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2025-12-02

KUKANGENDAI x KRIKOR - Commuters / MARISSA NADLER - New Radiations / MONO - Forever Home


Mit nach aktuellem Stand voraussichtlich nur noch einem Konzert vor mir ist die Livemusiksaison 2025 so gut wie abgeschlossen. Aber man kann ja auch zu Hause Musik hören, habe ich mal irgendwo mitbekommen, z.B. auf Alben, die man sich nach der Show gekauft hat.

In diesem Sinne hier meine letzten drei Merch-Table-Einkäufe:






KUKANGENDAI x KRIKOR  - Commuters (CD) (2025)

Auf diesem aus dem Hafenklang mitgenommenen Album hat sich das japanische multimetapolyrhythmische Trio Kukangendai mit dem französischen Elektronikkünstler Krikor zusammengetan, wodurch sich "Commuters" schon sehr deutlich von der speziellen Mathematikrockvariante von Albem wie "Palm" oder "Tracks" unterscheidet.

In Stücken wie "Sub Express Suffering" findet das verwirrend mit sich selbst verknotete und doch irgendwie wundersam funkige Spiel der Band zwar durchaus vor elektronischer Ambientkulisse statt, doch ist es - relativ gesehen, z.B. im Titeltrack - schon ein bisschen straighter geradeaus als sonst. Oftmals rücken die Beteiligten auch bewusst stilistisch noch dichter zusammen, so dass Kukangendai andere Wege finden, sich auszudrücken. Und so wirkt dieses Album fragmentarischer, soundtrackartiger als ihr normales Schaffen, kommt atmosphärisch aber auch eine Ecke dichter daher. Die experimentellere Seite der Taiwanesen Mong Tong kommt mir hier zum Beispiel in den Sinn.

Der Sound flasht einen vielleicht nicht so unmittelbar und offensichtlich mit irren Schauwerten wie Kokangendais Normalbetrieb, bewegt sich letztendlich aber auf demselben Niveau, welches man im Grunde gar nicht einzuordnen vermag, weil man es bei so vielen Ideen einfach für so unvorstellber hält, dass sie irgend jemand anderem als genau diesen Typen einfallen könnten.

Sehr faszinierend. Ein wirklich starkes Experimentalmusikwerk!








MONO - Forever Home: Live in Tokyo with Orchestra Pitreza (2CD + BluRay) (2025)

Einmal nachgeschaut: 2021. Es ist also wirklich noch nicht lange her, dass Mono mit "Beyond The Past" ihr letztes monumentales Livealbum inklusive Orchester veröffentlicht haben. Und nun schon wieder? Muss das sein? Antwort: Es muss zwar nicht sein, aber es macht schon sehr glücklich.
Mono live sind ja immer phänomenal - und mehr Mono ist ohnehin nie verkehrt.

Klar, vieles ist vertraut. Orchesterbegleitung ist für die japanischen Instrumental-Postrocker ohnehin nichts neues und oftmals ja sogar Teil der Studioalben. Auf dieser Aufnahme von 2024 war es ein elfköpfiges Ensemble, also ein Musiker mehr als auf dem letzten Livealbum. Geschenkt.

Entscheidend ist aber, dass das Quartett sicherlich bewusst darauf geachtet hat, sich nicht zu wiederholen. Dabei hilft natürlich das Material vom zwischenzeitlich erschienenen Album "Oath". Doch auch sonst ist trotz angemessen langer Shows tatsächlich einzig ihr Pflicht-Epos "Ashes In the Snow" auf beiden Alben vertreten. Die beiden Live-Doppelalben ergänzen sich also exzellent.

Dazu passt dann auch, dass zumindest die CD-Versionen, obwohl auf verschiedenen Labels erschienen, mit ihren Digipaks plus reichlich bebildertem Booklet auch sehr ähnlich gestaltet sind. Einmal extra kann man die Hülle von "Live In Tokyo" allerdings aufklappen, da das Konzert neben den Audio-CDs auch noch als Video auf BluRay mitgeliefert wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir dies häufig anschaue, ist zwar wie bei fast allen Konzertfilmen generell nicht riesig, aber solide mit vielen Kameras gefilmt sage ich zu diesem zusätzlichen Dokument natürlich nicht nein.

Alles in allem eine Veröffentlichung, die keine Wünsche offen lässt. Habe ich gerne aus dem Knust mitgenommen. Überlebensgroß schön!








