf dem Festivalgelände gab es spätestens Samstag Nacht Bodenverhältnisse, die jeder Beschreibung spotteten und die ich nach allen Maßnahmen der letzten Jahre so wirklich nicht mehr auf dem Wacken Open Air erwartet hatte. Die Inuit sollen ja unglaublich viele Worte für "Schnee" kennen. Für "Matsch" müsste es auch viel mehr abstufende Begriffe geben, um dieses glitschig suppige Geschmiere, das teilwiese nur im tapsigen Zeitlupenschritt sicher zu passieren war, auch nur annähernd adequat umschreiben zu können.

Dabei hatte es eigentlich gar nicht viel geregnet. Nur eben gewaltig große Mengen auf einmal.


Aber damit für's erste genug vom Wetter, das ist ja in diesem Sommer ohnehin kein erfreuliches Thema...

Zum Glück haben die meteorologischen Umstände es nicht geschafft, mir das Festival zu verderben.
Nein, es war wie schon in den vergangenen Jahren große klasse!

Dennoch beginne ich mal mit einem Schwall Negativkritik:

Kann bitte irgendwer den Herren Hübner und Jensen ein Lexikon mit der Definition von "Überraschung" schenken?
Da entpuppt sich doch der "Surprise Act" tatsächlich als Edguy, eine Band die im vergangenen Jahrzehnt nicht nur schon eins, zwei, drei, vier, fünf Mal in Wacken gespielt hat (zuletzt 2010), sondern deren Seitenprojekt Avantasia ja erst letztes Jahr auf uns losgelassen worden ist.
Mal ganz unabhängig davon wie wenig ich mit der Musik anfangen kann; eine Gruppe, die sowieso jedes zweite Mal dabei ist, als Überraschung anzukündigen, erfüllt meiner Meinung nach schon den Tatbestand grober Verarsche.

Und klar, für einen Festivalneuling mag es durchaus überraschend sein, dass das Programm auf den Hauptbühnen des größten Metalfestivals der Welt mit einer erschreckend mittelmäßigen Coverband, bei der einer der Veranstalter irgendwann zwischen Paläozoikum und Neoproterozoikum mal Bass gespielt hat, eröffnet wird. Wenn bei diesem komischen Ritual aber Doro Pesch aus der Ledertorte hüpft, um uns mit der von uns doch niemals verlangten Warlock-Gedenk Wacken-Hymne "We Are The Metalheads" fremdzubeschämen, dann ist sie definitiv kein Überraschungsgast.

Da könnte man mir ja genauso gut das übliche Frei.Wild-Merchandising in der Full Metal Bag als Sensation verkaufen.

Man werfe nur einen schnellen Blick auf das Program von True Metal Stage und Black Stage; immergleiche Nummer-Sicher-Auftritte von Hauptbühnen-Dauerabonnenten, wo man nur hinschaut: Saxon, U.D.O., Hammerfall, The Boss Hoss, Overkill, In Flames usw.... *gääähn*
Auch wenn ich selbst mit manchen dieser Dauerrotations-Bands ja tatsächlich persönlich etwas anfangen kann - als Kreativleistung der Bookingabteilung ist das ständige Auftischen desselben Breis einfach unterirdisch.
Und dann waren da ja noch die Scorpions, die doch neulich erst halbwegs versprochen hatten, dass ihr Night-to-Remember-Auftritt einer ihrer letzten sein sollte und die nun doch wieder auf der Matte standen. Zum Glück gingen dieses Ohrenzeugen zufolge äußerst magere Schauspiel vollkommen an mir vorbei.

Mit Deep Purple sind für 2013 immerhin schon hochkarätige Wacken-Debütanten angekündigt. Anderseits spielen aber auch "Sensationsgäste" wie Nightwish, Subway To Sally, Arch Enemy und Rage mit dem Lingua Mortis Orchestra. Leute, fällt euch wirklich so wenig neues ein?
Als am Samstag über die Videowände dann zu allem Überflüss auch noch die offensichtlich unvermeidliche 30-Jahres-Jubiläumsshow von Doro angekündigt wurde, brandete verständlicherweise ironischer Applaus auf.

Ist der Pool an möglichen Bands wirklich schon so erschöpft? Ich glaube nicht.
Zumal ja z.B. das Doom-Genre nur selten bedient oder der Progmetal-Sektor geradezu sträflich vernachlässigt wird.
Zum Glück treten ja insgesamt so viele Künstler auf, dass man am richtigen Ort zur richtigen Zeit immer noch etwas entdecken kann. Dennoch wäre meiner bescheidenen Meinung nach bei der Besetzung des Infields noch sehr viel mehr Abwechslung möglich.


Abwechslung gab es mal wieder bei einigen Hauptsponsoren, was gute und schlechte Auswirkungen hatte.
So wurde der Jägermeister-Hochsitz durch einen Turm von Captain Morgan ersetzt, welcher größer war, dadurch mehr Sicht versperrte, und auf den vor allem kaum irgendjemand überhaupt hochgelassen wurde. Macht man so Werbung?

Anderseits konnte die Fläche, auf der in den letzten Jahren der riesige Kran mit der ebenfalls sehr priviligierten orangen Schwebe-Bar stand, diesmal sinnvoller genutzt werden, u.a. durch einen Hochstand, der keinem die Sicht nahm oder ein Zelt, in dem mehrere Künstler ihre teilweise wacken-bezogenen Werke ausstellten, am prominentesten darunter wohl die großformatigen Gemälde von Jens Rusch.
Außerdem hat mich dieses Zelt vor dem ersten Wolkenbruch am Freitag bewahrt, was sich allerdings wenig später egalisierte...


Apropos Zelt: Die beste Neuerung des Jahres war eindeutig, dass das muffige W.E.T.-Stage-Zelt aus dem Infield ausgelagert wurde und auch das zu Stoßzeiten überlastete alte Bullhead City-Zelt das zeitliche gesegnet hat.
Stattdessen gab es nun ein gigantisches neues Zelt mit acht Pagoden, in dem man ein ganzes Dorf hätte errichten können und das mit einer stilvollen Doppelbühne fast ständig bespielt wurde.
Wet-T-Shirt-Contests gab es meines Wissens nach keine mehr, und auch Masters Of Comedy und Wrestlingzirkus befinden sich anscheinend wieder auf dem Rückzug.

Das neue Thrash Of The Titans Field, auf dem diverse Bastler ihre feuerspeienden Pferde, Drachen und Hyänen präsentiert haben, wird wohl auch eher eine temporäre Episode bleiben. Abgesehen davon, dass man jenseits der zweiten Reihe kaum etwas vom Geschehen sehen konnte, war es nach anfänglicher Faszination für die handwerkliche Kreativität dann doch nicht so spannend, dass man es als feste Institition bräuchte.
Dann doch lieber das Wackinger Village etwas umgestalten. Jenes war diesmal zu sehr Durchgang und längst nicht so gemütlich wie die letzten Jahre. Wo waren all die Sitzgelegenheiten hin? Außerdem haben wir die leckeren überbackenen Apfelringe vermisst.
Nun war die Beschaffenheit des Bodens nicht gerade zur Förderung von Gemütlichkeit gemacht. Bei Supersommersonnenschein wäre die Umgestaltung des Platzes vielleicht auch weniger unvorteilhaft gewesen, das vermag ich nicht zu beurteilen.

