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2020-09-18

MOTORPSYCHO - The All Is One

Ach komm, fuck you, Motorpsycho!

Was soll man zur hardest working band Norwegens noch groß sagen? Es läuft doch bei jedem Review auf dieselbe Scheiße hinaus: Ungläubiges Staunen, wie man mit solcher Regelmäßigkeit so verlässlich ein sensationelles Hammeralbum nach dem nächsten raushauen kann, ein paar Sätze darüber, was ähnlich wie bei den vorigen Alben ist und was neu, vielleicht ein verzweifelter Versuch, mir negative Kritikpunkte aus den Fingern zu sauen, dann aber doch eine dringende Kaufempfehlung und am Ende landet das Ding dann irgendwo oben in der album of the year-Liste.

Sorry [und Spoileralarm!], was anderes habe ich diesmal auch nicht zu bieten. Bedankt euch bei den unverschämt fleißigen und kreativen drei Typen aus Trondheim!



MOTORPSYCHO - The All Is One (2LP) (2020)


"The All Is One" versteht die Band als Abschluss ihrer inoffiziell so betitelten "Gullvåg-Trilogie", benannt nach dem Maler Håkon Gullvåg, der für die Albumcover seit dem Einstieg von Zu-Drummer Tomas Järmyr verantwortlich ist.

Waren Järmyrmotorpsychotisches Debüt "The Tower" ein Doppelalbum und "The Crucible" eine "normale", allerdings aus drei epochalen Longtracks bestehende Einzel-LP gewesen, so liegt "The All Is One" nun irgendwo dazwischen, da es sich hier im Grunde um zwei verschiedene Alben in einem handelt.

Doch bevor man dies erfährt, muss man natürlich die Schallplatten aus der "Hülle" bekommen, die wie schon bei den Vorgängern eigentlich kein richtiger, geschlossener Umschlag ist, sondern ein aufklappbares Poster. Diesmal zeigt es allerdings nicht das Covermotiv in extra groß, sondern bildet ein Kreuz aus gleich fünf Gemälden. Das sieht auch sehr sehr gut aus...

...ist allerdings schon durchaus ziemlich unhandlich.



Das herkömmlichere der beiden Alben im Album verteilt sich auf die Seiten A und D und wurde gemeinsam mit dem Fans bereits als eines der wechselnden Livemitglieder von Motorpsycho und von "Still Life With Eggplant" (2013) und "Behind The Sun" (2014) bekannten Reine Fiske eingespielt.
Die Songs hier schließen nahtlos an die Vorgängerwerke an, es ist also wieder ein locker aus den letzten sechzig Jahren Rockmusik schöpfender Rundumschlag. Wobei "Schlag" vielleicht das falsche Wort ist. Denn auch wenn es dem Monsterbass von Bent Sæther sei Dank kaum eine andere Band gibt, bei dem schon die "ganz normalen" Rockriffs auf derart mächtige Art walzen, sind sanftere Zwischenspiele und balladeske Töne in diesen acht Tracks ziemlich gut vertreten.

Unterm Strich ist aber alles zu finden, was die Band in diesem Jahrtausend ausmacht. Mit nur zwei neunminütigen Longtracks wurde der kingcrimsoneske Prog-Anteil zugunsten von leichter verdaulichen, eingängigen Häppchen zurückgefahren. Nach zwei, dreimaligem Hören ist man schon überrascht, wie viele Ohrwürmer sich festgesetzt haben. Auch lyrisch wissen Motorpscho mit Texten, die sich mit dem radikalisierten, immer weiter ins Postfaktische abdriftenden Zeitgeist auseinander setzen, zu überzeugen.

Mitten in dieses für sich schon gewohnt unverschämt gute Album, dessen erste drei Stücke (Titeltrack, "The Same Old Rock" und "The Magpie") alleine schon neunundneunzig Prozent dessen, was sich irgendwie Rock nennt, pulverisieren, pflanzen die Norweger auf die Seiten B und C aber noch den fünfteiligen Epochalbrocken "N.O.X.", auf dem sie den experimentellen Modus auf Anschlag stellen, dabei jedoch maximal treibend und mitreißend bleiben.

"Laufen hier Magma?" frug mich mein Bruder neulich während Teil IV ("Night Of Pan"), und diese Frage war bei Motorpsycho wohl noch nie so berechtigt wie hier, könnte man diesen hypnotischen Part doch tatsächlich für reinen Zeuhl, für eine rockigere Interpretation von Magmas "Zëss" halten.

Statt von Fiske wurde das Kern-Trio Ryan/Sæther/Järmyr hier durch Lars Horntveth (Jaga Jazzist) und den Jazzgeiger Ola Kvernberg (auch schon 2012 auf "The Death Defying Unicorn" dabei) unterstützt.

Dass die Avantgarde, das Verfremdete (sehr exzessive Gesangseffekte), das Abstrakte in "N.O.X." groß geschrieben werden, kommt wohl nicht von ungefähr, wurde eine frühere Version dieser Suite doch als Soundtrack zu einem Ballett im Rahmen einer Gullvåg-Ausstellung dargeboten und ist auch direkt von Werken des Malers inspiriert. Inhaltlich insgesamt schwer zu greifen, bringt es in seinem Finale "Cities Around The Sound, Pt. 2" auf jeden Fall "The Tower", "The Crucible" und "The All Is One" konzeptionell ganz on the nose zusammen. Der Kreis - auch im Titel "Ourobouros (Strange Loop)" präsent - schließt sich auf perfekte Weise.

Genau wie die andere, es umschließende Albumhälfte sind die vierzig Minuten von "N.O.X." den Kauf schon wert. Was Motorpsycho anfassen, wird scheinbar immer zu Gold. Und mit fortschreitendem Alter scheinen die Herren nur immer noch kreativer und besser zu werden.

Kein Zweifel: Ihren Status als eine der verlässlich großartigsten Bands der Gegenwart haben Motorpsycho einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt.




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