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2019-11-02

ÜBERJAZZ Festival 2019, Kampnagel, Hamburg (Pre-Opening Night, Mittwoch, 30.10.) mit SUN RA ARKESTRA, THE COMET IS COMING und SALAMI ROSE JOE LOUIS

The Comet Is Coming


Nachdem ich letztes Jahr u.a. Pharoah Sanders und Yazz Ahmed auf dem fantastisch produzierten Überjazz Festival erlebt hatte, war es klar, dass die Veranstaltung auch diesmal auf meinen Radar gehörte.
Ebenso klar blieb allerdings die Tatsache, dass mir der Eintritt fürs komplette Festival plus mehrmalige An- und Abfahrt und was sonst noch so dran hängt, zusammen ein bisschen happig war, so dass ich mich wieder für einen Tag entscheiden würde. Und diesmal gab es zusätzlich zum Freitag und Samstag sogar noch eine Pre-Show, allerdings nicht am Donnerstag (=Feiertag), sondern bereits am Mittwoch.

Und da an jenem Tag nicht nur das im Quadrat legendäre Sun Ra Arkestra, welches mich letztes Jahr im August weggeblasen hatte, sondern auch die Überjazz-Stammgäste The Comet Is Coming auf dem Programm standen, war schnell klar, dass es Mittwoch sein würde.

Aaaber dann gewann ich ja Dienstag Abend noch zwei Gästelistenplätze fürs Festival!

Und schaffte es in der kurzen Zeit nicht, jemanden zu finden, der Bock auf drei Tage Superjazz für lau hatte.

Und wurde dann später an der Kasse darauf aufmerksam gemacht, dass meine Freikarte nur für Mittwoch gültig sei. Buh!

Aber auch puh, denn das hätte echt scheiße ausgesehen, wenn ich mit jemandem dort aufgetaucht wäre, der/die sich aufs komplette Festival gefreut hätte.

Also hatte ich nur freien Eintritt für den einen Abend gewonnen, für den ich eh schon bezahlt hatte. Naja. Habe mein Ticket natürlich noch vor Ort für drei Viertel des Preises weiterverkauft und so immerhin dreißig Euro gewonnen. Bzw. neunundzwanzig, weil bei der Bezahlung meines zweiten Getränks mein Pfandbecher verträumt werden sollte. Erschütternd, ich weiß.


Nach diesem emotionalen Hin und Her war ich auf jeden Fall froh, als es in der großen K6-Halle dann nur noch galt, die Musik zu genießen.



Salami Rose Joe Louis

Salami, Rose, Joe und Louis. Wäre ich gänzlich unvorbereitet gewesen (und hätte mir bei der Ansage vorher die Finger in die Ohren gesteckt), dann hätte man mir problemlos erzählen können, dass es sich dabei um die (Spitz-)Namen der vier Musiker auf der Bühne handelte.

Noch weit gefehlt, alleinige Besitzerin dieses Multinamens war die Sängerin und Keyboarderin, welche eigentlich mit einer Solo-Performance angekündigt gewesen war. Als sie jedoch erfahren hatte, dass sie das Arkestra supporten würde, wollte sie doch gemeinsam mit ihrer Band auftreten, um ihnen diesen Lebenstraum zu erfüllen.

Der Sound des Quartetts aus Keyboard, Bass, Schlagzeug und Saxophon / EWI (elekronisches Blasinstrument) war modern, überwiegend laid back, doch mit einem gewissen enigmatisch elektrisierten Unterton, den man auch von Künstlern wie Thundercat oder Flying Lotus kennt, was es nur folgerichtig erscheinen lässt, dass auch Salami Rose Joe Louis auf dem Brainfeeder-Label zu Hause ist.

Die Grooves und Rhythmen waren auch während der entspannten Strophen oft abenteuerlustig, ließen sich aber für Solos und Instrumentalpassagen immer noch Raum nach oben offen. Insgesamt fand ich das alles sehr smooth, lässig, charmant. Eine ganz fein entspannte Einstimmung auf die beiden kosmischen Giganten, die noch auf dem Programm standen.



Sun Ra Arkestra



Was für ein Privileg, nach nur wenig mehr als einem Jahr das Sun Ra Arkestra schon wieder im Kampnagel, und diesmal in der größten Halle, erleben zu dürfen!

Damals hatte ich in meiner absoluten Geflashtheit eines meiner längeren Reviews verfasst, deswegen verzeihe man mir, wenn ich mich diesmal kürzer halte, weil ich mich nicht unnötig wiederholen mag.

Bandleader Marshall Allan ist inzwischen respektable 95 Jahre jung und feuerte aus Saxophon und elektronischem Blasinstrument (ganz anderes, weniger auf Wohlklang gebürstetes Gerät als bei der Vorgruppe übrigens) immer noch die irrsten und spacigsten Soli ab.

Seine Band war diesmal ein wenig kleiner und bestand "nur" aus elf Personen, welche in drei Reihen aufgestellt waren: Hinten Drums und Percussion, in der Mitte Kontrabass, Horn und Trompete, vorne der Meister und drei weitere Multiinstrumentalisten, die sowohl an Saxophonen, Flöten, als auch an Bongos und Congas reichlich beschäftigt waren. Und Links von alledem noch Konzertflügel und Keyboard.