Schön ist, dass Wacken nach wie vor ein Festival relativ kurzer Wege ist. Innerhalb des eigentlichen Festivalbereiches (also Infield plus Vorplatz, Metalmarkt, Wackinger und Bullhead City) war selbst unter diesen Exremumständen jeder Ort relativ flott zu erreichen.
Am fiesesten fand ich den Weg vom Festivalgelände zum Dorf entlang des autofreien Zeltplatzes. Dass man auf einer so wichtigen Strecke schon von Anfang an einen Graben überklettern musste und direkt daneben einen der trügerischsten Tümpel des Areals durchqueren (die armen Schweine, der Zelte dort tief im Wasser standen, waren nur zu bedauern), das war schon ziemlich heavy, vor allem Samstag um drei Uhr nachts, als man eigentlich dachte, jede Form von aufgematschtem Katastrophenboden schon gesehen zu haben, nur um ganz zum Schluss noch einmal die Krönung serviert zu bekommen.
Aber ich will mich nicht beschweren. Trotz einiger knapper Situationen konnte ich mich immer auf den Beinen halten und bin oberhalb der Knie von porentiefer Verdreckung verschont geblieben. Das hat weiß der Teufel nun wirklich nicht jeder geschafft. *g*


Mittwoch

... konnte ich dieses Jahr noch nicht hin. Das finde ich im Nachhinein auch nicht weiter schlimm, weil das ja auch Kräfte geschont hat und ich mich so schneller vom Festival erholen konnte als in den Vorjahren.
Ein bisschen Wacken-Feeling gab's natürlich schon, als ich am itzehoer Bahnhof einen Anreisenden beobachten durfte, der gerade vollkommen dicht in seine Mütze gekotzt hatte. Lecker.


Donnerstag

... war es auf dem Platz zum Teil noch staubtrocken.

Dafür fehlte mir zur fortgeschrittenen Stunde etwas der einer Night To Remember würdige Headliner.
Bei Volbeat und U.D.O. kann ich schon dem Gesang nicht genug abgewinnen und Saxon waren auch einfach schon viel zu oft da.
Die Eröffnung mit Skyline hatte ich ja schon weiter oben angesprochen. Wahrscheinlich hat es System, nicht gleich mit einer Kracherband anzufangen, damit die Leute sich nach Öffnung der Eingänge noch etwas Zeit lassen, anstatt sich gleich alle auf einmal durchquetschen zu wollen.

Ein richtiges Highlight gab es auf der Black Stage mit Sepultura aber schon. Den größten Teil des Auftritts wurden die Brasilianer von der Ölfass-Trommlertruppe Les Tambours Du Bronx unterstützt, was super funktionierte und mal eine angenehme Abwechslung von den auch schon bald inflationären Orchester-Shows (dieses Jahr u.a. Dimmu Borgir) darstellte.
Beim letzten Stück, dem eigentlich ja ziemlich stumpfen "Roots Bloody Roots" hatte ich sogar ein bisschen Gänsehaut. Sehr guter und symphatischer Auftritt!


Danach ging es nach etwas Geländeerkundung in das Bullhead City-Zelt, um die belgische Thrash/Hardcore-Gruppe Channel Zero zu sehen, die ich von einem Auftritt im schenefelder "High Noon" (R.I.P.) im letzten Jahrtausend noch in guter Erinnerung hatte. Vom einzigen Album der Band, dass ich besitze ("Stigmatized For Life", 1993) habe ich zwar keinen Song erkennen können, aber trotzdem war das Konzert eine runde, mehr als einmal an Pantera erinnernde Sache.

Unmittelbar davor gab es auf der benachbarten Bühne mit Chthonic aus Taiwan noch ein ganz derbes Black/Folk-Metal-Brett. Nicht unbedingt mein Leib-und-Magen-Genre, aber schon ziemlich geil.
Zwischen den beiden Bühnen im Zelt hängt - ebenso wie draußen auf dem Vorplatz - auch ein Bildschirm. Die Bildregie dafür hing während der Chthonic-Show übrigens auffallend oft am Close-Up der Bassgitarre und somit auch der Strapsstrumpfklamotte der Bassistin fest. Als für die letzten beiden Stücke der Violinist von Turisas auf die Bühne kam, merkte man richtig, dass jemand mal froh war, ein anderes Motiv zeigen zu dürfen.

Insgesamt fand ich die Bildauswahl auf dem Festival allerdings besser als letztes Jahr. Nur dass Samstag Nachmittag offenbar mal wieder die Kameraleute aufgebraucht waren und man sich bei Six Feet Under auf der Black Stage nur mit einer Bühnentotalen zufrieden geben musste, war wie schon bei Sodom letztes Jahr etwas halbgar.

Aber nun mal wieder schön der Reihe nach! Vor Samstag kommt schließlich immer noch... genau:


Freitag:

Bei aller Kritik möchte ich noch einmal betonen, dass die Veranstalter - gerade angesichts der Umstände - das meiste richtig gemacht haben. Die größten Versager waren an diesem Wochenende andere, nämlich der Wetterbericht und jene, die ihm vertraut haben - also ich!
Das bisschen Regen? Da ziehe ich doch heute nur Turnschuhe an!

Tja, das war nicht ganz so schlau.
Den ersten Wolkenbruch überstanden mein Bruder und ich ja, wie schon weiter oben erwähnt, im W:O:Art-Zelt, wo - soviel Boulevardberichterstattung muss sein - auch Hans-Werner Olm und Dietmar Wischmeyer fest hingen. Der Mann hatte einen Artist-Pass. In welcher Band spielt er eigentlich?

Glück hatten nebenan die Pfahlsitzer, die ihre sechs Stunden nicht mehr voll aussitzen mussten und trotzdem an ihren V.I.P.-Pass kamen. Wesentlich unmatschiger dürfte es aber auch im Backstagebereich nicht gewesen sein...

Der Musikgeschmack meiner erneut aus Helvetien angereisten Begleitung unterscheidet sich in einigen Punkten erheblich von meinem, so dass sie sich währenddessen in der ersten Reihe bei Kamelot für den Rest des Tages bis auf die Knochen durchnässte, was mir natürlich niemals hätte passieren können. Doch dasselbe Schicksal sollte mich noch am frühen Abend bei meinem persönlichen Headliner ereilen.

Dieser war ebenfalls aus der Schweiz angereist und hatte mich im April auf dem Roadburn Festival in Tilburg schon uneingeschränkt überzeugt; die Rede ist natürlich von den Ausnahme-Thrashern Coroner.
Nach etwas Overkill hier und ein bisschen The Boss Hoss dort ging es um 18:30 Uhr auf der Party Stage endlich los: Mit der Präziszion eines schweizer Uhrwerks, um mit dem wohl ausgelatschtesten aller Bilder zu sprechen, feuerten die Herren Broder, Vetterli und Edelmann (plus Gastkeyboarder) ihre unerreichten Riffs, Soli und Grooves in die Menge und hatten dabei einen so gnadenlos guten Sound, dass selbst Petrus der Mund offen stand und sich der Regen in Kübeln auf das tapfer ausharrende Publikum ergoss.
Unter diesen Bedingungen - und mit Opeth parallel auf der größeren Bühne - versammelte sich natürlich keine rekordverdächtige Menge vor der Party Stage, doch die Band blieb von all dem unbeeindruckt und man hatte das Gefühl, dass Erlebniswert und Exklusivität des Konzerts dadurch sogar gesteigert wurden.
Der Schwerpunkt des Sets lag wie erwartet auf dem 1993er Meisterwerk "Grin", welches damals seiner Zeit gnadenlos voraus war und bis heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Als der Auftritt schließlich mit dessen Titeltrack endete, zollte sogar der Himmel Coroner Respekt und goldener Sonnenschein begann unsere durchsuppte Kleidung wieder zu trocknen.