MARISSA NADLER - New Radiations (Smokey Marble vinyl LP) (2025)

Nach diesem japanischen Doppel fliegen wir nun rüber nach Nashville, Tennessee, zum neuesten Album von Marissa Nadler, erdacht und eingespielt nur von der Künstlerin selbst plus Milky Burgess, der neulich ja auch in der Christianskirche als Multiinstrumentalist und Backgroundsänger mit von der Partie gewesen ist.

Man kann "New Radiations" vielleicht vorwerfen, insgesamt etwas einseitig zu klingen. Denn im Prinzip bieten alle elf Lieder - von "Bad Dreams Summertime" über "Smoke Screen Seelene", "Weightless Above The Water" zu "Sad Satellite" - Variationen desselben Prinzips: Mit sehnsüchtig säuselnder bis schwebender Stimme zwischen Angel Olsen und Lana Del Rey, oftmals in feenhafter Harmonie gedoppelt, singt Marissa Nadler gekonnt gedichtete Poesie zum eleganten, sanften Fingerpicking ihrer Gitarre. Um diesen Kern herum bewegen sich atmosphärische Texturen aus Synthesizer- und Gitarrenklängen, die den Stücken eine zusätzliche Note von wahlweise Ambient, Gothic, moderner Klassik oder Americana geben.

Aber darf man ernsthaft meckern, wenn die konsequent umgesetzte Idee so wunderschön ist und der Mix von Randall Dunn dem Ganzen auch noch zusätzliche Substanz spendet?

Abzüge gibt es allerdings leider bei der mit vielen Oberflächengeräuschen knackenden Pressung, was gerade bei so filigraner Seelenmassagenmusik natürlich ziemlich stark stört. Schade, da die marmorierte Vinylfarbe opisch durchaus etwas hermacht und gut zur rundum schick gestalteten Hülle passt.
 






2025-11-19

GUTS PIE EARSHOT und KUKANGENDAI live im Hafenklang, Hamburg (15. November 2025)


Mittwoch, Alter! Nun wird's aber mal Zeit auf's erste Konzert des Wochenendes zurückzuschauen! Es ging am Samstag für hamburger Verhältnisse spät los, nämlich um zehn Uhr abends, um danach direkt an die Drumbule-Clubnacht anzuschließen, die ich mir allerdings nicht geben wollte, auch wenn die Bässe aus dem Haupsaal durchaus verlockend brummten. Auch gut, umgeht man auch mal die bis zwanzig Uhr anfallenden Straßenrandparkgebühren.

Das Motto der Nacht hätte im Grunde eine (natürlich irgendwie sexier formulierte) Variante von Bands, die definitiv nicht Punk spielen und trotzdem total Punk sind sein können. Besonders die mir bisher nur vom entfernten Hörensagen bekannten Headliner hätten ja kaum mehr linke Sozialisation in ihr Bandlogo (auf der Bassdrum dann auch in der "Love Music - Hate Faschism"-Variante) packen können.

Der Grund, warum mich relativ kurzfristig zum Goldenen Salon des Hafenklang aufgemacht hatte, obwohl ich ja auch schon Sonntag etwas vorhatte, war allerdings ein bereits mit zwei Alben in meiner Sammlung ansässiges, japanisches Trio, welches ich auf keinen Fall verpassen wollte.





KUKANGENDAI
Superlative sind gefährlich, ich weiß. Aber in Sachen Nonkonformismus gibt es jenseits von Kukangendai wirklich kaum noch offenen Raum nach oben. Ähnlich irre verknotet wurde mein Bregen hier vor Ort Anfang des Jahres bei Ni, die ich tatsächlich als "die unberechenbaren Polyrhythmiker Kukangendai in Metal" bezeichnet hatte. Kukangendai sind dementsprechend Metal in... tja, in was? Ich weiß es nicht.

Math/Prog/Post Rock, Funk, entspannende Khruangbin-Vibes konnte man in der auf Bass, Gitarre, Drums (plus nur jeweils ein einziges Mal Mundharmonika und Gesang) mit Hilfe von erstaunlich wenigen Effekten sehr direkt und natürlich dargebotenen Musik des Trios ausmachen. Doch Kukangendai sind ja wie ich bereits sagte Punk.

