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2017-11-20

KRISTEEN YOUNG - Live At The Witch's Tit

"This comic couldn't have done it.
I think like two of his jokes are feminist and he's so nice.
But it's all true. I know those who were attacked in his dressing room
and they'd be ruined if they shed light.
I know who you are. I know what you do."

(Kristeen Young in "Nice", dem Opener ihres aktuellen Albums, erschienen in Trump-Amerika, beinahe zeitgleich mit dem Hashtag #metoo.)






KRISTEEN YOUNG - Live At The Witch's Tit (LP) (2017)

Dafür, dass es dieses Jahr kein von mir vorbestelltes Album gibt, dessen Veröffentlichung sich weiter verschoben hat (zu den Gründen gehören u.a. andere in Folge von David Bowies Tod entstandene Verpflichtungen Tony Visconis und ein Bassistinnenwechsel, da Megan X Thomas inzwischen anonym in Ghost herumghoult), muss man schon staunen, dass es nach all den Monaten dann gerade dieser mehr als passende Zeitpunkt geworden ist.

Anderseits ist die Notwendigkeit für ungefilterte feministische Botschaften ja nicht ganz neu.
Doch spätestens seitdem vergangenes Jahr das "Pussy-Gate" erschreckend wenig Konsequenzen zeigte, obwohl es alleine in einer einigermaßen vernunftbegabten Welt schon ausgereicht hätte, um die Herrschaft des orangen Riesenbabys zu verhindern, haben Diskurs und Kampf um und gegen rape culture definitiv stark an Fahrt aufgenommen.

Hat Youngs Ton ebenfalls an Schärfe gewonnen? Ein Blatt vor den Mund genommen hat sie ja nun wirklich noch nie. Aber in der Summe der angriffslustigen Texte und dem Gesamtbild, welches diese zusammen mit dem offensiv obszönen Collagen-Artwork ergeben, kann man sich wohl durchaus trauen, diese Frage zu bejahen.
Songtitel wie "Everything About You Is Always More Important Than Anything About Me", "You Always Win" und "Why Am I A Feelmale?" umreißen ganz gut, wo der Fokus von "Live At The Witch's Tit" liegt.

Und bevor ich mich gleich der Musik zuwende der unvermeidbare Hinweis:

Nein, dies ist trotz des Titels kein Livealbum, sondern ein reguläres Studio-Werk!

Ein gewisser Streaming-Anbieter hatte damit (und ja, auch mit dem Cover) zunächst Schwierigkeiten. Aber was soll's, diesem Musik-Flatrate-Quatsch sollte man sich ja eigentlich ohnehin schon aus Prinzip verweigern.




Die Instrumentierung von "Live At The Witch's Tit" besteht wie beim Vorgängeralbum von 2014 neben Young an den Keyboards aus Bass, Drums und wechselnden Gitarristen. Diesmal geht es aber ohne den Promi-Bonus durch Dave Grohl, sowie Visconti auf allen Tracks am Bass. (Auch wenn letzter wie immer ein wichtiger Beteiligter bleibt.)
Statt dessen spielen auf den meisten Stücken wie oben erwähnt Megan X Thomas den Viersaiter und Youngs guter, alter, kongenialer Partner Jefferson White das Schlagzeug. Fünfzig Prozent der Gitarren stammen von Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs).

Das neue Album klingt deutlich roher, wilder, brutaler, aber auch detailversessener in jeder Beziehung. Ob sich die Band panisch durch "I Know You Are A Coward" hechelt,  in "These Are The Things I'm Not The Most" einen wilden Stilritt durch Hip Hop, sensible Parts und breiten Noiserock hinlegt oder in "I Love You Soooo Much" (fantastisch mit Venon Reid von Living Colour an der Leadgitarre) den Vibe einer Prince-Ballade ausstrahlt - Songwriting, Arrangements und Produktion knallen wirklich in jedem Track. Und  der meistens mit einem an  Kate Bush erinnernden Stimmunfang Krawall suchende Gesang ja sowieso.

Um noch einmal auf die Gitarren und Prince zurückzukommen: wie laut und selbstbewusst die Sologitarren teilweise in die Klavierparty hineinplatzen ist vielleicht eines meiner Lieblingsdetails am Mix und lässt halt auch sehr an Mr. Lovesexy denken.

Aber was soll ich mich hier mit Referenzen herumschlagen, die die spezielle Energie, den kreativen Punch in die Fresse, dem einen dieses Gesamtpaket verpasst, doch alle nicht vermitteln können?
Young bedient sich in erster Linie bei Young und ihrer furios kanalisierten Angepisstheit.



Alle zwölf Stücke zeigen Kristeen Young in sehr guter bis bester Form.

Das Langzeiturteil kann jetzt natürlich noch nicht gefällt werden, aber ich habe den schweren Verdacht, dass der Künstlerin hier ihr noch vor "V The Volcanic"-EP rundum bestes  Werk gelungen ist.





Zum Abschluss dieses Reviews nun noch ein paar spontan herausgepickte Zitate:


"You told me how sorry you are this happened to me.
Good luck with a capital F!
You told me not to feel bad 'cause this happens to many.

Good luck with a capital F!" (Different)


"When you slid out of your birth pit
and were handed your dick
it came with your first award certificate" (You Always Win)


"Dogs love their rules
and if they get free they'll still just make more rules." (Catland)


"I remember it all too well...
Your in-bred pack mentality.

Is there anything more segregated
than a fucking indie record label?" (I Know You Are A Coward)


Nö, streiten möchte man mit Frau Young nicht unbedingt.




Highlights: These Are The Things I'm Not The Most, I Love You Soooo Much, Monkey On My Breast, Why Am I A Feelmale?, Different



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