Dummerweise konnte ich sie ihre Arbeit leider nicht beenden lassen, denn ich musste ja gleich rüber auf die komplett andere Seite des Festivalareals, wo im Zelt auf der Headbanger Stage die Hardcore-Veteranen Dirty Rotten Imbeciles (oder auch kurz D.R.I.) zockten.
Nach Coroner waren die Texaner natürlich im Vergleich eine ganze Ecke gröber, so dass ich mich schon kurz mit dem Sound akklimatisieren musste. Stücke wie "Five Year Plan" oder "Beneath The Wheel" machten dann aber ordentlich Laune.

Direkt im Anschluss spielte die krudeste Gruppe, die ich dieses Jahr erlebt habe, welche die Hälfte ihres Publikums vermutlich aus jenen Interessierten rekrutiert, die einfach mal wissen wollen, was sich hinter diesem bekloppten Bandnamen We Butter The Bread With Butter verbirgt.
Also richtige Songs sind es kaum, aber da macht eigentlich nichts. Stattdessen gab es einen ziemlich extremen Mix aus Death und anderem Metal, Kirmestechno und hastenichtgesehen und scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste zufällig zusammengewürfelt.
Und irgendwie ist das so bekloppt, dass es funktioniert. Die Stulle eben fett mit Fett beschmiert! Noch ein Deichkind-Cover, welches Mambo Kurt allerdings auch schon x-mal in Wacken performed hat, dazu und die junge Fanschar flippt fachgerecht aus.

Wieder im Freien hatte die Sonne sich inzwischen fast verabschiedet und es wurde im Verlauf der nächsten Stunden dann ohne Wechselklamotten doch unangenehm klamm und kalt. Die Regenjacke aus der Full Metal Bag hätte da sicherlich helfen können, aber ich Opimist wollte sie mir ja aufsparen für den Moment, in dem sie wirklich nötig sein würde. Haha.
Wir wollten nun eigentlich alle drei nach Hause unter die warme Dusche, konnte dies nur dummerweise dank des überlasteten Handynetzes untereinander nur mit ewiger Verspätung kommunizieren, so dass die letzten Stunden noch recht hart wurden und wir für den Moment so gar nicht wussten, ab wann und wie gesund wir uns am nächsten Tag ins Getümmel stürzen würden.

Zu Hause aus den glitschigen schwarzen Turnschuhen rauszukommen war dann allerdings die finale schwerste Prüfung des Tages. Und Junge, was waren unter den Socken auch meine Füße tiefenverdreckt! Das hätte ich eigentlich dokumentieren sollen.

Dokumentationstechnisch lief bei mir sowieso nicht viel. Ich hatte die gleiche unkonventionelle Kamerapaarung aus Adox Golf und Pingo-Spielzeugkamera wie letztes Jahr dabei, doch ich war irgendwie mehr damit beschäftigt, mich auf den Untergrund zu konzentrieren, als Bilder machen zu wollen, so dass ich nicht mal meine zwei Filme gefüllt bekommen habe, dafür aber lästig oft an misstrauische Ordner geriet. Einem musste ich sogar erst erzählen, dass sein Kollege sich im Vorjahr zur Lachnummer gemacht hatte, als er mich mit meinem "Zoom" abweisen wollte, um durchgelassen zu werden.

Beim Thema alte Geschichten fällt mir ein, dass uns Henry Rollins zum Auftakt des Freitags ja auch eben solche erzählt hat. Das hätte ich doch beinahe unterschlagen.
Manchmal wirkte es zwar ein bisschen, als sei er im Wahlkampf zum Präsidenten der globalen Metal-Gemeinde, insgesamt waren seine Anekdoten von diversen Extremsituationen auf Tour mit Black Flag oder einem Rattenbarbeque in Indien aber durchaus sehr unterhaltsam. So ein Spoken Word-Auftritt von jemandem, der wirklich etwas zu sagen hat, ist mir dann im Grunde auch lieber als die etwas bemühten Versuche, Comedy auf dem Festival zu etablieren.

Die eigentliche Comedy, so zeigte auch dem Letzten das Licht des neuen Tages, lag ja ohnehin unter unseren Füßen...


Samstag:

Spät sind wir aus dem Bett gekommen, und ich hätte gut noch ein paar weitere Stunden dranhängen können.
Doch die Running Order war gnadenlos und brüllte schon um 14:00 Uhr Napalm Death!

Die britischen Grindcore-Veteranen habe ich mit ihrem aktuellen Album "Utilitarian", welches für mich bisher heißester Anwärter auf den Titel Metalalbum des Jahres des Jahres ist, auch wenn ich mich bislang nicht zu einem Review bequemt habe, ja gerade erst diesen Februar wiederentdeckt, und so stand ich begleitet von den letzten Kinderliederklängen von Gamma Ray dann auch rechtzeitig auf der Matte, um mir von Tanzbär Barney und Co. die Welt des gepflegten Geknüppels erklären zu lassen.
Und gerade die neuen Stücke wie der Opener "Errors In The Signals", "Analysis Paralysis" oder der Ohrwurm "The Wolf I Feed" mit Leadvocals von Mitch Harris wussten mich auch besonders zu begeistern. Und ein paar Sekundenbruchteil-Epen durften natürlich auch nicht fehlen. Daumen nach oben für Napalm Death.


Als nächstes wollte ich dann gerne im Zelt Electric Wizard sehen, von denen ich einiges Gutes gelesen hatte, doch die Band stand leider im Stau und fiel deswegen aus. Als Überbrückung zu diesem nicht stattgefundenen Auftritt spielten vorher aber noch die Stoner-Metaller von Kylesa, die mit Trademarks wie zwei Drummern, männlichem und weiblichem hingerotzten Scheißegal-Gesang und einem letzten Stück, dass ein bisschen wie eine Black Sabbath-Interpretation von "Set The Controls For The Heart Of The Sun" klang, einen schönen, kurzweiligen Gig hinlegten.

Zurück vor den Hauptbühnen waren nach einer Dosis Six Feet Under-Death Metal als Thrash-Highlight des Tages Testament am Start. Ob ich von der Band jemals einen Tonträger brauche? Keine Ahnung, aber live sind sie zweifellos eine Macht. Vor allem Frontmann Chuck Billy beeindruckt nicht nur mit seiner powervollen Stimme, sondern auch durch das unermüdliche Air Guitar-Spiel auf seinem eigens dafür optimierten Mikrofonständer. Meine Theorie ist ja, dass die Gitarristen bei Testament nur Playback spielen und der gesamten Saitensound in Wahrheit von seinem Mikroständer erzeugt wird. Hoffen wir also, dass dieser live nie ausfällt!

Am frühen Abend kam wieder eines dieser heavy Regenbänder vorbei und trieb uns rasch mal wieder in den Bullhead City -Dom. Im hinteren Bereich des Zeltes gab es tatsächlich eine noch trockene, mit echtem Gras bewachsene Liegewiese! Da traf es sich hervorragend, dass Moonspell ein semiakustisches Set mit Kammerorchester spielten, bei dem es sich hervorragend mal vierzig Minuten lang entspannen ließ.