Also wurden mit über jedes vorstellbare Maß weit hinausjagender Konsequenz in ständiger radikaler Gegenläufigkeit alle Ideen von nachvollziehbarer Rhythmik, konventionellem Aufbau, musikalischer Normalität schon nach deren auch nur ansatzweisem Auftreten sofort komplett mit scheinbaren Stolperern und musikgewordenen 4D-Schachzügen sabotiert. Nachvollziehbar war das alles, genau wie auf  dem 2023er Werk "Tracks", von dem das meiste Material des Sets stammte, kaum - und dennoch machte ihre Musik nicht nur immense Freude zu hören, sondern entwickelte auch ständig eine glücklicherweise kein komplettes Taktverständnis erfordernde Tanzbarkeit.

Kukangendai sind eben eine tatsächlich im Wortsinne so radikal progressive und konsequent aberwitzig spezielle Band, dass Fragen nach dem Was und Warum einem nur unnötige Kopfschmerzen bereiten würden und man es schlicht als geilen Scheiß hinnehmen muss.

Mein x-tes Auge ist seit Samstag weit geöffnet.









GUTS PIE EARSHOT
Im Vergleich zur Vorband war das bereits 1993 - damals allerdings noch mit mehr Mitgliedern - gegründete deutsche Duo Guts Pie Earshot dann natürlich weniger überraschend. Was so ziemlich gar nichts heißt, außer dass sie halt ziemlich haargenau so klangen, wie ich mir einen rein instrumentalen Mix aus Metal, Klassik, Folk, Four-to-the-Floor-Techno, Ambient, Achtiger-Jahre-Pop und Hardcore, sehr gekonnt vorgetragen nur mit Schlagzeug und elektrischem Cello, vorgestellt hätte.

Stück wurde unmittelbar an Stück gereiht, so dass letztendlich zwei lange ungebrochene Party-Suites plus Zugabe gespielt wurden. Verdammt wild und immer wieder mit Covern und Zitaten aus Klassik und Rockmusik gespickt, von denen ich jenseits von Black Sabbath und Motörhead sicherlich vieles nicht einmal mitgeschnitten habe. Der Laden kochte auf jeden Fall verdient über, so dass mir nur ein simples Doppelfazit für diese Show bleibt:

1. Geilomat

2. Punk!







2021-03-06

BANDCAMP DAY März 2021 mit KUKANGENDAI und ... ähm...

Ok, ich bin heute schreib- und auch etwas hörfaul. Deswegen werde ich den größten Teil meines Bandcamp Friday-Einkauf zu einem späteren Zeitpunkt in einem neuen Segment der "Cassette Craze Chronicles" behandeln, wenn die Dinger bei mir eingetroffen sind.

Rein digitale Veröffentlichung habe ich diesmal nicht von meiner Merkliste getilgt. Bleibt also als Thema hier und heute nur noch eine LP übrig, die erstmals vorletztes Jahr auf Stephen O'Malleys Label Ideologic Organ erschien. 


KUKANGENDAI - Palm (LP) (2019)

Die japanische Band mag mit Gitarre, Bass und Schlagzeug vielleicht wie ein klassisches Rock-Powertrio aufgestellt sein, doch da hört der einfach erklärbare Teil auch schon auf.

Kukangendai schaffen es irgendwie, polyrhythmisch anspruchsvoller als die professionell verkopftesten Jazz- und Progrockkapellen zu klingen und dabei doch nur peripher in beiden Sparten verortbar zu sein.

Der extrem experimentelle Rocksound mit starker Funk und Dub-Schlagseite ist in seinem kontrolliertem Chaos niemals wirklich nachvollziehbar, bleibt durch die beinahe schon entspannte Performance jedoch paradoxerweise erstaunlich leicht hörbar.

Ok, das ist wie so oft eine sehr relative Aussage, aber ernsthaft: Wenn man nicht gerade beim ersten Hören versucht, Hirnverknoter wie "Hi-Vision" zu dechiffrieren und die absolut irren Arrangements einfach als den eigenen Musikverstand übersteigend hinnimmt, ist es einfach nur ein irre cooler, irgendwie ursprünglicher und in seiner Einzigartigkeit faszinierender Sound, mit dem Kukangendai einen hier umspülen.

Am ehesten kann ich hier punktuell den Einfluss von King Crimson und mehr noch Blind Idiot God erkennen. Ein bisschen Khruangbin, Postrock, einige ganz subtile Japanismen kann man sich auch noch hineinhören, doch im Großen und ganzen ist "Palm" eine fernab aller gewohnten Normen und Konventionen stattfindende, in sich selbst stimmig geschlossene Erfahrung.

Dieses Album ist ganz klar ein rarer musikalischer Schatz, und ich kann es kaum erwarten, diesen auf schwarzem Gold drehen zu lassen.