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2013-08-25

THE WINERY DOGS - The Winery Dogs

Beim Fazit meiner stets unfehlbaren Tonträgerrezensionen habe ich mich dieses Jahr ja schon mindestens zei Mal weit aus dem Fenster gelehnt. So kürte ich David Bowies "The Next Day" frühzeitig zum besten internationalen Top-1-Album, ohne beispielsweise Black Sabbaths "13" überhaupt auf dem Zettel zu haben.

Genau wie Autopsy mit "The Headless Ritual" sind Ozzy und Co. zudem ernsthafte Mitbewerber um den Titel Metal-Album des Jahres, zu welchem ich bereits das im Januar erschienene "Target Earth" von Voivod erklärt hatte. Daran ist auch nach wie vor nichts zu rütteln, trotzdem zeigt es mir, dass ich mit den Superlativen vielleicht doch lieber bis zum Beginn des folgenden Jahres warten sollte.

Aber mit der Lernfähigkeit ist es im Zustand der Begeisterung so eine Sache...

Hier ist es, das (fett und GROSS geschrieben!) ROCK-Album 2013:



THE WINERY DOGS - The Winery Dogs (2013)

Nachdem Mike Portnoy in der nach wie vor nicht allzu langen Zeit seit der Trennung von Dream Theater in irgendeiner Form gefühlt mit jedem zweiten Musiker der Prog-Oberklasse zusammen gespielt hat, hat er nun nach eigener Aussage zusammen mit Monsterbassist Billy Sheehan und Gitarrist/Sänger Richie Kotzen in The Winery Dogs seine neue Heimat gefunden.

Wollen wir es hoffen! Denn was die drei auf dem selbstbetitelten Debütalbum bieten, sprengt die herkömmliche Erwartungshaltung an eine "Supergroup".

Dabei ist die Formel eigentlich ganz simpel: Drei Supermucker, die theoretisch so ziemlich alles spielen könnten, kloppen einfach mal einen Haufen frischer, knackiger, melodiöser Rocksongs raus.

Die Basis des Sounds bilden dabei die ganzen Klassiker wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin und manchmal natürlich auch (aber längst nicht so stark wie in allen Portnoy-Kooperationen mit Neal Morse) die Beatles.
Jedes Bandmitglied ist zu jeder Minute mit seiner ganzen Persönlichkeit zu erkennen, alle hauen sie mit ihren Fähigkeiten enorm auf den Putz und ordnen sich dabei doch dem Song unter. Portnoy bleibt auch mit einem für seine Verältnisse winzigen Drumkit Portnoy, und niemand auf der Erde spielt und klingt auf dem Bass wie Sheehan.

Die absolute Wunderwaffe ist allerdings Richie Kotzen, dessen Fähigkeiten als Songwriter dieses Album von sehr gut auf sensationelles Niveau hieven. Und diese Stimme erst! Die bluesige Seite von Robert Plant trifft Chris Cornell und den Soul von Glen Hughes und manchmal sogar den funkigen Prince.

Apropos Hughes: Wenn es eine Scheibe gibt, an die mich das Winery Dogs-Debüt in vielerlei Hinsicht erinnert, dann ist es dessen großartiges "Building The Machine": das Feeling, die powervolle bassgetriebene Rhythmus-Sektion, die erwähnten stimmlichen Qualitäten - also wer "Building The Machine" liebt, der muss dieses Album haben! Und jeder der auf ROCK (fett und GROSS geschrieben) steht, ebenso.

Einzelne Song rauszustellen und zu sezieren, spare ich mir, auch wenn die enorme Bandbreite dies erlauben würde. Reinhören! Kaufen! Rockgeschichte erleben!






Anspieltipps: Not Hopeless, The Other Side, Desire, The Dying, Time Machine

2013-08-21

JAMES LABRIE - Impermanent Resonance

Bald kommt die neue Dream Theater, da ist es doch an der Zeit vorher zum Aufwärmen noch ein paar Scheiben  aus dem DT-Dunstkreis durchzureviewen.

Den Anfang macht Frontmann James LaBrie, der Ende Juli mal wieder ein ganz schönes Brett Musik auf die Welt losgelassen hat:


JAMES LABRIE - Impermanent Resonance (Limited Edition) (2013)

Beim Soloprojekt eines Sängers ist der Vergleich mit dem Hauptbrötchengeber natürlich unvermeidlich.

Dabei präsentiert sich hier mit weitgehender personeller Konstanz über nun drei Alben und dem festen Songwriting-Duo Matt Guillory / James LaBrie eigentlich eher eine "richtige" Band. Auch die Tatsache, dass sowohl der Keyboarder als auch der mit seinen Death Metal-Grunts das Album sogar eröffnende Drummer Peter Wildoer gesanglich sehr prominent vertreten sind, bestärken den Eindruck, dass es hier nicht darum geht einen Solo-Star zu präsentieren. Auch wenn man sagen muss, dass Herr LaBrie sein gesangliches Potential hier noch etwas mehr nutzt als bei Dream Theater, zumindest durchschnittlich betrachtet.

Aber da sind wir auch schon beim Vergleich: JL ist eine Ecke härter als DT, gleichzeitig aber auch hooklastiger und teilweise sogar poppiger. Das instrumentale Niveau ist natürlich ebenfalls sehr hoch, es gibt allerdings keine epischen Frickelausflüge, sondern knackig direkte Vier-Minuten-Stücke.
Der Gesangsmeldodien wirken ein bisschen frischer als oft bei DT, wo Stimme und Texte im Kompostionsprozess wahrscheinlich erst später eine Rolle spielen.

Ich kann - ohne den Standpunkt zwangsweise teilen zu müssen - schon durchaus nachvollziehen, warum viele Metalfans James LaBrie mittlerweile seiner Hauptband vorziehen.
Der stilistische Unterschied ist  aber eigentlich groß genug, um den direkten Vergleich müßig zu machen.

Die vielzitierte Formel "Göteborg Metal trifft Prog" passt im Großen und Ganzen schon ziemlich gut.
Eigentlich gehören jene Bands, die auf ähnliche Weise modernen Hochglanzrefrainpopmetal mit Death/Thrash-Wurzeln spielen, ja nicht zu meinen Favoriten. Ich wundere mich da eher, dass die Leute darauf sooo abfahren.

Ob der Sänger den Unterschied macht? Nein, nicht nur. Auch die Arrangements sind einwandfrei und das Keyboardkitsch-o-Meter schlägt nicht oft und nie zu stark aus.

Ein paar schwächere Momente kommen über die zwölf (Special edition: vierzehn) Songs zwar schon vor und die ganz großen Momente für die Ewigkeit, von denen fast jedes Dream Theater mindestens einen bereithält, gibt es auch nicht zu hören. Insgesamt ist "Impermanent Resonance" dennoch ein straightforward abrockendes und doch detailverliebtes, Laune machendes Werk, welches sich gleich mit vielen Würmern in meinem Ohr festgesetzt hat.

Gutes Album!

Anspieltipps: I Will Not Break, Agony, Letting Go, Back On The Ground

2013-08-15

HELGE - Sommer, Sonne, Kaktus

Halt! Halt! Nicht gleich weiterklicken, ihr engstirnigen Szenewächter!

Don't judge an album by its single!



HELGE - Sommer, Sonne, Kaktus (Deluxe Edition) (2013)

Klar, der Song "Sommer, Sonne, Kaktus!" der Grindcore/Avantgarde-Gottväter Helge bedient sich ganz offensichtlich bei der Neuen Deutschen Härte. Das ließ bei vielen alten Fans natürlich die Alarmglocken schellen. Haben die Altmeister sich an den alten Punkerspitznamen ihres Drummers, "Knete", erinnert und wollten nun mit dem gleichnamigen Album etwa schnell bei Generation Oomph! eincashen?

Ich sage: Macht euch keine Sorgen! Es bleibt bei diesem einmaligen Ausflug in Rammstein-Gefilde. Schon mit dem zweiten Track "Nachtigall, Huh" wird klar, wo der Kaktus den Stachel hat. Nach langer Zeit hat sich für die Aufnahmen endlich wieder die Originalbesetzung aus den frühen Achtzigern zusammengefunden, und die beiden Bandköpfe, die sich in bester Ramones-Manier beide Helge Schneider nennen, wissen wie ihre Mitstreiter Helge Schneider, Helge Schneider und Helge Schneider ganz genau, wo ihre Stärken liegen und was die treue Fanbasis erwartet.

Trotzdem ist "Sommer, Sonne, Kaktus!" keine uninspirierte Retro-Scheibe geworden. Das liegt zum einen daran, dass Helge ihre ureigene Kombination aus Grind/Crust, Hardcorepunk und experimentellen Sounds nach wie vor so frisch spielen als hätten sie den Stil gerade erst erfunden. Wobei "frisch" angesichts der wie immer sehr sperrigen und unbequemen Ausrichtung vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist.

Und zum anderen gibt es da eben doch ein paar überraschende Ausreißer. Neben dem Titeltrack sind dies vor allem diverse Coverstücke, in denen einer ganzen Reihe - teils überraschender - alter Helden gehuldigt wird: "Mr. Bojangles" von Iggy Pop, "Somewhere Over The Rainbow" von Throbbing Gristle, "Love For Sale" von Frankie Goes To Hollywood und last but not least "It Ain't Necessarily So" von den Butthole Surfers.

Alles in allem ein großes, relevantes Album!

Fans kaufen es sowieso, aber wer auf das aktuelle Soloalbum von Phil Anselmo, die letzte Napalm Death und ganz allgemein Edith Piaf und Ike Turner steht, der kann mit "Sommer, Sonne, Kaktus!" eigentlich nichts verkehrt machen.