Im Anschluss machte der mächtig abgehende melodische bis deaththrashige Alles-mögliche-Metal von Sylosis dann jedoch wieder schnell munter. Gleich im Anschluss gab es mit Nasum eine Vollbedienung Grindcore mit einigen fiesen Breaks und amtlicher Groovefestigkeit zwischen den dominierenden Blastbeats.

Und sofort wartete der nächste Programmpunkt, die Scorp... nein Quatsch, auf der Wackinger Stage gab das mittlerweile anscheinend auch festangestellte Partykollektiv Russkaja seine letzte Wacken-Vorstellung für dieses Jahr. Die Öster-Russen haben sich im Vergleich zum Vorjahr nochmal gesteigert und spielten das Gute-Laune-Konzert des Festivals. In Sachen Publikumsanimation und Spaß auf der Bühne konnte ihnen niemand das Wasser reichen. Zu geil, muss man mal gesehen haben!


Der nächste Wolkenbruch kam zum Glück genau pünktlich nach Russkaja, als ich mich gerade unter dem Vordach einer Crêpe-Bude befand. Im Schutze der inzwischen dann doch mal ausgepackten und schon halb eingerissenen offiziellen Full Metal Regenjacke ging es ein letztes Mal ins Zelt, wo Suicide Silence der abtropfenden Meute abermals eine kräfte Deathgrind-Abreibung verpassten, dessen Kernkompetenz dank korneskem Tuning vor allem im ganz tiefen Erdrutschbassbereich lag.

Als krönender Abschluss waren um 00:45 Uhr Ministry angedacht, von denen ich beim W:O:A 2006 kaum etwas mitbekommen hatte, weil ich damals ja mein Auto auf einem weder gekennzeichneten noch beleuchteten Campingplatz suchen musste.

Da die Herren Meine und Schenker allerdings zu spät auf die Bühne gekommen waren, hatte sich das Programm um eine Viertelstunde nach hinten verschoben, was für den Wacken-Zeitplan mittlerweile eine halbe Ewigkeit darstellt, so dass ich auch noch ein paar Songs von Machine Head mitbekam. Ist ja alles super gespielt, aber irgendwie erreicht mich deren Musik einfach nicht. Und vor einem vieltausendfachem Publikum einen Besucher in der ersten Reihe aufzuziehen, weil die Mädels neben ihm mehr headbangen als er, finde ich eher peinlich als cool. Das könnte man im Grunde auch als Mobbing verstehen.

Ministry waren da sehr viel distanzierter. Da über die Bildschirme nur Videos, aber keine Livebilder liefen, musste man schon näher rankommen, um etwas von der Stageaction zu sehen. Und selbst die Gestalten auf der Bühne waren sehr, ich sag mal anonym ausgeleuchtet.
Das hat natürlich Methode, will der hochpolitische Industrialmetal der Mannen um Oberhäuptling Al Jourgensen doch kalt und brutal serviert werden. In seiner (sicherlich berechtigten) extrem anti-republikanischen Haltung mit den zahlreichen Sprachsamples und Filmschnipseln der Herren Bush senior wie junior und ihrer Kader wirken Ministry phasenweise erstaunlich retro, aber die Songs stammen ja nunmal aus jenen Zeiten, und wenn man bedenkt, in welchen Drachentöter-Äonen viele andere Bands steckengeblieben sind... also drauf geschissen!
Was hier abgeliefert wurde, das kann so sonst keiner. Obwohl ich die zahlreichen Alben nach "Filth Pig" nicht kenne, und somit die meisten Songs neu für mich waren, fühlte ich mich allerbestens unterhalten. Dennoch war das Trio aus den Klassikern "N.W.O.", "Just One Fix" und "Thieves" am Schluss natürlich das Highlight eines insgesamt viel zu kurzen Auftritts. Wollte / müsste ich eine Rangfolge aufstellen, dann kämen vor Ministry bei diesem 23. Wacken Open Air wohl nur Coroner.


Als letzte musikalische Notiz sei fairerweise bemerkt, dass die vor einer tapfer ausharrenden Traube den Rausschmeißer machenden Edguy dann gar nicht so schlimm waren, wie ich sie in Erinnerung hatte. Verglichen mit ihrem Ableger Avantasia sind sie ja quasi schon cool wie Slayer. Ok, alles ist relativ...

Ich war relativ glücklich, mich auf dem Weg aus dem Infield mit drei, vier Ausfallschritten vor einem späten Sturz in den tiefschwarzen Modder retten zu können, und auch auf dem berüchtigten Weg zum Dorf mit dem fiesen Graben, welcher alles vorher an Schlamm Gesehene noch einmal in den Schatten stellte, nicht zu Fall zu kommen, z.B. als sich an sehr kritischer Stelle plötzlich ein Betrunkener auf mir abstützte.

Am Ende war alles gut, wir sind dreckfüßig, aber wohlbehalten zu Hause angekommen, und letztendlich muss ich sagen, dass unter den insgesamt siebzehn Wacken-Besuchen, die ich seit 1992 hinter mir habe, doch eine ganze Reihe war, nach denen ich mich wesentlich geräderter gefühlt habe. Und dass obwohl ich eine Woche vorher noch unter einer Mörder-Sommergrippe gelitten hatte.


Die Ohlsen-Twins sammeln ihre letzten Kräfte vor dem Heimweg

Fazit: Trotz Kreativitätsmangel bei den Headlinern und Sommermangel zwischen Frühling und Herbst ein tolles Wacken Open Air mit hervorragender Stimmung, auf der ich mal wieder viel mehr gute Bands als erwartet gesehen habe.

Ganz ehrlich: ich glaube, schlecht kann das W:O:A mittlerweile gar nicht mehr, auch wenn sich die Veranstalter noch so Mühe geben würden.

Das X-Mas-Ticket (Kann man das nicht mal anders nennen, jetzt wo es schon immer knapp fünf Monate vor Weihnachten ausverkauft ist?) für 2013 ist schon geordert!


Und als Bonus zum Fazit noch eine kleine Randnotiz:
Eine positive Nebenwirkung des Wetters war, dass es so gut wie gar keine Crowdsurfer gab, man sich also niemals vor Stiefeln im Nacken fürchten musste und die Anzahl der Verletzungen dadurch auch im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken ist - und das obwohl es sicherlich sehr viele Stürze gab.

Nein, ihr Security-Graben-Touristen, wir haben euch nicht einen Moment lang vermisst! :)

2011-08-10

Wacken 2011 - Festivalbericht (komplett!)

Wacken war Scheiße!

Ozzy Osbourne hat "Dreamer" nicht gespielt!


Nein, Quatsch...

Das erste Augustwochenende ist vorbei, es ist also Zeit für meinen alljährlichen Bericht vom Wacken Open Air. Und wie jedes Jahr ist es direkt nach diesen heftigen Tagen mal wieder schwer, im Kopf zu sortieren, was man alles gesehen und erlebt hat und für wie erzählenswert erachtet. Deswegen erhebt der folgende Text weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Relevanz für den Leser. ;)

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich fand das Festival alles in allem mal wieder sehr gut, sogar besser als ich erwartet hatte, da mich das (ursprüngliche) Billing ja nicht so sehr umgehauen wie beim extrem stark besetzten W:O:A 2010.

