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2013-12-26

Stephan Ohlsen - Das vergessene Interview



Mensch, da ist mir doch gerade wieder etwas eingefallen!

Ein paar meiner facebook-Freunde mögen sich vielleicht dunkel erinnern, dass ich mich vor etwa zehn Monaten mal gefreut hatte, dass jemand ein Interview für eine Kolumne über Amateurfotografen in einer digitalen Sonntagszeitung mit mir führen wollte.

Und das war nicht nur Fantasie, nein, dieses Interview hat es tatsächlich gegeben. Obwohl... nein, eigentlich hat es nicht wirklich stattgefunden. Ob es überhaupt jemals erschienen ist, weiß ich auch nicht... Der letzte Stand war, dass es wegen Papstschlagzeilen verschoben wurde, ich vermute mal, ins Nirvana. Ich habe jedenfalls kein Update mehr erhalten.

Immerhin habe ich aber mal einen kleinen Einblick bekommen, wie solche Artikel funktionieren:
Es wurde ein Termin vereinbart, an dem wir dann ein ziemlich langes, freies Telefongespräch führten. Dieses war besonders von meiner Seite aus sicherlich sehr unstrukturiert und auf keinen Fall im Wortlaut abdruckbar. Aber das war ja auch nicht der Sinn der Übung...

Wenig später bekam ich dann eine Mail mit einem sowohl auf Informationen aus dem Gespräch als auch allgemeiner Lomo-Folklore basierendem, komplett erfundenem Interview. Sachen wie "aus der Hüfte geschossen" würde ich kaum sagen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist also alles frei erfunden. Den allerletztem Satz, den habe ich - soweit ich mich erinnere - tatsächlich genau so gesagt.

Ich durfte den ganzen Text dann noch einmal so korrigieren, dass ich am Ende zwar immer noch das Gefühl hatte, einen Papageien auf meine Antworten trainiert zu haben. Aber zumindest stimme ich inhaltlich so einigermaßen mit meinem erfundenen Interview-Ego überein.

Nichtsdestotrotz ist das "Interview" ja vielleicht trotzdem auch ein wenig interessant. Wegen meiner hemmungslosen Ausplauderei hier belasse ich mein Gegenüber mal anonym, auch wenn mir klar ist, dass diese Form von Artikeln vermutlich ganz weit verbreitete Praxis ist. Wahrscheinlich muss es im Umgang mit Interviews nicht gewohnten Menschen sogar in dieser oder ähnlicher Form laufen, um lesbar zu sein. Allerdings wird dem Interviewten in dem Prozess trotz Korrektur doch vieles künstlich in den Mund gelegt.


Die dazugehörige Bilderauswahl spare ich mir allerdings. Ich weiß ja ohnehin nicht, welche davon es in die Endauswahl geschafft haben - oder hätten?


In Ihrem Internet-Blog finden sich mindestens so viele Einträge zur Musik wie zur Fotografie. Spiegelt sich diese Musikleidenschaft - sie umfasst die melancholischen Balladen einer Tori Amos ebenso wie Thrash-Metal härtester Gangart - auf irgendeine Weise in der Fotografie?

Schwer zu sagen. Inhaltlich sehe ich da keine direkten Bezüge, in der Herangehensweise gibt es aber durchaus Parallelen: Sowohl als Musiker - ich spiele Schlagzeug und singe in einer Undergroundband - als auch in der Fotografie liebe ich ein großzügiges Maß an stilistischer Heterogenität und kultiviertem Chaos und versuche, aus limitierten Möglichkeiten das beste herauszuholen. Maximal ein Probeabend pro Woche ist nicht viel, wenn man gerne Mammutsongs schreibt, weshalb ich gerne überspitzt behaupte, dass wir Prog-Rocker gefangen in den Fähigkeiten von Punks sind.
Und wenn ich als Fotograf mit antikem Gerät oder Spielzeugkameras hantiere, bei denen ich nur wenig bis gar nichts einstellen kann, dann bringe ich mich im Grunde künstlichin eine ähnliche Situation technisch begrenzter Möglichkeiten. Die Ergebnisse sind auf beiden Gebieten selten formal perfekt, müssen es aber auch nicht sein. Im Gegenteil, Kreativität entwickelt sich oft erst aus dem Mangel, aus einem gewissen Unvermögen. In einer Zeit, in der technisch perfekte Fotos allgegenwärtig sind, gewinnen absonderlich komponierte Aufnahmen mit nicht perfekt sitzender Schärfe und verschobenen Farben an Charme, an Unverwechselbarkeit und, gerade weil sie nicht makellos sind, auch an Menschlichkeit.

Zum Eindruck des Unperfekten, des "aus der Hüfte Geschossenen", trägt maßgeblich Ihre Fotoausrüstung bei. Sie arbeiten vorwiegend mit analogen Kameras der schlichteren Bauart: Neben diversen "Lomos" haben Sie in Ihrer umfangreichen Sammlung auch einige Mittelformatkameras osteuropäischer Herkunft, etwa die Kiev 88, eine technisch ziemlich unzuverlässige Hasselblad-Kopie. Was reizt Sie an diesem Low-Tech-Equipment?
 
Ja, die Kiev kostet immerhin ein paar Hunderter und ist damit beinahe schon mein wertvollstes Stück. Sie lädt unerfahrene Benutzer förmlich zur Fehlbedienung ein, etwa, wenn man den Auslöser betätigt, bevor man den Film weitertransportiert hat. Das quittiert sie schlimmstenfalls mit totaler Arbeitsverweigerung! Solche Kameras sind keine Präzisionsinstrumente, die ihren Dienst wie ein Uhrwerk verrichten. Dafür bietet die Kiev mir allerdings auch Objektive, von deren Qualität man in der Preisklasse sonst nur träumen kann. Und auch jede meiner wirklich billigen Kameras erzeugt einen anderen, ganz eigenen Bildlook. Wenn man geschickt mit den Bockigkeiten und Limits dieser Diven umzugehen versteht, wird man mit phantastischen, atmosphärisch dichten Aufnahmen belohnt. Obwohl ich schon seit etlichen Jahren mit diesen Kameras umgehe, gibt es immer wieder Fotos, die mich total überraschen. Eine Hochleistungskamera produziert deutlich berechenbarere, jederzeit reproduzierbare Ergebnisse. Für Profifotografen ist das vielleicht eine wichtige Arbeitsvoraussetzung - für mich ist es eher uninteressant.

Sie fotografieren auf Film - um ihre Arbeiten dann doch im Wesentlichen im Internet zu präsentieren. Wozu der Umweg über das Analoge? Sie könnten doch ebenso gut eine möglichst trashige Digitalkamera verwenden...

Nein, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Zum einen machen schlechte Digitalkameras tatsächlich nur schlechte Bilder. Und dieses "Schlecht" ist etwas ganz anderes als die Unvollkommenheit meiner analogen Aufnahmen. Als ich um 2004 angefangen habe, mich wirklich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen, hatte ich eine digitale Kompaktkamera. Die ganze Technik war damals noch nicht ansatzweise ausgereift, die Bilder wirkten grob und künstlich. Ein Bild hingegen, das ich mit einer Filmkamera geschossen habe, hat allein deshalb schon eine gewisse Lebendigkeit, weil es das Ergebnis chemischer Prozesse ist, die nie hundertprozentig identisch ablaufen - erst recht, wenn man, wie ich es gelegentlich tue, Filmmaterial verwendet, das sein Haltbarkeitsdatum um Jahre oder sogar Jahrzehnte überschritten hat.
Ein anderer Unterschied zwischen analog und digital: Mit einem Film beschäftige ich mich wesentlich intensiver als mit den Datein aus meiner Digitalkamera. Während mir Digitalfotos sofort zur Verfügung stehen, muss ich das Filmmaterial erst einscannen und am Rechner von Staub und Kratzern befreien. Dieser Zeitaufwand führt zwangsläufig dazu, dass ich mich viel eingehender mit jedem einzelnen Bild beschäftige, ein tiefergehendes Verhältnis zu ihm entwickle. Diese Langsamkeit schätze ich sehr, sie bewahrt vor inflationärem Bilderkonsum.