Die "Deluxe Edition" enthält als Bonus noch eine DVD, deren Kernstück eine 18 Minuten lange Dokumentation der desolaten Zustände im Krisenland Spanien ist. Unterlegt mit der Musik der englischen Wahl-Madrilenen Helge trifft dieser Film genau ins Herz der wirtschaftlichen wie menschlichen Katastrophe unserer Zeit und unterstreicht einmal mehr den politischen Anspruch der Band. Beeindruckend!


Anspieltipps: I'm Coming From The USA, Mr. Bojangles, Sommer Sonne Kaktus!, With Love In My Fingers (Say It With Love)

2013-08-09

WACKEN 2013 - More of that Jazz!

Feiner Jazz war das wieder!


Aber zunächst einmal zum Wetter, welches letztes Jahr ja ein großes Thema war.

Diesmal gab es keinen Kampf gegen den schlammigen Untergrund, nein ganz im Gegenteil:

Es war tagsüber überwiegend heiß und wolkenlos trocken. Zum Glück wehte meistens noch eine leichte Brise frischer Wind, sonst wäre es noch schweißtreibender geworden. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr musste man aber schon achten. Und Sonnenschutz war auch zu empfehlen. Ansonsten ziehe ich diese Art Wetter dem Schlammchaos vom Vorjahr doch deutlich vor.
Am Samstag Nachmittag schaute dann aber doch noch ein heftiges Regenband vorbei. Die Presse soll ja schließlich nicht ohne ihre Wacken-Schlammschlacht-Klischeebilder auskommen!

Ok, ich habe auch ein paar davon gemacht. Wird allerdings noch eine Weile dauern, bis der eine Film, den ich mir traditionellerweise in meine lustige Pinguinkamera gepackt habe, entwickelt ist.
Bei den Ordnern sorgte die Knipse übrigens nur für Belustigung und leichte Verwunderung. Von idiotischen Begegnungen am Einlass bin ich dieses Jahr tatsächlich mal verschont geblieben.

Überhaupt gibt es wenig Kritik zu üben. Das Hauptproblem ist für mich nach wie vor der von mir jedes Mal aufs neue beklagte, eklatante Kreativitätsmangel bei der Zusammenstellung des Billings.

Man kann ja nicht einmal Witze darüber machen, dass nächstes Jahr zum fünfundzwanzigsten Jubiläum bestimmt wieder Avantasia kommen. Tut man dies nämlich, kommen "schwupps* die ersten Ankündigungen für 2014 und natürlich sind neben diversen anderen Dauergästen Avantasia dabei!
Hatten die nicht versprochen aufzuhören? - Ja, aber was diese Versprechen seit Scorpions, Running Wild usw. wert sind, wissen wir ja...
Ich könnte auch schon wieder damit anfangen, welche Bands und Genres seit Jahrzehnten vernachlässigt werden, aber auf mich hört ja doch niemand. ;)

Dabei sind die Veranstalter ansonsten wirklich lernfähig. Man schaue sich nur mal all die Änderungen der letzten Jahre an. Alles was den Leuten am vielzitierten "Zirkus" zu viel ist, wie z.B. Wrestling, Wet-T-Shirt-Contests, Feuerprollshow usw. schrumpft doch innerhalb von ein, zwei Jahren wieder auf ein erträgliches Maß zusammen oder verschwindet ganz. Das Wackinger-Gelände, welches letztes Mal unter einem lieblosen Durchlaufstationscharakter litt war z.B. diesmal auch wieder besser strukturiert. In diesen Dingen sieht man immer wieder deutlich, wie auf Kritik eingegangen und über Probleme nachgedacht wird.
Von daher gehe ich mal davon aus, dass den Machern das Booking-Problem durchaus selbst bewusst ist, sie aber einfach in Veträgen mit Labels und Agenturen gefangen sind und gar nicht anders können.


Das ist natürlich unbelegte Spekulation. Jetzt halte ich mich lieber an das, was ich sicher weiß, nämlich wie ich meine vier Festivaltage erlebt habe.

Grundsätzlich war der Ablauf jeden Tag, mir zunächst in Schenefeld ein Tetrapack Saft zu besorgen, um die ersten paar Luxusgetränke in Wacken zu sparen, dann meinen Bruder aus Mehlbek abzuholen, und dann offiziell ein paar nette wackener Einheimische zu besuchen, bei denen wir parken durften. Und nachts ging es dann wieder unter die heimische Dusche und ins richtige Bett. Auf Diskussionen, ob das noch Metal ist, lasse ich mich übrigens nicht ein. Man bleibt so auf jeden Fall eher auf dem Festivalgelände und sieht mehr Bands, als wenn man den ganzen Tag auf dem Campingplatz versauert.


Mittwoch:

Mittlerweile kann man ja schon einen Tag vor eigentlichem Festivalbeginn durchgehend Konzerte besuchen. Ich habe allerdings noch normal gearbeitet und es deswegen bei einem Einstimmungsbesuch am Abend belassen. Zunächst einmal hieß es, die Bändchenausgabe zu finden (warum nicht mehr am dorfseitigen Eingang?) und für die Full Metal Bag anzustehen, in der es diesmal übrigens überraschenderweise mal kein Frei.Wild-Merchandising zu finden gab! Dafür war mein Beutel aber total durchnässt, so dass ich alle Sachen aus Papier, die ich ohnehin weggeschmissen hätte, gleich wegschmeißen musste. Zum Glück ist die Regenjacke ja eingetütet, und die war auch das einzige, was ich an den folgenden Tagen sicherheitshalber dabei hatte.

Um 20:00 Uhr feuerten Russkaja auf der Wackinger Stage dann mal wieder ordentlich "Energia" ins Publikum. Mehr Partystimmung als bei diesem verrückten Russenska-Kollektiv ist wohl kaum möglich.


Nachdem Russkaja gezeigt hatten, wie es geht, wanderten wir unvermittelt ins Fremdschäm-Epizentrum, wo uns MegaBosch auf beeindruckende Weise zeigten, wie es nicht geht.

Es ist eine Sache, auf einem auf postapokalyptisch getrimmten Container mit Käfig fürs Schlagzeug und GoGos einen auf Möchtegern-MadMax zu machen und dabei schlechte Musik mit noch schlechterem Prollgesang plus peinlichen Texten ("Es ist so geil, jetzt hier zu sein! Es ist so geil! blabla geil blubb geil... geil") zu spielen. Aber wenn man dann das eher verhalten reagierende Publikum auch noch fragt, ob es all das, was hier geiles aufgebaut wurde, denn auch genauso geil wie man selbst findet... aua.
Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis ich das Wort "geil" wieder ohne Fremdschämtrauma hören und benutzen kann.


Donnerstag:

Mein Konzerttag begann vor der Doppelbühne im Zelt mit den sehr unterschiedlichen Metal Battle-Gewinnern aus Polen und Japan. Gnida bretterten brutalen Oldschool-Deathgrind in die Riesensauna und mein Bruder und ich waren uns einig: Das war guter Jazz!

Im Auto hatten wir nämlich einen USB-Stick als DJ, auf dem ich u.a. Jaco Pastorius, George Benson, Passport und jede Menge verwandtes Zeug gespeichert habe. Daraus war also gerade der Running Gag entstanden, alles in Wacken als Jazz zu bezeichnen.

Und was machen die Wahnsinnigen von Mysterious Priestess aus Japan? Beginnen ihr Set natürlich mit einem lupenreinen Jazz-Intro und machen uns so unseren Insiderwitz kaputt!
Die sehr jung wirkende Band wurde aber auch nach dem Intro für Normalmetaller nicht unbedingt zugänglicher, sondern frickelte einen stilistisch absolut schmerzfreien Over-the-top-Progmetal mit blackmetaleskem Gesang, in dem gerade Takte hohen Seltenheitswert hatten. Technisch erstaunlich versiert und von den Arrangements her stark übertrieben, sorgten Mysterious Priestess für genauso belustigte wie beeindruckte Verwunderung. Es gibt schlechtere Publikumsreaktionen, siehe MegaBosch...


Die weiteren Highlights spielten sich dann im Infield ab. Von Annihilator wusste ich eigentlich nicht viel mehr, als dass sie Kanadier sind, Thrash Metal spielen, und das Jeff Waters gerne rote V-Gitarren benutzt. Nun weiß ich auch, dass sie live richtig grmmpf... geil sind (aaargh, verschwindet aus meinem Kopf, MegaBosch!). Vor allem den Gesang fand ich sehr überzeugend.


Apropos überzeugender Gesang: Den gab es dann auch bei den ganz klassischen Hardrockern von Thunder, die ich als Teenager bestimmt doof gefunden hätte. Aber man entwickelt sich ja zum Glück weiter. Der Stoff zum totalen Ausrasten war es zwar nicht, doch sehr gut gemacht und eine passende Einstimmung auf die danach auftretende Legende Deep Purple.

Was soll ich zu Deep Purple groß schreiben? Viel Hammond, viel Blues, lange Soli, riesige Hits, ohne die Rock- und auch Metalwelt eine andere geworden wäre... Legenden bei der Arbeit eben. Bin sehr froh, sie endlich mal gesehen zu haben. Jazz at its finest!



Danach kam dann der Night-to-remember-Headliner Rammstein.

Als echter Metalfan sollte ich Rammstein ja hassen, weil die ja gar kein Metal sind, sondern nur laute, riffbetonte, harte Stromgitarrenmusik mit provokanten Texten spielen, also lupenreinen... ihr wisst schon... Jazz. Und das dann auch noch auf der "True Metal Stage"! Sakrileg!

Und als Laibach-Fan müsste ich über Rammstein, deren musikalische Identität zu großem Teil auf dem "Opus Dei"-Album der Slowenen beruht, eigentlich nur milde lächeln.