Nachdem ich mir am itzehoer Bahnhof und in Mehlbek noch eine zweiköpfige Festivalbgleitung zusammengesammelt hatte, stand für uns am Mittwoch Abend außer dem Eintausch von Tickets gegen Bändchen nur allgemeine Einstimmung auf dem Festivalvorplatz und im Wackinger Village an. Im Grunde ist das fast ein wenig wie Jahrmarkt, nur ohne Fahrgeschäfte mit Scooter-Musik.

Als auffälligste positive Neuerung fiel gleich das wesentlich größere Bullhead-City-Zelt ins Auge, welches ich ja in den vergangenen Jahren wegen Überfüllung und Desinteresse noch nie betreten hatte. Am Donnerstag gab es dort übrigens im Rahmen des "Masters Of Comedy"-Programms den berüchtigten Auftritt von Roberto Blanco, der mit dem Timing seiner Begleitkapelle Sodom heillos überfordert schien. Der Auftritt war sicherlich vollkommen "untrue" und alles andere als eine Niveausternstunde, anderseits finde ich aber auch, dass er in der Presse wie auch der Wacken-wird-immer-mehr-zur-Kirmes-Kritik vollkommen überbewertet wird. Es waren ein paar lustige, schwachsinnige Minuten, die in Wahrheit in und um das zu dem Zeitpunkt nur schwach besuchte Zelt nur von einem Bruchteil der Leute überhaupt live wahrgenommen wurde, die jetzt - in welcher Form auch immer -darüber schreiben. Also lasst doch mal bitte die Kirche im Dorf, Leute! ;)

Links liegen gelassen habe ich wieder einmal den kostenpflichtigen Metalmarkt im Zelt und die W.E.T.-Stage, auch wenn da durchaus interessante Bands gespielt haben, wie diverse YouTube-Videos ja auch bestätigen. Aber man kann sich nunmal nicht vierteilen.



Doch auch ohne Extremzellteilung lassen sich dank immer mehr Bildschirmen erstaunlich viele Bands verfolgen, wenn man z.B. nicht Lust und Energie hat, sich direkt vor die Bühne zu begeben, sondern sich irgendwo eine Weile hinsetzen oder -legen möchte, was dank der Bodenoptimierungsmaßnahmen der letzten Jahre fast überall auf dem Gelände möglich ist. Dass es von nachts bis mittags ab und zu geregnet hatte, konnte man nachmittags am Boden z.T. kaum noch merken.

Allerdings gab es bei der Fernverfolgung des Bühnengeschehens auch ein paar lästige Einschränkungen - so waren am Freitag bis in den späten Nachmittag hinein keine Kamerateams in Aktion und stattdessen nur eine Totale der riesigen Bühnen auf den Bildschirmen zu sehen. Und wenn die Kameramänner im Einsatz waren, war die Bildregie oftmals unterirdisch - Musikervorstellungen, Soli, das Publikum - trotz Schwenkkränen! - teilweise komplett ignoriert. Ganz schlimm beispielsweise bei (den auch ansonsten ziemlich schlimmen, aber das tut jetzt nichts zur Sache) Avantasia, wo während der Einsätze zahlreicher Gastsänger das Bild einfach weiter am trinkenden, nasebohrenden, sackkratzenden Frontmann klebte. Aber auch ansonsten war die Bildregie einfach durch die Bank auffallend schlecht. Ganz nebenbei fand ich die Weitwinkelperspektive der Drumcam auch affig.

Noch dazu hinkte das Bild oftmals auffällig hinterher, außer wenn man am Moviefield gekuckt hat, wo man den Ton nächstes mal besser mit etwas Verzögerung durch die örtliche PA jagen sollte.
Am Moviefield-Bildschirm schwankte die Qualität der Übertragung ohnehin sehr. Der absolute Brüller ereignete sich dort am Donnerstag Nachmittag. Wir waren gerade kurz vor dem Auftritt von Bülent Ceylan dort und dachten uns - wie hunderte andere, teilweise extra mit Campingstühlen angetretene Besucher auch, dass man sich den halbstündigen Auftritt doch gemütlich von hier anschauen könnte. Konnte man tatsächlich - nur zu hören war nichts! Trotzdem blieben noch erstaunlich viele Leute sitzen und forderten immer wieder "Ton an!". Es dauerte offensichtliche knapp eine halbe Stunde, bis sich die Situation zu einem Verantwortlichen rumgesprochen hatte und der Ton endlich aufgeschaltet wurde. Da war Bülent aber schon in seinem Finale, in dem der Ton eher zweitrangig war, weil er da ja fast nur rumhampelte und gar keinen Text mehr hatte. Sauber! ;)

Und das war ja für mich bereits der dritte große Klopps an diesem Donnerstag to Remember, welcher schon damit begann, dass der Tagesparkplatz am Ortsausgang von Gribbohm, den ich nicht nur die letzten Jahre sondern auch gerade erst einen Tag vorher gerne genutzt hatte (und da war ich nicht allein!), nun ohne Not kein Tagesparkplatz, sondern nur noch ein reiner Bring- und Abholplatz war. Klar, dafür braucht man auch eine ganze leere Weide!

Stattdessen lag der Aussätzigenparkplatz nun am allerallerhintersten Rand von Holstenniendorf - und auf dem Weg dorthin musste man sich auch noch durch den zähen Campingplatzverkehr quälen. Da haben wir doch drauf verzichtet und sind lieber zumindest noch im Herzen Holstenniendorfs in einer kleinen Seitenstraße ohne Veranstaltungsparkverbot geblieben.
Sehr lästig, wenn eine immer gut funktionierende Sache scheinbar grundlos geändert wird. Freitag und Samstag haben wir dann eine bessere Alternative gefunden, die sich hoffentlich auch in Zukunft wieder nutzen lässt...

Und dann war da natürlich meine Lieblingsrealsatire, als ich das erste Mal auf das Infield wollte.
Letztes Jahr hatte ich ja sehr viele Fotos geschossen. Diesmal war mir schon vorher klar, dass ich diesbezüglich zurückhaltender sein wollte, vielleicht weil ich momentan ja eh nicht so sehr in der ganzen Fotografiegeschichte drinstecke. Außerdem hatte ich keinen Bock, wieder Stress mit schlecht gebrieften Securities zu bekommen, weshalb ich meine Canon 400D und auch eine analoge Spiegelreflexkamera, die ich im Vorfeld mal in Erwägung gezogen hatte, ganz zu Hause ließ.
Stattdessen trug ich nur zwei Filmknipsen bei mir, die niemals in den Verdacht zu großer Professionalität geraten würden, nämlich die fröhliche Pingo-Kamera und die gute alte Adox Golf. Doch als ich dem Ordner demonstrierte, wie auf Knopfdruck der *hüstel* mächtige antike Hochtechnologie-Balgen des Megapixelmittelformatpowermonstrums aufklappte, sagt der mir doch tatsächlich das ich die Kamera wegen des *räusper* "Zooms" nicht mitnehmen darf!
Zum Glück musste ich keinen anderen Eingang nehmen, sondern konnte den Fall gleich bei der Chefin des Eingangs prüfen lassen, welche sich prächtig amüsierte und mir Zutritt zum Gelände gewährte - unter der Auflage, mit der Kamera aber keine Videos aufzunehmen. *g*

Der gleiche Ordner hat meinem Bruder übrigens direkt nach mir sein definitiv offiziell erlaubtes 1-Liter-Tetrapack abgenommen. Meinen Albi-Saft hingegen hatte er nicht beanstandet. Das nenne ich mal irre konsequent.