Noch ein Unterschied: Während eine großzügig dimensionierte Speicherkarte ein paar Tausend Bilder fasst, hat ein Film maximal 36 Aufnahmen - und ist, die Enwicklungskosten eingerechnet, vergleichstweise teuer. Ist das nicht ein gewisses Hemmnis für unbedarftes Drauflosfotografieren?

Ich nutze hin und wieder z.B. das Format 6 mal 12 cm, was mir auf einem Mittelformatfilm nur sechs Aufnahmen erlaubt. Da muss ich dann schon aufpassen, das ich nicht vor jeder Aufnahme nachrechne, was die mich jetzt kosten wird. Kleinliche wirtschaftliche Erwägungen sind Gift bei einer Sache, die man erfolgreich nur mit Leidenschaft und Risikobereitschaft betreiben kann. Ich versuche einfach, nicht daran zu denken, wie viel Geld ich verschieße. Meistens gelingt mir das ganz gut.

Apropos "verschießen": Wie viel Ausschuss produzieren Sie?

Eigentlich nicht allzu viel. Im Mittelformat, wo ich stets ein wenig mehr Sorgfalt auf die Komposition verwende, lasse ich sicher 70 bis 80 Prozent der Aufnahmen durchgehen. Bei Kleinbildfilmen verschieße ich da schon ein wenig mehr, weil ich zumeist wesentlich spontaner und zwangloser arbeite.

Spielt digitale Bidlbearbeitung in Ihrem Workflow eine Rolle?

Kaum. Die Arbeit am Rechner beschränkt sich im Wesentlichen auf rein handwerkliche Dinge: das Scannen von Dias und Negativen, notwendige Retuschearbeiten, gelegentlich eine leichte Anpassung von Helligkeit und Kontrast, hin und wieder eine Schwarz-Weiß-Umwandlung. Von modischen Gepflogenheiten wie Retro-Farblooks oder künstlichem Filmkorn, die Fotos nachträglich auf analog trimmen sollen, halte ich nichts. Ich verlasse mich ganz auf die Bildwirkung, die durch Kamera, Film und chemischen Prozess zustande kommt. In dieser Hinsicht bin ich Purist.

Viele Fotografen spezialisieren sich mit zunehmender Erfahrung auf bestimmte Genres. Sie sind diesbezüglich breit aufgestellt, man hat beinahe das Gefühl, Sie basteln an einer Art Alltagschronik - und lichten ab, was immer Ihnen vor die Linse kommt...

Das klingt zwar ein bisschen wahllos, aber in gewisser Hinsicht ist das tatsächlich so. Es gibt ja viele Fotografen, die auf bestimmte Motive aus sind, unbedingt mal New York bei Nacht oder spektakuläre exotische Landschaften ablichten wollen. Klar, ab und zu würde mich das auch reizen. Aber ich habe weder die Zeit noch die Mittel, um um die Welt zu jetten. Für mich besteht die Herausforderung allerdings eher darin, auch ohne "Eyecatcher" spannende Bilder zu machen. Ich lebe auf dem platten Land und da tobt naturgemäß nicht das pralle Leben. Und trotzdem gibt es in meiner unmittelbaren Umgebung viele Motive, die ich für würdig erachte, festgehalten zu werden. Das kann so etwas unbedeutendes sein wie ein kleines Waldstück, die Leitpfosten einer Landstraße oder notfalls auch mein eigener Schatten im Gestrüpp.
Nicht das Motiv ist ausschlaggebend, sondern die Art, wie man es sieht und fotografiert. Lustig ist übrigens, dass der Hersteller meiner heiß geliebten Lomo-Kameras seine Produkte immer unglaublich cool und urban, quasi als hippes Lifestyle-Accessiore für trendbewusste Großstadtcowboys, vermarktet. Da muss bei mir als Dorfkind mit Überhang an ländlichen Motiven offensichtlich irgendetwas schief gelaufen sein.

Wie stehen Sie eigentlich zur immer beliebter werdenden Smartphone-Fotografie?

Klar, so eine Immer-Dabei-Kamera ist schon praktisch, aber mein Ding ist das nicht. Als ich mir damals mein Handy zugelegt habe war der Verkäufer total perplex, dass ich ein möglichst simples Gerät ohne Kamera wollte. Ich habe diese Dinger einfach nie zu einem elementaren Teil meines Alltags gemacht, schon weil ich im Funkloch wohne und für jede SMS zur Netzsuche nach draußen laufen muss. Da geht nichts über den guten, alten Festnetzanschluss. Wenn ich meine Handy doch mal benutze, dann meistens, um auf die Uhr zu gucken.

Amen.

2013-12-25

Jahresrückblick Fotografie 2013 (35 Kameras)

Mein fotografisches Jahr 2013 war inhaltlich eigentlich ziemlich dünn. Deswegen müsste es eigentlich weniger darüber zu sagen geben als zu 2012. Ich habe zwar ein paar neue Kameras hinzubekommen, ein paar Team-Doppelbelichtungsfilme gemacht, das übliche halt... jedoch mangels Reisen keine Touristenfotos, keine über einen Film hinausgehenden Serien, kaum Konzerte, kaum Portraits.

Aber ich hatte mir da ja diese Liste hier ausgedruckt:


Das Ziel: viele Häkchen setzen. In erster Linie sollte dies als Ansporn dienen, einige noch nie benutzte Kameras, die ich schon seit Ewigkeiten hier liegen habe, mal zu testen.

Wir sehen fett alle meine funktionsfähigen analogen Fotoapperate. Dazu in kursiv einige Kameras, bei denen ich bei Erstellen der Liste noch nicht oder nicht mehr sicher war, ob sie gehen würden, sowie solche für die keine Filme mehr hergestellt werden und ein paar Einwegknipsen, die ich nur als Kür betrachtete.


Dann checken wir doch mal, was ich so abgehakt habe:


ADOX GOLF

Mein Balgen-Klassiker, mit nur  einem Film ganz klar unterbeschäftigt. Nächstes Jahr vielleicht mal wieder Konzertfotos oder als praktische Touristenknipse? Ich bin dieses Jahr ja wie gesagt so gar nicht rumgekommen...



AGFA CLACK PINHOLE

War natürlich beim Worldwide Pinhole Photography Day dabei, da sehe ich sie auch 2014.



ANSCO PIONEER

Die alte Primitivbox. Hat mehr Einsätze verdient, da mir ihre Anmutung meistens gefällt. Aber 620er Film heißt ja auch immer, dass man zweimal umspulen muss. Und mein Wechselsack ist innendrin schon ziemlich hinüber, da bleibt man ständig irgendwo hängen und verläuft sich mit der Hand...



BELAIR X 6-12 JETSETTER

Dieses umstrittene Lomospielzeug habe ich vor kurzem erst HIER gewürdigt. Gerade mit der Russenlinse beeindruckende Bilder. Muss sich auch 2014 keine Sorgen um mangelnde Aufmerksamkeit machen.



BILORA BOX

Erster Einsatz seit knapp sechs Jahren, wenn ich mich nicht irre. Könnte auch wieder so lange dauern, denn mein Exemplar bedient sich einfach nicht gut. Mal ganz davon abgesehen, dass mir auch schon die Frontplatte abgeflogen ist...



CHUPA CHUPS PHOTO POP

Mein 35mm-Plastikquatsch-Veteran - in dreifacher Ausführung:

blau ist definitv die jungfräulichste.



grün hatte schon einmal leichte Hemmungen, weswegen ich sie auf der Liste auch als unsicher geführt hatte.
Funktionierte dann aber doch problemlos. Nur der Ausklapphebel am Filmrückspulrad hat vergrüßt.



Und dass meine CCPP in rot überhaupt noch Bilder produziert, das grenzt eigentlich an ein Wunder. Der Zustand dieser Toycam ist wohl das, was man bei einem Teddybären als "kaputtgeliebt" bezeichnet. So oft runtergefallen, so viele Teile verloren... Nicht einmal mehr der scheiß Auslöser ist mehr komplett. Macht aber alles offensichtlich nichts.