Mache ich aber nicht. Natürlich ist es komisch zu sehen, wie prominent das Laibach-Kreuz hier geborgt wird, und natürlich liegt die inhaltliche Substanz beider Gruppen Welten auseinander.

Aber man muss Rammstein einfach zugestehen, dass sie große Entertainer sind (Laufband für den Keyboarder = bester Bühneneffekt des Festivals) und mittelerweile auch so einige feine Songs im Repertoire haben. Ich würde sie mir zwar nach wie vor nicht auf einem regulären Tourkonzert anschauen, aber gut gefallen hat's mir schon.
Und das sage ich, obwohl ich sie nicht wirklich unter idealen Umständen gesehen habe. Wir hatten nämlich nach Deep Purple die blöde Idee, uns vom linken Teil des Infields mehr in die Mitte zu bewegen und gerieten so in eine der fiesesten Menschenquetschen, die ich auf dem Open Air je erlebt habe. Da half nur, nach hinten raus zu flüchten und es außen herum zu versuchen. Und weil die Leute in der Mitte so dicht gedrängt standen und nachdrängelten, hieß "außen herum" nicht im hinteren Teil des Infields entlang zu gehen oder über den Vorplatz, sondern tatsächlich einen Bogen bis über den Campingplatz zu spannen!
Den Rest des Konzertes haben wir dann aber aus der ersten Reihe erlebt - der ersten Reihe des Movie Fields allerdings, wo es ein paar Songs dauerte, bis man den Sound einigermaßen verstehen konnte. Aber wie gesagt, mir gefiel es trotzdem.

Und dann war da natürlich noch der in der medialen Nachbetrachtung oder auf lächerlichen facebook-Seiten wie "Wacken ist kein Heavy Metal" (*mimimi*) vollkommen übergewichtete Auftritt von Heino.
Die Zeit die ich gebraucht habe, um zu überlegen, ob ich darauf überhaupt eingehe plus die Zeit, die ich nun tippe ist ja schon länger, als die zwei Drittel von "Sonne", die der Mann da auf der Bühne stand. Im Kontext einer Band, die textlich desöfteren mit schwermütiger volkstümlicher Romantik kokettiert, kann ich mir viele unlogischere Bühnengäste vorstellen. Und handwerklich besser als der - im Verhältnis zu den Leuten, die ihn tatsächlich miterlebt haben - noch viel übergewichtetere - Auftritt von Roberto Blanco 2011 war er auch.
Ich sage also heute wie damals: Kirche --> Dorf!

Viel erwähnenswerter finde ich den Abschluss des Konzertes, als Till Lindemann auf einer Kanone reitend Schaum in die Menge spritze und es Konfetti regnete. Eine Minute später sprang nämlich mein Bruder plötzlich auf, und lief zehn Meter davon und fing einen einsamen Konfettischnipsel, der den ganzen weiten Weg über das komplette Infield bis zu unserer ersten Reihe zurückgelegt hatte. Was für ein Andenken!
Als ein Fan neidisch wurde, hat er es aber ganz großherzig in der Mitte geteilt.


Freitag:

Die "True Metal Stage" war u.a. Powerwolf, Sabaton und Doro sei Dank an diesem Tag komplett verbotene Zone.

Dafür hatte es unser erster Programmpunkt auf der "Black Stage" um halb zwei hatte gleich in sich: Einmal Hirn durchschütteln mit Gojira bitte! Wenn es eine (relativ) junge Band mit absolut eigenständigem Signatursound auf dem Festival gab, dann waren es die Franzosen. Brutal, präzise und immer mit dieser leicht schrägen, intensiven Grundstimmung. Schwer zu beschreiben, manchmal auch schwer zu begreifen, aber ganz großes, unkonventionelles Kino!

Danach schauten wir mangels Pflichtterminen mal, wer so im Zelt spielte: Dr. Living Dead bretterten mit Totenkopfmasken und Mike-Muir-Bandana ein an D.R.I. erinnerndes Hardcore/Thrash-Brett. Nett.

Die Kamikaze Kings hatten sich angeblich sowohl dem Rock'n'Roll als auch dem Metal verschrieben, müssen aber dummerweise mal irgendwo gelesen haben, dass GoGo-Tänzerinnen, 80er-Jahre-Bühnenoutfits und testosterontriefende Sexprolltexte zwingend dazugehören. Klar, das ist alles auch ironische Partymasche, aber wenn man nur verwundert davor steht und sich nicht sicher ist, ob das da freiwillig oder unfreiwillig komisch ist, dann ist da ganze doch noch überarbeitungswürdig. Acht Punkte auf der MegaBosch-Geilheitsskala.

Besser wurde es mit Black Messiah, obwohl sich mir die ganze Musikrichtung Pagan Metal nach wie vor nicht erschließt. Deutschsprachiger Röhrgesangsfolk trifft Black Metal. Aber warum zum Henker tut er das?
Gerade die Teufelsgeigerpassagen fand ich aber schon witzig. Und die Einsicht des Sängers, dass ein Fell als Bühnenklamotte in einem derart heißen Zelt nicht die beste Wahl ist.

Danach kam die einzige kleine Enttäuschung für mich. Henry Rollins erzählte bei seinem Spoken-Words-Auftritt nämlich zu großen Teilen die gleichen Sachen wie letztes Jahr, als er seine Predigt allerdings sogar noch besser auf den Punkt brachte. Ich hätte wirklich gedacht, dass der Mann noch mehr Geschichten auf Lager hat. Trotzdem blieb ich sitzen. Man braucht schließlich auch mal etwas Pause, um sich zu sammeln für den Rest des Tages.

Zurück zur "Black Stage" - New York! Hardcore! Agnostic Front! Nackenbrecherpogojazz! Sehr gut!


Manchmal ist er einem ja schon etwas zu immer und überall, aber dieses Jahr musste auch mal wieder ein kompletter Auftritt von Mambo Kurt im Biergarten sein. Und jungejungejunge artete das aus! Mambos Heimorgel und Gameboy rockten so dermaßen ab, dass sogar die Massen vor der Hauptbühne, auf der Sabaton spielten, mitgingen! So sah es jedenfalls manchmal aus - ein kleiner eingebildeter Sieg in der David-gegen-Goliath-Klangschlacht der kleinen Biergartenbühne mit  der gigantischen "True Metal Stage".
Der Mann in beige enttäuscht eben nie. Jazz ist Trumpf!

Nach dieser Party ging's erstmals zur "Party Stage", auf der die alten Haudegen von Corvus Corax (waren schon Mittelalter bevor es hip wurde) kräftig in den den Dudelsack und diverse andere Eigenbau-Instrumente bliesen.
Dieses Mal hatten sie tatsächlich kein Orchester dabei, wurden dafür aber bei vielen Stücken von der Taiko-Gruppe Wadokyo auf japanischen Riesentrommeln unterstützt. Wie immer machmal mit Längen durch zu viele Wiederholungen, insgesamt aber sehr mächtig und sehenswert.





Nun war es aber schon fast halb elf - höchste Zeit für METAL Jazz!

Vorher bekam ich allerdings doch einen whoooooooooyeahhhgeiltollwichtigen VIP/Presse-Ausweis geschenkt. Ohne dazugehöriges Band hat der zwar keinen praktischen Nutzen, ist aber trotzdem hübsch.


Im proppevollen Zelt gab sich das kanadische Kult-Trio Anvil die Ehre. Im Gepäck hatten Lips und Co. Klassiker wie "Winged Assassins", "Mothra" und "Metal on Metal", neue Stücke von "Hope In Hell" und einen Höllenpanzer voll Metalklischees wie viel zu langer Gitarrensoli (natürlich mit Dildo) und dem obligatorischen Drumsolo, eingebettet in das "Juggernaut Of Justice"-Instrumental "Swing Thing".
Doch so ungerecht es manchen anderen Bands gegenüber auch sein mag - Anvil dürfen das!
Und zwar nicht nur, weil sie es einfach irre gut machen, nein. Kaum eine andere Band strahlt solche ehrliche Freude am Metal aus und das springt ins Publikum über. Highlight des Tages!

Übrigens - ganz ohne Scheiß eine Original-Ansage von Lips:
"Enough with this Blues and on with the Jazz!"


Samstag:

Da ich am Vortag ja bei Corvus Corax gewesen war, hatte ich vom - aus gesundheitlichen Gründen - vorzeitig abgebrochenen Motörhead-Auftritt nichts mitbekommen.

Als Ausgleich dafür hatte ich nun das vergleichsweise exklusive Vergnügen beim Spoken-Word-Auftritt von Anthrax-Gitarrist Scott Ian zugegen zu sein. Neben ein paar Verwechslungsanekdoten und einer kleinen Fragestunde bestand sein Auftritt in erster Linie aus der von Comiczeichnungen unterstützten, epischen Erzählung seiner ersten Begegnung mit Lemmy in einem londoner Pub und deren Folgen. Sehr lustig war es - und wir haben etwas gelernt: Lädt Lemmy Dich zu einem Drink ein, sage niemals "I'll have what you're having."

Nach etwas Überbrückung durch Die Apokalyptischen Reiter, mit denen ich nach vor nur so mittelviel anfangen kann, gab es eine amtliche Death-Metal-Volldröhnung mit Lamb Of God, was allerdings in meiner Erinnerung eher eine untergeordnete Rolle spielt. Genauso heftig wie die Mucke krachte nun nämlich der Regen auf uns ein! Schnell rein in die schwarze Regenjacke - und gleich ein großes Loch vorne hineingerissen, weil ich meine Mütze vor einem Windstoß retten musste. Dennoch war der Schutz besser als nichts und wir hatten weiterhin unseren Spaß.
Das Abtrocknen ging dann auch relativ schnell, nur an den Füßen blieb Sportschuh sei Dank dieses feuchtpelzige Gefühl, gerade neues mikroskopisches Leben zu erschaffen.