Ironischerweise habe ich die Adox Golf dann fast die ganze Zeit nur nutzlos mit mir rumgeschleppt und auf dem Festivalgelände gar nicht benutzt. Als ich sie am Freitag dann endlich mal dort einsetzen wollte, hatte sich dummerweise die Schraube vom Filmtransportrad gelöst, welche sich partout nicht wieder hineindrehen lassen möchte. Ich muss das nach wie vor noch reparieren, ansonsten ist das Fotografieren damit momentan sonst ziemlich umständlich.


Nun aber endlich zum Wichtigsten, nämlich der Musik...


Mittwoch:

War wie gesagt nur Reinschnuppertag, da haben wir außer der Zugabe "Chop Suey" von Mambo Kurt eigentlich noch nichts musikalisches wirklich verfolgt.


Donnerstag:

Das Wacken Open Air kennt viele Rituale. Zu den neueren und wohl biedersten gehört die Hauptbühneneröffnung mit der Coverband Skyline inklusive peinlicher Wacken-Hymnen. Mehr will ich dazu gar nicht sagen. Wir sind dann auch lieber ins Dorf, mal nach dem berüchtigten verwirrten Jesus-Schild-Mann kucken, der dort stets an der Straße steht mit seiner kryptischen Rückenbotschaft: "Jesus says: I have the key to death" (oder so ähnlich). Leider konnte der Mann nicht singen.

Zum Glück hatten wir zu dem Zeitpunkt schon den zweiten Biergartenauftritt von Mambo Kurt gesehen, der erwartungsgemäß grandios blöde wie immer war. Wo bleibt das YouTube-Video, auf dem man die Wall Of Death zum "Super Mario Theme" aus dem Gameboy sehen kann?



Nach dem schon erwähnten Bülent-Ceylan-Stummfilm erwartete uns auf der Wackinger Stage die Überraschung des Tages in Form der Iron-Maiden-Tribut-Akustikband Maiden United. Langweiliger Bandname, aber was für ein Gesangsduo: Damian Wilson und Anneke van Giersbergen sorgten für reichlich freudige Gesichter und Gänsehaut im Publikum. Das Set bestand dabei hauptsächlich aus Songs von "Piece Of Mind" und "Seventh Son Of A Seventh Son". Wirklich sehr schön!

Weniger schön, aber teilweise schon lustig war das Masters Of Comedy-Programm im Zirkuszelt, dessen Finale ich ja schon weiter oben gewürdigt habe. Ein bisschen Spaß muss halt sein.

Ein bisschen Wahnsinn aber auch. Und dafür gab es ja als Headliner den Madman Ozzy Osbourne himself. Ich hatte ehrlich gesagt keine allzu großen Erwartungen an seinen Auftritt, denn wir wissen ja alle, wie der Mann gelebt hat und dass er dadurch einfach ziemlich kaputt ist. Tatsächlich tut er sich beim Gesang mitunter sehr schwer - und auch der Gitarren- und Drumsoloteil im Set war auffällig lang. Ein Gerücht sagt, er hätte so lange gebraucht, nach der Bevollmondung des Publikums mit seinem blanken Hintern seine Hose wieder zuzubekommen. ;)
Man merkt ihm schon an, dass er wohl nicht mehr leben würde, wenn ihm nicht ab und zu ein paar tausend Leute "Ozzy! Ozzy!" zubrüllen würden.
Dennoch hat er eines, was ihm zu deutlich mehr macht als einen aufmerksamkeitssüchtigen Applausjunkie: seine Stimme! Mit der Stimme ist er geboren und die nimmt er mit ins Grab. Keiner sonst hat die. Sie ist nicht perfekt und ihr wurde durch seinen Lebenswandel auch schlimm zugesetzt, aber sie hat verdammt nochmal Charakter. Da mag er auch noch so sehr rumkaspern... Daumen hoch für den Prince Of Darkness!


Freitag:

Freitag war lang. Von Vormittags bis nachts um drei auf dem Gelände...

Musikalisch ging's mittags mit Russkaja los. Sehr lustiger Russen-Ska. Das Publikumsspiel "Psycho Traktor" zur Erweiterung von kollektive Bewusstsein war im Zirkuszeltambiente schon ein echtes Entertainmentglanzstück zum Auftakt. Kann man sich durchaus mal wieder anschauen, wenn die sich auch in die Reihe der Biergarten/Wackinger/BullheadCity-Dauergäste einreihen sollten.

Von den Suicidal Tendencies hatte ich ja mein halbes Leben nichts mehr gehört. Dabei sind die live ja echt geil. Mike Muir mochte ich früher nicht. Ich weiß gar nicht, wieso. Vielleicht sabbelt er zwischen den Liedern ein bisschen viel und schnell. Die hätten eigentlich eine viel spätere Spielzeit verdient gehabt, zumal sie ja auch vor einem Jahr als erste Sensation für 2011 angekündigt worden waren. Aber das Nachmittagsschicksal ereilt ja auch andere Bands...

"Die neue Morbid Angel ist total scheiße! Das ist ja voll der Techno!" "Ohne Pete Sandoval höre ich die mir gar nicht erst an, das sind nicht mehr Morbid Angel!" "Morbid Angel hören Laibach und das sind ja voll die Nazis!" blablablubb...
Heult doch!
sage ich. :-P
Morbid Angel sind Gott. Also nicht der aus der Bibel, sondern der "God Of Emptiness". Von ihrem Auftritt habe ich mir wie immer ein präzises, krankes Blastfeuerwerk des Bösen erwartet, und das haben sie auch diesmal wieder abgeliefert. Neben zahlreichen Klassikern der David-Vincent-Ära von "Altars Of Madness" bis "Domination" gab es auch drei Songs des aktuellen Rückkehralbums zu hören: "Existo Vulgore", "Nevermore" und den Song, den ich auf dem Album am gewöhnunsbedürftigsten fand, der live aber absolut zündete: "I Am Morbid".
Passend dazu kreiste während des Morbid-Angel-Auftritts ein Flugzeug hoch über dem Festival, welches ein Banner mit eben jenem Songtitel darauf spazieren flog! Wo sonst, wenn nicht in Wacken, kann man sich so etwas vorstellen? :)

Sodom danach waren dann irgendwie öde. ich war aber auch nicht ganz vorne, es gab noch kein Großbild und der Sound war ziemlich schwach. Spaß-Roberto kam auch nicht noch einmal. Am Vorabend hatte ich ja noch gedacht, dass der Auftritt im Zelt möglicherweise nur eine Generalprobe für größere Aufgaben gewesen sein könnte...

Trivium waren ja ok, also gut gemacht, wenn auch nicht mein Ding. Aber warum die in den Staaten Support auf der nächsten Tour von Dream Theater sein werden, verschließt sich mir doch ziemlich. Labels denken sich manchmal seltsame Paarungen aus.

