Ok, da ich ich mich mit dem Kirchenkonzert von Amanda Palmer eh gerade in die Rubrik singende Dame am Klavier begeben habe, ist jetzt vielleicht auch der richtige Zeitpunkt, um endlich die aktuell überfälligste Rezension aus meiner To-do-Liste anzugehen.
Tori Amos befindet sich momentan ja in einer umstrittenen Phase, was die Rezeption ihrer Liveshows angeht; in erster Linie geht es dabei um den Umgang damit, dass sie ihren früheren Stimmumfang einfach nicht mehr über ein ganzes Konzert abrufen kann.
Ich hatte mit ihrem Wechsel zu einer oft tieferen, rauchigeren Lage und dem größeren Fokus auf instrumentale Improvisationen weder 2023 in der Laeiszhalle noch auf dem brillianten "Diving Deep Live"-Album ein Problem.
Auf der aktuellen Tour allerdings bin ich nicht gewesen. Manche Konzertbesucher loben die neuen Arrangements ihrer Songs und die Einbindung von Backgroundsängerinnen, andere finden die Interpretationen zu lahm und eben jene Backgroundsängerinnen zu sehr im Vordergrund. Vielleicht ist es ja auch Tagesform, denn was ich an aktuellen Livevideos gesehen habe, stützt tatsächlich sowohl mal den einen, als auch den anderen Standpunkt.
Ich kann und will mich zu Tori Amos live 2026 also nicht positionieren. Doch wie sieht's im Studio aus?
Tori Amos befindet sich momentan ja in einer umstrittenen Phase, was die Rezeption ihrer Liveshows angeht; in erster Linie geht es dabei um den Umgang damit, dass sie ihren früheren Stimmumfang einfach nicht mehr über ein ganzes Konzert abrufen kann.
Ich hatte mit ihrem Wechsel zu einer oft tieferen, rauchigeren Lage und dem größeren Fokus auf instrumentale Improvisationen weder 2023 in der Laeiszhalle noch auf dem brillianten "Diving Deep Live"-Album ein Problem.
Auf der aktuellen Tour allerdings bin ich nicht gewesen. Manche Konzertbesucher loben die neuen Arrangements ihrer Songs und die Einbindung von Backgroundsängerinnen, andere finden die Interpretationen zu lahm und eben jene Backgroundsängerinnen zu sehr im Vordergrund. Vielleicht ist es ja auch Tagesform, denn was ich an aktuellen Livevideos gesehen habe, stützt tatsächlich sowohl mal den einen, als auch den anderen Standpunkt.
Ich kann und will mich zu Tori Amos live 2026 also nicht positionieren. Doch wie sieht's im Studio aus?
TORI AMOS - In Times Of Dragons (clear vinyl 2LP) (2026)
Im Vergleich zum letzten Album "Ocean To Ocean" (2021) ist "In Times Of Dragons" sowohl opulenter als auch sparsamer geraten. War der Vorgänger mit elf Songs relativ kompakt für Toris Verhältnisse, so bewegt sich das neue Werk mit siebzehn Stücken im vertrauteren, fast schon zu großzügigen Rahmen. Man könnte das Album also leicht um die zwei oder drei im Vergleich schwächsten oder am ehesten schon einmal dagewesenen Lieder kürzen, ohne dass es sich wirklich anfühlen würde, als ob etwas fehlte.
Sparsamer als zuletzt sind die Arrangements ausgefallen. Nein, dieses Album wirkt alles andere als klein. Und ja, hier und da wird mit orchestralen Klängen und Synthies zusätzlich verdichtet. Insgesamt jedoch klingt dieses Album noch mehr nach Band und beschränkt sich großenteils auf das perfekt aufeinander eingespielte Team aus Tori Amos selbst an Klavier, Cembalo, Keyboard, Bassist Jon Evans, Drummer Matt Chamberlain und Gitarrist Mark Hawley. Auch die Chöre und Harmoniegesänge wurden wie eh und je komplett von Tori eingesungen. Die einzige prominente Präsenz jenseits dieser Besetzung ist Toris Tochter Natashya Hawley, die in mehreren Stücken als Duettpartnerin auftaucht.
Der Opener "Shush" macht lyrisch keine Gefangenen, sondern erlegt den rückständigen Zeitgeist gezielt schon innerhalb der ersten Zeilen. Das über sechsminütige, getragen schwere Stück stimmt perfekt auf den ernsten, oft düsteren Ton ein, der große Teile der gesamten Trackliste bestimmt. "I knew a girl who wrote Silent All These Years. Where is she?" fragt die Sängerin am Ende des Stücks in Bezug auf ihr 1992er Debüt "Little Earthquakes".