Als Anthrax um siebzehn Uhr mit "Among The Living" und "Caught In A Mosh" ihre Thrash-Metal-Party starteten, konnten die Umstände gar nicht besser sein: Gute Laune, Sonnenschein und diverse Schlammpits, in denen sich jene Fans suhlten, die eh nicht mehr dreckiger werden konnten. Aber ihr kennt ja die Klischee-Fotostrecken. ;)
Die Band jedenfalls ging richtig ab, vor allem Joey Belladonna war in Topform. Und wer "I Am The Law" und das Joe Jackson-Cover "Got The Time" im Gepäck hat, gewinnt ja sowie immer. Müsste ich mich für einen Lieblingsauftritt beim diesjährigen W:O:A entscheiden, dann wären Anthrax wohl unter den beiden Spitzenkandidaten!

Wer war Kandidat Nr. 2? Der kommt noch noch...

Doch zunächst einmal ging es gleich weiter mit dem ebenfalls sehr sehr geilen (puh, ich musste schon fast gar nicht mehr an MegaBosch denken...) Konzert von Danzig.

Bei Danzig denke ich zunächst einmal an die tiefen Neunziger, an Kassetten, an ein beeindruckendes Konzert  in den Docks mit der damals ganz frisch angesagten Vorgruppe White Zombie, an das Dynamo Open Air 1994, bei dem ein Kumpel einen von zwei in die Menge geworfenen Drumsticks fing, der dann später im Tausch gegen einen Pungent Stench-Stick aus der hamburger Markthalle zu mir kam.

Und dann denke ich natürlich an Glenn Danzigs instrumentales Düstermusik-Soloalbum "Black Aria", welches wir früher als viel zu oft verwendeten Soundtrack zum Rollenspiel Das Schwarze Auge in und auswendig kannten.

Von diesem Werk kam natürlich auch das Intro, ehe der Muskelzwerg und seine drei Musiker mächtig losrockten. Ich hatte die Band ja seit Ewigkeiten nicht mehr gehört, so dass es immer wieder diese herrlichen Ach-ja!-Momente gab, egal ob der Meister "Twist Of Cain", "Am I Demon" oder "How The Gods Kill" anstimmte.

Nach jenem Song war der Danzig-Auftritt bis auf den Abschluss "Mother" eigentlich vorbei, denn es kam ein schwarzweiß bemalter Muckibudenfreund namens Doyle auf die Bühne, mit dem Herr Danzig vor sehr sehr langer Zeit, als ich noch einen flensburger Kindergarten besuchte, in einer gewissen Punkband gespielt hat. Und so freute sich die Meute über mehr als ein halbes Dutzend Misfits-Klassiker, ehe wir mit der Jazzballade "Die, Die My Darling" in den Rest des Abends entlassen wurden.

Die Schatten wurden nun allmählich länger, und was gibt es besseres, um einen in die Dunkelheit zu geleiten als von Großmeistern ihres Fachs zelebrierten Doom?


Candlemass kamen auf die "Party Stage" und bewiesen ganz klar, warum sie die Gruppe waren, auf die ich mich dieses Jahr am meisten vorgefreut hatte. Tonnenschwere Black Sabbath-Riffs, fantastische Leadgitarren und mit Mats Levén ein herausragender Sänger, der so ziemlich alles kann, was seine Vorgänger so drauf haben. Gänsehaut! Jeder Song war klasse, und doch war ich gerade von den Stücken des letzten Albums "Psalms For The Dead" (u.a. "Prophet", der Titelsong und "Black As Time" inklusive nihilistisch philosophischem Intro) besonders angetan.
Und zum Abschluss durfte natürlich als dritter Zugabensong die Überhymne "Solitude" nicht fehlen. Ganz groß, was die Schweden da abgeliefret haben!

Wir sahen dann noch auf der Leinwand den Zugabenteil von Alice Cooper, der bei "Poison" und "School's Out" showmäßig mächtig auf den Putz haute. Das Konzert hätte ich schon gerne ganz gesehen, aber eine ärgerliche Überschneidung muss es bei den vielen Bands ja immer geben.

Es folgten u.a. noch Nighwish, Rage mit Orchester und die unvermeidlichen Dauergäste Subway To Sally. Die schenkten wir uns jedoch alle. Sicher spielten auch noch sehenswerte Bands (z.B. Meshuggah), doch wir machten uns in dem Bewusstsein, dass wir die Highlights schon erlebt hatten (und es im T-Shirt noch ziemlich klamm werden könnte) sehr zufrieden von dannen.


Und so war es wieder wie so oft in den letzten Jahren: Große Enttäuschung bei den Bandankündigen, weil die richtigen Knaller so dünn gesäht sind und immer wieder die gleichen Nasen die Hauptbühnen beschallen - und doch hat man am Ende wieder jede Menge interessante, gute und mehr als gute Shows gesehen.
Mehr Jazz in dieser Zeit geht nicht!

In der Nacht von Sonntag auf Montag habe ich also gleich das X-Mas-Ticket (Weihnachten, haha...) geordert. Über zweieinhalb Stunden Kampf und Krampf auf Metaltix.de und mein Haupthaar ist doppelt so grau wie vorher. Das, liebe Kinder, ist Jazz!

In diesem Sinne: Tschüß bis zum nächsten Jahr!


Bandwünsche, die mir gerade einfallen:

Atheist
Autopsy
Ayreon
Cynic
Dream Theater
Godflesh
James LaBrie

Motorpsycho
Psychotic Waltz
Swans
The Winery Dogs
Treponem Pal
Triptykon
Voivod

Müssen ja nicht alle sein, aber ihr wisst ja, welches die sträflich vernachlässigten Acts sind...



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 Hmmm....

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Soll ich?

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Ok, ich kann's mir ja doch nicht verkneifen...

Man merkt, dass sich nach Jahren der Hofierung der Trend in der Mainstream-Presse leicht dreht. Plötzlich spielen sich Hardcore-Szeneorgane wie der Stern oder der Fernsehsender n.tv als Hüter des wahren Wacken-Spirits auf und ziehen über die böse Kommerzialisierung her...

Früher hieß es schließlich stolz "sponsored by nobody".
Soso, ihr seid also Zeitzeugen des tiefsten "früher", welches mindestens 1991 gewesen sein muss. Denn vom Plakat und der Bühne meines ersten Wacken Open Airs 1992 (Headliner Saxon) habe ich noch deutlich ein prominentes Zigarettenmarkenlogo in Erinnerung.
Und den originalen, den echten Wacken-Geist findet man nur noch im Dorf, wenn man mit den begeisterten Bewohnern spricht? - Sorry, aber bis auf die direkt eingebundenen Leute und den örtlichen Supermarkt, der nicht zufällig einem Herrn Jensen gehörte, hat das Festival die Wackener (Gribbohmer, Holstenniendorfer...) doch anfangs gar nicht tangiert. Irgendwann war dann aber auch im Dorf mehr los und spätestens nach dem berühmten ersten Onkelz-Jahr fühlten viele Bewohner sich gestört.
Dann hat man jedoch miteinander geredet und vor allem hat man festgestellt, dass sich ja doch jede Menge Spaß haben und nicht zletzt auch Geld verdienen lässt... Und seitdem ist im Großen und Ganzen Friede, Freude, Full Metal Village.

Der wahre Wacken-Spirit ist für mich dann aber doch eher - so ungern ich es auch zugebe -, dass alle zwei, drei Jahre immer wieder Doro und Saxon spielen. ;)


In Artikeln dieser Art ist auch nach wie vor gerne vom Jägermeister-Kran (wo?) und Wet-T-Shirt-Contests (ja, wo zum Teufel denn?) die Rede. Und natürlich vom "Wrestling-Zelt", in dem komischerweise zu 95 Prozent der Zeit Musik stattfindet.

Nicht dass die Journallie nicht auch ein paar Körner finden würde (Ja, Captain Morgan und die immer gleichen Werbeschleifen nerven!), doch die meisten Sachen lassen sich ziemlich leicht auseinander nehmen.
Aber was soll's? Es geht ja doch in erster Linie darum, die Klischee-Fotostrecken mit Schlammzombies und Feuerwehrkapelle unterzubringen.


Peinlicher als jeden Pressebericht finde ich allerdings manche facebook-Seiten (siehe weiter oben) und Foren, auf denen sich jene, die keine Karte bekommen haben oder einfach schon viel zu metal sind der Lächerlichkeit preisgeben, z.B. in dem sie sich über genrefremde Besucher in weißen Anzügen und pinken Slippern aufregen...


Ich war zufällig live zugegen, als diese Fotosession stattfand, stand ein paar Meter weiter vorne. Das Bild ist also nicht, wie einige super tolerante Idioten, für die man sich als Metalfan nur schämen kann, gephotoshopt. Anders als ihr Hasskappentastaturfresser waren die Leute auf dem Gelände nämlich tatsächlich alle ganz entspannt und haben den Herrn Jan Delay nicht - wie ihr es bestimmt getan hättet - geköpft, gevierteilt und die Reste dann ausgepeitscht.

Anderseits kann ich euren Hass natürlich schon ein klein wenig nachvollziehen. Der Typ ist schließlich durch Beziehungen irgendwie umsonst reingekommen.

Und ihr habt es schon wieder nicht geschafft, vor dem frühen Ausverkauf eurer Ticket zu bekommen.

Viel Glück für 2015!






2013-07-07

tamstephan (redscale / colour edition II)

Nach unserem  im April von beiden Seiten belichteten Holga-Film haben Tamara und ich diese Technik im Mai mit anderen Belichtungswerkzeugen wiederholt.