Das nächste Death Metal Highlight waren die legendären Morgoth auf der Party Stage. Im Vergleich zu Morbid Angel die deutlich stumpfere Variante (anspruchsvolle Soli haben die Gitarristen auch zwanzig Jahre nach dem "Cursed"-Album anscheinend nicht im Repertoire), aber die Songs sind trotzdem allesamt Klassiker. Lustig die kleine Actioneinlage vom Sänger, als er die Fans begrüßte und dabei rückwärts stolperte und sich auf die Bühne legte. Nur zu leise war es. Wir standen zwar nahe an der Bühne, aber irgendwie klang es trotzdem wie ganz weit entfernt. Schade.
Dass das Publikum vergleichsweise entspannt daherkam, lag aber wohl auch daran, dass sich die Crowdsurfingkids zeitgleich bei den musikalisch weniger relevanten Heaven Shall Burn für neue Genickbruchrekorde  herumtrieben.
Dennoch schaffte es ein Fan trotz aller Gräben und Aufpasser irgendwie auf die Bühne. Allerdings vermute ich mal, dass der auch zumindest irgendein farbiges Bändchen hatte - bis zu der Aktion jedenfalls.

Weiter ging es mit über zwei Stunden Judas Priest.
Ich bin nicht der ausgewiesene Experte oder Fan, aber das war durchaus mal wieder ein Metal-Urgestein, dass es wert war, es auch einmal gesehen zu haben. Vor allem, was Rob Halford immer noch mit seiner Stimme anstellt, ist schon aller Ehren wert.
Aus heutiger Sicht absolut erstaunlich ist aber, dass die homophobe Metalgemeinde in den Achtzigern die sexuelle Orientierung des Frontmannes nicht erkannt hat. Also, ich meine - mal ehrlich - und ich sage das, ohne irgendjemand damit vor den Kopf stoßen zu wollen: Wer während eines Konzertes derartig viele geschmacksgrenzwertige Denim/Leather/Glitter-Outfits mit Nieten ausführt und zum Finale in voller Village-People-Montur auf dem Motorrad einfährt, der lässt doch eigentlich keine Fragen offen, oder?

Ein Metalgott gab nun dem nächsten die Klinke in die Hand. Es folgten die kurzfristig für die verhinderten Cradle Of Filth (kein Verlust für mich) eingesprungen Celtic-Frost-Nachfolger Triptykon um Thomas Gabriel Fischer.
Für mich natürlich der absolute Glücksfall. Die Band steht schon Zeit ihres Bestehens auf meinem Wacken-Wunschzettel, und auf keinen anderen Act hatte ich eine so große Vorfreude.
Langsam, heavy, böse wie die Nacht sollte es sein. Und so kam es. Feuer brannten auf der schwach beleuchteten Bühne, der Bass wummerte in tiefsten Regionen. Von Anfang an war der Band anzumerken, dass es hier keine Kompromisse geben würde und dass vielen nebenan auf Airbourne wartenden Rockfans eine harte Prüfung bevorstehen würde.
Triptykon haben fast exakt mein Wunschset gespielt, angefangen vom Frost-Klassiker "Procreation Of The Wicked" bis zum halbstündigen Doppelpack aus der schon 2006 beim legendären Frost-Gig zelebrierten schwarzen Messe "Synagoga Satanae" und dem noch konsequenteren (und songschreiberisch besseren) Monument "The Proloning" vom Album "Eperistera Daimones". Mein tagelanger Ohrwurm! Und der Auftritt für mich ganz klar das Highlight des Festivals!

Danach hatte ich eigentlich gar keinen unmittelbaren Bedarf mehr auf ein komplett aus der Nähe verfolgtes Konzert. Dabei war die sich überschneidende Auswahl groß. Ich teilte mir die Zeit also in die Fernbeobachtung von Airbourne und den Excrementory Grindfuckers (Zelt leider schon übervoll) auf. Dabei hätte ich durchaus auch noch die Wahl gehabt, Slime oder Hayseed Dixie (letztere am nächsten Tag nachgeholt) zu sehen.

Apocalyptica habe ich mir dann vom Moviefield aus angesehen, konnte aber wegen zu leisem Sound und der üblichen unspannenden Bildregie nicht so sehr mit dem Auftritt der finnischen Cellisten warm werden, wie er es wahrscheinlich verdient hätte. Naja, müde und kaputt war ich nachts um zwei natürlich auch schon. Zum Glück war der Weg zurück zum Auto nicht so lang wie am Vortag!


Samstag:

Der letzte Festivaltag begann nach einer ziemlich kurzen Nacht (bzw. einem frühmorgendlichen Nickerchen) erst einmal mit einem kleinen Ausflug nach Itzehoe, um die donnerstags dort abgeholte Dame wieder zum Bahnhof zu bringen, wo sie sich dann auf dem Gleis entschied, statt an die polnische Grenze weiter ihrer Lieblingsband hinterherzuhoppen, doch lieber noch einen Wackentag dranzuhängen. Wie gut, dass das Bändchen noch am Arm war. ;)

Nach Wacken fuhren wir erst wieder nachmittags, als mit Knorkator auch mein einziger felsenfester Programmpunkt anstand. Alles andere sollte Bonus sein.

Vor dem meisten Konzert des Open Airs spielten auf der True Metal Stage noch Dir En Grey, die der allgemeinen Internetnachlese nach neben einer gewissen indiskutablen Onkelz-Gedenkband wohl die verhassteste Gruppe des Wochenendes waren. Gleich bei Ankunft mit den gewöhnungsbedürftigen Japanern konfrontiert zu werden, fand ich auch etwas anstrengend. Nur - anstrengend bedeutet ja nicht automatisch schlecht. Ganz im Gegenteil würde ich diese für die Bühne, auf der sie auftraten, fast unverschämt advantgardistische Band als die Entdeckung des diesjährigen Festivals für mich bezeichnen.
Die Musik lebt vor allem von einem Sänger, der wie eine Metalausführung von Diamanda Galas zwischen den stimmliche Extremen pendelt, auf eine Art und Weise, wie ich es so noch nicht gehört habe. Die japanischen Texte tragen natürlich auch noch zum Exotenstatus bei. Auch wenn es offenbar soundtechnsich arge Probleme gab - das hatte schon was.

Zu Knorkator sollte ich eigentlich nur auf den Mitschnitt des Auftritts verweisen (gibt es diesem Internet da irgendwo) - wie soll man den Auftritt der Quatschmacher um Stumpen und Co. denn auch mit bloßen Worten würdigen? Vor der Partystage war es voll wie sonst wohl nie an diesem Wochenende, und auch wenn die erste exzessive Crowdsurfingwelle nur die Flucht zur Seite erlaubte, war das Gesamterlebnis Knorkator äußerst unterhaltsam. Von allen Spaßmetalbands sind sie eindeutig die meisten! ;)



Ich finde ja im allgemeinen, dass das andauernde Spaßcrowdsurfen in Wacken  sich in den letzten Jahren zu einer echten, gefährlichen Plage entwickelt hat (siehe auch Bilddiskussion hier), aber bei dieser "asozialen" Band erwartet man es ja wenigstens - und Stumpen deeskaliert es im Grunde auch von der Bühne aus, indem er die Leute zu allen möglichen anderen albernen Mitmachspielchen animiert, bei denen man sich dann nicht ständig umdrehen und teils sich fast übereinanderstapelnde Mädels und Teletubbies (zum Glück gibt es nur 4 davon!) weiterwuchten musste. Der Huckepackpogo zum Beispiel war für die meisten Leute eigentlich recht angenehm, weil sich dadurch auf einmal überall weiterer Stehplatz auftat. ;)
Geile Band - schön dass sie wieder da sind!