"Where am I? Where am I?" fährt sie im folgenden Titelstück gleich darauf fort. Schon hier sollte klar sein, dass "In Times Of Dragons" ein Konzeptalbum ist, vergleichbar mit dem amerikanischen Stimmungsbild ihrer Reise in "Scarlet's Walk" (2002) oder ihrem Rollenspiel auf "American Doll Posse" (2007). Mal in deutlichen Worten wie eben zitiert, mal in Metaphern und Allegorien besucht die Künstlerin verschiedene - auch im Gatefold des Doppelalbums fotografisch festgehaltene - Charaktere wie die Hohepriesterin, die Tochter, die Gasoline Girls oder die Handlager, und formt daraus ihren Spiegel der amerikanischen Gegenwart. Es ist also ein Werk über den Kampf der demokratischen Freiheit gegen faschistische Tyrannei.
Schwere Kost, aber notwendig, gerade von Künstlern mit Amos' Erfahrung, die es sich sicherlich bequemer machen können. Zum Glück geht die Sängerin aber nicht diesen Weg, sondern sieht sich selbst nicht als Verwalterin und Wiederverwerterin ihres eigenen Erbes, sondern als Chronistin der Gegenwart. Dies ist natürlich eine Haltung, die bei vielen Musikern, welche einfach zu out of touch sind, zu eher peinlichen Resultaten führen kann. Tori Amos jedoch wächst mit dem Anspruch ihres Konzepts und liefert nicht nur großartige Poesie voller intimer bis überweltlicher Menschlichkeit, sondern eine musikalische Umsetzung, die dermaßen stark ist, dass ich mich kaum traue, einzelne Lieder herauszustellen.
Denn wenn ich die tiefe balladeske Schönheit der "Flood" erwähnte, den dramatischen Puls des "Angelshark", die den Himmel öffnende Ode an "St. Theresa" oder die cinematische alpine Weite der "23 Peaks", warum dann nicht auch die Achtziger-Vibes von "Pyrite", den Western-Upbeat von "Fanny Faudrey" ode das traumhafte Leuchten des "Strawberry Moon"?
Die Dichte an Material, welches sich vor nichts im Katalog verstecken muss, ist beeindruckend. Natürlich klingt Tori Amos 2026 anders als das Mädchen, welches "Silent All Those Years" sang. Das kreative Feuer brennt anders, aber es lodert unermüdlich. Ob man persönlich dieses Album nun als das beste seit "Native Invader", "Scarlet's Walk", gar "From the Choirgirl Hotel" oder doch nur "Ocean To Ocean" einstuft, ist unnütze Formsache. Es ist nicht perfekt, aber doch eine verdammt starke Sammlung von Songs, die ihr qualitativ wie quantitativ gewaltiges Repertoire noh weiter bereichert.
Die Dinge, die mich ein wenig stören, tun dies auch nicht einmal in einzelnen Songs, sondern nur durch ihre Häufung. So ist die zunehmende Angewohnheit, einzelne Zeilen durch vielfache Wiederholung besonders zu betonen, im einzelnen Stück stets angemessen. In der Masse nervt es aber schon ein bisschen.
Ähnlich verhält es sich mit dem bereits im Opener vorgegebenen düsteren Midtempo, welches zwar zu fantastischen Songs führt, die allerdings im Vergleich zu den leichteren, spielerischeren, hoffnungsvolleren Tracks ein etwas unausgeglichenes Übergewicht haben. Ist dies jedoch wirklich eine Kritik? Die Zeiten sind schließlich finster.
Letztendlich gilt aber die alte Regel: Egal welche Kritikpunkte man an einem Tori Amos-Album findet, sie bleiben stets relativ. Denn schlecht kann sie nach wie vor einfach nicht. Ganz im Gegenteil: "In Times Of Dragons" beweist eindrucksvoll, dass sie noch viel zu sagen hat und die Klaviatur ihres Bösendorfer noch längst nicht ausgespielt ist.
Sparsamer als zuletzt sind die Arrangements ausgefallen. Nein, dieses Album wirkt alles andere als klein. Und ja, hier und da wird mit orchestralen Klängen und Synthies zusätzlich verdichtet. Insgesamt jedoch klingt dieses Album noch mehr nach Band und beschränkt sich großenteils auf das perfekt aufeinander eingespielte Team aus Tori Amos selbst an Klavier, Cembalo, Keyboard, Bassist Jon Evans, Drummer Matt Chamberlain und Gitarrist Mark Hawley. Auch die Chöre und Harmoniegesänge wurden wie eh und je komplett von Tori eingesungen. Die einzige prominente Präsenz jenseits dieser Besetzung ist Toris Tochter Natashya Hawley, die in mehreren Stücken als Duettpartnerin auftaucht.