Film: Lomography Redscale XR 50-200

Format: 6 x 9 cm Mittelformat


1. Belichtung:
Tamara, Redscale-Seite mit Lomography Belair X 6-12 City Slicker

2. Belichtung:
meinereiner, "normale" Seite mit Lomography Belair X 6-12 Jetsetter










2013-07-01

AUTOPSY - The Headless Ritual

Fleißig wie die Made im Kadaver sind sie, die Herren Reifer, Trevisano, Cutler und Coralles. Seid ihrer Wiederauferstehung als Autopsy haben sie nun schon die EP "The Tomb Within", das Album "Macabre Eternal", die Compilation "All Tomorrow's Funerals" und die "Born Undead"-DVD ins leichenwasserdurstige Volk gesplattert.

Und hier kommt der nächste Schlag in die erschrockene Zombiefresse:


AUTOPSY - The Headless Ritual (2013)

Ich glaube, in meinen letzten vier Autopsy-Reviews habe ich meinen kompletten Wortschatz der Themenbereiche Gore, Leichen, Friedhof, Geblubber, Gestank und Liebe ja schon verbraucht - und mich auch schon selbst zitiert. Was soll ich zu "The Headless Ritual" also noch schreiben?

Wieder einmal stimmt einen ein wunderschönes Covergemälde auf den Hörgenuss ein. Und natürlich bleiben die Amis ihrem Sound und ihrem Konzept treu. Alle vorherigen Beschreibungen ihrer Musik behalten somit ihre Gültigkeit. Das kranke Geschleiche ist da, das beinahe chaotisch wirkende Geknüppel, die gurgelnde bis krächzende Stimme von Drummer Chris Reifert (in einem Song übernimmt wieder mal Eric Cutler) und die fantastischen Doppelleads von Cutler/Coralles, dem nach Jeff Hannemans (R.i.P.) Dahinscheiden nunmehr großartigstem Gitarrenduo im extremen Metal. 

All dies packen Autopsy wieder aus dem Sarg - aber:  sie machen es tatsächlich so gut wie selten zuvor!
Als ich "The Headless Ritual" zum ersten Mal gehört habe, war mir schon nach anderthalb Songs klar, dass das Teil noch frischer, brutaler und untoter als "Macabre Eternal" daherkommt und einfach nur schweinegeil ist. Der Sound ist ranzig und direkt, alle Regler stehen auf elf, die Band tritt unglaublich Arsch. Besonders stechen vor allem die zahlreichen, prominenten und teilweise extrem fiesen Leadgitarren heraus.

Auf einzelne Songs möchte ich gar nicht weiter eingehen (siehe auch Anspieltipps), überall stecken liebevolle, mit viel Herzens- und Gedärmwärme eingespielte Details, auch vermeintliche Füller entpuppen sich schnell als großartige Kracher.

Wer auf kranken Death Metal steht, der hat "The Headless Ritual" zu lieben!


Anspieltipps: Kennt ihr die Simpsons-Folge, in der Homer seinen namen in "Max Power" ändert und beim Bestsicken eines Polohemdes darauf besteht, dass sich "Max Power" nicht abkürzen lässt, weil jeder Buchstabe gleich wichtig ist? So geht es mir, wenn ich dieses Album laufen habe und mir überlege, was denn ein idealer Anspielltipp wäre...

In diesem Sinne: Arch Cadaver, Coffin Crawlers, Flesh Turns To Dust, Mangled Far Below, Running From The Goathead, She Is A Funeral, Slaughter At Beast House, The Headless Ritual, Thorns And Ashes, When Hammer Meets Bone

DEAD CAN DANCE - In Concert

Eine Sache war da ja noch, die mich neulich am Konzert von Iron Maiden mächtig gewurmt hat: der Termin.

Am selben Tag spielten nämlich im Stadtpark Dead Can Dance, die ich so leider leider nicht sehen konnte. Als kleines Trostpflaster bleibt mir aber immerhin von einem früheren Konzert der Tour eine hervorragendes Live-Doppelalbum mit dem erfrischend konventionellen Titel "In Concert".


DEAD CAN DANCE - In Concert (2013)

Nachdem Lisa Gerrard und Brendan Perry sich mit ihrem letztjährigen, ihre ganze Laufbahn auf einen Punkt bringenden Comebackalbum "Anastasis" schon in  Bestform zeigten, haben sie ihren Sound mit fünfköpfiger Band sehr breitwandig und klar auf die Bühne gezaubert und auf diesen Tonträger gebannt.

Alle neuen Songs sind vertreten und bilden so etwa die Hälfte des Programms, in dem auch Klassiker wie "Song To The Siren", "Nierika" oder Gerrards Paradestück "The Host Of Seraphim" vertreten sind.
Insgesamt kommen so über anderthalb Stunden eskapistischer Traumklang zusammen, über den meistens abwechselnd, manchmal auch zusammen die sonore Schamenstimme Perrys oder das in katebushen Sphären schwebende Organ Gerrards schweben.

Die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben. Sauber, voll, jede Nuance ist zu erkennen und zu genießen. Allein die Percussions könnten gar nicht besser klingen. Was man von Maiden neulich ja nicht behaupten konnte, grmpf...

"In Concert" ist ein phantastisches Livealbum, das ich auch jedem, der noch nie von Dead Can Dance gehört hat, als Einstieg empfehlen würde. Einzig die Pausen/Ansagen sind manchmal etwas seltsam geschnitten. Aber besser, man kürzt hier, als dass am Ende auf ein Lied verzichtet werden muss.


Anspieltipps: Kiko, The Host Of Seraphim, Amnesia, Ubiquitous Mr. Lovegove

2013-06-23

DEPECHE MAIDEN (live in Hamburg, Juni 2013)

Mensch, was geht so eine Woche schnell rum. Am Montag, dem 17. Juni habe ich erstmals Depeche Mode live gesehen und noch gar nichts dazu geschrieben! Ich war einfach immer abends zu müde oder hatte anderes zu tun, wie z.B. mir am Mittwoch Iron Maiden anzuschauen.

Und weil beide Konzerte ja innerhalb von nur drei Tagen nur einen Steinwurf voneinander entfernt stattfanden - und natürlich weil es prinzipiell bei diesen beiden Gruppen eigentlich verboten hoch zehn ist - lege ich sie in meinem persönlichen Review einfach mal zusammen. ;)


Herzlich Willkommen zum großen Maiden/Mode-Vergleich!

DIE KONTRAHENTEN:

In "Delta Machine"-Rosa Depeche Mode - britische Band, gegründet 1980; Studioalben: 13; verkaufte Tonträger: über 100 Millionen; Stil: Synthie Pop / Synth Rock / New Wave

In "Seventh Son Of A Seventh Son"-Hellblau Iron Maiden - britische Band, gegründet 1975; Studioalben: 15; verkaufte Tonträger: über 90 Millionen; Stil: New Wave of British Heavy Metal

Merke: Die Bezeichnung "neu" ist nicht nur in längerfristig laufender Werbung oder in Straßen- und Ortsteilnamen ("Neue Straße", "Neues Dorf") dämlich, sondern auch in Genrebezeichnungen.
Ansonsten liegen die Bands ziemlich gleichauf. Bei noch genauerer Betrachtung würde einem auch noch auffallen, dass die größten Kultalben beider Gruppen ebenfalls etwa zur gleichen Zeit erschienen sind. Der Battle startet also unter fairen Bedingungen.

TICKETS:

IM: liebloses eventim-Einheitsdesign; mit 70 Ocken ganz schön teuer

DM: tatsächlich mal ein Ticket, auf dem Bandfoto und Logo zu sehen sind; dafür aber auch fast 14 Euro happiger!

Da ich meine Konzertkarten sowieso entsorge, gehe ich nur nach der niedrigeren Zahl hinter "EUR". Klarer Punkt für Maiden!


HAUPTSPONSOR:

DM: ARD

IM: RTL

Zwei Fernsehsender, die mit mit Musikkompetenz etwa so viel zu tun haben wie mit gutem Fernsehen. Naja, solange ich durch deren Geld nicht noch mehr Eintritt zahlen muss, meinetwegen... unentschieden.


LOCATION / PLATZ:

DM:   Imtech Arena, Open Air vor etwa 45.000 Zuschauern. Ich sitze in Block 6A der Osttribüne, Reihe 9, Platz 13, also etwa auf Höhe der Delaytürme. Ohne Bildschirme sind die Musiker kleiner als die Kuppe meines kleinen Fingers.

IM: o2 World, regengeschützt (wofür die Roadies nach dem Konzert sicherlich extrem dankbar waren) vor ca. 12.000 Zuschauern. Stehplatz auf mittlerer Höhe des Innenraums. Ganz nach vorne kommen wir nicht mehr, da der vordere Bereich zum Schutz gegen Überfüllung abgesperrt ist und natürlich niemand seinen durch frühes Erscheinen dort ergatterten Platz wieder hergibt.

Nach Zahlen geht dieser Punkt ganz klar an Depeche Mode.
Ich weiß nicht, ob es nur am Platz lang, aber vom Konzerterleben her waren Iron Maiden doch etwas unmittelbarer, während in der Imtech Arena manchmal eher Eventstimmung herrschte, d.h. statt ständig mitzugehen, reagierte das Publikum eher auf bestimmte Schlüsselereignisse (vor dem zweiten Song ist die Band endlich auf den Bildschirmen zu sehen, die ersten Töne des Klassikers xy werden erkannt...).
In guten Momenten gab es bei  Depeche Mode durch die so viel größere Masse aber wiederum auch mächtigere Gänsehautmomente, von daher bleibt der Punkt bei ihnen.