Bei Iced Earth war ich dann nicht aufmerksam genug, um den Auftritt hier weiter kommentieren zu können.
Hab ich die überhaupt ganz gesehen? Irgendwann habe ich ja auch noch eine Runde der Highland Games im Wackinger Village gesehen. War das am Samstag? Ich glaube ja.

Danach war es auf jeden Fall schon wieder früher Abend und es spielte auf der Black Stage eine Band, die ich schon seit ganz langer Zeit nicht mehr wirklich im Blickfeld hatte, nämlich Sepultura. Und ich muss sagen - was ich sah, gefiel mir sehr! Vor allem Sänger Derrick Green macht in meinen Augen eine wesentliche bessere Figur als sein mit Soulfly nur noch ziemlich peinlicher Vorgänger Max Cavalera.

Den gesamten Auftritt werde ich wohl noch im Internet nachholen müssen, da ich mich nach einigen Songs inkl. dem Ministry-Cover "Just One Fix" in Richtung Biergarten abgesetzt habe, wo gerade wieder Hayseed Dixie spielten, die mein Bruder am Vortag gesehen und mir dringend empfohlen hatte. Zu recht!
Superschnneller Bluegrass/Dixie-Sound, in dem auf lustige Weise diverse Rockklassiker dargeboten wurden, als absolutes Highlight eine irrwitzige Version des größten "killing song" aller Zeiten, Queens "Bohemian Rhapsody"! Trotzdem hoffe ich, dass die Gruppe nicht schon nächstes Jahr wieder Biergarten-Dauergast wird. Dann würde ich nämlich das vorzeitige Verlassen des Sepultura-Auftritts schon etwas bereuen.



Um zwanzig Uhr spielten bei zeitweise fast keinem Parallelprogramm auf anderen Bühnen Avantasia. Naja, hat man sich halt hingelegt und die mitgenommen. Bisher hatte ich aufgrund einiger an diesem Projekt beteiligten Namen ja gar keine Lust, in die überhaupt reinzuhören und deswegen nur Vorurteile im Kopf. Diese Vorurteile haben sich dann aber mit Karacho bestätigt. Billig aufgeblasener Tralala-Kitschmetal inkl. "My Heart Will Go On"-Gedenkballade. Einen Zugabensong fand ich streckenweise erträglich, aber ansonsten zweifellos das Schlimmste, was ich diesmal gesehen habe. Traurig auch, wieviel Musiker- und Sängertalent gleichzeitig auf einer Bühne verschwendet werden kann. Dagegen sind ja Blind Guardian richtig cool.
Soll ja angeblich der allerletzte Auftritt gewesen sein. Aber solche Versprechen sind ja gerade in Wacken nicht viel wert...

Der Abschluss des Festivals mit dem Doppelpack aus Kreator und Motörhead war dann aber versöhnlicher.
Die Ruhrpottler lieferten ein Thrashfest allererster Güte ab, bei dem mich vor allem beeindruckte, dass die alten Primitivklopper wie "Flag Of Hate", "Endless Pain", "Pleasure To Kill" oder auch "Betrayer" inzwischen so präzise gespielt sind, dass es sich schon beinahe nach Slayer anhört. Das war in der guten alten Rumpelzeit noch nicht so.

Motörhead waren dann Motörhead, wobei erwähnenswert ist, dass Lemmy stimmlich gut drauf war. Ansonsten ist das Trio in Wacken ja auch schon eher Ritual als Band. Also durchaus geil, aber nicht so neu, dass es einen davon abhielt, sich schon vor Ablauf der sehr langen Spielzeit auf den Heimweg zu machen und sich bis zum Auto vom Rock'n'Roll begleiten zu lassen.
So entgingen wir auch dem nennenswertesten Regenfall an diesem zwar zweitweise wolkenverhangenen, aber meistens trockenen und warmen, also vom Wetter sehr begünstigten Festival. So einen Sonnenbrand auf der Nase hatte ich auch lange nicht mehr.
Und wenn ich bedenke, was diese Woche so runterkam... Glück gehabt!

Das war's dann mit Wacken 2011.


Fazit:

Wacken ist ein wenig wie die Herr-der-Ringe-Filmtrilogie - man kann als Buchkenner stundenlang drüber lästern, aber es bleibt immer noch geil! ;)
Neben den Top 3 Triptykon, Morbid Angel und Knorkator wieder sehr viel weitere geile Musik gehört.
Und so ein großartiges Metalfest quasi fast vor der Haustür zu haben, ist immer noch irgendwie etwas unwirklich und bizarr.


Die eine oder andere Anekdote habe ich jetzt sicherlich vergessen, so zum Beispiel die nicht wirklich leckere Sache mit dem elektrischen Bullen, auf dem der Nacktritt umsonst ist, oder der Typ der sich Freitagnacht auf das nicht mehr bewachte Pfahlsitzen-Feld (für sechs Stunden am Stück gab es dort den Hauptgewinn) begab und sich aufrecht auf die Rückenlehne eines Pfahles stellte. Das hätte auch böse enden können...
Und dann war da natürlich noch die nächtliche Fahrt auf der Schleichwegstrecke Mehlbek-Hörsten-Schenefeld, auf der mir ein Hase direkt neben einer Katze ins Scheinwerferlicht geriet. Was die da wohl zusammen getrieben haben? Mysteriös.


Das Ticket für 2011 ist bereits bestellt. Leider hat es im ungeheuren Ansturm auf die Seite für das schon nach 45 Minuten ausverkaufte X-Mas-Package nicht mehr gereicht (und ich hatte es zwischenzeitlich schon im Warenkorb!), und leider ist das Ticket auch wieder satte 20,- Euro teurer geworden.

Die bisher bekanntgegebenen Headliner sind fast alle so Kandidaten der Kategorie "Ach, die schon wieder? Muss das sein?". Positive Ausnahme bisher Ministry und die sicherlich auch nicht uninteressanten Forbidden.
Aber ernsthaft die Scorpions? hatten die nicht versprochen, dass schon längst Schluss sein sollte?


Meine Wunschbands sind vor allem folgende schon ewig überfällig bzw. dieses Jahr vom Wacken-Booking sträflich verpassten Gruppen:
Autopsy, Dream Theater, Godflesh, Psychotic Waltz und - auch wenn ich nicht der allergrößte Fan bin, aber weil's sich metalhistorisch einfach gehört - Megadeth! Die obligatorischen Niemals-nach-Wacken-Kommer Metallica wären bei 150,- Euro Eintritt schon fast wieder berechtigt, aber daran glaube ich inzwischen nicht mehr. ;)

Dass es ein viel zu starkes Gewicht auf gewisse Labels gibt und einige Gruppen unverhältnismäßig überpräsentiert sind, geht mir ja eigentlich eher auf den Sack. Aber natürlich gibt's auch für mich Bands, die gerne das Airbourne-Dauerabo (drei mal Hauptbühne innerhalb von vier Jahren!) bekommen dürften. Da wären z.B. Atheist, Cynic und Voivod. Auf Swashbuckle hätte ich auch wieder Bock. Und Macabre sowieso! Gegen einen Doom-Klassiker wie Candlemass oder Count Raven wäre auch nichts einzuwenden. Und als lustiger Act noch Tenacious D!

Und wenn schon Rockoper, dann doch bitte Ayreon!

Im Zirkuszelt meinetwegen auch mal mittags Rihanna und Britney Spears. Merkt ja eh kaum jemand. *g*