DIANA

Meine historische Original-Diana. Noch so ein verkrüppelter Patient. Vor allem die scharfe Kante der sich oben ablösenden Metallplatte ist echt gefährlich.



EXACTA

Anders als der historisch anmutende Name verspricht, handelt es sich bei meiner Exacta um eine Kleinbild-Spielzeugnknipse mit Blitzanschluss. Tatsächlich hätte sie mir fast den Pflichtteil meiner Liste versaut, da ich sie versehentlich schon im April abgehakt hatte, doch im November plötzlich feststellte, dass ich ja gar nichts mit ihr gemacht hatte! Der Film war offensichtlich seit Monaten unbelichtet in der Kamera. Also ein paar mal unterwegs dabei, fleißig Bilder gemacht und dann... Ich weiß nicht genau, ob ich den Film herausgenommen und verschludert habe, oder ob überhaupt nie ein Film drin war und ich bei dem Häkchen damals nur in der Zeile verrutscht war. Egal - trotz Mistwetter noch rechtzeitig vor Toresschluss einen überlagerten Kodak Gold reingeschmissen, Fritz the Blitz mit blauem Filter angeschlossen und eine Runde Quatsch geknipst. Liste gerettet.




FOTOLABO CLUB FOTO BOX

Eine Einweg-Wegwerfkamera. Ebenfalls sehr flüchtig und bald wohl nur noch in der Erinnerung einzelner Nerds auch das Motiv des Bildes, welches ich für diesen Überblick ausgewählt habe. ;)



HOLGA 120 GFN

Mit genau dieser Holga ging der ganze Irrsinn hier im Januar 2006 los. 2013 habe ich sie allerdings nur einmal für ein Redscale/Colour-Doppelbelichtungsprojekt mit Tamara benutzt.



HOLGA 120 GN

Auch nur ganz wenig in der Hand gehabt. Und wenn dann immer mit der Holga-Fisheye-Linse. Ein wichtiger Grund für ihre Vernachlässigung hört definitiv auf den Namen "Tori".



HOLGA 135 BC

Pflicht schon im März erfüllt, Kür zugunsten ander Kleinbildknipsen ausgelassen.



HOLGA WIDE PINHOLE CAMERA

Wunderschöne Aufnahmen zum Weltlochkameratag am Wittensee. Hat selbstverständlich mehr Action verdient, ich weiß.



JELLY CAM

So komisch sich dieses wabbelige Spielzeug auch anfühlt; die Bilder taugen was.



KIEV 88

Muss auf jeden Fall künftig wieder mehr zu tun haben, schon damit ich damit nicht einroste. Ist schließlich immer noch die Königin meiner MiFoKas.



KODAK BROWNIE HAWKEYE

Meine Hardcore-Box. An einem so eiskalten Wintertag wie auf meinem Fotospaziergang im März habe ich wohl noch keine andere Kamera bedient. Gefrorenes Gesicht, tränende Augen, Händen in Handschuhen... macht nichts, mit der Brownie packt man das. Und alleine für dieses Foto hier haben sich die Qualen ja schon gelohnt:



KODAK INSTAMATIC 255X

Jawohl! Es war schon spät im Jahr, aber ich bin tatsächlich noch zu vertretbaren Preisen an zwei Filme geraten - und habe einen natürlich schon verballert. Allerdings wird das verfügbare Material in diesem Format nicht frischer - es wird also dringend Zeit, dass ein gewisser Hersteller das 126er-Format zum Kult erklärt und neu auflegt! Wäre doch schade um all die Instamatic-Kameras, die noch ungefüttert auf der Welt versauern.



KODAK JUNIOR 620

Meine älteste Klappkamera, und so sieht sie auch aus. Läuft wie ein rostiger, ewig nicht gewarteter Lanz Bulldog. Zusammen mit verwarzten überlagerten Filmen passt das schon.



KODAK ULTRA ZOOM

Ich hatte ja mal vier Stück dieser Wegwarf-Cam mit Zoooom. Von der letzten mochte ich mich noch nicht trennen. Also kein Häkchen.



LA SARDINA

Noch eine Kleinbild-Kamera, welche ich in dreifacher Ausführung mein eigen nenne. Zwei davon habe ich im April HIER vorgstellt.


Die Belle Starr mit Metallgehäuse musste ich der Liste noch nachträglich hinzufügen.




Reptilia Sapphire Serpent




Sea Pride




MINOLTA 505si

Diese SLR ist eigentlich gar nicht meine. Aber sonst benutzt sie auch niemand. Ich hatte sie an einem leider sehr tierarmen Tag im Wildpark Eekholt dabei.



MINOLTA AUTOPAK 460TX

Eine Pocketkamera! Mit eingebautem Blitz und Zoom. Und sie macht Laune. Im Prinzip ja wie Instamatic, nur deutlich kleiner und mit dem feinen Unterschied, dass es immer noch bzw. wieder neue Filme dafür zu kaufen gibt.



MINOLTA VECTIS 6X-4

Eine Unterwasserkamera für APS-Filme. Leider ist die Elektronik hinüber. Also aus der Liste gestrichen.



MINOX C

Pocketfilm ist noch nicht klein genug? Dann heißt die Lösung Minox Miniaturfilm.  Im September habe ich die Agentenkamera HIER schon ausführlicher gewürdigt.




PINGO

Meinen kleinen Pinguin hatte ich erneut in Wacken dabei.



POUVA START

Puuuh... Ob wir beide jemals echte Freunde werden? Eine klappernde und herausfallende Linse hilft dabei sicherlich nicht.



PRAKTICA

Kein Zusatz hinter dem Namen, tatsächlich eine wohl ca. 65 Jahre alte Praktica der ersten Generation. Ich habe sie erst kürzlich zusammen mit ein paar weiteren Erbstücken bekommen, darunter auch eine historische Stereokamera. Leider sind sie jedoch alle defekt, und auch dieses Schätzchen arbeitet nicht mehr hundertprozentig, besteht doch die Hälfte meines ersten Filmes aus Lichteinfall. Dennoch werde ich sie sicherlich nochmal benutzen, allein um dem ein wenig auf den Grund zu gehen.



RICHCAM

Noch eine Wegwerfkamera, die ich mir für später aufbewahrt habe. Kein Häkchen.




 SILVER CAM

Trotz geliebtem "Pseudorama"-Format; Sie hat etwas zurückstecken müssen, da ich meine Panoramas in letzter Zeit lieber im Mittelformat aufgenommen habe. Und weil diese Liste abgearbeitet werden musste natürlich auch. ;)



SMILE CAM

*check*



TORI

Also known as Diana F+ Tori Amos Edition Herzchen, Sternchen, Regenbogen. Mein Schatzzz! Und dann kann sie auch noch Lochkamera.




ZEISS IKON BOX-TENGOR

Noch so ein uralter Vogelkasten. Ganz komische Schärfeverteilung. Ist vielleicht nicht vorgesehen, dass ich das je kapiere.






ZEISS IKON ICAREX

*check*



ZENIT ET

done.







Und so sieht mein Zettelchen nun aus:






Und sonst?

Zu meinem Bild des Jahres in der entsprechenden flickr-Gruppe habe ich das weiter oben schon gezeigte Winterfoto aus der Kodak Brownie Hawkeye gekürt. Hätte ich länger drüber nachgedachtet, wäre die Auswahl bestimmt schwerer geworden.

Ginge es nach der geheimen Interessantheitsformel von flickr, dann wären es knapp hintereinander diese beiden:

Belbüttel 
Belbüttel

Ist für mich auch ok.

Gerade erst zum Fotostream hinzugestoßen, ansonsten hätte es vielleicht noch harte Konkurrenz werden können:

owl


Fazit: 2014 fotografiere ich ausschließlich Fogis hinter Gittern. Viel Spaß beim Anschauen! ;)

2013-12-21

JANELLE MONÁE - The Electric Lady

"To get lost in your thoughts is a very, very complex thought and the things that you find are surprising."

Ist das jetzt die Anleitung, um die ultimativ interessante Musikkritik zu schreiben? Darüber muss ich wohl noch nachdenken...