DURCHSCHNITTSALTER DES PUBLIKUMS:

DM: sehr viele alte Fans, die altes Zeug hören wollen; einige sehr junge Fans = Nachwuchs der alten Fans; von den Teenagern bis Spätzwanzigern klafft aber schon eine Lücke. Als Jahrgang 1977 habe ich das Gefühl, noch klar unter dem Methusalem-Durchschnitt zu liegen.

IM: sehr viele alte Fans, die altes Zeug hören wollen, aber auch reichlich Nachschub. Auch neue Metalfans orientieren sich eben schnell an den Originalen.

Das Publikum von Iron Maiden ist tatsächlich sichtbar jünger, obwohl Depeche Mode ein aktuelles Album im Schlepptau haben, während Maiden die "Maiden England"-Tour von 1988 wiederaufleben lassen (neueste Stücke von 1992). Klarer Punkt für die Eiserne Jungfrau! 


T-SHIRT-PRÄSENZ:

IM: Band-T-Shirts sind ein Metal-Ding und Maiden ist die Metalband. Die Mehrzahl der Fans trägt ein Band-T-Shirt, und die meisten Shirts hat Iron Maiden gestiftet, zumal am Merchandising-Stand auch reichlich neue Hemden über den Tisch gehen.

DM: Nie habe ich mich mit einem Voivod-Shirt einsamer gefühlt. Ich sehe ein einsames Rammstein-Leibchen, ansonsten viele Kleidungsvarianten von Normalo über Schmalzlockengrufti bis zum Engelchenköstum, aber relativ wenige Musikuniformen, und die auch nur von einer einzigen Band...

Objektiv gesehen sind Depeche Mode-T-Shirts vermutlich stilsicherer, aber Eddie ist nunmal Maiden und Maiden sind Metal und Metal sind Bandshirts... also geht dieser Punkt auch ganz sicher an Iron Maiden.



MITBRINGSEL FÜR GEIZHÄLSE:

IM: nüscht

DM: Der Ticketsammler hat schon vorher die schickere Eintrittskarte. Und trinkt er etwas und verzichtet auf Pfand, dann bekommt er auch noch einen "Delta Machine"-Becher.



Punkt für Depeche Mode.



SUPPORT-ACTS:

DM: Vor solch einer Legende aufzutreten ist immer ziemlich undankbar. Auf dem Ticket ist noch nicht einmal ein Support-Act angekündigt. Es kommt dann aber doch ein Elektro-Duo. Name? Weiß ich nicht. Aussehen? Keine Ahnung, auf den Bildschirmen war noch keine Bühnenaction zu sehen. Dadurch, dass die Musik vollelektronisch erzeugt wurde, unterschied es sich eigentlich auch wenig von der Konservenmucke, die vorher über die Anlage lief, und es wirkte eher so, als würde da jemand zu ziemlich simplen, repetiven Elektrosongs Karaoke singen. In den ersten zwei Reihen gingen anscheinend ein paar Fans richtig ab. Beim Rest dürfte wenig bis gar nichts hängengeblieben sein.

IM: Ein eigenes Banner und eigene Bühnendeko machen bei Betreten der Halle unmissverständlich klar, dass Voodoo Six auf der Bühne stehen. Die Briten spielen eine straighte Mischung aus modernem Rock und klassischem Metal und machen damit nichts verkehrt. In anderer Umgebung mag diese Musik wahrscheinlich richtig abräumen, hier wurde sie zwar wohlwollend aufgenommen, aber vor solch einer Legende aufzutreten ist natürlich immer ziemlich undankbar...

Trotzdem ganz klarer Punkt für Voodoo Six.



Nun schauen wir uns aber die Hauptbands des Abends an:

GESANG:

IM: Ich bedaure die Altenpfleger von Bruce Dickinson jetzt schon. Wie soll man einen hyperaktiven Hundertzehnjährigen ins Bett bekommen, der in seinem Rollstuhl ständig mit 200 Sachen den Flur hin und her jagt? Welche Strecke der Mann jetzt mit Mitte fünfzig auf der Bühne abläuft ist schon erstaunlich. Allerdings wäre es durchaus songdienlicher, wenn er mit dem einen oder anderen Spurt ans andere Bühnenende noch bis zur nächsten Instrumentalpassage warten würde. Denn auch wenn seine Stimmleistung im Großen und Ganzen nach wie vor beachtlich ist, bleibt mancher Gesangspart im Dauerlauf doch auf der Strecke.

DM: Auf dem Papier ist Dave Gahan vier Jahre jünger als Bruce Dickinson, doch machen wir uns nichts vor: Wo der Maiden-Sänger abseits der Musik mit sportlicher Aktivität und dem berufsmäßigen  Steuern von Passagierflugzeugen glänzte, hat der vor seiner Musikkarriere als Kleinkrimineller tätige Depeche Mode-Frontmann mit exzessivem Konsum harter Drogen und einem Selbstmordversuch andere Schwerpunkte gesetzt. Angesichts dessen wirkt der Mann erstaunlich fit, doch das Pensum von Dickinson würde er wohl kaum durchhalten. Seine Actionszenen sind von daher noch genauer geplant und seine Bühnenpausen deutlich länger.

Die Entscheidung ist denkbar knapp. Man könnte meinen, Bruce hat als ewig fitter Stimmungsanheizer alle Trümpfe auf seiner Seite. Dennoch gebe ich diesen Punkt an Depeche Mode, weil Dave Gahan einfach mehr Rücksicht auf seine gesangliche Darbietung nimmt.


BACKGROUND-GESANG:

IM: Ab und zu gibt's im Refrain ein bisschen zusätzliches Shouting. Würde auch nicht fehlen, wenn's nicht da wäre, denn das Publikum kennt den Text ja auch.

DM: Martin Gores Harmoniestimme gehört zu den unverkennbaren Markenzeichen der Band. Für einige Titel übernimmt er zudem den Leadgesang, während Gahan sich hinter der Bühne im Sauerstoffzelt wieder aufpumpen lässt. Dass er dabei immer noch so lampenfiebrig nervös wirkt wie  ein kleiner Junge, der bei Michael Schanze im Fernsehen ein Gedicht aufsagen darf, das beschert ihm nur zusätzlichen Sympathien.

Punkt für Depeche Mode.


GITARRE:

DM: Für mich ist Martin Gore ja einer der genialsten Gitarristen überhaupt. Der Kerl hängt sich für jeden Song, in dem er in die Saiten greift, ein anderes Designerteil um, als wäre er spielerisch ein Hecht mindestens der Marke Prince, sieht dann aber aus, als sei ihm das Ding nur versehentlich um den Hals gefallen. Von der Ausstrahlung her also das absolute Gegenteil eines Rockstars. Man könnte eher meinen, da erinnert sich ein Neuling auf dem Instrument gerade mühsam an die ersten paar Griffe, die er gelernt hat.
In Wahrheit ist in seinem Spiel aber jeder Ton gleich wichtig, es ist absolut auf das Wesentliche reduziert und gerade dadurch so effektiv.


IM: Ein großartiger Dave Murray, ein überragender Leadgitarrist Adrian Smith und der als zweitgrößtes Aktionszentrum auf der Bühne sämtliche Posingklischees abspulende Jannick Gers. Da weiß man live natürlich nicht immer, was gerade von wem kommt, aber was soll's? Ein so von Gitarrenharmonien mitgeprägter Metal mit satten drei Klampfen - das ist ein Brett!

Punkt für Iron Maiden, alles andere wäre Blasphemie.


BASS:

DM: Depeche Mode haben einen Bass. Der wird bei "A Pain That I'm Used To" gespielt. Ansonsten werden alle tiefen Töne digital erzeugt.

IM: Bei Iron Maiden dreht sich kompositorisch alles um das herausragende Bassspiel von Steve Harris, dem Mastermind hinter der Band, dem wohl bedeutendstem Bassisten im Heavy Metal überhaupt.

Keine Diskussion, Punkt für Iron Maiden.



KEYBOARD:

IM: Iron Maiden haben einen Keyboarder. Der wird - wie bei Queen in den Achtzigern - hinter der Bühne versteckt, weil Synthesizer kein Rock'n'Roll sind. Nur beim überragenden Epos und Herzstück des Abends "Seventh Son Of A Seventh" wird sein Bühnenteil mal nach oben gepumpt, wo er hinter Orgelpfeifendeko versteckt in die Menge hineinbösen darf.

DM: Bei Depeche Mode dreht sich kompositorisch alles um die Synthesizer, die ureigende Kernkompentenz der Gruppe. Die Stationen von Andrew Fletcher und Livemusiker Peter Gordeno sind fast ständig besetzt, dazu greift auch Martin Gore ab und zu in die Tasten.

Natürlich punkten hier Depeche Mode.


SCHLAGZEUG:

DM: Die Tatsache, dass die Elektropioniere überhaupt einen leibhaftigen Drummer zwischen sich auf der Bühne sitzen haben, ist ja schon aller Ehren wert. Noch dazu ist Christian Eigner wahrhaftig ein Tier hinter den Trommeln und aus dem Livesound gar nicht mehr wegzudenken. Treibend und auf allerhöchstem Niveau virtuos bekommt er während der Show auch viele Spots, in denen er strahlen darf. Beeindruckend.

IM: Der Drummer, den ohne Kameras noch niemand gesehen hätte, so hoch hängen seine Toms. Zusammen mit Steve Harris ist Nicko McBrain Teil einer legendären und einzigartigen Rhythmussektion. Und ebenso wie der Bassist ein absolut stilprägender Musiker.

Die Wahl fällt mir hier am schwersten. Aber käme heute nacht eine Fee zu mir und ich könnte mir aussuchen, mit wessen Fähigkeiten ich morgen früh aufwache, dann würde ich - allen Spezialfähigkeiten des Maiden-Drummers zum trotz - nach langem Zögern wohl doch den Eigner wählen. Ganz knapper Punkt für Depeche Mode.