"Southern girls know what it means
When the patriarchy menacingly says:
You shush yourself down down
You put a finger on those beautiful lips
Whe both know what they're good for, don't we?"
Der Opener "Shush" macht lyrisch keine Gefangenen, sondern erlegt den rückständigen Zeitgeist gezielt schon innerhalb der ersten Zeilen. Das über sechsminütige, getragen schwere Stück stimmt perfekt auf den ernsten, oft düsteren Ton ein, der große Teile der gesamten Trackliste bestimmt. "I knew a girl who wrote Silent All These Years. Where is she?" fragt die Sängerin am Ende des Stücks in Bezug auf ihr 1992er Debüt "Little Earthquakes".
"Where am I? Where am I?" fährt sie im folgenden Titelstück gleich darauf fort. Schon hier sollte klar sein, dass "In Times Of Dragons" ein Konzeptalbum ist, vergleichbar mit dem amerikanischen Stimmungsbild ihrer Reise in "Scarlet's Walk" (2002) oder ihrem Rollenspiel auf "American Doll Posse" (2007). Mal in deutlichen Worten wie eben zitiert, mal in Metaphern und Allegorien besucht die Künstlerin verschiedene - auch im Gatefold des Doppelalbums fotografisch festgehaltene - Charaktere wie die Hohepriesterin, die Tochter, die Gasoline Girls oder die Handlager, und formt daraus ihren Spiegel der amerikanischen Gegenwart. Es ist also ein Werk über den Kampf der demokratischen Freiheit gegen faschistische Tyrannei.
Schwere Kost, aber notwendig, gerade von Künstlern mit Amos' Erfahrung, die es sich sicherlich bequemer machen können. Zum Glück geht die Sängerin aber nicht diesen Weg, sondern sieht sich selbst nicht als Verwalterin und Wiederverwerterin ihres eigenen Erbes, sondern als Chronistin der Gegenwart. Dies ist natürlich eine Haltung, die bei vielen Musikern, welche einfach zu out of touch sind, zu eher peinlichen Resultaten führen kann. Tori Amos jedoch wächst mit dem Anspruch ihres Konzepts und liefert nicht nur großartige Poesie voller intimer bis überweltlicher Menschlichkeit, sondern eine musikalische Umsetzung, die dermaßen stark ist, dass ich mich kaum traue, einzelne Lieder herauszustellen.
Denn wenn ich die tiefe balladeske Schönheit der "Flood" erwähnte, den dramatischen Puls des "Angelshark", die den Himmel öffnende Ode an "St. Theresa" oder die cinematische alpine Weite der "23 Peaks", warum dann nicht auch die Achtziger-Vibes von "Pyrite", den Western-Upbeat von "Fanny Faudrey" ode das traumhafte Leuchten des "Strawberry Moon"?
Die Dichte an Material, welches sich vor nichts im Katalog verstecken muss, ist beeindruckend. Natürlich klingt Tori Amos 2026 anders als das Mädchen, welches "Silent All Those Years" sang. Das kreative Feuer brennt anders, aber es lodert unermüdlich. Ob man persönlich dieses Album nun als das beste seit "Native Invader", "Scarlet's Walk", gar "From the Choirgirl Hotel" oder doch nur "Ocean To Ocean" einstuft, ist unnütze Formsache. Es ist nicht perfekt, aber doch eine verdammt starke Sammlung von Songs, die ihr qualitativ wie quantitativ gewaltiges Repertoire noh weiter bereichert.
Die Dinge, die mich ein wenig stören, tun dies auch nicht einmal in einzelnen Songs, sondern nur durch ihre Häufung. So ist die zunehmende Angewohnheit, einzelne Zeilen durch vielfache Wiederholung besonders zu betonen, im einzelnen Stück stets angemessen. In der Masse nervt es aber schon ein bisschen.
Ähnlich verhält es sich mit dem bereits im Opener vorgegebenen düsteren Midtempo, welches zwar zu fantastischen Songs führt, die allerdings im Vergleich zu den leichteren, spielerischeren, hoffnungsvolleren Tracks ein etwas unausgeglichenes Übergewicht haben. Ist dies jedoch wirklich eine Kritik? Die Zeiten sind schließlich finster.
Letztendlich gilt aber die alte Regel: Egal welche Kritikpunkte man an einem Tori Amos-Album findet, sie bleiben stets relativ. Denn schlecht kann sie nach wie vor einfach nicht. Ganz im Gegenteil: "In Times Of Dragons" beweist eindrucksvoll, dass sie noch viel zu sagen hat und die Klaviatur ihres Bösendorfer noch längst nicht ausgespielt ist.
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