Aber ehe ich das tue, freue ich mich erstmal, dass sich die unfassbare Janelle Monáe drei Jahre nach ihrem Meisterwerk "The ArchAndroid" endlich mit einem neuen Album zurückgemeldet hat.


JANELLE MONÁE - The Electric Lady (2013)

Schon das lässig sowohl an Jimi Hendrix als auch an die Discowelle der 70er angelehnte Cover birgt einen Grund zur Freude: Wie schon auf "The ArchAndroid" und davor der "Chase Suite"-EP zeigen uns Kreise an, wo wir uns gerade in Monáes Metropolis-Saga befinden. "The Electric Lady" enthält demnach nicht wie erwartet die abschließende vierte Suite, sondern auch eine fünfte - und es folgen noch zwei weitere. Das heißt wohl, dass uns das Alter Ego der Sängerin, die Androidin Cindy Mayweather, noch mindestens ein Album länger als ursprünglich geplant erhalten bleibt.

Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein, genau wie über das vorliegende zweite Album. Ich persönlich mache mir keine Sorgen, dass die Dame an Kreativitätsmangel leiden könnte. Nein, ganz im Gegenteil, denn auch wenn wie beim Vorgängeralbum die einzelnen Suiten durch Overtüren eingeleitet werden, ist "The Electric Lady" alles andere als ein zweites "The ArchAndroid" geworden. Tatsächlich könnte ich mir nur wenige Stücke wie "Look Into My Eyes" oder "Sally Ride" auf dem Album von 2012 vorstellen.

"The Electric Lady" ist nicht mehr die ganz große Umarmung aller denkbaren im und um den Pop herumschwirrenden Genres, sondern tendiert eher in eine Richtung, was allerdings nicht heißt, dass hier auch nur ein Song einem anderen gleicht.
Ich habe ja schon diverse Reviews gelesen. Manche meinen, Janelle Monáe spielt hier die Evolution der Soulmusik durch, oder Sie erzählt die Geschichte der Emanzipation der schwarzen Frau in der nordamerikanischen Popmusik von den 60ern bis heute, wobei wahlweise auch noch die Roboter-Persona als Sinnbild ihrer Sexualtät interpretierbar ist. Oder auch: Janelle Monáe kreiert eigentlich Progrock-Alben, nur eben mit den Mitteln des R'n'B.
Und irgendwas ist wohl an all diesen Sichtweisen dran.

Tatsächlich scheint jeder Song für eine Spielart der Black Music zu stehen und einen anderen Paten wie z.B. Stevie Wonder oder die Jackson Five zu haben. Vor allem der Geist von Prince durchweht das gesamte Album, welches folgerichtig auch gleich mit einem Duett Monáes mit dem Artist formerly known as the artist formerly known höchstselbst und dessen Gitarre eröffnet wird. Es gibt noch ein paar Gastauftritte weiterer Sänger/innen, von denen man ein paar beim ersten Hören allerdings überhören könnte, einfach weil die Stimme von Janelle Monáe selbst so wandelbar ist, dass mir ihr die Parts von Solange Knowles oder Esperanza Spalding zunächst einmal ebenfalls zurechnet.

Wie gut einem "The Electric Lady" gefällt hängt natürlich zu einem großen Teil davon ab, was man den einzelnen Musikstilen und deren Vermengung miteinander abgewinnen kann.
So bin ich zwar grundsätzlich im gesamten Genre wenig zu Hause, jedoch für gut gemachten "klassischen", angejazzten Soul, Motown-Sound und knackigen Funk schnell zu haben, während ich mich mit dem Destiny's Child-R'n'B der 2000er oder dem mir völlig fremden Slow Jam meine Anlaufschwierigkeiten habe. Aber irgendwie schafft diese Künstlerin es doch, mir das alles im Gesamtzusammenhang zu verkaufen.
Eine besonders harte Nuss, die ich zunächst ab und zu ausgelassen habe, ist ausgerechnet das Finale des letzten Stückes "What An Experience", in dem sich einer der schlimmsten Musikarten der Moderne, des 80er-Jahre-Reggae-Pops bedient wird. Aber selbst das funktioniert für mich inzwischen irgendwie.

Allerdings beinhalten die 19 Tracks der CD noch drei nicht musikalische Zwischenspiele, an denen sich zurecht die Geister scheiden. Manchmal höre ich sie mit, weil sie die Lieder in den Zusammenhang einer pulsierenden Sci-Fi-Metropole setzten und konzeptionell einrahmen - anderseits gibt es für mein Empfinden grundsätzlich nur weniges auf der Welt, was mehr nervt als Radio-DJs... da muss man auch mal skippen können. Für das nächste Album hoffe ich doch lieber wieder auf instrumentale Zwischenspiele.

Android 57821, oder auch Cindy Mayweather, wird immer menschlicher. Der Sound ist wärmer und zugänglicher geworden als auf "The ArchAndroid", das Hit-Potential der Singles gestiegen.

Das überzogen Exzentrische, die künstlerische Distanz der Marke David Bowie, die auf "The ArchAndroid" oft spürbar war, hat abgesehen vom bewusst affektierten "Dance Apocalyptic" den Rückzug angetreten. Doch dafür legen die Stücke an anderer Stelle zu. So rücken die Leadgitarren immer mehr in den Fokus und auch Janelle Monáes Gesang ist anzumerken, dass sie trotz ihres gewaltigen Talents nach wie vor an sich arbeitet. Vor allem die Rap-Passagen in "Q.U.E.E.N.", dem Titelsong und ganz explosiv in "Ghetto Woman" gehören für mich zu den absoluten Highlights eines Albums, dessen erneut retrofuturistischer Ansatz erneut frischer klingt und mehr innovative Klasse hat als 99% dessen, was uns andere Popsängerinnen so um die Ohren nölen.

Noch einmal so überraschend aus dem Nichts die Musikwelt überflügeln wie mit "TheArchandroid" kann die Künstlerin zwar nicht, aber ich würde (bis auf die Zwischenspiele) auch nicht sagen, dass "The Electric Lady" ein schlechteres Album ist. Die Produktion ist sogar unzweifelhaft besser.

Um neue Zuhörer abzuholen, die fernab von Soul, R'n'B und Hip Hop sozialisiert sind, eignet sich der Vorgänger wahrscheinlich besser, doch wenn man eh schon mit Monáes Musik warmgeworden ist, dann sollte auch diese Scheibe bei einem heißlaufen, auch wenn man sonst wie ich auschließlich Jazz und kasachstanischen Dub Step hört.

Im Großen und Ganzen kann ich wieder sagen: Janelle Monáe - wenn schon Pop, dann doch bitte so!


Anspieltipps: Electric Lady, Sally Ride, Q.U.E.E.N., We Were Rock'nRoll, Givin Em What They Love, Ghetto Woman

2013-12-15

BLACK SABBATH - 13 (Deluxe Edition)

Was soll ich noch sagen? Ich bin spät dran und es weiß doch eh schon jeder bescheid.

Black Sabbath, Urväter von allem und jedem sind zuück, in 3/4 Original-Klassikerbesetzung mit Ozzy Osbourne am Mikro, und wollen es noch einmal so richtig ernsthaft wissen.


BLACK SABBATH - 13 (Deluxe Edition) (2013)

Ich persönlich hatte ja gar keine Erwartungen an Black Sabbath, in dem Sinne dass ich sie einfach als Geschichte angesehen und mich mit allen Gerüchten und Querelen um ein neues Album gar nicht beschäftigt habe. Umso schöner, dass sie dieses Jahr tatsächlich diesen Kracher rausgehauen haben.

An Tony Iommi und Geezer Butler hätte ja wohl eh kein Mensch gezweifelt, aber dass sie sich tatsächlich so sehr auf ihre Wurzeln besinnen würden? Doom and gloom und Blues und Riffmacht (fast) überall. Fantastisch! Ein paar Tracks mögen zwar etwas an bestimmte Klassiker erinnern, oder an andere Bands, die es natürlich wiederum vom Original haben. Aber wenn es eine Band auf dem Planeten gibt, die wie Black Sabbath klingen darf, dann ist es natürlich Black Sabbath.