OPTIK (Personal):

Tendentiell würde ich ja sagen, dass bis auf ein paar Ausnahmen beide Bühnen von hässlichen alten Säcken bevölkert wurden, aber wenn ich den (bei Depeche Mode ungleich größeren) weiblichen Teil des Publikums zu Rate ziehe, in die Gesichter einiger Maiden-Gitarristen schaue und bedenke, dass deren Drummer sogar durch ein riesiges Kit versteckt wird, dann muss sich der Metalfan in mir wohl keine Illusionen machen.

Punkt für Depeche Mode. Zum Glück ist Metalfans das egal.



OPTIK (Bühne):

IM: Vielleicht sind Iron Maiden das größte reisende Kasperletheater der Welt. Die Bühne besteht aus drei Teilen: Vorne agieren die fünf Musiker, eine Ebene höher, den Rest der Bühne in einem Bogen umspannend, agiert Zirkusdirektor Bruce Dickinson, dahinter prägen wechselnde Vorhänge, auf denen sich das Maskottchen Eddie in unterschiedlichsten Variationen die Ehre gibt, das Bühnenbild. Dies alles ist in stehts hochprofessionelles, stimmungsvolles Licht getaucht.
Das Ganze wird gekrönt zum einen mit dem sporadischen Einsatz von Pyrotechnik, zum anderen wie gesagt mit Kasperletheater. Diverse übergroße Eddie-Figuren und der leibhaftige Gehörnte bevölkern die Bühne und sorgen für Belustigung, aber angesichts ihrer Infantilität auch für einen leichten Hauch Fremdscham, da die Band dieses Zeug ja bereits in den Achtzigern eigentlich nicht nötig hatte.
Nur als gegen Ende des Sets, ich glaube es war bei "The Clairvoyant" der riesenhafte Eddie vom "Seventh Son"-Cover seinen tanzenden Mini-Me-Fötus in der Hand hielt, da war genau das richtige Gleichgewicht zwischen eigentlich peinlich, aber anderseits total cool und lustig erreicht.


DM: Auch das Drumherum bei Depeche Mode ist nicht frei von kindischen Momenten, so etwa wenn bei "Goodbye" in einer von Anton Corbijn inszenierten Videosequenz die drei Kernmitglieder der Band den ganzen Song lang Hüte ausprobieren oder wenn "Precious" von einer offensichtlich internetinspirierten Slideshow süßer Hunde begleitet wird. Insgesamt ist das auf den ersten Blick einfache Bühnenbild jedoch erwachsener. Der variable Einsatz der Bildschirmflächen auf und neben der Bühne hat seinen Anteil daran, dass die gesamte Präsentation der Band sich bei jedem Song vollkommen wandelt. Das lässt sich vielleicht weniger gut beschreiben und ist weniger fröhlich-infantil, als bei Iron Maiden, aber letztendlich ist es einfach stimmungsvoller und bedeutet unterm Strich:

Punkt für Depeche Mode.


SOUND:

DM: Am Anfang stimmte die Abstimmung von vorder PA und Delay-Towern vielleicht noch nicht ganz. Zumindest kam es beim ersten Mitklatsch-Teil auf Höhe von Block 6a zu Problemen. Dies fing sich jedoch schnell und ich kann mich nicht weiter beklagen, obwohl es sicherlich akustisch bessere Plätze in der Arena gegeben hat.

IM: Das Schlagzeug von den Gitarren untergebuttert, der Gesang mit viel zu viel Hall, die Bruce Dickinsons Ansagen zum Teil sehr schwer verständlich machten. Nein, der Sound war nicht wirklich gut und wurde es trotz allmählicher Besserung auch zum Ende hin nicht. Sehr schade, für das Geld kann man wirklich mehr verlangen.

Minuspunkt für den Mischer von Iron Maiden.


SET:

Alle erfolgreichen Bands, die ein oder mehrere Jahrzehnt auf dem Buckel haben, stehen irgendwann vor dem Problem, dass ihre Fans irgendwann stur in der Vergangenheit verharren und es eigentlich müßig wird, noch neue Alben zu veröffentlichen und neue Lieder live zu spielen, weil das Publikum ja doch nur die alten Klassiker, mit denen es Erinnerungen an seine eigene Jugend verbindet, hören möchte. Mit dieser Problematik gehen Depeche Mode und Iron Maiden sehr unterschiedlich um.

DM: Depeche Mode wählen den klassischen Weg und spielen zu etwas einem Drittel aktuelle Songs, während der Rest des Sets mit absoluten Pflichtliedern und ein paar Überraschungen aus dem Backkatalog bestritten wird. Im Grunde eine gesunde Mischung, auch wenn es bei aktuellen Songs immer zu einem kleinen Stimmungsabfall kommen muss. Das Problem mit vielen Tracks von "Delta Machine" ist nur, dass ihnen bei aller Qualität einfach ein intimerer Rahmen als ein Stadion entgegenkommen würde. Bestes Beispiel dafür ist wohl "Secret To The End", dessen anspruchsvolle Rhythmik fast das gesamte Stadion (absichtlich unterstelle ich) bis kurz vor Schluss überfordert hat. Auf diese Art Spannung zu erzeugen, klappt in kleinerem Umfeld sicher besser.
Ansonsten haben Depeche Mode aber eigentlich nichts verkehrt gemacht. Dass "Behind The Wheel" nicht gespielt wurde, fand auch ich schade. Dafür gab es aber den antiken (und in seiner Originalversion wirklich fürchterlichen) Hit "Just Can't Get Enough" zu hören. Und "Barrel Of A Gun" hat mich auch positiv überrascht. Leute, die am nächsten Morgen in Radiointerviews über die zu vielen neuen Stücke jammern, wird es immer geben. Auf der übernächsten Tour freuen gerade die sich aber auch, wenn "Heaven" oder "Should be Higher" wieder ausgepackt werden.


IM: Auf den Alben seit "Brave New World" haben Iron Maiden einige der großartigsten Stücke ihrer Karriere verewigt. Und sie erwecken nicht den Anschein, in dieser Hinsicht bald nachlassen zu wollen. Trotzdem haben sich Iron Maiden quasi in zwei Inkarnationen ihrer selbst aufgespalten. Die neuen Maiden stellen auf Tour ausführlich ihr gerade aktuelles Album vor. Die klassischen Maiden jedoch lassen eine Tour später eine Liveshow aus der "guten alten Zeit" (mit ein paar leichten Modifikationen) wiederaufleben. Man weiß also absolut, was man bekommt. Und auch ich musste einfach zu diesem Konzert, weil "Seventh Son Of A Seventh Son" nunmal mein absolutes auf alle Zeiten ewiges Lieblingsalbum der Band ist. Und wow, was wurde ich bedient! Meinetwegen hätte sie aber konsequenterweise wirklich alle (statt fünf von acht) Stücken dieses Klassikers spielen können. Trotzdem: Die Setlist war ein schöner nostalgischer Traum.

Den Umgang mit den ewigen Nörglern, die früher alles besser fanden, haben Iron Maiden also eindeutig besser drauf. Dennoch war ich persönlich mit der Setlist von Depeche Mode ebenfalls ziemlich zufrieden.
Was allerdings bei ihnen noch mehr nervt als bei Maiden ist ihre Gefangenheit in Ritualen, die irgendwann etabliert wurden und nun jedes Mal wieder durchexzerziert werden müssen: Arme schwenken bei "Never Let Me Down Again", Weitersingen der Melodien in Martin Gores Balladen, an dieser Stelle dreht Dave sich um die eigene Achse, die Damen kreischen, dort zieht er das Hemd aus, die Damen kreischen lauter... Das ist manchmal ein bisschen so, wie wenn bei Mario Barth die "Pointe" bejubelt wird. Alle wissen, was kommt, eigentlich ist der Witz schon lange raus, aber durch die schiere Masse derer, die das Spiel mitspielen, wirkt die Selbstbespaßung dann doch irgendwie.
Das klingt nun härter als es ist, dennoch gebe ich den Punkt schon für die Konsequenz ihres Tuns an Iron Maiden.


So, kann ich noch eine Kategorie aus dem Hut zaubern?
Wenn ich nochmal drüber schlafe sicherlich... aber irgendwann muss das hier ja auch mal fertig werden.


Also, Auswertung:

Mischer von Iron Maiden: minus 1 Punkt
Voodoo Six: 1 Punkt
Iron Maiden: 6 Punkte
Depeche Mode: 7 Punkte
 
Tja, ein knapper Sieg. Oder hätte ich mir noch ein paar Kategorien mit Maiden-Vorteil ausdenken sollen, um den mächtigen Metal gewinnen zu lassen?

Glückwunsch an Depeche Mode!


FAZIT:

Zwei sehr geile Konzerte, die jedes für sich ein tolles Erlebnis waren...

... und die miteinander zu vergleichen schon aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Musik absoluter Schwachsinn wäre. 



SETS:


DEPECHE MODE:
  • Welcome To My World
  • Angel
  • Walking in My Shoes
  • Precious
  • Black Celebration
  • Policy Of Truth
  • Should Be Higher
  • Barrel Of A Gun
  • Higher Love
  • But Not Tonight
  • Heaven
  • Soothe My Soul
  • A Pain That I'm Used To
  • A Question Of Time
  • Secret To The End
  • Enjoy The Silence
  • Personal Jesus
  • Goodbye
  • Home
  • Halo
  • Just Can't Get Enough
  • I Feel You
  • Never Let Me Down Again

IRON MAIDEN:
  •  Moonchild
  • Can I Play With Madness
  • The Prisoner
  • 2 Minutes To Midnight
  • Afraid To Shoot Strangers
  • The Trooper
  • The Number Of The Beast
  • Phantom Of The Opera
  • Run To The Hills
  • Wasted Years
  • Seventh Son Of A Seventh Son
  • The Clairvoyant
  • Fear Of The Dark
  • Iron Maiden
  • Aces High
  • The Evil That Men Do
  • Running Free



 

2013-06-17

ANVIL - Hope In Hell

"Stabreim zu Stabreim" im Titel? Check!