Dass keine Sängerin dabei war, bedeutete, dass sich die Herren ein paar Gesänge mehr teilen mussten, während das Fehlen der Gitarre die Band näher an ihren Ursprungssound in den 1950er Jahren rückte.


Es ist schon ein gewaltiges Schauspiel, wie sich diese vor Erfahrung und Spielfreude strotzende Gemeinschaft über bewusst beinahe kakophonische Improvisationen allmählich gemeinsam in Gang setzt und von Stück zu Stück zur immer untrennbareren Einheit verschmilzt, dabei jedoch nie auf zumindest ein kleines chaotisches Restelement verzichtet.
Trotz vertrauter Wegmarken wie der besonders soulvollen Version von "Space Is The Place" oder dem großartig rhythmisch aufmüpfigen "Angels And Demons At Play" weiß man einfach nie so ganz, was die weisen Plutonier in ihren silber und golden glitzernden Ganzjahreshelloweenkostümen als nächstes im Schilde führen. 
Aber was auch immer es ist, man kann sich sicher sein, dass es bei keiner anderen Gruppe so klingen würde wie beim Sun Ra Arkestra.

Für einen Genre-Neuling oder gar einen Ich-mag-keinen-Jazz-Metal-Fundamentalisten mag ohne eigenes livehaftiges Erleben kaum zu vermitteln sein, was das große magische Faszinosum an einer über sechszig Dienstjahre alten Big Band bildet. Letztendlich ist es wohl einfach die ungeheure Klasse und Energie, die in dieser gleichsam traditionellen wie visionären Formationen zusammenkommt und sich immer noch auf irgendwie ganz ungefiltert naive Weise entfaltet.

Das Sun Ra Arkestra ist afro-amerikanisches Weltkulturerbe und unvergleichliches Konzerterlebnis. Wir sollten froh und dankbar sein, dass diese Musik so viele Jahre nach Sun Ras Tod immer noch von seinen Weggefährten auf die Bühne gebracht wird. Ohne Frage wieder eines der besten Konzerte des Jahres!




The Comet Is Coming



"I've got two things to say. First: Fuck Brexit!"

Bei dieser Ansage dürfte dem distinguierten Teil des Publikums vielleicht schon ein erschrockenes Püpschen entfleucht sein. Allerdings waren die mehr als eine Stunde Musik vor dieser ersten Wortmeldung von Keyboarder Danalogue auch nicht gerade your Grandparents' Bebop.

Dunkel, hell, hypnotisch, tanzbar. The Comet Is Coming, Saxophonist King Shabakas Elektrogegenpol zu seinen superorganischen Sons Of Kemet ist leicht zu erfühlen / erleben, stilistisch allerdings sehr schwer zu fassen.
Synthwave Prog Rave Jazz? Wir werden es nie erfahren.

Was jedoch blitzschnell klar wurde: Mit dem Spitzenalbum "Trust In The Lifeforce Of The Deep Mystery" im Gepäck und dem immensen nimmermüden Duracell-Drive von Drummer Betamax hatten die drei Musikfuturisten von der Insel das Publikum ganz schnell in ihren Bann geschlagen und bewiesen, dass es keine Häresie war, sie nach dem legendären Arkestra auf die Bretter zu schicken.

Dadurch, dass die Bühne zwischen dem Trio sehr aufgeräumt war, kam nun auch die wieder höchst wirkungsvolle Licht- und Videoinstallation des Festivals am besten zur Geltung.

Die Show, welche ein wenig verspätet begann, dann aber deutlich länger als geplant lief, hatte nur im letzten Drittel einen leichten Hänger, als die ohnehin im Normalbetrieb schon zu großen Teilen zu zweit spielenden Männer an Sticks und Tasten eine lange Zusatzstrecke füllen mussten, während quälend langsam ein Effektgerätproblem am Saxophon gelöst wurde. Das war zwar auch alles cooles Zeug, aber man bemerkte nach einer Weile schon die leicht ungeduldig werden Blicke zum rechten Bühnenrand.
Anderseits mag mancher Zuschauer, der nicht gerade in der ersten Reihe stand (der Saal war zum Glück heute noch nicht vollbestuhlt) vielleicht gar nicht mitbekommen haben, dass es überhaupt ein technisches Problem gegeben hat.

Und in erster Linie freute man sich nachher ohnehin in erster Linie, Zeuge und Überlebender dieser hervorragenden Jazzokalypse gewesen zu sein.



Schade, dass es das dann auch schon an Überjazz für mich gewesen war, insbesondere, da ich ja zwischendurch geglaubt hatte, freien Eintritt für alle Tage gewonnen zu haben. Anderseits habe ich jetzt, da ich diesen Text zu Ende tippe, auch gerade erschöpft den Großteil meines Freitag-Feierabends verpennt. (Veröffentlicht wird morgen früh.) Von daher wäre es wohl ohnehin ziemlich mühsam geworden. Rede ich mir jetzt jedenfalls mal tröstend ein.





Salami Rose Joe Louis:




Sun Ra Arkestra:





The Comet Is Coming:






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