Mit Ozzy ist es bekanntlich eine andere Geschichte... Mit dieser Studioarbeit hat er aber allen Zweiflern mal ganz kräftiig den Mittelfinger gezeigt. So eine rundum gelungene Gesangsleistung (Grundvoraussetzung man kommt mit seiner Stimme an sich klar, versteht sich) hätte ich wahrhaftig nicht erwartet.

Die elf Songs (inkl. drei Bonustracks auf der Deluxe Edition) sind durchweg super und würden jeder als Anspieltipp taugen. Ein perfektes Comeback-Album also?

Eine Sache ist leider ziemlich daneben gegangen. Wenn man schon eine Scheibe mit so viel glaubhaftem Retro-Feeling aufnimmt, warum produziert man sie dann nicht in einem passenden, dynamischen Soundgewand und versucht also den Klang der 70er mit den Mitteln von heute zu optimieren?

Stattdessen hat man sich hier in den Loudness War-Modus begeben und mit der Prämisse "Hauptsache laut laut laut und lauter als der Rest!" gnadenlos aufgerissen und dabei insbesondere die Drums dermaßen komprimiert, dass es nicht mehr feierlich ist. Diese meisterhafte Scheibe hätte so viel hörbarer ausfallen können. Sehr schade.

Und das sage ich als jemand, der das Ding trotzdem noch gerne hört. Ich bin halt gegenüber nicht idealen Produktionen relativ tolerant und lasse mir gute Musik nur schwer verderben. (Liegt mittlerweile vielleicht auch daran, dass mein Hauptsoundproblem grundsätzlich ist, mich nicht von meinem Tinnitus stören zu lassen.)
Aber wenn wirklich alle Zeit und jedes Budget der Welt da ist, um einen Reinfall zu vermeiden, dann finde ich auch ich so etwas ärgerlich. Warum lassen sich eigentlich ausgerechnet immer jene etablierten Künstler, die es überhaupt nicht nötig haben, durch schieren Wumms gegen irgendwen aufzufallen, auf dieses Kaputtgemastere ein?

Und spezielle im Falle Iommi & Co.: die "The Devil You Know" von Heaven & Hell (=Sabbath mit Ronnie James Dio) klang doch auch ohne es zu übertreiben ganz ordentlich.

Man kann nur hoffen, dass sich dieser Trend bald verläuft.


Aber die Songs auf "13" von Black Sabbath: einwandfrei!


Und nur weil ich vergessen habe, es vorher unterzubringen, schließe ich noch mit einem Lob für das Cover der Special Edition. Eines dieser einst sehr beliebten "bewegten" Bilder, bei dem sich je nach Sichtwinkel die Flammen ändern. Schick.



Anspieltipps: Loner, Damaged Soul, End Of The Beginning, God Is Dead?

AYREON - The Theory Of Everything

Was macht man, nachdem man innerhalb von einem Dutzend Jahren mit Armeen von Gastsängern und -musikern in sechs Progmetalsciencefictionrockoperkonzeptalben im Grunde die komplette Geschichte der Menschheit von Anfang bis Ende und darüber hinaus, und dazu noch die Geschichte jener Alienrasse, die für diese Geschichte verantwortlich ist, erzählt hat?

Klar, man beschäftigt sich eine Weile mit anderen Dingen wie z.B. einem vergleichsweise entspannten Soloalbum und haut dann ein Album ausgerechnet mit dem Titel "The Theory Of Everything" raus!



AYREON - The Theory Of Everything (Limited Edition Mediabook) (2013)

Das Covergemälde ist schon mal großartig. Da bereue ich es durchaus etwas, mir nicht die großformatige Artbook-Edition des Doppelablums gegönnt zu haben. Anderseits ist der einzige derzeit verfügbare Regalplatz, um ein Cover in LP-Größe zu feiern auch schon durch Dream Theater belegt.
Die Mediabook-Version inkl. DVD mit "Making Of" und Interviews weiß aber auch zu gefallen. Inside Out wissen einfach, wie es geht.

Und noch etwas fällt beim Auspacken positiv auf, obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der FSK-Aufkleber nicht "rückstandsfrei entfernbar" (ja, klar...) direkt auf dem Cover klebt, sondern einfach ein Blatt Papier miteingeschweißt ist, auf dem neben dem Cover dieser - und auch die Promoinformationen über die mitwirkenden Gastsänger usw. - mit aufgedruckt sind.
Ich finde es eigentlich schon dämlich, dieser Banalität überhaupt einen Absatz zu widmen, aber anscheinend sind die meisten Filmverleihe und Plattenfirmen ja zu doof es so zu lösen - und diese nicht entfernbaren und Cover beschädigenden Sticker gehen mir wirklich gehörig auf den Senkel. Also noch einmal Daumen hoch für Inside Out!


Nun aber zum Inhalt:

"The Theory Of Everything" - Man könnte vielleicht aus dem Titel schließen, dass Meister Arjen Lucassen hier noch einmal den ganz großen Bogen schließen und alle Vorgängeralben des Ayreon-Universums zusammenbringen und erklären möchte. Allein, das hat er ja 2008 auf "01011001" schon getan.

Nein, er lässt die Saga rund um einen mittelalterlichen Seher, die elekrische Festung, Mars, den Traumsequenzer und den Planeten Y hinter sich und fängt mit einer neuen Geschichte an.
In dieser ist die "Theory Of Everything", die große Formel, die alle anderen physikalischen Gesetze beinhaltet, eigentlich nur der MacGuffin, nach deren Erlangen mehrere Protagonisten streben, was wiederum viele der Ereignisse in Gang setzt.

Morgens um 8:49 Uhr: Der Lehrer und das Mädchen betreten den Leuchtturm und finden eine Tafel voller mathematischer Gleichungen und einen jungen Mann, welcher sich in einem katatonischen Zustand in der Ecke zusammengekauert hat. Wie ist es dazu gekommen?

Alles begann elf Jahre früher...
Es folgt eine anderthalbstündige Geschichte über einen Wissenschaftler, seine Frau, ihr gemeinsames autistisches Kind und vier weitere Figuren, die in ihr Leben hineinspielen. Stolz, Rivalität, Ruhmsucht, Liebe, alles dabei, aufgeteilt in 42 (Nerd-Alarm!) Sektionen, die vier jeweils über zwanzigminütige Songs bilden.

Das heißt, auf den CDs sind es tatsächlich 42 Tracks, in der mp3-Version, die man beim Kauf des Albums bei einem großen Versandhändler parallel erhält, sind es vier Tracks, also im Prinzip so wie auch auf der Doppel-Vinyl-Version. Ich finde die zweite Variante auch sinnvoller. Wenn etwas als ein Stück gemeint ist, dann soll man es auch so präsentieren, allein schon weil nicht jeder Player die Tracks ohne kurzes Stocken zwischendrin durchspielt und diese Absätze bei ineinander übergehenden Stücken einfach nerven. U.a. deswegen höre ich z.B. Transatlanics "The Whirlwind" lieber in der Liveversion  (1 Track statt 12).

Aber zurück zur Geschichte. Lucassen hat sich sehr darum bemüht, dass diese zwar einen gewissen Anspruch und Tiefgang hat, aber dennoch sehr leicht verständlich ist. Dazu gehört neben der Konzentration auf relativ wenige Charaktere auch, dass er mit ein paar Gewohnheiten bricht. So wird auf dem kompletten Album nur sehr selten gereimt, denn die Handlung soll sich nicht durch diesen formalen Zwang einschränken lassen.

Der gleichen Logik folgt, dass es kaum Refrains gibt. Das Leben geht weiter und so entwickeln sich auch die Stücke in immer neue Richtungen, bei denen zwar durchaus Erinnerungen an bekannte Motive anklingen, jedoch kein Thema totgeritten wird.

Das sind dann im Prinzip auch die wesentlichen Neuerungen im musikalischen Konzept.
Stilistisch bleibt Multiinstrumentalist Arjen, der die meisten Gitarren und Keyboards und den Bass wie immer selbst eingespielt hat,  dem seit "The Human Equation" eingeschlagenen Weg treu. Die Basis ist also der typische, von Ed Warbys exzellentem Powerdrumming getriebene Mix aus hymnischen Metal und mit prominenten Hammond- und Analogsynthesizer-Sounds veredeltem Progrock. Dem steht auf Augenhöhe eine kräftige von Flöten und Streichern intonierte Portion Folk zur Seite.

