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2019-11-13

JOHN COLTRANE - Blue World

Ok, die Jazzheads und Coltrane-Cats unter euch kennen die Story ja eh, also machen wir's kurz:

1964. Der Frankokanadier Gilles Groulx dreht seinen ersten Low-Budget-Arthouse-Spielfilm "Le Chat dans le sac" über das Ende der Beziehung eines mächtig möchtegern-intellektuell abledernden Paares (sprich: interessant gefilmte, aber teilweise auch anstrengende Kost) und fragt einfach mal den Jazzgiganten John Coltrane, ob er für ihn den Soundtrack einspielen würde.

Coltrane hört sich das Konzept an, hat Bock, geht für ein paar Stunden mit seiner Band ins Studio und drückt dem Filmemacher danach das Tape in die Hand.

Das Resultat ist am Ende dieser Film (hier auch mit englischen Untertiteln):





Bei Coltranes Plattenfirma ist die Session nirgends offiziell eingetragen, und da der Film zwar ein erfolgreicher Karrieregrundstein wird, außerhalb des französischsprachigen Raums jedoch kaum Beachtung findet, geraten diese Aufnahmen aus demselben Jahr, in dem sich der Saxophonist mit "A Love Supreme" endgültig unsterblich machen sollte, für lange Zeit beinahe in Vergessenheit.


Fast forward ins neue Jahrtausend: Durch die Digitalisierung geraten alte Filme wieder stärker in die Öffenlichkeit. Fans erkennen Stücke von John Coltrane, doch es nicht die bekannten Studio- oder Liveversionen....

Voilà!
Das Film Board of Canada zückt das Originaltonband.
Ein neues Coltrane-Album anyone?
Und alle natürlich so: Yaaay!






JOHN COLTRANE - Blue World (LP) (2019)


Ich persönlich war ja zunächst, wie immer bei posthumen Veröffentlichungen, etwas skeptisch. Denn wenn Studiomaterial zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wird, hat dies in der Regel ja auch den ganz einfachen Grund, dass es schlicht nicht gut genug war, die Erben oder musikalischen Rechteinhaber jedoch Geld gebrauchen können.
(Ich will ja nichts unterstellen, aber wer ist für den komischen Miles Davis-Murks verantwortlich, der dieses Jahr der Welt zugemutet wurde?)

In diesem Fall hat zur Zeit der Aufnahmen aber vermutlich niemand überhaupt an eine weitere Verwendung der Musik gedacht, war Coltrane im Kopf doch stets schon drei Schritte weiter als sein aktuelles Projekt und ein schneller Nachschub an Tonträgern ohnehin gesichert.

Und dann war da natürlich die Tatsache, die nebenbei wiederum zu meiner Skepsis beigetragen hat: Es waren einfach zu wenige Songs für ein Album, und dann noch ausschließlich Material, welches bereits in anderer Form bekannt war.

Schaut man sich die Tracklist der nun erschienenen LP an, liest es sich auch eher wie EP mit Bonustracks, sind unter den acht Stücken doch gleich zwei Takes von "Naima" (vom Album "Giant Steps") und sogar drei Takes des "Village Blues" ("Coltrane Jazz") zu hören.

Für Jazz-Supernerds sind natürlich sowohl die verschiedenen, wirklich immer etwas unterschiedlich angegangenen Versionen, als auch die einmalige Chance, Coltrane im Studio alte Stücke neu auflegen zu hören, verlockend. Aber für mich?


Ich bin gerade in den letzten Monaten ziemlich coltrane-besessen geworden und erweitere mal hier, mal da je nach Gefühl und Preis des Albums meine Sammlung. Die Favoriten wechseln dabei gerne (z.Zt. würde ich sagen "Stardust", die "Afro Blue Impressions" und "My Favorite Things"), und da jedes Werk so reichhaltig ist, sehe ich grundsätzlich kein Bedürfnis, dabei zu überpacen.
Sprich: der größte Teil der Diskographie liegt immer noch vor mir. Von daher war ich mir zunächst ziemlich sicher, "Blue World" nicht zu brauchen.

Dann allerdings habe ich die Musik gehört!
Und Coltrane hat hier selbst in schnelleren Solopassagen stets einen dermaßen warmen, samtweich perfekten Ton, dass mir schon deswegen jenseits aller anderen Überlegungen schnell klar war, dass ich an dem Ding - anders als noch letztes Jahr beim wiederentdeckten "Both Directions At Once" - wohl nicht vorbeikomme.

Diese Zeit ist der Zenit des legendären Quartetts mit McCoy Tyner (Klavier), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Drums), und tatsächlich spielt die Band dynamisch und perfekt geölt ohne Ende. Ein paar Tuschs strapazieren leicht übermotiviert den Pegel, so wie überhaupt auf dem Backcover gewarnt wird, dass etwaige Unregelmäßigkeiten des Tonbandes Teil der historischen Natur des Materials sind - doch ernsthaft: Am Sound gibt's hier faktisch nichts zu meckern. Ich fühle mich, als stünde ich direkt vor der Band, was will ich mehr?


Fazit: Coltranees, greift zu! Verkehrt macht ihr hier nichts.


Und an alle Jazznovizen, die noch weniger Ahnung von der Materie haben als ich und sich fragen, wie ein vor einem halben Jahrhundert verstorbener Saxophonspieler heute noch solche Wellen schlagen kann:

John Coltrane ist trotz seiner leider zu früh beendeten kurzen Wirkungszeit (aber Himmel, die Beatles als aktive Band gab es nur sieben Jahre!) ein Jahrhundertkünstler. Wer sich grundsätzlich als an Musik interessiert versteht, auch wenn er/sie (noch) keinen Zugang zu Jazz hat, kommt um Coltrane früher oder später kaum herum.

Wie man in sein Werk am besten einsteigt, dafür kann ich keine allgemeingültige Formel anbieten. Als Partner von Miles Davis hat er u.a. auf "Kind Of Blue" schon Musikgeschichte geschrieben. Seine ersten Gehversuche als Bandleader sind zumeist leicht zugänglich, das Quartett in der hier präsenten Form gilt als eine der aufregendsten Livebands aller Zeiten.
Nach "A Love Supreme" allerdings war Coltrane sowohl Kritikern als auch Zuhörern manchmal zu weit voraus, d.h. es gibt schon mal schrille avantgardistische Töne zu hören, die für die meisten Normalhörer unter "Das ist doch keine Musik mehr!" fallen. Gerade das mag für vereinzelte Krachfreunde aber auch eine gute Brücke zum traditionelleren Jazz sein. Mir zumindest ging es ähnlich. Aber Obacht: "Ascension" zum Beispiel hat bis heute noch kein Mensch komplett verstanden.

Schon aus Gründen der abwechslungsreicheren Tracklist anderer Alben würde ich "Blue World" nur empfehlen, wenn man bereits mit einem Bein im Coltranekosmos steht schwebt. Sollte es aber dazu kommen, dass ein Neuling das Ding in die Finger bekommt: Macht euch keine Sorgen! Alles ist gut.








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