 Albernes Klischee-Metal-Coverartwork mit Amboss? Check!

Infantile Schülerbandtexte? Check!

Breitmaulig grimassierender Frontmann und Drummer mit angewachsener Gehirnkappe? Check!

 --> ein neues Album von Anvil ist da!


 ANVIL - Hope in Hell (2013)


Wenn die schon knapp vor der Entdeckung des Feuers dagewesen Kanadier um Frontspinner Steve "Lips" Kudlow ein neues Album herausbringen ("Hope in Hell" ist ihr fünfzehntes Werk), dann ist mit einer Sache nicht zu rechnen, nämlich der Neuerfindung des Rades Ambosses.

Stattdessen wird die Zeitmaschine auf Anfang der Achtzigger gestellt und purer Heavy Metal ohne Schnörkel und Sperenzchen abgeliefert.

Die Stärken liegen dabei wie immer in der absolut souveränen musikalischen Permormance, die von Robb Reiners legendären Powerdrumming getragen und von Lips' aus vollem Herzen schreddernder Leadgitarre veredelt wird.

Die Schwäche liegt vor allem in den Texten, die man in Ermangelung einer geeigneten deutschen Vokabel nur als cringeworthy bezeichnen kann. Allerdings ist dies hier ja keine feinsinnige Prog-Veranstaltung, also muss man wohl einfach drüber hinweghören. Es ist ja nicht so, dass z.B. AC/DC uns jemals philosopisch stimuliert hätten. Und wenn es in "BadAss Rock'n'Roll" selbstreferentiell heißt "Bang your head / til you're dead / what Metal on Metal said" oder wenn in "Flying" tatsächlich nur diverse Flugrouten rund um die Welt aufgezählt werden, dann ist es auch schon wieder lustig.

Der Umgang mit Klischees ist eines der wesentlichen Merkmale, die für mich entscheiden, ob ich eine Band mag oder nicht. Die besten Herangehensweisen sind, Klischees ganz zu vermeiden, geschickt mit ihnen zu spielen oder sie gezielt zu kultivieren.
Anvil leben ihre Klischees. Die sind wirklich so! Und deswegen funktioniert diese Band. What you see ist what you get. Ehrlich währt am längsten. Totgesagte leben länger. Hach, da freut sich das Phrasenschwein!

Aber abgesehen davon, dass Anvil es grundsätzlich einfach draufhaben, muss man doch festhalten, dass das Niveau von "Juggernaut of Justice" leider in keiner Minute erreicht wird. Den Anspruch dieses Albums kann man ganz klar nach Motörhead-Manier verorten: "We are Anvil and we are rock'n'roll!"
Das sind sie auch und selbst das "Smoke On The Water"-Gedächtnisriff in "Through With You" ändert nichts daran, dass "Hope In Hell" frischer wirkt als das bekannterweise unter schwierigen Bedingungen entstandene "This Is Thirteen".

Doch im Vergleich zum direkten Vorgänger, der auch ein paar erfolgreiche Experimente wagte, fehlt einfach etwas. Und ich bin wohl nicht der einzige, der vermutet, dass "etwas" der letztes Jahr im Unfriedenen gegangene Bassist Glenn „Five“ Gyorffy sein könnte, der der Band songwritingtechnisch sicherlich mehr Feuer unterm Hintern gemacht hat, als es sein Nachfolger Sal Italiano kann, von dem ich hier noch keine nennenswerten Impulse heraushöre.

So bleibt für Album Nummer 16 ("Artwork mit Amboss"), durchaus wieder Luft nach oben.

Live hingegen (bald ist ja wieder Wacken!) mache ich mir keine Sorgen, denn die Bühne ist für Anvil ohnehin wichtiger als das gerade aktuelle Studioalbum.

Anspieltipps: Call Of Duty, Pay the Toll, Shut The Fuck Up, Mankind Machine



2013-06-16

DEPECHE MODE - Delta Machine

So, nun da morgen ja ein langerwartetes, intimes Konzertchen (zum kleinen Preis *hüstel*) ansteht, wird es doch mal Zeit, hier nach längerer Pause mal wieder den Tonträgerrezensionsmodus einzuschalten.

Ein neues Depeche Mode-Album einzuordnen oder zu beschreiben finde ich immer schwierig, es sei denn, man begnügt sich mit "Depeche Mode eben".

Im Grunde hat man ein Album so ja schon zu achtzig Prozent erfasst. Denn der ureigene Sound besteht ja spätestens seit "Music For the Masses" aus denselben Zutaten, die nur jeweils in verschiedenen Anteilen gemixt werden: eine Basis aus düsterem Elektropop, die genial aufs wesentliche reduzierte Gitarre Martin Gores, hier ein bisschen Soul und Gospel, dort etwas Stadionappeal... dazu die markante tiefe Stimme Dave Gahans und dahinter das hohe Vibrato von Gore, der auch stets einen Leadtrack bekommt - es muss schließlich Material da sein, um Gahan live eine Verschnaufpause zu gönnen.

Mal fällt es experimenteller, mal zugänglicher, mal analoger, mal digitaler, mal introvertierter, mal mehr nach außen gekehrt aus. Aber im großen und Ganzen steht der Sound. Dass seit einiger Zeit nicht nur Gore und Andrew Fletcher fürs Songwriting zuständig sind und sich auch Dave Gahan mehr einbringt, ist für mich eine Randnotiz, da er sich ja auch stets klar im großzügig abgesteckten Klangkosmos von Depeche Mode bewegt.

Am Ende bleiben von fast jedem Album mit der Zeit ein paar Füller, viel Gutes und ein paar Klassiker für die Ewigkeit. Das wird beim diesjährigen Werk nicht anders sein. Allein welche Songs langfristig welcher Kategorie zuzuordnen sind, das muss die Zukunft erst zeigen.

Aber schauen wir uns das Ding doch erstmal an...



DEPECHE MODE - Delta Machine (Deluxe Edition) (2013)

Die Deluxe-Edition kommt als edel gestaltetes media book, auf welchem sich selbst das eigentlich doch ziemliche maue Plattencover gut macht. Die zahlreichen wie immer von Anton Corbijn geschossenen Bandfotos zeugen nicht nur davon, dass Depeche Mode zu ihren grauer werdenden Haaren stehen, sondern dass Martin Gore in seiner Freizeit offenbar Stinktiere schießt und zu hässlichen Mützen verarbeitet.

Abgesehen von der Verpackung ist "Deluxe" aber eigentlich etwas übertrieben, da sich auf der zusätzlichen Discs lediglich vier weitere Songs befinden, welche zwar zu den Highlights des Albums gehören, von der Spielzeit her jedoch auch noch locker auf die erste CD mit draufgepasst hätten. Man bekommt also nur extra, was einem auf der "Sparversion" des Albums durch künstliche Verknappung vorenthalten wird. Da hat man von den Engländern schon großzügigeres gesehen (Stichwort Surroundsound).

Zur Bedeutung des Titels gibt es sicherlich zahlreiche Theorien. Eine der einfacheren besagt, dass er einfach den Bogen spannt zwischen den beiden Polen des Albums, von kalter Elektronik ("Machine") zum warmen Blues, für den "Delta" synonym steht. Oder in Songs ausgedrückt: von "Slow" und "Angel" zu "Soft Touch/Raw Nerve".



Tatsächlich bietet "Delta Machine" Depeche Mode in ihrer gesamten stilistischen Breite, verteilt auf 13 bzw. 17 Tracks. Klar, wer immer noch den Achtziger Jahren und Alan Wilder hinterher trauert, der wird auch jetzt nicht glücklich werden.
Wen es nicht stört, dass die Hitdichte nach "Ultra" nachgelassen hat und man sich in die Alben der 2000er-Jahre eventuell etwas länger hineinhören muss, für den bietet das neue Werk wieder jede Menge Schätze.

Die Basis besteht dabei meistens aus tiefen Brumm- und Waberklängen auf elektronischen Beats. Auf dieser baut sich eine je nach Song  minimalistische bis breitwandige - und erfreulich dynamisch produzierte - Klangvielfalt auf. Stimmlich wird auch stets der richtige Ton getroffen, wobei besonders der für Gahan-Verhältnisse auffallend hohe Gesang von "Should Be Higher" (logisch...) heraussticht.

Vielleicht ist Martin Gores "The Child Inside" zu theatralisch, vielleicht "My Little Universe" zu kauzig experimentell geraten. Vielleicht ist "Soft Touch/Raw Nerve" eine Ecke zu stumpf. Vielleicht auch nicht, ich kann mich nicht entscheiden.
Und wenn es doch so ist, macht es die Tatsache doch noch witziger, dass eine Band, die solche nicht gerade radiooptimierten Stücke schreibt, einen so enormen kommerziellen Erfolg hat. Überhaupt erscheint mir die Popularität von Depeche Mode ja manchmal wie ein erfrischendes Missverständnis.

Ich freue mich jedoch schon sehr darauf, morgen live an diesem Irrtum teilzuhaben. Und nichts steigert die Vorfreude darauf mehr, als "Delta Machine" in Heavy Rotation!


Anspieltipps: Always, Goodbye, Welcome To My World, Secret To The End, Heaven, Should Be Higher, Long Time Lie