Neu in diesem Schmelztiegel sind Passagen, die vom Komponisten Siddharta Barnhoorn komplett im Stile eines Filmsoundtracks arrangiert worden sind und das Klangbild noch einmal um eine epische Komponente erweitern.

Der fragmentarische Charakter dieses Albums mag den Zugang für den einen oder anderen Hörer vielleicht erschweren. Ich persönlich würde sagen, dass er seine größte Stärke, aber gleichzeitig  auch eine kleine Schwäche ist.

Dies ist kein Hitalbum, aus dem sich Singles extrahieren lassen, und doch sind die zahlreichen Teilstücke ja alle wirklich gut bis exzellent. (Als "nur" gut würde ich vor allem jene Passagen bezeichnen, die schon einwenig zu vertraut klingen. Natürlich soll wo Ayreon draufsteht auch Ayreon drin sein, aber wenn sich z.B. in einer Balladenpassage weibliche Gesangsstrophen mit Flöte abwechseln, klingt das hier schon sehr nach Ideenrecycling. Sowas kommt allerdings in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft vor.)

Konzentriert man sich nur auf die Musik, dann erfordert "The Theory Of Everything" schon einiges an Aufmerksamkeit und bei einigen Übergängen vielleicht sogar Nachsicht, wenn man merkt, dass es für einige Sekunden hauptsächlich darum geht, irgendwie elegant in die folgende Tonart zu kommen.
Doch folgt man der Handlung, dann ist das alles ganz logisch und nachvollziehbar.

Der einzige echte Kritikpunkt (und das auch auf hohem Niveau) sind für mich die Promi-Solos. Klar, Keyboards von Rick Wakeman, Keith Emerson und Jordan Rudess, sowie ein Gitarrengastspiel von Steve Hackett auf einer Scheibe zu versammeln ist eine Referenz, und die Soli sind auch wirklich oberklasse, gar keine Frage. Jedoch sind sie mir viel zu kurz. Es wäre viel stärker gewesen, die Soli als ausladene Gegenpole zum sonstigen, ständig voranschreitenden Albumgeschehen aufzubauen. So setzen sie sich einfach noch zu wenig ab und wirken bisschen verschwendet.


Bleibt noch das Gesangsensemble. Nach seinem Soloalbum wenig überraschend verzichtet Arjen Lucassen auf eine eigene Rolle und überlässt das Feld zwei Damen und fünf Herren, die ihren Job fabelhaft erledigen. Eine der größten Stärken Lucassens war ja sowieso schon immer, aus seinen Gastsängern Höchstleistungen herauszuzaubern. Für mich ist der Mix aus alten Hasen und Newcomern diesmal sehr frisch. Bis auf John Wetton von King Crimson kenne sie nur beiläufig, gar nicht oder finde ihre eigentlichen  Bands - Kamelots Tommy Karevik singt die Hauptrolle - sogar ganz furchtbar.

In diesem Cast jemanden besonders hervorzuheben ist fast unfair. Insbesondere der bis zu enormen Höhen vordringende Michael Mills und Lacuna Coils Cristina Scabbia als Vater und Mutter bleiben allerdings besonders eindringlich in Erinnerung.


Fazit: "The Theory Of Everything" ist unverkennbar Ayreon, schlägt aber auch überraschende neue Richtungen ein. Wenn auch durch seinen Rockoper-Charakter nicht wirklich vergleichbar, gehört es für mich ins diesjährige Prog-Triumvirat, auf Augenhöhe mit den aktuellen Studiowerken von Dream Theater und Steven Wilson.


Anspieltipps... sind hier wirklich sinnlos. Anders als von vorne nach hinten darf man dieses Album ohnehin gar nicht hören, sonst kommt Knecht Progrock mit der Rute.

2013-12-08

STEVEN WILSON - The Raven That Refused To Sing (Limited Edition)

Ich könnte mich dieses Jahr gewiss über vieles Beschweren, aber mit Sicherheit nicht über einen Mangel an hervorragenden neuen CDs in meiner Sammlung. Die meisten davon, welche auch 2013 erschienen sind, habe ich an dieser Stelle schon rezensiert. Ein paar besondere Perlen fehlen allerdings noch.

Eine davon stammt von einem Musiker der in meiner Wahrnehmung bisher ähnliche Probleme hatte wie sein Kumpel Mikael Åkerfeldt von Opeth, nämlich Steven Wilson. Auf dem Papier müsste dessen Band Porcupine Tree zu meinen Lieblingen gehören, und ich habe auch schon einige Songs gehört, die sehr sehr gut sind. Aber um mir eine CD von ihnen zu kaufen, dafür hat es irgendwie noch nicht genug gekickt. Vielleicht ist alles einen Tick zu clean und perfekt, ich weiß es wirklich nicht.

Als ich jedoch das Video zum Titeltrack seines Soloalbums sah, wusste ich sofort, dass ich es haben muss.





STEVEN WILSON - The Raven That Refused To Sing ... and other stories (2013)

Wie der Titel schon sagt, erzählt jeder der sechs Songs auf diesem Album eine (fiktive) Geschichte. Und über jede dieser Geschichten ließe sich wiederum eine eigene kleine Geschichte schreiben. Das möchte ich allerdings nicht tun.

Stattdessen will ich so kurz wie möglich auf den Punkt bringen, was "The Raven That Refused To Sing" meiner Meinung nach vor allem ist, nämlich nicht weniger als ein Remake im Geiste eines der für Prog-Fans ikonenhaftesten Alben aller Zeiten - King Crimsons 1969er Debüt "In The Court Of The Crimson King".

Es handelt sich aber zum Glück keineswegs um ein Ripoff. Vielmehr wird sehr deutlich, dass sich Wilson in den letzter Zeit als Produzent (Remaster der King Crimson-Klassiker) eben sehr intensiv mit seinen Idolen auseinandergesetzt hat.

So spielen im Instrumentarium der hier vorgestellten Progrock-Epen mit relativ kleinem Gesangsanteil nicht nur die klassischen Rockinstrumente eine große Rolle, sondern ebenso Flöten, Klarinette und Saxophon.
Und wahrscheinlich der Hauptgrund, warum mir der Vergleich schon beim allerersten Durchlauf in den Sinn kam, ist das neben Hammond und weiteren Keyboards ebenso eingesetzte Mellotron, bei dem es sich tatsächlich um exakt dasselbe Originalinstrument handelt, welches Robert Fripp und Co. damals eingesetzt haben.

Und dann ist da diese ungebändigte Spielfreude. Vor allem Schlagzeuger Marco Minnemann, der mir - wie so vielen - abgesehen von einigen Youtube-Videos erst richtig seit dem berühmten Portnoy-Nachfolger-Casting von Dream Theater ein Begriff ist, bringt eine unnachahmliche Frische in den Sound.
Ich kenne keinen anderen Progrockdrummer von Weltklasse, der selbst die anspruchsvollsten Rhythmen so spontan klingen lässt. Manchmal nah am Wahnsinn klingt es immer so, als wäre der Kerl einfach gerade phänomenal gut drauf und würde das alles im ersten Take einfach so aus dem Ärmel schütteln.

Und dann sind da natürlich noch Bass / Chapman Stick, die Gitarren von Guthrie Govan und dem Meister selbst, die geschmackvollen Streicher. Kompositorisch und instrumental ist dieses Album einfach ein Traum, welches immer die richtige Balance zwischen technischem Anspruch und emotionalen Erfordernissen der Geschichten hält.
Zur Stimme dieser Geschichten habe ich noch gar nichts gesagt. Zwar ist Steven Wilson als Sänger vielleicht eher ein introvertierterer Charakter, doch dies hat er eindrucksvoll kultiviert, und außer uneingeschränktem Lob fällt mir zu seiner Darbietung nichts ein.

