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2019-01-12

RYAN PORTER - The Optimist

Die coolen Jazz kids sind zurück!

Oder besser gesagt: Wir sind zurück bei den coolen Jazz kids.

Zurück im Februar 2018, als ich die Veröffentlichung dieses Albums verpasst habe. Zurück in die Jahre 2008 und 2009, als die Aufnahmen dieses Albums entstanden sind. Und zurück um weitere populärkulturelle Äonen, zu Zeiten, als Hard Bop der heißeste Scheiß weit und breit war.

Wir sind zurück in LA, beim Musikerkollektiv West Coast Get Down, zu einem Zeitpunkt noch kurz vor den legendären Sessions, aus denen u.a. nach seiner schlagartigen Berühmtwerdung als Kollaborateur von Kendrick Lamar, Kamasi Washingtons dreistündiges Debüt-Epos "The Epic" extrahiert werden sollte.

Auf den lässigen rund hundert Minuten ist allerdings nicht der Saxophonkoloss der Bandleader, sondern sein Nebenmann an der Posaune - und vielleicht eines der coolsten unter den coolen Kids - Ryan Porter.




RYAN PORTER - The Optimist (3LP) (2018)


Ständig "cool" zu sagen ist uncool as fuck, ich weiß, aber das ist mir in diesem Text mal lässig egal, denn dieses für seine auf drei LPs verteilten rund hundert Minuten Spielzeit erstaunlich kurzweilige Album strotzt einfach in jeder Beziehung vor Coolness.

Wobei "hot" vielleicht ähnlich angemessen wäre. Denn heiß muss es in der kleinen kalifornischen Butze im Elternhaus Kamasi Washingtons gewesen sein. Mit Müh und Not ließen sich ein halbes Dutzend Musiker in den Proberaum quetschen, und so sind auf den elf Jams von "The Optimist" stets fünf oder sechs Player im engen Zusammenspiel zu hören.

Die meisten Namen sind von den späteren Kamasi-Alben bekannt: auf allen Stücken dabei Porter selbst und Washington, die - auch wenn absolut keiner der sonstigen Beteiligten zu kurz kommt - ganz klar als Hauptdarsteller herausstechen. Ohne das Zusammenspiel dieser beiden wäre "The Optimist" nicht vorstellbar. Ryans Flitzeposaune and Kamasis manchmal an Instrumentenmord grenzendes, souliges Urschreisaxophon treiben die Session enorm an. Und letzter hat in bester "John McLaughlin"-Manier mit "K-Wash" sogar eine Stück nach sich benannt.

Desweiteren hören wir ab und zu Trompete und auf jedem der elf Tracks Bass, Klavier und/oder Rhodes Klavier und Drums, jeweils mit wechselnden Akteuren.
Die von später bekannten  Gesichter hier sind Schlagzeuger Tony Austin, Kontrabassmonster Miles Mosley und die an den Tasten tauschenden Brandon Coleman und Cameron Graves.


Kompositorisch, stilistisch, spielerisch... was diese Herren hier gemeinsam raushauen ist - wie gesagt - unglaublich, cool. Oder heiß. Oder meinetwegen auch frisch. Auch wenn sie sich hauptsächlich bei sehr traditionellen Jazzspielarten bedient, füllt die Band diese mit einem Verve, der einen wider allen besseren Wissens glauben lässt, die Typen hätten die Musik gerade eben erfunden. Und dadurch dass sie sich den Sound so absolut unangestaubt zu eigen machen, fällt es zunächst nicht einmal zwingend auf, dass sie durchaus auch eine Menge moderner Licks und Beats hineinschmuggeln.

Die Energie dieser Aufnahmen ist kaum steigerungsfähig. In einem kleinen Raum live aufgenommen ist der Klang roh und direkt, das Schlagzeug sicherlich viel lauter, als es eine größere Produktion es den sensiblen Ohren der Jazzpolizei zugemutet hätte. Man fühlt sich wirklich, als stünde man mittendrin, während sich die Musiker sich zu allen Seiten in einen Rausch spielen.

Der Aufbau der Tracklist verstärkt diesen Eindruck noch. Im Schnitt werden die Songs nämlich immer ausladender: Auf der ersten LP kommen die Vier-bis-Acht-Minüter, dann wird die Zehn-Minuten- und auf den Seiten E und F schließlich die Viertelstunden-Grenze geknackt.

Fast ganz am Ende, kurz vor Schluss des finalen Mammutjams "Chocolate Nuisance", findet sich die einzige Passage, in der es mir schließlich doch etwas zu viel und zu lang wird. Yes, ich rede vom Schlagzeugsolo, welches ich nicht unbedingt brauche. Anderseits passt es aber an dieser Stelle auch wieder als Signal, welches einem subtil mitteilt: Hey, Du hast jetzt über anderthalb Stunden deinen Spaß gehabt, aber wir brauchen jetzt echt mal eine Pause. Leg uns doch später wieder auf!


"The Optimist" ist ohne Einschränkung ein grandioses Album. Sicherlich einfacher zugänglich als Kamasis letzter Maximalistenstreich "Heaven And Earth" und dadurch für manche Hörer vielleicht sogar der noch stärkere Release. Für mich sind die beiden im Jazzbattle 2018, zusammen mit Sons Of Kemets "Your Queen Is A Reptile", aktuell ziemlich gleichauf, ohne dass ich mich auf einen Favoriten festlegen wollte.

Einen interessanten Vergleich zwischen der hier präsentierten kleinen, geerdeten Saunaversion des West Coast Get Downs mit dem späteren spirituellen Larger-Than-Life-Sound von Kamasi Washington bietet übrigens Ryan Porters Opener "The Psalmist", welcher sich in einem neueren Arrangement auch auf "Heaven And Earth" findet.


Preis und Verfügbarkeit des Dreifach-Vinyls von "The Optimist" ist je nach Anbieter und Zeitpunkt starken Schwankungen unterworfen, ich rate also dazu, sich gründlich umzuschauen. Zu empfehlen ist auf jeden Fall. Die Hülle ist sehr geschmacksicher gestaltet (außerdem ganz schön geltungsbedürftig im Regal) und die Qualität der Langrillen tadellos.
  



Highlights: Little Sunflower, K-Wash, Impressions, Strugglesville, The Psalmnist


Ja, ich höre ab diesem Review mal damit auf, den Text mit den "Highlights" abzuschließen. Vielleicht bin ich zu sehr ganzheitlicher Album-Typ, aber ich tue mich oft ungeheuer schwer mit der Entscheidung und die Zeit die ich brauche, die paar Songtital anzuführen ist einfach zu unverhältnismäßig.
Von daher lass ich diesen Teil ab sofort einfach bleiben und versuche stattdessen - was ich ja eh durchaus schon häufiger tue - den Rezensionstext mit einem Hörbespiel oder Video zu beenden.









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