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2019-11-12

SWANS - Leaving Meaning

Don't call it a comeback! Und erst recht keine Reunion.

Komischerweise hat es nicht jeder mitbekommen, aber Michael Gira hat die Swans nach der Tour zum letzten Album ausdrücklich nicht aufgelöst.

Das seit der tatsächlichen Reunion im Jahr 2010 über vier Studioalben und ständige Touren beinahe komplett stabile Line-Up allerdings ist Geschichte. Und hat damit um ein vielfaches länger gehalten als irgendeine andere Form der Band, die sich in den Achtziger und Neunziger Jahren fast auf jedem Album und jeder Tour irgendwie umgewälzt präsentierte.

Kein Wunder also, dass um das Ende dieser Swans-Inkarnation eine große Welle gemacht wurde. Aber war diese Welle vielleicht etwas zu tsunaminös?

Natürlich ging es dabei auch darum, das Publikum in die letzten gigantisch lärmmaximalistischen Liveshows jener Besetzung zu locken. Wie groß der Bruch zur nächsten Tour sein wird, das muss sich natürlich noch zeigen.

Im Studio jedenfalls ist das neue Album "Leaving Meaning" trotz aller Neuerungen immer noch nicht nur eindeutig als Swans-Werk erkennbar, sondern auch eine durchaus folgerichtige Fortsetzung des Kurses, der zuletzt von "To Be Kind" über "The Glowing Man" führte.





SWANS - Leaving Meaning (2LP) (2019)


Also, was ist anders? Was ist vertraut?

Zunächst ist "Leaving Meaning" kleiner als die vorhergehende Monumentalschinkentriologie. Es ist also "nur" ein normales Doppelalbum aus zwei LPs. Auch die Songlängen sind dramatisch geschrumpft: Ein Drittel der Tracks überschreitet zwar noch die Zehn-Minuten-Grenze, allerdings nur geringfügig bis maximal zwölf Minuten.

"Leaving Meaning" ist auch leiser, mehr um den Gesang zentriert und ohne die ganz ohrenbetäubende, unbegrenzte Eskalation.

Objektiv bedeutet das bisher Gesagte allerdings nur, dass wir es immer noch mit einem ziemlich langen Album voller epochaler, zeitweise enorm aufbrausender Longtracks zu tun haben.


Die Basis der meisten Stücke ist allerdings schon eher angespannt lauernd und manchmal tatsächlich "balladesk", was im Zusammenhang mit dieser Band komischer klingt als es ähm... klingt, und Erinnerungen an die ruhigere Gothic-Phase oder auch die Angels Of Light provoziert. Schon dadurch, dass man klanglich den unfassbar perfekten und doch nicht glattgebügelten Produktionen der letzten Alben treu bleibt, wird "Leaving Meaning" aber nicht zum Nostalgiefest und zeigt diese Seite der Swans in einem neuen Licht.

Schaut man sich das reiche Personal des Albums an, so sieht man u.a. mit Thor Harris, Norman Westberg, Phil Puelo und Kristof Hahn überraschend viele vertraute Gesichter aus der gerade beerdigten Besetzung. Das Album-Line-Up wechselt allerdings von Song zu Song (wobei sich die Credits teilweise ein wenig schwammig geben) und beinhaltet daneben auch viele frische Gesichter.

Besonders erwähnen muss man sicherlich das australische Advantgarde-Jazz-Trio The Necks, welches komplett den Titelsong und "The Nub" instrumental dominiert, Transgender-Musikerin Baby Dee, welche in letztgenanntem Stück den Leadgesang übernimmt, und natürlich die Von Hausswolff-Schwestern Anna und Maria, die gleich drei Songs mit unverkennbarem, gespenstisch-exzentrischen Chorgesang veredeln.

Nur mit Bass- und Geräuschcredits auf dem Download/CD-Bonustrack "Some New Things" vertreten, indes bereits als Teil der kommenden Livebesetzung angekündigt, ist die mir vor allem durch ihr Duo Insect Ark bekannte Dana Schechter.
Und auch wenn ich mir bezüglich ihrer Liveperformance keine Sorgen mache, hat sie hier leider die schwächste Nummer zum Partizipieren abbekommen. Das flotte Stück im "Great Annihilator"-Stil ist etwas zu gleichförmig geraten und kann anders als ein, zwei weitere Tracks nicht durch den Kontext im gesamten Album aufgewertet werden.

Der Kontext ist übrigens in digitaler und analoger Form etwas unterschiedlich, da gleich beginnend mit dem Inro "Hums" die Songreihenfolge dem Schallplattenformat angepasst werden musste. Klar favorisieren mag ich allerdings keine der beiden Konstellationen.

Dafür ist das allermeiste, was auf diesem Album zu hören ist, auch einfach zu gut. Und es ist eine sowohl klanglich als auch kompositorische große Bandbreite, die hier abgedeckt wird.
Zwischen ruhigen, mal dunkelromantischen ("Annaline"), mal countryhaften ("It's Coming It's Real") Tracks über das nicht nur vom Titel her an Dead Can Dance erinnernde "Amnesia" und unnachgiebiges Material, welches mal wie in "The Hanging Man" an die direkten Vorgängeralben anknüpft, mal wie in "The Nub" darüber hinausgeht oder wie im Finale "My Phantom Limb" in schizophren überladenen Wahnsinn mündet, lässt einem "Leaving Meaning" wenig Gelegenheit, Langeweile zu verspüren.

Der allergrößte Unterschied zur vergangenen Phase - und das war ja auch so angekündigt -, ist die größere Präsenz des Gesangs in allen Formen. Lyrisch bleibt Gira dabei zumeist ähnlich diffus und verfällt auch wie gewohnt hier und da in beschwörerische Extase, die ihn in Zungen sprechen lässt. Aber es ist halt beinahe ständig Gesang da, und ihm zugunsten wird am Anrühren der existenziell erschütternden Kakophonie diesmal gespart.

Ich finde das nachvollziehbar und gut. Wer die Flugzeugträgergeräuschpegel von "The Seer" ff. dennoch vermisst, dem empfehle ich, einfach mal der B-Seite des aktuellen Dead Neanderthals-Werkes zu lauschen.

Wie gesagt - etwa ein Viertel der Songs fällt im Vergleich schon ein bisschen ab. Davon abgesehen stört mich aber nur, dass Michael Gira im ruhigeren Modus nicht etwas häufiger von seinem knarzigen Komfort-Sprechgesangschema abweicht.

Insgesamt jedoch ist "Leaving Meaning" halt ein sehr gutes Swans-Doppelalbum, also eine Macht, gegen die sich kaum anstinken lässt.


Optisch glänzt die LP mit gewohnter Young God Records-Designqualität und Haptik, enthält einen Lyrik- und Credits-Sheet sowie ein Poster. Alles super, auch wenn ich meine Hülle nachkleben musste.




Abschließend sei für Sammler mit lockerer Geldbörse noch erwähnt, dass es auch dieses Mal im Vorfeld für Crowdfunder eine individuell handgemacht gestaltete CD gegeben hat. Nicht mit Livestücken, sondern mit solo eingespielten Demoversionen der meisten Albumtracks.

Ist mir persönlich aber zum derzeit abgerufenen Preis nicht essentiell genug. Das Kapital würde ich bei lückenhafter Sammlung eher in das fabelhafte Livealbum "Deliquescence" investieren.









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