Die Produktion ist in Zeiten des Komprimierungswahns (auch Loudness War genannt) eine Wohltat für die Ohren und zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, chartkompatibel, absolut up to date und eben doch kompromisslos dynamisch mit großen Laut/leise-Unterschieden zu klingen.
In dieser Hinsicht dürften sich so einige Scheiben eine Scheibe von "The Raven" oder dem für mich auch im Gesamteindruck verwandten, wenn auch etwas räudigerem Auberginen-Album von Motorpsycho abschneiden.

"The Raven That Refused To Sing" ist ein zeitloses Progrock-Meisterwerk, welches dieses Jahr noch lange überdauern wird. Hier stimmt einfach alles.

Als i-Tüpfelchen ist auch das Artwork, welches die Musik sehr passend visualisiert, klasse.

Die Special Edition enthält zudem noch eine Bonus-DVD mit einem Making-Of-Video und einem hervorragenden Surround-Mix des Albums.

Nur dass das tolle Video zum Titelsong fehlt, finde ich etwas schade.


Anspieltipps: Holy Drinker, The Raven That Refused To Sing, Luminol

2013-12-07

HOWARD SHORE - The Hobbit : The Desolation of Smaug (Soundtrack)

The same procedure as last year...

Nächste Woche kuck ich mir - trotz mich sonst aus Kinos fern haltender deutscher Fassung und dritter Dimension - den zweiten Teil vom "Hobbit" im Kino, worauf ich mich nun schon ein wenig mit dem Soundtrack von Howard Shore einstimme.

Und schon damit es im Regal neben die drei Soundtracks von "The Lord Of The Rings" und dem ersten Teil des "Hobbit" passt, muss es natürlich die 2-CD-Special Edition sein.


HOWARD SHORE - The Hobbit : The Desolation Of Smaug (Original Motion Picture Soundtrack - Special Edition) (2013)

Die CD-Hülle hält sich vom edlen Design her natürlich an den Vorgänger, leider hat sich aber auch bezüglich der enttäuschenden Ausführung - viele zu enge Papphülle, die bei jeder Herausnehme der Tonträger zu zerreißen droht - nichts geändert.

Dafür ist das Booklet wieder sehr umfangreich geraten, mit vielen Bildern und liner notes. Dazu gibt es das Miniposter eines Notenblattes, welches sich mit irgendeinem Smartphone-Gedöns noch interaktiv blablubb... ich habe kein iDings und lebe appfrei, also kurz gesagt: ausgelagertes Bonusmaterial. Kann demnach weg.

Zum Score an sich muss man eigentlich nicht viel sagen. Der grundsätzliche Stil mit seinem tosenden Orchesterbombast, ätherischen Chören usw. ist ja nun seit vier langen Spielfilmen bekannt.

Im Gegensatz zum ersten Teil gibt es hier aber sehr viel mehr komplett neues zu hören. Shore orientiert seine musikalischen Themen ja vor allem an Schauplätzen, Völkern und Figuren. Und anders als der erste "Hobbit"-Teil, der ja großenteils auf ähnlichen, wenn nicht sogar denselben Pfaden wie "Die Gefährten" spielt, bekommen wir es in "The Desolation Of Smaug" ja haufenweise mit Orten und Charakteren zu tun, die bisher noch nie auf der Leinwand zu sehen waren.

Deswegen werden bis auf ein kurzes Anklingen des Hobbit/Auenland-Themas keine Herr-der-Ringe-Melodien aufgewärmt, und auch das "Misty Mountains"-Thema, welches den letzen Film dominierte, ist mit dem Überqueren des Nebelgebirges erledigt und findet hier nicht mehr statt.


Inklusive der special-edition-bedingten erweiterten und Bonus-Tracks befinden sich auf diesem Soundtrack also über zwei Stunden neue Themen im vertrauten Klanggewand.

Jetzt kann man nur hoffen, dass es diesmal auch alle Tracks tatsächlich in dieser Form in den Film geschafft haben. Die Stelle in "An Unexpected Journey", wo inhaltlich vollkommen unpassend beim Kampf Thorins gegen den weißen Ork das Nazgûl-Thema recycelt wird, finde ich nämlich wirklich ärgerlich.

Die Tradition das Abspannsongs, der den Film inhaltlich mit dem nächsten Teil verbindet, wird natürlich fortgesetzt. Allerdings kann "I See Fire" von Ed Sheeran weder mit dem "Song Of The Lonely Mountain", geschweige denn mit den Liedern der Herr-der-Ringe-Trilogie mithalten. Der Gesang dieser Giatrrenballade ist mir irgendwie einfach zu unmittelerdisch.

Der Rest der beiden Scheiben funktioniert als Vorfreudegenerator aber exzellent.

Anspieltipps: Flies And Spiders, The Forest River, Girion Lord Of Dale, Inside Information, The Hunters

2013-11-20

THE HIRSCH EFFEKT, YOUR DYING TRUTH, SODIUM & UR live in Kiel (16.11.2013)

Oha, es ist ja schon wieder Mittwoch. Und da war ja letzten Samstag noch ein Konzert in der guten Alten Meierei in Kiel.

The Hirsch Effekt, die mich letzten Monat erst im Vorprogramm von The Dillinger Escape Plan beeindruckt hatten (und von denen ich mir zwischenzeitlich auch beide Alben besorgt habe), spielten dort nämlich als Headliner.

Zunächst einmal begann der Abend jedoch mit Ur, von denen ich leider nur noch das immerhin an sich schon ziemlich lange Finale des letzten Songs mitbekam. Konsequenter wallofsoundiger Doom, von dem ich gerne mehr gesehen hätte. Aber bei vier Bands muss man eben zeitig anfangen...

Die nächsten beiden Gruppen Sodium und Your Dying Truth spielen beide einen großenteils aggressiven, das harte Genre aber ab und zu auch mal ganz verlassenden Metal/Core-Mischmasch, der sich nicht groß darum kümmert, in welchem Stil er gerade daherkommt. Von Sodium ist mir besonders eine potthässlich giftgrüne Gitarre in Erinnernung geblieben, von YDT eher die LEDs am Bass.
Die Sänger beider Bands waren als Shouter ok, mir aber insgesamt zu limitiert. Ansonsten jedoch ordentliche Bands.

Schwierigkeiten mit dem Gesang haben einige Leute ja auch bei The Hirsch Effekt. Also nicht mit dem Schreien und Grunzen, sondern mit dem indierockigen Klargesang. Aber ich finde, dass man gerade live irgendwie schon kapiert, warum das so sein muss.

Und die Musik, dieser wahnwitzige Mathcore/Metal/Postrock/undhastenichtgesehn-Mix ist absolut over the top und wird mit beeindruckender Präzision vorgetragen.
Der Nachteil von einer LKW-Ladung von Effekten an den Saiteninstrumenten ist nur, dass man eine Weile brauchen kann, um das defekte Kabel zu finden. Dennoch haben die drei Hannoveraner die eine technische Panne im Set sehr sinnvoll überbrückt.

Anderseits hatte das Equipment-Nerdtum der Band wohl auch Anteil daran, dass der Sound von The Hirsch Effekt vielleicht der beste war, den ich bisher in der Meierei gehört habe. Und das bei in dieser Beziehung nicht gerade anspruchsloser Musik. Extrem gute Extremmusikgruppe!

Alles in allem ein rundum gelungenes Konzert - und das für nur 7 Euro Eintritt bei 4 guten bis hervorragenden Bands!







2013-11-14

JESU - Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came

Wow, vierzehn Alben und/oder EPs aus neun Jahren Jesu sind es nun schon, die sich auf meinem Player tummeln. Der letzte stoffliche Tonträger war 2011 das Album "Ascension", doch seitdem habe ich meine Sammlung noch um "Christmas", "Duchess / Veiled", "Sundown / Sunrise" und "Pale Sketches" erweitert, die allesamt nur (noch) als Download zu haben sind. Besonders die beiden letztgenannten würde ich zum Fan-Pflichtprogramm zählen.

Doch nun zum aktuellen Output mit dem längsten Titel in der Jesu-Geschichte:



JESU - Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came (2013)

Formal liegt Justin K. Broadricks neuester Streich mit fünf Tracks und einer Spielzeit von knapp über vierzig Minuten irgendwo zwischen seinen EPs und Alben.

Personell ist die Band mal wieder sehr überschaubar geraten, will sagen: der Meister hat alle Instrumente selbst eingespielt. Bis auf einen Track, doch dazu später...

Musikalisch steht nach Sekunden fest, welche Band man hört, und doch hat das Album wie alle seine Vorgänger eine ganz eigene Identität.

"Every Day" hat zwar ein paar Ausbrüche von saiteninstrumentalem Geranze, ist überwiegend jedoch ein relativ ruhiges, spielerisch anspruchsvolles, sehr feinfühliges, elegisch postrockendes Shoegaze-Album geworden. Leicht zu verdauen ist es deswegen allerdings nicht, da es sich gerade in den ruhigen Passagen extrem beim Stilmittel der kultivierten Dissonanz bedient. Da klingt alles leicht verstimmt, es leiert mitunter wie in einem defekten Kassettenrekorder. Und diese Effekte sind genau so dosiert, dass sie um den eigentlich schönen Kern der Songs herum ein hypnotisches Spannungsfeld bilden.

Tatsächlich ist das, was Herr Broadrick hier anstellt, ganz große, gereifte Klangkunst. Entsprechend avantgardeoffene Ohren vorausgesetzt natürlich.

Höhepunkt des Albums ist nach dem reduzierten Titelsong der über siebzehnminütige Longtrack "The Great Leveller", in dem - als einziger Gastmusikereinsatz - ein Ein-Mann-Streicherorchester die schiefschöne Melancholie von Jesu langsam und erhaben zu ihrer größten Blüte treibt.

Das kürzeste Stück "Grey Is The Colour" bleibt als Abschluss danach ein wenig blass. Aber das liegt vielleicht auch nur an der Farbe.

Mein Gesamturteil fällt ganz klar aus:
"Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came" ist graues Gold!


Anspieltipps: The Great Leveller, Comforter

2013-11-12

DEATH, OBSCURA & DARKRISE live in Hamburg (11.11.2013)

"Wir sind Obscura und wir spielen Death Metal."

Das brachte das Motto des gestrigen Abends im hamburger Grünspan eigentlich ganz gut auf den Punkt.

Tatsächlich begann das Konzert schon sehr gut mit den schweizer Deathmetallern Darkrise. Dann folgten die in allen Belangen extrem von Death beeinflussten Deathmetaller Obscura mit einer beeindruckenden brutaltechnischmelodiösen Vorstellung.

Und dann als Headliner tatsächlich, leibhaftig Death!

Also mehr Death an einem Montagabend geht nicht.


Natürlich waren es ohne den 2001 verstorbenen Mastermind Chuck Schuldiner nicht die wirklich echten Death - aber doch eine der größtmöglichen Annäherungen.
Da Schuldiner die Besetzung seiner Band ja häufig rotieren ließ, gibt es eine ganze Menge ehemaliger Death-Studio- und Tourmitglieder. Mit einem ganzen Tross davon reiste bereits die Tribut-Band Death To All durch die Vereinigten Staaten. Da diese Tour jedoch einen Rechtsstreit mit zahlungsunwilligen Promotern (oder so ähnlich, habe keine Lust, das nochmal nachzurecherchieren) nach sich zog, ist den Machern die Lust auf diesen Namen vergangen, so dass die jetzigen Konzerte einfach unter dem Originalbandnamen firmieren.

"We are the Human form of Death."

Die Gruppe, die nun noch bis Ende November durch Europa tourt, ist personell etwas übersichtlicher und es handelt sich mit den beiden Cynic-Chefs Paul Masvidal und Sean Reinert, sowie Bassist Steve DiGiorgio - und somit um das Line-Up des "Human"-Albums von 1991.
Die Rolle von Chuck an Gitarre und Mikrofon übernimmt Max Phelps, ansonsten Tourmitglied von Cynic, die somit auch fast komplett auf der Bühne stehen.

Dass dieses Musikeraufgebot der Aufgabe gewachsen sein würde, war natürlich klar. Trotzdem hat mit gerade Phelps doch sehr positiv überrascht, war er mit seiner Stimme doch schon sehr nah am Original.
Steve DiGiorgio am Bass ist eine Macht für sich, wie er seine beiden Fretless-Bässe bearbeitet, von denen der eine sechs, der andere - mal ganz eigen - nur drei Saiten hat. Unzweifelhaft ein Urtyp mit unverwechselbarem Stil.
Reinert und Masvidal spielten brilliant wie immer, auch wenn der Gitarrist zeitweise mit technischen Problemen zu kämpfen hatte.

Überhaupt hakte es mit Sound und Technik manchmal etwas. Vielleicht müssen sich ein paar Dinge auch erst einspielen. War ja der erste Tag der Tour.
Zwischen den Liedern waren die Pausen manchmal etwas lang - aber das macht eigentlich nichts, wenn man bedenkt, wie es früher mit Chucks Stimm- und Beratungsorgien war. Wer Death z.B. wie ich 1998 in der Markthalle gesehen hat, weiß wovon ich spreche...   Dazu gab es zwischendurch noch eine Schuldiner-Slideshow.

Bei der Songauswahl wurde alle sieben Alben berücksichtigt. Ich habe Leute gehört, die mit der Setlist unzufrieden waren, aber es liegt wohl in der Natur der Sache, dass man es nicht allen Recht machen kann.
Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätten sie ja auch noch mehr vom letzten Album "The Sound Of Perseverance" gebracht.
Bei "Spirit Crusher" von eben diesem kamen dann übrigens mit dem Sänger/Gitarrist und Drummer von Obscura doch noch weitere Musiker auf die Bühne- und machten ihre Sache ausgesprochen gut.


Insgesamt war es ein sahne Konzert. Viel Death und Death und großartige Musik!

Auch wenn diese Tour sicherlich mit daran Schuld ist, dass das neue Cynic-Album erst im Februar erscheint - Vielen Dank dafür!

2013-11-09

EXIVIOUS - Liminal

Schade, dass ich das Crowdfunding für dieses Album verpasst habe. Da bekam man nämlich die Software, die extra für das Cover entwickelt wurde und konnte sich sein eigenes exklusives Poster erstellen. Aber man kann halt nicht alles haben...

Handsigniert ist mein Exemplar immerhin auch. Und ich habe noch nie ein CD-Artwork gesehen, in das sich Autogramme so nahtlos eingefügt hätten.


EXIVIOUS - Liminal (2013)

Eigentlich gilt für das zweite Album der vier Niederländer um die zwischenzeitlichen Cynic-Musiker Tymon Kruidenier und Robin Zielhorst so ziemlich alles, was ich schon über das selbstbetitelte Debütalbum geschrieben habe. Aber ich will ja nicht zu faul sein, deswegen formuliere ich es nochmal neu. Und ein paar Dinge haben sich ja doch leicht geändert...

Exivious sind eine Instrumentalband und stehen im Grunde in der Tradition großer Jazz/Fusion-Künstler der 70er wie Return To Forever oder Mahavishnu Orchestra, welche enorm spielfreudig verschiedenste Stile mit Leichtigkeit zu einem aufregendem Ganzen verschmolzen haben. Nur steht hier neben dem Jazz nicht der klassische Rock, sondern progressiver Death-Metal der Marke Death / Cynic / Pestilence (bei denen der neue Drummer Yuma van Eekelen vorher gespielt hat) Pate.

Im Vergleich zu Debüt gibt es noch einige Passagen mehr, bei denen Atmosphäre vor wildes Gefrickel geht, so ist z.B. "Movement" weitaus mehr schwebender Post-Rock als Jazz oder Metal.

Insgesamt ist "Liminal" eine bei aller Nerdigkeit doch sehr zugängliche und mitreißende Wundertüte, auf der man zu gleichen Teilen staunen und sich an zahlreichen Ohrwürmern erfreuen kann.

Besonderer Höhepunkt ist das phänomenale Gast-Saxophonsolo auf "Deeply Woven".

Schwächen kann ich mir beim schlechtesten Willen gar keine aus den Fingern saugen.

Ein phantastisches Album!



Anspieltipps: Deeply Woven, Entrust, Movement, Open